Fortschritte und Herausforderungen der informationellen Infrastruktur in Deutschland
Abstract
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Full text
Rolf, Gabriele; Zwick, Markus; Wagner, Gert G. Article Fortschritte und Herausforderungen der informationellen Infrastruktur in Deutschland Schmollers Jahrbuch – Journal of Applied Social Science Studies. Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Rolf, Gabriele; Zwick, Markus; Wagner, Gert G. (2008) : Fortschritte und Herausforderungen der informationellen Infrastruktur in Deutschland, Schmollers Jahrbuch – Journal of Applied Social Science Studies. Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 128, Iss. 4, pp. 631-646, https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292245 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Dokumentation Fortschritte und Herausforderungen der informationellen Infrastruktur in Deutschland* Von Gabriele Rolf, Markus Zwick und Gert G. Wagner 1. Die letzten zehn Jahre in der Entwicklung der informationellen Infrastruktur in Deutschland Richard Hauser, Gert G. Wagner und Klaus F. Zimmermann, Professoren für Volkswirtschaftslehre an den Universitäten in Frankfurt am Main, München (LMU) bzw. Bonn und Frankfurt (Oder) publizierten im Jahr 1998 im Allgemeinen Statistischen Archiv ein Memorandum zu „Erfolgsbedingungen empirischer Wirtschaftsforschung und empirisch gestützter wirtschaftsund sozialpolitischer Beratung“. 1 Dieses Memorandum thematisierte ausdrücklich nicht nur den Zugang zu amtlichen Mikrodaten, sondern es argumentierte vom Zweck vieler statistischer Erhebungen und Analysen her: der wissenschaftlichen Beratung der Politik. So beschäftigte sich das Memorandum mit der Festlegung von Erhebungsprogrammen, der Beherrschung von Datenschutzproblemen, dem Ausbau der Infrastruktur, der Finanzierung und Organisation und schließlich auch dem Ausbau der empirischen Wirtschaftsforschung in den Universitäten. Und diese Argumente wurden – zur Überraschung der Initiatoren – von der Politik aufgegriffen. 2 Schmollers Jahrbuch 128 (2008), 631–646 Duncker & Humblot, Berlin Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 * Gekürzte Dokumentation des Papiers, das in der Festschrift für Johann Hahlen zum 65. und Hans-Jürgen Krupp zum 75. Geburtstag erschienen ist und dort auch um persönliche Erinnerungen an viele Akteure und insbesondere eine Würdigung der persönlichen Leistungenvon Johann Hahlen und Hans-Jürgen Krupp ergänzt ist. Vgl. Rolf, G./ Zwick, M. / Wagner, G. G.: Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland: Ein Überblick über die Jahre 1998 bis 2008, in: Rolf, G./Zwick, M. / Wagner, G. G. (Hg.), Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland – Festschrift für Johann Hahlen zum 65. Geburtstag und Hans-Jürgen Krupp zum 75. Geburtstag, Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2008, 15 – 35. 1Vgl. Hauser et al. (1998). Nachgedruckt auch im Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte (1998/ 2, 221 – 228), in den ZUMA-Nachrichten (22. Jg., Nr. 43, 1998, 134 – 144) und in Rolf et al. (2008, 36 – 46). Für die Diskussion des Memorandums stellte das Allgemeine Statistische Archiv seine Seiten zur Verfügung. Vgl. von der Lippe (1998), Hahlen (1998), Oltmanns (1998), Frohn (1998), Metschke/ Wellbrock (1999), Zwintz (1999) sowie die Replik von Hauser et al. (1999) und den Kommentar von Schaber (1999). OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
