Zwischen Mys ik und Soziologie
Ibn A abi im Dialog mi de Gegenwa
Engin Ka ahan
2025-10-30
De o liegende Bei ag un e nimm , in Replik au einen Au sa z on Selman Dilek, einen
B ückenschlag zwischen de akba i ischen Mys ik Ibn A abis und dem mode nen, k i isch-
ealis ischen soziologischen Denken. E iden i izie zunächs s uk u elle Pa allelen (B ücken),
wie das Ve s ändnis eine geschich e en, nu e mi el zugänglichen Reali ä (K i ische Rea-
lismus), die dialek ische Übe windung on Dicho omien (z.B. S uk u und Handlung) und
die Be onung on His o izi ä und P axis. Anschließend we den undamen ale Di e enzen
(G äben) he ausgea bei e , die die on ologische P ämisse (objek i e Idealismus s. eme -
gen e Ma e ialismus), die Geschich sau assung (Teleologie s. Kon ingenz) und den S a us
de Imagina ion (on ologische Ebene s. neu o-kogni i e Fähigkei ) be e en. De A ikel
schließ mi eine p agma ischen Analyse und wa n , dass Ibn A abis Denken zwa eine s a ke
Ressou ce ü in ellek uelle Bescheidenhei und Tole anz sei, jedoch die Ge ah des poli ischen
Quie ismus be ge, da es s ä ke au die Ve ollkommnung des Selbs als au die Ve besse ung
de Gesellscha ausge ich e is .
Inhal s e zeichnis
1 Einlei ung 1
2 Die B ücken: Wo sich Mys ik und k i ische Soziologie e en 2
3 Die G äben: On ologie, Teleologie und die F age nach de Wi klichkei 3
4 Die p agma ische Wende: Was bewi k eine Theologie in de Wel ? 4
5 Fazi : Ein no wendige Dialog 5
1 Einlei ung
In einem in Kü ze e scheinenden Bei ag lie e Selman Dilek einen aszinie enden und ie g ündigen
Einblick in das Denken des g oßen Su i-Meis e s Muhyī d-Dīn Ibn ʿA abī (1165 - 1240 n. Ch .). De
A ikel mi dem Ti el „Geschich s heologische Beg ündung eligiöse Viel al aus de Pe spek i e de
islamischen Mys ik“¹, de dankenswe e weise o ab zu Ve ügung ges ell wu de, leis e eine we olle
1
2
Übe se zungsa bei : E mach die komplexe, in einem ie eligiösen Kon ex en s andene Theologie Ibn
A abis ü ein mode nes, säkula gep äg es deu schsp achiges Publikum zugänglich und disku ie ba .
Die Lek ü e is nich nu eine in ellek uelle Be eiche ung, sonde n auch ein Ans oß, un e schiedliche
wel anschauliche Posi ionen zu schä en.
Was bei de Lek ü e so o au äll , sind e s aunliche s uk u elle Ähnlichkei en zwischen dem Denkgebäu-
de Ibn A abis und mode nen philosophisch-soziologischen Modellen. Gleichzei ig e en undamen ale
Un e schiede zu age, die einen Dialog zwischen diesen Wel sich en umso spannende machen. De o -
liegende Bei ag un e nimm den Ve such eine solchen Auseinande se zung - eine Replik, die B ücken
zwischen de akba i ischen Mys ik und einem k i isch- ealis ischen, soziologischen Denken schläg , abe
auch die G äben nich e schweig , die zwischen ihnen liegen.
2 Die B ücken: Wo sich Mys ik und k i ische Soziologie e en
Au den e s en Blick mögen die Wel en de islamischen Mys ik des 13. Jah hunde s und de mode nen
Soziologie un e einba scheinen. Doch bei genaue e Be ach ung o enba en sich mindes ens d ei zen ale
Be üh ungspunk e, die zeigen, wie hie ähnliche G undp obleme de menschlichen Exis enz e handel
we den.
1.
Die geschich e e Reali ä und de k i ische Realismus: Dilek üh aus, dass in Ibn A abis Leh e
die gö liche Essenz (ḏā ) als solche „nie olls ändig assba “ is . De Mensch ha es imme nu mi
ih en Mani es a ionen ( ağallī) zu un. Dies is eine e blü ende heologische Pa allele zu Posi ionen
des k i ischen Realismus, die on eine on ologisch unabhängigen Reali ä ausgehen, welche ü
den Menschen jedoch s e s nu e mi el zugänglich is . Unse Wissen übe die Reali ä is demnach
imme eine Kons uk ion, die du ch biologische, soziale und sp achliche We kzeuge ge o m wi d.
