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Die Wiener Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung: Forschungen über Südosteuropa

Svatek, Petra

Abstract

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Svatek, Petra Book Part Die Wiener Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung: Forschungen über Südosteuropa Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Svatek, Petra (2020) : Die Wiener Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung: Forschungen über Südosteuropa, In: Baumgart, Sabine (Ed.): Raumforschung zwischen Nationalsozialismus und Demokratie: Das schwierige Erbe der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, ISBN 978-3-88838-427-1, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 26-37, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-4271033 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/227078 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ Svatek, Petra : Die Wiener Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung: Forschungen über Südosteuropa URN: urn:nbn:de:0156-4271033 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 26 bis 37 In: Baumgart, Sabine (Hrsg.) (2020): Raumforschung zwischen Nationalsozialismus und Demokratie – das schwierige Erbe der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung. Hannover = Arbeitsberichte der ARL 29 26 29 _ RaumfoRschung zwischen nationalsozialismus und demokRatie Petra Svatek Die Wiener HocHScHularbeitSgemeinScHaften für raumforScHung: forScHungen über SüDoSteuroPa Gliederung 1 Einführung 2 Forschungen über Südosteuropa und Projekte im Überblick 3 These 1: Auf Gegenseitigkeit aufgebaute Verbindung zwischen Raumforschung und Politik 4 These 2: Wirtschaftliche Ausrichtung der Projekte: Südosteuropa als „Ergänzungsraum“ 5 These 3: „Völkische“ Ausrichtung der Projekte zur „Flurbereinigung“ 6 Schlussbetrachtung Quellen Literatur Kurzfassung Dieser Artikel setzt sich mit den Südosteuropaforschungen der Wiener Arbeitsgemeinschaften für Raumforschung auseinander. Anhand dreier Thesen erfolgt eine politische Kontextualisierung dieser raumwissenschaftlichen Forschungen, die als Ressource für die NS-„Lebensraum“- und Expansionspolitik herangezogen und zum Teil ohne Auftragserteilung seitens der Politik von den Wissenschaftlern initiiert wurden. Die Projekte waren sowohl wirtschaftlich als auch „völkisch“ ausgerichtet, wobei Südosteuropa als „Ergänzungsraum“ für das Deutsche Reich wahrgenommen wurde und ein Beitrag zur „Flurbereinigung“ geleistet werden sollte. Schlüsselwörter Wien – Südosteuropa – Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen – Hugo Hassinger – NS-„Lebensraum“- und Expansionspolitik The Viennese Working Groups for Spatial Research: Research on South Eastern Europe Abstract This article deals with research on South Eastern Europe conducted by the Vienna Working Groups of Spatial Research. The aim is to politically contextualise the spatial research projects, which were used as a resource for the Nazi Lebensraum and expansion policies. The projects were in part initiated by the scientists without being commissioned by the political authorities. They had both an economic and a völkische focus, with South Eastern Europe being perceived as a “complementary space” for Nazi Germany. The aim was also to contribute towards “land consolidation”. 