632 Gabriele Rolf, Markus Zwick und Gert G. Wagner Entscheidend für den Erfolg des Memorandums 3 war ohne Zweifel, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bereit war, ein Symposium zu dessen Thematik im Frühsommer 1999 zu finanzieren, und dieses aktiv vorantrieb. Und der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen, war bereit, sein Haus und sich aktiv daran zu beteiligen (vgl. zur Dokumentation Statistisches Bundesamt, 1999). Bei der abschließenden Paneldiskussion haben dann alle Stakeholder (wie man heute sagen würde) sich gegenseitig und glaubhaft versichert, die Zusammenarbeit zwischen amtlicher Statistik und Wissenschaft weiter verbessern zu wollen (vgl. Paneldiskussion, 1999). Eine operative Folgerung des Symposiums war die Idee, eine entsprechende Kommission einrichten zu lassen. Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 2Inwieweit dabei die generelle Neigung der Regierung Schröder eine Rolle spielte, zu etlichen Fragen externen Rat zu holen und Ad-hoc-Kommissionen einzurichten, muss die Zeitgeschichte klären. Vgl. z. B. Siefken (2007) für eine Analyse der Expertenkommissionen der Bundesregierungen 1998 bis 2005, in der unter anderem – freilich nur marginal – auch auf die Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (KVI) (vgl. Abschnitt 2 dieses Beitrags) eingegangen wird. 3Im Jahr 2008 liegt es nahe, das vor zehn Jahren veröffentlichte Memorandum zu „Erfolgsbedingungen empirischer Wirtschaftsforschung und empirisch gestützter wirtschaftsund sozialpolitischer Beratung“ als „Startschuss“ für die hier beschriebene Entwicklung zu sehen (vgl. Hauser et al., 1998). Doch diese eingängige Sichtweise wird der historischen Entwicklung nicht gerecht. Hauser et al. standen auf den „Schultern von Riesen“. Nach Vorarbeiten im SPES-Projekt durch Hans-Jürgen Krupp, Wolfgang Zapf und einige mehr (vgl. auch Krupp, 1975) veröffentlichten z. B. Grohmann et al. (1980) Überlegungen und Forderungen zum Zugang zu anonymisierten Mikrodaten der amtlichen Statistik. Im Jahr 1987 wurde mit dem „Forschungs-Privileg“ im Bundesstatistikgesetz, das grundsätzlich den Zugang zu Mikrodaten regelt, ein großer Durchbruch erzielt (§ 16 Abs. 6 BStatG). Gleichzeitig gewannen Mikrozensus und Volkszählung für die Wissenschaft an Bedeutung (vgl. Grohmann, 2008 sowie Müller / Wirth, 2008). Doch der Zugang war umständlich und vor allem auch sehr teuer. Bedeutsam war ein Forschungsprojekt, das im Umfeld des Sonderforschungsbereichs 3 „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“ (Sfb 3) in Frankfurt am Main und Mannheim entstand, das zeigte, dass die faktische Anonymität von statistischen Mikrodaten weit besser gewährleistet ist, als das zuvor – aufgrund rein theoretischer Überlegungen – vermutet wurde (vgl. Müller et al., 1991). Ebenso wichtig war, dass – beginnend mit den Mikrozensen der Jahre 1995 und 1996 – das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) die Anonymisierung von amtlichen Mikrodaten förderte und damit für die Wissenschaft finanzierbar machte (allerdings nur Einkommensund Verbrauchsstichprobe und Mikrozensus und später erste Daten des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung) (vgl. dazu Köhler, 1999, 146). Im Jahr 1996 unternahmen schließlich die Soziologen Walter Müller und Wolfgang Zapf einen weiteren Versuch, den Zugang zu amtlichen Mikrodaten zu verbessern (Zapf et al., 1996). Eine Autorengruppe setzte sich für einen weitergehend vereinfachten Datenzugang beim Statistischen Bundesamt ein. Die Zeit war – wie erst im Nachhinein deutlich wurde – noch nicht reif genug. OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland 633 2. Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (KVI) Wenige Monate nach dem Wiesbadener Symposium setzte im Oktober 1999 die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, eine Kommission mit dem Auftrag ein, Vorschläge zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zu machen. 