Sowohl Ibn A abi als auch de k i ische Realismus en gehen so dem nai en Realismus (de glaub ,
die Wel „so zu sehen, wie sie is “) und dem adikalen Kons uk i ismus (de die Exis enz eine
unabhängigen Reali ä leugne ).
2.
Die Übe windung de Dicho omien: Die akba i ische Mys ik lös s a e Gegensä ze wie Ein-
hei /Vielhei ode T anszendenz/Analogie dialek isch au . Besonde s au schluss eich is die Be-
sch eibung, wie die uni e selle „S uk u “ de gö lichen Namen e s du ch die konk e e „Handlung“
de P ophe en in ih em spezi ischen his o ischen Kon ex wi ksam wi d. Dies e inne s a k an den
soziologischen Ve such, die Dicho omie on S uk u und Handlung zu übe winden. So wie bei
Bou dieu de Habi us - als e kö pe e, im neu onalen Sys em e anke e Geschich e - au ein
soziales Feld i und P axis e zeug , so wi d bei Ibn A abi die gö liche O dnung e s du ch die
P axis de P ophe en und ih e Gemeinscha en zu geleb en Reali ä . Diese Pe spek i e bie e einen
heologischen Rahmen, um eine s a e, ahis o ische Scha ia-Vo s ellung zu übe winden. Die Scha -
ung eine neuen, den lebenswel lichen He aus o de ungen angepass en P axis könn e so manchem,
de Mode ne gegenübe skep ischen, gläubigen Muslim dann nich meh als de izi ä e scheinen,
sonde n als au hen ische Me hode de Umse zung des gö lichen Willens in genuin menschliches
Handeln.
3.
His o izi ä und die Rolle de P axis: Dilek be on , dass die Scha ia bei IbnA abi eine „dynamische
En wicklung“ du chläu und die Weishei de P ophe en on den „Möglichkei en ih e Völke
gep äg “ is . Dies is ein in e essan es Plädoye gegen einen s a en, ahis o ischen Dogma ismus.
Besonde s dieAnalyse onAb ahams T aum mach dies deu lich: Die eine, inne e Eingebung (ḫayāl)
muss du ch In e p e a ion und e nun gelei e e Deu ung in die äuße e P axis übe se z we den. Ohne
DOI: 10.5281/zenodo.17538274
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diesen Sch i bleib sie un olls ändig ode üh ga in die I e. Hie zeig sich ein P ima de P axis,
de die Religion o de E s a ung im ein Ri uellen ode dogma isch Abs ak en bewah . Ge ade
diese Ane kennung de His o izi ä e ö ne die Möglichkei , bes ehende heologisch-his o ische
T adi ionen zu wü digen und gleichzei ig, in diesem Geis e, neue, zei gemäße Wege zu besch ei en.
3 Die G äben: On ologie, Teleologie und die F age nach de
Wi klichkei
So aszinie end diese B ücken sind, so unübe sehba sind die undamen alen Di e enzen in den Aus-
gangspunk en. Diese lassen sich in d ei Ke n agen zusammen assen, die den Dialog zwischen den beiden
Denkansä zen he aus o de n.
1.
Die on ologische P ämisse: Objek i e Idealismus s. K i ische Realismus: Fü Ibn A abi is
die Viel al de Wel eine objek i e Selbs -O enba ung Go es im Rahmen de Einhei des Seins
(waḥda al-wuğūd). Eine Pe spek i e, die sich einem k i ischen Realismus e p lich e ühl , wü de
demgegenübe a gumen ie en, dass diese Viel al an e hischen und eligiösen Vo s ellungen ein
eme gen es Phänomen is . Sie sind das P oduk menschliche Gesellscha en - „imaginie e O dnun-
gen“ (Ha a i) ode „soziale Kons uk ionen de Wi klichkei “ (Be ge /Luckmann), die jedoch eine
eale Wi kmach en al en, weil sie sich im dynamischen Wechselspiel on ma e ielle Kons i u ion,
geleb e P axis und symbolische Kons uk ion en al en. Die F age lau e also: Is die O dnung, die
wi wah nehmen, die Mani es a ion eine anszenden en Einhei ode eine eme gen e Eigenscha
komplexe , ma e ielle Sys eme?
