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Traum Grenzuniversität. Texte und Kommentare aus drei Jahrzehnten zur Geschichte des Collegium Polonicum

Wojciechowski, Krzysztof

Abstract

Das Buch beschreibt die Geschichte einer einzigartigen grenzüberschreitenden Hochschuleinrichtung, der gemeinsamen Einrichtung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen namens Collegium Polonicum. Diese Einrichtung pflegt seit 30 Jahren eine experimentelle Zusammenarbeit, die in Europa beispiellos ist. Der Autor stellt ihre Geschichte dar, aber auch die mentalen und sozialen Veränderungen im deutsch-polnischen Grenzgebiet, die Schwierigkeiten der internationalen Zusammenarbeit und die Gefahren, die den binationalen Einrichtungen und dem Hochschulwesen im Allgemeinen drohen. Das Buch enthält Vorschläge zur Erweiterung des sozialen Auftrags der Universitäten, damit sie den Herausforderungen und Risiken der heutigen Welt begegnen können. Die Überlegungen umfassen auch ethische Vorschläge zum Universitätsleben und zu den Beziehungen zwischen den Institutionen. Das verbindende Element ist das Konzept der Hydrodynamik der Werte.

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Krzysztof Wojciechowski Traum Grenzuniversität Texte und Kommentare aus drei Jahrzehnten zur Geschichte des Collegium Polonicum 36 T h e m a t i c o n Diese Ver¨offentlichung wurde aus Mitteln des Publikationsfonds f¨ur Open Access Monografien des Landes Brandenburg gef¨ordert. 36 Traum Grenzuniversität. Texte und Kommentare aus drei Jahrzehnten zur Geschichte des Collegium Polonicum 2 Wissenschaftliche Reihe des Collegium Polonicum Thematicon Band 36 Traum Grenzuniversität. Texte und Kommentare aus drei Jahrzehnten zur Geschichte des Collegium Polonicum Krzysztof Wojciechowski λογος Herausgeber der Reihe: Leitung des Collegium Polonicum Satz, Umschlag: Florian Hawemann Coverbild: Adam Czerneńko Diese Publikation wurde aus dem Publikationsfond für Open-Access-Monographien des Landes Brandenburg gefördert. Postadresse: In Deutschland: Europa Universität Viadrina Collegium Polonicum Große Scharrnstr. 59 15230 Frankfurt (Oder) W Polsce: Collegium Polonicum ul. Kościuszki 1 69-100 Słubice www.cp.edu.pl E-Mail: [email protected] Logos Verlag Berlin GmbH Georg-Knorr-Str. 4, Geb. 10, D-12681 Berlin Tel.: +49 (0)30 42 85 10 90 http://www.logos-verlag.de Collegium Polonicum & Logos Verlag Berlin GmbH 2025 This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 license CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/). Creative Commons license terms for re-use do not apply to any content (such as graphs, figures, photos, excerpts, etc.) not original to the Open Access publication and further permission may be required from the rights holder. The obligation to research and clear permission lies solely with the party re-using the material. ISBN 978-3-8325-5589-4 https://doi.org/10.30819/5589 ISSN 1610-4277 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 5 Inhaltsverzeichnis Geleitwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Vorwort des Autors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1 Die Anfänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13 1.1 Der Schmerz der Nachbarschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 1.2 Regelbasierte oder machtbasierte Ordnung? . . . . . . . . . . . . . . . . . .27 1.3 Die (jungen) Menschen blicken auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2 Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .43 2.1. Nähe, die entfernt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 2.2. Permanente Grauzone. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .59 2.3 Odyssee von zwei Blatt Papier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 2.4 Ist das Glas halb voll oder halb leer? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 2.5 Webervogel als Vorbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 2.6 Schnallen wir uns an. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .72 3 Der Kampf der Sprachen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .77 4 Hydrodynamik der Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.1 Selbstwertgefühl und eine Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 4.2 Erfahrung der Egospiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 4.3 Die kommunizierenden Röhren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 4.4 Archäologen in kommunizierenden Röhren . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 4.5 Hydropopulismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 4.6 Die wütenden Reiter der Geschichtspolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 4.7 Vergiftete Verlobung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 4.8 Normalität als moralisches Nichtsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 4.9 Eine neue Liebe am Horizont. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Inhaltsverzeichnis 6 4.10 Von der Peripherie fast ins Zentrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 4.11 Die Universität ist eine Schmiede – aber was schmiedet sie eigentlich?. . 134 4.12 Die Schwuchteln mit Gewehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 4.13 Nichts ist, wie es war, und es wird auch noch ganz anders . . . . . . . . 140 4.14 Der Charme der Demut. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 4.15 Universitäten als Inseln? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 5 Your Life . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 5.1 Demütiges Deutschland. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 5.2 Gott oder Deutschland sei Dank? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 5.3 Wie Stärke zu Schwäche wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 5.4 Eisschollenlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 5.5 Was ist ein Leben wert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 5.6 My Life . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 5.7 Your life, your strength . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 6 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 6.1 Der Baum des Lebens summt und brummt. . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 7 Geleitwort Die letzten drei Jahrzehnte in der Geschichte Europas waren eine ganz besondere und – aus heutiger Sicht – wahrscheinlich einzigartige Zeit. Der Kontinent war dabei, sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in seinem östlichen Teil wiederzuvereinigen, die Europäische Union nahm neue Mitglieder auf, und alles geschah vor dem Hintergrund des als Globalisierung bekannten Prozesses, d. h. des Zusammenwachsens der Volkswirtschaften auf der ganzen Welt, des Abbaus politischer Schranken, nationaler Grenzen und der Verbreitung einer Reihe von politischen, sozialen und kulturellen Werten, die als liberale Demokratie bekannt sind. Dieser Prozess hatte lokalen Ausprägungen. In Mittelund Osteuropa war sein spektakuläres Beispiel die Wiedervereinigung Deutschlands und die sogenannte deutsch-polnische Aussöhnung, d. h. die politische Annäherung von Polen und Deutschland, von Ländern, die traditionell miteinander verfeindet waren und ein traumatisches Erbe an gegenseitigen Vorurteilen und Konflikten hatten. Solche historischen Annäherungen brauchen Symbole. Dabei kann es sich um Personen, historische Ereignisse oder Institutionen handeln, die sich entweder gegen negative Trends gewehrt haben oder auf jene Entwicklungstendenzen hinweisen, von denen erwartet wird, dass sie die Zukunft in geeigneter Weise dominieren werden. Eines von mehreren institutionellen „Aushängeschildern“ der deutschpolnischen Beziehungen ist die Zusammenarbeit der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder mit der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań: das Collegium Polonicum in Słubice. Dieses hat zusammen mit der Viadrina ein einzigartiges grenzüberschreitendes Universitätszentrum geschaffen. In den 1990er Jahren entstanden an fast allen europäischen Randregionen grenzüberschreitende Hochschulinitiativen. Doch im Laufe der Zeit zeigte sich – und das präsentiert das vorliegende Werk nachdrücklich –, dass eine enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit paradoxerweise schwieriger ist als der traditionelle internationale Hochschulaustausch, der seit Jahren weltweit praktiziert wird. Aus diesem Grund sind die meisten dieser grenzüberschreitenden Initiativen im Laufe der Zeit an den Rand gedrängt worden oder eines „natürlichen Todes“ gestorben. Die Adam-Mickiewicz-Universität und die Viadrina jedoch haben ihre Zusammenarbeit im Collegium Polonicum nicht nur nicht aufgegeben, sondern entwickeln sie bis heute weiter. Dieser grenzüberschreitende Universitätsstandort Geleitwort Die Anfänge 14 Zufälligerweise verbrachte ich das letzte Juniwochenende des Vereinigungsjahrs 1990 in Berlin-Buch, dem nordöstlichsten, inmitten von Wäldern und Feldern, schon außerhalb des Berliner Rings gelegenen Ortsteil des Bezirks Pankow. Kein anderer Ort in der Hauptstadt der DDR war so weit vom Zentrum entfernt. Am Samstagmorgen ging ich mit meiner Frau zur HO-Kaufhalle hinüber, aber viel zu kaufen gab es dort nicht mehr. Wir ergatterten noch ein Brot, das uns die Verkäuferin aus einem Kasten über die Ladentheke reichte, und etwas Zucker in einer angerissenen Tüte, die einsam auf einem ansonsten leeren Regal stand. Im Laden gab es noch ein bisschen Marmelade und Essig. Ein solches Angebot war uns aus den Jahren des Kriegszustands in Polen gut bekannt. Andere Kunden beschwerten sich: „Watt soll dit? Hier jibts schon ja’ nischt mehr!“, woraufhin die Verkäuferin zu beruhigen versuchte: „Neue Ware kommt nächste Woche rein.“ Meine Frau und ich, die wir die 1980er Jahre in Polen verbracht hatten, wussten, wie das aussehen wird. Die DDR lag in ihren letzten Zügen, zum 1.Juli trat die Währungsunion in Kraft. Und bevor sich die Regale der Kaufhalle wieder füllen würden, konnten Wochen, wenn nicht Monate ins Land ziehen… Am Abend öffnete ich vor dem Zubettgehen nochmals die Fenster des Schlafzimmers, war der sommerliche Abend doch schön warm. Herrlich duftende Sommerluft und Vogelgesang erfüllten das Zimmer. Aber auch so ein seltsam lautes brummendes Geräusch machte sich breit, als ob jemand plötzlich vor dem Fenster eine Trafostation oder Pumpen in Betrieb genommen hätte. Obwohl– dieses Geräusch war mit nichts vergleichbar, was ich so kannte. Es erhob sich aus der Ferne, aus mehreren Quellen, von denen die eine mehrere hundert Meter, andere nur einige wenige Meter entfernt gelegen sein mochten– wie ein ihren Kasten unversehens verlassender Bienenschwarm, oder setzte er gerade zur Landung an sein neues Heim an? Zugleich war dieses Brummen derart laut und intensiv, als ob jede einzelne der Königin folgende Drohne über eine Tonne wog. Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Hörst du das auch?“, fragte mich meine Frau. „Was mag das sein? Truppenübungen?“ „Wohl kaum“, zweifelte ich. „Da müsste ja eine ganze Armee ausgerückt sein. Obwohl– das klingt fast so, als ob sich da eine riesige Front nähern würde.“ Am Montagmorgen lüftete sich das Geheimnis. Ich ging wieder hinüber, um Brot einzukaufen, und traute meinen Augen nicht. Die seit Wochen leer stehende, triste HO-Kaufhalle mit ihrem typischen DDR-Alltagscharme war voll mit Westwaren bestückt worden. Die vollbeladenen Lkws (die da so gebrummt und eifrig gesummt hatten, es mussten tausende auf den Berliner Straßen gewesen sein) hatten den gesamten Sonntag und die Nacht zum Montag über 50 Sorten Schokolade, 10 Sorten Waschmittel, Coca-Cola, Fanta und Sprite, Milch aus dem Westen und französischen, holländischen und Schweizer Käse herbeigeschafft. Und wie das alles herrlich duftete! Und die Farbenpracht erst! Nur das Brot war noch das alte. In nur einer Nacht hatte der ach so mächtige Kapitalismus die sozialistische Planwirtschaft ohne einen einzigen Schuss aus der Kanone besiegt. Ach nein– das Brot hielt noch tapfer die Stellung. Später konnte ich dem Aufeinandertreffen von alter und neuer Realität 80Kilometer östlich von Berlin an der deutsch-polnischen Grenze beiwohnen. Hier an dieser Grenze war die Lage ungleich komplizierter als auf innerdeutschem Terrain. Dies allein war schon eine enorme Herausforderung. Die Treuhand, die soziale Flankierung des Einigungsprozesses, der Ausverkauf der besten Wirtschaft des Ostblocks, die Notwendigkeit, Infrastruktur für den neuen, eigentlich alten, aber nunmehr gesamten Staat zu errichten, und nicht zuletzt die Transformationskriminalität waren es, mit denen nur wenige Staaten, die sich ab dato im Transformationsprozess befanden, zu- Die Anfänge 15 rechtkamen. Die Bundesrepublik hatte sich, meiner Meinung nach, wenn nicht eine Eins, dann zumindest eine Zwei plus redlich verdient. Aber die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Mittelostund Osteuropa, darunter mit Polen, war etwas völlig anderes. Faktoren, die über die Grenze hinweg miteinander verbanden, gab es nur sehr wenige. Dafür aber existierten Faktoren, die trennten und Unterschiede deutlich hervorhoben, ungleich viele. Ein westlich geprägtes, kapitalistisches Polen, das bewährte Muster auf seine Gesellschaft hätte übertragen können, gab es nicht. Mechanismen, wie der Transformationsprozess zu gestalten wäre, mussten sich die Polen selbst ausdenken und umsetzen. Der polnische Kapitalismus war anfangs wild, wie von der Kette gelassen, und respektierte überhaupt keine Regeln. Er strebte nach Partnerschaften und Kapital, hielt aber keine Standards ein, nicht einmal die elementarsten. Ich erinnere mich noch gut daran, welch riesiges Problem damals die kulturellen Unterschiede bei der Verständigung untereinander darstellten. Um eine Zusammenarbeit aufzunehmen, schrieben die Deutschen nämlich Briefe. Auf die aber blickten die Polen höchst erstaunt: Noch gar keine Zusammenarbeit mit uns aufgenommen und schon wollen die sich mit diesen langen Briefen gegen irgendwas absichern? Und so legten sie die Briefe gleich beiseite. „Wenn die zusammenarbeiten wollen, dann sollen die sich wie normale Menschen benehmen: herkommen, mit uns reden oder wenigstens mal anrufen!“ Und die Deutschen riefen ja auch an– aber bei mir. „Mir wurde ein Geschäftspartner in Polen empfohlen, ich habe auch schon einen Brief geschrieben, aber bis heute keine Antwort erhalten. Wurde er festgenommen? Ist er verstorben? Könnten Sie sich mal erkundigen?“ Ich schätze, dass acht von zehn Versuchen, Kontakt zu einem potentiellen Geschäftspartner aufzunehmen, aus rein kulturellen Gründen scheiterten. Es gab auch tiefergehende Unterschiede, nennen wir sie mal „der mentalen Art“. Die Theorie der interkulturellen Kommunikation bescheinigt den Deutschen ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit, also eine Abneigung, Risiken einzugehen, und im Gegenzug dafür ein Bedürfnis danach, die Bedingungen und Voraussetzungen gemeinsam ergriffener Maßnahmen langfristig zu regeln und zu sichern. In den 1990er Jahren sah ich dies alltäglich unter Beweis gestellt. Auf deutscher Seite sprachen alle von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, aber man konnte es sich einfach nicht vorstellen, polnische Arbeitnehmer auf deutschem Hoheitsgebiet zuzulassen. Als ich auf einer der unzähligen Versammlungen davon erzählte, dass ich in Österreich an der Grenze zu Ungarn ein neues, florierendes Kongresszentrum besucht hatte, in dem nur die Eigentümer und die Hauptbuchhalterin Österreicher waren und die gesamte Belegschaft, von den Servicekräften bis hin zum Pianisten in der Bar, aus Ungarn stammten, herrschte im gesamten Saal verlegene Stille, als hätte man kurz den Sauerstoff aus dem Raum gezogen. Nach einer Weile kehrte jemand wieder zum Thema zurück: „Also, wie wir ja bereits ausgeführt hatten, ist es für eine effektive Ausgestaltung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit notwendig, Fördermittel bereitzustellen, also Subventionen, Subventionen und nochmals Subventionen!“ Die Angst vor billiger polnischer Arbeitskraft (Dumpinglöhne!) und vor der Konkurrenz des polnischen Mittelstands auf eigenem Hoheitsgebiet, der „Frankfurter Brötchenkrieg“ (Frankfurter Kunden protestierten vor einem Bäckerladen, wo in Polen gebackene Brötchen verkauft wurden), der berüchtigte Hatz auf illegal Beschäftigte, all jene so leidenschaftlich und ausdauernd ausgetragenen Kämpfe, als hätte man gerade nichts Besseres zu tun, hielten gut 15 Jahre lang an. Die Ostdeutschen wollten (oder konnten) ihren Wohlstandskuchen mit den Polen nicht teilen, und es wäre ihnen nicht einmal in den Sinn gekommen, dass man diesen Kuchen gemeinsam hätte so groß backen können, dass alle was davon haben. Die Anfänge 16 Ähnliche Ängste gab es aber auch auf polnischer Seite, z. B. die historisch bedingte Furcht vor einem Ausverkauf von Grund und Boden, was dazu führte, dass sich die deutschen oder niederländischen Landwirte sogenannter Strohmänner bedienten oder zum Schein Gesellschaften gründeten. Es gab noch eine andere, sehr tief sitzende Angst, und zwar die vor dem wohlhabenden, weltund redegewandten Deutschen, der daherkommt, Märchen erzählt und das Blaue vom Himmel verspricht, um den Geschäftspartner danach nur ausnutzen, wie eine Zitrone auszuquetschen und zudem noch das ganze Blut auszusaugen. Was habe ich nicht alles an Beschwerden der Deutschen gehört, man hätte mit den Polen alles ausführlich besprochen, die hätten zu allem ihr Okay gegeben, und später dann, ohne einen ersichtlichen Grund, die Sache nach Gorzów, Poznań oder ganz nach oben nach Warszawa weitergegeben. Es gab auch objektive Gründe: zuallererst die Staus an den Grenzübergängen. Wie soll man denn die grenzüberschreitende Zusammenarbeit entwickeln, wenn der Lkw, der, egal von welchem Geschäftspartner auch immer, Teile anliefern sollte, auf einer Tour sowohl hin als auch zurück selbst am kleinsten Grenzübergang gleich zweimal acht Stunden warten musste? An den Autobahngrenzübergängen waren es gern auch mal zwei bis drei Tage… Diese Lkws. Eigentlich ein guter Moment, um eine große Klammer zwischen diesen Tagen des Pioniergeists und der Gegenwart zu spannen. Wenn ich heute die A12 zwischen Frankfurt (Oder) und Berlin nehme und all die Lkws– es müssen alltäglich gut und gern hunderte, wenn nicht über tausend sein, die die Grenze überqueren– wie Perlen an einer Schnur gereiht sehe, dann schüttele ich nur ungläubig den Kopf. Die Deutschen, die noch in den 1990er Jahren, und sogar bis zum EU-Beitritt Polens, nur sehr vorsichtig, man möchte fast sagen misstrauisch in Polen investierten und bei den ausländischen Investoren noch hinter den Franzosen, US-Amerikanern, Italienern und Niederländern zurücklagen, sind heute zum wichtigsten Handelspartner aufgestiegen. Schätzungen zufolge hängen inzwischen 30–40Prozent der polnischen Wirtschaft direkt oder indirekt mit Deutschland zusammen. Gegenüber dieser Entwicklung sind die Märchen aus Tausendundeiner Nacht nur langweiliger Smalltalk. Aber kehren wir zurück zu den Anfängen. Der 1991 eingeführte visafreie Verkehr öffnete zwar die Grenze zwischen Polen und Deutschland, aber eigentlich blieb doch alles beim Alten. Es gab Zollgrenzen, Personen und Pässe wurden kontrolliert. An den Grenzen bildeten sich schier endlose Schlangen von Lkws, deren Waren verzollt werden mussten, und schier endlose Schlangen von Pkws, deren Passagiere es gleich viermal, auf deutscher und auf polnischer Seite, zu kontrollieren galt. Auch die Schlangen der Fußgänger, die die Grenze überqueren wollten, war bis zu mehrere hundert Meter lang. Und auch sie sollten viermal kontrolliert werden. Die Fiktion, es würde sich bei allen, die die Grenze überquerten, um Touristen handeln, die Museen, Kirchen und Schlösser besuchen wollten, gab den Grenzbeamten diesund jenseits nur ein schwaches Instrument in die Hand, einen wahren Wirtschaftstsunami auch nur ansatzweise im Zaum halten zu können. Viele Polen drängten nach Deutschland, um dort schwarz zu arbeiten, preiswert einzukaufen und leider auch zu stehlen und zu schmuggeln. Seriöse Untersuchungen gehen davon aus, dass in den 1990er Jahren entlang der deutsch-polnischen Grenze ca. 40.000 Zigarettenschmuggler agierten. Die Deutschen wiederum kamen nach Polen, um hier billig zu tanken sowie billige Zigaretten und Lebensmittel zu kaufen. An einem Wochenende überquerten etwa 20.000 „Touristen“ die Stadtbrücke zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice und ein jeder von ihnen gab in Polen– wiederum seriösen Untersuchungen zufolge– 53DMark aus. Allein an diesem Grenzübergang wurde die polnische Volkswirtschaft jedes Die Anfänge 17 Wochenende demzufolge um 1Million D-Mark (und im Jahr um 50Millionen D-Mark) „reicher“, und die deutsche Volkswirtschaft um Steuermindereinahmen (vorwiegend Tabakund Alkoholsteuer) in Höhe von mindestens 200.000D-Mark (binnen eines Jahres machte das 10 Millio nen D-Mark) „ärmer“. Die deutschen Zollbeamten begaben sich indessen in einen aussichtslosen Kampf um jeden Kofferraum und jede Manteltasche, und die polnischen Zollbeamten forderten dazu auf, jene 50D-Mark vorzuzeigen, die laut Gesetz von jedem Tagestouristen verlangt wurden. Wollte man die Gepflogenheiten jener Jahre an der deutsch-polnischen Grenze sozialpsychologisch fassen, so käme man zu dem Ergebnis, dass, je stärker die Kontakte auf die Befriedigung elementarer materieller Bedürfnisse gerichtet waren, desto weniger die übergreifenden Strukturen (die Verwaltung, die Kommunalpolitik und das Bildungswesen) zur Kooperation bereit waren. Diese Bereitschaft war erst im Entstehen begriffen. Und eines der ersten Dinge, die hier im Entstehen begriffen waren, war die Universität. Der grenzüberschreitende Standort Nach der Wiedervereinigung verfügte Brandenburg kaum über eine nennenswerte Hochschullandschaft. Von Wert waren eigentlich nur die Pädagogische Hochschule in Potsdam und die Hochschule für Bauwesen in Cottbus. Ansonsten existierten vor allem Überreste der Bezirksparteischulen, Bildungsstätten ehemaliger DDR-Verbände sowie sogenannte höhere Lehranstalten und Fachschulen. Was wirklich von Bedeutung für den Hochschulbereich war, hatte in der Hauptstadt Berlin seinen Standort. Um das wiedergegründete Land Profil zu verleihen, beschloss die Landesregierung, eine Universität in Frankfurt (Oder) zu gründen und sie „europäisch“ zu nennen („Europa“ war damals das Schlüsselwort, um allen und allem hinter dem einstigen Eisernen Vorhang den Weg in die Zukunft zu bereiten), um die freundschaftlichen Beziehungen zum nächstgelegenen Nachbarn zu unterstreichen. Der damalige Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg Hinrich Enderlein erzählte mir, er habe einen der Staatssekretäre, einen Wessi, nach Frankfurt (Oder) beordert, um den Standort zu erkunden. Des Staatssekretärs Diagnose lautete: „Überall, nur nicht dort. Die Stadt ist grau und düster, nur Plattensiedlungen. Nach Einbruch der Dämmerung werden die Bürgersteige hochgeklappt. Jenseits der Brücke ein heruntergekommenes polnisches Kaff. Der Gesichtsausdruck der Passanten lässt nicht erkennen, dass um die Universität herum eine höhere geistige Aura auch nur ansatzweise entstehen könnte.“ Jemand anderes entdeckte aber, dass es in der Stadt von 1506 bis 1811 die erste Universität Brandenburgs gegeben hatte, deren Fakultäten dann zwischen der Universität zu Berlin und der Universität Breslau aufgeteilt worden waren. Da sei es doch eine Sünde, nicht an diese schöne Tradition anzuknüpfen. Die zweite Argumentation machte das Rennen, und so wurde 1991 die Europa-Universität Viadrina gegründet. Das Mitglied des Gründungssenats Waldemar Pfeiffer, Germanist an der AdamMickiewicz-Universität in Poznań, schlug daraufhin vor, in Słubice– sozusagen– eine Botschaft der Viadrina zu errichten, die er Collegium Polonicum taufte. Ursprünglich sollte es sich um ein kleines Gebäude mit einem Hörsaal, zwei Büroräumen und einer Wohnung für Gastprofessorinnen und Professoren handeln. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden und wurde von der polnischen Regierung und dem Senat der Adam-Mickiewicz-Universität unterstützt. 1993 wurde ein Architekturwettbewerb veranstaltet. Kurz darauf setzte die polnische Regierung das umfangreichste Investitionsvorhaben des polnischen Hochschulwesens in den 1990er Jahren um und errichtete das hoch- Die Anfänge 18 moderne Gebäude des Collegium Polonicum (mit 20.000Quadratmetern Nutzfläche) samt Studentensiedlung. Das Gebäude wurde mit dem Titel „Gebäudes des Jahres 1998“, also dem polnischen „Architektur-Oscar“, geehrt. So wurde dann einer der ersten und in dieser frühen Phase des Transformationsprozesses sogar ergiebigste Kanal geöffnet, mit dem nicht nur ihre materiellen Bedürfnisse befriedigende „Einkaufstouristen“ in die Region kamen, sondern eben auch ambitionierte Menschen und ihre Gedanken. Man mag meinen, dass diese ambitionierten Menschen und ihre ambitionierten Gedanken keine schmucken Gebäude benötigen, um sich zwischen ihnen über die Grenze(n) hinweg zu bewegen. Dennoch– im Jahre 1991 wurde in Frankfurt (Oder) auf Initiative von Klaus Baldauf der Verein Frankfurter Brücke gegründet, der es sich zum Ziel setzte, die Annäherung zwischen Polen und Deutschen im Rahmen von Begegnungen sowie der Entwicklung und Umsetzung unterschiedlichster Initiativen und Projekte zu fördern. Bis 2004, als sich der Verein auflöste, waren unter den insgesamt 35 Vereinsmitgliedern nur 2 Polen aktiv. Einer von ihnen war Józef Finster aus Gorzów. Zur selben Zeit gab es bei den in Słubice tätigen Vereinen ein einziges Mitglied aus Deutschland, Willi Przybylski. Er hatte zahlreiche Regionalhistoriker zu seinem Projekt „Deutsch-Polnische Geschichte“ eingeladen und wurde gegen Ende der 1990er Jahre von einer in Gorzów erscheinenden Zeitung zum „Menschen des Jahres“ gewählt. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr dieser „Pioniere der deutsch-polnischen Zusammenarbeit“ in der hiesigen Grenzregion hinzu. Der in Gorzów tätige Arbeitgeberverband nahm Kontakt zum Unternehmerverband Berlin-Brandenburge.V. und dem unter seinem Dach tätigen Berufsbildungswerk der Wirtschaft in Berlin und Brandenburg (bbw) auf. Gemeinsam begannen sie 1992 damit, eine Seminarreihe für Führungskräfte anzubieten, mit Themenschwerpunkten im Bereich Controlling und Marketing. Dies bildete zugleich den Ausgangspunkt einer systematischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit in der Grenzregion. Zunächst also sollten polnische Arbeitgeber an Unternehmensführung und management unter den Bedingungen der kapitalistischen Marktwirtschaft herangeführt werden. Die Schulungsreihe wurde aus den eigens bereitgestellten EU-Hilfsfonds finanziert, die Referenten kamen aus dem schon ehemaligen West-Berlin. Ein nächster Schritt war die Gründung der Deutsch-Polnischen Bildungsstiftung der Wirtschaft (DPBW). Neben dem bbw und dem Arbeitgeberverband Gorzów war auch der Arbeitgeberverband des Lebuser Landes hieran beteiligt. Ihr erster Präsident wurde Klaus-Dieter Teufel, Ryszard Barański war stellvertretender Stiftungsvorsitzender. In Warschau gewann indessen die nach 45 Jahren wiedergegründete Konföderation der Polnischen Arbeitgeber an Bedeutung. 1992 erzielte sie mit den Verhandlungen und der Verabschiedung des „Pakts über die in Umwandlung befindlichen öffentlichen Unternehmen“ einen ersten Achtungserfolg. Der polnische Arbeitgeber, der sein Handwerk noch im Sozialismus erlernt hatte, wenn er auf der Strecke Warschau– Berlin BHs oder auf der Strecke zwischen Budapest und Krakau Schuhe schmuggelte, begann sich nun von der Pike auf die Regeln der Marktwirtschaft, des eigenen Landes, des deutschen Markts und auch die allgemeinen Regeln anzueignen. Im Jahre 1994 entstand die Deutsch-Polnische WirtschaftsförderungsgesellschaftS.A., die auch in Gorzów einen Sitz unterhielt. In Frankfurt (Oder) wurde die Deutsch-Polnische WirtschaftsentwicklungsgesellschaftmbH (DePoWi) gegründet, dessen Geschäftsführer Reinhard Petzold war. Mit ihrer Geschäftstätigkeit bohrte die DePoWi erste dicke Bretter, so dass erste Impulse für ein Zusammenwachsen der Wirtschaft beiderseits der Grenze gesetzt werden konnten. Die Anfänge 19 Der wahre Strom aber, mit dem der Integrationsprozess in der Grenzregion an Fahrt gewann, ging von der Universität und dem Collegium Polonicum aus. Gegen Ende der 1990er Jahre studierten etwa tausend Polen an der Viadrina. Am Collegium Polonicum, welches formell bereits 1991 zu existieren begann, das seine Pforten im neuen Gebäude aber erst 1998 öffnete, studierten die ersten Deutschen und Europäer aus Westeuropa. Erste ausländische Studierende zogen in die Studentenheime von Słubice ein. Der kleine Grenzverkehr zwischen Universität und Collegium wurde so intensiv, dass die Passkontrollen den Lehrbetrieb behinderten. Die Grenzbeamten auf beiden Seiten einigten sich darauf, Studierenden und Dozenten das Passieren der Grenze ohne Wartezeit zu erlauben, sie mussten nur ihren Studentenbzw. Dienstausweis vorzeigen. Genervt zerrten auf ihre Abfertigung Wartende die vorbeiziehenden Studierenden an ihren Ärmeln. So begann man 1998 zu überlegen, ob man nicht eigens eine abgesperrte Spur über die ganze Brücke hinweg mit beiderseitigen Schranken einrichten sollte, die auf einen magnetischen Sensor im Studentenoder Dienstausweis reagieren sollten. Diskussion, Planung und Geldbeschaffung nahmen vier Jahre in Anspruch. Als man dann endlich mit dem Bau beginnen wollte, bemerkte man, dass Polen jeden Augenblick EU-Mitglied werden und die Errichtung einer eigenen Spur für Privilegierte in einem PR-Desaster enden würde. Die Universität war aber nicht nur ein Ort studentischer Kommunikation. Ihre eigentliche Errungenschaft bestand darin, unsichtbare Grenzen in den Köpfen der Menschen der Region verschwinden zu lassen, und jenen, die den gegenseitigen Austausch vorantrieben, das Gefühl zu vermitteln, auch auf der anderen Seite der Brücke noch immer bei sich zu Hause zu sein. Indessen erschwerte jenes Bei-sichzu-Hause-Sein es (welch Wunder!) einerseits, die Verwaltungsangelegenheiten der Universität auch weiterhin wie gewohnt zu regeln, brachten die Neuankömmlinge doch ihre eigenen Verhaltensweisen und damit auch Erwartungen mit. Diese Erwartungen waren nur schwer zu erfüllen. Und es hätte sie gar nicht gegeben, wenn Mitarbeiter und Studierende nur 50Kilometer weitergezogen wären. Auf der anderen Seite erleichterte es die Nähe enorm, Kontakte zu schließen. In den Universitätsgebäuden wurden Kooperationen zwischen Polizei, Zollund Grenzschutzbehörden, Kultureinrichtungen und Vereinen geschlossen. Politiker waren zu Gast ebenso wie Vertreter aus Kultur und Wirtschaft. Noch zu Beginn der 1990er Jahre wandten sich viele geschäftstüchtige Polen an die Universität, dass diese auf der Suche nach Geschäftspartnern in Deutschland unterstützte. Auch ich war, damals noch Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Viadrina, mit solchen Bitten konfrontiert. Die seltsamste kam von einem Mann aus der Nähe von Lublin, der davon berichtete, er betreibe eine Kompostwurmzucht, die auch floriere. Er habe jedoch ein kleines Problem: Die Kompostwürmer vermehrten sich, er finde aber keine Abnehmer in Polen. Auf die Frage, wofür sich denn jene Würmer eigneten, sagte er: „Für sehr viele Sachen, z. B. auch dafür, um sie gemixt als Shake oder Cocktail zu trinken.“ Der Anstand gebot es, ihm die Adresse eines Verbands der Lebensmittelwirtschaft herauszusuchen, was sich später als goldrichtig erweisen sollte. Etwa zwei Jahre später, auf einer Konferenz materialisierte sich nämlich eben jener Anrufer aus dem Nichts und dankte mir überschwänglich für die Hilfe bei der Aufnahme der mittlerweile guten Zusammenarbeit. Stolz berichtete er, dass er eben gerade wieder 1Tonne Kompostwürmer nach Deutschland exportiert habe. Als Polen im Dezember 2007 dem Schengener Abkommen beitrat, war das der Ritterschlag des Integrationsprozesses und zugleich der Auftakt zur Herausbildung einer– sozusagen– neuen Identität der Grenzregion. Alle Institutionen, Organisationen, Die Anfänge 20 Vereine, Interessengruppen, die auf grenzüberschreitende Partnerschaften setzten, hatten es mit dieser Grenze aufnehmen und sich an ihr abarbeiten müssen. Alles, was man in der Zusammenarbeit mit einem deutschen oder polnischen Partner bislang getan hatte, war zugleich darauf gerichtet gewesen, diese Grenze zu überwinden, sie zu beseitigen, zu besiegen, die Folgen zu mindern, unsichtbar zu machen. Und plötzlich, da war sie in ihrem trivialsten und dem Anschein nach wesentlichsten Erscheinungsbild– also als Ort, an dem man aufund angehalten wird und eine Weiterreise keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist – einfach verschwunden! Keine Schlagbäume mehr, keine Grenzbeamten, keine endlosen Schlangen, keine einzige Seele mehr hier… Wahnsinn. Und dann kam ein Gefühl auf, das wohl jeder über eine gewisse Zeit lang hatte. Neben der Freude herrschte Ungläubigkeit: Kann das so bleiben? Ist das normal? Wird das nun für immer sein, bis in alle Ewigkeit? Und schließlich diese beunruhigende Frage, die immer lauter wurde: Und was machen wir dann eigentlich noch hier? Jene Frage und der Prozess, der zu ihr geführt hatte, schlug sich bei Studierenden und Hochschuldozenten stark nieder, obgleich das überraschende Ereignis an sich unspektakulär und schmerzlos war, sich auch hinzog, aber dennoch großen Schaden anrichtete. Die Öffnung der Grenzen wie auch die vorangegangene Abschaffung der Zollbarrieren und die Gewährleistung der vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarkts ließen bei den jungen Polen letztendlich das Bewusstsein aufkommen, dass auch sie Europäer sind. Einst war die Viadrina zunächst die einzige, später dann eine der wenigen Universitäten in Westeuropa gewesen, an der sie gebührenfrei und unter angenehmen Bedingungen hatten studieren können. Und nun standen ihnen auf einmal 400 andere westeuropäische Hochschulen offen, die dieselben Bedingungen boten, unter anderem Oxford, Cambridge, die Sorbonne. Die Zahl der polnischen Studierenden an der Viadrina begann dramatisch zu sinken. Auch am Collegium Polonicum wollten immer weniger studieren, ebenso nahm das Interesse bei den Deutschen und anderen Westeuropäern ab, weil Polen eben kein „exotisches“ Land mehr war. Die ältere Generation der Professorenschaft verabschiedete sich in den Ruhestand– jene erste Generation, die im Alter von 40–50Jahren zum Lehrstuhlinhaber berufen worden war. Sie war in der Überzeugung aufgewachsen, dass ein anständiger Deutscher Schuld gegenüber Menschen jüdischer Herkunft, Polen und Russen empfinden müsse und dass er zumindest ein kleines Stück Wiedergutmachung leisten könne, wenn man Kontakte mit Polen pflegt und fördert. An ihre Stelle traten neue Mittvierziger, die also in den 1970er Jahren geboren waren und für die Kontakte in die USA oder zu China, mindestens aber zu Lateinamerika wichtig waren, aber zu Polen… na ja, halt ein normales Land, nichts Besonderes… So wurde es allmählich etwas unangenehm. Die Überwindung von Grenzen wurde zu so etwas wie einer Jacke mit Schulterpolstern, alles längst aus der Mode gekommen, Auch das Motto „Verbrüderung“ wurde lächerlich: Wie soll man sich mit seinem Nachbarn verbrüdern, den man schon über 25 Jahre lang kennt? Auch die deutsch-polnische Aussöhnung verlor jegliches Flair, drangen doch aus der Tiefe des Landes Stimmen hier an die Grenze, man solle anstelle einer Verbrüderung und Aussöhnung mit den Deutschen lieber mal Reparationen einfordern. Die Geschichte machte indessen ein Schritt nach vorn. Nach Ostbrandenburg kehrten nun immer häufiger jene zurück, die ihre Heimat nach der Wiedervereinigung verlassen hatten, und trafen auf eine vollkommen andere Atmosphäre. Und nach Polen kamen immer mehr Ukrainer und verkündeten: „Bei euch herrschen Kultur, Wohlstand und Demokratie.“ Etwas später kamen auch nach Frankfurt (Oder) Der Schmerz der Nachbarschaft 21 Flüchtlinge aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Und niemand schlug sie oder tippte mit den Fingern auf ihre Haut. In Słubice wurde eine ukrainisch-orthodoxe Kirche errichtet. Am Collegium Polonicum begrüßten wir die ersten 15 Chinesen. Die Welt „draußen“ wurde zu einer Welt voller politischer Spannungen, aber die Menschen hier in der Region nahmen wahr, dass sie eine wesentlich größere Abneigung gegen diese äußeren, fernen Faktoren hegten, als typische Abneigung gegenüber den Nachbarn. Dann brach die Coronavirus-Pandemie aus und die Grenze wurde geschlossen. Gemeinsam demonstrierten Frankfurter und Słubicer dagegen. Die deutsch-polnische Grenzregion hat in den letzten 30Jahren einen schier unglaublichen Entwicklungsprozess durchlaufen, dem man in dieser Intensität nur selten begegnet. Man weiß es nicht und wird es auch nicht wissen, warum dieser Prozess einsetzte und sich gerade so vollzog, aber eines ist gewiss: Gestaltet haben ihn ganz normale Menschen, Menschen mit ihren Unzulänglichkeiten, unterschiedlichen kulturellen Standards, mit ihren Komplexen von Minderwertigkeit oder Überlegenheit, mit Kapital oder ohne– sie waren es, die über viele Jahre hinweg ausdauernd unsere Wirtschaft, die Grenzregionen und ihre Menschen miteinander verbanden. […] Sie waren Unternehmer, Politiker, soziale Akteure, Kulturschaffende, Dolmetscher und Übersetzer, Ärzte, Pflegefachkräfte, Lehrer, Pädagogen, Dozenten und Wissenschaftler wie auch „Otto-Normal-Bürger“, Händler und Taxifahrer, Marktbesucher, passionierte Raucher, Einkaufstouristen und zahlreiche andere. Es fehlt allein an Platz und Zeit, um sie alle zu erwähnen. […] 1.1 Der Schmerz der Nachbarschaft Aus der zeitlichen Distanz kann man sich einige Tabubrüche leisten. Zu Beginn der 1990er Jahre war der Zivilisationsunterschied zwischen Polen und Deutschland, einschließlich der deutsch-polnischen Grenzregion, drastisch. Er hatte schon immer bestanden. