scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Körper und Widerstand: Protestcamps in autoritären Regimen

Fruhstorfer, Anna,Benkrama, Ismael,Kittel, Rebecca

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Fruhstorfer, Anna; Benkrama, Ismael; Kittel, Rebecca Article Körper und Widerstand: Protestcamps in autoritären Regimen WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Fruhstorfer, Anna; Benkrama, Ismael; Kittel, Rebecca (2024) : Körper und Widerstand: Protestcamps in autoritären Regimen, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 186 (4/24), pp. 44-47, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2024/f-26650.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327950 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Körper und Widerstand Protestcamps in autoritären Regimen Gekommen, um zu bleiben: Protestcamps sind anders als Demonstrationen auf eine gewisse Dauer angelegt – das zeigt schon ihre äußere Form, nämlich die kontinuierliche, sichtbare Besetzung eines Ortes. Die Bilder der Protestcamps im Gezi-Park in Istanbul, auf dem Maidan in Kiew, im Mong-Kok-Viertel in Hongkong und auf dem Tahrir-Platz in Kairo sind in den Erinnerungen vieler Menschen bis heute präsent. Auf der großen Landkarte politischer Proteste sind diese Camps zu wichtigen physischen Infrastrukturen geworden, entscheidend für die Mobilisierung von Massen im Protest gegen autoritäre Regime. Wenig ist aber darüber bekannt, wie dort den grundlegenden körperlichen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Anna Fruhstorfer, Ismael Benkrama und Rebecca Kittel Überall auf der Welt protestieren Menschen unter schwierigen Bedingungen, oft bringen sie sich dabei körperlich in Gefahr. Als Symbol des Widerstands und als physische Organisationsbasis errichten Demonstrierende Protestcamps. Diese Camps geben Halt, sie stützen die physische Präsenz und das Durchhaltevermögen im Herzen des Aufstandes. Sie bringen Gleichgesinnte zusammen und bieten so einen Raum, in dem sich politisch Aktive treffen und eine stärkere und handlungsfähige Opposition bilden können. Im politischen Protest erscheinen Körper als Symbole, Schlachtfelder, umstrittene Konzepte, politische Werkzeuge oder als die Verkörperung des Protests selbst. Körper spielen also bei den meisten Arten von Protest eine wichtige Rolle – für das Verständnis der Dynamik von Protestcamps sind sie besonders wichtig. Hier zeigt sich der Wunsch der Protestierenden, über das Vorbringen von Forderungen hinaus zu gehen und eine Politik zu leben, die Raum beansprucht, affektive Bindungen aufbaut und autonome Einheiten bildet. Das ist ein ziemlich radikaler Ansatz: In Autokratien stellen Protestcamps eine gefährliche Herausforderung für das jeweilige Regime dar, sie bieten eine effektive Möglichkeit, Bürgerinnen und Bürger in Proteste über längere Zeit an einem Ort einzubinden. Die dauerhafte Präsenz von Körpern an einem Ort ist für die Existenz des Protestcamps von grundlegender Bedeutung und prägt seine konkrete und seine symbolische Dimension. Der Körper ist Produzent und Produkt des Camps zugleich. Als Produzent hält der Körper das Camp am Laufen, indem er die für seine (Re-)Produktion notwendige Arbeit leistet: Er baut die Infrastruktur auf, hält die Funktionalität aufrecht und repariert, was Verschleiß oder Zerstörung unterliegt. Oft dient der Körper auch als Schutzwall zwischen dem Camp und externen Bedrohungen wie der Polizei oder Gegenprotesten. Aber während Wissenschaft und Medien 44  | Mitteilungen Heft 186 Dezember 2024 öffentlich sichtbaren Aspekten von Protesten erhebliche Aufmerksamkeit gewidmet haben, ist bisher wenig über die physischen Abläufe hinter den Kulissen von Protestcamps bekannt. In der