27Die Wiener HocHscHularbeitsgemeinscHaften für raumforscHung Keywords Vienna – South Eastern Europe – Working Group for Spatial Research of the Viennese “Hochschulen” – Hugo Hassinger – Nazi concept of “Lebensraum-” and expansion policies 1 Einführung Geowissenschaftliche Forschungen über Südosteuropa haben in Wien eine lange Tradition. Bereits während der Habsburgermonarchie erforschten diverse Wiener Institutionen, wie zum Beispiel die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften, die k.k. Geologische Reichsanstalt und verschiedene Institute der Universität Wien, die zum Reich gehörigen Gebiete der Balkanhalbinsel und Gebiete von benachbarten Staaten. Nach einem Rückgang der Forschungen ab 1918 infolge des Zusammenbruches der Habsburgermonarchie erfolgte ein neuerlicher Aufschwung durch die 1931 gegründete „Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft“ (SODFG). Die Forschungen intensivierten sich schließlich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938. Es entstanden mit der Südosteuropagesellschaft (1940) und diversen Arbeitsgemeinschaften für Raumforschung neue Forschungsgemeinschaften. Eine zentrale Funktion kam dabei Hugo Hassinger (1877-1952) zu, seines Zeichens „Volkstumforscher, Raumplaner, Kartograph und Historiker“ (Svatek 2010, 2019). Er übernahm 1931 den Lehrstuhl für Kulturgeographie am Geographischen Institut der Universität Wien und leitete zunächst unter anderem zusammen mit dem Historiker Hans Hirsch (1878-1940) die SODFG. Vor 1938 kooperierten Hassinger und andere Wissenschaftler zumindest offiziell noch nicht mit der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG). Die raumwissenschaftlichen Forschungen über Südosteuropa erfolgten vor allem im Rahmen der SODFG. Als Beispiel sei hier auf den Burgenlandatlas verwiesen, der von Hassinger und dem niederösterreichischen Geographen Fritz Bodo (1893-1978) herausgegeben wurde (Svatek 2017). Dieser Artikel befasst sich mit den Südosteuropaforschungen der Wiener Arbeitsgemeinschaften für Raumforschung. Ein erster Brief zwischen Hassinger und der RAG ist vom 13. April 1938 überliefert, als Hassinger der RAG ein Verzeichnis mit allen jenen Personen übermittelte, die für die Stadtund Landesplanung der Ostmark einen Beitrag liefern konnten (UAW, NL Hassinger, Kt. 15a; Svatek 2015: 248-249; Svatek 2019: 136). Damit war spätestens ein Monat nach der Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich eine Zusammenarbeit zwischen Wiener Raumforschern und der RAG begonnen worden. An der Universität Wien etablierte sich eine Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung schließlich im Herbst 1938, die von Hassinger geleitet wurde. Die erste Sitzung fand am 10. November im Geographischen Institut der Universität Wien statt. Hassinger sprach von der Notwendigkeit, dass alle Wiener Hochschulen zusammenarbeiten sollten und betonte gleichzeitig die Führerrolle der Geographie. Zudem bekundete er auch den Willen, über die Staatsgrenzen hinweg zu forschen (UAW, NL Hassinger, Kt. 15b). Weitere Arbeitsgemeinschaften an der Hochschule für Welthandel (Leitung: Bruno Dietrich), an der Hochschule für Bodenkultur (Leitung: Erwin Löhr), an der Technischen Hochschule (Leitung: Erwin Ilz) und an der Tierärztlichen Hochschule 28 29 _ RaumfoRschung zwischen nationalsozialismus und demokRatie (Leitung: Karl Diernhafer) folgten. Unter der Leitung Hassingers schlossen sie sich zur „Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen“ zusammen. Die Forschungen betrafen vor allem siedlungs-, bevölkerungsund wirtschaftsgeographische Aspekte über die Ostmark und Südosteuropa (Svatek 2015, 2018a). Ziel dieses Beitrags ist eine politische Kontextualisierung der raumwissenschaftlichen Forschungen über Südosteuropa, die als Ressource für die NS-„Lebensraum“- und Expansionspolitik herangezogen wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff „Lebensraum“ unter anderem vom Geopolitiker und Geographen Karl Haushofer (1869-1946) verwendet, „um die geforderte Revision der Grenzen von Versailles und die Expansion des Deutschen Reichs nach Osten vor allem bevölkerungspolitisch und militärstrategisch zu