2.
Teleologie s. Kon ingenz: Ibn A abis Geschich sbild is , wie Dilek zeig , zu ie s eleologisch - es
besch eib einen P ozess mi einem kla en Ziel: die „Ve ollkommnung des K eises de Go es eund-
scha “. Aus eine soziologisch-his o ischen Pe spek i e, die on Denke n wie Foucaul gep äg
is , e schein Geschich e jedoch adikal kon ingen : ein o ene , ziellose P ozess, ge o m du ch
Mach kämp e, Zu älle und unbeabsich ig e Folgen. Ziele und Sinn we den e s in de Rückschau
kons uie . Un e schä z eine eleologische Sich weise nich zwangsläu ig die b u ale Zu älligkei
und die o alles ande e als heilsamen Mach dynamiken, die unse e Geschich e, abe ge ade auch
die islamische Geschich ssch eibung o men? Wie in eg ie das akba i ische Sys em das Böse, das
Leid und das Sinnlose in seinen Heilsplan, ohne es zu e ha mlosen?
3.
De S a us de Imagina ion: Ibn A abi we e die Imagina ion (ʿālam al-ḫayāl) zu eine on olo-
gisch ealen Zwischenwel au . In einem soziologisch-na u alis ischen Denk ahmen is Imagina ion
p imä eine neu o-kogni i e Fähigkei , die Teil de Auss a ung des Menschen als du ch und du ch
biologisch-soziales Hyb idwesen is . Sie e laub es, men ale Modelle de Wi klichkei zu e scha en.
Die ie e Einsich Ibn A abis, dass Menschen Go gemäß ih e eigenen Vo s ellungsk a e ah en,
wü de hie als psychologische und soziologische Fak gedeu e . Sein Sys em gib diesem Fak eine
me aphysische Reali ä . Was wü de sich ände n, wenn man die ʿālam al-ḫayāl nich als on ologische
Ebene, sonde n als Me aphe ü die k ea i e, wi klichkei skons i uie ende K a des menschlichen
Geis es lies ?
DOI: 10.5281/zenodo.17538274
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Die p agma ische Wende: Was bewi k eine Theologie in de Wel ?
Diese philosophischen Di e enzen sind keine abs ak en Gedankenspiele. Sie üh en zu eine en schei-
denden, p agma ischen F age, die o dem Hin e g und ühe e Analysen zu inne islamischen Plu ali ä
besonde s ele an wi d. In einem ühe en Bei ag zu Menschenwü de im islamischen Denken wu de als
Fazi o mulie :
Die Menschenwü de im islamischen Denken is ein ielschich iges Konzep , das on heolo-
gischen, philosophischen und his o ischen P ämissen gep äg is . Wäh end die Asch’a i en
die gö liche Allmach be onen und den Menschen als passi en Emp änge gö liche Gnade
be ach en, heben die Ma u idi en die Rolle de Ve nun , de F eihei und de Ve an wo ung
des Menschen he o .
Es lieg an de heu igen Gene a ion, die Viel al de T adi ionen zu nu zen, um eine zei ge-
mäße Pe spek i e zu en wickeln. Diese Pe spek i e kann sowohl den islamischen Quellen
eu bleiben als auch den ak uellen He aus o de ungen ge ech we den. Die Wü de des Men-
schen im islamischen Denken soll e nich als s a es Dogma e s anden we den, sonde n als
dynamisches Konzep , das imme wiede neu in e p e ie und en al e we den kann.
In diesem A ikel wi d au gezeig , dass es einen e heblichen Un e schied mach , mi welchem de ie-
len möglichen Go es- und Menschen e s ändnisse man Theologie und eligiöse P axis ges al e . De
o liegende Bei ag zu Ibn A abi schließ dabei eine Lücke, da die su ische Pe spek i e in de damali-
gen Analyse bewuss ausgeklamme wu de. Hie s ell sich nun die F age, ob die akba i ische Go es-,
Wel - und Menschen o s ellung einen Bei ag leis en kann, Muslimen mi einem Übe se zungsin e esse
im Habe masschen Sinne - und dem Ziel, ein au hen isch-muslimisches Leben in einem säkula en und
plu alen Kon ex zu o mulie en - einen heologischen Umse zungs ahmen ode zumindes An eize ü
eine no wendig neue Theologie anzubie en.
