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Branchenanalyse regionale Energieversorgungsunternehmen: Bedeutung und Beschäftigungswirkung vor dem Hintergrund der Energiewende

Schmid, Katrin,Stracke, Stefan

Abstract

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Full text

Schmid, Katrin; Stracke, Stefan Working Paper Branchenanalyse regionale Energieversorgungsunternehmen: Bedeutung und Beschäftigungswirkung vor dem Hintergrund der Energiewende Working Paper Forschungsförderung, No. 353 Provided in Cooperation with: The Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Schmid, Katrin; Stracke, Stefan (2024) : Branchenanalyse regionale Energieversorgungsunternehmen: Bedeutung und Beschäftigungswirkung vor dem Hintergrund der Energiewende, Working Paper Forschungsförderung, No. 353, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/311844 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Vor dem Hintergrund dieser veränderten Rahmenbedingungen beschreibt die Studie die aktuelle Situation der regionalen Energieversorger und ihrer Stromverteilnetzbetreiber, mit einem Fokus auf Entwicklungsperspektiven und die Herausforderungen für Arbeit und Beschäftigung. Katrin Schmid, M. A. Sozialökonomie, Beraterin/Forscherin bei wmp consult – Wilke Maack in Hamburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitsmarktund Beschäftigungspolitik, Industriepolitik und Branchenanalysen sowie Vorstandsvergütung. Stefan Stracke, Dr. rer. pol., Berater/Forscher bei wmp consult – Wilke Maack in Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Personalund Organisationsentwicklung, Mitbestimmung, Strategische Personalplanung, Arbeitszeitgestaltung, Digitalisierung, nationale und internationale Branchenund Unternehmensanalysen, Schulungen und Seminare. © 2024 by Hans-Böckler-Stiftung Georg-Glock-Straße 18, 40474 Düsseldorf www.boeckler.de „Branchenanalyse Regionale Energieversorgungsunternehmen“ von Katrin Schmid und Stefan Stracke ist lizenziert unter Creative Commons Attribution 4.0 (BY). Diese Lizenz erlaubt unter Voraussetzung der Namensnennung des Urhebers die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung des Materials in jedem Format oder Medium für beliebige Zwecke, auch kommerziell. (Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/legalcode) Die Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz gelten nur für Originalmaterial. Die Wiederverwendung von Material aus anderen Quellen (gekennzeichnet mit Quellenangabe) wie z. B. von Schaubildern, Abbildungen, Fotos und Textauszügen erfordert ggf. weitere Nutzungsgenehmigungen durch den jeweiligen Rechteinhaber. ISSN 2509-2359 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 3 Inhalt Kernergebnisse im Überblick .................................................................. 6 1. Einleitung ........................................................................................... 8 2. Regionale Energieversorger als Teil der Energiewirtschaft .............. 10 2.1 Fokus Stromverteilnetzbetreiber – Auftrag und Einordnung in die Versorgungslandschaft ........................................................... 11 2.2 Eigentümerstruktur..................................................................... 14 2.3 Verteilnetzbetreiber nach Höhe der Erlösobergrenzen ............... 17 2.4 Regulierungsrahmen und Finanzierungsgrundlagen .................. 18 3. Die Rolle der regionalen Energieversorgungsunternehmen bei der Energiewende ...................................................................... 22 3.1 „Die Energiewende findet im Verteilnetz statt“ – was bedeutet das? ........................................................................... 22 3.2 Netzausbaubedarf und Investitionen .......................................... 25 4. Arbeit und Beschäftigung ................................................................. 32 4.1 Beschäftigungsentwicklung in der Energieversorgung ............... 32 4.2 Beschäftigungsentwicklung bei den Verteilnetzbetreibern .......... 34 4.3 Einschätzungen der Betriebsräte zur Beschäftigungssituation ... 48 5. Zusammenfassung und Fazit ........................................................... 59 Literatur ................................................................................................ 66 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 4 Abbildungen Abbildung 1: Tätigkeitsbereich von regionalen Energieversorgern und Fokus der Studie ....................................................................... 11 Abbildung 2: Schematische Darstellung des Stromverteilungsnetzes ... 12 Abbildung 3: Ausgewählte Stromverteilnetzbetreiber in Deutschland ... 16 Abbildung 4: Schematische Darstellung des Stromverteilungsnetzes der Zukunft ...................................................................................... 