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Volkseinkommen pro Kopf in der deutschen Bevölkerung siebenmal höher als in Polen. Zu DDR-Zeiten gab es keine verlässlichen Statistiken, aber wer den Alltag in der DDR und in Polen kannte, konnte schätzen, dass die Kaufkraft des durchschnittlichen DDR-Lohns (nominell etwa 40 Prozent mehr als in Polen) praktisch doppelt so hoch war. Aber nach der Wiedervereinigung wurde die Ostmark durch die Westmark ersetzt, der Durchschnittslohn stieg von 660 Ostmark auf fast 2000 Westmark, und der Unterschied zwischen diesem Lohn und dem Lohn in Polen betrug 10 : 1! Diese Ungleichheit war für alle spürbar, für die Polen vielleicht ein bisschen weniger. Sie waren es gewohnt, dass die Westler drastisch mehr verdienten. In der Grenzregion waren diese besser verdienenden Nachbarn plötzlich als Abnehmer von Waren und Dienstleistungen willkommene Gäste oder zumindest Gäste, denen gegenüber es angebracht war, Ressentiments zu verbergen. Die Ostdeutschen hingegen fielen oft einem schlimmen (allgemeinmenschlichen) psychologischen Phänomen zum Opfer: Aus dem Gefühl der Überlegenheit des eigenen Potentials (wirtschaftlich, politisch oder kulturell) erwächst oft ein allgemeines Überlegenheitsgefühl, das wiederum ein Gefühl der Verachtung für die Schwächeren hervorruft. Dies war in vielen Situationen zu spüren: bei Einkäufen, bei der Nutzung des öffentlichen 1.1 Der Schmerz der Nachbarschaft Die Anfänge 2222 Raums, bei privaten Gesprächen. Das bedeutete, dass ich unter Deutschen oft sehr viel Stress ausgesetzt war. Als vernunftveranlagter Mensch musste ich zustimmen oder die Äußerungen derjenigen tolerieren, die auf die Raffgier oder Unehrlichkeit meiner Landsleute hinwiesen. (Während meines 35-jährigen Lebens in Warschau wurde ich einmal Zeuge eines Ladendiebstahls, und in den ersten zwei Jahren an der hiesigen Grenze fanden in meiner Gegenwart vier Ladendiebstähle statt, die alle von meinen Landsleuten begangen wurden. Ich selbst habe zur Festnahme von zwei jungen polnischen Dieben beigetragen, und mein Sohn hat einen erwischt.) Andererseits erlebte ich als Pole eine starke Minderung des Selbstwertgefühls, d. h., ich fühlte mich durch die Gesamtsituation und ihre Wahrnehmung durch meine deutschen Freunde und Mitarbeiter einfach gedemütigt. Und damit war ich nicht allein. Fast alle Polen, die in der Grenzregion mit Deutschen zu tun hatten, beklagten sich darüber, dass die Deutschen arrogant und hochmütig waren und dass sie von diesen gedemütigt und sogar diskriminiert wurden. Sie wollten nicht wahrhaben, dass sie in den meisten Fällen gegen die von den Deutschen anerkannten Regeln (unter Umständen völlig unwissentlich) verstießen und dass für sie die gleichen Sanktionen galten wie für Regelbrecher in der deutschen Gesellschaft. Wo liegt im Übrigen die Wahrheit? Wo ist die Grenze zwischen der Durchsetzung des Gesetzes, der Anwendung moralischer Sanktionen und der unantastbaren Menschenwürde? Beim Überqueren der Grenze, in meiner Rolle als Vermittler zwischen polnischen und deutschen Teilnehmern im Rahmen der akademischen Zusammenarbeit und in meiner Freizeit mit deutschen und polnischen Freunden habe ich ständig über diese Frage nachgedacht. Als Jan C. Joerden, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, insbesondere internationales Strafrecht und Rechtsphilosophie, mir 1995 anbot, ein Kapitel in dem von ihm herausgegebenen Band „Diskriminierung an der Grenze“ zu schreiben, nahm ich dies gerne an und wählte den Topos des Grenzübertritts.2 Der Bürgermeister von Słubice erzählt im intimen Kreis, wie er einmal den Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) besuchte und an der Grenze angehalten wurde. „Wohin geht er?“, fragte ihn auf Polnisch der deutsche Zollbeamte. Er ließ dabei dem Sprachgebrauch aller deutschen Zollbeamten gemäß das Wort pan (Herr) weg und verwandelte damit eine höfliche Anredeform in eine, die beleidigend und erniedrigend wirkt. „Nach Frankfurt, ins Rathaus, ich habe dort einen Termin“, antwortete der Bürgermeister. „Zigaretten hat er dabei?“ Der Zollbeamte schien gar nicht vom Zielort des Besuches beeindruckt zu sein.“ „Nur eine Schachtel, für den privaten Gebrauch, angebrochen.“ „Soll zeigen!“ Der Bürgermeister holte eine halbvolle Zigarettenschachtel aus der Tasche. „Und was hat er dort, unter dem Mantel?“ „Nichts.“ „Soll zeigen!“ An dieser Stelle drängt sich uns ein Bild auf. Der Bürgermeister von Słubice mit dem exhibitionistisch weit ausgebreiteten Mantel ist ein Symbol der Ungerechtigkeit und der Diskriminierung an der Grenze, wie sie sich vom Osten her gesehen darstellt. Ein deutscher Lokalpolitiker wäre nie auf diese Weise behandelt worden. Dieses Symbol steht 2 Krzysztof Wojciechowski: Diskriminierung an der Grenze. Axiologische Topographie eines Tatortes. In: Diskriminierung – Antidiskriminierung. Hrsg. von Jan C. Joerden. Berlin/ Heidelberg: Springer 1996, S. 319–326, leicht gekürzt. Der Schmerz der Nachbarschaft 23 für unzählige Leidensgeschichten, die seit Jahrzehnten, und insbesondere seitdem die Oder zum Rio Grande Europas geworden ist, auf der östlichen Seite des Flusses im Zusammenhang mit der Grenze erzählt werden. Bezugspunkte für die stillschweigenden oder expliziten Bewertungen sind historische Erfahrungen, die Uniform und Kontrolle mit fremder oder entfremdeter Herrschaft assoziieren, die Zollvorschriften als unsinniges Hindernis im täglichen Kampf um die Existenz betrachten und die eigene Würde als einziges, autonomes Gut in der Flut der Niederlagen und Missgeschicke schätzen. Vom Westen her betrachtet ist unser Mann mit Mantel eine axiologisch neutrale Darstellung eines Arbeitsvorganges. Es gibt nun einmal Zollbestimmungen, und da es Personen gibt, die sich an Zollbestimmungen nicht halten, muss es Kontrollen geben. Die Erwägung weiterer Zweifel und Einwände wird durch die Fragen aufgehoben: „Hat der Bürgermeister sich als solcher ausgewiesen? Hat er seinen Grenzübertritt entsprechend früh und bei entsprechenden Stellen angekündigt? Hat er sich an alle in dieser Situation geltenden Regeln gehalten?“ Wenn wenigstens eine der Antworten negativ ausfällt, werden alle Diskriminierungsklagen und vorwürfe abgewiesen. Wir scheinen uns der ersten großen Frage zu nähern: Kann der intuitiv plausible Vorwurf der Diskriminierung dadurch abgewiesen werden, dass man auf die Nichteinhaltung der Spielregeln durch den– angeblich– Diskriminierten hinweist? Diese Frage scheint für unsere Problematik von zentraler Bedeutung zu sein, weil die Ostbesucher der Grenze den Grenzhütern auf westlicher Seite als notorische Regelbrecher erscheinen, was durch zahlreiche soziologische Umfragen, Leserbriefe in Lokalzeitungen, Kriminalitätsstatistiken und Äußerungen im Alltag belegt werden kann. Diskriminierung als Ausdruck „stammeszeitlichen Territorialdenkens“ Zunächst aber eine kleine soziopsychologische Flurbereinigung: In unserer Problematik gibt es eine Komponente, die wir einmal „stammeszeitliches Territorialdenken“ nennen wollen. Dieses Denken hat seine Wurzeln in den tierischen Anfängen der menschlichen sozialen Existenz und betrachtet die Mitglieder einer fremden „Herde“ als generell unfähig, die Regeln zu verwenden, die man selbst anerkennt. Im Prinzip geht es hier um eine axiologische Abwertung eines Fremden, wo dieser eher als Spielobjekt eigener Gruppeninteressen interpretiert wird statt als Partner. Am deutlichsten schildert dieses Problem der Anthropologe Jared Diamond, wenn er schreibt: „Die strengen Verhaltensregeln für die eigene Gruppe galten nicht für die ,anderen‘, jene Feinde von nebenan, von denen man kaum mehr als eine bloße Vorstellung hatte. Als ich in Neuguinea von Tal zu Tal wanderte, warnten mich Menschen, die selbst Kannibalen waren und noch vor einem Jahrhundert in der Steinzeit gelebt hatten, regelmäßig vor den unsagbar primitiven, abscheulichen und kannibalistischen Sitten der Menschen, denen ich im nächsten Tal begegnen würde.“3 Ergebnisse von soziologischen Untersuchungen bestätigen die These, dass Rudimente dieses Denkens auf beiden Seiten der Grenze vorhanden sind: Obwohl 50–90Prozent der Befragten die Öffnung der Grenze und die damit einhergehenden Veränderungen akzeptierten, konnten sich lediglich 2–3Prozent vorstellen, einen Menschen von jenseits der Grenze als Familienmitglied zu akzeptieren.4 Den Fremden kann man dulden und ausnut3 Jared Diamond: Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen. Frankfurt am Main: Fischer 1994, S. 373. 4 Lisiecki Stanisław: Otwarta granica Raport z badań na pograniczu polsko-niemieckim 1991–1993, Poznań 1995, S. 300. Die Anfänge 30 Universitäten organisierten Prüfungen erbracht werden sollten) und subjektive Vorbehalte in der polnischen Öffentlichkeit. Einer der ersten Vorbehalte, der aus dem rechten politischen Spektrum geäußert wurde – die Deutschen nehmen die polnischen Studentinnen und Studenten so gerne auf, weil sie sie germanisieren wollen –, löste sich schnell in Luft auf. Geblieben ist jedoch das Odium der Provinzialität, das über Frankfurt und Słubice und der gesamten deutsch-polnischen Grenze schwebte. Schon damals, einige Jahre vor dem EU-Beitritt Polens, träumten polnische Eltern davon, dass ihre Kinder in Oxford oder an der Sorbonne studierten oder, wenn nicht, dann wenigstens in Warschau oder Krakau. Aber Frankfurt an der Oder? Als Leiter des akademischen Auslandsamts der Viadrina war ich für die Betreuung und auch für die Anwerbung polnischer Studienkandidaten zuständig. In Fernsehauftritten und Presseinterviews in Polen argumentierte ich folgendermaßen.5 Den polnischen Studierenden oder Kandidaten zum Studium würde ich sagen: „Das, was ihr wirklich in Frankfurt an der Oder lernt, ist viel mehr als das, was in Studienprogrammen steht. Nur 30Prozent davon, was ihr lernt, bieten die Studiengänge an. Was ihr neben dem Studium habt, bezieht sich erstens auf den Umgang mit Vertretern einer anderen Nation – das ist sehr wichtig. Dieser enge Umgang mit einem anderen Volk, mit einer anderen Kultur erlaubt es, sich selbst in einem anderen, kritischen Licht zu sehen. Zweitens verkehrt ihr sehr eng mit einem Volk, mit einer Nation, die aus unerklärlichen Gründen schon seit Jahrhunderten effizienter ist als das polnische Volk– und das ist sehr wichtig, das kann man nicht leugnen. Man kann sich diese Effizienz aneignen und für die eigenen Bedürfnisse modifizieren– und das ist eine einmalige Chance. Und drittens studiert ihr unter Bedingungen, die euch durch eine hochentwickelte Gesellschaft angeboten werden, eine Gesellschaft, die viel intensiver und geschickter mit den modernsten Technologien, Kommunikationstechniken umgeht, die viel geschickter und intensiver gewisse Tricks im Bereich der Organisation der Arbeit, des Alltags anwendet und die auch seit vielen Jahren in einer demokratischen Rechtsordnung lebt und gewisse Wege schon ausprobiert hat. Dieser pragmatische Ratschlag hing mit einem anderen Aspekt der Realität zusammen. Die Zeit nach der Wende initiierte im geistigen Leben Mittelosteuropas neue politische Strömungen. Die an der Oberfläche spektakulärste war natürlich der Wille von Millionen, zu „Europa“ zu gehören. Diesen Begriff schreibe ich in Anführungsstrichen, da er damals absolut diffus war. Einige verstanden darunter den westlichen Lebensstil und den Wohlstand, andere das NATO-Militärbündnis, das System der liberalen Demokratie, die kapitalistische Wirtschaft, ziemlich wenige die Zugehörigkeit zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Pointiert hat der polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski diese diffuse Vorstellung ausgedrückt: „Wir wollen in der ersten Liga spielen!“ Aber das offenbarte nur die Oberfläche des sozialen Lebens. Unter ihr wirkten zivilisatorische Prozesse, die erst später thematisiert, benannt und unter Um5 Cornelia Winkel/Hartmut Matzat/Krzysztof Wojciechowski (Hrsg.): Viadrina. Die neuen Frankfurter Studenten 1992–1997. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 1998, S. 183. Die (jungen) Menschen blicken auf 31 ständen soziologisch untersucht worden sind. Merkwürdigerweise setzten einige dieser Prozesse schon früher ein, bevor die politische Wende begann. In diesem Sinne hätten sie vielleicht das ganze Gemäuer des Ostblocks, des kommunistischen Herrschaftssystems untergraben. Einer dieser Prozesse war die Abkehr der jungen Generation von den großen geschichtsphilosophischen Narrativen des 20. Jahrhunderts. In den 1970er und 1980er Jahren stritt die junge Generation darüber, ob der Sozialismus/Kommunismus besser und zukunftsträchtiger sei als der Kapitalismus, ob man den Frieden durch einen konsequenten Pazifismus oder durch das Kräftegleichgewicht besser festigen könne, und was eigentlich die wahre Demokratie bedeute. In einem Interview zur Lage der ersten Generation der Viadrina-Studierenden sagte ich:6 Ich habe den Eindruck, dass die Studierenden etwas anders sind [als damals zu meiner Studienzeit], nur fällt es mir schwer zu sagen, warum sie anders sind. Sind sie anders, weil sie hier an der Viadrina studieren oder weil sie Deutsche sind oder weil sich die Zeiten geändert haben? Wenn ich mit meinen Kollegen aus Warschau spreche, so sagen sie auch, die Studierenden am Institut für Philosophie seien ganz anders als vor einigen Jahren. Erstens sind sie keine Idealisten, keine Weltverbesserer mehr, d. h., noch vor zehn Jahren haben die Studierenden davon geträumt, dass sie mit Hilfe von Wissens die Welt verbessern, dass sie neue Philosophien entwickeln. Heute träumen sie nicht mehr davon. Dafür wissen sie viel besser, was sie wollen. Sie wissen viel besser, welche Ziele sie kurzfristig erreichen wollen. Sie sind viel besser vorbereitet auf die Übungen und verlangen auch viel mehr von den Dozenten. Es scheint einfach eine neue Zeit der Pragmatiker gekommen, die sich in einem viel flacheren Spektrum bewegen als früher, die aber in diesem Spektrum viel effizienter sind. Das dürfte europaweit der Fall sein. Aus der Perspektive meines Faches, der Philosophie, muss ich sagen, dass Europa in den letzten zwei Jahrzehnten keine wirklich bewegende Philosophie mehr hervorgebracht hat, auch die USA nicht. Ich weiß nicht, wie das zu interpretieren ist. Noch in den 1970er Jahren liebte man die Philosophie, die philosophischen Thesen, man hat gestritten. Heute streitet man nicht, und es bewegt keinen.“ Über die Studierenden der Viadrina und das Schicksal ihrer ersten Generationen ist schon viel geschrieben worden. Aus Gründen der politischen Korrektheit wurde nur sehr wenig über das damals vorherrschende Thema geschrieben – die allgemeine Einstellung zum Studium. In den Augen der Deutschen (und sozusagen in den Augen des vorherrschenden Studienparadigmas in Westeuropa) galten die polnischen Studierenden als „große Schüler“. Nach den Seminaren arbeiteten sie viel, lernten, paukten und verfügten dadurch über ein großes, enzyklopädisches Wissen. In den Seminaren selbst sprachen sie jedoch nur selten, und wenn, dann nahmen sie eine konformistische Haltung gegenüber den Dozenten ein, d. h., sie sprachen so, dass sie die vermuteten Erwartungen des Dozenten erfüllten, anstatt ihre eigene Meinung zu äußern. Die deutschen Studierenden verhielten sich genau umgekehrt: Sie diskutierten im Unterricht heftig, hatten immer eine eigene Meinung parat, die aber nicht auf fundiertem Wissen beruhte. Die Polen sagten, 6 Ebd., S. 168. Die Anfänge 32 die Deutschen würden „an der Oberfläche schwimmen“. Diese Abneigung gegen das Pauken war nicht unbegründet: Die deutschen Studierenden widmeten sich in ihrer Freizeit viel häufiger sozialen und politischen Aktivitäten. Sie waren im Studierendenparlament (StuPa) und im AStA (Allgemeinen Studierendenausschuss) aktiv. Böse Zungen behaupteten, die Universität sei für sie ein Sandkasten des erwachsenen sozialen Lebens zu vergünstigten Bedingungen. Und da war etwas dran: Der durchschnittliche deutsche Studierende in den 1990er Jahren studierte sehr lange. Er verließ die Universität mit 27 Jahren, ein polnischer Studierender dagegen im Alter von 24 Jahren. Dieses Verhaltensmuster polnischer und deutscher Studierender wurde durch ein Verhaltensmuster Ossis gegenüber Wessis überlagert. Die aus Ostbrandenburg stammenden Ossis waren die zahlenmäßig stärkste Gruppe (ca. 60 Prozent), sie dominierten das StuPa und den AStA, hatten sehr linke Ansichten (ihre Aktivisten traten damals oft unter dem Banner der PDS auf) und standen dem Vereinigungsprozess kritisch gegenüber. Aus Gründen, auf die wir später noch eingehen werden, verteidigten sie ihr eigenes kollektives Selbstwertgefühl und das ihrer Eltern sowie die Würde der ehemaligen DDR-Bürger. Sie verbrüderten sich kaum mit den Polen (ca. 30 Prozent aller Studierenden). Ich hatte den Eindruck, dass sie die alten negativen Stereotypen gegenüber den Nachbarn aus dem Osten von ihren Eltern geerbt hatten, die natürlich durch die Grenzsituation der 1990er Jahre genährt wurden. Wessis gab es damals nur wenige (etwa 10 Prozent). Und diese waren eher so etwas wie Exoten, denn um vom Rhein, unter Umgehung von Heidelberg und Göttingen, zum Studium an die polnische Grenze zu kommen, musste man ein Exot sein. Aber genau diese Exoten waren es, die nach wenigen Jahren diese ursprüngliche Studentenlandschaft der Viadrina veränderten – eine Universität der drei Nationen: Ossis, Wessis, Polen. Einige initiierten die Studentenbewegung „Spotkanie – Begegnung“, die Polen in das Leben der Viadrina-Gemeinschaft einbezog, die das Studentenparlament im Sturm eroberte und die Verhältnisse in allen Studentenorganisationen veränderte. Als ich 25 Jahre später las, dass 103 Nationalitäten an der Viadrina studierten, staunte ich, dass sie sich von einer Universität mit 3 „Nationen“ zu einer Universität mit 103 Nationen entwickelt hatte. In den Anfangsjahren der Universität wurde von Journalisten kritisiert, dass diese großen Gruppen von Studierenden nicht miteinander interagierten, sich nicht integrierten, dass die polnischen Studierenden zusammenwohnten, gemeinsam zu den Vorlesungen gingen und sich in den Pausen in polnischsprachigen Gruppen zusammenfanden. Das war weitgehend richtig. Jeder Kontakt zwischen großen Gruppen von Menschen führt zu einem Gefühl der Entfremdung von den anderen, zu einer Tendenz der Isolation und zu Abwehrreaktionen bis hin zu offenen Aggressionen. Zwar kam es zu keinen offenen Konflikten zwischen den nationalen Gruppen der Studierenden, die Spannungen waren aber sichtbar. Außerhalb des universitären Lebens kam es zwischen jungen Männer (den Studenten und den lokalen „Platzhirschen“) zu Gewaltakten. In Słubice gab es einige Fälle, in denen Studenten schwer verprügelt wurden, aber niemand – außer mir Die (jungen) Menschen blicken auf 33 und den Betroffenen – kümmerte sich wirklich um diese Fälle. Für die Polizei, die mit einer ausufernden Grenzkriminalität konfrontiert war, waren Scharmützel zwischen jungen Männern keine Aufmerksamkeit wert. Für die Journalisten war es auch kein Thema – nur Jungs, die sich um eine Freundin, ein Bier oder einfach, weil sie Jungs seien, stritten. In Frankfurt hingegen hatte das Thema eine politische Dimension. Nach der Öffnung der deutsch-polnischen Grenze für den visafreien Verkehr in der Nacht vom 7. zum 8. April 1991 griffen Dutzende von rechten Skinheads, angereist aus ganz Deutschland, einen Bus an, der als Erster die Grenze unter den neuen Bedingungen überquerte, um ihre Abneigung gegen den Zustrom von Ausländern zu demonstrieren. Dass der Bus auf dem Weg von Deutschland nach Polen war und dass es sich bei den Fahrgästen nicht um Schmuggler, sondern um Musiker eines Sinfonieorchesters handelte, spielte für sie keine Rolle. Für Frankfurt, das aus diesem Grunde in den folgenden zehn Jahren als rechtsextremistisch bezeichnet wurde, und für die Presse war es jedoch von Bedeutung. Ich erinnere mich an Besuche von Journalisten bei mir im Büro des Leiters des Akademischen Auslandsamtes. Ein israelischer Journalist z. B. hielt mir ein Mikrofon unter die Nase und fragte: „Können Sie sagen, dass es im vereinten Deutschland ein Wiederaufleben des Faschismus gibt?“ Als ich die Frage verneinte, war er enttäuscht. Ebenfalls enttäuscht wegen einer ähnlichen Verneinung war ein polnischer Journalist, der erklärte: „Nach all diesen Überfällen ist es wohl an der Zeit, dieses gescheiterte Experiment zu beenden und die polnischen Studierenden aus Frankfurt abzuziehen.“ Ich erklärte den Journalisten, dass es sich um soziobiologische Interaktionen unter jungen männlichen Vertretern der Gattung Homo sapiens und nicht um ideologische Phänomene handele und dass sich alle nach einer Weile aneinander gewöhnen und zusammenarbeiten würden; zumal an diesen Schlägereien (etwa 15 in den ersten zehn Jahren) auch Personen deutscher Nationalität (darunter der Sohn eines Professors) und ausländische Nichtstudenten beteiligt waren. Am meisten fielen den Angreifern die polnischen Studenten auf, weil sie sich in Gruppen auf dem regulären Weg zwischen dem Universitätsgebäude und dem Grenzübergang bewegten und Polnisch sprachen. Im Nachhinein betrachtet hatte ich natürlich Recht. Aber ich habe einen hohen Preis dafür bezahlt. Die polnischen Studenten wollten, dass ich sie verteidige, indem ich Erklärungen über den Faschismus abgab und die Polizei aufforderte, Frankfurt zu befrieden, anstatt der Öffentlichkeit zu erklären, dass sich das Problem von selbst lösen würde, und den Studenten zu raten, sich im nächsten Geschäft zu verstecken. In ihren Kreisen wurde ich bald als eine Art „Verräter“ betrachtet – ein Vorwurf, der mir lange nachhing. Trotz der Spannungen zwischen den studentischen Gruppen, trotz der Vorurteile und des Misstrauens hat die Idee der Universität – etwas pathetisch ausgedrückt – Köpfe und Herzen erobert. Die 1990er Jahre waren für Mittelund Osteuropa ein großer Energieschub nach dem Zusammenbruch der verknöcherten kommunistischen Strukturen, die Zeit der großen Hoffnungen auf Demokratie und freie Marktwirtschaft und in Ostdeutschland auf die Wiedervereinigung. Die Klammer, die das alles zusammenhielt, war die europäische Idee. Die Anfänge 34 Europa war für alles gut: für Nationalismus, für Provinzialität, für soziale Unterschiede, für Minderwertigkeitskomplexe und Überlegenheitsgefühle, auch für die Reue über historische Schuld. In Ostdeutschland bedeutete die Wiedervereinigung zwar für Millionen von Menschen eine Statusverschlechterung, doch die meisten von ihnen sahen eine „Entschädigung“ darin, gleichberechtigte Bürger eines vereinten Kontinents zu sein. In Polen war dieser Wunsch noch stärker ausgeprägt. Im Jahr 1994 beantragte Polen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und nahm bereits 1997 Beitrittsverhandlungen auf. Im Jahr 2003 fand in Polen ein Referendum über den EU-Beitritt des Landes statt, bei dem sich bei einer für polnische Verhältnisse hervorragenden Wahlbeteiligung (59 Prozent) 77 Prozent der Wähler für Europa aussprachen. Parallel zu meinen Aufgaben an der Viadrina – bis 1994 die Leitung des Akademischen Auslandsamtes, seit 1995 als Verwaltungsdirektor des Collegium Polonicum – fühlte ich mich verpflichtet, den Menschen die Europäische Union zu erklären, welche Hoffnungen und Gefahren mit ihr verbunden waren. An der „Universität des Dritten Lebensalters“ (in Deutschland „Seniorenakademie“) hielt ich 1999 in Zielona Góra die folgende Rede:7 Der Traum von Europa und was aus ihm geworden ist Es wird nicht fehl am Platz sein, wenn ich an der Universität des Dritten Lebensalters meinen Vater seligen Angedenkens erwähne, einen Menschen vom alten Schlag mit reicher Lebenserfahrung. An ihn erinnerte mich vor ein paar Wochen ein Freund, der, als er noch aufs Gymnasium ging, meinem Vater einst auf der Straße begegnet war. Zwischen ihnen entspann sich damals ein Gespräch, bei dem mein geschätzter Vater sagte: „Leider, Herr Konrad, sowohl Sie als auch Krzysztof (also ich), ihr werdet noch einmal in den Krieg ziehen, denn mein Großvater und mein Vater mussten das tun, auch ich tat es, und euch erwartet das ebenfalls.“ Mein Freund führte das als eine Anekdote über sonderbare Ansichten alter Menschen an. Ich antwortete ihm, dass diese Ansichten im Falle meines Vaters doch die Summe seiner Lebenserfahrung bildeten, denn geboren wurde er noch als Untertan des russischen Zaren, in der Schule musste er Krylows Fabeln auf Russisch auswendig lernen, als zehnjähriger Junge rannte er auf dem Feld dem ersten Flugzeug hinterher, das über Zentralpolen hinwegflog. Danach erlebte er den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, er entwaffnete deutsche Okkupanten, erlebte die Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Polens. Danach überlebte er wie durch ein Wunder den Zweiten Weltkrieg und erfuhr am eigenen Leib jede der aufeinanderfolgenden Verkörperungen des Kommunismus. Und als er dieses irdische Jammertal nach einem achtzigjährigen Leben verließ, schlug Polen den Weg der Demokratie ein und begann ein neues Kapitel seiner Geschichte. In diesem Licht erscheinen die Wende in Polen, die unblutige Revolution und die sich in Europa vollziehenden Veränderungen, vor allem aber der Prozess der Erweiterung der Europäischen Union, als ein wahres Wunder. Was ist das eigentlich, das vereinigte Europa? Welche Ziele schweben ihm vor? Welche Werte stehen dahinter? 7 Tore zum Paradies? Prämissen und Konsequenzen des Beitritts Polens zur Europäischen Union. Eröffnungsvorlesung zum Beginn des akademischen Jahres 1999/2000 der Universität des Dritten Lebensalters in Zielona Góra. Unveröffentlichtes Manuskript. Leicht gekürzt. Die (jungen) Menschen blicken auf 35 Dem Anschein nach wissen wir das alle. Selbst ein beliebiger Passant auf der Straße würde mindestens drei Grundwerte aufzählen: Ein vereinigtes Europa bedeutet dauerhaften Frieden, eine stabile Demokratie und Wohlstand für alle. Aber es stellt sich die Frage, ob wir tatsächlich die riesige Mühe einer wirtschaftlichen Umgestaltung, der Anpassung des Rechts, der Öffnung für den Gemeinsamen Markt und somit eine scharfe und brutale Konkurrenz auf uns nehmen müssen, ob es sich lohnt, die Souveränität des polnischen Staates zu beschneiden und– was vielleicht am schmerzhaftesten sein wird– dem Gemeinsamen Markt einige Millionen Landwirte zum Fraß hinzuwerfen, um Frieden, Demokratie und Wohlstand zu erreichen. Ronald Reagan sagte einst– was von Intellektuellen mit einem nachsichtigen Lächeln quittiert wurde–, es sei in der Geschichte noch nie vorgekommen, dass zwei demokratische Staaten gegeneinander Krieg führten. Bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, dass sich Fälle von Kriegen, die von demokratischen Staaten ausgelöst wurden, tatsächlich an den Fingern einer Hand abzählen lassen. Wahrscheinlich ist es so, dass die aggressiven Motive, von denen sich in jeder Gesellschaft gewisse Gruppen leiten lassen, in der Demokratie nach innen gekehrt werden, in einen inneren Kampf um Macht nach sanften Regeln. Also ist Europa vielleicht nur Demokratie und Wohlstand? Die Union, d. h. die überstaatliche Vereinigung, scheint ebenfalls eine für die Demokratie notwendige Bedingung zu sein. Schließlich entwickelten sich die ältesten Demokratien, wie die in der Schweiz und die in Großbritannien oder auch die jüngere US-amerikanische, in Isolation und in gewissem Maße auch dank dieser Isolation. Die Union ist also für die Demokratie nicht notwendig. Mehr noch, die Union schadet bestimmten Formen von Demokratie. Im vereinigten Europa haben die Nationen kein Recht auf große Erhebungen des Geistes oder auf beflügelnde Ideen. Sie sind zu einem gemäßigten, innenpolitischen, parlamentarischen Spiel verpflichtet, in dem der Gegner nicht fallen darf, sondern am Leben erhalten wird, selbst wenn er wehrlos ist und nichts Substantielles anzubieten hat. Das vereinigte Europa ist ein für den politischen Durchschnitt geschaffenes System, in dem kein Platz ist für Menschen vom Format eines de Gaulle oder Churchill, denen man alles vorwerfen kann, nur nicht, dass sie Demokraten waren. Daher geht es im Prozess der Vereinigung nicht wirklich um die Demokratie. Dann vielleicht um den Wohlstand, den letzten Wert der Großen Drei? In Polen vielleicht, aber die wirklich reichen Länder wie Deutschland, die Niederlande, Belgien, Dänemark und in gewissem Sinne auch Frankreich zahlen mehr ein, als sie zurückbekommen. Trotzdem sind sie Teil des vereinigten Europa, mehr noch: Gerade sie waren es– mit Ausnahme Dänemarks–, die das vereinigte Europa begründeten. Worin besteht also das Geheimnis? Ich weiß wirklich nicht, wo die tiefste Motivation für die kontinentale und globale Integration zu finden ist. Wir sehen, wie sich weltweit die nationalen Grenzen lockern, Waren, Gelder, Menschen und Ideen fast überall ungehindert zu fließen beginnen. Dieser Trend erfasst den gesamten Globus– auch wenn er woanders nur eine schmale gesellschaftliche Schicht betrifft, die ihre Verhaltensweisen, ihre Ziele, ihren Lebensstil und ihr Aussehen vereinheitlichen und sich dadurch immer mehr von den unteren Schichten unterscheiden. Ein junger IT-Spezialist aus Bangalore, der Hauptstadt des Staates Karnataka in Indien, des dortigen Silicon Valley, ähnelt in allem seinem Kollegen aus Kalifornien oder Tokio, in nichts aber dem indischen Jungen, der ein paar hundert Meter von seinem Haus entfernt sein Feld bestellt. Vielleicht werden die Wissenschaftler in 50 oder 100 Jahren, nachdem sie gigantische Berechnungen durchgeführt haben, die Theorie aufstellen, dass sich der Die Anfänge 36 Mensch in seinen unbewussten Unternehmungen vom Prinzip der Optimierung der Energieverausgabung in den einzelnen Lebensbereichen leiten ließ– und dass der europäische Vereinigungsprozess am Ende des 20.Jahrhunderts sich mit einer mathematischen Gleichung beschreiben lässt, die z. B. angibt, wie viel Millionen Joule pro Quadratkilometer verbraucht werden. Dieses Prinzip würde besagen, dass eine allzu große Anhäufung von Energie auf kleinem Raum in der Konsequenz bewirkt, dass sich diese so über den gesamten Raum ergießt wie der Zuckerguss über den Topfkuchen. Vielleicht kennen wir unsere tiefsten Motive und die Kräfte, von denen sie sich leiten lassen, gar nicht. Wir sind ein Teil des Lebensstroms, der diesen Planeten umfließt und die Kräfte des gesamten Kosmos bindet. Was über alle Zweifel hinweg in der tiefsten Dimension des sich vereinigenden Europas beobachtet werden kann, ist die Vereinheitlichung, das Vorgeben gemeinsamer Rahmenbedingungen, einer gemeinsamen Form der menschlichen Verhaltensweisen und, was daraus folgt, auch der materiellen Produkte und des Antlitzes der Erde, auf der die Menschen leben. Das vereinheitlichte Verhalten– das sind gleiche Spielregeln und Rechte. Und die vereinheitlichten Produkte werden im Einklang mit denselben Normen und Technologien hergestellt. Zum vereinheitlichten Antlitz der Erde gehören die Normen des Umweltschutzes, die Prinzipien der Raumgestaltung, gemeinsame Richtlinien für den Bau von Straßen und Wohnhäusern, die Anlage und Pflege von Parks und Gärten. Das sind aber auch– was am deutlichsten sichtbar wird– einheitliche Muster der Massenkultur. All dieser Vereinheitlichung schwebt– wie ein Leuchtturm oder eine chirurgische Lampe– ein Wert vor: Vollkommenheit. An dieser Stelle muss ehrlich zugegeben werden, dass die polnische Kultur in ihrer tausendjährigen Geschichte nur wenig perfektionistische Interessen hegte. Reinlichkeit und Ordnung, persönliche Kompetenz, Wissen, Bildung und Pflichtgefühl wurden bei uns immer nur gering geschätzt, viel höher dagegen die anderen beiden Werttypen: vitales Aufbegehren, Improvisation, das Aufstehen nach dem Fall durch einen gewaltsamen Willensakt– mit der Faust auf den Tisch hauen und mit blanker Brust dem Feind gegenübertreten. Geschätzt wurde auch das Vergnügen, sei es in seiner sozialen Version als Wärme des Familienund Gemeinschaftslebens, als Mitgefühl und Solidarität oder sei es in seiner individuellen Form als sarmatischer Genuss und epikureischer Hedonismus. Europa bringt uns diese Vollkommenheit, angeklebt an jeden geschenkten Euro. Sie verbirgt sich hinter jeder die Technologie, den Schutz der Umwelt oder der Finanzen betreffenden Vorschrift, sie schickt uns ihre Agenten, junge Manager in Anzügen und weißen Hemden. Europa hat unserer Tradition den Krieg erklärt und in hunderttausende Köpfe die Überzeugung eingeträufelt, dass die wichtigsten Ereignisse nicht bewaffnete Aufstände, Massenstreiks […] oder Straßenblockaden sind, sondern präzise vorbereitete Konferenzen, wo vor jedem Teilnehmer eine Tasse Kaffee mit einem delikaten Stückchen Schokolade liegt. Im schlimmsten Fall nimmt dieser Kampf die Form einer parlamentarischen Debatte an, in welcher Zorn, Wut und Aggression in wohlüberlegte Worte verpackt und in einer rituellen Intonation geäußert werden, die man erlernen kann, so wie man eine Fremdsprache erlernt, und statt aufeinander loszugehen werden Knöpfe gedrückt, die die Stimmen zählen. Diese Offensive des vereinigten Europa wird die polnische Kultur erschüttern, und das tut sie auch jetzt schon. So wird das 200-jährige Paradigma der auf die Nation und nicht auf den Einzelnen orientierten romantischen Kultur begraben, eine Kultur der Hingabe und des Brandopfers und nicht des geduldigen und klugen Verfolgens von Zielen. Und damit haben wir die erste große Herausforde- Die (jungen) Menschen blicken auf 37 rung für Polen, eine Herausforderung, die die Wirtschaft und das tägliche Leben, die Erziehung der Kinder sowie das Verständnis von Patriotismus umfasst. So ist unsere Zukunft in Europa eine kollektive und individuelle Bemühung um das Konstruieren neuer kultureller Muster, neuer moralische Bezüge und neuer Visionen von einem menschenwürdigen Leben. An dieser Stelle drängt sich von selbst eine Frage auf die Lippen, die sowohl still als auch im Ton der Kassandra von vielen Seiten gestellt wird: Werden wir unsere nationale Identität verlieren? Was aber bedeutet Identität? Diese philosophische Frage ist schwer zu beantworten. Schon etwas leichter wäre es, auf die Frage zu antworten: Wer ist jeder von uns? Aber nur scheinbar, denn die fundierte Antwort ist überraschend. […] Bevor wir zur Welt kommen, durchlaufen wir die gesamte Evolution, so als ob die Natur uns daran erinnern wollte, was unsere Wurzeln sind und dass in der Mitte eines jeden von uns die gesamte Geschichte der Lebewesen steckt. […] Unsere soziale, sich nach der Geburt gestaltende Identität weist eine ähnliche Schichtstruktur auf. […] Alle Schichten verbleiben in uns, keine geht verloren, so wie keine unserer biologischen Entwicklungsetappen verlorengeht. Die einzelnen Schichten leben, scheinen durch die äußeren Schichten hindurch und verleihen diesen eine einmalige, individuelle Gestalt. Man kann ein glühender polnischer Patriot sein und gleichzeitig ein seiner Wurzeln bewusster Schlesier, ein Lokalpatriot von Zabrze, irgendwo tief in der Seele ein Junge aus der Bahnhofsstraße, der erst im Alter versteht, dass er diese Straße in der Tiefe seiner Seele in Wirklichkeit nie verlassen hat. Aber für uns ist hier die Tatsache wichtig, dass nur die äußere Schicht der Identität eine Schicht der Konfrontation unserer Welt mit der nichtunseren Welt bildet, eine Frontlinie, somit eine Linie des Kampfes, eine Linie der Entladung unserer Aggressionen. […] Dieser Fluch der Identität, ihre blutigen Ränder, der ewig in Flammen stehende Horizont der Welt, dessen Teil wir sind, schien durch die Jahrhunderte ein untrennbarer Teil der menschlichen Natur zu sein. Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz bezeichnete diesen Fluch als „innerartliche Aggression“ und leitete ihn aus den Mechanismen der Evolution ab […]. Aus diesen Beobachtungen können wir für unser Thema zwei Schlussfolgerungen ziehen. Die erste lautet, dass man die nationale Identität nicht verlieren kann. Da man keine Etappe der biologischen Entwicklung verlieren kann, da in unseren Zellen immer noch der Urozean rauscht, in dem das Leben entstanden ist, da jede Schicht unserer Entwicklung, auch der sozialen und kulturellen, von einer nächsten Schicht überlagert wird und keine einzige beseitigt werden kann, denn das würde der natürlichen Ordnung widersprechen– wie kann man dann überhaupt an einen Verlust der nationalen Identität denken? Das, was passieren kann und in gewissem Sinne auch bestimmt passieren wird, ist die Überlagerung unseres Denkens, Fühlens und Verhaltens durch eine weitere Schicht. Diese Schicht wird dünn und transparent sein, gewebt aus den neuesten Kommunikationstechniken, aus einem Wissen, das aus Informationssystemen stammt, unterfüttert von mehr oder weniger guten Fremdsprachenkenntnissen und durchdrungen von allgemeineuropäischen Moden oder Snobismen. Glänzen werden in ihr synthetische Edelsteine solcher Lebensziele wie ein Häuschen mit Garten, ein großes Auto für den Gatten und ein kleineres für die Gattin, ein guter Lohn für gute Arbeit, der Urlaub auf Mallorca, ein Studium für die Kinder in Deutschland oder England. Diese kleineuropäische– um nicht zu sagen kleinbürgerliche– Ideologie kann leidenschaftliche Auswüchse annehmen in Gestalt eines ökologischen Bewusstseins oder der Mission, armen Menschen zu helfen. Aber im Grunde genommen wird sie niemanden zu größeren Erregungen oder Aufschwüngen des Die Anfänge 38 Geistes bewegen. […] Nur eines wird es nicht mehr geben: öffentliche Äußerungen von den von Natur aus bösen Deutschen, den wollüstigen Franzosen und den hochmütigen Briten. Wir werden all diese Menschen, Hans, Jean-Pierre und John, kennenlernen, mit ihnen Geschäfte machen und gemeinsam den Urlaub verbringen. […] Was sollte auch schlecht daran sein? Doch wohl nichts, denn schließlich kann doch nicht ernsthaft bereut werden, dass die nationale Identität ihre Funktion als Droge verliert, weil diese Funktion untrennbar mit dem bisherigen Fluch der Geschichte verbunden ist: mit der Aggression großer Gruppen, mit Krieg und Leid. Und damit sind wir bei der zweiten Schlussfolgerung unserer Betrachtungen angelangt, die weniger sicher und weniger optimistisch ausfällt. Wenn die Identität uns immer Anderen gegenüberstellt, wer werden dann für uns Europäer „die Anderen“ sein? Logisch gesehen müssten wir uns dann in unseren Ressentiments gegen diejenigen stellen, die außerhalb unseres vereinten Europa leben. Und tatsächlich: Die Franzosen äußern sich nicht mehr gegenüber den Briten negativ, wie sie das seit hunderten von Jahren taten, sondern gegen die US-Amerikaner. Ihrer Ansicht nach kommt aus den USA kulturelle Verderbnis, Kitsch und Massenware. Oder wir wenden uns gegen die Muslime, wie es die europäischen Mittelmeerländer tun– oder am besten gleich gegen unsere nächsten Nachbarn, die Russen, um ihnen die Mitgliedschaft in der zivilisierten Völkerfamilie abzusprechen? Oder haben wir vielleicht schon eine höhere Stufe erreicht, was eine Wende in der gesamten Menschheitsgeschichte bedeuten würde: Vielleicht erlöschen in uns überhaupt alle aggressiven Triebe? Gewisse Gründe sprechen dafür. Eine globale Gesellschaft ist im Entstehen begriffen, deren Mitglieder sich bewusst sind, dass jeder Konflikt Verarmung und die Zerstörung von Existenzen mit sich bringt. Aber das wäre wohl allzu schön, um wahr zu sein. Eine wahre Vereinigung der Menschheit ist nur in der Science-Fiction möglich. Also ist der Weg nach und weiter mit Europa noch keineswegs zu Ende. Selbst wenn wir Europa beitreten, werden wir weiterhin durch schon irgendwo abgesteckte, aber noch von Nebel verhüllte Wege der historischen Entwicklung reisen. An dieser Stelle müssen wir wohl die Philosophie verlassen und über konkrete Dinge sprechen […]. Ein besonderes Problem stellt die polnische Landwirtschaft dar. Spezialisten schätzen, dass sich von den zwei Millionen polnischen Bauernhöfen 400.000 wahrscheinlich modernisieren lassen und einen großen Nutzen vom EU-Beitritt ziehen werden, weil sie dann z. B. Exportmöglichkeiten für einen riesigen Markt bekommen. 