legitimieren“ (Schmitz-Berning 2007: 376). Während der NS-Zeit vertraten die Politiker einen „aggressiven Raumund Herrschaftsanspruch gegenüber den angeblich „rassisch unterlegenen Völkern im Osten des Deutschen Reiches“, womit man eine rassisch begründete gewaltsame Expansion des Deutschen Reichs nach Osteuropa“ rechtfertigen konnte (Schmitz-Berning 2007: 375, 377). Diese Neuordnungsplanung wurde im „Generalplan Ost“ festgelegt, der vor allem die Vertreibung und Vernichtung eines großen Teils der dortigen Bevölkerung, Zwangsumsiedlungen, eine neue Siedlungsstruktur und eine rationelle Agrarproduktion vorsah (Rössler/ Schleiermacher 1993: 7-11; Heinemann 2006: 45-72). Südosteuropa wurde in diesem Konzept kaum mitgedacht. Doch auch für diese Gebiete gab es wirtschaftliche, ethnographische, siedlungsund bevölkerungsgeographische Forschungen zur Umgestaltung des Lebensraumes, die eine enge Verzahnung mit der NS-Politik erkennen lassen. Hassinger versuchte, Wien als Zentrum der deutschen Südostforschung zu etablieren. Denn Wien soll „Kraft seiner Lage, kulturellen und geschichtlichen Entwicklung“ berufen sein, „die Betreuungsstelle für die staats-, volks-, wehrund wirtschaftspolitischen Aufgaben des Deutschen Reiches im Donauraum, Südosteuropa und Vorderen Orient zu sein“ (UAW, NL Hassinger, Kt. 26a; Svatek 2009). Die Wiener Arbeitsgemeinschaften für Raumforschung haben dazu einiges beigetragen. Nach einem allgemeinen Überblick soll in diesem Artikel das Verhältnis zwischen Wiener Raumforschung und Politik im Kontext der Südosteuropaforschungen anhand dreier Thesen näher untersucht werden: > These 1: Es existierte eine auf Gegenseitigkeit aufgebaute Verbindung zwischen Raumforschung und Politik. > These 2: Die Projekte der Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen waren bezüglich Südosteuropa wirtschaftlich ausgerichtet, wobei Südosteuropa auch von den Wiener Raumforschern als „Ergänzungsraum“ (Freytag 2012; Sachse 2010) für das Deutsche Reich wahrgenommen wurde. > These 3: Die Projekte der Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen waren bezüglich Südosteuropa „völkisch“ ausgerichtet, wobei einige auch einen Beitrag zur „Flurbereinigung“ leisten sollten. 29Die Wiener HocHscHularbeitsgemeinscHaften für raumforscHung 2 Forschungen über Südosteuropa im Überblick Im Jahre 1939 wurden seitens der Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen noch keine Forschungen über Südosteuropa durchgeführt. In einem Protokoll zur Sitzung am 27. Oktober 1939 beklagt Hassinger, dass „nach Kriegsbeginn alle angemeldeten Arbeitsvorhaben von der Reichsarbeitsgemeinschaft in Berlin abgesetzt“ wurden, „unter dem Hinweis darauf, dass nunmehr nur ein Programmpunkt gelte: der Osten“. Hassinger bemängelte weiter, dass unter dem Osten nur der Nordosten ins Auge gefasst wurde. Doch wäre auch „im Südosten eine sorgfältige Vorbereitung für kommende wirtschaftliche und politische Aufgaben nötig“ (UAW, NL Hassinger, Kt. 15c). Hassinger wollte ohne Zweifel aktiv an der Neugestaltung des deutschen Lebensraumes mitarbeiten und ließ in den nächsten Jahren keine Gelegenheit aus, auch von sich aus politisch relevante Projekte zu initiieren. Im Jahre 1941 wurden erstmals nicht nur Projekte eingereicht, sondern auch tatsächlich durchgeführt. Unter ihnen befanden sich die „Anlage einer Bibliographie der Kartenwerke und Literatur über den Südosten“ (Bearbeiter: Geographisches Institut, Statistisches Amt) sowie die Forschungen zur „Raumfunktion Wiens im Rahmen des Deutschen Reiches als zentraler Ort des südöstlichen Mitteleuropa“ (Bearbeiter: Hugo Hassinger; Svatek 2009) und zu der „Neuordnung der Volksgruppengebiete im Innerkarpatischen Raum“ (Bearbeiter: Hugo Hassinger, Egon Lendl, Otto Brunner, Alfred