4 Die Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (KVI) begann ihre Arbeit im Oktober 1999 und übergab im März 2001 ihr Gutachten (KVI, 2001). Mit ihrer raschen Arbeit sollte die Kommission es ermöglichen, dass Teile ihrer Empfehlungen noch in der laufenden Legislaturperiode bis Herbst 2002 umgesetzt wurden (vgl. für das Folgende auch Krupp, 2001). Das etwa 300 Seiten umfassende Gutachten enthielt zunächst auf knapp 100 Seiten eine sehr umfangreiche Bestandsaufnahme. 5 Für fünfzehn Informationsfelder, die im Wesentlichen den Wirtschaftsund Sozialwissenschaften zuzuordnen sind, wurde die Datensituation dargestellt, wobei insbesondere Defizite und die Situation bei Längsschnittdaten heraus gearbeitet wurden. Zur Bestandsaufnahme gehörte aber auch eine umfangreiche Darstellung aller Produzenten und Anbieter statistischer Informationen, die sich nicht auf die amtliche Statistik beschränkte, sondern ein umfassendes Bild der akademischen Informationsanbieter in Deutschland gab. Die Bestandsaufnahme machte deutlich, dass man nicht generell über einen Mangel an deskriptiven Querschnitts-Informationen klagen musste. Gravierend waren Transparenzund Zugangsprobleme. Allerdings wurde auch deutlich, dass es auch empfindliche Lücken gab. In der Mehrzahl der Fälle hat sich die Kommission darauf beschränkt, diese Lücken zu benennen. Allerdings hat sie in einigen dringlichen Fällen die Schließung derartiger Lücken in ihre Empfehlungen aufgenommen. Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 4Dabei ging es ihr insbesondere um das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Statistik. In dieser Kommission sollten Produzenten und Nutzer von Daten vertreten sein. Deswegen wurden Johann Hahlen, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, und Hans-Jürgen Krupp, ein erfahrener Datennutzer – als Wissenschaftler wie als Praktiker – und zeitweise auch ein Datenproduzent zu Ko-Vorsitzenden der Kommission berufen. Weitere Mitglieder der KVI waren Gerhard Arminger (Bergische Universität – GHS Wuppertal), Richard Hauser (Universität Frankfurt am Main), Eckart Hohmann (Hessisches Statistisches Landesamt), Karl Ulrich Mayer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), Walter Müller (Universität Mannheim), Axel Reimann (Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR)), Willem F. M. de Vries (United Nations Statistics Division (UNSD)) und Gert G. Wagner (Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)). 5Die Kommission hatte für diesen Teil des Gutachtens eine große Zahl von Expertisen in Auftrag gegeben. OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
634 Gabriele Rolf, Markus Zwick und Gert G. Wagner Insgesamt hat die Kommission 35 konkrete Empfehlungen und eine pauschale Finanzierungsempfehlung vorgelegt, wie die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Statistik aufbauend auf der bewährten Arbeitsteilung verbessert werden kann. 6 Man kann sich natürlich darüber streiten, wie viele davon bislang umgesetzt wurden. Es sind auf jeden Fall ungewöhnlich viele. Beispielhaft seien genannt: die Errichtung von Forschungsdatenund Datenservicezentren, die Schaffung von echten „Public Use Files“ (CAMPUS-Files), mit denen amtliche Mikrodaten für die Ausbildung zur Verfügung stehen, die weitgehende Erschließung der Wirtschaftsstatistiken, ein größeres Gewicht der Wissenschaft im Statistischen Beirat, die Berufung des Rates für Sozialund Wirtschaftsdaten (RatSWD). Als ein zentrales Element der „Governance“ der informationellen