600.000 Bauernhöfe werden ihren Status beibehalten, aber etwa eine Million werden keine Chance haben, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. Was soll aus ihnen werden? Was wird aus den drei bis vier Millionen Menschen, die davon leben? Das ist wohl die größte Herausforderung, vor der Polen steht. […] Die Zukunft wird zeigen, ob unsere Regierung und die polnische Gesellschaft imstande sein werden, dieses enorme Unternehmen [der Umstrukturierung der Landwirtschaft] in Ruhe und Frieden durchzuführen, oder ob die sozialen Veränderungen inmitten von Straßenblockaden, Prügeleien mit der Polizei, gegenseitigen Anschuldigungen und gesellschaftlicher Frustration stattfinden. Die Beschäftigten in der Landwirtschaft bilden nur ein Beispiel, wenn auch das spektakulärste, für die Gefahren, die die Modernisierung des Landes für gesellschaftliche Gruppen ohne Kapital mit sich bringt. Gefährdet sind Rentner in ihrem Lebensstandard, Lehrer, unqualifizierte Arbeiter, Angestellte der staatlichen Administration sowie das Pflegepersonal. Allen diesen Gruppen kann es nach dem Beitritt zur Union Die (jungen) Menschen blicken auf 39 schlechter ergehen. Eines ist sicher: Es wäre eine verpasste Gelegenheit, wenn Polen diese historische Chance nicht nutzt– eine Chance, die organisatorisch wie materiell helfen könnte, die Probleme der Menschen zu lösen. […] Und hier, meine sehr verehrten Hörer der Universität des Dritten Lebensalters, eröffnen sich für euch neue Handlungsfelder, auf denen ihr brillieren könnt. […] Ihr habt Werkzeuge, deren Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ihr verfügt über Lebensweisheit und Lebenserfahrung, die, wie wir bereits erwähnt haben, einen Großteil der Zeit umfasst, welcher viel weiter zurückreicht als nur eine Staatsform, ein System, eine oder einige Regierungen. Ihr verfügt über einen Schatz an Weisheit, mit dem ihr die Jüngeren und Unerfahrenen beschenken könnt. Ihr wollt euch weiterbilden, also seid offen für Neues! Mit eurem Leben habt ihr bewiesen, dass ihr eure Familien und Freundschaften durch alle Stürme hindurchretten konntet. […] Helft Polen auf dem neuen Weg seiner Entwicklung, denn ihr seid diejenigen, die die Gesellschaft am besten vor großen Fehlern warnen könnt! Diesen fast 25 Jahre alten Text aus einer Zeit, in der die Welt noch hoffnungsvoll in die Zukunft blickte, lese ich mit gemischten Gefühlen. In zwei Punkten habe ich mich gänzlich geirrt: in der Frage der Landwirtschaft und in der Rolle der ältesten Generation der Polen. Zum einen konnten polnische Unterhändler vor dem EU-Beitritt 2004 sehr günstige Subventionen für die polnische Landwirtschaft erkämpfen. Dies hat die Gemüter besänftigt, aber den Prozess der Umstrukturierung und Modernisierung praktisch für zwei Jahrzehnte eingefroren. Das Damoklesschwert hängt damit weiter über der polnischen Landwirtschaft. Wer weiß, ob die Subventionen unter den Bedingungen der Inflation ihre Bedeutung aufrechterhalten werden können, und wer weiß, ob das extrem billige und in großen Mengen vorhandene Getreide aus der Ukraine nach der Assoziierung und dem eventuellen Beitritt dieses Landes den polnischen Landwirten den Garaus machen wird. Zum anderen habe ich die politische Bedeutung der ältesten Generation vollkommen fehleingeschätzt. Diese Generation wurde durch die stürmische Modernisierung Polens an den Rand gedrängt und sah sich einer Realität gegenüber, die für die Älteren kaum noch begreifbar war. Ihre Weisheit, die jahrhundertelang ihren besonderen Stellenwert in der Gesellschaft garantierte, war plötzlich unbrauchbar und schien durch die Flut von Informationen, visuellen Reizen und schillernden Denkmustern eher ein kompromittierender Ballast zu sein. Um ihr Selbstwertgefühl zu retten, wandten sie sich massiv den drei sichersten und einfachsten Quellen der Selbstaufwertung zu: der nationalen Identität, der Religion und den vergangenen Lebensweisen. So entstand eine große Spannung zwischen den neuen Lebensstilen und der alten Geborgenheit. Diese Spannung nutzten politische Kräfte, die in jeder Gesellschaft aus Spannungen, Energieschüben und selbst regelbrecherischen Kraftakten ihr Label machen – die sogenannten Populisten. Diese neue politische Strömung, die auf der Welle der sozialen Frustration ritt, gelangte in Polen – und auch in anderen Ländern – dank der Stimmen der Frustrierten an die Macht. Mit nationalkonservativer Rhetorik und gewaltigen Geldtransfers an die Schwachen demontierten die Populisten die Vollkommenheitsträume. Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 46 veranstaltungen oder einfach nur am Trampen teil. Sie beteiligten sich auch an Schüleraustauschprogrammen, Kulturveranstaltungen und Jugendprojekten. Die psychosoziale Situation der deutsch-polnischen Nachbarschaft verbesserte sich jedoch aufgrund der kurzen Zeit der Öffnung sowie der nachfolgenden politischen Differenzen und wirtschaftlichen Ressentiments nur wenig. 3. Das Jahr 1980 brachte eine drastische Verschlechterung der Atmosphäre an der deutsch-polnischen Grenze und in der Nachbarschaft. In der Zeit der offenen Grenze kauften die Polen in der DDR ein und füllten die Versorgungslücken auf dem polnischen Markt mit DDR-Waren. In einigen Bereichen war der DDR-Markt geradezu verwüstet. Die Behörden ließen es aufgrund des „proletarischen Internationalismus“ nicht zu, dass die Bürger ihre Unzufriedenheit öffentlich artikulierten – dennoch wuchs sie unterschwellig an. Als in Polen Streiks ausbrachen und die Bewegung Solidarność entstand, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen forderte, begegnete ihr die DDR-Gesellschaft vor allem mit Skepsis und Ablehnung. Wirtschaftliche Ressentiments wurden mit wiedergekäuten Stereotypen rationalisiert: „Die Polen sind faul und unmoralisch, also streiken sie, statt – wie wir – mit harter Arbeit nach Wohlstand zu streben.“ Die DDR-Behörden befürchteten, dass der Solidarność-Virus über die Grenze springen würde, und nutzten die Stimmung in der Bevölkerung aus, indem sie die Grenze schlossen. Von nun an konnte man nur noch auf Einladung von Betrieben, Reisebüros oder aufgrund einer von der Polizei bestätigte private Einladung in das Nachbarland reisen. In der Praxis bedeutete dies ein Einfrieren der privaten Kontakte, die sich erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre langsam lockerten. 4. Der tiefgreifendste Grund für die unangenehme Atmosphäre im Grenzland lag – im weitesten Sinne – in der zivilisatorischen Sphäre. Zwischenmenschliche Kontakte werden typischerweise begünstigt durch eine behagliche und einladende Umgebung: ein warmes Klima, schöne Landschaften, eine gefällige Architektur, freundliche Alltagsrituale und intime Orte der Kommunikation wie Cafés, kleine Gassen und Kneipen. Doch all dies war in der deutsch-polnischen Grenzregion nicht vorhanden, ganz im Gegenteil. Der vorherrschende sozialistische Baustil mit ihren breiten Straßen und verstreuten Betongebäuden im obligatorischen Grau sowie die unzureichenden Freizeitangebote ließen die Stadt Frankfurt an der Oder für junge Menschen außerhalb der DDR und Osteuropas wenig attraktiv wirken. Auf der polnischen Seite war es noch schlimmer. Unter der sozialistischen Kühle lagen die nicht verheilten Wunden des Zweiten Weltkriegs: Kriegsschäden, ein Bevölkerungsrückgang im Vergleich zur Vorkriegszeit und der Zustrom von Menschen, deren Lebensgewohnheiten nicht zur städtischen Infrastruktur passten, prägten die Situation. Der durchschnittliche Słubicer in den ersten Nachkriegsjahren stammte aus einem ländlichen Gebiet, das 1000 Kilometer entfernt lag, wo die Häuser aus Holz gebaut und mit Strohdächern bedeckt waren. Annehmlichkeiten wie fließendes Was- Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 47 ser oder überdachte Toiletten waren unbekannt. Dazu kam das Gefühl der Vorläufigkeit: Ein großer Teil der Umsiedler lebte in der Überzeugung, dass „die Deutschen eines Tages wieder hierher zurückkommen“ würden, und erst die nächste Generation begann, neue Häuser zu bauen und die alten zu renovieren. All das führte dazu, dass sich die Grenzgebiete Westpolens, abgesehen von den größeren Städten, in einem Zustand des Verfalls befanden. Für mich, der ich in Warschau geboren und aufgewachsen bin und den Süden, den Norden und den Osten des Landes kannte, war der Zustand der westlichen Provinzen ein echter Schock: verfallende Gebäude, bröckelnde Fassaden, Straßen, die ins Nichts führten, wahllos zwischen die klassische Stadtstruktur des 19. Jahrhunderts gebaute Wohnblöcke, ein Chaos von Baustilen, Menschen, die im öffentlichen Raum ästhetisch völlig verloren schien. Dies erweckte einen deprimierenden Eindruck und ließ Zweifel daran aufkommen, ob ein künftiges Universitätsprojekt in diesem Umfeld erfolgreich sein könnte. (Inzwischen bin ich, nachdem ich mich mit anderen Regionen beschäftigt habe, in denen es zu einem Bevölkerungsaustausch gekommen ist, zu der Überzeugung gelangt, dass sich diese Traurigkeit und Hässlichkeit sozusagen von selbst entstehen.) Und in diesem Umfeld sollte eine europäische Universität mit internationalem Charakter ins Leben gerufen werden? Zweifelhaft, eher unwahrscheinlich. Aber sie ist doch entstanden! Und die Tatsache, dass hier Menschen aus 106 Nationen leben, ist, trotz aller Vorbehalte, eine bemerkenswerte Leistung. Wie war das möglich? Um diese Frage zu beantworten, springen wir ins Jahr 2008, als am 13. Oktober das 15-jährige Bestehen des Collegium Polonicum gefeiert wurde. Zu diesem Anlass hielt ich eine Rede9, in der ich – selbstverständlich – vorwiegend von der Einrichtung sprach, die ich mit aufgebaut und auch geleitet habe. Zugleich erläuterte ich dem Publikum die sieben Kriterien einer fortgeschrittenen grenzüberschreitenden universitären Zusammenarbeit. […] Am 27.Februar 1991, nach meinem Bewerbungsgespräch im Gründungsbüro der Viadrina in Frankfurt (Oder) beschloss ich, einmal nach Słubice hinüber zu gehen. Nachdem ich die eingehende Passkontrolle auf der Brücke sowie das Spalier der Zigarettenschmuggler, die dort auf eine Gelegenheit warteten, diverse Taschen mit Schmuggelgut auf die Frankfurter Uferpromenade werfen zu können, hinter mir gelassen hatte, kam ich in eine Stadt, die auf mich einen niederschmetternden Eindruck machte: eine chaotische Bebauung, graue, bröckelnde Fassaden, kaputte Gehwege, und direkt an der Brücke, dort, wo heute das Collegium Polonicum steht, befand sich eine schäbige Bierstube, voll mit finsteren Typen. Und in dieser Stadt sollten Studierende der Europa-Universität Viadrina, ja Studierende aus ganz Europa wohnen? Auch als Anfang 1993 die Idee entstand, für Studierende der Viadrina die Möglichkeit zu schaffen, polnisches Recht zu studieren (Ausbildungsort sollte das Słubicer Kulturhaus „SMOK“ sein), waren meine Zweifel nicht kleiner geworden. Es gab zwar 9 Krzysztof Wojciechowski: Quo vadis Collegium Polonicum? Einführungsvortrag zur Festsitzung aus Anlass des 15-jährigen Bestehens des Collegium Polonicum. 15 Jahre Collegium Polonicum. Eine Bilanz. 2008. Unveröffentlichtes Manuskript. Gekürzt. Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 48 bereits die Idee eines Collegium Polonicum, beschrieben in einem Memorandum von Waldemar Pfeiffer an die Senate der Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań (AMU), doch war weiterhin unklar, wie diese Idee konkret realisiert werden sollte. Ganz real hingegen war das Problem, dass in Słubice niemand über eine ausreichende Menge an Tischen und Stühlen verfügte, um überhaupt Lehrveranstaltungen für 70 Studierende durchführen zu können. Im April 1993, als die Entscheidung über den Architektenwettbewerb anstand, der von der Posener Universitätsleitung ausgeschrieben worden war, wurden mir zum ersten Mal das Ausmaß und die Bedeutung des Vorhabens bewusst. Ich betrachtete ein gutes Dutzend futuristischer Gebäudeentwürfe für das Collegium Polonicum. Jeder dieser Entwürfe hätte wohl sogar in Berlin oder Warschau Aufsehen erregt. Erst in diesem Moment wandelte sich meine Rolle von der eines Beobachters zu der einer Person, die sich in dieses Projekt einbringen und zu seinem Erfolg beitragen will. Die lokale kleine Welt um Frankfurt-Słubice ist heute, nach 15Jahren, kaum wiederzuerkennen. Über die Stadtbrücke flanieren die Menschen mit einer Eleganz, die an den Pont Neuf in Paris denken lässt. Sowohl in Frankfurt als auch in Słubice sind viele Gebäude frisch saniert, attraktive Schaufensterauslagen ziehen die Kunden auf beiden Seiten der Grenze an und nicht einmal an den Autos kann man erkennen, wer auf welcher Seite der Grenze wohnt. In Frankfurt existiert eine kleine, dafür aber dynamische und international renommierte Universität, und in Słubice gibt es mit dem Collegium Polonicum eine ebenfalls über die Grenzen beider Länder hinaus bekannte, gemeinsame Lehrund Forschungseinrichtung der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań und der Viadrina. Diese Einrichtung und der dazugehörige Campus stellten in den 1990erJahren Polens größte Investition im akademischen Bereich dar. Umgerechnet sind über 40Millionen Euro in diese Investition geflossen. Diese Gelder, die teils aus dem Haushalt der AMU, teils aus einem speziellen Fonds der polnischen Regierung, der Europäischen Union und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit kamen, wurden für diesen guten Zweck auf der Grundlage einer Art Gentlemen’s Agreement freigegeben, denn die rechtlichen Grundlagen wurden in Gestalt eines Regierungsabkommens erst imJahre 2002 geschaffen. Will man anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Collegium Polonicum Bilanz ziehen, kann man also getrost von der Feststellung ausgehen, dass es in der Geschichte unserer Gesellschaften durchaus Wunder gibt! […] 15Jahre Collegium Polonicum, das sind: 3000 Absolventen, 13 Studiengänge als Angebote der AMU, der Viadrina oder in gemeinsamer Regie, 3 gemeinsame Studiengänge […], Politologie […] und Kulturwissenschaften […], die das Ideal einer bilateralen Zusammenarbeit verkörpern, insgesamt fast 6000 ausgebildete Studierende, der höchste Anteil (15–20Prozent) ausländischer Studierender an polnischen Hochschulen, gegenwärtig 100 am Collegium Polonicum Angestellte (davon etwa 30Prozent Nichtpolen), 3 Doktorandenprogramme mit 70 Doktorandinnen und Doktoranden– und das ist auch das Karl-Dedecius-Archiv, in dem der Nachlass herausragender Übersetzer und Kulturvermittler wie Karl Dedecius und Henryk Bereska bewahrt wird. Bereits heute gibt es unter den Studierenden und Absolventen prominente Persönlichkeiten. Wenn im Jahre 1918 Kaiser Wilhelm II. nicht abgedankt hätte und Deutschland bis heute ein Kaiserreich wäre, wäre einer der Absolventen des Collegium Polonicum der deutsche Kaiser! […] Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen studierte vor dreiJahren an dem von der Viadrina am Collegium Polonicum angebotenen Aufbaustudiengang „Schutz europäischer Kulturgüter“ mit dem Ziel, sein Schloss Hohenzollern in Baden-Württemberg möglichst effektiv verwalten zu können. Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 49 Im Laufe der letzten 15Jahre konnten im Collegium Polonicum viele prominente Persönlichkeiten willkommen geheißen werden. Zu Gast waren der polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski, der Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki und Donald Tusk, der Bundeskanzler Helmut Kohl, Kommissare der Europäischen Union sowie zahlreiche europäische Minister. Es fanden gemeinsame Sitzungen der Präsidenten des Sejm und des Bundestags sowie der Ausschüsse für Europaangelegenheiten beider Parlamente statt. Seiner Rolle als deutsch-polnisches und europäisches Begegnungszentrum ist das Collegium Polonicum im Laufe der letzten 15Jahren mehr als gerecht geworden. Seit 1998, als das Gebäude errichtet wurde, kann die Zahl derer, die an Konferenzen, Symposien, Begegnungen und außeruniversitären Seminaren teilnehmen, auf jährlich etwa 4000 veranschlagt werden. Das heißt, dass unsere Einrichtung in den vergangenen zehnJahren 40.000 Gäste begrüßen konnte. Sogar in den Vereinigten Staaten traf ich Menschen, die schon einmal im Collegium Polonicum waren. Neben seiner akademischen und, sagen wir, politischen Rolle hat sich unsere Einrichtung um das kulturelle Leben der Grenzregion verdient gemacht, wofür sie vom Rat der Stadt Słubice ausgezeichnet wurde. Jahr für Jahr finden vier bis sechs Sinfoniekonzerte und zahlreiche andere Musikveranstaltungen statt, darüber hinaus Filmvorführungen oder Schriftstellerlesungen. Unser Engagement beschränkt sich dabei nicht allein darauf, unsere Große Aula zur Verfügung zu stellen. Viele Veranstaltungen gehen auf unsere Initiative zurück, an anderen sind wir konzeptionell oder organisatorisch beteiligt. Wie bereits Waldemar Pfeiffer, der Ideengeber des Collegium Polonicum und der erste Wissenschaftliche Direktor des Collegium Polonicum, betonte, gehört es zu unseren zentralen Aufgaben, uns aktiv für die Region einzusetzen. Dazu zählen die Anhebung des Bildungskompetenzniveaus, die Aktivierung der Zivilgesellschaft und die Stärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Mit erheblichem Einsatz und ohne die Universitätsbudgets zusätzlich zu belasten, ist es uns gelungen, die Stiftung für das Collegium Polonicum ins Leben zu rufen und damit unsere Einrichtung noch besser auf die Bedürfnisse der Einwohnerinnen und Einwohner Słubices und Frankfurts auszurichten. Die Stiftung ermöglichte bislang fast 2000 Einwohnern (d. h. fast jedem achten Einwohner der Stadt Słubice) die Teilnahme an Sprachund Fachkursen. Sie steht für die Umsetzung von über 30 Projekten mit einem Gesamtvolumen von fast 5Millionen Złoty, an denen tausende von Einwohner der Grenzregion beteiligt waren. Niemandem, der sich mit der Bitte um Hilfe an uns wandte, wurde diese Hilfe verweigert. Sehr erfreulich ist es, dass sich auch unsere Studierenden von diesem Geist eines tätigen Miteinanders haben anstecken lassen. Die Studentische Rechtsberatung gehört zu den größten ihrer Art in Polen und ermöglicht seit Jahren einkommensschwachen Bürgerinnen und Bürgern eine kostenlose Rechtsberatung. Die Bibliothek des Collegium Polonicum, die mit ihrem Bestand von 60.000 „Informationsträgern“ eng mit der Universitätsbi bliothek der Viadrina zusammenarbeitet und an den Kooperativen Bibliotheksverbund BerlinBrandenburg angeschlossen ist, erfüllt zugleich die Rolle einer Regionalbibliothek für die Einwohner der Stadt Słubice und des umliegenden Landkreises. Natürlich ist unsere Identität nicht die eines „Gemischtwarenladens“. Drehund Angelpunkt unserer Einrichtung ist und bleibt die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Dabei ist zentral, dass wir eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige grenzüberschreitende universitäre Einrichtung in Europa sind, in der die bilaterale Kooperation sich auf alle Ebenen der Einrichtung erstreckt. Sie umfasst nicht nur Forschung und Lehre, sondern auch organisatorische, administrative, finanzielle und technische Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 50 Belange sowie Aspekte der Arbeitskultur. Die verschiedenen Kooperationspartner haben am Collegium Polonicum einen Prozess der kulturellen Annäherung erlebt, der nicht immer angenehm, aber stets interessant war. Heben wir diese Überlegungen auf ein höheres Abstraktionsniveau, können wir konstatieren, dass unsere lokale Hochschulzusammenarbeit alle sieben Kriterien einer fortgeschrittenen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit erfüllt: Das erste Kriterium ist das der Modelldivergenz: Die Struktur des Collegium Polonicum weicht von den in Polen und Deutschland gängigen Hochschulstrukturen ab. Es ist also eine Neuschöpfung und keine Kopie irgendeiner nationalen Lösung. Das zweite Kriterium ist das der Tiefe der Kooperation: Hiervon war bereits die Rede, es bedeutet, dass die Zusammenarbeit sich nicht auf den Austausch von Lehrpersonal und Studierenden beschränkt, sondern bis in die tiefsten Strukturen unserer Einrichtung reicht. Das dritte Kriterium ist das der Überlappung: Am Collegium Polonicum wird– insbesondere von deutscher Seite– ein Teil der Aufgaben der Viadrina realisiert, was für die involvierten Personen bedeutet, dass sie ihre Aufgaben unter den Bedingungen der organisatorischen und kulturellen Realitäten des Nachbarlandes erfüllen. Das vierte Kriterium ist das der Proportion: Es besagt, dass die spontane Teilnahme von Studierenden und Hochschullehrern beider Seiten an gemeinsamen Vorhaben im optimalen Fall ausgewogen zu sein hat. Das Collegium Polonicum erfüllt dieses Kriterium nicht vollständig, aber zu einem gewissen Grade. Das Interesse an gemeinsamen Projekten oder Studienprogrammen ist auf polnischer Seite wesentlich größer als auf der deutschen. Verursacht wird dies durch eine „schiefe Ebene“, die den Westen Europas mit dem Osten verbindet, d. h., dass eine Orientierung nach Westen stets attraktiver ist als eine Orientierung nach Osten. Hierin liegt ein großes Problem für das Collegium Polonicum. Zugleich muss jedoch gesagt werden, dass der Anteil des ausländischen Partners (in den meisten Fällen des deutschen Partners) trotz allem immer noch weitaus größer ist bei vergleichbaren grenzüberschreitenden Unternehmungen, die im Landesinnern Polens oder auch in anderen Ländern Ostmitteleuropas angesiedelt sind. Das fünfte Kriterium ist das der Mehrsprachigkeit: Das Mindestmaß an Zusammenarbeit besteht in Lehrveranstaltungen in der Sprache des größeren bzw. stärkeren Partners. Ein bereits höheres Kriterium stellt eine gemeinsame, neutrale Sprache dar, z. B. das Englische. Die höchste Ebene wird erreicht, wenn Lehrveranstaltungen in den Nationalsprachen abgehalten werden und davon ausgegangen werden kann, dass sowohl Studierende als auch Lehrende diese Sprachen beherrschen. In einigen Bereichen ist das Collegium Polonicum bereits heute ein wahres Babylon, in anderen Bereichen hingegen verbleibt es nach wie vor in nationalen Grenzen. Das sechste Kriterium ist das der Diplomierung: In diesem Punkt befinden sich einige Studiengänge am Collegium Polonicum noch ganz am Anfang des Weges, da sie lediglich rein nationale Abschlüsse anbieten. Andere Studiengänge streben nach höchstmöglicher Integration, indem sie den gleichzeitigen Erwerb zweier Abschlüsse erlauben. Ideal wäre zweifellos ein von beiden Universitäten gemeinsam und gleichzeitig ausgestelltes Diplom. Das siebente und letzte Kriterium ist das des finanziellen Mehraufwands: Um dieses Kriterium zu erfüllen, sollten die Kooperationspartner darauf verzichten, penibel über jeden Betrag zu wachen, der über das vertraglich Vereinbarte hinaus in die Zusammenarbeit fließt. […] Sie leisten ganz einfach ihren Beitrag in dem Umfang, den ihre finanziellen Möglichkeiten zum jeweiligen Zeitpunkt erlauben. Seit vielenJahren Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 51 habe ich den Eindruck, dass die Kooperation unserer Universitäten in diesem Punkt vorzüglich funktioniert. Dies erfüllt mich mit großer Freude. Nun ist der Moment gekommen, an dem es angemessen wäre, all jenen Personen, Instanzen und Institutionen Anerkennung zu zollen, die sich in den vergangenen 15Jahren um das Collegium Polonicum verdient gemacht haben. An erster Stelle sollte ich den Rektoren, Prorektoren, Kanzlern, Professorinnen und Professoren und anderen Hochschullehrern für ihren Einsatz danken. Zu würdigen ist auch der beispiellose Investitionsaufwand der Adam-Mickiewicz-Universität, der dieses architektonische Meisterwerk erst möglich gemacht hat und sich bis heute in der Übernahme der Instandhaltungskosten fortsetzt. Zu danken habe ich den Rektoren und der Präsidentin, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und nicht zuletzt dem Verwaltungspersonal der Viadrina dafür, dass sie in den vergangenen 15Jahren mit großem Einsatz die Idee des Collegium Polonicum verteidigt haben und sich dabei gelegentlich auch des Vorwurfs erwehren mussten, sie investierten ihre Kraft und finanziellen Mittel in eine Einrichtung außerhalb Deutschlands. Ihnen gebührt auch Dank dafür, dass sie stets ein offenes Ohr hatten für die Belange unserer Einrichtung hatten– obwohl hierfür theoretisch und in vollem Umfang eigentlich die polnische Seite verantwortlich gewesen wäre. […] Abschließend sei es mir erlaubt, einige Worte über die Zukunft zu verlieren. Die Frage nach der Zukunft ist sehr wichtig, hat sich doch vieles im Laufe der letzten 15 Jahre gewandelt. Zunächst: Unser gemeinsamer Feind ist verschwunden: die Grenze; ein Feind, der all unsere Kräfte mobilisierte und in negativer Weise unsere Identität definierte. Fast unser gesamtes Tun war darauf gerichtet, jene Grenze– zuerst die Außengrenze, dann eine Binnengrenze der Europäischen Union– zu überwinden, ihr auszuweichen oder sie– salopp gesagt– auszutricksen. Und wir haben auf diesem Gebiet wahrhaftig Großes vollbracht. Bereits Anfang der 1990erJahre wurde den Studierenden und Lehrenden ein Vorgefühl davon vermittelt, wie es sich einmal in einem grenzenlosen Europa leben würde. Heute hat die Grenze im Grunde aufgehört zu existieren. Ein Traum ist wahr geworden. Mit dem Feind ist auch der einstige Bezugspunkt unserer Anstrengungen verschwunden. Mit dem Betreten der ruhigen Ebene der europäischen Alltäglichkeit beginnen wir jedoch, eine neue Gefahr zu erkennen, die der heute anwesende Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), Martin Patzelt, sehr treffend formuliert hat: „die Gefahr, in Bedeutungslosigkeit zu versinken“. Um uns im kollektiven Bewusstsein weiterhin einen Platz zu sichern und unserer intellektuellen und politischen Rolle weiterhin gerecht zu werden, müssen wir unsere Identität neu definieren und unser Angebot attraktiver gestalten. Möge die heutige Tagung unserer weiteren Zusammenarbeit zahlreiche intellektuelle Impulse verleihen. Die Zukunft scheint nicht leicht zu werden. Die Finanzkrise in den USA entwickelt sich allmählich zu einer globale Krise. Und das Collegium Polonicum […] reagiert sehr sensibel auf globale Krisen. Die schwierigste Etappe in unserer bisherigen Arbeit waren die ersten drei bis vier Wochen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11.September 2001. Alle, die die Grenze passierten, mussten strengen Kontrollen über sich ergehen lassen. Es wurden sogar Kinderwagen überprüft, ob sich darin auch keine Bomben befanden. Die Wartezeiten betrugen mehrere Stunden, Studierende und Lehrende kamen zu spät zu ihren Veranstaltungen Meetings konnten nicht organisiert werden. Sowohl die akademische als auch die administrative Arbeit kam zum Stillstand. Mögen uns Erschütterungen dieser Art in Zukunft erspart bleiben. Allen hier Versammelten möchte ich danken für ihre Arbeit in den letzten 15Jahren und ihnen zurufen: Arbeitet weiter mit uns zusammen, ihr werdet gebraucht! Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 52 Es stellt sich natürlich die Frage, ob es ein Verdienst der Viadrina ist, an einer grenzüberschreitenden Einrichtung wie dem Collegium Polonicum beteiligt zu sein oder vielleicht nicht eher die Leistung beider Partneruniversitäten oder der Einrichtung selbst. Es gibt spektakuläre Leistungen im individuellen und sozialen Leben, und es gibt Leistungen, die nicht spektakulär sind, die aber von der Vitalität und Stärke des Subjekts zeugen. Wenn man den Mount Everest besteigt, ist das bemerkenswert. Wenn man dies ohne Sauerstoffflasche bewältigt, ist es noch bemerkenswerter. Aber leistet man dies sogar mit einer Beinprothese, dann ist kommt dies einem Wunder gleich. Unter den 50.000 Menschen, die seit 1953 diesen Gipfel erklommen haben, wäre derjenige mit der Prothese und ohne Sauerflasche der Einzige – dies wäre sein Alleinstellungsmerkmal. Die Besonderheiten der Grenzlage sind in der Denkschrift bereits thematisiert worden: die Brückenfunktion gegenüber dem Osten, der Symbolcharakter für die „Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen im Rahmen fortschreitender europäischen Integration“, die Überwindung der Wirtschaftsund Wohlstandsgrenze. All das hat sich im Laufe der Zeit schnell „erübrigt“. Im Nachhinein wird niemand für eine große Leistung der Viadrina die Tatsache halten, dass sie die Zeit überstanden hat, als sich hinter der deutsch-polnischen Grenze, d. h. 500 Meter hinter ihrem Gebäude eine wirtschaftliche Kluft erstreckte, als Osteuropa nicht zur Europäischen Union gehörte und Grenzkontrollen den Verkehr behinderten. Aus heutiger – und zukünftiger – Sicht sollten vielmehr jene Besonderheiten geschätzt werden, die nicht für jede internationale Kooperation charakteristisch sind: So stellt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Sinne der grenznahen universitären Kooperation ihr Alleinstellungsmerkmal dar. 2.1 Nähe, die entfernt In dem folgenden Beitrag aus dem Jahre 2016, den ich für die Festschrift10 zu Ehren von Andrzej J. Szwarc – Strafrechtler und Gründer des Deutsch-Polnischen Forschungsinstituts am Collegium Polonicum – verfasst habe, habe ich versucht, dem Phänomen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auf den Grund zu gehen. Unbestreitbar ist es ein Teil der europäischen Realität, dass die Hochschulbildung seit dem Mittelalter nationale Grenzen überschritten hat. Dieses Phänomen scheint so offensichtlich zu sein wie der Warenverkehr, denn seit Jahrhunderten überschreiten Gelehrte, Studierende, Bücher und Ideen die Grenzen ebenso selbstverständlich 10 Krzysztof Wojciechowski: Uniwersytecka współpraca przygraniczna – „herbatka u cioci Mani“ czy próba charakteru? In: Auf beiden Seiten der Oder. Europäische, nationale und regionale Aspekte der deutsch-polnischen Nachbarschaft. Festschrift für Professor Dr. habil. Dr. h. c. Andrzej Jan Szwarc. Hrsg. von Aleksandra Chylewska-Tölle und Alexander Tölle. Berlin: Logos Verlag 2016 (Thematicon 27), S. 337–346. 2.1 Nähe, die entfernt Nähe, die entfernt 53 wie Industriegüter, Geld und Rohstoffe. Und wenn man das verhindern will, ist das genauso schwierig wie das Verhindern von Schmuggel. In der heutigen Zeit haben diese akademische Mobilität und der Austausch von Wissen ein noch nie dagewesenes Ausmaß angenommen. In den vergangenen 25Jahren haben allein im Rahmen des Erasmus-Programms, das in seiner letzten Phase die 28 EU-Mitgliedstaaten sowie Norwegen, Island, Liechtenstein, die Schweiz und die Türkei umfasst, 2,5 Millionen Studierende und 300.000 Dozenten mindestens ein Semester im Ausland verbracht. Das Programm hat 3000 Hochschuleinrichtungen miteinander verbunden.11 Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen akademischer Mobilität, verstanden als Wissenstransfer, und akademischer Kooperation, verstanden als Integration von Wissensstrukturen. Wissenstransfer beschreibt einen Vorgang, bei dem sich Wissen (oder Informationen) vervielfacht, indem es von einem Raum (oder einer Struktur) in einen anderen wandert. Dies geschieht mit Hilfe eines ausgewählten Trägers. In der traditionellen Welt sind die Träger Menschen (Gelehrte und Studierende) oder materielle Wissensträger (Bücher, Briefe), während die Träger heutzutage hauptsächlich elektromagnetische Wellen (Fernsehen, Radio) oder elektromagnetische Impulse (Internet) sind. Aus der Sicht des Gegenstandes unserer Überlegungen ist das Wichtigste an diesem Phänomen, dass das Medium, nachdem es den Ort A verlassen hat, den Ort B erreicht, ohne die Struktur von A oder B zu verändern. Wenn ein Gelehrter oder ein Studierender von A nach B wechselt, verlässt er seine vertraute Struktur und tritt bei seiner Ankunft in eine fremde Struktur ein, in der er zunächst den Status eines Gastes hat. Das bedeutet, dass sie während ihres Aufenthalts die örtlichen Spielregeln, Vorschriften, materiellen und kulturellen Bedingungen respektieren und akzeptieren müssen, und wenn sie diese nicht akzeptieren, bleibt ihnen nichts anderes, als zu gehen. Mitunter werden sie für eine gewisse Zeit vor Ort beschäftigt– doch in den meisten Fällen zu den Bedingungen des Zielortes. Bei elektromagnetischen Impulsen oder Wellen (Informationen) ist die Situation ähnlich. Sie werden empfangen, in geeigneten Strukturen untergebracht und anschließend gemäß den örtlichen Vorschriften zur Verfügung gestellt. In beiden Fällen ist es möglich, dass die Mobilität der Akteure und die Intensität der Wissensströme Auswirkungen auf die lokalen Strukturen haben, und zwar wenn die Masse des ankommenden Materials (die Anzahl der zugelassenen Studierenden oder die Menge der zur Verfügung gestellten Informationen) zu einer Art Zusammenbruch der lokalen Strukturen führt. Dieses Phänomen kommt nicht häufig vor, auch wenn es in der Neuzeit mitunter spektakuläre Formen angenommen hat. Ein Beispiel für diese Entwicklung bei Studierenden ist die Welle der studentischen Migration, etwa im Rahmen des Erasmus-Programms. Dieses führte in den 1990erJahren zu einer erheblichen Vereinfachung der Verfahren im europäischen Hochschulwesen und zur weitreichenden Anerkennung ausländischer Studienleistungen durch einheimische Dozenten. Die akademische Zusammenarbeit als Integration von Wissensstrukturen ist dagegen eine andere Situation. Darin ist der Wissensfluss mit strukturellen Transformationen verbunden. […] Auf den ersten Blick sollten die räumliche Nähe und das Vorhandensein einer Grenze die Integrationsprozesse einerseits erleichtern und andererseits intensivieren. Dies erscheint logisch, da die Entfernung immer ein Hindernis für die Integration darstellt. Und bei der Förderung oder Beschleunigung der Integration geht es immer 11 Vgl. DAAD Euroletter, S. 7. Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 54 darum, die Akteure physisch näher zusammenzubringen. Wenn Institutionen sich integrieren sollen, müssen die Menschen zusammenkommen, gemeinsame Sitzungen abhalten und idealerweise im selben Gebäude oder sogar im selben Raum arbeiten. Aus rein logischer Perspektive kann das Vorhandensein einer physischen oder rechtlichen Grenze oder einer mentalen Barriere zwischen Partnern, die sich auf diese Weise zusammenfinden, ebenso wenig ein Hindernis darstellen wie das Vorhandensein einer Grenze zwischen Partnern, die 1000Kilometer voneinander entfernt sind. In beiden Fällen müssen für den Grenzübertritt bestimmte Bedingungen erfüllt sein, und in beiden Fällen ist es notwendig, von einem System in ein anderes zu wechseln und Prozesse durchzuführen, die es ermöglichen, in der neuen Umgebung zu funktionieren– etwa den Währungsumtausch, den Wechsel des Telefonnetzes (sofern dieser nicht automatisch erfolgt) oder die Organisation der Kommunikation mit den Einheimischen. Mitunter bilden sich in der Nähe von Grenzen (also auf der Mikroebene) lokale Systeme, die das Überschreiten von Grenzen erleichtern, oft mehr, als es die Makrosysteme erlauben. Einfach ausgedrückt: Die Menschen vor Ort kennen einander, tauschen Dienstleistungen aus, profitieren von den wirtschaftlichen Unterschieden, wissen mehr übereinander– all das macht eine Mikrogrenze weitaus durchlässiger als eine Makrogrenze. […] Wenn also Institutionen auf beiden Seiten der Grenze– in unmittelbarer Nähe der Grenze– integriert werden sollen, ist dies für sie viel einfacher als für Institutionen, die tief im Inneren des Staatsgebietes liegen– soweit die Logik. Doch die Realität ist komplizierter. Um das Problem anzugehen, müssen wir zunächst feststellen, dass jede Institution ein Organismus mit verschiedenen Organisationsstufen ist. Nach außen hin ist die Gesamtstruktur sichtbar (z. B. bei Universitäten die Aufteilung in Fakultäten […]). Nach innen, auf einer niedrigeren Ebene, gibt es ein Netz formeller oder informeller Beziehungen, die das tatsächliche Funktionieren der Einrichtung bestimmen, das wiederum auf einer räumlichen und technischen Infrastruktur aufbaut, die sich aus den lokalen Traditionen und der langjährigen Praxis ergeben hat. Die materielle Infrastruktur wiederum basiert auf zivilisatorischen Gewohnheiten, die für eine bestimmte Gesellschaft typisch sind, wie z. B. die Arbeitskultur, die persönliche Dynamik und Produktivität, die Kommunikationskultur, die Art und Weise, wie Hierarchien, soziale und private Rollen verstanden werden. Dies wiederum setzt eine typische zivilisatorische Erfahrung von Zeit voraus, und unter dieser letzten und tiefsten Schicht befindet sich das Verständnis von Raum. Raum kann auf unterschiedliche Weise wahrgenommen und definiert werden, aber in einer etablierten Institution, in einem homogenen Umfeld, können hunderte von Jahren vergehen und tausende von Menschen hindurchgehen, und es wird nie einen Konflikt zwischen zwei Menschen aufgrund eines unterschiedlichen Verständnisses, einer unterschiedlichen Interpretation oder Operationalisierung von Raum geben. Die räumliche Nähe wirft jedoch Fragen auf: Wer begrüßt wen an der Schwelle der Einrichtung? Derjenige, der die Staatsangehörigkeit des Landes besitzt, in dessen Hoheitsgebiet sich die Einrichtung befindet (also der „Gastgeber“), oder derjenige, der aufgrund der räumlichen Nähe als Erster über die Grenze gekommen ist und in gewisser Weise ein „Fremder“ oder „Gast“ ist? Solche und ähnliche Fragen erscheinen zwar abstrakt, aber sie wirken sich in der Praxis auf die Atmosphäre der Kontakte und der Zusammenarbeit aus. Was passiert nun, wenn wir Institutionen räumlich näher zusammenbringen und in Grenznähe ansiedeln oder gar versuchen, zwei Institutionen zu einer gemeinsamen zu verschmelzen? Nun, dann beginnen wir, alle Ebenen der Institution in ihrem Nähe, die entfernt 55 gesamten vertikalen Querschnitt zu konfrontieren, d. h. Organisation mit Organisation, Infrastruktur mit Infrastruktur, ein Zeitgefühl mit einem anderen Zeitgefühl und unser Raumverständnis mit einem fremden Raumverständnis. Menschen, die aus dem Hinterland von Land A in das Hinterland von Land B reisen, durchlaufen einen wenig erforschten Prozess, der als räumliche Adaptation bezeichnet werden kann. Es ist ein evolutionär gewachsener Prozess. Ein Tier, das das Territorium eines anderen Tieres durchquert (und sich dessen oft bewusst ist, weil Territorien chemisch markiert sind), verändert seine gesamte Wahrnehmung. Es wird wachsam, weniger aggressiv, weniger selbstbewusst und aktiviert gleichzeitig sein kognitives Motiv, nämlich die Neugierde. Genau das Gleiche passiert einem Menschen während einer Zugfahrt oder eines Fluges. Aber in einer Grenzregion, in einer Situation, in der nur wenige Minuten zwischen dem Verlassen des Büros oder der Wohnung und der Ankunft auf fremdem Territorium liegen, funktioniert die räumliche Adaptation oft nicht mehr auf die übliche Weise. Bei manchen Menschen schwächt sich die Wirkung ab, während sie sich bei anderen radikalisiert. Das bedeutet, dass einige Menschen, die von Natur aus offen, aufnahmebereit und im Allgemeinen „defensiv“ sind, sich viel schneller als normalerweise an das fremde Territorium gewöhnen. Wenn sie es betreten, behandeln sie die dortigen Einheimischen viel schneller als „die Ihren“. Andere Menschen verhalten sich hingegen anders. Wenn sie eine Grenze überschreiten, dehnen sie ihr eigenes Territorium auf die andere Seite aus und fühlen sich dort genauso sicher wie zu Hause. Wenn sie ihre Muttersprache sprechen, erwarten sie, dass sie verstanden werden, was bei einer „Standardanpassung“ nicht zu erwarten wäre. Diese offensive Haltung wird von den Anwohnern oft als Arroganz und Überheblichkeit empfunden. Eine als eng erlebte Grenze polarisiert also– oder „verschärft ambivalent“– Empfindungen, Wahrnehmungen, Motive und das Verhalten. Das Leben an der Grenze ist voll von scheinbar widersprüchlichen Phänomenen: Einerseits wächst die Kooperation und andererseits bleibt eine gewisse Entfremdung bestehen. Es gibt eine zunehmende Akzeptanz des Nachbarn, zugleich aber auch das Fortbestehen negativer Stereotypen. Es entsteht mehr Vertrauen, sichtbar in der Bereitschaft, gemeinsame Regeln zu tragen, und dennoch untergräbt Grenzkriminalität genau diese Regeln. Diese ambivalente Intensivierung gilt auch für die grenzüberschreitende akademische Zusammenarbeit.12 Seitdem die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft in den 1960erJahren die Schaffung von Euroregionen beschloss, wurden rund 63013 verschiedene Versuche registriert, solche Formen der Zusammenarbeit aufzubauen und 12 Zur Frage der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit siehe Krzysztof Wojciechowski: Gedanken zur grenzüberschreitenden universitären Zusammenarbeit in Europa. In: Europäischer Anspruch und regionale Aspekte. Grenzüberschreitende universitäre Zusammenarbeit in der deutsch-polnischen Grenzregion angesichts der zukünftigen Herausforderung in Europa. Hrsg. von Agnieszka Bielawska und Krzysztof Wojciechowski. Berlin: Logos Verlag 2007 (Thematicon 11), S. 9–24. 13 Vgl. Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Forschungszentren. Gronau 2011. Es ist anzumerken, dass z. B. die Daten zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eher zu hoch als zu niedrig angesetzt sind. Die Berichte der Euroregionen, auf deren Grundlage der zitierte Bericht erstellt wurde, waren daran interessiert, alle Formen der Zusammenarbeit aufzuzeigen, auch solche, die eigentlich unter die klassische Studentenoder Arbeitnehmermobilität und nicht unter die Integration von Wissensstrukturen fallen. Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 62 Jeder wird bemerkt haben, dass dies keine abstrakten Beispiele sind, sondern reale Erfahrungen am Collegium Polonicum. In seiner 30-jährigen Geschichte gab es viele solcher Fälle. Auch heute gibt es immer noch Grauzonen, die aufgrund der Hochschulpolitik nicht beleuchtet werden können. Bedeutet das, dass dieses Projekt in wesentlichen Punkten gescheitert ist? Aber wenn wir vielleicht folgende Fakten berücksichtigen: In einem rechtlich nicht ganz geklärten Raum wurde über 30 Jahre lang eine Einrichtung geschaffen, eine gemeinsame Einrichtung zweier Universitäten aus zwei Ländern, die innerhalb einer Organisationsstruktur gemeinsame Forschung und Lehre betreibt, die mit 5 Nichtregierungsorganisationen und einem polnischen Gymnasium in einem Gebäude koexistiert in dem jährlich 50 Konferenzen, Symposien, Seminare, Ausstellungen und Konzerte stattfinden, in dem viele Sprachen gesprochen werden und in dem Hunderte von internationalen Kontakten geknüpft wurden, verdient dieses Projekt dann nicht doch Respekt und Bewunderung? Vielleicht ist seine Bedeutung nicht so groß wie die Überquerung der Alpen durch Hannibal und seine Elefanten, aber dennoch ist es ein einzigartiges, überregionales, ja sogar weit über die Grenzen Europas reichendes Beispiel für innovative und zukunftsorientierte Zusammenarbeit? Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Die Teilnahme an grenzüberschreitender Zusammenarbeit gestaltet sich weitaus schwieriger als die an einem Standardaustauschprogramm oder einer Standardzusammenarbeit im akademischen Bereich.“ Die meisten mir bekannten grenznahen europäischen Universitätskooperationen der 1990er Jahre sind verschwunden. Geblieben sind nur wenige grenzüberschreitende Strukturen, die entweder das bieten, was bei uns fehlte – eine stabile zivilisatorische Grundstruktur –, oder die nur den Austausch als Label tragen und wenig mit den Strapazen der täglichen, grenznahen Zusammenarbeit zu tun haben. Die grenznahen universitären Kooperationen sterben im Stillen. Zunächst wird eine Sommerschule nicht mehr angeboten, dann ein Studiengang gestrichen, gefolgt von einem zweiten. Es folgt eine Erklärung über einen neuen Kooperationsbereich, aber es geschieht nichts – so ist das Leben. Aber die Viadrina, das Collegium Polonicum und die Adam-Mickiewicz-Universität als polnischer Partner bleiben trotz der Hochs und Tiefs am Ball. Wurde hier der Stein der Weisen gefunden? Möglicherweise. In jenen Bereichen der Realität, die am Rande des Mainstreams liegen und innovativ im Hinblick auf die soziale Praxis sind, stellt sich die Frage: Was ist wichtiger – der politische Wille und die daraus folgenden Taten oder der konzeptuelle Gedanke und die rechtliche Form, die dem Leben Inhalte verleihen? 2.3 Odyssee von zwei Blatt Papier Ende der 1990er Jahre, als die Viadrina und das Collegium Polonicum international zunehmend bekannt wurden, erhielt ich viele Anfragen aus der ganzen Welt, wie man eine grenzüberschreitende universitäre Einrichtung ins Leben ruft. In Chabarowsk an der russisch-chinesischen Grenze, in Russe an der bulgarischrumänischen, in Cieszyn an der polnisch-tschechischen, in Lublin an der polnischukrainischen, in Passau an der deutsch-österreichischen und auch in El Paso an der 2.3 Odyssee von zwei Blatt Papier Odyssee von zwei Blatt Papier 63 amerikanisch-mexikanischen Grenze war man an einer ähnlichen Einrichtung interessiert. Die Vertreter der Universitäten, Stadtverwaltungen, Gebietskörperschaften oder NGOs interessierten sich vor allem für den juristischen Akt, den Vertragstext. Sie stellten sich vor, man könne diesen Vertrag den lokalen Begebenheiten anpassen, ihn den Entscheidungsträgern vorlegen und sie für die Idee begeistern. Die Entscheidungsträger wiederum würden die nötigen Gelder zur Verfügung stellen und die Idee umsetzen. Als ich ihnen die Geschichte der Gründung der Viadrina und des Collegium Polonicum erzählte, wollten sie mir nicht glauben. Ich möchte hier – in aller Kürze – an die Entstehung der zweiten Institution erinnern. Der erste Entwurf des Vertrages zur Gründung des Collegium Polonicum wurde 1995 von einer Gruppe von Juraprofessoren der Viadrina und der AdamMickie wicz-Universität ausgearbeitet. Er bestand aus 29 Artikeln und umfasste 13 Seiten. Sodann wurde er der Landesregierung in Potsdam vorgelegt, die den Entwurf durch die Ministerien, Kommissionen und Parlamentsausschüsse schickte. Am Ende zählte er nur noch 9 Artikel. In dieser Form gelangte er nach fast drei Jahren ins Ministerium in Warschau, wo er weitere drei weitere Jahre verweilte. Während dieser Zeit wechselten in Polen Minister, Kommissionen und Experten. Nach zahlreichen Konsultationen schrumpfte der Entwurf auf 4 Artikel, die auf einer einzigen Seite zusammengefasst waren. Dann kam er zurück zu den Juristen der Adam-Mickiewicz-Universität und der Viadrina und wurde auf 27 Artikel und auf 3 Seiten aufgestockt. Es brauchte jedoch weitere zwei Jahre, bis der Vertrag schließlich zur Unterschrift vorgelegt werden konnte. Das Schicksal dieses Vertrages wäre ein faszinierendes Thema für eine Dissertation über Rechtskulturen, ihren politischen Kontext und die soziale Praxis, in der Recht tatsächlich umgesetzt wird. Leider sind die Dokumente vermutlich bereits verloren gegangen. Aber das Interessanteste, war der Grenzbereich der Politik, des Hochschulwesens und des kollektiven Selbstwertgefühl. Die Brandenburger legten großen Wert auf den Vertrag, weil er ihre kleine, aber national und international glänzende Universität noch mehr aufwertete. Die Viadrina war in aller Munde und ihre Präsidentin Gesine Schwan war zweimal SPD-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin. Außerdem war sie eine anerkannte wissenschaftliche Kapazität und brachte sich als Mitglied der Grundsatzkommission der SPD aktiv in die politische Debatten der Bundesrepublik ein. Der Prozess der EU-Osterweiterung war in vollem Gange, und Deutschland spielte in ihm – insbesondere in Bezug auf Polen – eine Schlüsselrolle. Der Prozess der deutsch-polnischen Versöhnung und – fast – Verbrüderung war spektakulär und wurde mit der deutsch-französischen Aussöhnung verglichen. Da er zwischen asymmetrischen Partnern stattfand, gewann er zusätzlich an Bedeutung. Und in diesem Prozess kam der Viadrina und dem Collegium Polonicum neben dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk sowie den Stiftungen in Kreisau sowie Krockow) ein hoher symbolischer Stellenwert zu. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die polnische Seite am Abschluss dieses Vertrags genauso interessiert war wie die deutsche. Doch dem war nicht so. In Polen sind die Mechanismen des kollektiven Selbstwertgefühls wichtiger als Stahl und Kohle, Handelsverträge und militärische Befestigungsanlagen. Für Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 64 die polnische Regierung stellte der Vertrag keineswegs eine Aufwertung dar. Er sollte mit dem Land Brandenburg abgeschlossen werden, mit einer Körperschaft also, die in der hierarchischen Struktur unterhalb des zentralen polnischen Staates stand. Die Erklärung, dass das Hochschulwesen in Polen durch den Minister für Hochschulwesen und Forschung repräsentiert werde, dagegen in Deutschland die Hochschulangelegenheiten ausschließlich der Hoheit der Länder obliegen, befriedigte die polnische Seite nicht. Der Vertrag eines 40-Millionen-Staates mit einem 2,5-Millionen-Ländlein – sollte das ein Witz sein? Die Vertreter der polnischen Regierung pochten darauf, dass die Unterschrift am besten vom Bundeskanzler selbst geleistet werden sollte. Ist juristisch nicht möglich? Dann wenigstens vom Bundesminister für Hochschulwesen. Den gibt es nicht? Dann vom Außenminister. Verfassungswidrig? Dann soll er wenigstens mit seinem polnischen Kollegen hinter den Unterzeichnenden stehen. Die Diskussionen, begleitet von intensiven diplomatischen Bemühungen, dauerten und dauerten. Angeblich – so wurde mir berichtet – verlagerte sich die Diskussion auf eine tiefere Ebene, nachdem sich die polnische Seite mit den politischen Realitäten der Bundesrepublik abgefunden hatte. Und wo sollte der Vertrag unterschrieben werden? In Warschau, Potsdam, Frankfurt (Oder) oder in Słubice? Böse Zungen behaupteten, dass sogar der Zug auf der Strecke Warschau–Berlin in Betracht gezogen wurde. Man habe sich aber nicht einigen können, welche Fahrtrichtung angemessen wäre … Das alles habe ich natürlich meinen Gästen nicht erzählt – nicht, weil ich mich für die beiden Parteien geschämt hätte. Nach all den Jahren im deutsch-polnischen universitären Geschäft wusste ich, dass das, was früher als Eitelkeiten, Egomanie oder Wichtigtuerei abgetan wurde, heute (jedenfalls vor der „Zeitenwende“) die verdichtete Substanz des sozialen Lebens ausmacht und dass jemand, der diese Mechanismen nicht versteht, keine klare Orientierung finden kann. Das, was ich meinen Gästen erzählt habe, war die Aufklärung, dass bei Pionieraufgaben etwas anderes wichtiger sei als die juristische Regelung. Die Triade Konzept – Regelwerk – Umsetzung ist nur bei stabilen Abläufen, kontinuierlichen Entwicklungen und dem Aufbau auf dem bestehenden Fundament empfehlenswert. Bei einem Neuanfang oder an Wendepunkten der sozialen Praxis sind konzentrierte Energieschübe notwendig. Und diese Energieschübe haben wir in den Jahren nach der Wende erfahren. Der stärkste Wind, der in unsere Segel blies, war der Europaenthusiasmus in den neuen Bundesländern und in Polen. Wir ritten auf einer hohen Welle der deutsch-polnischen Versöhnung. Unser Schiff – wenn man diese maritime Metapher weiter bemühen darf – wurde von der großen sozialen Strömung nach Bildung, sozialem Aufstieg und Wissenserwerb getragen. Die Politiker, und auch die Rektoren der damaligen Zeit, waren starke Kapitäne. Sie haben die persönliche Verantwortung für ihr Tun immer auf sich genommen. Auch die Geldgeber zeigten sich nicht kleinlich. Als der Vertrag19 2002 in Warschau unterzeichnet wurde, stand 19 Abkommen zwischen dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und dem Minister für Nationale Bildung und Sport der Republik Polen über das Collegium Polonicum in Słubice. Odyssee von zwei Blatt Papier 65 bereits das Gebäude des Collegium Polonicum und es wurden 40 Millionen Euro bzw. Ecu ausgegeben (60 Prozent aus dem Sondertopf des polnischen Parlaments, 25 Prozent aus dem Programm „PHARE“ der Europäischen Gemeinschaft und 15 Prozent aus den Mitteln der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit). Eigentlich fand das alles im rechtsfreien Raum statt. Ein Wunder, das kein einziger Złoty oder Euro veruntreut wurde und keine Kontrolle etwas beanstandete. An dieser Stelle eine kleine Anekdote: Als der Architekturwettbewerb für das Gebäude des Collegium Polonicum 1993 entschieden wurde, stand die Finanzierung noch aus. Um Gelder zu sammeln, wurde in diesem Jahr in Polen ein Förderverein gegründet. Die Gründer waren institutionelle Akteure: die Woiwodschaft Lubuskie, die Adam-Mickiewicz-Universität, das Ministerium für nationale Bildung, lokale Organisationen und Verbände. Leider misslang dieses Vorhaben. Ich machte mir große Sorgen. 1995 kam Hans-Adolf Jacobsen, das deutsche Vorstandsmitglied der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, aus Warschau zu Besuch an die Viadrina. Er wollte sich über die Aktivitäten der Hochschule informieren. Diese Stiftung war damals ein mächtiger Geldgeber. Sie verfügte über die Zinsen der Schulden, die noch Edward Gierek bei der Bundesregierung aufgenommen hatte. Es handelte sich um Milliarden. Mit diesen Mitteln wurden Krankenhäuser, Sportund Kultureinrichtungen in Polen finanziert. Nach Informationsgesprächen im Hauptgebäude der Viadrina wurde der Gast zum späten Mittagessen in den Frankfurter Ratskeller eingeladen. Während des Essens fragte er den Rektor Hans N. Weiler, was die Stiftung für die Universität tun könne. „Wir bräuchten die Stipendien für polnische Studierende“, sagte der Rektor ohne zu zögern. „Es tut mir leid, aber unser Statut verbietet es, finanzielle Leistungen an physische Personen zu gewähren“, antwortete der Vorstand. „Dann vielleicht ein Milliönchen für die Bücher für die Bibliothek der Viadrina?“, bohrte der Rektor nach. „Damit hätten wir auch ein Problem. Die Gegenstände, die wir einkaufen, müssen auf dem Territorium der Republik Polen genutzt und aufbewahrt werden.“ „Dann finanzieren Sie das Bibliotheksgebäude des Collegium Polonicum, damit die Bücher für unseren Standort auf dem polnischen Territorium aufbewahrt werden. „Und was ist eigentlich dieses Collegium Polonicum?“, fragte Hans-Adolf Jacobsen. In diesem Moment richtete der Rektor seinen Blick auf mich in der Erwartung, ich würde über das Projekt der gemeinsamen Einrichtung erzählen. Aber ich hatte eine ganz andere Idee. Als der Architektenwettbewerb entschieden wurde, bat ich den Chefarchitekten Tomasz Durniewicz, ein Modell des Gebäudes herzustellen. Da ein Bild mehr Wert sagt als tausend Worte, schlug ich vor, die Visualisierung des Gebäudes HansAdolf Jacobsen vorzuführen. „Und wo befindet es sich?“, fragte der Rektor. „Im Wohnheim in der Szamarzewskiego-Straße in Słubice“, antwortete ich. Die beiden Herren hielten die Idee für einen schlechten Witz. Der Vorstand hatte maximal noch 40 Minuten Zeit, der Grenzübertritt dauerte damals für Autos zwei bis drei Stunden und für Fußgänger mindestens eine halbe Stunde. Innerhalb von maximal 30 Minuten über die Grenze zu gelangen, einen Wagen zu organisieren und sich irgendwie durch den Grenzstau durchzukämpfen, schien für sie ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Und noch dazu regnete es in Strömen. Die Blicke der Herren Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 66 sagten: „We are not amused“. Aber keiner traute sich, mir diese Aktion auszureden. Nach 10 Minuten kam ich völlig verschwitzt im Wohnheim auf der polnischen Seite nahe des Grenzübergangs an. Dem Pförtner, der hinter dem Conciergefenster seine Zeitung las, schrie ich zu: „Schließen Sie die Loge und kommen Sie mit mir in den Keller! Von Ihrer Hilfe hängt unsere Zukunft ab!“ Als wir 10 Minuten später in der Mitte der Fahrbahn, zwischen den Autokolonnen mit einem riesigen unförmigen, mit einer schmutzigen Plane bedeckten Gegenstand auf die Grenzkontrolle zusteuerten, begleiteten uns verdutzte Blicke. Zwei Männer trugen etwas auf den Köpfen nach afrikanischer Manier – was war das? Schmuggelware? Eine Leiche? Warum so klein? Den Grenzbeamten warf ich im Vorbeihuschen zu: „Es ist das Modell der Universität, die Hoffnung für uns alle!“ Zum ersten Mal seit Jahren musste ich nicht einmal den Pass zeigen. Die Herren im Ratskeller hatten gerade das Dessert aus den Schalen ausgelöffelt. Am Eingang bat ich den Garderobier, einen Beistelltisch benutzen zu dürfen. Den Tisch samt Modell stellten wir an den Tisch der Delegation und enthüllten die Plane. Ein langes „Oh!“ entfuhr Jacobsen. Das Gebäude, welches später den polnischen „Architektur-Oscar“ erhielt, hinterließ einen überwältigenden Eindruck. Zwei Wochen später erreichten die Leitung der beiden Partneruniversitäten die Nachricht, dass die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit bereit sei, das Bibliotheksgebäude – einen Teil des ganzen Collegium-Polonicum-Komplexes – mit rund 180 Milliarden alten Zloty (umgerechnet etwa 6 Millionen Euro) zu fördern. Heute erinnert eine Plakette an der Wand der Bibliothek daran. Wir leben doch in einer zivilisierten Welt. Die Zivilisation beruht auf der Durchsetzung von Gesetzen. Das Spiel der Kräfte, die Durchbrüche des Willens, die plötzlichen Entscheidungen, die überraschenden Wendungen in der Richtung des Handelns werden heute eher mit dem „Unzivilisierten“, wenn nicht mit dem Tierischen assoziiert. Wo liegt das richtige Maß zwischen dem Ordnenden und dem Kreierenden? Haben wir dieses Maß an diesem universitären Standort tatsächlich gefunden? An dieser Stelle verzeihen Sie mir bitte eine weitere Abschweifung. Sie soll dazu dienen, Sie intellektuell „weichzuklopfen“, Sie darauf vorzubereiten, die These zu akzeptieren, dass die wertvollsten Erfahrungen der Viadrina – das, was wahrscheinlich nur an diesem Ort und nur in Zusammenarbeit mit der AdamMickiewicz-Universität in dem Gebäude namens Collegium Polonicum stattfindet und weder an der deutsch-dänischen noch französisch-schweizerischen Grenze stattgefunden hätte – abseits des Universitätsbetriebs, an den organisatorischen Rändern und in einem Bereich entstanden sind, der streng genommen kein wissenschaftlicher Bereich war. 2.4 Ist das Glas halb voll oder halb leer? Vor vielen Jahren, als die Viadrina die ersten beiden Jahrgänge polnischer Studierenden aufnahm, besuchten mich als Leiter des Akademischen Auslandsamtes Journalisten, und baten um eine Einschätzung dessen, was an diesem Ort gera2.4 Ist das Glas halb voll oder halb leer? Ist das Glas halb voll oder halb leer? 67 de geschah. Ich versuchte, ihnen die einzelnen Phänomene exakt und objektiv zu schildern, aber die Texte, die ich später las, waren weder exakt noch objektiv. Es war offensichtlich, dass das journalistische Temperament der Autoren den stärksten Einfluss darauf hatte. Es gibt Menschen, die die Beschreibung der Realität mit ihrem angeborenen Optimismus einfärben, und andere, die dazu neigen, vieles in düsteren Farben sehen. In den ersten Jahren der Viadrina lobten die meisten Zeitungsartikel die universitäre Initiative, aber es gab auch stark entmutigende Texte. Sie wiederholten stets dieselben Argumente: – Die Integration junger Polen, junger Deutscher und möglicherweise auch junger Menschen anderer Nationalitäten sei gescheitert. In den Pausen zwischen den Vorlesungen sprächen die Deutschen untereinander Deutsch, die Polen versammelten sich in Gruppen und sprächen Polnisch, und die internationalen Studierenden irrten umher und wüssten nicht, mit wem sie sprechen sollen. – Das Umfeld der Universität habe die Zuwanderung von Ausländern nicht akzeptiert. Junge Polen würden in Frankfurt überfallen und geschlagen (in den ersten 10 Jahren der Universität gab es tatsächlich etwa 15 solcher Fälle). – Die Polen integrierten sich nicht und nähmen nicht am politischen Studentenleben der Viadrina teil, sie kandidierten nicht für Gremienwahlen und verweigerten sich Projekten. Man konnte diesen Argumenten ihre Wahrhaftigkeit nicht absprechen, obwohl meine gesamten Lebenserfahrungen und mein Gespür für das, was vor sich ging, mich dazu veranlassten anzunehmen, dass es sich um vorübergehende Phänomene handelte und dass darin eine Spannung lag, die die Entwicklung der Zusammenarbeit vorantreiben würde. Ich erinnere mich an die ersten Erfahrungen mit dem Gefühl des Scheiterns, das die erste Generation polnischer Studierenden erlebte. Damals war ich noch Leiter des Akademischen Auslandsamtes an der Viadrina und betreute die ausländischen – in der Praxis polnischen – Studierenden. Zwei Monate, nachdem die erste Generation polnischer Studierender immatrikuliert wurde, kamen einige junge Polen zu mir ins Büro und sagten: „Ich muss zugeben, dass ich einen riesigen Fehler gemacht habe. Ich habe meine Kräfte überschätzt. Ich bin hierhergekommen, um Jura an einer deutschen Universität zu studieren, aber ich sehe keine Chance, dieses Studium zu absolvieren. Ich sitze in den Vorlesungen und verstehe absolut nichts. Bei den Übungen traue ich mich nicht, etwas zu sagen, um mich nicht zu blamieren. Das gesamte deutsche Hochschulsystem, in dem ich um alles selbst kämpfen muss, erschreckt mich. Aber gleichzeitig will ich nicht alles aufgeben und einfach nach Hause zurückkehren. Ich würde ein Jahr meines Lebens verlieren, müsste mich woanders um einen Studienplatz bewerben und vor allem meine Eltern und mein Umfeld enttäuschen. Ich traue mich nicht zuzugeben, dass ich gescheitert bin.“ Ich antwortete diesen jungen Menschen stets: „Geben Sie nicht so schnell auf. Gehen Sie weiterhin zu den Veranstaltungen. Fahren Sie zu Weihnachten nach Hause und sprechen Sie nicht über Ihre Probleme. Und im Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 68 neuen Jahr werden wir sehen, wie sich die Situation entwickelt.“ Und so geschah es tatsächlich. Die Studierenden kehrten nach Weihnachten von zu Hause zurück und nach einer oder zwei Wochen schrieben sie die ersten sinnvollen Sätze aus der Vorlesung auf. Und dann wurde es immer besser. Während der ersten Prüfungsphase waren die Ergebnisse der polnischen Studierenden – z. B. in mathematischen Aspekten der Wirtschaft – besser als die der Deutschen! Die Möglichkeit, dieses Phänomen aus der Nähe zu beobachten, erfüllte mich mit innerem Frieden und der Überzeugung, dass die Viadrina als internationales universitäres Projekt nicht zum Scheitern verurteilt war. Es gab sogar eine Abfolge von Ereignissen, die sich zu einem Lehrstück über die Steuerung sozialer Prozesse entwickeln könnten. Sie betraf die Situation am Juristischen Fachbereich in den ersten Monaten des Aufenthalts der polnischen Studierenden. Eine der Professorinnen begann nach mehreren Veranstaltungen, bei denen auch polnische Studierende anwesend waren, die Ansicht zu vertreten, dass die Ausbildung polnischer Studierender in deutschem Recht keinen Sinn habe und diese so schnell wie möglich nach Hause geschickt werden müssten. Erstens verstünden polnische Studierende nicht, was ihnen gesagt werde. Zweitens stammten sie aus einer autoritären Gesellschaft und hätten nicht die Mentalität, Rechtsfälle eigenständig zu lösen, was aber den Kern des Jurastudiums in Deutschland ausmache. Drittens hätten sie keine – und würden auch keine – deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, daher könnten sie keinen deutschen Beamtenstatus erlangen und somit die meisten juristischen Berufe in Deutschland nicht ausüben. Und mit einem Abschluss in deutschem Recht fänden sie in Polen keine Arbeit. Diese Argumentation schien so überzeugend zu sein, dass an der Viadrina die Entscheidung getroffen wurde, die polnischen Studierenden des Studiengangs Recht vorsichtig zu entfernen. Aber wie könnte man das bewerkstelligen, ohne einen medialen Skandal zu provozieren? Und vor allem, wie ließ sich vermeiden, den jungen Menschen zu schaden? Zwei Professoren – Roland Wittmann von der Viadrina und Karol Jońca von der Universität Breslau – fanden eine Lösung: Ab dem Sommersemester würden Vorlesungen zum polnischen Recht im Kulturhaus in Słubice organisiert, die es den Studierenden ermöglichen würden, sie mit Zustimmung der Leitung der Partneruniversitäten in Breslau und Posen für das zweite Jahr des Jurastudiums dort zu immatrikulieren. Auf diese Weise würden die Studierenden elegant nach Polen zurückkehren und an der Viadrina als Studienabbrechende eingestuft werden – was in Deutschland völlig normal ist. Ich half bei der Organisation der Tische und Stühle für die Vorlesungen im Kulturhaus in Słubice, obwohl es mir schwerfiel. Aber ich hatte die Hoffnung, dass etwas Positives passieren würde. Und so geschah es: Es waren diese ersten sinnvollen Sätze, die polnischen Studierenden in den Vorlesungen zum deutschen Recht verstanden und notiert haben. Am Ende des Semesters erklärten die Professoren: „Lassen wir es noch ein weiteres Jahr so laufen, wir werden sehen, was daraus wird.“ Was aus dieser Verwirrung (Irrtum? Widerspruch? Konflikt?) hervorging, wurde für die nächsten 20 Jahre als eine der besten grenzüberschreitenden Webervogel als Vorbild 69 Errungenschaften der Viadrina bezeichnet: ein gemeinsamer deutsch-polnischer Studiengang für Rechtswissenschaft zwischen der Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität, der zwei oder sogar drei Abschlüsse vorsieht und es auf sehr flexible Weise ermöglicht, in Polen, in Deutschland oder grenzüberschreitend zu praktizieren. Erst die Verdrängung der deutschen Sprache durch das Englische in der gesamten westlichen Hemisphäre (und damit die drastisch sinkende Zahl der „deutschsprachigen“ Abiturienten in Polen) führte dazu, dass die Zahl der Bewerber für den Studiengang zurückging und damit der spektakuläre Charakter des Vorhabens seinen Glanz verlor. Diese Abschweifung zeigt: Selbst ein holpriger Start – wie die intellektuelle Orientierungslosigkeit des Studiengangs „Polnisch-Deutsches Recht“ schließt den Weg zu einer soliden und respektablen Entwicklung keineswegs aus. Wenn also etwas Außergewöhnliches entsteht, stellt sich die Frage: Wie viel vernünftiges Recht sollte darin enthalten sein – und wie viel Instinkt? Wie viel Gewissheit und wie viele Irrtümer? Wie viele strenge Regelungen und wie viel Spontaneität? An dieser Stelle kommen wir zurück zu meinen Notizen, die ich einst für meinen Festschriftsbeitrag anfertigte. 2.5 Webervogel als Vorbild Die Frage nach dem angemessenen Grad rechtlicher Regelung dieses Unternehmens [Collegium Polonicum] kann mit einem aristotelischen Gedanken beantwortet werden: „Von jeder Sache kann man nur so viel Klarheit erwarten, wie in ihrer Natur liegt.“ Die Schnittstelle zwischen den Systemen bleibt per se unklar, selbst im Rahmen allgemein vereinbarter Regelungen. Innerhalb dieser Unklarheit gibt es jedoch Raum für Bewertungsstandards, z. B. zwischen den Aspekten des „Seins“ und des „Sollens“. Wenn bedeutende Regelungslücken bestehen– sollten sie angegangen oder zumindest der Versuch, diese anzugehen, unternommen werden? Eine negative Antwort auf diese Frage würde auf Unverständnis stoßen. Die Ideale der westlichen Zivilisation nähren die Hoffnung, dass klare Handlungsanweisungen nicht nur vorteilhaft, sondern auch zukunftsweisend sein könnten. Kann ein Thema, das voller Grauzonen und unvereinbarer Prinzipien ist, auf eine theoretische Weise autorisiert werden? Oder kann man andererseits klare Anleitungen für Verpflichtungen haben? Und wenn ja, wie? Die meisten kennen Webervögel und einige auch ihre Nester. Solch ein Nest ist eine bewundernswerte Konstruktion. Es erinnert an eine solide Tasche, die das Gewicht der Mutter und einiger Küken tragen kann. Es besitzt einen seitlichen Eingang, der selbst von einem erfahrenen Raubtier nicht erreicht werden kann. Das Nest hat einen Haken, der an einem Baumzweig oder Draht befestigt wird. Trockenes Gras, Stängel und pflanzliche Fasern dienen als Baumaterial– eine komplexe, funktionale und ausgewogene Konstruktion. Aber wenn man einen Webervogel bei der Arbeit beobachtet, sieht man keine Regeln. Was vor den Augen des homo rationalis geschieht, ist eine Serie chaotischer Bewegungen: schnelles Schieben, Ziehen, Heben und Fallenlassen, Aufspringen, Umsehen, Brechen von dem, was gerade noch zusammengehalten hat, und Neuanfang. Diese Handlungen werden natürlich instinktiv ausgeführt. Es wäre jedoch ein Fehler 2.5 Webervogel als Vorbild Grenznahe universitäre Zusammenarbeit: Das Collegium Polonicum 70 zu behaupten, dass diese Regeln einfach auf einer anderen genetischen Ebene verankert sind. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass die Wirkung von Genen nur im Dialog mit der morphologischen Ebene möglich ist, d. h., die Tiefe bleibt im ständigen Dialog mit der Oberfläche. Wenn also das Collegium Polonicum das Nest eines Webervogels ist, wo liegt dann seine tiefe Essenz? Löcher im äußeren Bild sind natürlich Alltag im Collegium Polonicum. Die tiefere Ebene ist vielschichtig. Die interuniversitäre Zusammenarbeit im Collegium Polonicum umfasst alle möglichen strukturellen Ebenen der Institution: Forschung (gemeinsame Projekte und Unternehmungen, gemeinsame Studiengänge), aber auch organisatorische, finanzielle, technologische, kulturelle und kommunikative Muster, Sozialisierungsmuster und noch tiefere Bereiche. Auf keiner dieser Ebenen wird das Paritätsprinzip beachtet. In einigen Bereichen, wie bei der Technologie, der Innenarchitektur und Ästhetik, dominiert der polnische Teil, in anderen wie der Forschung ist der deutsche Teil aktiver. Es sollte auch darauf hingewiesen werden, dass trotz 30Jahren Praxis die Dynamik der Ergebnisse in diesen Bereichen letztendlich nicht ausgeglichen ist. Anfangs jonglierten beide Seiten ständig mit dem Adjektiv „paritätisch“– die deutsche Seite unter der Annahme, dass die polnische Seite finanziell nicht in der Lage oder nicht bereit sei, einen Beitrag zu leisten, und die polnische Seite unter der Annahme, dass sie deutlich mehr beitrage, während die deutsche Seite das abgenutzte Schlagwort der bilateralen Zusammenarbeit nutzte, um Zugang zu verschiedenen Fonds zu erhalten und die Mittel in ihren eigenen Haushalt umzuleiten. Im Laufe der Zeit wurde jedoch klar, dass jede Seite tun wird, was sie in dem betreffenden Zeitraum tun kann. Allgemein gesagt hat sich das Motto der Partner von quantum ad me do (Wie viel für mich?) über do ut des (Gib, damit du empfängst!) zu quantum possum do(So viel wie ich kann) entwickelt. Interessanterweise spiegelte die Bereitschaft beider Seiten zu handeln sowohl das finanzielle Potential großer Organisationen, in denen beide Universitäten verankert waren, als auch ihre eigenen finanziellen Möglichkeiten sowie den vorübergehenden Druck auf Erfolg wider, der durch eine Mischung aus großmaßstäblichen politischen Wetterbedingungen, kulturellen Trends, wissenschaftlichen Ambitionen und individuellen Interessen erzeugt wurde. In diesem Zusammenhang kann die Komplexität der Zusammenarbeit natürlich beliebig erweitert werden. Die tägliche Praxis des gemeinsamen Arbeitens mit, ohne und jenseits der Regeln schuf einen Mikrokosmos, ein improvisiertes Webervogelnest, das durch seine Existenz seinen Sinn bestätigte und durch den Dialog zwischen Oberfläche und tiefem Selbstwertgefühl der Akteure dem gesamten Projekt einen besonderen Wert verlieh. Die spontane Selbstaufwertung des Projekts war ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses entlang der gesamten deutsch-polnischen Grenze. Diese Integration fand auch unabhängig von Regeln statt. Es war ein spontanes Zusammentreffen von tausenden von Menschen, die die Grenze aus verschiedenen Gründen […] überquerten, aber gleichzeitig ihre tief verwurzelten Überzeugungen über das Land, das Fremde, das Bessere oder das Schlechtere lockerten oder testeten. Das Collegium Polonicum spielte dabei eine größere Rolle als der klassische akademische Austausch. Die „heilende“ Rolle der grenzüberschreitenden universitären Zusammenarbeit hat natürlich ihre Grenzen. […] Da sie an die lokalen Strukturen angepasst ist, sind auch ihre Auswirkungen lokal. Sie ist nützlich, aber aus internationaler Sicht provinziell. Auch der Standort selbst ist provinziell. Betrachtet man die Struktur der Zusammenarbeit genauer– jenseits der Frage, ob es gelingt– stellt sich die Frage: Wird der Webervogel als Vorbild 71 mögliche Erfolg von der Außenwelt anerkannt? Hier stoßen wir auf ein wenig einladendes Phänomen: das einer hochkomplexen Realität, die das Collegium Polonicum, die lokale Hochschulkooperation im Ausland und selbst die beiden Universitäten in der Hierarchie der globalen Bedeutungsfrequenzen relativ weit unten ansiedelt. Die Kompetenzen der lokalen Akteure […] führen jedoch zu Ergebnissen, deren Wert von einem komplexen Gefüge externer Rahmenbedingungen abhängt. Als ich kurz nach der Wende noch im Gründungsbüro der Universität Viadrina arbeitete, trat ein Mann an mich heran und erkundigte sich nach Beschäftigungsmöglichkeiten. […] Nach einem kurzen Gespräch wurde mir etwas klar: Dieser Mann hatte einen Abschluss in einem Studiengang, der als solcher nicht mehr angeboten wurde, an einer Universität, die aufgelöst worden war, in einer Stadt, die umbenannt worden war, in einem Bezirk, der in den neuen Bundesländern aufgegangen war, in einem Staat, den es nicht mehr gab. Dieses vielschichtige Phänomen der Zerstörung seiner formalen Kompetenzen machte ihn untauglich für den freien Arbeitsmarkt. Er war ein gebrochener Mann. Fast alle Ostdeutschen waren auf diese Weise gebrochen, und plötzlich fühlten sie sich wie in einer „Erdbebenzone“. Ich dachte: „Seismische Erschütterungen sind hier historisch gesehen häufiger aufgetreten als anderswo und haben eine besonders hohe Auswirkung auf der Richterskala.