Literatur wird bisweilen festgehalten, dass die Logistik als „Backstage“-Bereich sowohl die Dauer der Proteste als auch ihre politische Stabilität trägt. Es gibt aber nach wie vor kaum konzeptionelle und empirische Analysen über den Aufbau und die Infrastruktur. Dabei bilden sie das Herzstück eines jeden Protestcamps: Toiletten, Suppenküchen, Handy-Ladestationen und medizinische Grundversorgung. Durch genau diese Einrichtungen wird der Körper jedoch auch zum Produkt des Camps: Er ist auf das Lager angewiesen, um seine physischen Bedürfnisse zu befriedigen. Die erwähnte zeitliche Dauer und räumliche Beständigkeit von Protestcamps schaffen eine neue Beziehung zwischen Protestierenden und Protestform. Die Menschen sind darauf angewiesen, dass ihre Grundbedürfnisse – Schlaf, Essen, Sicherheit, Hygiene – erfüllt werden. Es entsteht eine wechselseitige Dynamik: Protestcamps müssen eine Infrastruktur schaffen, die das Wohlergehen, ja das Überleben der Teilnehmenden sichert, damit diese wiederum das Camp aufrechterhalten können. Die spezifischen Anforderungen an diese Infrastruktur können je nach Ort, Dauer und politischem Kontext des Protestcamps variieren. Die häufigste Form der Infrastruktur ist das Zelt. Es gibt auch Suppenküchen, Sanitäranlagen und Stromversorgung – doch das Zelt ist Basis wie Symbol von Protestcamps. Zelte bieten einen Ort, an dem sich der Körper erholen und ausruhen kann. Größere gemeinschaftliche Zelte bieten Raum, in dem sich Menschen versammeln und gemeinsam essen können; Zelte versorgen den Körper über die Bereitstellung von Nahrung also mit Energie. Je nach Dauer, politischem Kontext und Ort benötigt der menschliche Körper allerdings noch weitere Infrastruktur. Kinder benötigen besonderen Schutz und Freizeiteinrichtungen, bei Studierendenprotesten müssen Lernumgebungen eingerichtet werden, und in Camps mit hohem Konfliktpotenzial müssen Verletzte in behelfsmäßigen medizinischen Einrichtungen versorgt werden. Die Beziehung zwischen dem Camp und dem Körper ist also keineswegs festgeschrieben, sondern wird durch die äußere Welt und ihre Einflüsse, wie Polizeigewalt, drückende Hitze oder eisige Temperaturen, definiert. Um die komplexe Struktur der körperlichen Präsenz im politischen Protest zu erfassen, stützen wir uns in unserem Forschungsprojekt vorwiegend auf die Analyse von Bildern. In unserer empirischen Forschung nutzen wir einen Methodenmix, der automatisierte DatensammAnna Fruhstorfer ist Leiterin des ERC-Projekts LOOPS (Logistics of Popular Uprisings in Competitive Authoritarian Regimes) an der Freien Universität Berlin und Gastwissenschaftlerin am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am WZB. an[email protected] Foto: © frischefotos/Heiko Marquardt, alle Rechte vorbehalten. Ismael Benkrama ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe LOOPS (Logistics of Popular Uprisings in Competitive Authoritarian Regimes) an der Freien Universität Berlin und Gastwissenschaftler am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am WZB. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Framingprozessen, Emotionssoziologie und der Politischen Psychologie von Protestmobilisierung. ismael.benkra[email protected] Foto: © WZB/Kathrin Kliss, alle Rechte vorbehalten. Titelthema 45 lung und Klassifizierung von Bildern auf Social Media mit umfangreichem Codieren sowie Einzelfallstudien verbindet. Dabei wollen wir Protestcamps nicht nur als Symbole, sondern als Träger und Produkt körperlicher Bedürfnisse und körperlicher Arbeit analysieren. Fotos vermitteln viele Facetten, sie fangen Momente der Solidarität, der Spannung, der Kreativität und des Widerstands ein und ermöglichen so ein nuanciertes Verständnis der Erfahrungen in den