Karasek). Diese Projekte wurden in den Folgejahren weitergeführt. Zudem kamen neue hinzu, wie zum Beispiel über die Bodentypen und Bodenarten in Südosteuropa (Bearbeiter: Walter Kubiena), über eine Wasserstraße zwischen Donau und Saloniki (Bearbeiter: Josef Kozeny), über das Gefüge der deutschen Siedlungsgebiete in Siebenbürgen und der Batschka (Bearbeiter: Geographisches Institut mit deutschen Volksgruppenführern), über die „Bestandsaufnahme der deutschen Volksgruppen im mittleren Donauraum“ (Bearbeiter: Geographisches Institut mit deutschen Volksgruppenführern), über die „Volksdichte der deutschen Volksgruppen im mittleren Donauraum“ (Bearbeiter: Geographisches Institut) und über die „volkswirtschaftlichen Grundlagen des unabhängigen Staates Kroatien“ (Bearbeiter: Alois Jaschke). Auch setzte man sich zum Ziel, politisch relevante fremdsprachige Werke über den Südostraum zu übersetzen. Einen Überblick über die einzelnen Projekte geben die Arbeitsberichte und die Projektanträge im Nachlass Hassinger des Wiener Universitätsarchivs. Kooperationen ergaben sich außerdem mit vielen anderen Projekten, die nicht von der Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen organisiert wurden. Die Arbeitsgemeinschaft zählte aber zu den ausführenden Institutionen und die RAG war ein bedeutender Geldgeber. Als Beispiel soll hier der Atlas „Der Donau-Karpatenraum“ genannt werden. Dieser von der Wehrmacht forcierte und von der Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi) geplante Atlas wurde neben der RAG auch vom Deutschen Auslandsinstitut in Stuttgart und von der Südosteuropagesellschaft finanziert (Svatek 2010: 306). Die VoMi wurde 1936 von Heinrich Himmler gegründet und war für die Volkstumsarbeit verantwortlich. In ihren Aufgabenbereich fielen unter anderem die Koordination einer einheitlichen Volkstumspolitik und die Umsiedlung deutscher Volksgruppen in Ostund Südosteuropa (Fahlbusch 1999: 60-61). 30 29 _ RaumfoRschung zwischen nationalsozialismus und demokRatie Die Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Wiener Hochschulen bearbeiteten die meisten Projekte in den Jahren 1942 bis 1944. Dadurch wurde ein Großteil der Studien nicht nur in der von „Blitzkrieg“ und Eroberung dominierten Phase des Krieges durchgeführt, sondern auch nach der Wende im Kriegsgeschehen 1943. 1942/43 entfielen 19 Projekte auf die Ostmark und zehn auf Südosteuropa, 1943/44 20 auf die Ostmark und acht auf Südosteuropa. Von den zehn Projekten 1942/43 zu Südosteuropa wurden sechs an der Universität Wien bearbeitet: die Übersetzung wichtiger fremdsprachiger Werke über den Südostraum, die Raumfunktion Wiens im Rahmen des Deutschen Reiches als zentraler Ort des südöstlichen Mitteleuropa, die volkswirtschaftlichen Grundlagen des unabhängigen Staates Kroatien, die Bestandsaufnahme der deutschen Volksgruppen in Ungarn, die wirtschaftliche Bedeutung des Oder-Donau-Elbe-Kanals und die deutsche Kolonisation des Banat. Je ein Projekt gab es an der Hochschule für Bodenkultur (Bodentypenund Bodenartenkarte Südosteuropas) und an der Technischen Hochschule (Wasserstraße zwischen Donau und Saloniki) sowie zwei an der Hochschule für Welthandel (ungarischer Genossenschaftshandel, deutscher Kapitaleinsatz in der Slowakei), wobei diese beiden Projekte wegen Einberufungen nur ungenügend bearbeitet werden konnten. Für 1945 waren noch folgende Projekte bewilligt (UAW, NL Hassinger, Kt. 16a): > Gefüge des deutschen Siedlungsgebietes in Siebenbürgen, > Gefüge des deutschen Siedlungsgebietes in der Batschka, > Übersetzung wichtiger fremdsprachiger Werke über den Südostraum, > die volkswirtschaftlichen Grundlagen des unabhängigen Staates Kroatien, > Bestandsaufnahme der deutschen Volksgruppen im mittleren Donauraum, > kartographische