“ Solche allgemeinen Krisenlagen, in denen selbst sorgfältige und rechtschaffene Arbeit auf lokaler Ebene entwertet wird, habe ich am Collegium Polonicum häufig erlebt. Der Kampf gegen „von oben“ auferlegte Trends war und ist ein ständiger Begleiter der Arbeit einer kleinen Universität. Natürlich haben auch größere Universitäten damit zu kämpfen, aber kleine Strukturen sind anfälliger, und die GUZ ist sensibler als die heimische Universitätsstruktur. Wenn sich die Situation stabilisiert, tut sich eine neue Front auf. Der Kampf um das Selbstwertgefühl der Akteure gleicht das aus. Vorläufige Regeln in nicht kodifizierten Bereichen wurden zu dauerhaften Regeln. Das Finanzierungssystem wurde nicht mehr in Frage gestellt. Die Aufgabe des Deutschen wurde durch die Einführung des Englischen im Unterricht und die Verbesserung der Sprachkenntnisse des Personals abgemildert. Doch Impulse „von oben“, von der besorgniserregenden Außenwelt eröffnen neue Problemfelder: Forderungen nach gleicher Bezahlung, die Flucht von Akademikern, die sich einen Namen gemacht haben und nun prestigeträchtigere Stellen suchen, Zweifel an der europäischen Idee, die anhaltenden Reformen der Universitäten in Polen oder die Rückkehr von Coronavirus-Wellen. Worauf können wir hoffen in dieser instabilen Welt? Es wurde bereits erwähnt, dass es einen ontologischen Dialog zwischen der Oberfläche von Organismen und Genen, zwischen Morphem und Essenz gibt. Im Falle der wissenschaftlichen Institution wäre dies ein Energieaustausch, ein Dialog, eine vertikale Kommunikation zwischen der akademischen Kultur und dem Individuum. Ja, die Wissenschaftler, Forscher, Verwalter und tiefgründigen Persönlichkeiten im Strom der Menschen, die die Institution durchlaufen, sind die Träger des „genetischen Materials“ und die Stimulatoren der Arbeit der Universitätsstruktur. In dieser Hinsicht hat das Collegium Polonicum meistens Glück gehabt– und manchmal sehr viel Glück. Wenn die Lebensbedingungen vor Ort […] stabil sind, werden die Webervogelnester immer perfekter und widerstandsfähiger. Sie können Wind, Regen und Sonne standhalten. Aber wenn sich das Klima ändert, werden selbst perfekte Nester aufgegeben. Wir können nur hoffen, dass dies nicht in unserem Leben geschieht. Und wenn es doch passiert, werden irgendwo die Gene der Weisheit, der Solidität und der Fairness bleiben und einen neuen Organismus, eine neue Struktur, eine neue Form der universitären Zusammenarbeit im Ausland hervorbringen. Der Kampf der Sprachen 78 einem Schild auf dem Bürgersteig kurz nach dem Grenzübergang nach Słubice für sich: „Wir versichern die Begleitung von netten Damen“. Sprachliche Fehler im visuellen öffentlichen Raum gab es zuhauf, aber man spürte, dass dahinter die Offenheit der Einwohner von Słubice gegenüber dem Nachbarn und der Unternehmergeist der Menschen standen. Demgegenüber herrschte mindestens 10 Jahre lang auf deutscher Seite eine bedrohliche Stille: kein Polnisch, keine Schilder, keine Werbung, keine Versuche, den Nachbarn in seiner Muttersprache anzusprechen; abgesehen von einem Schild auf Polnisch, das in fast allen Selbstbedienungsläden hing: „Jeder Diebstahl wird angezeigt“. Die Abneigung gegen die polnische Sprache war mit negativen Stereotypen und dem Ärger über die polnische Grenzkriminalität verbunden. Ein polnischer Student, der als Kellner im Restaurant „Oderspeicher“ arbeitete und manchmal polnische Gäste bediente, fragte seinen Chef, ob er mit diesen Polnisch sprechen könne. „Bei uns gibt es keine polnischen Gäste“, antwortete der Chef. In diesem Bereich, in der Gastronomie, ergriff der damalige Kanzler der Viadrina Peter Stahl die Initiative, um beide Nachbarn sprachlich an einen Tisch zu bringen. Er überredete mich, an zwei der beliebtesten Restaurants – bei den Polen in Frankfurt und bei den Deutschen in Słubice – heranzutreten und ihnen vorzuschlagen, ihre Speisekarten von uns in die Sprache des Nachbarn übersetzen zu lassen. Die Reaktion überraschte uns: Im Frankfurter Restaurant beschied man uns, dass es keine polnischen Kunden gebe. Man dachte dort wohl, dass eine polnische Speisekarte die deutschen Kunden abschrecken würde. Im polnischen Restaurant teilte man uns mit, dass dies nicht nötig sei, da alle Kellnerinnen Deutsch sprächen. Hier zeigte sich sicherlich der lokale Stolz, eine Ablehnung des Vorschlags, die die eigene Inkompetenz offenbarte, da die deutschen Kunden die überwiegende Mehrheit bildeten und das Fehlen einer Speisekarte in deutscher Sprache ein Beweis für grobe Inkompetenz war. Es dauerte mindestens 15 Jahre, bis in Frankfurt polnische Aufschriften und freundliche Durchsagen in Zügen sowie Straßenbahnen auftauchten und bis in Słubice die „öffentliche“ deutsche Sprache einigermaßen korrekt gesprochen wurde. Als ich 2001 zu einer Konferenz über Sprachen in europäischen Grenzregionen im Saarland eingeladen wurde, versuchte ich, die sprachlichen Probleme der ersten Jahre der neuen deutsch-polnischen Nachbarschaft in meinem Vortrag wie folgt darzustellen:21 Historische Ausgangsprämissen Der deutsch-polnische Grenzraum hat keine Merkmale eines in Westeuropa typischen Grenzgebietes. Es gibt dort keinen fließenden Übergang zwischen den Besiedlungskulturen, keine Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze, keine Koexistenz von 21 Krzysztof Wojciechowski: Der deutsch-polnische Grenzraum als Brücke nach Osten. Die Rolle des Deutschen und des Polnischen entlang der Oder und ihre Bedeutung für eine neue europäische Kultur. In: Sprachen und Grenzräume. Partnersprachen und interkulturelle Kommunikation in europäischen Grenzräumen. Hrsg. von Detlef Oppermann. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 2002, S. 81–96. Der Kampf der Sprachen 79 Konfessionen, so gut wie keine interkulturellen Ehen und vor allem keine Zweisprachigkeit. Die 1945 durch ein ethnisch deutsches Gebiet künstlich gezogene Grenze trennt sehr scharf die deutsche und die polnische Bevölkerung. Die Bewohner der polnischen Seite der Grenze sind Umsiedler und stammen in der Regel aus dem polnischen Osten, aus den Gebieten, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion zugesprochen wurden. Als sie in die ehemaligen deutschen Gebiete kamen, hatten sie keine Beziehung zur deutschen Sprache und Kultur. Sie hatten im Zweiten Weltkrieg die ersten Deutschen gesehen und assoziierten sie mit Terror und Gräueltaten. Die polnischen Umsiedler stammten auch aus strukturell benachteiligten Gebieten: Ostpolen war das Armenhaus ihrer Heimat, wo 70Prozent aller Häuser aus Holz gebaut waren, wo es an einfachster Infrastruktur fehlte und wo die allgemeinen Verhältnisse eher denen des Deutschland der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts als den gegenwärtigen ähnelten. Abgesehen davon brachten sie Bräuche einer hochinteressanten multikulturellen Gesellschaft mit sich, die aus polnischen, jüdischen, litauischen, ukrainischen, belarussischen Elementen bestand, die sich aber leider nicht auf eine für die Deutschen ansprechende Weise artikulieren konnte. In dieser fremden Umgebung entwickelten sie einen soziopsychologischen (in gewissem Grade „von oben“ oktroyierten) Schutzmythos: Sie seien hier gar nicht fremd, sondern kehrten in das Land ihrer Vorfahren zurück, denn vor 700Jahren hatte dieses Gebiet kurzzeitig dem polnischen Staat angehört. Die Bewohner des Grenzgebiets auf deutscher Seite waren und sind zum Teil Vertriebene oder ihre Nachkommen. Aus nächster Nähe konnten sie mitansehen, wie das Land auf der polnischen Seite infolge des Fortbestehens der Kriegszerstörungen, kommunistischer Planwirtschaft und infolge unterschiedlicher zivilisatorischer Gewohnheiten der Neuankömmlinge zunehmend verfiel. Insbesondere der letzte Fakt war ein Nährboden für Ressentiments. In den Augen der Deutschen haben die Barbaren das Land eingenommen und heruntergewirtschaftet, und mit Barbaren pflegt man keine Freundschaft. Die angestauten Spannungen, Widersprüche, Überund Unterlegenheitsgefühle konnten auch nicht in einem Dialog abgebaut werden. Bis 1972 war die polnische Grenze zur DDR kaum passierbar. Das unmittelbare Grenzgebiet war Sperrzone, in der sich selbst die Polen nicht frei bewegen konnten. Die verordnete „Freundschaft“ […] brachte beide Seiten kaum einen Schritt näher. Erst eine kurze Periode der Öffnung der Grenze zwischen 1972 und 1980 führte zu einem intensiven und nach dem Zweiten Weltkrieg ersten Austausch von Touristen, jungen Menschen, Vertretern einzelnen Berufe und „Gastarbeitern“. Die positive Bilanz dieser Periode wurde jedoch dadurch gestört, dass die menschlichen und kulturellen Fortschritte durch ökonomischen Neid und Hass gemindert wurden. Polen– zahlenmäßig überlegen– kauften in der DDR die Läden nicht nur im Grenzgebiet leer. Die Planwirtschaft der DDR konnte diesen Bedarf nicht decken, und ein durchschnittlicher Deutscher empfand die Polen als eine Art Heuschrecken, die seinen bescheidenen Wohlstand gefährdeten. 1980, nachdem in Polen die Solidarność-Bewegung entstanden war, wurde die Grenze wieder geschlossen, und so blieb es bis 1991. Voraussetzungen für die neue Nachbarschaft Nach der Eröffnung der Grenze in der Nacht vom 7. auf den 8.April 1991 entstand ein bedeutender Impuls für die nachbarschaftlichen Beziehungen und für die Entwicklung der Grenzregion. Von da an gab es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Der Kampf der Sprachen 80 Die Gemeinsamkeiten sind: – eine soziale Marktwirtschaft, – ein stabiles, demokratisches Regierungssystem, – ein wachsendes Interesse an guter Nachbarschaft und Kooperation unter einem gemeinsamen europäischen Dach, – eine Vielfalt an Initiativen und Projekten im Bereich von Politik, Kultur und Bildung. Es trennen die Nachbarn jedoch immer noch: – die EU-Außengrenze (verbunden mit Passund Zollkontrollen), die in ein paarJahren verschwinden wird, – das Wirtschaftsgefälle (mit leichter Tendenz zum Ausgleich), – keine grenzüberschreitende wirtschaftliche Kooperation (und keine Verbesserung in Sicht), – die regionalen Verwaltungsstrukturen (Bundesländer auf der deutschen, zentralistisch regierte Wojewodschaften auf der polnischen Seite), – eine Reserviertheit der Masse der Bevölkerung, die aus Vorurteilen, wenigen Berührungspunkten und Konsumanreizen Seite resultiert (mit leicht sinkender Tendenz), – mangelnde Sprachkenntnisse (mit leicht sinkender Tendenz), – Kriminalität auf der polnischen Seite (im Bereich kleiner Straßenkriminalität mit leicht sinkender Tendenz), – rechtsextreme Übergriffe auf der deutschen Seite (in Bezug auf polnische Bürger mit leicht sinkender Tendenz). Sprache und Distanz Die Probleme dieses Grenzgebietes verdeutlichen, dass die Bereitschaft, miteinander zu kommunizieren und sich auszutauschen, auf keinen Fall mit der Fähigkeit zu beiden Bereichen gleichzusetzen ist. Die Fähigkeit zu kommunizieren bedeutet: – überzeugt zu sein, dass beim Partner etwas Wertvolles zu finden ist, – die Fähigkeit, das Wertvolle in den Kategorien des Partners (in seinem Sinne) zu interpretieren und zu operationalisieren (in eine integrierende Handlung einzubauen), – die Fähigkeit, sprachliche Brücken zu bauen und über diese Brücken Inhalte zu transportieren. Allein schon die letztgenannte, oberflächlichste Bedingung wird nur von wenigen erfüllt. Bei der älteren Generation ist die Zahl der Menschen, die die Sprache des Nachbarn sprechen, verschwindend klein und liegt bei 1Prozent. Bei der jungen Generation22 gestaltete sich das Verhältnis im unmittelbaren Grenzgebiet im Jahre 1999 folgendermaßen23: 22 Befragt wurden auf der deutschen und polnischen Seite der Grenze jeweils 200 Personen im Alter von 18 bis 26 Jahren, die Untersuchung leitete Detlef Pollack von der EuropaUniversität Viadrina Frankfurt (Oder). 23 Die hier und im Folgenden genannten Prozentangaben stammen aus einer Untersuchung, die intern an der Viadrina veröffentlicht wurde. Über ihr weiteres Schicksal kann ich nichts sagen. Detlef Pollack hatte in den Jahren 1995–2008 den Lehrstuhl für Vergleichende Kultursoziologie an der Viadrina inne. Der Kampf der Sprachen 81 Deutsche (in %) Polen (in %) Anteil derer, die die Sprache des Nachbarn bereits sprechen 3,1 13,5 Anteil derer, die die Sprache des Nachbarn bereits lernen 5,4 34,4 Anteil derer, die sich vorstellen können, die Sprache des Nachbarn zu erlernen 52,5 90,7 Anteil derer, die den Sprachunterricht in der Sprache des Nachbarn an den Schulen für notwendig halten 69,5 97,4 Alarmierend ist die Diskrepanz zwischen der Bereitschaft zum Erwerb von Kommunikationsfähigkeiten und dem tatsächlich erreichten Stand. Dies erklärt sich aus den mangelhaften Fähigkeiten, die Sprache des Nachbarlands in der Vergangenheit praktisch zu üben– aber wdie Möglichkeiten, sie zu erlernen, waren immer vorhanden. Signifikant ist auch der Unterschied zwischen Polen und Deutschen. Die Bereitschaft, die Sprache zu lernen, signalisieren fast alle Polen, aber nur rund die Hälfte der Deutschen. Die Erklärung liegt auf der Hand. Für junge Polen bedeuten Deutschkenntnisse messbare Vorteile: bessere berufliche Chancen, einen höheren Verdienst, bessere Bildungschancen. Für die meisten Deutschen scheint dies hingegen wahrscheinlich nur eine Frage der Political Correctness zu sein. Sie können sich keine Vorteile aus den Polnischkenntnissen vorstellen. Zu Unrecht: Die Nischen auf dem Arbeitsmarkt, in denen Polnischkenntnisse die Berufschancen erhöhen, werden immer größer. Und was lässt sich über den unmittelbaren physischen Kontakt sagen? Die Untersuchung liefert folgende Ergebnisse: Deutsche (in %) Polen (in %) Anteil derer, die einverstanden sind, dass ihre Nachbarn häufiger als Besucher nach Frankfurt (Oder) bzw. Słubice kommen 74,4 88,2 Anteil derer, die einverstanden sind, dass ihre Nachbarn Bewohner derselben Stadt werden 46,9 35,9 Anteil derer, die einverstanden sind, dass ihre Nachbarn Kollegen bzw. Kommilitonen werden 57 61,5 Anteil derer, die einverstanden sind, dass ihre Nachbarn eine Wohnung in ihrem Wohnhaus beziehen 59,4 63 Anteil derer, die einverstanden sind, dass ihre Nachbarn Familienmitglieder werden 49,9 50,7 An diesen Zahlen wird der deklarative Charakter der Kommunikationsbereitschaft offenbar. Die unbewusste Ansicht, das eigene Territorium könne nur zeitweise von Fremden betreten werden, äußern (indirekt) 53,1Prozent der Deutschen und 74,1Prozent der Polen. Die Offenheit gegenüber Nachbarn im eigenen Haus oder in der Familie erklärt sich dadurch, dass man hier nur mit einzelnen Personen rechnet, wohingegen es im Falle von Stadtbewohnern unter Umständen um größere und zahlreichere Gruppen geht. Der Kampf der Sprachen 82 Aber auch auf eine sehr erfreuliche Entwicklung sei hier hingewiesen. In einer Untersuchung aus dem Jahr 1992, in der die Befragten einen Querschnitt der Bevölkerung abbildeten, konnten sich lediglich 3Prozent der Deutschen und 2Prozent der Polen vorstellen, einen Nachbarn als Mitglied der eigenen Familie zu akzeptieren.24 Heute liegt der Anteil bei jungen Menschen bereits bei 50Prozent. Wie schätzen die jungen Leute die Ergebnisse dieser Kontakte ein? Deutsche (in %) Polen (in %) Anteil derer, die nach wie vor eine gute Meinung von ihren Nachbarn haben 51,2 66,6 Anteil derer, die ihre Ansichten zum Positiven geändert haben 31,7 56,3 Anteil derer, die ihre Ansichten zum Negativen geändert haben 23,6 35 Anteil derer, die schon immer ein schlechtes Bild von ihren Nachbarn hatten 18,5 26,3 Anteil derer, die die Kontakte zu ihren Nachbarn als gut bezeichnen 63,1 81,6 Auf den ersten Blick überrascht die hohe Zahl der Polen, die schon immer ein schlechtes Bild von den Deutschen hatten (23,6Prozent) bzw. schlechte Erfahrungen gemacht haben (35Prozent). Eine reale Grundlage besteht kaum, da z. B. die Kriminalitätsrate unter den Deutschen äußerst gering ist– nur 1Prozent aller Straftaten auf der polnischen Seite des Grenzgebiets werden von deutschen begangen). Es geht hier höchstwahrscheinlich um das Festhalten an negativen Stereotypen (die Deutschen seien arrogant, dominant, fantasielos und der ewige Feind der Polen), welche bei den Polen aus dem Zweiten Weltkrieg resultieren und von der älteren Generation gehegt wurden. Bei der jungen Generation dienen sie immer noch zur Aufwertung der eigenen Identität. Die jungen Deutschen dagegen reagieren erstaunlich zurückhalten, obwohl in bestimmten Bereichen Straftaten durch Polen spürbar ins Gewicht fallen (z. B. werden 52Prozent der Ladendiebstähle in Frankfurt von Polen begangen). Nur 18,5Prozent der Befragten gaben an, ein schlechtes Bild von Polen zu haben, obwohl 30Prozent der Frankfurter der Aussage ganz oder teilweise zustimmten, dass „die meisten Polen Kriminelle“ seien. 4Prozent vertreten sogar die Ansicht, „Polenklatschen“ sei eine Form von Notwehr. Nun kommen wir zu tieferliegenden Wertvorstellungen, die den Kern der eigenen Identität formen und somit eine Voraussetzung für die Akzeptanz des Anderen bilden. Deutsche (in %) Polen (in %) Anteil derer, die sagen, sie seien stolz Deutsche bzw. Polen zu sein 42,4 95,5 Anteil derer, die behaupten, Deutsche bzw. Polen seien anderen Gesellschaften überlegen 8,2 13,1 24 Vgl. Lisiecki, a. a. O. Der Kampf der Sprachen 83 Für gewöhnlich lautet das Klischee, dass der aggressive Nationalismus eher ein deutsches bzw. ostdeutsches Problem sei. Anhand der Zahlen wird jedoch deutlich, dass die Polen ein stärker ausgeprägtes Nationalbewusstsein besitzen gesonnen sind und ihr Verständnis von Nation durch irrationale Elemente wie einem Gefühl der Überlegenheit anderen gegenüber geprägt ist. In der Tat schöpfen die Polen ihre kollektive Selbstwertgefühl in höherem Maße aus der nationalen Identität, als die Deutschen bzw. Ostdeutschen. Somit sind sie– trotz aller Offenheit und Motiviertheit– ein ebenso, wenn nicht ein noch schwierigerer Partner als die Deutschen mit ihren Vorurteilen. Gelingt es, in der deutsch-polnischen Grenzregion eine Kommunikation auf der Grundlage gemeinsamer, identitätsstiftenden Werte aufzubauen, könnte diese sich zu einer echten Brücke zwischen den Nationen, ja sogar zwischen Westund Osteuropa entwickeln. Techniken der Verständigung Das einfachste und bekannteste Mittel der Verständigung ist das Gespräch. Ein Gespräch setzt entweder die Kenntnis einer gemeinsamen Sprache oder die Unterstützung durch einen Übersetzer voraus. Da Letzterer aus ökonomischen Gründen nur in Ausnahmefällen zur Verfügung steht, sollte langfristig in die Entwicklung der Sprachkenntnisse investiert werden. Der Unterricht in der Sprache des Nachbarn in der deutsch-polnischen Grenzregion nimmt sehr differenzierte Formen an: Polnisch lernende Deutsche Deutsch lernende Polen Kindergärten: Anzahl der Kindergärten mit gefördertem Sprachunterricht in der Sprache des Nachbarn Mecklenburg-Vorpommern: 0 Brandenburg: 1 Sachsen: 1 Pommern: k. A. Lebuser Land: k. A. Schlesien: k. A. Insgesamt: k. A. Grundschulunterricht (Zahl der Schüler in absoluten Zahlen) Mecklenburg-Vorpommern: 0 Brandenburg: 364 Sachsen: 84 Pommern: 42.000 Lebuser Land: 29.000 Schlesien: 82.000 Gymnasien (Zahl der Schüler in absoluten Zahlen) Mecklenburg-Vorpommern: 60 (30 Pl*) Brandenburg : 863 (283 Pl*) Sachsen: 201 Pommern: 88.000 Lebuser Land: 52.000 Schlesien: 250.000 Universität Viadrina/ Collegium Polonicum (Zahl der Studierenden in absoluten Zahlen) Brandenburg: 150 (1300 Pl**) (Deutschkenntnisse als Voraussetzung des Studiums) Volkshochschulen (Zahl der Studierenden in absoluten Zahlen) Mecklenburg-Vorpommern: 405 Brandenburg: 600 Sachsen: 623 Pommern: k.A. Lebuser Land: k. A. Schlesien: k. A. * Polnische Schüler in den gemischten deutsch-polnischen Klassen; ** polnische Studierende an der Viadrina; k. A.: keine Angaben Bevor wir die Techniken der Verständigung erörtern, müssen wir einen Aspekt kommentieren. Die Zahl der Polen, die Deutsch lernen, ist entscheidend größer als die Zahl der Deutschen, die Polnisch lernen. Dies dürfte für niemanden überraschend ein. Der Poznańer Germanist Waldemar Pfeiffer, ehemaliger Präsident des Weltverbandes der Der Kampf der Sprachen 84 Germanisten und Ideengeber des Collegium Polonicum, pflegte zugespitzt zu sagen: „In Polen lernen 1Million Menschen die Sprache des westlichen Nachbarn und in Deutschland 1000 die des östlichen Nachbarn.“ Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Hinter der Motivation, Deutsch zu lernen, steht das ganze deutsche Potential der Wirtschaft, der Kultur sowie der deutsche Reichtum, an dem jeder Osteuropäer partizipieren möchte. Außerdem hat Deutschland einen günstigeren Platz auf der zivilisatorischen „schiefen Ebene“, die irgendwo in Kalifornien beginnt und in Kasachstan endet. Auf dieser schiefen Ebene rollen von West nach Ost Technologien, Lebensformen und Wertvorstellungen hinunter, von Ost nach West bilden dagegen aufstiegsgierige Menschen eine Schlange. Es weist nichts darauf hin, dass sich in absehbarer Zukunft die Lage wesentlich ändern wird. (Obwohl erfreuliche Prozesse zu verzeichnen sind: In den letzten acht Jahren hat sich die polnische Sprache im grenznahen Bereich zu der Zweitplatzierten nach dem Englischen in den Schulen entwickelt). Wesentlich aber sind die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Dialog. Wenn diese vorhanden wäre, könnte man sich vorwiegend auf Deutsch oder in fernerer Zukunft auf Englisch verständigen. Der Schlüssel zur Dialogbereitschaft scheint ganz simpel zu sein. Es sind die räumliche Nähe, die gemeinsame Befriedigung der Bedürfnisse und Interessen sowie die Verzahnung der Handlungen. Die im Grenzgebiet bereits existierenden Formen bilden eine Pyramide, die einen breiten, aber „passiven“, wenig zur Annäherung beitragenden Sockel und eine wirkungsstarke, aber schmale Spitze hat: – Einkauftourismus (Millionen Betroffene), – Erholungstourismus (hunderttausende Betroffene), – illegale Arbeit (zigtausende Betroffene), – gemeinsames Lernen (Besuch von Schulund Hochschuleinrichtungen) (tausende Betroffene), – gemeinsames Realisieren von zielorientierten Projekten (hunderte), – gemeinsame Arbeit in deutsch-polnischen Institutionen (einige Dutzend), Beim Einkaufstourismus werden die Barrieren jedoch erst sehr langsam abgebaut. Die Situation, wo der Deutsche zahlt und etwas verlangt und der Pole die Ware anbietet, bekräftigt das asymmetrische Selbstwertgefühl. Allerdings sind nach ein paar Jahren die positiven Resultate auch sichtbar: Es werden gemeinsame Regeln entwickelt, und man baut die Hemmschwellen ab. Schließlich die Spitze der Pyramide: Gemeinsame Institutionen sind hier zwar sehr selten, aber hochwirksam. Zu erwähnen wären Hochschulinstitutionen wie die Viadrina und das Collegium Polonicum, Wirtschaftsfördergesellschaften, Kulturund Jugendorganisationen. Unter einem gemeinsamen Erfolgsdruck geben die deutschen und die polnischen Kollegen innerhalb von Tagen ihre alten Denkweisen auf und beginnen, ihre Partner ausschließlich nach ihren persönlichen Eigenschaften und Qualitäten zu bewerten. Die Kommunikation funktioniert reibungslos, Sprachdefizite werden durch nonverbale Kommunikation kompensiert. Einen interessanten Fall stellen in dem Zusammenhang die Europa-Universität Viadrina und das Collegium Polonicum dar. Die Universität hat den höchsten Anteil an Ausländern unter den deutschen staatlichen Universitäten. Sie machen 40Prozent aus, davon sind 35Prozent Polen. Die Integration der beiden Nationalitäten kann unterschiedlich bewertet werden, aber Tatsache ist, dass das gemeinsame Leben, Wohnen und Studieren konfliktlos abläuft. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass der Fremdsprachenunterricht lediglich ein Mosaikstein in der Gesamtproblematik der Nachbarschaftskommunikation Der Kampf der Sprachen 85 ist. Jeder Versuch, Vorschläge zur Verbesserung der Situation zu machen, endet mit dem Postulat einer staatlichen Förderung der „oberen Etagen“ der Pyramide. Gäbe es eine wirtschaftliche Kooperation, könnte man die Lösung der Probleme der Dynamik der materiellen Sphäre überlassen. Und so muss der Staat her. Und der Staat hat weder auf der polnischen noch auf der deutschen Seite Geld. An dieser Stelle muss man bemerken, dass sich die Lage nach dem EU-Beitritt Polens ändern kann. Lokale Migrationsbewegungen sind zum Beispiel sehr wahrscheinlich. Auf der deutschen Seite in der Grenzregion gibt es Tausende unbewohnter Wohnungen. Auf der polnischen Seite der Grenze herrscht ein großer Wohnraummangel. Sollte es vor diesem Hintergrund zu einer größeren Bevölkerungsbewegung kommen, könnten sich die Sprachprobleme in ganz anderer Weise darstellen. Die Zukunft der Brücke nach Osteuropa Die Bewertung der geschilderten Prozesse an der deutsch-polnischen Grenze muss unter Vorbehalt der Richtigkeit dieser Kriterien geschehen. Meistens werden für die Bewertung die Maßstäbe aus dem deutsch-niederländischen oder dem deutsch-französischen Gebiet herangezogen. Dies ist deplatziert und stellt die gewaltigen Fortschritte des letzten Jahrzehnts in ein negatives Licht. Wenn wir aber selbst über richtige Kriterien verfügen, können wir dann von einer Brückenfunktion des deutsch-polnischen Grenzgebietes sprechen? Nehmen wir folgendes Beispiel: Vor zwölfJahren hätte ein Reisender, der Polen durchquert, gar keinen Unterschied in der polnischen Grenzabfertigung an der Ostund Westgrenze des Landes gemerkt. Derselbe Reisende sieht heute die Sache anders: Die polnische Ostgrenze hat alle Attribute des europäischen Ostens: auf beiden Seiten derselbe Schlendrian, Inkompetenz, Verachtung des Bürgers, Korruption usw. Die westliche Grenze wirkt dagegen beinahe futuristisch: aufmerksame, aber auf das Wesentliche beschränkte und somit schnellere Kontrollen, höfliche und kompetente Beamte, die in der Lage sind, sich auch in einer Fremdsprache zu verständigen, bessere Organisa tion, bessere technische Ausstattung, sichtbare Kooperation zwischen Deutschen und Polen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, haben die Staatsdiener an dieser Grenze ein großes Potential an Kontakten, Fähigkeiten und neuen Gewohnheiten angesammelt. Außer den Grenzbeamten sind es hier noch viele Gruppen, die ähnliche Kompetenzen aufweisen. Sie sind wie geschaffen, in ihren professionellen Bereichen eine Brücke zu bauen, die wie in einem weiten Bogen bis zur polnischen Ostgrenze reicht. Ihr Erfahrungspotential kann den Menschen im Osten viel Zeit und viel Kraft ersparen. Und da es auf beiden Seiten keine Minderheiten gibt, sind diese Menschen auch eine spezifische Minderheit. Diese Menschen stoßen häufig auf Unverständnis, man verdächtigt sie, niedrige Beweggründe für ihre Bemühungen um engere Kontakte mit den Nachbarn zu haben, und mitunter wird ihnen mangelnder Patriotismus vorgeworfen. Dennoch sind sie der passiven Masse ganz sicher um einige Schritte voraus. Die oben genannten Beobachtungen stammen aus der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Für das Grenzgebiet waren das Umbruchsjahre. Das ursprüngliche Chaos – Kriminalität, Regellosigkeit, immer noch spürbare kommunistische Denkmuster und gleichzeitig der uferlose Glaube an die bessere, europäische Zukunft, gepaart mit dem Glauben an eine schrittweise Zivilisierung der einzelnen Der Kampf der Sprachen 86 Bereiche des Lebens – wich den neuen Strukturen und den neuen Formen des Zusammenwachsens. Vieles davon war auch an der Europa-Universität sichtbar. Im Jahre 1997 hatte die Universität insgesamt 2317 Studentinnen und Studenten, davon waren 1339 Deutsche (78 Prozent Ossis und 22 Prozent Wessis), 978 waren Ausländer (also 42 Prozent). Von den Letzteren betrug die Zahl der Polen 890 und es gab nur 88 andere Ausländer. Damit waren die Polen mit 38 Prozent die stärkste und am meisten wahrnehmbare nationale Gruppe. Sowohl die Universitätsangehörigen als auch die externen Beobachter und Kommentatoren konzentrierten sich bewusst oder unterbewusst auf das deutsch-polnische Verhältnis. Sehr oft wurde der Keim einer neuen Sprache kommentiert, der in der Studierendengemeinschaft entstanden war und der auf Integrationsprozesse hinwies. Die Integration der polnischen und deutschen Studierenden war Gegenstand negativer Kommentare seitens derjenigen, die versuchten, die Viadrina als kulturpolitische Initiative zu bewerten. Die Pessimisten argumentierten, dass das Projekt gescheitert sei, weil die Mehrheit der Polen auf der polnischen Seite und fast alle Deutschen auf der deutschen Seite lebten, weil sich die Polen nicht in das politische Studentenleben der Universität einbrachten und weil sich Polen und Deutsche in den Vorlesungspausen in ihren nationalen Gruppen zusammenfanden. Und während der Veranstaltungen wandten beide Gruppen unterschiedliche Verhaltensstrategien an. Die Deutschen waren sehr aktiv, ihre Äußerungen hatten aber wenig Substanz, die Polen versuchten sich in die Inhalte zu vertiefen, äußerten sich aber in den Diskussionen nur selten. Die Optimisten hingegen behaupteten, dass die Ergebnisse im Studium der Polen gut waren, dass individuelle Freundschaften und deutsch-polnische Paare entstanden sind, dass es in deutschen Kreisen eine Mode gab, die polnische Sprache zu lernen und eine Bereitschaft, nicht nur das polnische Territorium, sondern auch die polnische Geschichte und Kultur zu erkunden. Und im Allgemeinen – so die Optimisten – seien die von den Pessimisten beschriebenen Phänomene vorübergehend. Sie seien auch das Ergebnis ungünstiger Proportionen bei der Zahl der Studierenden. Tatsächlich: In der typischen Version einer stark internationalisierten Universität dominiert die Gruppe der einheimischen Studierenden, und die kleineren Ausländergruppen ordnen sich dieser dominanten Mehrheit unter, versuchen ihre Sprache so gut wie möglich zu lernen und sich in dieser Sprache mit anderen Ausländern zu verständigen. An der Viadrina hingegen war diese integrierende Kraft des Deutschen durch die zahlenmäßige Stärke der polnischen Gruppe begrenzt. Und trotzdem, oder gerade deshalb – so die Optimisten –, verschmolzen die deutsche und die polnische Sprache zu einer Art lokalem Dialekt, was an sich schon von der positiven Energie der Universität zeugte. Dieser Dialekt war so auffällig, dass er in Publikationen erwähnt sowie kommentiert wurde und sogar einen eigenen Namen erhielt: Der Kampf der Sprachen 87 Viadrinisch/Viadriński In einer Publikation25 charakteriesierten der russische Viadrina-Student Eugen Kaweschnikow und der Sprachwissenschaftler Harald Weydt das Viadrinische als eine klassische Mischsprache vom Typ Pidgin. Sie baut auf dem Polnischen auf, übernimmt aber eine ganze Reihe von Wörtern aus dem Deutschen und teilweise aus anderen Sprachen. Bei diesen Begriffen handelt es sich entweder um Beschreibungen von Realitäten, die nur im Deutschen funktionieren (z. B. Eigennamen von Gebäuden, Plätzen, Straßen, Namen von organisatorischen Lösungen im deutschen Hochschulleben) oder aus dem deutschen öffentlichen Leben, die Phänomene beschreiben, die es in Polen (noch) nicht gibt. Folgend ein Beispiel für das Viadrinische, das von der polnischen Studentin Agnieszka Lemańczyk zur Veröffentlichung freigegeben wurde:26 „Idę do Hauptgebäude, potem do Jobvermittlung.“ („Ich gehe zum Hauptgebäude, danach zur Jobvermittlung.“) „O dzisiątej mam seminar z Wirtschaftskommunikation we Flachbau.“ („Um zehn habe ich ein Seminar in Wirtschaftskommunikation im Flachbau.“) „Później idę do menzy, a o drugiej jestem umówiona na Sprechstunde do Knefelkampa.“ („Danach gehe ich in die Mensa und um zwei bin ich zur Sprechstunde bei Knefelkamp verabredet.“) „Gdzie trzeba się meldować do klauzury?“ („Wo muss man sich zu einer Klausur anmelden?“) „W Pryfungsamcie.“ („Im Prüfungsamt.“) „Śpieszę się, bo muszę jeszcze zrobić Auszug, zapłacić Semesterbeitrag i immatrykulować się.“ („Ich beeile mich, denn ich muss noch einen Kontoauszug machen, den Semesterbeitrag bezahlen und mich immatrikulieren lassen.“) „Zaszpajsierować, kliknąć, zrobić Absatz.“ („Im Computer speichern, klicken, Absatz machen.“) „Idę na Uni.“ („Ich gehe zur Uni.“) Und hier ist der klassische Smalltalk auf Viadrinisch, wie ihn der russische Student Eugen Kaweschnikow beobachtet hat:27 „Hallo, Misiu.“ „Cześć.“ „Na jak to było?“ „Janz jut. Hodil do Uni na Unterricht i danach w bibliotece rumgesessen. Ileś stron dzisiaj już zrobił?“ „Von tu bis tu… to zwölf będzie. Hab fünf godzin gelernt.“ „Fleißiger Junge. Chcesz herbatki?“ „Patschimu net? Machʼs bloß nicht so süß.“ „Sure, nie ma problemu.“ Natürlich stellte sich die Frage, ob dieses zarte Pflänzchen nur eine Modeerscheinung für ein paar Saisons war oder ob es zu einem festen Bestandteil des Lebens in der deutsch-polnischen Grenzregion werden würde. Und in dem Zusammenhang ist es am besten, Harald Weydt zu zitieren:28 25 Vgl. Cornelia Winkel/Hartmut Matzat/Krzysztof Wojciechowski (Hrsg.): Viadrina. Die neuen Frankfurter Studenten 1992–1997. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 1998, S. 151–154. 26 Ebd., S. 152. 27 Ebd. 28 Ebd., S. 153. Der Kampf der Sprachen 94 Dolmetscherausbildung verfügten, aber in der Übersetzungskabine sehr gut zurechtkommen. Diejenigen, die ihren Wohnsitz vor Ort haben, geben sich mit einem deutlich niedrigeren Honorar zufrieden. Ein qualitativ höheres Niveau gewährleistet dann auch ein Simultanübersetzer aus Gorzów mit eigener Firma, der nicht nur akzeptable Preise verlangt und über vorzügliche Kompetenzen verfügt, sondern diese Aufgabe auch als Mission versteht, so dass er sich in wichtigen Situationen weitgehend kooperativ zeigt. Ein Mitarbeiter des Collegium Polonicum schafft sich auch eine private Simultandolmetscheranlage an, was die technische Bedienung der Veranstaltungen erleichtert. Außerdem entsteht der Brauch simultanen „Flüsterdolmetschens“ für eine kleinere Gruppe von Personen, die dem Diskurs sonst nicht hätten folgen können. Der Informationsfluss in den Gremien gewinnt an Fahrt, und wer in diesen Jahren das Collegium besucht, wird bestimmt beeindruckt von der Zweisprachigkeit dieser Einrichtung. Im CP und an der Viadrina werden außerdem zweibzw. dreisprachige (mit Englisch) Aufschriften angebracht, die ein stimmiges Informationssystem schaffen. Die letzte Phase (2015 bis zum Moment, wo ich diese Zeilen schreibe) ist eine Phase der Routine. Warum dies Bezeichnung? Die außenpolitischen Ereignisse wie die Krise der Europäischen Union, eine Welle der Populismen sowie die Verschlechterung der polnisch-deutschen Beziehungen auf höchster Regierungsebene bewirkten, dass die Zeit der gemeinsamen polnisch-deutschen Faszination zu Ende ging. Aber das bedeutet nicht, dass es zu Feindschaft oder Widerwillen gekommen wäre. Die Masse an bisherigen Errungenschaften innerhalb der universitären Institutionen und auch in der Region hatte in den vorhergehendenJahren so weit zugenommen, dass sie nicht in Frage gestellt werden konnte. Polnisch-deutsche Beziehungen waren so selbstverständlich geworden, dass sie fast unbemerkbar blieben. Etwas Neues brachten der Zustrom von Flüchtlingen auf deutscher Seite und antiislamische Vorurteile auf der polnischen, welche in der Region allerdings nur sehr sparsam artikuliert wurden. Im Übrigen wurden sie durch die große Welle ukrainischer Flüchtlinge überlagert. Für die neu angekommenen Ukrainer (Studierende und „Gastarbeiter“ in der Stadt) stellte der polnisch-deutsche Charakter der Einrichtung mitsamt ihrer Zweisprachigkeit eine selbstverständliche, vorgefundene Tatsache dar. Doch die Spannung, die in negativer Hinsicht aus den polnisch-deutschen Beziehungen verschwand, ließ auch in positiver Hinsicht nach. Heute fällt es schwer, etwas Neues zu entwickeln, das gegenseitige Bild voneinander zu erneuern oder der Bekanntschaft, dem gemeinsamen Lernen oder der Sprache des Nachbarn neue Impulse zu geben – daher die treffende Bezeichnung: eine Phase der Routine. Geheimnisvoll abwesend blieb über all die Jahre die englische Sprache – geheimnisvoll deshalb, weil die Sprachkompetenzen der in den Gremien tätigen Personen im Grunde längst ausgereicht hätten, um in dieser Sprache zu verhandeln und zu arbeiten. Aber hier ist nicht der Ort, dieses Phänomen zu analysieren. Wir können lediglich andeuten, dass die weiteren Pläne für die Entwicklung des Collegium Polonicum eben Studiengänge und Forschungen in englischer Sprache betreffen. Wenn sich in die Beziehung zweier Partner Routine einschleicht und die Gefühle nachlassen, dann lautet der beste Rat, sich auf eine weite, interessante Reise zu begeben. Wir werden sehen, wohin diese Reise die Sprache(n) unserer Einrichtung führt. Kurz nachdem ich diese Zeilen geschrieben hatte, wurden die ersten Studierenden des Studiengangs Master of Digital Entrepreneurship am Collegium Polonicum immatrikuliert, an der European New School of Digital Studies. Nur einer kam Der Kampf der Sprachen 95 aus Polen, wenige aus Deutschland und der Rest aus der ganzen Welt. Die Unterrichtssprache in diesem Studiengang war Englisch. In gewisser Weise hat sich diese Richtung in Bezug auf die Verkehrssprache zu einem Game Changer entwickelt. Da sich die Einrichtung seit mindestens zwei Jahren darauf vorbereitet hatte, belegte das gesamte Verwaltungspersonal (das gut Polnisch und Deutsch konnte) Kurse in Englisch, mit dem Ergebnis, dass es nun in der Lage ist, an Sitzungen auf Englisch teilzunehmen. In den Hörsälen, in den Verwaltungsräumen, in der Kantine und auf den Fluren waren nicht nur Deutsch, Polnisch und Englisch (Letzteres in verschiedenen Versionen, vom kehligen Oxford bis zum süßen Indian English), sondern auch Spanisch und Türkisch zu hören. Und dann kam der 24. Februar 2022. Innerhalb weniger Wochen traf eine Welle von Flüchtlingen aus der Ukraine in Polen ein, und die Viadrina und das Collegium Polonicum begannen, verstärkt ukrainische Studierende aufzunehmen. Im Collegium Polonicum wurde eine Rechtsund Verwaltungsberatungsstelle für Flüchtlinge eingerichtet, und mit dem Geld einer US-amerikanischen Stiftung wurden täglich 300 Mittagessen an Flüchtlinge ausgegeben. Die Sprachmischung wurde durch Russisch ergänzt. Aber das war – wie ich bereits geschrieben habe – zu diesem Zeitpunkt die „Sprache der Schande“. Also begann das Verwaltungspersonal, Ukrainisch zu lernen. Wenn mir jemand vor 30 Jahren gesagt hätte, dass ich einmal eine mehrsprachige Einrichtung leiten würde, hätte ich das nicht geglaubt. Selbst die einfache Zweisprachigkeit war für mich damals ein unerreichbares Ideal. Das Traurige daran ist, dass dieser Traum in einer Zeit der Orientierungslosigkeit und Ungewissheit wahr wurde. Wie geht es weiter mit der Welt, mit Europa, mit der deutsch-polnischen Nachbarschaft und mit dem grenzüberschreitenden Universitätsleben? Exzellenz geht oft mit Alter und Verfall einher. Aber niemand will Alter und Niedergang! Wenn also die Mehrsprachigkeit nicht das Allheilmittel ist, was ist dann der Stein der Weisen, der uns überleben und gedeihen lässt? 