Infrastruktur hatte es die KVI für notwendig gehalten, dass Fachleute auf der Seite der Datennutzer wie der Datenproduzenten den Prozess des Aufbaus und die permanente Pflege einer modernen Infrastruktur begleiten. Die Aufgabe sollte – so die KVI – von einem Rat für Sozialund Wirtschaftsdaten wahrgenommen werden. Ein derartiger Rat sollte nicht an die Stelle von oder in Konkurrenz zu bestehenden Beratungsgremien im Bereich der statistischen Infrastruktur treten bzw. stehen. Diese sind ja in der Regel auch auf bestimmte Datenproduzenten oder Nutzergruppen zugeschnitten. Stattdessen sollte er der Koordination innerhalb der Gruppe der Datenproduzenten, innerhalb der Gruppe der Datennutzer und zwischen beiden Gruppen dienen. An die Umsetzung dieser zentralen Empfehlung ging das BMBF, indem es einen „Gründungsauschuss“ berief. 3. Gründungsausschuss des Rates für Sozialund Wirtschaftsdaten Im Herbst 2001 fand die konstituierende Sitzung des „Gründungsausschusses des Rates für Sozialund Wirtschaftsdaten“ statt. 7 Eine der wichtigsten Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 6Eine Zusammenfassung der Analysen und der Empfehlungen in englischer Sprache sind auch in Schmollers Jahrbuch abgedruckt und damit auf Dauer leicht zugänglich (Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 3, 443– 468). 7Mitglieder des Gründungsausschusses waren ursprünglich: Johann Hahlen (Statistisches Bundesamt), Richard Hauser (Universität Frankfurt am Main), Eckart Hohmann (Hessisches Statistisches Landesamt), Wolfgang Jagodzinski (Universität zu Köln und Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen (GESIS) und Zentralarchiv (ZA)), Gerhard Kleinhenz (Universität Passau, bis Herbst 2002 Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit), Hans-Jürgen Krupp (Universität Frankfurt am Main), Karl Ulrich Mayer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), Walter Müller (Universität Mannheim) und Gert G. Wagner (Technische OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland 635 Aufgaben des Gründungsausschusses war die Beratung des BMBF bei der Prioritätensetzung für Methodenprojekte. Hier sind insbesondere zu nennen die Entfristung des kostengünstigen Zugangs zu den Mikrozensen 1995 und 1996, der Einkommensund Verbrauchsstichprobe 1993, der deutschen Stichprobe des Europäischen Haushaltspanels 1994 bis 1996 und der Zeitbudgeterhebung 1991 / 92 sowie die Ausweitung der kostengünstigen Bereitstellung auf die Mikrozensen 1998 bis 2004, die Einkommensund Verbrauchsstichproben 1998 und 2003 und die Zeitbudgeterhebung 2001 / 02. Weitere empfohlene Projekte waren schließlich unter anderem die Aufbereitung und Bereitstellung des Mikrozensus als Panelstichprobe (in faktischer Zusammenarbeit mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)), die faktische Anonymisierung wirtschaftsstatistischer Einzeldaten und das Mikrodateninformationssystem MISSY. Weitere zentrale Aufgaben des Gründungsausschusses waren die Prüfung und die Empfehlung der Einrichtung von – schließlich – vier Forschungsdatenzentren und zwei Datenservicezentren. Dies sind das Forschungsdatenzentrum des Statistischen Bundesamtes, das Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter der Länder, das Forschungsdatenzentrum der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), das Forschungsdatenzentrum der Rentenversicherung, das German Microdata Lab (GML) – Servicezentrum für amtliche Mikrodaten der GESIS und das Internationale Datenservicezentrum für arbeitmarktrelevante Daten (IdZA) am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Die Entwicklung der Forschungsdatenzentren und Datenservicezentren wird von Bender et al. (2008), Bauer (2008) sowie Schneider/ Wolf (2008) dokumentiert. Zu den Hauptaufgaben des Gründungsausschusses gehörte die Implementierung des RatSWD. 