Protestcamps. Die Darstellung dieser komplexen Geschichten durch Bilder ermöglicht es, Menschen über die Grenzen der Sprache hinaus zu verstehen. Die zeitgenössische Kultur bietet uns eine Vielzahl von Bildern als Daten. Diese Bilder sind aussagekräftig, sie liefern zusätzliche Informationen, sind manchmal weniger gefiltert als Text und vermitteln mehr Emotionen in kürzerer Zeit. Bilder ermöglichen es uns oft, Ereignisse genauer auszuwerten, sie geben uns eine vergleichende Perspektive, was zum Beispiel Gewalt, die Größe der Menschenmenge, soziale Merkmale der Teilnehmenden oder spezielle Informationen über die Veranstaltung angeht. Die Politikwissenschaftlerin Silvia Michelle Torres Pacheco beschreibt es so: „Bilder von Protesten können sowohl die Wut der Teilnehmer als auch den Schmerz der Opfer zeigen, für die sie stehen. Sie können eine große und aktive Menschenmenge zeigen, die das breite Spektrum einer Bewegung illustriert, oder sie können sich auf bestimmte Personen konzentrieren. Bilder können viel über die Intensität der Aktionen der Demonstranten aussagen, aber auch Informationen darüber liefern, wie der Staat reagiert.“ Ein anschauliches Beispiel für die unterschiedlichen Camps, die wir untersuchten, ist das der Umbrella-Bewegung 2014 in Mong Kok, Hongkong (die Demonstrierenden wehrten sich mit Regenschirmen gegen Pfefferspray und Tränengas). Es zeichnete sich durch ein hohes Maß an Organisation und Autarkie aus. Unsere jüngste Studie untermauert diese Erkenntnisse mit knapp 3.000 Bildern aus den sozialen Medien von diesem Protestcamp, die wir analysierten. Wir konzentrierten uns zunächst auf die grundlegende Infrastruktur (Zelte, Suppenküchen, sanitäre Einrichtungen und Ladestationen). Zelte waren, wie oben vermutet, die häufigste Infrastruktur – sie sind auf über 90 Prozent der Bilder zu sehen. Sie symbolisieren die Widerstandsfähigkeit und die Entschlossenheit der Demonstrierenden, einen Raum über einen längeren Zeitraum zu besetzen. Ihre Häufigkeit deutet darauf hin, dass das Camp in erster Linie darauf ausgerichtet ist, eine physische Präsenz und einen sichtbaren Widerstand gegen die Autorität aufzubauen. Sie belegen allerdings auch das menschliche Grundbedürfnis, eine Unterkunft zu haben. Suppenküchen und Essensausgaben gehörten ebenfalls zu den am häufigsten fotografierten Einrichtungen, auch wenn es vor allem Wasserflaschen und abgepackte Snacks und keine vollständigen Mahlzeiten gab. Überraschenderweise kamen Toiletten und sanitäre Einrichtungen nur selten vor. Es ist zwar wenig überraschend, dass sanitäre Anlagen nur selten im Fokus von Protestfotos sind, aber selbst in den häufig vorhandenen Übersichtsfotos sind sanitäre Anlagen nicht zu sehen. Auch Ladestationen für Strom waren kaum vorhanden, was den Mangel an grundlegender Versorgung unterstreicht. Die Sicherheit, die angesichts eines repressiven Regimes von entscheidender Bedeutung ist, bleibt eindeutig ein grundlegendes menschliches Bedürfnis: Wir fanden eine Reihe von Bildern, auf denen Barrikaden zu sehen sind. Das städtische Umfeld und die öffentliche Unterstützung für dieses Lager bieten eine Erklärung für das unterschiedliche Vorkommen – oder Fehlen – verschiedener Infrastruktur. Restaurantbesitzerinnen boten kostenlose Mahlzeiten an, selbstgemachte Suppe und Kuchen wurden häufig von Anwohnern bereitgeRebecca Kittel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin im ERC-Projekt LOOPS (Logistics of Popular Uprisings in Competitive Authoritarian Regimes) und Gastwissenschaftlerin am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am WZB. [email protected] Foto: © Tobias Koch, alle Rechte vorbehalten. 