Darstellung der Volksdichte der deutschen Volksgruppen im mittleren Donauraum. Die finanziellen Mittel stellte nicht nur die RAG zur Verfügung. Teilweise kamen die Gelder auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, wie zum Beispiel beim Projekt über das Gefüge des deutschen Siedlungsgebietes in Siebenbürgen (UAW, NL Hassinger, Kt. 16b). Eine lückenlose Rekonstruierung der bewilligten Summen war bis jetzt nicht möglich. Es haben sich im Wiener Universitätsarchiv (Nachlass Hassinger, Karton 16) vor allem Abrechnungen des Jahres 1944 erhalten. Aber auch für die Rechnungsjahre 1942/43 und 1943/44 sind Aufstellungen zu den Ausgaben vorhanden. Diese Abrechnungen geben allerdings nur die Gelder der RAG wieder. Ob für die einzelnen Projekte auch noch von anderen Stellen Gelder lukriert werden konnten, muss noch einer eingehenden Untersuchung unterzogen werden. 31Die Wiener HocHscHularbeitsgemeinscHaften für raumforscHung 3 These 1: Auf Gegenseitigkeit aufgebaute Verbindung zwischen Raumforschung und Politik Wie der Wissenschaftshistoriker Mitchell G. Ash festgestellt hat, handelt es sich bei der Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik meist um ineinandergreifende „Handlungsfelder“ (Ash 2002: 34). Er schloss eine alleinige „Indienstnahme“ (Ash 2010: 17) der Wissenschaften durch die Politik aus, denn die Initiativen für die Förderung politisch relevanter Projekte kommen nicht immer von den Politikern. Diese Feststellung ist auch für die Wiener Raumforschung gültig. Die Grundlinien für die wissenschaftlichen Forschungen wurden zwar von der Reichsstelle für Raumordnung (RfR) benannt, an der die RAG angekoppelt war (Venhoff 2000: 17), doch hatten die einzelnen Arbeitsgemeinschaften bei der eigentlichen Themenfindung und der Ausarbeitung der Projekte jede Gestaltungsfreiheit. Daher kann auch eine Art „Selbstmobilisierung“ (vgl. Hachtmann 2007) attestiert werden, bei der die Projektleiter und -bearbeiter ihr jeweiliges Thema nach eigenen Vorstellungen erforschen, frei ihre Quellen wählen und ihre Kooperationspartner aussuchen konnten. Ein Abhängigkeitsverhältnis gab es zumindest bei der Wiener Raumforschung vor allem zwischen Projektleiter – in den meisten Fällen war dies Hassinger – und den jeweiligen Projektbearbeitern. Denn die Forschungen der letzten Jahre zeigten deutlich, dass er in Wien die Oberaufsicht über alle raumorientierten Projekte innehatte, die Arbeitsgemeinschaft nach außen repräsentierte und die Verbindungsperson zur RAG war (Svatek 2016: 113-115). Hassinger initiierte in Verbindung mit anderen Wiener Wissenschaftlern viele Projekte von sich aus, wie zum Beispiel das Projekt über „Die volkswirtschaftlichen Grundlagen des unabhängigen Staates Kroatien“ (Svatek 2018b: 118-119). Diversen Briefen ist zu entnehmen, dass Hassinger den von der RAG finanzierten Kroatienatlas der in Neudorf am Gröditzberg stationierten Forschungsstaffel „zur besonderen Verwendung“ (zitiert als „Forschungsstaffel z. b. V.“) übermitteln wollte. Aber auch einige deutsche Übersetzungen von Büchern über Südosteuropa (Landeskunde über Transdanubien von Károly Kogutowicz usw.) und im Südosteuropa erbeutetes Kartenmaterial stellte er der Forschungsstaffel ohne Auftragserteilung zur Verfügung (UAW, NL Hassinger, Kt. 18a). Als Dank berief man Hassinger schließlich Ende 1944 als wissenschaftlichen Experten in die Arbeitsgemeinschaft für wehrwissenschaftliche Geländeforschung und Wehrgeologie (UAW, NL Hassinger, Kt. 18b; Svatek 2019: 154-155). Wie die Autorin bereits feststellte, ist dies „ein Beleg dafür, dass Hassinger durch sein Verhalten gegenüber den NS-Behörden und dem Militär – hier der Forschungsstaffel – Vorteile für seine weitere Karriere erwirken konnte“ (Svatek 2016: 110). Es bestand ohne