8 Zu diesem Zweck wurde insbesondere die 1. Konferenz Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 Universität Berlin und Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)). Auf Vorschlag des Gründungsausschusses wurden im Frühjahr 2002 und im Herbst 2003 noch jeweils zwei weitere Mitglieder berufen: Uwe Rehfeld (Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR)), Joachim Wagner (Universität Lüneburg), Bernd Fitzenberger (Universität Mannheim, ab Frühjahr 2004 Universität Frankfurt am Main) und Hans Rattinger (Universität Bamberg). Ziel dieser Neuberufungen war es, im Gründungsausschuss auch die Bereiche Rentenversicherungsdaten, Unternehmensdaten, Arbeitsmarktforschung und empirische Politikwissenschaft abzudecken. Da es um die operative Gestaltung der Umsetzung von Einzelempfehlungen der KVI ging, wurde mit Karl Ulrich Mayer ein aktiver Wissenschaftler und erfahrener Wissenschaftsmanager, der zuvor unter anderem Mitglied im Wissenschaftsrat war, als Vorsitzender gewählt. Da Mayer bald darauf einen höchst ehrenvollen Ruf an die Yale University in den USA annahm, gab er im Januar 2003 den Vorsitz ab und Gert G. Wagner wurde zum Vorsitzenden des Gründungsausschusses gewählt. Auch er war nicht nur aktiver Wissenschaftler, sondern ebenfalls ein erfahrener Wissenschaftsmanager, der seit Februar 2002 auch Mitglied im Wissenschaftsrat war. 8Inzwischen hatte auch der Wissenschaftsrat empfohlen, einen Rat für Sozialund Wirtschaftsdaten einzurichten (vgl. Wissenschaftsrat, 2002). OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
636 Gabriele Rolf, Markus Zwick und Gert G. Wagner für Sozialund Wirtschaftsdaten (KSWD) organisiert, in deren Rahmen die Wahl der Berufungsvorschläge für die Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft im RatSWD erfolgte. 9 4. Rat für Sozialund Wirtschaftsdaten (RatSWD) Mit Wirkung vom 1. November 2004 wurde der Rat für Sozialund Wirtschaftsdaten (RatSWD) von Bundesministerin Edelgard Bulmahn berufen. Ihm gehören sechs von der Wissenschaft gewählte Vertreterinnen und Vertreter an sowie sechs Datenund Serviceproduzenten. 10 Zu den Aufgaben des RatSWD gehören unter anderem die Beratung von Bund und Ländern bei der Weiterentwicklung der Dateninfrastruktur, die Verbesserung des Datenzugangs durch Empfehlungen zur Einrichtung und Evaluation von Forschungsdatenund Datenservicezentren, die Initiierung und Unterstützung von Projekten zur Verbesserung der Dateninfrastruktur, die Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 9Um dem „Bundesgremienbesetzungsgesetz“ nicht nur formal, sondern auch materiell möglichst gut Genüge zu tun, wurde eine elegante Form der Wahl der Nominierungsvorschläge entwickelt: Es gibt jeweils eine Frauenund Männerliste, von denen drei Personen gewählt werden; aber jede(r) Wahlberechtigte ist für beide Listen stimmberechtigt. 10 Gewählte Mitglieder in der ersten Berufungsperiode des RatSWD waren Steffen Kühnel (Universität Göttingen), Heiner Meulemann (Universität zu Köln), Regina T. Riphahn (Universität Erlangen-Nürnberg), Heike Solga (Universität Göttingen), Joachim Wagner (Universität Lüneburg) und Bettina Westle (Universität Marburg); als Vertreter von Datenproduzenten und Servicezentren wurden berufen Jutta Allmendinger (Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit), Johann Hahlen (Statistisches Bundesamt und Bundeswahlleiter), Eckart Hohmann (Hessisches Statistisches Landesamt), Peter Ph. Mohler (Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen (GESIS) und Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA)), Uwe G. Rehfeld (Deutsche Rentenversicherung Bund) und Gert G. Wagner (Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)). Im November 2006 wurde der RatSWD turnusgemäß neu berufen. Für Steffen Kühnel, Regina T. Riphahn und Joachim Wagner kamen in den Rat: Eckhard Klieme (Universität Frankfurt am Main und Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)), Ulrich Rendtel (Freie Universität Berlin) und Petra Stanat (Freie Universität Berlin und Zentralinstitut für Lehr-Lernforschung (ZILL) der Universität ErlangenNürnberg). Statt Johann Hahlen und Peter Ph. Mohler sitzen auf der Bank der Datenund Serviceproduzenten: Walter Radermacher (Statistisches Bundesamt und Bundeswahlleiter) und Hilmar Schneider (Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA)). Im Oktober 2007 wurde Joachim Möller (Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB)) als neues Mitglied des RatSWD benannt, nachdem Jutta Allmendinger als Mitglied des RatSWD ausgeschieden war und in einer Interimsperiode durch Ulrich Walwei vertreten wurde. Als Vorsitzende wurden Gert G. Wagner (Vertreter der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel) und Heike Solga (gewählte Vertreterin auf Vorschlag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie) gewählt. Seit Ende 2007 haben Heike Solga als Vorsitzende und Eckart Hohmann als Stellvertreter den Vorsitz inne. OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland 637 Förderung der empirischen Methodenkenntnisse von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern und die Verstärkung des Informationsaustauschs zwischen Wissenschaft und amtlicher Statistik. 11 Zu den zentralen Tätigkeiten des Rates gehört die Sicherstellung der vom Gründungsausschuss empfohlenen Forschungsdatenund Datenservicezentren. Zur Sicherung der Qualität hat der RatSWD einen Kriterienkatalog für Forschungsdatenzentren entwickelt 12 und Evaluationen der Forschungsdatenund Datenservicezentren organisiert. Und es gilt die Finanzierung der Zentren sicherzustellen, denn diese sind sehr rasch zu einem wichtigen Bestandteil der informationellen Infrastruktur geworden. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der positiven Entwicklung der Nutzerzahlen. Hervorgehoben sei, dass durch die Einrichtung von Forschungsdatenzentren alle davon betroffenen Anbieter auch wissenschaftlich profitiert haben (IAB, Deutsche Rentenversicherung, amtliche Statistik). Insbesondere die Statistischen Landesämter haben mit viel Energie einen Riesenschritt bei den Analysemöglichkeiten ihrer eigenen Daten gemacht (vgl. hierzu Bauer, 2008). Im föderalen System der amtlichen Statistik mussten z. B. die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der einzelnen Länder von den Möglichkeiten und Vorteilen einer zentralisierten Datenhaltung erst überzeugt werden. Der Wissenschaftsrat hat die Idee der Forschungsdatenzentren zügig aufgegriffen (vgl. Wissenschaftsrat, 2002) und empfiehlt sie grundsätzlich für die Ressortforschung (vgl. Wissenschaftsrat, 2007a). In einer Reihe konkreter Empfehlungen werden sie genannt: Beispielhaft sei hier die Empfehlung zum Deutschen Wetterdienst aufgeführt (vgl. Wissenschaftsrat, 2006b). Und der Wissenschaftsrat lobt das Forschungsdatenzentrum der Bundesagentur für Arbeit im Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung ausdrücklich für seine Arbeit (vgl. Wissenschaftsrat, 2007b). Hervorhebenswert ist auch, dass der Wissenschaftsrat nicht mehr von „Großgeräten“ spricht (wie sie traditionell in den Naturwissenschaften eine Rolle