97 4 Hydrodynamik der Werte Es gab eine Zeit, genauer gesagt das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, als in den Kontakten zwischen der Viadrina und der AMU enthusiastische Gedanken über eine Vertiefung der Zusammenarbeit, einschließlich einer Fusion der beiden Universitäten, aufkamen. Das waren vage, unartikulierte Gedanken, so etwas wie Hochzeitsgedanken, die in den Köpfen zweier einsamer Menschen auftauchen, die sich gerade im Urlaub kennengelernt haben. In Bezug auf das Collegium Polonicum nahmen diese Überlegungen konkretere Formen an. Das Collegium Polonicum sollte – unter anderem – einen gemeinsamen, „vereinten“ Haushalt erhalten. Die Geschichte dieses Haushalts ist eine sehr lehrreiche Geschichte darüber, was Kooperation, Integration, Soziales und zwischenmenschliches Vertrauen ausmacht. Am Anfang hatte das Collegium Polonicum, obwohl es eine in der Struktur beider Universitäten eigenständige Einrichtung war, kein Budget. Als ich in meiner Funktion als Verwaltungsdirektor schüchtern darauf hinwies, dass ich etwas „Taschengeld“ haben sollte, wurde mir von Vertretern der Leitungen beider Universitäten gesagt, dass doch alle Ausgaben, die für mich notwendig seien, von ihnen getragen würden. Ich müsse nur zu ihnen kommen und ihnen sagen, was ich brauche. Als ich sagte, dass ich eine Vollzeitstelle für einen Computerspezialisten benötige, versicherten sie mir, dass sich ihre IT-Abteilungen um alles kümmern würden, was im Collegium Polonicum zu tun sei. Als ich sagte, dass jemand die Einkäufe überwachen und die Rechnungen abrechnen sollte, wurde mir versichert, dass die Buchhaltungsabteilungen beider Universitäten sich um alle Vorgänge kümmern würden. Zwei oder drei Jahre lang hing ich mit meinen Ausgaben in einem Vakuum. Meine Anträge warteten darauf, dass die höchsten Stellen entschieden, aus welchen Mitteln sie bezahlt werden sollten, Rechnungen zirkulierten in verschiedenen Büros, und Lieferanten drohten, nichts mehr zu liefern, weil sie seit Monaten nicht bezahlt worden waren. In der Buchhaltung hatte niemand eine Ahnung von irgendetwas. Computerspezialisten tauchten nicht auf, weil die aus der Viadrina nicht wussten, ob sie über die Grenze gehen und in Polen arbeiten konnten, und die aus Poznań wollten nicht 180 Kilometer weit fahren. Der bahnbrechende Moment war die Putzfrau. Der Wankelmut oder das Wunschdenken der Rektoren ging nicht so weit, dass sie behaupteten, eine Putzfrau würde jeden Tag die Grenze überqueren, um in einem fremden Land zu Hydrodynamik der Werte Hydrodynamik der Werte 98 putzen, oder dass sie 180 Kilometer fahren würde, um es in ihrem eigenen Land zu tun. Und ihre Arbeit war notwendig, denn die Adam-Mickiewicz-Universität mietete das erste 200 Quadratmeter große Büro in Słubice für das Collegium Polonicum. Ich dürfte also eine Putzfrau von der polnischen Seite einstellen. Gleichzeitig wurde mir als Direktor von der Viadrina die Stelle einer Sekretärin zugewiesen. Als ich anfing, meine ersten Buchkäufe zu tätigen, war es notwendig, Bibliothekare einzustellen. Diese arbeiteten mit Computern, und es wurde ein erstes Netzwerk für sie, mich und die Sekretärin benötigt, also wurde auch ein IT-Spezialist eingestellt. Der Prozess der Entwicklung der finanziellen Souveränität des Collegium Polonicum war sehr interessant und dauerte gut 20 Jahre. Wenn ich unter den wirtschaftlichen oder politischen Modellen, die ich kenne, dasjenige heraussuchen müsste, das die Mechanismen der Kontrolle über die eigenen Ressourcen am besten widerspiegelt, würde ich sagen, dass dieses Modell die Erlangung der finanziellen Unabhängigkeit des Kindes ist. Spielen wir ein wenig mit dieser Metapher: Auf die erste Phase, in der die Eltern (die Viadrina und die AMU) die Notwendigkeit von Ausgaben durch das Kleinkind verleugneten, folgt eine Phase, in der die Eltern beginnen, Taschengeld zu geben. Diese Phase ist meistens in zwei Unterphasen unterteilt. Die erste ist kritisch: „Warum hast du Süßigkeiten gekauft, Süßigkeiten sind ungesund)!“ In der zweiten, der Resignationsphase klammern sich die Eltern nicht mehr an den Inhalt der Ausgaben, sondern drohen nur noch: „Wenn du Schulden machst, wirst du dich selbst darum kümmern, wie du die Rechnungen bezahlen kannst!“ Dann erkennen die Eltern, dass das Kind wächst, dass es Bedürfnisse hat und dass es die Aufmerksamkeit externer Sponsoren auf sich zieht. Die vernünftigen Eltern beginnen, bei verschiedenen wohlhabenden Einrichtungen Geld für das „brillante Kind“ zu beantragen, sie richten in ihrem Haushalt einen gesonderten Posten ein. Sie nennen ihn „unser Lieblingskind“ gewähren dem Kind jedoch keinen Zugang. Papa und Mama hingegen bedienen sich schamlos an diesen Geldern. Sie bestreiten damit Ausgaben, die, wenn sie anderswo verbucht worden wären, Verdacht erregten oder Proteste hervorgerufen hätten. Aber das Kind weiß, dass es, wenn es geduldig ist, diplomatisch über die Ausgaben hinwegsieht, sich auf die Machenschaften einlässt und so tut, als sei alles in Ordnung, eines Tages an das Geld kommt. Oder vielmehr: dass seine Eltern es ihm selbst übertragen werden, weil sie den Ärger einfach nicht auf sich sitzen lassen wollen. Und so geschah es. Etwa 15 Jahre, nachdem ich zum ersten Mal darauf hingewiesen hatte, dass ich Geld ausgeben musste, wurde mir von beiden Universitäten mitgeteilt, wie hoch mein Jahresbudget war (jeweils fast 2 Millionen Euro), und die Buchhaltungsabteilungen wurden angewiesen, nur diese Ausgaben zu decken, die meine Unterschrift trugen. Diese boulevardeske Darstellung dieses Prozesses ließe sich in eine sehr präzise Beschreibung der zivilisatorischen Veränderungen einbauen, die sich zu jener Zeit vollzogen. Polen befand sich im Transformationsprozess und erlebte die Schaffung neuer Spielregeln in allen Lebensbereichen, auch im Finanzwesen. An der AdamMickiewicz-Universität, wo zu Beginn der 1990er Jahre die einzigen wirklichen Hydrodynamik der Werte 99 Kontrolleure des Geldes der Rektor und die Dekane gewesen waren, die wie der Kaiser von Äthiopien in Kapuścińskis Reportage in den Beutel mit den Münzen griffen, hatte sich am Ende des zweiten Jahrzehnts – nach mehreren Reformen – ein perfektes System der Finanzplanung und wirtschaft herausgebildet. Das gleiche System war bei der Verwaltung der Finanzmittel für Nichtregierungsorganisationen zu beobachten, die häufig von der Stiftung für das Collegium Polonicum in Anspruch genommen wurden. In diesem System gab es fast keinen Platz mehr für die frühere Willkür der „Feudalherren“, die einst Universitäten und lokale Selbstverwaltungseinheiten beherrscht hatten. Auch an der Viadrina wurde ein perfektes Finanzverwaltungskontrollsystem etabliert, das zwar benutzerfreundlicher war als das polnische, dafür aber – überraschenderweise – größere Räume für „Kreativität“ bot. Dass ich in der polnischen Realität mehr Transparenz und Widerstand gegen partikuläre Verquickungen erleben würde als in der deutschen, hätte ich nie vermutet! Und das war der Stand, als ich in den Ruhestand ging: zwei präzise Budgets in den Händen der Leitung des Collegium Polonicum, die sich auf mehrere Millionen Euro beliefen. Transparent verwaltet, genau abgerechnet. Aber es war kein gemeinsamer Haushalt! Es handelte sich um zwei unabhängige Haushalte, die praktisch nur durch die Person des Verwaltungsdirektors verbunden waren. Die Kontrolle über sie und ihr Zusammenspiel hingen allein von der persönlichen Kompetenz dieses Direktors, seiner Stellvertreterin, dem Temperament und Taktgefühl des AMU-Vizerektors und des Viadrina-Vizepräsidenten und den Mitgliedern der Ständigen Kommission ab. Würde man mich fragen, ob persönliche Überzeugungen und individuelle Kompetenz tatsächlich Einfluss auf die Haushaltsführung internationaler wissenschaftlicher Einrichtungen haben können, so möchte ich lediglich zwei Zitate anführen: „Wir werden nicht in Ihr Portemonnaie schauen.“ „Am Collegium Polonicum kann nur das geschehen, was für jede der drei Fakultäten der Viadrina von Vorteil ist.“ Der Autor des ersten Zitats ist Jerzy Fedorowski, der ihn um 1994 herum auf einer der ersten Sitzungen des Gemeinsamen Ausschusses (später des Ständigen Ausschusses der Rektoren für das Collegium Polonicum) gegenüber den deutschen Kollegen äußerte. Die Folge dieses Satzes war, dass die Adam-Mickiewicz-Universität in den folgenden 15 Jahren keinen Versuch unternahm, die Finanzpolitik der Viadrina in Bezug auf ihre Mittel des Collegium Polonicum zu beeinflussen – und diese Mittel waren beträchtlich. Das zweite Zitat stammt von Hans N. Weiler – einem weisen Mann und fähigen Organisator –, der etwa zur gleichen Zeit ein Gespräch mit mir führte. Die unbeabsichtigte Konsequenz daraus war für die nächsten 15 Jahre, dass die Fakultäten der Viadrina viele Initiativen blockierten, die am Collegium Polonicum hätten entwickelt werden können, die aber den Fakultäten der Viadrina Ressourcen oder Selbstwertgefühl „entzogen“ hätten. Und an dieser Stelle kommen wir wieder auf den Punkt zurück, mit dem wir begonnen haben: das Zusammenspiel aus Selbstständigkeit, Haushaltsintegrität, individuellem und kollektivem Selbstwertgefühl. Hydrodynamik der Werte 100 4.1 Selbstwertgefühl und eine Institution Wie bereits erwähnt, gab es einen Moment, in dem die Integrationsträume der beiden Universitäten den Haushalt des Collegium Polonicum, die Schaffung einer gemeinsamen Fakultät mit dem Collegium Polonicum und sogar eine Art Fusion der beiden Universitäten umfassten. Letzteres wurde in den Sitzungen des Ständigen Ausschusses einige Male scherzhaft geäußert und war in mehreren Gesprächen hinter den Kulissen zu hören, Ersteres wurde Gegenstand einer vom Ständigen Ausschuss der Rektoren in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie, die von der Vizepräsidentin durchgeführt wurde. Und der Aufbau des gemeinsamen Haushalts wurde den beiden Kanzlern und mir in Auftrag gegeben – aber es kam nichts dabei heraus. Wahrscheinlich habe ich deshalb für die Festschrift für Bożena Chołuj, die 25 Jahre lang am Collegium Polonicum als Inhaberin des Lehrstuhls für DeutschPolnische Kulturund Literaturbeziehungen und Gender Studies tätig war, Folgendes geschrieben:32 Trotz der Berichte über die Erfolge der Hochschulintegration in Europa erscheint der Umfang der internationalen Zusammenarbeit im Sinne der Integration von Wissensstrukturen bei näherer Betrachtung um vieles geringer. Die Gesamtzahl der Hochschulen in Europa wird mit 4000 beziffert,33 während die Zahl der internationalen Hochschuleinrichtungen bei aller Vorsicht in der Auslegung des Begriffs internationale Hochschuleinrichtung geschätzt wird auf… Eben… Der Mangel an präzisen Daten, die Unschärfe des Begriffs international, der öffentliche und private Charakter von Universitäten und die Möglichkeit von Mischformen haben mich dazu veranlasst, bei den für die Hochschulbildung zuständigen Ministerien in den 27 EU-Ländern direkt anzufragen, wie viele Universitäten auf ihrem Gebiet diese Ministerien als „international“ zu bezeichnen bereit wären. Die Antworten, die ich erhielt– wenn ich überhauptAntworten erhielt–, brachten mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie reichten von der Aussage: „Alle unsere Hochschulen sind mehr oder weniger international“ bis hin zu konkreten (und sehr niedrigen) Zahlen. Aus diesen Gründen bin ich davon ausgegangen, dass die grenznahe internationale Zusammenarbeit auch bei der Bestimmung des Internationalisierungsgrades der europäischen Hochschulund Wissenschaftsszene berücksichtigt werden kann. Hierzu waren die Daten konkreter. Die Zahl der grenzüberschreitenden Hochschulkooperationen in Grenzregionen wird auf maximal 630 geschätzt.34 Zählt man die mehr oder 32 Krzysztof Wojciechowski: Warum ist es für Universitäten so schwierig, sich untereinander zu integrieren? In: (Um)Wege zum Wissen. Festschrift für Bożena Chołuj. Hrsg. Antonina Balfanz, Joanna Drejer, Corinna Kleinke und Daniela Marthin (Thematicon 35). Logos-Verlag, Berlin 2022. 33 Europäische Kommission: The Role of Universities in a Europe of Knowledge, http:// publications.europa.eu/resource/cellar/a8ba24c6-0033-4b04-baec-f0124698ce85.0005.02/ DOC_2 (15.8.2021). 34 Vgl. Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Forschungszentren. Manuskript in limitierter Auflage. 2011. Beim Autor zur Einsicht erhältlich. Es ist zu beachten, dass z. B. auch die Daten 4.1 Selbstwertgefühl und eine Institution Selbstwertgefühl und eine Institution 101 weniger integrierten Formen der Hochschulkooperationen zusammen, so machen diese immer noch nicht mehr als 10–15Prozent der Hochschulen aus. Das heißt, 85– 90Prozent der Institutionen bleiben ihrer traditionellen nationalen Form verhaftet und überschreiten in ihrer täglichen Praxis keine nationalen Grenzen. Warum ist das so? Wir wollen gleich zu Beginn daran erinnern, dass Universitäten Organismen sind. Jeder Organismus weist vier grundlegende Eigenschaften auf: – Von außen betrachtet zeigt er eine konsequente Ausrichtung auf seine spezifischen Ziele. – Sein Verhalten, seine Größe und sein Aufbau sind idiosynkratisch, d. h., er unterscheidet sich von anderen Organismen. Aber er weist auch Konvergenzen auf, die für eine Klasse von Organismen typisch sind. – Er unterliegt zyklischen Transformationen, die internes Wachstum und Reproduktion beinhalten. – Er enthält Teile oder Organe, die für die Fruchtbarkeit verantwortlich sind (Keimplasma), und er enthält auch Teile, die für die reproduktive Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen verantwortlich sind (Soma). Bevor ich sage, welcher Quelle diese Beschreibung eines Organismus entnommen wurde, möchte ich betonen, dass sie sehr gut auf jede Hochschuleinrichtung passt. Da diese zweifelsfrei als mehr oder weniger eigenständige Einheit, die ihre Ziele verfolgt, agiert, hat sie auch eine Individualität, die sie von anderen ähnlichen Einheiten unterscheidet. Es gibt klare Zyklen in ihrem Leben (akademischeJahre, Haushaltsjahre, Unterrichtszyklen, Wiederholung von Programmen usw.) und gleichzeitig gibt es einen Prozess der Anpassung an die sich verändernde Umgebung. Jede Universität hat schließlich einen „fruchtbaren“ Teil (die Professorenschaft oder Forschende im Allgemeinen) und einen „unfruchtbaren“ Teil (Verwaltung, Hilfskräfte und Studierende). Der Organismus einer Universität generiert zweifelsohne auch Nachkommen. Dies sind die Absolventinnen und Absolventen und die promovierten bzw. habilitierten Wissenschaftler*innen sowie– in einem hinreichend weiten Sinne– sonstige Dinge, z. B. wissenschaftliche Arbeiten. Universitäten als Ameisenhaufen Nun kann ich verraten, dass ich die konstitutiven Merkmale des Organismus aus William Morton Wheelers Werk „The ant colony as an organism“ übernommen habe.35 Auf der Ebene, auf der die Merkmale des Organismus beschrieben werden, können wir zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eher überals unterschätzt werden. In den Berichten der Euroregionen, auf deren Grundlage der zitierte Bericht erstellt wurde, ging es darum, alle Formen der Zusammenarbeit aufzulisten, auch solche, die eigentlich eher in die Kategorie der klassischen Studierendenoder Mitarbeitendenmobilität fallen als in die der Integration von Wissensstrukturen. Zur Frage der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit vgl. Krzysztof Wojciechowski: Gedanken zur grenzüberschreitenden universitären Zusammenarbeit in Europa. In: Agnieszka Bielawska/Krzysztof Wojciechowski (Hrsg.): Europäische Anspruch und regionale Aspekte: grenzüberschreitende universitäre Zusammenarbeit in der deutsch-polnischen Grenzregion angesichts der zukünftigen Herausforderungen in Europa (Thematicon 11). Logos-Verlag, Berlin 2007, S. 9–24. 35 Vgl. Bert Hölldobler/Edward O. Wilson: Der Superorganismus: Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten. Illustriert von Margaret C. Nelson, übersetzt von Kerstin Hydrodynamik der Werte 102 bereits viel von dem erkennen, was zur Beantwortung unserer Frage beiträgt. Organismen sind mit sehr starken und effizienten Instrumenten ausgestattet, um Eigenes von Fremdem zu unterscheiden und die Infiltration durch Letzteres zu verhindern.36 Die Integration einer Gemeinschaft von Ameisen mit einer anderen Gemeinschaft der gleichen– geschweige denn anderer– Art ist weder bekannt noch möglich. Zwar kennt die Evolutionsgeschichte Fälle, in denen sich eine dauerhafte Symbiose zwischen Organismen etabliert oder zwei Organismen zu einem verschmelzen, aber diese Fälle ereignen sich im Rhythmus der evolutionären Veränderungen, also einmal in 100.000Jahren. Die Integration von sozialen Institutionen (im Sinne der Verschmelzung von zwei oder mehreren zu einem Ganzen) ist nicht nur möglich, sondern kommt auch recht häufig vor. Dies ist einfach, wenn als Motiv für die Integration ein politischer Wille fungiert, der von außerhalb der Institutionen kommt. Schwieriger ist es, wenn sich die Institutionen auf gleichwertigen organisatorischen Ebenen der Gesellschaft befinden und ihre Integration freiwillig ist. Freiwillige Fusionen von Staaten sind selten, und freiwillige Fusionen von Körperschaften des öffentlichen Rechts innerhalb eines Staates oder freiwillige Fusionen von Organisationseinheiten innerhalb von diesen Körperschaften sind ebenso rar. Um die Angelegenheit im Fall einer Wissensvermittlungsinstitution zu klären, betrachten wir zunächst den Strom der Ressourcen, der durch sie hindurchfließt. Auf diese Weise werden wir auch die allgemeine Theorie des Organismus vervollständigen, da jeder Organismus eine spezifische Art der Verwaltung und Administration der von außen übernommenen und im Inneren verwalteten Ressourcen aufweist. Die erste Art einer Ressource, die von außen kommt und im Inneren enthalten ist, ist in unAfflerbach. Berlin 2010, S. 11. Die Autoren zeigen, dass die von Ernst Haeckel, Herbert Spencer und Gustav Theodor Fechner an der Wende zum 20. Jahrhundert angestellten Überlegungen zu organismischen Funktionen ein soziobiologisches Verständnis des Organismus als universelle Struktur, die alle Fragmente und Teilfragmente der Wirklichkeit charakterisiert, in die Wissenschaft einführten. Ich stimme dieser ganzheitlichen Vision voll und ganz zu. Wir sind davon überzeugt, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Baum, einem Vogel, einem Ameisenvolk, einem Staat oder einer Universität gibt. Jeder von ihnen ist ein Organismus, der die lebenswichtigen Funktionen seiner verschiedenen Teile koordiniert, um das Überleben und die Fortpflanzung zu sichern. Jeder ist auch Teil eines größeren Organismus wie eines Waldes, einer Herde oder einer Familie, eines Staatenverbundes oder eines Zivilisationskreises oder eines Bildungssystems innerhalb eines Staates. Jeder von ihnen entnimmt auf eine bestimmte Art und Weise Energie von außen und stellt den übergeordneten Strukturen ein gewisses Substrat zur Verfügung. 36 Das System der Identifizierung von Fremden und deren Eliminierung aus dem Bereich, der als Lebensraum des Organismus gilt, nämlich dem Ameisenhaufen, ist in die Kommunikationsmechanismen (chemische Kommunikation durch Pheromone), das System der Körpersignale (Körperschwingungen, Berührung mit Fühlern) und das System der visuellen Rezeption eingebaut. Es ist also in elementare Mechanismen integriert, die auf einer subbehavioralen Ebene funktionieren, d. h. auf einer solchen, die durch individuelle Erfahrung nicht verändert werden kann. Die Identifikation von Fremden findet bereits im Vorfeld des eigenen Territoriums statt: im Bereich der Nahrungssuche. Sie endet in der Regel mit einem Aggressionsakt. Weitere Barrieren sind Eingänge, die von Wächterameisen bewacht werden. Es gibt auch eine „innere Front“, d. h. interne Gänge zwischen den unterirdischen Kammern des Ameisenhaufens, die zwar für Fremde praktisch unzugänglich sind, aber von Polizeiameisen, die keine andere Aufgabe haben, unablässig patrouilliert werden. Vgl. Hölldobler/Wilson, a. a. O., S. XXII, 40–53, 68–69, 588. Selbstwertgefühl und eine Institution 103 serem Fall natürlich das Geld. Im Fall von Wissensinstitutionen kommt dies aus einer Hauptquelle, nämlich aus dem Budget des Staates, der sie unterhält. Sie werden von einem kleinen, gewählten Gremium verteilt, das wiederum von anderen gewählten Gremien kontrolliert wird. Das System der Kontrolle über diesen Strom ist keineswegs vollständig demokratisch. Es ähnelt einem aristokratischen oder oligarchischen System mit Elementen staatlicher Repräsentation. Der zweite Ressourcenstrom, der aus externer Sicht der wichtigere ist, da er die Universität als Institution legitimiert, ist das Wissen oder die wissenschaftliche Erkenntnis.37 Hier wird der Strom von „Gütern“ sowohl innerhalb der Institution selbst erzeugt und kumuliert als auch innerhalb derselben Institution verteilt. Wissen wird in den Akten individueller Erkenntnis (empirische Forschung und die sogenannte Grundlagenforschung) generiert, und zwar in Form verschiedener Organisationsverfahren (z. B. Erstellung von Sammelwerken oder Lehrbüchern) kumuliert und in klassischer Weise (z. B. durch Vorlesungen, Seminare, Übungen, Kolloquien etc.) verteilt.38 Dieser wechselseitige Fluss von Wissen wird als typisches doing of science gesehen, das einerseits– wie das Bierbrauen– ein spezifisches Handwerk ist, andererseits aber die soziale Umwelt mit Erkenntnisinhalten versorgt. Die Natur des Prozesses (eine Institution mit einem Quasimonopol auf Erkenntnis zu sein) konstituiert die Autonomie der Wissensvermittlungsinstitutionen in Bezug auf die soziale Umgebung (in einer reifen Gesellschaft gibt es die weitverbreitete Meinung, dass externe Einmischung in das Leben der Wissensvermittlungsinstitutionen die Qualität des erzeugten Produkts verdirbt) und garantiert die Besonderheit der Institution. Es gibt einen dritten Strom von Ressourcen, der durch Bildungsoder wissenschaftliche Einrichtungen fließt. Dieses Gut, das hier die Form von Energie annimmt, ist das Selbstwertgefühl der Individuen, die den Organismus bilden. Es motiviert die Menschen, erzeugt Aktivität, ist Gegenstand von Anstrengungen oder gar Kämpfen, wird gespeichert, aufbewahrt und mit Quantitätsund Qualitätsetiketten gekennzeichnet, es manifestiert sich also in genau denselben Formen wie Nahrung, Brennstoff oder Geld in der Außenwelt. Im Falle der Wissensinstitution kann man die Behauptung wagen, dass dieses Selbstwertgefühl als eines der Hauptmotive jeder Tätigkeit (neben kognitiven, zivilgesellschaftlichen usw.) destilliert werden kann. „Die soziale Rolle des Gelehrten […] beinhaltet die Verpflichtung, ständig nach Exzellenz zu streben, besser zu sein, als er gestern war, und besser zu sein als andere, die auf seinem Gebiet arbeiten. […] Diese Art des Strebens ist konstitutiv für die duale [Forschung und Lehre Rolle einer Universität und endet auf keiner der erreichten Karrierestufen“.39 37 Mir ist klar, dass Wissen und wissenschaftliche Erkenntnis nicht ein und dasselbe sind, aber es würde den vorliegenden Rahmen sprengen, die Unterschiede zu diskutieren. 38 Genauer gesagt: Im Prozess des Unterrichtens werden Wissensblöcke in Portionen aufgeteilt, in einfachere Faktoren zerlegt und verschiedenen Arten der Verarbeitung unterzogen, so dass sie von den Bestandteilen des Organismus, also den Schülerinnen und Schülern, assimiliert werden können. Im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens besteht ein großer Teil der Aktivitäten darin, Fragmente großer Wissensblöcke aufzunehmen (zu kommentieren, zitieren, kritisieren, vergleichen usw.). Dabei handelt es sich entweder um einzelne Werke einzelner Autor*innen noch um gültige theoretische Paradigmen und das sanktionierte Wissen, das sie umgibt. Es werden auch – besonders in den Sozialund Geisteswissenschaften – die Theorien, die von herausragenden Denker*innen geschaffen wurden, „verdaut“. 39 Vgl. Piotr Sztompka: Zakład przerobu studentów, Gazeta Wyborcza. Magazyn Świąteczny, 24.5.2014, S. 12. Hydrodynamik der Werte 110 Ich verbrachte also den Juli mit anderen Jugendlichen in einer großen Villa aus der Zwischenkriegszeit, die in einem wunderschönen Garten gelegen war. Alle Jugendlichen waren Mädchen! Dank meines Onkels, der die Buchhaltung bei diesem Ferienlager führte, konnte ich als einziger Junge einen Monat in einer Gruppe von 30 Mädchen verbringen. An drei Dinge aus dieser Zeit kann ich mich gut erinnern. Das erste war die Fernsehübertragung der ersten Landung des Menschen auf dem Mond. Mit eigenen Augen sah ich den kleinen Schritt Neil Armstrongs, der zum großen Sprung für die Menschheit geworden ist. Wenn ich heute die Verschwörungstheorien lese, dass diese Aufnahmen vor der Expedition im Filmstudio gemacht worden seien, wovon tatsächlich sichtbare, unterschiedlich fallende Schatten der Masten und Menschen zeugen sollen, habe ich den Eindruck, dass man mich eines Stücks meines jugendlichen Idealismus berauben will. Mögen doch die Aufnahmen authentisch sein! Genauso authentisch wie (die zweite Erinnerung) der erste Kuss in meinem Leben, den ich einem Mädchen in dem wunderschönen Garten abtrotzte– das ist ein Thema für eine andere Story, aber eines muss ich noch erwähnen (die dritte Erinnerung): den Besuch bei Kazimierz Michałowski. In derselben Straße, einige hundert Meter weiter, auch in einer schönen Villa, hatte die Polnische Akademie der Wissenschaften das „Haus der schöpferischen Arbeit“. Eine unserer Erzieherinnen hatte herausgefunden, dass sich dort der legendäre polnische Archäologe zur Erholung aufhielt. Der Professor war einverstanden, unsere Gruppe zu empfangen, und so verbrachten wir eine gute Stunde in seinem schattigen Kabinett und plauderten mit diesem weißhaarigen Mann mit aristokratischen Gesichtszügen über Archäologie und über seine Arbeit. Die Fragen, die wir stellten, würden Erzieher heutiger 13-jähriger Teenies absolut verwundern. Wir wussten vom Assuan-Staudamm in Ägypten, wir hatten gehört, dass der lange Nassersee den unter dem Pharao RamsesII. erbauten Tempelkomplex bedrohte und dass Professor Michałowski beschlossen hatte, den großen Tempel des Sonnengottes Amun-Re in Stücke zu zerschneiden und ihn auf einem Hügel oberhalb des zukünftigen Wasserpegels wiederaufzubauen. Außerdem wussten wir auch, dass Professor Michałowski so nebenbei in den Pausen bei den Bauarbeiten Ausflüge in den Sudan unternommen und dort den Tempel von ThutmosisIII. und eine koptische Kathedrale in Faras entdeckt hatte. Die Überführung der Fresken aus dieser Kathedrale und ihre Ausstellung im Nationalmuseum Warschaus waren beinahe ein nationaler Festakt, an dem ich und meine Eltern natürlich teilnahmen. Ja, Professor Michałowski war einer der größten Archäologen der Welt. Die ganze Welt kannte ihn und bewunderte uns Polen sehr. Dieser Tatsache waren wir uns sicher. Die Theoretiker der Kultur sprechen heute viel von den Verhaltensmustern und den Paradigmen des Wissens, welche uns die Kultur vermittelt, von der identitätsstiftenden Funktion von Geschichten, die die Kultur pflegt und weitergibt. Aber nur wenige sprechen von einer simplen Eigenschaft der Kultur, welche dieses soziale Phänomen mit einigen chemischen Substanzen wie z. B. Alkohol teilt. Die Kultur steigert bei den Mitgliedern einer Gemeinschaft den Pegel des Selbstwertgefühls. Angesichts der Artefakte, kulturellen Objekte und Aktivitäten, die Wissenschaft eingeschlossen, verspürt das Individuum einen Schub an Selbstsicherheit, an positiver Empfindung der eigenen Existenz und der Umgebung und einen Zufluss vitaler Kräfte. Das Selbstwertgefühl ist das beste Vitamin für den Geist und auch für den Körper. Fast alles, was wir tun– von der Elternliebe über Konsum, Erotik, Politik, Religion und soziale Institutionen–, hat vorwiegend mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Wir denken darüber nicht nach, aber wir pflegen dieses Gefühl in unzähligen Akten von morgens bis abends. Archäologen in kommunizierenden Röhren 111 Woraus hätten die Polen in den 1960erJahren ihr Selbstwertgefühl schöpfen sollen? Das Land lag noch weitgehend in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges. Auf den ersten Modernisierungsschub sollte es noch einigeJahre warten. Das Zentrum von Warschau glich einer Halbwüste, in der die Ruinen der Vorkriegsbebauung wie stumme Zeugen in den Himmel ragten. Die westlichen Journalisten fotografierten in Warschau mit Vorliebe die Pferdekarren und den stalinistischen Kulturpalast im Hintergrund, was mich, meine Eltern, Freunde und Verwandten zur Weißglut brachte. Wir wollten einfach nicht zu Kenntnis nehmen, dass wir ein armes, rückständiges Agrarland waren. Wir brauchten etwas, was uns betäubte, den Existenzschmerz linderte und etwas Farbe, sprich Wert in den Alltag brachte. Wir brauchten staatliche Propaganda oder auch Radio Free Europe, Sport, Religion, Kultur, wir brauchten die polnische Archäologie, den außergewöhnlichen Professor Michałowski und leider auch den ganz gewöhnlichen Wodka. Der erste wesentliche Modernisierungsschub kam zu Beginn der 1970erJahre. Die damalige Staatsführung beschloss, das Land gen Westen und auch gegenüber anderen Länder des Ostblocks zu öffnen. Ich nutzte diese politische Wende so gut ich konnte. Jedes Jahr bereiste ich ein Stück Europas und später der Welt. Aber meine erste Reise 1972 führte in die DDR. Per Anhalter befuhr ich die ganze Republik, besuchte die Städte, Museen und Galerien und schloss auch Freundschaften. In Dresden lernte ich Familie Meurers kennen, die Mutter nahm mich mit ihrem Trabi auf der Landstraße mit und da ich vermutlich hungrig aussah, lud sie mich gleich zum Essen nach Hause ein. Zu der Tochter Heidi pflege ich bis heute mehr oder weniger intensiv Kontakt. Im Grünen Gewölbe sah ich Kunstschätze, von denen das Polnische Nationalmuseum nur träumen könnte, und auch die Kronjuwelen der polnischen Könige, die viel kostbarer waren als das, was in den Schatzkammern in Krakau und Warschau aufbewahrt wurde. Die Reise endete in Berlin mit dem Besuch des Pergamonmuseums. Von den dortigen ägyptischen Sammlungen war ich überwältigt. Und gleichzeitig litt ich. Was war schon die Sammlung der Fresken von Faras im Vergleich zu dem gewaltigen Pergamonaltar, dem babylonischen Ischtar-Tor und der Prozessionsstraße? Mein in den 1960erJahren, in meiner frühen Jugend angestautes, auf den Leistungen der polnischen Archäologie aufgebautes Selbstverständnis und Selbstwertgefühl sank wie der Wasserpegel eines hochgelegenen Sees, der plötzlich durch eine Röhre mit einem tiefer gelegenen größeren See verbunden wird. Es folgten weitere Reisen, unter anderem nach Kleinasien und Griechenland. Ich besichtigte Troja und las über Heinrich Schliemanns Entdeckungen, ich erfuhr von der Existenz des „Schatzes des Priamos“, im türkischen Bergama konnte ich die Leistungen von Carl Humann und Theodor Wiegand kennenlernen. Weitere Lektüren und spätere Besuche in Berliner Museen vergegenwärtigten mir die Bedeutung von Heinrich Brugsch und Ludwig Borchardt. Im Laufe derJahre entwickelte ich ein einigermaßen objektives Verständnis für die Leistungen der nationalen archäologischen Schulen Europas. Die polnischen Leistungen sahen längst nicht so glänzend aus. Oder noch deutlicher gesagt: Sie waren recht bescheiden. Nichtsdestotrotz pflegte ich die Hoffnung, dass die Verlegung der Tempel in Abu Simbel ein ewiges Denkmal des polnischen Beitrags zum Weltkulturerbe sein würde. Vor kurzem stieß ich in einem deutschsprachigen Text auf die Beschreibung der Rettungsarbeiten an Tempeln Ramsesʼ II. in Abu Simbel: „Beim Bau des AssuanHochdamms drohten beide Tempel in den Fluten des Nassersees zu versinken. Daher wurden sie zwischen 1964 und 1968, unter Leitung von Ingenieuren des deutschen Bauunternehmens Hochtief, in 1036 Einzelteile zerschnitten und anschließend 180m Hydrodynamik der Werte 112 landeinwärts sowie 64m über dem alten Standort wieder aufgebaut.“ Moment mal! Ich hatte geglaubt, nicht die deutschen Ingenieure vom Bauunternehmen Hochtief, sondern der polnische Professor habe die Tempel gerettet! Ein deutscher Autor sieht das anders! Also doch: Die Spiele um das Selbstwertgefühl betreiben wir alle: Polen und Deutsche, Einzelne, Gruppen, Regierungen, Firmen, Staaten, Kulturen und Religionen. Wir betreiben sie bewusst oder unbewusst. Die Fakten des Alltags, der Geschichte, der Kultur, der Wissenschaft und der Technologie werden so dargestellt, dass sie möglichst viel Wert ausstrahlen und dass der Darstellende und seine Gemeinschaft möglichst viel von diesem Licht abbekommen. Tanz auf der Pyramide Offensichtlich hat dieses Bestreben seinen Ursprung in der Evolution. Wir alle sind Herdentiere, und unser Wohlergehen, d. h. der Zugang zu Ressourcen hängt von unserem Stellenwert auf der Hierarchieleiter der Herde ab. Durch Rückkopplung der Position und des Selbstwertgefühls entsteht der Eindruck, dass, je höher das Selbstwertgefühl ist, desto besser ist unsere tatsächliche Lage. In diesem Sinne produzieren wir als biologische Wesen ständig Kultur, Wissenschaft, Religion und die mediale Sphäre, um unterbrochen in einer mehr oder weniger dichten, wohltuenden Illusion zu verweilen. Leider gibt es in einer Herde nur eine begrenzte Zahl an Plätzen auf jeder Stufe. Und um diese Plätze herrscht ein ständiger Konkurrenzkampf. Die Evolution hat uns mit einem Sinn ausgestattet, der ständig unsere Lage und die der anderen abcheckt. Wo bin ich? Steige ich auf oder rutsche ich ab? Bin ich besser oder bin ich schlechter? Wo sind die anderen? Steigen sie auf, um mich automatisch zu degradieren, oder rutschen sie ab, um mich aufsteigen zu lassen? Dank dieses Sinns entsteht um uns herum ein tausendfaches System kommunizierender Röhren, in denen goldene Flüssigkeit hin und her fließt. Flüssigkeit, die zwar keinen substantiellen Charakter hat, sich aber in Vitalität und Energie verwandelt– so wie Wasser oder Benzin. Der simpelste Zusammenhang zwischen zwei Enden einer Röhre ist, dass die Senkung des Pegels der Flüssigkeit am anderen Ende den Anstieg an meinem Ende bedeutet. Die Abwertung des Anderen steigert unser Selbstwertgefühl. Diesen Mechanismus bedienen wir hundertfach jeden Tag. Am Morgen in der Eile können wir den Autoschlüssel nicht finden. Wir werden nervös und unsicher. „Liebling, welcher Idiot hat schon wieder den Autoschlüssel versteckt?“, fragen wir nett unsere Partnerin oder den Partner. Eine kleine Schuldzuweisung an eine andere Person und unser Selbstwertgefühl hebt sich schon ein bisschen. „Liebling, guck doch in den Spiegel, dann siehst du den Idioten!“, antwortet genauso nett unsere Partnerin oder der Partner. Und das Selbstwertgefühl scheint sich wieder einzupegeln, was uns zugänglicher, kooperativer und offener macht. Vorausgesetzt, wir wissen, wann man das Spiel abbrechen soll. Tun es die Staaten anders? Ach wo! Die Staaten mit ihren Spielchen um das Selbstwertgefühl verhalten sich wie unmündige Menschen. Die Simplizität und Infantilität der Mittel verblüfft immer wieder. Um Russland, den ewigen moralischen Feind, zu demütigen, engagiert sich Polen sehr stark für die Unterstützung der orangen Revolution in der Ukraine. Russland rächt sich mit einem Einfuhrverbot für Fleisch aus Polen. Polen dagegen blockiert die Gespräche der Europäischen Union mit Russland über die strategische Partnerschaft. Russland erwägt dagegen ein Einfuhrverbot für alle pflanzlichen Produkte aus dem Nachbarland. Es ist ein Spiel, bei dem die Vernunft schläft. Das verseuchte Fleisch, welches den Vorwand zum Einfuhr- Archäologen in kommunizierenden Röhren 113 verbot gab, stammte gar nicht aus Polen. Das wissen alle. Und das Blockieren der Verhandlungen mit Russland gefährdet essentielle polnische Interessen. Doch der Drang nach dem werteorientierten Aufbau des kollektiven Egos ist stärker als alle rationalen Argumente. Und wie steht es mit den Egospielen zwischen Deutschland und Polen, was tut sich hier in den kommunizierenden Röhren? In denJahren 1991–2004, bis zum Beitritt Polens zur EU, herrschte in beiden Ländern die Meinung vor, die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen seien in den letzten 1000Jahren noch nie so gut gewesen. Die beiden Partner brauchten einander. Für die Polen war Deutschland der Botschafter der polnischen Sache bei der EU, für die Deutschen war der EU-Beitritt Polens die Chance, aus einem Problemfall hinter der östlichen Grenze ein stabiles, demokratisches, einigermaßen wohlhabendes und in die Mechanismen der EU eingebundenes Land zu machen. Beide Seiten werteten einander auf. Die Polen lobten die Deutschen als wahre Europäer und freundliche Nachbarn, die Deutschen lobten Polen als den Wirtschaftstiger Osteuropas und als ein Land, welches mit seinem Kampf gegen den Totalitarismus zum Fall der Mauer beigetragen hatte. Die deutsch-polnischen Beziehungen galten als Muster der Versöhnung nach dem Albtraum der Geschichte. Zu einer kleinen Verstimmung kam es im Jahr 2003. Als im Frühjahr die polnische Regierung erklärte, sie wolle sich als drittstärkste Kraft an der Invasion in den Irak beteiligen, ging eine Welle der Empörung durch die deutsche und zum Teil auch durch die französische Presse. „Trojanischer Esel Europas“ nannten einige Journalisten Polen und viele Deutsche spendeten Beifall. Diese stark herabwertende Bezeichnung zeigt eindeutig, worum es ging: Polen habe nach dem Status eines Global Players gegriffen, welcher diesem ärmlichen Land gar nicht zustehe. Es müsse verbal in seine Schranken verwiesen werden. Spanien hingegen, welches bei der Vorbereitung des Irakkriegs weitaus aktiver war und nahezu ebenso viele Soldaten entsandte, erntete weder Spott noch ernsthafte Kritik. Man kann diese Angelegenheit hundertfach interpretieren, auch von der polnischen Seite. Aber selbst bei den Polen ging es offensichtlich um das Selbstwertgefühl, und zwar das der regierenden Elite. Global Player zu sein ist doch ein berauschendes Gefühl, selbst wenn 80Prozent der eigenen Bevölkerung gegen die Teilnahme an der abenteuerlichen Aktion waren. Dann kam der Mai 2004, und der polnische Traum ging in Erfüllung. Wir wurden Mitglied der EU, wir spielten endlich „in der ersten Liga“ (so der damalige Präsident Polens Aleksander Kwaśniewski). Kaum aber war die Beitrittsparty zu Ende, beschloss im September 2004 das polnische Parlament mit nur einer Stimme Enthaltung die Forderung nach Reparationszahlungen von Deutschland für den Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Regierung und die deutsche Öffentlichkeit waren irritiert– Kriegsreparationen, 60Jahre nach dem Krieg, nach dem Beitritt zur EU? Was soll das Ganze bedeuten? Ich hatte die Gelegenheit, den politischen Gesprächen beizuwohnen, die diese gewaltigen deutsch-polnischen Spannungen abbauen sollten. Im November 2004 trafen im Collegium Polonicum […] die Präsidien des Sejm und des Bundestages zusammen. „Warum tut ihr das? Wir sind völlig irritiert!