Zweifel eine auf Gegenseitigkeit aufgebaute Verbindung, die Vorteile für beide Parteien erkennen lassen. Auch bei den ethnographischen Forschungen scheinen die Initiativen vor allem vom Geographischen Institut der Universität Wien gekommen zu sein. Denn nach den Worten Hassingers sollte „auf jedem Fall rechtzeitig die wissenschaftliche Rüstung vorbereitet sein, wenn eine dieser Umsiedlungsfragen politisch angeschnitten werden sollte“ (UAW, NL Hassinger, Kt. 16c; Svatek 2019: 154). Diese Äußerung lässt erkennen, 32 29 _ RaumfoRschung zwischen nationalsozialismus und demokRatie dass die Anpassung an die politischen Zielsetzungen von Anfang an geplant war und Hassinger von sich aus ohne explizite Auftragserteilung seitens Behörden oder Politikern gehandelt hatte. 4 These 2: Wirtschaftliche Ausrichtung der Projekte: Südosteuropa als „Ergänzungsraum“ Ein Ziel der Nationalsozialisten bestand in der Schaffung eines „Neueuropa“, welches „politisch, militärisch, ökonomisch und kulturell von einem großgermanischen Volk beherrscht werden sollte, das unter der Führung der Deutschen alle rassisch verwandten oder für assimilierbar gehaltenen Völker einschloß“ (Hausmann 2007: 137). Dazu wurde auch ein europäischer Großwirtschaftsraum unter ihrer Führung geplant. Südosteuropa spielte in diesen Überlegungen eine zentrale Rolle. Denn diese Region sollte hinsichtlich Agrarprodukten und Rohstoffen nutzbar gemacht werden, um die Versorgung des Deutschen Reiches mit Nahrungsmitteln und Bergbauprodukten zu gewährleisten. Zeitgleich sah der Plan vor, die Industrieproduktion in Südosteuropa so gering wie möglich zu halten, um neue Absatzmärkte für deutsche Produkte zu schaffen (Thörner 2008: 577-579; vgl. Freytag 2012; Sachse 2010). Auch einige der in Wien bearbeiteten Projekte wiesen eine wirtschaftliche Ausrichtung auf, weshalb vor allem der Bergbau, die Landwirtschaft und die Wasserstraßenverbindungen näher erforscht werden sollten. Mit dem Projekt „Bestandsaufnahme der deutschen Volksgruppen im mittleren Donauraum“ wollte man gemäß der wirtschaftlichen Ausrichtung der nationalsozialistischen Politik „wichtige Erkenntnisse über die Möglichkeit der Rohstoffund Nahrungsmittelversorgung für das Reich aus den Ergänzungsgebieten der deutschen Volksgruppen bzw. ihrer Heimatstaaten“ (UAW, NL Hassinger, Kt. 16d) liefern. Hassinger sah die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Erforschung aber auch von beiden Seiten, da die südosteuropäische Industrie noch nicht jene Entwicklung erreicht hätte, wie dies im Deutschen Reich der Fall war. Daher betrachtete er „das nordwestliche Mitteleuropa und Westeuropa mit ihren hochentwickelten spezialisierten Industrien [ebenfalls] als Ergänzungsgebiet für die Südostländer“ (Hassinger 1941: 609; Svatek 2010: 303; Svatek 2019: 139-140). Auch das Projekt über „Die volkswirtschaftlichen Grundlagen des unabhängigen Staates Kroatien“ wies zum Beispiel diese wirtschaftliche Komponente auf. Es sollte einen „allgemeinen Überblick über die Wirtschaftslage Kroatiens und seiner sozialen Verhältnisse“ und die „Möglichkeit einer Einschätzung seiner Bedeutung für den Aufbau einer mittelund südosteuropäischen Wirtschaft“ (UAW, NL Hassinger, Kt. 16e) liefern. Dabei betonte Hassinger auch, den „Anteil der deutschen Volksgruppen an der Wirtschaft besonders“ (UAW, NL Hassinger, Kt. 16e) herausarbeiten zu wollen. Während vom Text nur Fragmente überliefert sind, haben sich im Wiener Universitätsarchiv vor allem Karten und Diagramme erhalten, welche die physiound kulturgeographischen Gegebenheiten Kroatiens visualisieren. Die Wirtschaftskarten geben Ernteerträge, die Lage von Bergbaugebieten einschließlich ihres abzubauenden Rohstoffes sowie die Verteilung der Viehbauern und Industriebetriebe wieder.