spielen), sondern von „Forschungsinfrastruktur“ (wozu auch die Erhebung repräsentativer Datensätze zählt) (vgl. Wissenschaftsrat, 2006a, 40 ff.). Neben den Empfehlungen zu den Forschungsdatenund Datenservicezentren hat der RatSWD immer wieder auch Methodenprojekte dem BMBF zur Förderung vorgeschlagen. Zu nennen sind hier besonders das FAWE-Panel, das die Anonymisierung wirtschaftsstatistischer Paneldaten erfolgreich erprobt (Ronning et al., 2005), Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 11 Zur Aufgabenbeschreibung des RatSWD vgl. http: // www.ratswd.de / rat / aufgaben.php. Einen knappen Überblick über die Arbeit des RatSWD in seiner ersten Berufungsperiode geben Solga / Wagner (2007a und 2007b). Einen detailreichen Überblick findet man bei Rolf et al. (2008). 12 http: // www.ratswd.de/ download / publikationen_rat / RatSWD_FDZKriterien. PDF. OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
638 Gabriele Rolf, Markus Zwick und Gert G. Wagner das Projekt KombiFiD, mit dem auf völlig neuartige Weise aus verschiedenen Erhebungen kombinierte Firmendaten für Deutschland entwickelt werden (Bender et al., 2007), und schließlich die Scientific Use Files des HIS-Absolventenpanels (HIS, 2006). Seit seiner Berufung hat für den RatSWD im Laufe weniger Jahre die Nachwuchsförderung rasch eine immer größere Bedeutung gewonnen. Zum „Capacity Building“, wie im internationalen Raum derartige Aktivitäten verortet werden, zählen vor allem Nachwuchsworkshops und Expertisenwettbewerbe. 13, 14 Ein forschungsstrategischer Erfolg ist auch ein weiterer Sitz für die Wissenschaft im Statistischen Beirat. Er wird ausdrücklich durch den RatSWD besetzt. Die wachsende institutionelle Bedeutung des Rates wird auch durch die auf Wunsch des Bundesministers des Innern erfolgte Benennung der Mitglieder der „Zensuskommission“ durch den RatSWD deutlich. Dieser rein wissenschaftliche Beirat berät die Bundesregierung und die amtliche Statistik bei der Vorbereitung, der Durchführung und der Analyse des für 2011 geplanten Zensus (registergestützte Volkszählung). Wenig erfolgreich war bislang die Aktivierung der wissenschaftlichen Fachgesellschaften für die konkrete Planung und Evaluation der informationellen Infrastruktur. Darauf wird im nächsten Abschnitt ausführlicher eingegangen, in dem eine Bewertung der jüngeren Entwicklung vorgenommen und ein Blick in die Zukunft geworfen wird. Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 13 Zu nennen sind hier die Expertisenwettbewerbe „Bildung im Erwerbsleben“ und „Arts and Figures – GeisteswissenschaftlerInnen im Beruf“ sowie die Expertisenausschreibung „,Weißer Fleck‘ Regionale Preisindizes – Wie kann die Wissenslücke geschlossen werden?“. 14 Im Zusammenhang mit dem „Capacity Building“ sei auch auf die Übernahme der Herausgeberschaft der „Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS)“, die von der deutschen Volkswirtevereinigung „Verein für Socialpolitik“ aufgegeben wurde, durch Gert G. Wagner verwiesen, die es seit dem 120. Jahrgang (2000) ausdrücklich ermöglicht, empirisch orientierten wirtschaftsund sozialwissenschaftlichen Beiträgen ein Forum zu geben. Zu diesem Zweck erhielt die ZWS wieder ihren alten Titel als Haupttitel: „Schmollers Jahrbuch“. Krupp (2006) macht die Bezüge moderner empirischer Analysen, die auf Mikrodaten beruhen, zu Gustav von Schmoller deutlich. Joachim Wagner (Universität Lüneburg und Mitglied des Gründungsausschusses sowie des RatSWD in dessen erster und dritter Berufungsperiode) hat von Anfang an eine neue Sektion im Jahrbuch betreut: „European Data Watch“. Diese Reihe stellt Mikrodatenbasen vor und trägt so zur