“, so lautete der Tenor von Wolfgang Thierses Ansprache. „Wir konnten nicht anders. Die ganze Nation schaute auf uns“,– erwiderte Jozef Oleksy. Und zwischen den Zeilen konnte man wiederum lesen: Selbstwertgefühl. In den Augen der Polen ändere Deutschland radikal seine bisherige Politik gegenüber dem Nachbarland. Die Kritik wegen des Irakkriegs demütige Polen. Die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen solle die neue deutsche Geschichtsauffassung anbahnen. Die Deutschen seien nicht mehr Täter, sondern ab jetzt Opfer. Die Vertriebenenverbände unter Anführung Erika Steinbachs erheben das Hydrodynamik der Werte 114 Haupt. Und das Schlimmste: Die Preußische Treuhand erhebe den Anspruch auf ein Drittel des polnischen Territoriums. Was tue die Bundesregierung? Nichts. So wie damals in der Weimarer Republik schaue sie tatenlos dem aufsteigenden Bösen zu. Diese Formulierungen sind zwar nie in dieser krassen Form gefallen, aber das Präsidium des polnischen Sejm äußerte sich eindeutig: „So sehen die polnische Presse und das polnische Volk die Dinge. Wir mussten entschlossen reagieren und Stärke zeigen. Von euch verlangen wir: Tretet diesen Tendenzen entschlossen entgegen und übernehmt Haftung für die Forderungen der Preußischen Treuhand.“ Vergeblich versuchte die deutsche Delegation die Dinge herunterzuspielen, sprich abzuwerten: „Die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen ist eine von vielen Diskussionen in einer demokratischen Gesellschaft. Sie spiegelt auf keinen Fall die Haltung der Bundesregierung wider. Außerdem sind die Polen zum Mitdiskutieren und Mitmachen herzlich eingeladen. Wer ist schon Erika Steinbach? Politisch gesehen ein Niemand! Preußische Treuhand? Ein paar Verrückte, die nicht einmal einen Anwalt finden können! Eine absolute Randerscheinung in einer pluralistischen Gesellschaft, die keiner kennt und die null Einfluss auf die Politik hat!“ Ich weiß nicht mehr, wie man auseinandergegangen ist. Vermutlich hat man beschlossen, weitere Konsultationen durchzuführen. Aber die Meinungsverschiedenheiten bestehen bis heute. Die Wahl der neuen Regierung 2005 hat sie sogar verschärft. In den Augen der Deutschen provozieren die Zwillingsbrüder Kaczyński und ihre Koalitionspartner immer wieder neue– zwar kleine, aber doch spürbare – Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis. Ihre Vorwürfe sind irrational, ihre Forderungen unrealistisch. Warum tun sie das? Wir wollen natürlich die vielfältige und vielschichtige deutsch-polnische Realität unter dem Aspekt des Spiels um das kollektive Selbstwertgefühl analysieren. Ein Motiv dürfen wir aber nicht verfolgen. Es ist eine psychoanalytische Beobachtung, dass kleine Menschen sehr oft unter Minderwertigkeitskomplexen leiden und diese mit oft auffälligen und für die Gemeinschaft nicht immer konstruktiven Aktivitäten kompensieren. Hier ist der Psychoanalytiker gefragt und außerdem vertrete ich die altmodische Meinung, dass den obersten Trägern der Staatswürde der entsprechende Respekt gebührt. Ansonsten würde meine Diagnose lauten: Der EU-Beitritt Polens ist nur eine symbolische Zäsur in einem Prozess, der Mittelosteuropa nach dem Fall des realen Sozialismus erfasst hat. Ich nenne ihn „Europäisierung“ und halte ihn für nichts anderes als eine lokale Variante der Globalisierung. Infolge dieses Prozesses wurde die polnische Gesellschaft gespalten. Ungefähr die Hälfte erlebte einen Aufstieg in bisher unbekanntem Maße. Die Reallöhne stiegen um ein Vielfaches. Die Möglichkeiten, das Leben zu entfalten, wurden enorm, und die politische Freiheit offenbarte ihre schönsten Seiten. Ungefähr die Hälfte der polnischen Gesellschaft erreichte den Lebensstandard der westeuropäischen Mittelklasse und wurde europäisch, liberal, offen und kooperativ. Aber die andere Hälfte ereilte ein anderes Schicksal: Selbst wenn die Läden voll waren, konnten sie sich mit ihren Hilfsarbeiterlöhnen, Renten oder ihrer Arbeitslosenunterstützung nur wenig leisten. Das soziale Klima kühlte sich für sie ab. Ihre Spielräume wurden enger. Die vertrauten Kulissen ihres Lebens– patriotische Zeremonien, Mythen über das Heldentum aller Polen und die aus dem Kommunismus überlieferte Überzeugung, ein einfacher Mensch sei das Salz dieser Erde– gerieten unter dem Druck der globalen medialen Realität ins Wanken. Die neue Realität veränderte sich so schnell, dass es schwierig für diese Menschen war, die Bedeutung neuer Situationen und Phänomene zu verstehen. Und wie sieht ihre Zukunft aus? Ohne Fremdsprachenkenntnisse, ohne berufliche Qualifizierung und ohne Kraftreserven sehr düster. Archäologen in kommunizierenden Röhren 115 Diese Menschen erlitten trotz des rasanten zivilisatorischen Fortschritts Polens einen Zusammenbruch ihres Selbstwertgefühls. Was das bedeutet, brauche ich hier, in einem neuen deutschen Bundesland, nicht zu erklären. Selbst hier, wo der materielle Fortschritt in den letzten 15Jahren immens war, kennt man das Gefühl nur allzu gut, ausgegrenzt zu sein, nicht gebraucht zu werden und ungerechterweise des Lebenssinns beraubt zu werden. Das Gefühl der Demütigung nimmt überraschende Facetten an. Selbst eine edle und gerechte Tat, die durch fremde Hände vollbracht wird, raubt einem das Selbstwertgefühl. Als ich 2004 im Collegium Polonicum Kurt Biedenkopf fragte, was er nach der Wende hätte anders machen sollen, antwortete er: „Ich hätte meinen ostdeutschen Landsleuten das Gefühl geben müssen, selbst die Verantwortung für ihr Schicksal zu tragen.“ Im Juni 2006 führte das National Opinion Research Center an der University of Chicago eine Studie durch, in der 34 Nationen auf ihren Nationalstolz, ihr Selbstwertgefühl geprüft wurden. Den ersten Platz belegte wer? Natürlich die USA! Auf dem vorletzten Platz rangierten wir, Polen, was ein überraschend schlechtes Ergebnis war. Das Einzige, worauf wir einigermaßen stolz waren, waren die polnische Militäreinsätze im Ausland. Auf dem letzten Platz rangierte wer? Die ehemalige DDR, das heißt die neuen Bundesländer. Ja, meine Damen und Herren, wir liegen wirklich im Zentrum eines bedürftigen Gebietes! Es gibt demnach Millionen Polen, die durch die Geschichte in der Tiefe ihrer Seele Verluste an Selbstwertgefühl erlitten haben. Was tut ein Mensch in solch einer Situation? Er wertet sich selbst auf oder andere ab. Die Selbstaufwertung der Massen liegt auf der Hand: Ein Anstieg von Nationalismus, religiösen Gefühlen und historisch bewerteten Verhaltensmustern wie Heldentum, rebellischer Haltung oder dem Aufbegehren gegenüber stärkeren Nachbarn. Hinzu kommen nostalgische Forderungen. So wird in Polen die ursprünglich kommunistische Forderung nach hohen Mindestlöhnen, sozialer Sicherheit und einer starken Hand des Staates – im Gegensatz zu den neuen Bundesländern in Deutschland – mit antikommunistischen Symbolen ausgeschmückt, beispielsweise mit dem Symbol der Solidarność. Daraus wird die Idee des „solidarischen Staates“ geschmiedet– eine der politischen Losungen der regierenden Partei. Die Abwertung der Anderen vollzieht sich im Innenund im Außenverhältnis. Nach innen jagt man Homosexuelle, Kollaborateure des damaligen kommunistischen Staates, Liberale und Verräter jeglicher Couleur. Nach außen jagt man– wie immer– die Nachbarn. Spezifisch auf Deutschland bezogen hat dieses aus den Tiefen der kollektiven Seele bei einem Teil der polnischen Gesellschaft aufsteigende Ressentiment zwei weitere wichtige Aspekte: die Asymmetrie und die Umbruchstendenzen. Asymmetrie: Versuchen Sie, sich beim Kaffeetrinken auf dem Sofa neben einen Menschen zu setzen, der 4Meter groß ist, 300Kilogramm wiegt und auf Sie aus beängstigender Höhe herabschaut. Selbst wenn er ein Engel ist, werden Sie sich nicht auf nette Plaudereien beschränken können. Mit Ihrem ganzen Wesen werden Sie sich nur auf einen Gedanken konzentrieren: Wird mich der Typ auch nicht zerquetschen? Wird er mir nicht mit einer unkontrollierten Bewegung die Kaffeetasse aus der Hand schlagen, wird er nicht beim Überschlagen der Beine den ganzen Tisch umwerfen? Bei einer Nachbarschaft, die durch asymmetrische Potentiale gekennzeichnet ist, tendiert der Kleinere zu hysterischen Reaktionen, zur Überschätzung der Gefahren, die von dem Größeren ausgehen, und zu dem ständigen Gefühl, ignoriert, unterschätzt oder gedemütigt zu werden. Asymmetrische Gesellschaften sind aus der Weltgeschichte, selbst aus der Gegenwart sehr gut bekannt: die USA und Mexiko, Großbri- Hydrodynamik der Werte 116 tannien und Irland, Polen und Litauen, Serbien und Bosnien, Russland und das Baltikum. Der Größere hat dabei den psychischen Komfort: Die eigene Überlegenheit fällt gar nicht auf, sie wird sogar als Normalzustand empfunden. Als Normalzustand wird auch die innere Verwandlung empfunden. Das durch relative Schwäche und gewisse Minderwertigkeitskomplexe sensibilisierte polnische Ohr hört im Inneren der deutschen Identität Töne, die anders klingen als in den letzten 60Jahren. Der Schock des Zweiten Weltkrieges und die Gräueltaten der Nazis versetzten große Teile der deutschen Elite in einen besonderen geistigen Zustand. Die Quintessenz war ein permanentes Schuldbekenntnis und– nach außen– der Verzicht auf den Status, der einem wirtschaftlich mächtigen und kulturell erstklassigen europäischen Land zustehen würde. Publizisten bezeichneten die Bonner Republik ambivalent „Wirtschaftsriese– politischer Zwerg“. Deutschland verweilte 50Jahre lang freiwillig in geduckter Stellung, was vermutlich ein Glücksfall für die europäische Entwicklung war. Das größte europäische Land reduzierte sich künstlich auf ein Maß, welches eine harmonische Teamarbeit gewährleisten konnte. Die wohltuende Wirkung des freiwilligen– und nicht nur freiwilligen– Verzichts auf einen hohen Status liegt wiederum im Bereich der kommunizierenden Gefäße des Selbstwertgefühls. Die negative Korrelation des Selbstwertgefühls in kommunizierenden Gefäßen – also das gegenseitige Abwerten zur eigenen Aufwertung, wobei sich der Konflikt von allein hochschaukelt – ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit. Die Evolution hat den in hierarchischen Strukturen lebenden Wesen ein Instrument gegeben, mit dem sie sehr schnell Konflikte beilegen können. Es reicht, wenn sie ein Signal geben: Sie verzichten auf den Anspruch einer höheren Position in der Hierarchie. Dieses Signal kann ganz simpel sein, z. B. sich körperlich etwas kleiner zu machen. Wenn man einem Menschen begegnet, dann– um ihn positiv, friedlich und kooperativ zu stimmen– macht man sich für eine Sekunde einfach kleiner. Man nennt das „Begrüßung“. Unser Alltag ist voll von Selbstabwertungsritualen, die als Zeichen der Demut, der Reue, des Schuldbekenntnisses oder einfach als Elemente einer sympathischen und umgänglichen Persönlichkeit fungieren. Und all diese Zeichen und Rituale haben eine große Wirkungskraft. Jemand, der auf das Diktum „Liebling, welcher Idiot hat den Autoschlüssel versteckt?“ mit den Worten antwortet: „Schatz, kann sein, dass ich es war. Sei mir bitte nicht böse, ich helfe dir gleich zu suchen“ wird bestimmt mit der Umstimmung des Partners rechnen können. Wenn der Schlüssel gefunden ist, wird er bestimmt zu hören bekommen: „Danke, Liebling. Es tut mir leid. Ich bin heute irgendwie gereizt.“ „Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land“– auch durch ganz Europa, allerdings unter einer Bedingung: dass das Reservoir, aus dem man freiwillig die goldene Flüssigkeit ablässt, ausreichend gefüllt ist. Nur souveräne, innerlich stabile und selbstsichere Personen (oder Staaten) können frei mit Selbstaufund abwertungsmechanismen umgehen, auch Personen (oder Staaten), die Kompensationsmechanismen entwickelt haben. Bundesrepublik verlagerte nach dem Zweiten Weltkrieg die Quellen des Selbstwertgefühls aus traditionellen Bereichen wie der nationalen Identität, von Symbolen, der eigenen Geschichte, militärischen Macht und politischen Bedeutung in Ersatzbereiche wie materiellen Wohlstand, soziale Marktwirtschaft, die föderative Struktur oder das Umweltbewusstsein. Alles lief gut, solange die in den 1950er und 1960erJahren angesammelten Finanzpolster jeden eventuellen Stolperschritt in diesen Bereichen abfederten. Aber „die fettenJahre sind vorbei“. Das kollektive Wesen „Deutschland“ beginnt unbewusst nach alternativen Quellen des Selbstwertgefühls zu suchen. Es greift zu erprobten Mitteln wie Symbolen, militärischer Archäologen in kommunizierenden Röhren 117 Präsenz oder dem eigenen Leiden. Warum das Leiden bei Menschen– im Gegenteil zu allen anderen Lebewesen– die Quelle von Selbstwertgefühl ist, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Aber es ist eine Tatsache. Die späte Aufmerksamkeit für die Opfer der britischen und US-amerikanischen Bombardements, das Mitgefühl mit den Vertriebenen und die vorsichtige Wiederentdeckung des Patriotismus in den Fußballstadien ist nichts anderes als die Kompensation für „HartzIV“, die Pisa-Studie und die Abwanderung von Arbeitsplätzen. Und das ist auch gut so. Deutschland hat das Recht, nicht nur mit sich selbst zufrieden, sondern auch stolz auf sich zu sein. Wir wollen ein stabiles, kooperatives und europäisch gesonnenes Deutschland. Und solch ein Deutschland muss das entsprechende Reservoir an Selbstwertgefühl haben. Sonst ist es nicht in der Lage, nachhaltig das in Europa zentral gelegene Netzwerk von kommunizierenden Gefäßen zu gestalten. Das müssen wir Polen begreifen. Eine Kostprobe dieses wohltuenden Handwerks in deutscher Ausführung erhielten wir vor einigen Tagen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel zog während ihres Aufenthalts in Polen alle Register der edlen Klempnerei. Sie wertete die polnischen Nachbarn auf, sie wiederholte auch alle traditionellen deutschen Rituale der Demut. „So viele freundliche Gesten unserem Land gegenüber hat noch kein deutscher Kanzler gezeigt“, schrieb die größte polnische Zeitung auf der ersten Seite. Ja, Hut ab vor der geduldigen und geschickten Politik der deutschen Regierung. Ob diese Politik nicht nur technisch perfekt, sondern auch klug ist und aus innerer Überzeugung kommt, wird sich noch zeigen. Nur ein aus innerer Überzeugung herrührender Verzicht auf eine protektionistische Haltung (die viele Deutschen mit Hilfsund Kooperationsbereitschaft verwechseln), nur eine Anerkennung der wirtschaftlich schwächeren Partner als vollwertige Subjekte der europäischen Politik werden nachhaltig stabile Verhältnisse in der zentralen Region Europas schaffen. Ob Andersdenkende zu trojanischen Pferden oder zu Zugpferden erhoben werden, hängt weitgehend von uns selbst ab. An dieser Stelle müssen wir eine schwierige Frage stellen: Haben wir Polen genug innere Stärke und Souveränität, um ab und zu „Verzeihung“ zu sagen, eigene Fehler zuzugeben oder einem größeren Nachbarn einen Schub an Selbstwertgefühl zu gönnen? Damals, als Kazimierz Michałowski noch der größte Archäologe der Welt war, war ich mir der moralischen Größe der polnischen Nation sicher. Der freiwillige Zusammenschluss Polens und Litauens im 15.Jahrhundert, die Toleranz in der Adelsrepublik des 16.–18.Jahrhunderts, die Rechte der Minderheiten in Polen in der Zwischenkriegszeit– all das wurde mir in der Schule vermittelt. Auch vom berühmten Brief der polnischen an die deutschen Bischöfe aus dem Jahr 1965 mit den Worten „Wir verzeihen und bitten um Verzeihung“ habe ich erfahren. Zu Hause sprach ich mit meinen Eltern über den milden und vergleichsweise toleranten polnischen Kommunismus. Den Runden Tisch von 1989, an dem die polnischen Oppositionellen gemeinsam mit denjenigen, die sie noch vor einigenJahren in Gefängnisse gesteckt hatten, das Fundament für die demokratische Zukunft legten, hielt ich für das historische Aushängeschild des freien Polens und den Prüfstein für die moralische Stärke meines Volkes. Heute, nach 15Jahren, erlebe ich in meinem Land mehr oder weniger sichtbare Zeichen des Nationalismus, der Xenophobie, des Hasses gegen Homosexuelle und Juden. Es werden großangelegte Jagden auf Verbrecher, vermeintliche Verräter und Feinde der Nation organisiert. Ich höre Töne, die ich zeitlebens in meinem Lande nie gehört habe. Es gurgelt richtig in den kommunizierenden Röhren. Wenige Menschen berauben viele Menschen des Selbstwertgefühls, um sich selbst aufzuwerten. Hydrodynamik der Werte 118 Offensichtlich muss sich ein dunkler Teil der menschlichen Natur ab und zu ausleben, und jemand, der behauptet, er sei ein für alle Mal frei von diesen Tendenzen, irrt. Die Voraussetzungen für das edle Spiel um einen ausgeglichenen Pegel an Selbstwertgefühl im europäischen System der kommunizierenden Röhren müssen jeden Tag aufs Neue geschaffen werden, genauso wie im globalen Maßstab. Was ist denn die Triebkraft des heutigen Terrorismus? Doch nicht Hunger, Ausbeutung, koloniale Unterdrückung und Perspektivlosigkeit der an den Rand gedrängten Länder. Es ist das Gefühl, durch die dominierende westliche, medial vermittelte Zivilisation US-amerikanischer Prägung im eigenen Hause, quasi in den eigenen Augen abgewertet zu werden. Dieses bedrückende Gefühl der Abwertung kann nach dem ersten Prinzip der kommunizierenden Röhren nur durch die radikalste Senkung des Pegels auf der Seite des Gegners erreicht werden: durch seine symbolische Zerstörung. Und der 11.September 2001 hat gezeigt, dass dieses Prinzip hervorragend funktioniert. Ist es nicht eine Sisyphusarbeit, ständig bereit zu sein, seine eigene Position kritisch zu hinterfragen, sich selbst einzuschränken und den Anderen aufzuwerten und zu fördern? Für Menschen, die nicht an Gott glauben, die nicht das Gefühl haben, durch ihr Tun Punkte für das Jenseits zu sammeln, liegt das an der Grenze des Machbaren. Dennoch ist es möglich. Wir besitzen in unserem europäischen– und auch deutsch-polnischen– Alltag viele Beispiele bewährter und auch neu errichteter Strukturen, in denen die goldene Flüssigkeit Herz und Gewissen der Nachbarn speist. Mit einem erbauenden Beispiel haben wir hic et nunc zu tun. Eine deutsche Stiftung verleiht Preise an junge Polen und Tschechen: „Der Wunsch der Stifterin, der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH, ist es, über die Förderung der Archäologie den grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Dialog zu intensivieren, das Wissen über die gemeinsame Vergangenheit zu mehren, wissenschaftliche Exzellenz auszuzeichnen sowie innovative Ideen und Forschungsansätze zu unterstützen“, heißt es in der Präambel ihres Statuts. Dies ist aber nicht der tiefste Sinn des Vorhabens. Die Preisträger werden zwar für ihre Leistungen belohnt, bekommen aber einen Bonus, von dem sie in Zukunft anderen etwas abgeben werden. Und ob in der Zukunft die, die durch die Preisträger weiter beschenkt werden, Ukrainer oder Slowaken sein werden, spielt keine Rolle: Das noble Handwerk der wertebasierten Pflege von Wissenschaft, Kultur und nachbarschaftlichen Beziehungen findet seine Fortsetzung. Ruhm und Dank der Stifterin, Ruhm und Dank den Preisträgerinnen, Ruhm und Dank allen, die zu der heutigen Zeremonie beigetragen haben. Gemeinsam werden wir es schaffen, dem Verbindenden, dem Ausgleichenden und dem Friedlichen selbst in schwierigen Zeiten einen gebührenden Glanz zu verleihen!“ 4.5 Hydropopulismus Ich lese den obigen Text heute – 16 Jahre später – mit gemischten Gefühlen. Einerseits freue ich mich, dass die Hydrodynamik der Werte die Welt weiterhin beschreibt. Mehr noch: Sie beschreibt die Welt immer besser. Ich möchte eine These aufstellen: Während in den letzten 150 Jahren die zentrale Achse der Politik in der Frage lag: Was tun mit den Früchten des wirtschaftlichen Fortschritts?, zeichnet sich heute eine Verschiebung ab hin zu der Frage: Wie lassen sich soziale Phänomene, die mit dem kollektivem Selbstwertgefühl zu tun haben, nutzen, um die 4.5 Hydropopulismus Hydropopulismus 119 Macht der eigenen politischen Gruppe zu ergreifen und zu festigen? Wie kann man das Gefühl der Marginalisierung und Erniedrigung einzelner Gruppen oder sozialer Schichten für politische Zwecke nutzen? Wie sehr kann das Selbstwertgefühl eine Gesellschaft spalten? Inwieweit ist das kollektive Selbstwertgefühl zu einem eigenständigen politischen Gut geworden, das Jung und Alt in politischen Wahlen anstreben? Das Denken in Modellen der Wohlstandsverteilung ist in uns allen tief verwurzelt. Was die erste Frage betrifft, so kann man den politischen Kräften, die als rechts bezeichnet werden, die Antwort zuordnen: Diese Früchte sollten in erster Linie in den Händen derjenigen bleiben, die den wirtschaftlichen Fortschritt initiieren, also in den Händen der Eigentümer der Produktionsmittel, der Unternehmer, der Wertemanager, ergo der Banker. Demgegenüber kann man den als links bezeichneten politischen Parteien grob die Antwort zuordnen: Die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts sollen an diejenigen verteilt werden, die zu wenig davon konsumieren und eigentlich der Boden für ihr Wachstum sind – die Werktätigen, die Rentner, die Bedürftigen. Was wir übersehen, ist, dass man sich in der gesättigten, friedlichen und sensibilisierten Welt die Bedürfnisse – gemäß der Logik der Maslow’schen Pyramide – langsam von einem Zustand der physischen Bedürfnisse zu einem Zustand der Befriedigung der Selbstwürde oder allgemeiner der Maximierung des Selbstwertgefühls bewegt. Dieses Phänomen kann natürlich nicht ohne politische Konsequenzen bleiben. Wurde früher bei einer sozialen Gruppe physischer Hunger diagnostiziert, so wird heute „moralischer“ Hunger festgestellt. Dieser Hunger ist der Wunsch, einem Zustand der Marginalisierung zu entkommen, einem Zustand der Minderwertigkeit, der mit geringerer Bildung, mit Schwierigkeiten, die Welt zu verstehen oder sich an ihre raschen Veränderungen anzupassen, mit geringeren Qualifikationen und Kompetenzen, mit erfahrenem Unrecht oder einfach mit dem hohen Alter verbunden ist. Menschen, die diesen Selbstwerthunger erleben, können – im alten Sinne – Menschen sein, die gegen Hunger und Armut abgesichert sind (durch Renten oder Sozialhilfe), oder sogar wohlhabende Menschen. Und doch können sie eine enorme Spannung empfinden – ein Gefühl der Ungerechtigkeit, der Demütigung, des Spottes, der Erniedrigung – und sich in ihren politischen Entscheidungen denjenigen zuwenden, die ihnen Erleichterung oder Befriedigung verschaffen. Als ich 2007 vor den Archäologen sprach, war dieses Phänomen bereits zu beobachten, aber es wurde durch den Terrorismus überschattet, einer sehr radikalen Reaktion auf Spannungen zwischen großen Kulturkreisen. Mit terroristischen Akten rächte sich der Islam am Christentum, die Araber an den „Kreuzfahrern“, die japanischen Buddhisten an der westlichen Welt. Dann breitete sich das Phänomen auf fast alle westlichen Gesellschaften aus. Statt von Terrorismus sprach man nun von Populismus. Politische Analysen des Populismus in den einzelnen Ländern verweisen auf verschiedene Faktoren populistischen Aktivismus. Dazu zählen unter anderem: das Schüren emotionaler Spannungen in bestimmten sozialen Gruppen – etwa durch irrationale oder nationalistische Gefühle, Ängste sowie Fremdenfeindlich- Hydrodynamik der Werte 126 eine Öffnung in Richtung Polen bedeutete. Diese Öffnung war intentionell, etwa wie bei einem jungen Mann, der sich in ein Mädchen verliebt, von dem alle sagen, dass es eine wunderbare Frau sein wird. Als Teilnehmer an den ersten brandenburgisch-polnischen Begegnungen und als jemand, der von brandenburgischer Seite wie ein „Mannschaftsmitglied“ behandelt wurde, habe ich gesehen, wie wenig die Brandenburger über Polen wussten und wie wenig sie mit der Realität des polnischen Hochschulwesens zu Beginn der 1990er Jahre vertraut waren. Auf der polnischen Seite sah es ähnlich aus. Das polnische Mädchen lächelte den deutschen Junggesellen an, weil er aus einer besseren Welt kam. Beide Seiten lebten in einer Welt der Illusionen, träumten zeitweise von einer Verlobung. Und es ist kein Wunder, dass Illusionen manchmal zerplatzen. Hier einer der dramatischen Momente: Als die erste Delegation unter der Leitung des Vizeministers für Wissenschaft und Hochschulwesen aus Warschau in Frankfurt (Oder) eintraf, wurden die Bedingungen für eine Zusammenarbeit bei der Gründung der Viadrina und eines grenzüberschreitenden Universitätszentrums erörtert. Das Collegium Polonicum war zu diesem Zeitpunkt überraschenderweise noch nicht im Gespräch. Ich hatte das Vergnügen, während der Gespräche zu dolmetschen, denn ich war nur der bescheidene Koordinator für internationale Kontakte beim Gründungsbüro der Universität. Der polnische Vizeminister erklärte, dass die polnische Regierung einen Campus für Viadrina-Studierende in Słubice errichten, polnische Studienkandidaten rekrutieren und die Aktivitäten der Brandenburger politisch unterstützen werde. Allerdings stellte er eine Bedingung: Alle künftigen Viadrina-Absolventen müssten einen polnischen Sprachtest bestehen. Bei dieser Bedingung staunte die deutsche Delegation nicht schlecht. Ein deutscher Studierender soll nach vier bis fünf Jahren Studium kein Diplom erhalten, weil er mit den sieben Fällen der Deklination von „dziesięcioro dzieci“ nicht zurechtkommt? Warum eigentlich? An diesem Punkt drohten die Gespräche zu scheitern. Die Delegationen begaben sich in getrennte Räume, um unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu beraten, und ich ging als Kompromissbote zwischen diesen Räumen hin und her. Dieser Kompromiss wurde schließlich erreicht. Die Polen gaben ihre Bedingung auf, und die Brandenburger versprachen, dass jeder Studiengang Aspekte der polnischen Geschichte und Kultur einbeziehen werde. Rückblickend lässt sich sagen, dass sie diese Zusage einlösten, solange es die historischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zuließen. Nebenbei bemerkt: Diese verrückte polnische Forderung ist nichts weniger als eine perfekte Illustration des von mir erwähnten Phänomens der Wertedynamik: Der Bürgermeister runzelt die Stirn, wenn Deutsche ihn spontan zu Gesprächen mitschleppen, nichtdeutschsprachige polnische Diskutanten negieren den Sinn des Projekts. Wenn wir unbewusst das Gefühl haben, dass unser Selbstwertgefühl sinkt, weil die andere Seite uns überragt – und für die im kommunistischen Polen aufgewachsenen Akademiker war die im wiedervereinigten Deutschland entstehende Universität, die nach Gottfried Wilhelm Leibniz sowie den Gebrüdern Humboldt duftete und jungen Polen als erste Hochschule in der westlichen Welt ein kostenloses Vollstudium ermöglichte, die überragende Seite –, dann versuchen Vergiftete Verlobung 127 wir, uns mit allen Mitteln auf eine höhere Ebene des Selbstwerts zu erheben, auch gegen die Vernunft. Aber die Hydraulik des Wertgefühls wurde auch von den deutschen Partnern angewandt. Ich erinnere mich an die ersten Bewerbungsgespräche für eine Professur in den Rechts-, Wirtschaftsund dann in den Kulturwissenschaften. Manchmal wurde ich als Beobachter eingeladen, sozusagen informell, weil ich Pole war – und das war bereits die besagte Hydraulik, die den Wert dieser Gespräche steigerte und natürlich mein Ego stärkte. Alle Kandidaten, die vor den Ausschuss traten, liebten Polen! Alle hatten sich schon immer für Polen interessiert, sie hatten Freunde in Polen, sie versuchten schon seit langem, Polnisch zu lernen, aber irgendetwas war ihnen immer in die Quere gekommen. Dieser und jener hatte einmal eine polnische Freundin gehabt und – soweit ich mich erinnere – zwei hatten polnische Ehefrauen. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Als ich zuvor in Westdeutschland gewesen war, hatte ich dort ein deutlich höheres Maß an Wissen über Polen festgestellt als in Frankreich oder Großbritannien – aber in diesem Ausmaß? Ich konnte natürlich nicht ausschließen, dass sich gerade die Personen, die bereit waren, die politische Mission der Viadrina zu erfüllen, um Professuren bewarben, aber der Wunsch, sich durch Verbindungen zu dieser verschleierten Geliebten aufzuwerten, war offensichtlich. Die Kandidaten für die Viadrina-Professuren waren damals Mitte vierzig und älter, gehörten also zur ’68er Generation, also zu der Generation, die als Erste über die Kriegsschuld der Deutschen diskutierte und die Polen nicht als Wilde betrachtete, die vielen Deutschen die östliche Heimat weggenommen hatten. Es waren Menschen, die Andrzej Wajdas Filme gesehen hatten, die wussten, wer Jerzy Grotowski und Tadeusz Kantor waren, die eine Vorstellung davon hatten, dass die polnische Poesie großartig war. Sie wollten sich mit Polen versöhnen und etwas für Polen tun. In ihrer Generation entstand und verbreitete sich in Westdeutschland eine Haltung der Demut, deren Bedeutung für Europa enorm war. Aber davon wird noch die Rede sein. Diese Haltung keimte auch unter den Ostdeutschen auf, aber in viel geringerem Maße, vor allem unter den evangelischen Christen, die mit der Aktion Sühnezeichen verbunden waren. Diejenigen, die diese Haltung der Bescheidenheit teilten, glaubten, dass Polen etwas Wertvolles sei – wegen seiner Kultur, seiner leidvollen Vergangenheit, seiner edlen Aufstände für die Freiheit und seines geringen Durchdringungsgrades mit totalitärer Ideologie – und dass dieser Wert hochgehalten werden müsse, auch um sich selbst herabzusetzen (das eiserne Prinzip der Wertehydraulik), wobei das Sichherabsetzen die edelste Manifestation der Menschenwürde sei. Für mich als Pole war diese Zeit an der Viadrina wunderschön. Alle sprachen gut von Polen, alle wollten mit Polen zusammenarbeiten, alle wollten die polnische Sprache lernen (tatsächlich meldeten sich jedes Jahr nur 150–170 von 6000 Studierenden an, um Polnisch zu lernen, aber wer hätte das schon prüfen wollen). Es war in Mode, den Wunsch zu äußern, in Wohnheimen auf der polnischen Seite zu leben, nach Polen in den Urlaub zu fahren, polnisch-deutsche Paare unter den Studierenden zu suchen, sie zu fotografieren und zu interviewen. Die Lehrenden versuchten, Hydrodynamik der Werte 128 polenbezogene Schwerpunkte in ihre Forschungsprogramme einzubauen. In der Studierendenorganisation dominierte die polnisch-deutsche Bewegung „Begegnung“, welche das Studierendenparlament und die Agenden des AStA eroberte. 4.8 Normalität als moralisches Nichtsein Das geistige Leben der Menschen ist wie das Leben der Erdatmosphäre: Winde wehen, Hochs und Tiefs wechseln, Stürme ziehen vorbei, das Klima verändert sich. Mehr oder weniger bis zum Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts war das Klima für Polen ausgezeichnet. Dann ging die ’68er Generation der Professorinnen und Professoren in Pension. Die nächste Generation – die in den 1970er-Jahren geborenen Vierzigjährigen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erwachsen wurden – empfand deutlich weniger für Polen und betrachtete das Land auch nicht als besonders bedeutsam auf der Weltkarte. Für sie war Polen der gleiche Nachbar wie Dänemark, die Tschechische Republik, Österreich und die Schweiz, d. h. ein Nachbar, der durch das Prisma der Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen, der Platzierung der Universitäten in internationalen Rankings und der Attraktivität bilateraler Projekte betrachtet werden musste. Und hier war die Attraktivität Polens – leider – schwächer als die Frankreichs oder der Schweiz. Schließlich waren nicht einmal diese Länder die Magneten, die die Nadel des geistigen Kompasses ausrichteten. Dieser Magnet waren – wie könnte es anders sein – die USA, und die kleineren Magnetpole waren China und die lateinamerikanische Welt. Auch bei den Studierenden ging das Interesse an Polen zurück. Statt der polnischen Sprache kam Spanisch in Mode und statt des Lebens auf der polnischen Seite wurde das Leben in Berlin cooler, in einer Stadt, die sich zu einer echten multinationalen, multikulturellen und multikonfessionellen Metropole entwickelt hatte. Obendrein trat Polen der Europäischen Union bei, die Grenze wurde geöffnet, man konnte auf der Autobahn nach Warschau bei McDonald’s speisen, genau wie in Deutschland, Frankreich oder Portugal. Und warum sollte man sich über die Lehrenden beschweren? Im Jahr 2010 wurde ich eingeladen, für die Akademie für Zivildienstleistende in Westdeutschland ein Seminar über Polen zu halten. Zu Beginn des Seminars – im Saal saßen 20 junge Männer, die den Wehrdienst verweigert hatten, also die moralische Instanz darstellten – versuchte ich, sie mit antipolnischen Stereotypen zu provozieren, dass die Polen Autodiebe, Spargelstecher, Schmutzfinken und Säufer seien. Die Zuhörer reagierten nicht auf die Provokationen, sondern lächelten nur höflich. Ich begann, ihr Wissen auszuloten. Nach einer halben Stunde stellte ich fest, dass sie nichts über Polen wussten. Buchstäblich nichts! Sie wussten nicht, wer Lech Wałęsa oder Andrzej Wajda, was Solidarność war, geschweige denn, dass es die Teilungen Polens gab. Ich verstand, dass in dieser wunderbaren neuen Welt des vereinten Europas ein Land so viel bedeutete, wie viel es an Vergnügen (Pizza? Fjorde? Coffeshops?), spektakulären Produkten (Lego? Whisky? Nokia?) oder spektakulären Politikern (Emmanuel Macron? Angela Merkel? Viktor Orban?) bot. 4.8 Normalität als moralisches Nichtsein Normalität als moralisches Nichtsein 129 Natürlich sind solche oberflächlichen Merkmale Ausdruck des inneren Potenzials – jener Energie, die eine Gesellschaft insgesamt hervorbringt. Polen hat davon nie genug erzeugt, um junge Menschen dazu zu bewegen, lieber auf Polnisch als auf Englisch zu studieren oder Wissenschaftler zu motivieren, ihre Arbeiten eher in Polen als in Großbritannien zu veröffentlichen. Die „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen Polen und Deutschland verlief natürlich nicht geradlinig. Die Faszination für Polen an der Viadrina ging zwar vorüber. Auch die Faszination junger Polen für die Viadrina war vorbei, weil sie sich nach dem Beitritt Polens zur EU von anderen, vor allem britischen Universitäten angezogen fühlten. Aber die große gegenseitige Sympathie hielt bis Mitte des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts an. Ich erinnere mich an mehrere soziologische Umfragen, in denen die Deutschen den Polen bessere Eigenschaften zusprachen als den Tschechen. Wenn man sie fragte, behaupteten sie, dass die Polen fleißiger und wohlhabender seien als die Tschechen und der polnische Staat gesetzestreuer. Bei allem Patriotismus war ich überzeugt, dass diese Einschätzungen übertrieben waren. Es gab schon immer einen zivilisatorischen Unterschied zwischen Polen und Tschechen, der zugunsten der Tschechen ausfiel. Auch in Bezug auf die Weltanschauung hatten die Tschechen einen viel rationaleren Ansatz für die Lösung geopolitischer Probleme und dachten im Allgemeinen viel moderner als die Polen. (An dieser Stelle erinnere ich mich auch an eine Reportage über die Situation der Roma in verschiedenen europäischen Ländern, die auf dem Sender Arte gezeigt wurde. Diese in Deutschland produzierte Reportage dokumentierte die Schwierigkeiten, mit denen die Roma konfrontiert waren. In Frankreich wurden ihre Lager geräumt, im Vereinigten Königreich und in Spanien machte man ihnen das Asylverfahren faktisch unmöglich, in Deutschland lebten sie zusammengepfercht in Unterkünften unterhalb des Mindeststandards, und in Ungarn sowie der Tschechischen Republik wurden sie misshandelt. Nur in Polen hatten sie ein staatlich bezahltes Festival ihrer eigenen Kultur, sie lebten nicht in Ghettos, es wurde ein Film über ihre Dichterin, Bronisława Wajs, bekannt als Papusza gedreht und selbst das Wort „Zigeuner“ wurde nicht als beleidigend angesehen. Polen als das Licht der Nationen! Dieser Film hat mich so bewegt, dass ich meinen Kindern davon erzählt habe.) Diese hohe deutsche Wertschätzung war lediglich die jüngste Ausprägung dessen, was man als deutsch-polnische Versöhnung bezeichnete – ein Phänomen, das sich als Welle öffentlicher Stimmung oder gegenseitiger Faszination deuten lässt, die beide Länder erfasste. Ich hätte wohl wissen müssen, dass eine Welle immer sowohl einen Aufstieg als auch einen Abstieg kennt. Und doch war ich schockiert, als die deutsch-polnischen Beziehungen in die Phase des Abschwungs gerieten. Dieser Abstieg war keineswegs von beiden Seiten gewollt oder initiiert. Er wurde von der populistischen Wählerschaft eingeleitet. Dabei zeigte diese Wählerschaft anfangs keine klaren antideutschen Tendenzen. Einige Umfragen zeigten lediglich, dass die Akzeptanz der Deutschen als Nachbarn abnahm, je weiter man sich von der Grenze entfernte. Aber es war kein signifikanter Rückgang. Die antideutsche Stimmung wurde von einer Gruppe von etwa einem Dutzend polnischer Politiker geweckt oder vielmehr nach den klassischen Regeln der Wertehydraulik angefacht Hydrodynamik der Werte 130 worden. Natürlich kann nur das bewegt werden, was bewegt werden kann, woraus sich potentiell Spannungen ergeben können. Dieser Faktor war vorhanden. Und die Verlobung wurde vergiftet. An dieser Stelle sei nur gesagt, dass von 2015 bis 2025 die antideutsche Rhetorik der polnischen Regierung ungeheuerliche Ausmaße annahm. Es gab Tage, an denen in der Hauptnachrichtensendung des staatlichen Fernsehens (das früher ein normales öffentliches Fernsehen gewesen war, dann aber von der Regierungspartei übernommen und zu einer Propagandamaschine umfunktioniert wurde) der deutsche Staat und die deutsche Gesellschaft ein Dutzend Mal als Quelle des Übels, als Bedrohung für den Frieden, als zerstörerische Wirtschaftsmacht und als Zentrum aggressiver Aktionen gegen Polen bezeichnet wurden. Viele dieser Anschuldigungen wurden mit dem Oppositionsführer Donald Tusk in Verbindung gebracht, der als „deutscher Agent“ und generell als jemand dargestellt wurde, der seine polnische Identität verleugnet und aus niederen Beweggründen eine deutsche Identität angenommen habe. Dies wurde mit scheinbar absurden Bildern veranschaulicht, wie z. B. einer Sequenz, die aus einer von Tusk auf Deutsch gehaltenen Rede herausgeschnitten wurde. Die Sequenz dauerte drei Sekunden und enthielt die beiden Wörter „für Deutschland“. Sie wurde nicht hunderte, sondern tausende Male wiederholt, um den Eindruck zu erwecken, dass Donald Tusk, der mit den Stimmen von 27 Ländern gegen die 1 Stimme der polnischen Regierung zum Präsidenten des Europäischen Rates (2014–2019) gewählt wurde, ein Deutscher sei oder zumindest die Essenz des „Polentums“ verraten habe. Diese Intensität der Propagandabemühungen erinnerte an die Zeit der größten Verbissenheit der europäischen Totalitarismen der 1930er Jahre. An dieser Stelle möchte ich den deutsch-polnischen Faden von dem Faden der Flüssigkeit in den kommunizierenden Röhren trennen, die die polarisierten gesellschaftlichen Gruppen in der westlichen Zivilisation zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten schaukeln lassen. Wir werden wegen der Haltung Deutschlands auf den deutsch-polnischen Faden zurückkommen. Und wir werden uns wegen der Viadrina und der Rolle der Universitäten in der kommenden Welt mit den Bewegungen in kommunizierenden Röhren beschäftigen. Obwohl die neue Generation der Professorinnen und Professoren keine besondere Neigung Polen gegenüber hatte und die neue Studierendengeneration sich ideologisch eher an globalen Themen orientierte – Klima, soziale Gerechtigkeit, Minderheitenrechte –, drängte die Viadrina-Leitung auf Kontakte mit Polen, denn es war allen klar, dass eine Schwächung oder ein Abbruch dieser Kontakte die Viadrina mit der Frage aus der Öffentlichkeit konfrontieren würde: „Wenn ihr mit Polen, das jenseits der Grenze liegt, nicht zusammenarbeiten könnt, was könnt ihr dann überhaupt?