Die g oße S ä ke de akba i ischen Theologie lieg unbes ei ba in de Fo mung eines inne lich ge es-
ig en, in ellek uell bescheidenen und e hisch ole an en Indi iduums. Die Deu ung des Gö zendiens es
als Ve absolu ie ung de eigenen Vo s ellung e zieh zu epis emologischen Bescheidenhei . Die Fo mel
„Go eskenn nis du ch Selbs e kenn nis“ mach Religion zu einem ie en P ojek de Selbs e lexion. Sie
wä e ein k a olles Gegenmi el gegen Dogma ismus und Fana ismus und könn e ih e Anwende zu einem
iedlichen Zusammenleben in eine plu alen Wel be ähigen.
Ih e g öß e Ambi alenz zeig sich jedoch in de sozial-poli ischen P axis. Wenn alles, auch Leid und
Un e d ückung, le z lich eine Mani es a ion eines gö lichen Namens in einem allum assenden Heilsplan is ,
bi g dies die Ge ah des Quie ismus: eine passi en Hinnahme des S a us quo als go gewoll . Das Sys em
schein meh au die Ve ollkommnung des Selbs als au die Ve besse ung de Wel ausge ich e zu
sein. Es bean wo e die F age „Wie we de ich ein besse e Mensch¿‘ au b illan e Weise. Abe es läss die
F age „Wie scha en wi eine ge ech e e Gesellscha ¿‘ ge äh lich o en. Be ähig diese Theologie ih e
Anhänge , sich gegen Ausg enzung und Unge ech igkei zu s ellen, ode lie e sie ihnen am Ende eine
hochdi e enzie e Beg ündung ü den Rückzug in die inne e Emig a ion? Diese F age is zen al, da ge ade
auch ü unse e gemeinsame Zukun hie in Deu schland die gesellscha spoli ische Handlungs ähigkei
muslimische Ak eu e eine de Ke nhe aus o de ungen da s ell ( gl. Deu schlands Islamdisku s: Wie eine
alsche Religionspoli ik und muslimische Ve bände uns die Zukun e bauen).
DOI: 10.5281/zenodo.17538274
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Me kmal Ibn A abis Mys ik K i ische Soziologie
P imä es Ziel Ve ollkommnung des Selbs Ve besse ung de Gesellscha
Zen ale F age “Wie we de ich ein besse e
Mensch?”
“Wie scha en wi eine
ge ech e e Gesellscha ?”
S ä ke Epis em. Bescheidenhei ,
Tole anz, inne e Resilienz
Analyse on Mach s uk u en,
Impuls zu Ve ände ung
Ge ah / Ambi alenz
Poli ische Quie ismus, Passi i ä
Pla e Ma e ialismus,
Sinn e lus
5 Fazi : Ein no wendige Dialog
Die Auseinande se zung mi de on Selman Dilek so kla au be ei e en Theologie Ibn A abis is meh als
eine his o ische Übung. Sie zwing zu Übe p ü ung de Fundamen e des eigenen Denkens. Die akba i ische
Mys ik bie e eine beeind uckende Vision on inne em F ieden, Tole anz und in ellek uelle Bescheidenhei .
Ih e mögliche Tendenz zum poli ischen Quie ismus bleib jedoch eine k i ische An age, die ge ade heu e,
in Zei en gesellscha liche Umb üche und Wide sp üche, nich igno ie we den kann.
De Dialog zwischen diesen Wel en – de mys isch- heologischen und de soziologisch-analy ischen – is
no wendig. E schü z die eine o poli ische Nai i ä und die ande e o einem pla en Ma e ialismus, de
die ie en Sinns uk u en menschliche Exis enz übe sieh . Dileks A bei is ein willkommene Ans oß ü
genau diesen Dialog.
¹ De Bei ag wi d im No embe 2025 im Sammelband „F ieden in Viel al : Eine in e disziplinä e Spu-
ensuche“ (ex . Amazon-Pa ne -Link) ( alsa a. Jah buch ü islamische Religionsphilosophie, Bd. 6),
he ausgegeben on A. M. Ka imi im Ka l-Albe -Ve lag, au den Sei en 87-123 e scheinen. Eine Vo ab e -
sion is zudem au Resea chGa e ab u ba .
DOI: 10.5281/zenodo.17538274