46  | Mitteilungen Heft 186 Dezember 2024 stellt. Wir fanden auch Anhaltspunkte dafür, dass die Teilnehmenden auf nahegelegene Geschäfte oder Wohnhäuser auswichen, um Lebensmittel und Zugang zu sanitären Einrichtungen zu erhalten. Dies legt auch eine Analyse der Umgebungsbilder nahe. Umfragen sowie Gespräche mit Protestteilnehmenden bestätigen unsere Forschungsergebnisse. Zusätzlich zu den Grundeinrichtungen erfassten wir in unserem Forschungsprojekt weitere Punkte. Wir untersuchten Freizeitaktivitäten (zum Beispiel anhand von Yogamatten und Spielstationen), Orte für religiöse Versammlungen, Treffpunkte, Arbeitsplätze und Kinderbetreuungseinrichtungen. Am häufigsten wurden im Fall des Umbrella-Camps Treffpunkte und Arbeitsplätze gefunden – immerhin auf einem Drittel der Bilder. Während Freizeitaktivitäten in der Infrastruktur des Camps eine Rolle spielten, waren Kinderbetreuungseinrichtungen und religiöse Räume nur selten vertreten. Solche Vorkehrungen mögen weniger wichtig erscheinen als Einrichtungen zur Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse. Die Demonstrierenden verbringen jedoch einen großen Teil ihrer Zeit in den Camps; und meist protestieren sie nicht aktiv, sondern halten sich dort auf. Daher helfen ihnen all diese Einrichtungen dabei, normale Aktivitäten aufrechtzuerhalten, denen sie vor ihrer Zeit im Camp nachgegangen sind. Einige der Demonstrierenden haben weiterhin ein Leben außerhalb, sie gehen zur Universität oder zur Arbeit. In diesen Fällen ist es ebenfalls wichtig, dass das Camp Raum und Ausrüstung zur Verfügung stellt, damit sie ihre Pflichten außerhalb erfüllen können. Außerdem stellten wir fest, dass Kunstausstellungen und andere kreative Installationen ein wichtiger Bestandteil der Bilder waren. Die Demonstrierenden steckten viel Energie in Kunstprojekte, um das Publikum (in Hongkong, aber auch weltweit) über den Protest und über ihre Forderungen zu informieren. Protestcamps sind also mehr als nur physische Räume. Sie verkörpern den Geist des Widerstands gegen autoritäre Regime oder sind einzigartige Symbole einer Mobilisierung. Mit unserer Untersuchung verschiedener Protestcamps möchten wir nachzeichnen, wie sie zu wichtigen Zentren für die Organisation von Gemeinschaft und die Solidarität unter den Protestierenden werden. Die eigentlich gewöhnlichen Zelte stehen für das Durchhaltevermögen der Demonstrierenden, während der Mangel an Einrichtungen wie sanitäre Anlagen und Stromstationen zeigt, mit welchen Widrigkeiten sie konfrontiert sind. Die Camps sind entscheidend dafür, dass menschliche Grundbedürfnisse befriedigt werden, was Protestbewegungen maßgeblich stabilisieren kann. Protestcamps – sei es in Autokratien oder in Demokratien – dienen nicht nur den Einzelnen als Basis, sie stehen auch für eine kollektive Energie der Veränderung. Literatur Frenzel, Fabian/Feigenbaum, Anna/McCurdy, Patrick: „Protest Camps: An Emerging Field of Social Movement Research“. In: The Sociological Review, 2014, Jg. 62, H. 3, S. 457–474. DOI: 10.1111/1467-954X.12111. Rucht, Dieter: „Exploring the Backstage: Preparation and Implementation of Mass Protests in Germany“. In: American Behavioral Scientist, 2017, Jg. 61, H. 13, S. 1678–1702. DOI: 10.1177/0002764217744135. Steinert-Threlkeld, Zachary: „The Future of Event Data Is Images“. In: Sociological Methodology, 2018, Jg. 49, H. 1, S. 68–75. DOI: 10.1177/0081175019860238. Torres Pacheco, Silvia Michelle: „A Visual Political World: Determinants and Effects of Visual Content“. In: Arts & Sciences Electronic Theses and Dissertations, 2019, 1767. DOI: 10.7936/zsgt-tc65. Yuen, Samson/Cheng, Edmund W.: „Protest Onsite Survey in Hong Kong’s Umbrella Movement“. In: Harvard Dataverse, V1, 2021. DOI: 10.7910/DVN/8JH0YR. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Titelthema 47