“ Das Feld der Zusammenarbeit mit Polen verengte sich jedoch von Jahr zu Jahr weiter. Nachdem die gesamte politische und symbolische Sphäre – der Ort, an dem sich Politiker treffen, an dem Abkommen unterzeichnet werden, an dem besondere Ereignisse gefeiert werden – verschwunden war, blieben nur noch die zugegebenermaßen großen, aber alternden Teile des polnischen Establishments und die Zusammenarbeit mit der Adam-Mickiewicz-Universität (die Eine neue Liebe am Horizont 131 in Polen an vorderster Front für den Europäismus, den Liberalismus und jene triviale grenzüberschreitende Zusammenarbeit kämpfte, die weder spektakulär noch einfach ist) oder auch die tägliche Zusammenarbeit am Collegium Polonicum. Es wurde auch immer deutlicher, dass eine große polnische Universität wenig zu bieten hat, wenn es um die neuesten Forschungsergebnisse und wissenschaftlichen Trends geht. Die European New School of Digital Studies, die am Collegium Polonicum eingerichtet wurde, wurde zu 90 Prozent von der Viadrina und Brandenburg und nur zu 10 Prozent von der polnischen Seite getragen. In einer Zeit, in der Polen den Bonus seines Sonderstatus genoss, wäre die wertemäßige Gesamtbilanz der Zusammenarbeit ausgeglichen gewesen. Und das ist – wie eines der Theoreme der Hydrodynamik der Werte lehrt – die beste Voraussetzung für den Energiefluss in beide Richtungen, also die beste Voraussetzung zur Kooperation. Aber der Wert Polens für die Viadrina nahm ab, so wie der Wert Polens in der Außenwahrnehmung der Deutschen abnahm. Die unerbittlichen Angriffe der polnisch-populistischen Propaganda, die sicherlich in erster Linie darauf abzielten, die Stimmung der eigenen Wähler aufzuwärmen und die Opposition anzugreifen, begannen in die tieferen Schichten des deutschen gesellschaftlichen Bewusstseins einzudringen und dessen Einstellung zu verändern. Wenn man 30 Jahre lang eine sehr freundliche Beziehung zu einer Familie über den Zaun hinweg geführt hat und wenn man dann sieht, wie der Ehemann anfängt, seine Frau zu beschimpfen, wenn man jede Nacht ihr Geschrei hört und jeden Morgen ihre Klagen, dann vergeht irgendwann – auch wenn der Ehemann weiterhin grüßt und man mit ihm weiterhin gut beim Garagenbau zusammenarbeiten kann – der Wunsch nach Freundschaft. 4.9 Eine neue Liebe am Horizont Und die Sehnsucht der Viadrina nach einer Freundschaft mit Polen begann langsam zu schwinden, und dies umso mehr, als eine neue verschleierte Braut auftauchte. Obwohl das Mädchen eine aufgeplatzte Lippe und eine blutende Nase hatte, war sie frisch, leidenschaftlich, geheimnisvoll und strahlte gleichzeitig mit edlen Tugenden. Ihr Name war Ukraine. Könnte man sich vielleicht mit ihr verloben? Diese oberflächlichen Metaphern werten den Inhalt nicht ab. Der wissenschaftliche Diskurs hat manchmal Schwierigkeiten, einfache und grundlegende Zusammenhänge zu erfassen. Und diese Schwierigkeiten nehmen zu, je komplizierter und differenzierter die wissenschaftlichen Diskurse werden. Die Metaphern sollen dagegen die allgemeinen Beziehungen zwischen den größten Akteuren der sozialen Interaktion, nämlich den Staaten, erfassen. Und diese gewinnen und verlieren in der gegenseitigen Wahrnehmung am häufigsten aus nicht substantiellen Gründen. Wenn Staaten über ein großes Potenzial verfügen, das anderen Angst macht, begegnet man ihnen entweder mit Furcht und wirft ihnen alles Mögliche vor – oder man erwartet von ihnen, die Führungsrolle zu übernehmen und für Ordnung zu sorgen, selbst wenn sie sich redlich bemühen, vorsichtig aufzutreten und sanft zu sprechen. Ist ein Staat hingegen klein und unbedeutend, neigt er ent4.9 Eine neue Liebe am Horizont Hydrodynamik der Werte 132 weder dazu, in Ressentiments zu verharren oder – sobald sich eine Gelegenheit bietet – alles aufblitzen zu lassen, selbst das eigene Leid. Die Ukraine, die 30 Jahre lang am Rande Europas und gleichzeitig am Rande Russlands vegetierte, erregte nach dem russischen Angriff weltweite Aufmerksamkeit – die Aufmerksamkeit Deutschlands und auch die der Viadrina. Die Viadrina begann aufgrund ihrer Lage und aufgrund der Zusammenarbeit mit der AMU im Collegium Polonicum etwa zehn Jahre vor dem russischen Angriff, eine Art Ukraineaffinität zu entwickeln. Es handelte sich dabei um ein sehr merkwürdiges Phänomen, das schlicht mit der Hydrodynamik der Werte zu tun hat und sich spontan und für alle Beteiligten überraschend einstellte. Es begann wahrscheinlich damit, dass die Adam-Mickiewicz-Universität am Collegium Polonicum im Zusammenhang mit dem allgemeinen Rückbau der polnischen und slawischen Studien in ganz Deutschland – die „Normalisierung“, von der wir gesprochen haben – beschloss, eine angeblich ignorierte Nachfrage zu befriedigen und am Collegium einen Studiengang Polnisch als Fremdsprache zu initiieren. Die Hoffnung richtete sich auf deutsche Studierende, obwohl sich jeder unabhängig von seiner Nationalität bewerben konnte. Im ersten Jahr wurden 30 Plätze ausgeschrieben, und es bewarben sich nur 2 oder 3 Studierende aus Deutschland, aber 27 aus Russland, Belarus und vor allem der Ukraine! Man dachte, es handele sich einfach um einen Fehler in der Informationspolitik. Im folgenden Jahr wurde die Werbeaktion in Deutschland intensiviert, aber das Ergebnis war dasselbe: wenige Studierende aus Deutschland und Westeuropa und eine erdrückende Mehrheit aus dem europäischen Osten oder dem Kaukasus. 4.10 Von der Peripherie fast ins Zentrum Für mich als Leiter einer Einrichtung, die immer nach Westen, nach Deutschland, geschaut und versucht hat, westeuropäischen Standards gerecht zu werden, war diese Erfahrung eine Offenbarung. Ja, man sollte in Richtung der „besseren“ Welt schauen, aber dann wird man immer auf eine alptraumhafte Weise eine „minderwertige“ Welt bleiben. Wenn man sich dagegen umdreht und den Blick um 180 Grad wendet, erkennt man, dass der eigene Standort für viele Menschen eine „bessere“ Welt darstellt – für eine Zahl von Menschen, die doppelt so groß ist wie jene, die zuvor im „westlichen“ Blickfeld lag. Seitdem versuchten mein Team und ich, die Wissenschaftler und Entscheidungsträger der Adam-Mickiewicz-Universität und der Viadrina, die uns unterstützten, gleichzeitig Signale gen Westen und den Osten zu senden. Eine andere Frage ist, warum sich ukrainische Studierende für eine kleine Grenzstadt interessieren, obwohl – wenn sie in Polen oder in Deutschland studieren wollen – ein paar Dutzend große, renommierte Universitäten zur Verfügung stehen. Auch hier wird die Antwort am klarsten durch die Theorie der Hydrodynamik der Werte gegeben. Jeder von uns hat in seinem Unbewussten eine axiologische Karte der Welt und kann darauf mehr bzw. weniger wertvolle Gebiete einzeichnen. Das 4.10 Von der Peripherie fast ins Zentrum Eine neue Liebe am Horizont 133 deutsch-polnische Grenzgebiet ist für die Ukrainer aus zwei gegensätzlichen, aber sich positiv überlagernden Gründen wertvoll. Erstens sind die polnische Kultur und die polnische Sprache für die Ukrainer seit Jahrhunderten Träger der Hochkultur, so wie es die französische oder deutsche Sprache und Kultur für die Polen waren. Zweitens war Polen damals ein „kleines Eldorado“ für Ukrainer. Es war leicht, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und sich unter Slawen zu bewegen, die vor einer Generation genauso stark vom Kommunismus geschädigt waren wie die Ukrainer und die jetzt in einem demokratischen und – aus der Sicht der Ukrainer – „appetitlichen“ und wohlständigen Land leben. Die Deutschen hingegen gelten natürlich als die oberste Klasse: in kultureller Hinsicht, zivilisatorisch und in einer verdrehten Hassliebe. Sie haben zwar in der Ukraine gemordet, aber keiner außer ihnen hat die Unabhängigkeitsideale der Ukrainer gefördert. Sie unterstützten „Patrioten“ wie Stepan Bandera oder Roman Schuchewytsch und waren einst das einzige Gegengewicht zu Russland. Ja, die Deutschen waren und sind im Unterbewusstsein der Ukrainer genauso positiv kodiert wie die Polen. So begann der kleine, aber axiologisch attraktive grenzüberschreitende Standort Viadrina-Collegium Polonicum in der Mitte Europas, Ukrainer anzuziehen, und zwar ganz bewusst. Am Collegium Polonicum wurde aus den brandenburgischen Mitteln eine Professur für Ukrainistik eingerichtet, und das 2011 gegründete Zentrum für interdisziplinäre Polenstudie, das von dem damaligen Universitätspräsidenten Gunter Pleuger als „Leuchtturm“ der Viadrina bezeichnet wurde, wurde in das Center of Polish and Ukrainian Studies umgewandelt. Im Hinblick auf die Interessen der Viadrina war dieser Schritt durchaus vernünftig. Die staatlichen Rahmenbedingungen des polnischen Partners in der PiSÄra waren zu einem undankbaren oder zumindest unsicheren Faktor geworden. Es war daher rational, dieses Ärgernis mit etwas oder jemandem zu neutralisieren, der der Viadrina – zumindest für die nächsten Jahre – Legitimität und damit ein institutionelles Selbstwertgefühl verschaffte. * Ein paar Jahre vorauszuschauen, selbst wenn es nur ein paar Jahre sind, erscheint heute sehr riskant. Wir alle haben den Eindruck, dass die westliche Zivilisation eine beispiellos lange Periode von 80 Jahren Frieden, Stabilität, wachsendem Wohlstand, blühender liberaler Demokratie und Menschenrechten bereits hinter sich hat und nun in eine Zeit eintritt, in der diese Errungenschaften entweder unhaltbar oder direkt in Frage gestellt sein werden. Russlands Angriff auf die Ukraine hat den Krieg als Verhaltensweise eines europäischen Staates „entzaubert“, der Klimawandel hat die Freundlichkeit der Biosphäre als Wiege der Menschheit „entzaubert“, die Massenmigration hat die Gastfreundschaft der reichen Länder „entzaubert“, und der Schwund der Gestaltungskraft demokratischen Regierens hat direktes, gesetzesbrecherisches Handeln als Instrument der Politik auch „entzaubert“. Es sieht so aus, als ob das Verhältnis zwischen politischen und institutionellen Akteuren in den kommenden Jahrzehnten sehr schwankend sein wird. Und dieses Schwanken kann zunächst im Bereich der Werte – als radikales Ringen Hydrodynamik der Werte 134 um das Selbstwertgefühl – gesehen werden und dann vielleicht in den Bereich der physischen Auseinandersetzungen hinabsteigen. Der Aufstieg in der Maslow’schen Pyramide verlagert den Schwerpunkt des Zusammenspiels zwischen Individuen, Institutionen und Staaten in den Bereich des Selbstwertgefühls. Dies ist ein sehr subtiler Bereich, der wenig mit physischen Zusammenstößen, Brutalität oder Krieg zu tun hat. Aber der Fahrstuhl, der uns Individuen und auch ganze Gesellschaften nach oben, in diese subtilen Bereiche führt, kann sich auch nach unten bewegen. Wir vergessen das, weil wir alle in den oberen Etagen der Zivilisation sein wollen. Wir erliegen der Illusion von Donald Duck, der seinen Urlaub mit einem Sprung vom Trampolin in einen Swimmingpool begann, selig am höchsten Punkt der Luft schwebte und den Eindruck hatte, er würde zwei Wochen lang so hängen. Doch irgendwann erinnerte ihn die Schwerkraft an die Realität und Donald Duck begann, nach unten zu fallen. Und im letzten Moment bemerkte er, dass kein Wasser mehr im Pool war. Der sich nach unten bewegende „ontische Fahrstuhl“, wie wir ihn nennen können, bedeutet nicht automatisch eine Katastrophe, aber er ist heftigen Erschütterungen ausgesetzt, wenn es bergab geht. Wer mit ihm fährt, sollte darauf vorbereitet sein. 4.11 Die Universität ist eine Schmiede – aber was schmiedet sie eigentlich? In diesem Zusammenhang stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sollte sich eine Universität in der zivilisierten Welt inmitten der Reibungen und Auseinandersetzungen der Wendezeit verhalten? Soll sie aktiv Partei ergreifen oder eher von der Seitenlinie aus zusehen und politische Neutralität wahren? Soll man die liberale Demokratie verteidigen oder lieber die Staatsmacht – selbst wenn sie autoritär ist – hinter sich haben? Und wenn man die liberale Demokratie verteidigt, bedeutet das, dass man auch uneingeschränkte Forschungsfreiheit unterstützt – die beispielsweise zulässt, den Intelligenzgrad der afroamerikanischen Bevölkerung zu untersuchen und mit dem der WASPs zu vergleichen? Oder verteidigt man lieber die Sensibilität der Afroamerikaner und lässt die „Wokeness“ an der Universität walten? Diese Fragen sind keine theoretischen Dilemmata. In vielen Ländern sind die Universitäten bereits mit diesen Entscheidungen konfrontiert und in einigen beginnen sie, der autoritären Macht zu huldigen. Ein Szenario, in dem die Viadrina oder das Collegium Polonicum und die dahinter stehende AMU mit dem Dilemma der moralischen Legitimität ihrer eigenen Existenz konfrontiert werden, scheint zum jetzigen Zeitpunkt höchst spekulativ. Natürlich ist jede Zukunftsprognose spekulativ, denn die Zukunft hat nicht nur ein Szenario, sondern viele. Dennoch sind einige wahrscheinlicher, andere unwahrscheinlicher. Und Veränderungen in der Realität vollziehen sich nicht linear, sondern sprunghaft. Wenn wir die Zukunft vorhersagen, wetten wir also auf eine Variante einer Situation, die eintreten kann. Es lohnt sich also, die Zukunft vorherzusagen. Und hier kommen wir wieder auf unsere Behauptung zurück, dass die überwiegende Mehrheit der Universitäten in dieser Welt heute kein wirklich anwendbares 4.11 Die Universität ist eine Schmiede– aber was schmiedet sie eigentlich? Die Universität ist eine Schmiede – aber was schmiedet sie eigentlich? 135 Wissen produziert, sondern ein kollektives Selbstwertgefühl; in erster Linie für sich selbst. Die Wissenschaftler an den Universitäten erforschen, analysieren und vergleichen Inhalte, die in 99 Prozent der Fälle nicht über den akademischen Bereich hinausgehen, weil sie zu komplex, sprachlich zu perfekt und zu detailliert sind, um von der externen Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Diese Gemeinschaft ist informationsmäßig gesättigt und ermüdet durch die ständige Verarbeitung alltäglicher Informationen. Sie empfindet Spannungen anderer Art als wichtiger als kognitive Spannungen. Wenn die intellektuelle Produktion aller Universitäten (und davon gibt es angeblich 10.000) mit Wasser verglichen werden kann, dann ist die externe Gemeinschaft ein gesättigter Boden, in den dieses Wasser nicht eindringt, sondern hinunterfließt. (Am Rande sei erwähnt, dass die Ausnahme die wenigen Dutzend Universitäten unter den Top 100 der Shanghai-Rangliste bilden, von denen die gesellschaftlich aufnehmbaren Inhalte ausgehen.) Empirische Belege sind z. B. die erschreckende Bereitschaft selbst bei den Bürgern hochentwickelter Gesellschaften, sich bei politischen Wahlen von antiwissenschaftlichen, populistischen Argumenten leiten zu lassen, Verschwörungstheorien zu akzeptieren oder die bemerkenswert einfachen Erklärungsmuster der Realität aufzugreifen. Die These der 1990er Jahre, dass wir in eine Phase der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft eingetreten seien, hat sich schlichtweg als falsch erwiesen. Was die Universitäten hervorbringen, ist in erster Linie ein kollektives Selbstwertgefühl, und zwar das der einzelnen Mitglieder der akademischen Gemeinschaften und der einzelnen akademischen Einrichtungen. Man forscht und schreibt in erster Linie, um Titel und Beförderungen zu erhalten und um mit dem eigenen oder dem reflektierten Licht der intellektuellen Potenz zu erstrahlen. Und all dies wird mit großem Eifer vorangetrieben. Junge Akademiker in Teilzeitjobs, die die Gründung einer Familie um zehn Jahre aufschieben, produzieren Doktorarbeiten, auf die niemand auch nur einen Blick werfen wird. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schreiben Artikel, die, abgesehen von den Gutachtern und Herausgebern der Zeitschrift, im Jahr nach der Veröffentlichung von 1,5 Lesern gelesen werden. (Es gibt solche Studien!) Und selbst wenn diese Artikel zitiert werden, ändert die Tatsache des Zitierens nichts an der sozialen Relevanz des wissenschaftlichen Inhalts: Er zirkuliert durch die internen intellektuellen Kanäle des wissenschaftlichen Weltnetzes und dringt nur selten in die Außenwelt vor; und wenn doch, dann nicht von der beliebigen Stelle, sondern von der Spitze der globalen Universitätspyramide. Wenn in der fiktiven Millionenstadt Marhataban die Quecksilberkonzentration im Wasser, das der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, die Gesundheit von zehntausenden von Menschen bedroht und drei örtliche technische Universitäten sich bemühen, eine Methode zu entwickeln, um dieses Quecksilber zu neutralisieren, dann greift das Unternehmen, das von der Stadtverwaltung mit der Reinigung des Wassers beauftragt wird, in den allermeisten Fällen ohnehin zu einer Methode, die am Massachusetts Institute of Technology entwickelt wurde. Aus globaler Sicht unterliegen sowohl die Viadrina als auch das Collegium Polonicum und die AMU globalen Prozessen. Produzieren die Universitäten also etwas Hydrodynamik der Werte 142 auf einer Täuschung, auf einem Prinzip: „Es gibt nicht nur die Macht, die man besitzt, sondern auch jene, von der der Feind glaubt, dass man sie besitzt“.47 In der Tat ist dieses Phänomen kaum überraschend. Das Wissen um die Hydrodynamik von Werten zeigt uns, dass jeder Trend für eine ausgewählte Gruppe zur unabhängigen Quelle ihres Selbstwertgefühls werden kann und – im Einklang mit einer Dynamisierungsstrategie – andere Trends bis hin zu einer Art moralischem Terror kontrollieren kann. Für die universitäre Welt würde dies bedeuten, dass sie zu einem Schlachtfeld wird, analog zur nichtakademischen Welt. In dieser hypothetischen universitären Welt würden Sachargumente (Beschreibungen von Fakten) nicht unter dem klassischen Gesichtspunkt (Übereinstimmung mit der Realität, Kohärenz des Systems oder logische Integrität), sondern unter dem Gesichtspunkt der Loyalität gegenüber der Doktrin oder der persönlichen Legitimität (Integrität des Verhaltens der Person, die die Argumente vorträgt) beurteilt werden. Dies würde die Verlagerung der Ordnung–Unordnung von außen in die universitäre Welt mit all ihren Konsequenzen bedeuten. Dieses Phänomen lässt sich im Übrigen an verschiedenen Orten in der westlichen Welt beobachten. In den Vereinigten Staaten wird angesichts der „Ideologisierung“ der traditionellen Universitäten überlegt, neue Universitäten zu gründen, die frei von ideologischem Druck sind, während sich in Ländern, die bereits von Populisten regiert werden, die Situation umkehrt und Universitäten oder universitäre Einrichtungen gegründet werden, in denen die konservative Ideologie dominieren soll, während „offene“ Universitäten ideologischem Druck ausgesetzt werden. Gibt es ein Rezept, das es einer Universität ermöglicht, die Wirbelstürme der nächsten Jahrzehnte zu überstehen oder überhaupt zu überleben in einer Ära, in der es darum geht, Erkenntnis und Wissen zu fördern und gleichzeitig das kollektive Ego der Gesellschaft nachhaltig zu steigern? 4.14 Der Charme der Demut Ich stelle diese Frage nicht nur aus Sorge um die Zukunft meines grenzüberschreitenden Universitätszentrums, sondern auch aus Sorge um die Zukunft einer Institution, der ich mein ganzes Berufsleben gewidmet habe. An dieser Stelle eine kleine Abschweifung. Die menschliche Kultur erlebte Zeiten, in denen die Weitergabe von Wissen oder einer Wissenskultur davon abhing, ein Biotop zu finden, in dem ausgewählte Inhalte, Haltungen und Werte gespeichert werden konnten. Und das waren nicht unbedingt die Universitäten. Beispiele sind die Klosterbibliotheken des Frühen Mittelalters, die griechischen und arabischen Bibliotheken des Mittelmeers, die Bibliothek von Timbuktu oder die Textund Übersetzungssammlungen in tibetischen Klöstern. Der gemeinsame Nenner 47 Vgl. Ayaab Hirsi Ali: In Amerika greift die Ideologie des Wokeismus um sich, Neue Züricher Zeitung, 18.7.2023, https://www.nzz.ch/feuilleton/in-amerika-greift-die-ideologiedes-wokeismus-um-sich-ld.1745600. 4.14 Der Charme der Demut Der Charme der Demut 143 dieser unterschiedlichen Typen von Institutionen war ein elementarer Respekt vor dem Anderen, Andersartigen, vor den Texten einer anderen Religion, vor den Werken einer anderen Literatur, vor den Meinungen aus anderen Kulturen. Die Haltung des Bibliothekars ist eine defensive, die Haltung des Mönchs auch. Bis auf wenige Ausnahmen kämpfen weder die einen noch die anderen für ausgewählte Inhalte. Sie vertrauen darauf, dass andere das endgültige Urteil sprechen, und sie selbst rücken ihr eigenes Ego in den Hintergrund. Schulinitiativen sind ein weiteres Beispiel. In Zeiten des Krieges, der Besatzung, der kolonialen Herrschaft oder repressiver Regime hat es immer wieder Lehrer gegeben, die unter Androhung von Strafen versuchten, ihren Schülern das Wissen zu vermitteln, das sie für den Fortbestand der Gemeinschaft, für die Ausübung elementarer menschlicher Haltungen oder für die Entwicklung von Widerstand gegen konjunkturellen ideologischen Druck für notwendig hielten. Während die offiziellen Schulsysteme in Europa unter den Bedingungen ideologischer Verschärfung und sozialer Spannungen häufig fanatische Haltungen hervorbrachten, fielen diese konspirativen oder halbgeheimen Gruppen in dieser Hinsicht nur selten auf. Einfache private Treffen in der westlichen Welt wirken ebenso heilsam für Kulturen und kulturelle Strömungen. Menschen, die Inhalte und Haltungen pflegen wollten, trafen sich von Zeit zu Zeit in einem privaten Rahmen, diskutierten und stellten ihre eigenen Texte vor. Durch die Kraft einfachster Rituale verwurzelten sie kulturelle Inhalte in einem System, das sie vor Stürmen schützte. Ein Kritiker meiner Argumentation könnte an dieser Stelle sagen, dass diese Bibliotheken, konspirativen Gruppen und privaten Treffen auch toxische Inhalte und Haltungen transportieren könnten. Beispiele hierfür sind Schulen in Moscheen, die die Terroristenbrut nähren, private Sammlungen extremistischer Literatur, private Treffen von Rechtsextremisten in Wohnungen oder Wäldern, Musikkonzerte, die Menschen zusammenbringen, die eines Tages die Welt in Brand stecken wollen, oder Chaträume und Fangruppen im Internet oder Darknet. Ja, aber c’est le ton, qui fait la musique. Was diese lobenswerte institutionelle Haltung auf der Mikroebene auszeichnet, ist der defensive Charakter, den wir im Zusammenhang mit den Bibliothekaren erwähnt haben. Wie ist sie zu verstehen? Wir haben bereits gesagt, dass Universitäten kein originäres Wissen produzieren, sondern anderswo produziertes Wissen replizieren. Was sie stattdessen originär produzieren, ist das kollektive Wertgefühl ihrer eigenen lokalen akademischen Gemeinschaft in Verbindung mit der Bereitstellung von Selbstwertgefühl für das soziale Umfeld. Die Produktion und Verteilung von Selbstwertgefühl wiederum ist die Domäne der Hydrodynamik von Wert als Wissen und der Hydraulik von Wert als praktischem Wissen. Erstere besagt, dass sich in der Welt der Werte Zeiten der Stürme und Erdbeben mit all ihren negativen Folgen – radikale Abwertungen, temporäre Verachtung elementarer Werte und der Menschenwürde – mit Zeiten der Ruhe, der Zusammenarbeit, des Respekts und einer blühenden Wertelandschaft abwechseln. Letzteres sagt Ihnen, welche Techniken wir anwenden sollten, wenn wir uns auf eine dieser Phasen zubewegen wollen. Hydrodynamik der Werte 144 Wenn ein Individuum, eine Institution oder ein Staat bewusst oder unbewusst aktiv in den Strudel der Ereignisse eingreifen will, in der Hoffnung, sich zu profilieren, eine bessere Position zu erlangen oder gar in der sich abzuzeichnenden neuen Ordnung auf der Siegerseite zu stehen, sollten wir (das rhetorische „Wir“) Techniken der offensiven Art anwenden. Und dazu gehört immer, gegenüber den anderen Akteuren in der Relation (dem rhetorischen „Sie“) zu betonen, wie wertvoll unsere Ansichten, wie wertvoll unsere Ressourcen sind, wie positiv unsere Eigenschaften und wie edel unsere Ziele sind. Nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren wird diese Anhebung des Selbstwertgefühls auf unserer Seite automatisch eine Senkung des Selbstwertgefühls auf seiner Seite, d. h. des Interagenten, auslösen. Dies wiederum wird ihn oder sie zu symmetrischen Handlungen provozieren, zumindest zum Loben der eigenen Seite. Das Niveau der Konfrontation wird angehoben. Aber es kann noch höher steigen, denn wir können das andere Ende der kommunizierenden Röhren beeinflussen. Wir können den Anderen herabsetzen und kritisieren, seine Struktur oder ihn selbst entwerten, ihn zu einem Nichts degradieren oder gar suggerieren, dass er im Bereich des reinen Bösen agiert. Diese „sie“ werden sich wahrscheinlich revanchieren, indem sie uns das Gleiche antun, denn niemand empfindet seinen eigenen Wert als besonders niedrig oder gar negativ. Ein moralischer Sturm, ein kultureller Sturm und höchstwahrscheinlich ein echter sozialer Sturm wird ausgelöst werden. Wenn aber ein Individuum, eine Institution oder ein Staat den sozialen, gesellschaftlichen oder politischen Frieden aufrechterhalten will, können sie auf defensive, beruhigende Techniken zurückgreifen. Diese zielen im Wesentlichen darauf ab, das Schwanken des Flüssigkeitspegels in kommunizierenden Röhren zu deeskalieren, denn nur ein Zustand des Gleichgewichts oder Beinahegleichgewichts eröffnet den psychologischen Weg zur Kooperation zwischen „uns“ und „ihnen“. Eine einfache Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, den Selbstwert auf der anderen Seite des Gefäßes zu erhöhen. Wenn man seinen Partner lobt, ihm Respekt zollt oder auch nur Interesse entgegenbringt, verringert sich die Spannung in der Beziehung und die Energie verlagert sich von der Verteidigung der eigenen Identität auf die Suche nach einer Quelle des gegenseitigen Nutzens. Der Nachteil dieser Technik ist das mögliche psychologische Unbehagen auf unserer Seite. In der Regel lässt sich niemand gern belehren, schon gar nicht, wenn es um berufliches Wissen geht. Und die Situation, der anderen Seite mit aufrichtigem Interesse zuzuhören, verschmilzt in der Psyche mit der Situation, belehrt zu werden, es sei denn, man geht mit der Überzeugung in das Gespräch, dass man ein Lernender ist. Keiner Institution ist es angenehm, mit einer „besseren“ Institution konfrontiert zu werden. Keine Gemeinschaft verkraftet es problemlos, sich einzugestehen, dass ihr gesamtes Leben im Vergleich zum einer anderen Gemeinschaft minderwertig ist. Und Staaten haben damit ein besonderes Problem – mehr dazu im nächsten Kapitel. Aber es gibt eine noch wirkungsvollere Variante dieser Defensivtechniken: die bewusste Reduktion des eigenen Selbstwertgefühls. Diese nahezu perfekte Methode ist so effektiv, dass sie sich in den Verhaltensmustern von Herdentieren, die mit Hierarchien leben, erhalten hat. Aus diesen Mustern haben sich mehrere Beruhi- Universitäten als Inseln? 145 gungsrituale in der menschlichen Welt etabliert – etwa die Verkleinerung der Körperhaltung im Angesicht eines Gegenübers, ein weltweit verbreitetes Verhalten, das als Verbeugung oder schlichte Begrüßung bekannt ist. Einige Techniken haben sich von physischen Techniken zu sprachlichen Techniken gewandelt, wobei sie ihr Wesen behalten haben, d. h. das Potential, den Wert auf meiner Seite schmälern. Ein Beispiel: Wenn wir in einem überfüllten Bus schnell zum Ausgang gelangen wollen, wenden wir keine offensive Technik an, indem wir schreien: „Aus dem Weg! Was stehst du denn da wie ein Pflock! Mach Platz, denn ich muss aussteigen!“, sondern eine defensive Technik, indem wir sagen: „Entschuldigung, es tut mir leid, Entschuldigung …“, obwohl wir niemandem etwas zuleide getan haben und wir uns wirklich bei niemandem entschuldigen müssen. Die Natur hat dafür gesorgt, dass diese Turbodefensivtechnik wirksam ist. Wenn wir uns verbeugen, verbeugt sich in 99,99 Prozent der Fälle auch die andere Partei. Es wird ein momentaner Pakt der Zusammenarbeit geschlossen. Genauso verhält es sich, wenn wir uns entschuldigen. Wir hören: „Es ist in Ordnung.“ Aber diese Technik hat die gleiche Schwäche wie die defensive Aufwertung der Gegenpartei. Das Absinken des Selbstwertgefühls, auch wenn es nur vorübergehend ist, ist mehr als das Gefühl des Unbehagens. Es muss ein freiwilliger Akt sein. Und der Unterschied zwischen einer unangenehmen Folge der Fremdaufwertung und der Selbstabwertung ist – toutes proportions gardées – so, als würde man sich von jemandem einen Zahn ziehen lassen oder sich selbst einen Zahn ziehen müssen. Um sich zu entschuldigen, sich zu beugen, sein Selbstwertgefühl zu senken, die „werthaltige Flüssigkeit“ aus dem System auf der eigenen Seite abzulassen, muss man diese Flüssigkeit einfach in seinem eigenen Reservoir haben. Man muss einen Vorrat an Selbstwertgefühl haben, den man für taktische Zwecke anzapfen kann. Und diesen besitzt nicht jeder. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl entschuldigen sich nicht, bitten nicht um Verzeihung, wenn sie Fehler gemacht haben, geben ihre Fehler in der Regel nicht zu und sind nur allzu gern bereit, die offensiven Instrumente der Wertehydraulik zu nutzen, d. h. Repressalien zu verüben, „Feinde“ aufzuspüren, Minderheiten zu verfolgen, „Schädlinge“ ins Visier zu nehmen oder verhasste Institutionen und Nationen zu markieren. Sie sind die ewige Klientel extremistischer – religiöser, ideologischer, populistischer – Bewegungen. Institutionen mit einem geringen Selbstwertgefühl lassen sich sehr leicht auf die Seite der aggressiven Macht ziehen. Sie fügen sich der Macht, werden zu deren Instrumenten und Nutznießern. Staaten mit instabilen Identitäten und kaschierten Minderwertigkeitskomplexen bringen oft diktatorische Systeme, chauvinistische Politiken und gewalttätige Handlungen hervor. 4.15 Universitäten als Inseln? Welche Lehren lassen sich aus all diesen Beobachtungen für die heutigen und zukünftigen Universitäten ziehen, vorausgesetzt, die Zukunft bewegt sich zumindest bis zu einem gewissen Grad in die von uns vorhergesehene Richtung? Ich nenne 4.15 Universitäten als Inseln? Hydrodynamik der Werte 146 diese Richtung „Impansion“, die langsame Reduzierung der Aktivitäten der Menschen auf diesem Planeten. Natürlich werden andere Schlüsse für eine Universität in Oxford oder MIT gezogen, und andere für eine Universität in Ouagadougou, Burkina Faso. Uns geht es um die Schlüsse, die für diese tausenden von dazwischen liegenden Universitäten formuliert werden können, und damit auch für die Viadrina/Collegium Polonicum/AMU. Lassen Sie uns an dieser Stelle für die unerträgliche Leichtigkeit des Essays plädieren (die Gewohnheit, sich in einen seriösen, von komplexen Sprachfiguren durchdrungenen Diskurs zu flüchten, ist einer der Gründe, warum die moderne Wissenschaft mitunter so radikal abgelehnt wird – und warum der Traum von einer verwissenschaftlichten Gesellschaft ins Reich der Märchen verbannt werden musste). Lassen Sie uns Empfehlungen so leicht – oder beinahe so leicht – formulieren wie die Lebensweisheiten, die derzeit von animierten KI-Gurus auf TikTok verbreitet werden – und dabei dennoch wissenschaftlich unangreifbar bleiben: 1.1 Versuchen Sie nicht, in einer instabilen Welt die Rolle der Vorhut eines neuen Trends zu übernehmen. Trends werden schnell vergehen, die Welt wird sich verändern, ein schwarzer Fleck auf der Ehre deiner Universität wird bleiben. 1.2 Seien Sie bewusst, dass es in deiner Gemeinschaft keine Genies gibt. Aber achten Sie auf Ihre wissenschaftliche Identität, auf Ihren Wert. Wenn jemand in Ihrer Gemeinschaft etwas Wertvolles geleistet hat, sorgen Sie für ihn. Wenn er weggegangen ist, um eine internationale Universitätskarriere zu verfolgen, dann mach ihm keine Vorwürfe. Vergeben Sie ihm – und bemühen Sie sich, die Beziehung zu ihm zu erhalten. 1.3 Die Anzahl der Publikationen sollte kein Fetisch sein – auch eine seltene Stimme kann einen Gedanken formulieren, der den Weg zu einer neuen geistigen Perspektive ebnet. 1.4 Messen Sie akademischen Titeln nicht zu viel Bedeutung bei. Binden Sie Promovierende in öffentliche Debatten mit erfahrenen Lehrenden ein. Eine wirklich engagierte Lehrperson wird in solchen Diskussionen das Entwicklungspotenzial der Promovierenden fördern – vielleicht sogar den künftigen wissenschaftlichen Nachwuchs sichtbar werden lassen. 1.5 Loben Sie gute Forschungsergebnisse, aber ohne zu übertreiben. Konzentrieren Sie sich nicht kritisch auf schlechte Forschungsergebnisse, schlechte Artikel, schlechte Bücher, schlechte Aussagen. Die Zeit ist ein gerechter Richter und wird die Spreu vom Weizen trennen. Wenn Sie den Prozess beschleunigen wollen, geraten Sie in ein konjunkturelles Tauziehen, bei dem Sie jemand kratzen wird. Den gefährlichen Ideen müssen Sie sich aber stellen. 1.6 Kennen Sie Ihren Platz in der Rangliste. Sie sind nicht Stanford oder Cambridge. Aber Sie sind die Viadrina, die AMU, das Collegium Polonicum – ein Dreiklang, der Hunderttausende zwischen Berlin und Poznań mit Stolz erfüllt. Genießen Sie es. Universitäten als Inseln? 147 1.7 Geben Sie Ihre eigenen Fehler zu. Sprechen Sie sie an. Je lauter Sie über sie sprechen, desto freier sind Sie – paradoxerweise – von Fehlern. Fehlerhaftigkeit ist ein beständigeres Merkmal von adäquatem Wissen als Unfehlbarkeit. 1.8 Untersuchen Sie auch unangenehme Dinge: kognitive Fehler, Paradigmen, die in Sackgassen geraten, eigene Thesen, die bei der Überprüfung auf der Strecke geblieben sind. Was Sie finden, ist so wertvoll wie die Funde von Archäologen in den Ruinen antiker Gebäude. 1.9 Leisten Sie Fronarbeit für das Wissen der Menschheit: Nehmen Sie an Debatten teil, die Sie für oberflächlich halten. Besuchen Sie Gastvorlesungen von Menschen, die Sie nicht besonders schätzen. Vergeuden Sie Zeit mit Universitätsfesten, mit rituellen Treffen mit Partnern aus Polen, der Ukraine, Deutschland und anderen Ländern, auch wenn Sie es im Grunde als Zeitverschwendung empfinden. Investieren Sie Energie auch in scheinbar unnötige Dinge, denn Energie bleibt stets irgendwo erhalten und kehrt immer wieder zu Ihnen zurück. 1.10 Denken Sie daran, dass alle Phänomene dieser Welt pulsieren. Mal blühen sie auf, mal verwelken sie, dann blühen sie wieder auf, dann verwelken sie wieder … Man weiß nie, wo man sich in diesem Prozess befindet. Mobilisieren Sie sich, als ob das Welken vorüber ist, prognostizieren Sie, als ob das Blühen bevorsteht. 1.11 Betrachten Sie die Universität nicht als eine vorübergehende Zwischenstation in Ihrer Karriere. Das Hochschulrecht begrenzt Ihre Zeit, aber versuchen Sie, Wurzeln zu schlagen. Vielleicht bleiben Sie unter den einen oder anderen Umständen, vielleicht verlassen Sie die Universität. Aber selbst wenn Sie diese Phase hinter sich lassen, wird sie eines Tages mit dem Wert, den Sie hier hinterlassen haben, zu Ihnen zurückkehren. 1.12 Man weiß nie, was in der Wissenschaft und in der Welt wirklich wertvoll ist. Was wirklich wertvoll ist, ist nicht die elegante Pirouette von Konzepten und Argumenten, die Sie in Ihren Artikeln aufgenommen haben, sondern Ihre Hingabe, Ihr Leiden, Ihre Gedanken in schlaflosen Nächten. Nietzsche sagte: „Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist.“ 1.13 Setzten Sie sich mit den Texten anderer auseinander. Selbst wenn sie nach Zeitverschwendung aussehen. Noch einmal Nietzsche: „Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden Müßiggänger.“ 1.14 Seien Sie stolz auf Ihre Universität und die kleinen Dinge, für die sie sich engagiert. Wenn eine Handvoll Rentner aus der Stadt oder eine Handvoll Schüler die Vorlesungen besuchen, kann das wertvoller sein als der Besuch eines Nobelpreisträgers. Wenn ein Wirbelsturm über die Welt der Wissenschaft hinwegfegt, können die großen Bäume fallen und die fest verwurzelten Sträucher bleiben. 1.15 Verteilen Sie großzügig Selbstwertgefühl in Ihrer Umgebung. Wenn sich gegenüber dem Gebäude der Universität ein unscheinbarer Bau befindet, zeigen Sie der Stadt seine Geschichte. Lassen Sie ihn in einem neuen Licht erstrahlen, das jeder Passant sehen kann. [Document text truncated for crawler view.]