Verbreitung empirischer Analysen bei. In Schmollers Jahrbuch wird auch die vom RatSWD organisierte Von-Schmoller-Vorlesung abgedruckt (für die erste dieser Reihe vgl. Hujer (2006); die zweite Von-Schmoller-Vorlesung ist in diesem Heft abgedruckt). Seit 2008 erfolgt die Herausgabe von „Schmollers Jahrbuch“ mit institutioneller Unterstützung durch den RatSWD. OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland 645 Müller, W. / Wirth, H. (2008): Der Mikrozensus – Beobachtungen zur Entwicklung und seiner Nutzung in der Wissenschaft, in: Rolf, G./ Zwick, M. / Wagner, G. G. (Hg.), Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland – Festschrift für Johann Hahlen zum 65. Geburtstag und Hans-Jürgen Krupp zum 75. Geburtstag, BadenBaden, 103 – 132. Oltmanns, E. (1998): Erneuerung der statistischen Infrastruktur. Anmerkungen zum Memorandum, Allgemeines Statistisches Archiv 82, 391– 392. Paneldiskussion (1999): Perspektiven der Kooperation von Wissenschaft und amtlicher Statistik in Deutschland, in: Statistisches Bundesamt (Hg.), Kooperation zwischen Wissenschaft und amtlicher Statistik – Praxis und Perspektiven. Beiträge zum Symposium am 31. Mai / 1. Juni 1999 in Wiesbaden. Schriftenreihe Forum der Bundesstatistik Bd. 34, Stuttgart, 216 –235. Rolf, G. / Zwick, M. / Wagner, G. G. (Hg.) (2008): Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland – Festschrift für Johann Hahlen zum 65. Geburtstag und Hans-Jürgen Krupp zum 75. Geburtstag, Baden-Baden. Ronning, G. / Sturm, R. / Höhne, J. / Lenz, R. / Rosemann, M. / Scheffler, M. / Vorgrimler, D. (2005): Handbuch zur Anonymisierung wirtschaftsstatistischer Mikrodaten, Statistisches Bundesamt, Statistik und Wissenschaft Bd. 4, Wiesbaden. Schaber, G. (1999): Comment on „The Requirements for Empirical Economic Research and for Empirically Supported Economic and Social Policy Advice“, IZA Reprint Series A – 14 /1999. Schneider, H. / Wolf, C. (2008): Die Datenservicezentren als Teil der informationellen Infrastruktur, in: Rolf, G. / Zwick, M. / Wagner, G. G. (Hg.), Fortschritte der informationellen Infrastruktur in Deutschland – Festschrift für Johann Hahlen zum 65. Geburtstag und Hans-Jürgen Krupp zum 75. Geburtstag, Baden-Baden, 236– 249. Siefken, S. T. (2007): Regierten die Kommissionen? Eine Bilanz der rot-grünen Bundesregierungen 1998 bis 2005, Zeitschrift für Parlamentsfragen, 559 – 581. Solga, H. / Wagner, G. G. (2007a): Eine moderne Dateninfrastruktur für eine exzellente Forschung und Politikberatung, Working Paper No. 1 des Rates für Sozialund Wirtschaftsdaten, Berlin (http: // www.ratswd.de / download / workingpapers2007 / 01_07. pdf). Solga, H. / Wagner, G. G. (2007b): A Modern Statistical Infrastructure for Excellent Research and Policy Advice – Report on the German Council for Social and Economic Data during Its First Period in Office (2004 –2006), Schmollers Jahrbuch 127 (2), 315 – 320. Statistisches Bundesamt (Hg.) (1999): Kooperation zwischen Wissenschaft und amtlicher Statistik – Praxis und Perspektiven. Beiträge zum Symposium am 31. Mai / 1. Juni 1999 in Wiesbaden, Schriftenreihe Forum der Bundesstatistik Bd. 34, Stuttgart. Wagner, G. G. (1998): Amtliche Statistik oder Statistische Infrastruktur? – Überlegungen zu den empirischen Grundlagen der Wirtschaftspolitik, in: Weiler, H. N. (Hg.), Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Universitätsschriften – Antrittsvorlesungen VI, Frankfurt (Oder), 47–70. Schmollers Jahrbuch 128 (2008) 4 OPEN ACCESS | Licensed under | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.128.4.631 | Generated on 2023-01-16 13:35:35
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