22 Abbildung 5: Investitionen und Aufwendungen der Verteilnetzbetreiber für Netzinfrastruktur .......................................... 27 Abbildung 6: Beschäftigte in Unternehmen der Energieversorgung ...... 32 Abbildung 7: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Energieversorgung nach Teilbereichen...................................... 33 Abbildung 8: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Energieversorgung nach Teilbereichen...................................... 33 Abbildung 9: Anteil der Beschäftigten in der Elektrizitätsversorgung nach Teilbranchen ........................................................................... 34 Abbildung 10: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Elektrizitätsverteilung ....................................................................... 35 Abbildung 11: Strukturmerkmale der Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung ................................................................. 37 Abbildung 12: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung in Teilzeit und Vollzeit .......... 39 Abbildung 13: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Teilzeit in Betrieben der Elektrizitätsverteilung ............................................. 39 Abbildung 14: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Berufsabschluss.......... 40 Abbildung 15: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Anforderungsniveau .... 41 Abbildung 16: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Altersklassen .............. 44 Abbildung 17: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Altersklassen .................................. 45 Abbildung 18: Auszubildende in Betrieben der Elektrizitätsverteilung ... 46 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 5 Abbildung 19: Anteil der Auszubildenden in Betrieben der Elektrizitätsversorgung nach Segmenten ......................................... 46 Abbildung 20: Ausbildungsquote in Betrieben der Elektrizitätsversorgung nach Segmenten ......................................... 47 Abbildung 21: Beschäftigungsentwicklung der Verteilnetzbetreiber insgesamt und Prognose der befragten Unternehmen ..................... 49 Tabellen Tabelle 1: Anzahl der von der Bundesnetzagentur registrierten Netzbetreiber ................................................................................... 13 Tabelle 2: Verteilnetzbetreiber nach Erlösobergrenzen ........................ 17 Tabelle 3: Anzahl von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Bundesländern .......... 36 Tabelle 4: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit ausländischem Pass in Betrieben der Elektrizitätsversorgung ......... 38 Tabelle 5: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Berufssegmenten ............................ 43 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 6 Kernergebnisse im Überblick • Die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat einen Investitionsund Auftragsschub bei den regionalen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland ausgelöst. Deren Stromverteilnetzbetreiber investieren aktuell und in den kommenden Jahren Rekordsummen in den Netzausbau. • Die Verteilnetzbetriebe der regionalen Energieversorgungsunternehmen im Bereich Strom sind die beschäftigungsintensivste Branche innerhalb der Energieversorgung. • Nach Jahren des Stellenabbaus gehen die Beschäftigtenzahlen bei den Verteilnetzbetreibern seit 2018 wieder nach oben, mit einem Plus von 15.000 Stellen seit 2018. • Insgesamt arbeiten aktuell rund 113.000 Beschäftigte in der Branche, die für die Umsetzung der Energiewende eine entscheidende Rolle spielen. • Mit der Investitionsoffensive geht eine Einstellungsoffensive einher. Bis 2028 wollen allein die im Rahmen der Studie befragten Unternehmen rund 14.300 weitere neue Beschäftigte einstellen. Das entspricht dem Beschäftigungsaufbau in der gesamten Verteilnetzbrache im Zeitraum von 2018 bis 2023. Das heißt, der Peak im Beschäftigungsaufbau ist noch nicht erreicht. • Trotz des Beschäftigungsaufbaus hat sich die Beschäftigungsstruktur nicht verjüngt. Der Personalabbau der vergangenen zwei Jahrzehnte und Rentenabgänge müssen zunächst durch Neueinstellungen ausgeglichen werden. • Die Zahl der Auszubildenden bei den Verteilnetzbetreibern stagniert seit Corona und liegt 2023 noch unter dem Wert von 2013. Aufgrund des Fachkräftemangels wird es voraussichtlich zu steigende Ausbildungsaktivitäten kommen. • Es hat ein Umbau der Beschäftigtenstruktur stattgefunden, mit fast 13.000 Akademiker:innen mehr als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig wird bemängelt, dass Fachkräfte für die Praxis fehlen. • Stellenbesetzung, Onboarding, Mehrbelastungen, Ausbildung, Qualifizierung und perspektivische Weiterbeschäftigung sind die personalpolitischen Themen, mit denen sich die befragten Betriebsräte aktuell in den Betrieben besonders beschäftigen. • Die veränderten Rahmenbedingungen haben für mehr Augenhöhe zwischen den Betriebsparteien gesorgt. Initiativen zur Personalplanung und Attraktivitätssteigerung gehen in vielen Fällen von der Arbeitnehmerseite aus. Mitbestimmung wird angesichts der Vielzahl an Herausforderungen derzeit in vielen Betrieben als Stärke wahrgenommen. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 7 • Die Landschaft der Verteilnetzbetreiber ist heterogen, aktuell gibt es keine Hinweise auf eine verstärkte Konsolidierung der Branche. Der Ausbaubedarf durch die Energiewende scheint ein Nebeneinander der unterschiedlichen Netzbetreiber derzeit ohne größere Marktverschiebungen zuzulassen. • Die Gleichzeitigkeit der Veränderungen und engen Zeitpläne des Netzausbaus sind für viele regionale Energieversorgungsunternehmen ein Problem. Für die kleinen und mittleren regionalen Energieversorgungsunternehmen kommen neben der Geschwindigkeit noch die hohen Investitionskosten als Hürde hinzu. • Die Einstellungsoffensive hängt vor allem bei den kleineren und kommunalen Verteilnetzbetreibern an einer gesicherten Finanzierung. Unsicherheiten führen aktuell in einigen Betrieben dazu, dass trotz hoher Bedarfe kein Personal eingestellt wird. • Beim Thema Finanzierung und Investitionen wird es auf die Ausgestaltung der Regulierung und Finanzierungsmöglichkeiten durch die öffentliche Hand für die kleineren und kommunalen Verteilnetzbetreiber ankommen. Der Druck auf die kommunalen Verteilnetzbetreiber und Stadtwerke sich für private Kapitalgeber zu öffnen, hat zugenommen. Aufgrund des enorm gestiegenen Personalbedarfs wird es darauf ankommen, die Personal(zusatz)kosten von der Regulierung als „dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten“ einzustufen. • Die kommunalen Betreiber und Stadtwerke müssen parallel zum Netzausbau noch weitere Ausbauziele wie Wärmeund Verkehrswende stemmen. Die Vertreter:innen der kommunalen Verteilnetzbetreiber und Stadtwerke fordern angesichts dieser mehrfachen Transformationsherausforderung mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung von der Politik. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 8 1. Einleitung Die klimaund energiepolitischen Ziele der Bundesregierung sind in den vergangenen drei Jahren noch einmal geschärft worden. Für die Energiebranche bedeutet das zum einen, dass der Anteil der erneuerbaren Energien beim Bruttostromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern ist. Das entspricht einer Verdoppelung in den nächsten Jahren. Zum anderen wird der langfristige Bedarf und Verbrauch an Strom, trotz Einspareffekte, durch Sektorenkoppelung (Elektromobilität, Powerto-X etc.) insgesamt ansteigen. Dritter Aspekt ist die „Wärmewende“, mit der die Wärmeversorgung bis 2040 umgestellt und weitgehend dekarbonisiert werden soll. Im Jahr 2022 verabschiedete die Bundesregierung das sogenannte „Osterpaket“, dessen wesentlicher Bestandteil der beschleunigte Ausbau der Stromnetze ist. Für die regionalen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland ging damit „ein Wirbelsturm durch die Branche“ (Zitat Interview), der eine seit Langem ungekannte Investitionsund Einstellungsoffensive zur Folge hat – wenn auch für eine breite Öffentlichkeit eher leise und unbemerkt. In der öffentlichen Diskussion stehen oftmals die großen Energieversorger und die Übertragungsnetzbetreiber im Fokus, wenn es um die Frage von Energiewende und den Ausbau der Netze geht („Nord-Süd-Trasse“). Dabei übernehmen die regionalen Energieversorgungsunternehmen für die Energiewende eine ganz zentrale Rolle. Als Verteilnetzbetreiber haben sie die Aufgabe, die regionale und lokale Netzinfrastruktur umbzw. auszubauen für mehr erneuerbare Energien, mehr Speicheroptionen, mehr Elektromobilität und mehr Netzintelligenz. Gleichzeitig sind sie oft Lieferanten und Erzeuger von Strom und Wärme und spielen damit eine wichtige Rolle auf dem Weg hin zu einer dekarbonisierten Energieversorgung. Gleichzeitig ist der Betrieb von Stromverteilnetzen die personalintensivste Branche innerhalb der Energieversorgung. Heute arbeiten rund 113.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den Unternehmen der Stromverteilnetzbranche. Ziele und methodisches Vorgehen Ziel der Studie ist es, vor dem Hintergrund der Energiewende ein Bild von der aktuellen Situation der regionalen Energieversorgungsunternehmen und ihrer Stromverteilnetzbetreiber in Deutschland zu geben, mit einem Fokus auf der Entwicklung von Arbeit und Beschäftigung. Die Untersuchung speist sich zu einem großen Teil aus Aussagen und Einschätzungen von betrieblichen Arbeitnehmervertretungen und liefert dadurch wichtige Erkenntnisse für Branchenund Mitbestimmungsakteure. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 15 Seit den 2000er Jahren gibt es einen beobachtbaren Trend zur Rekommunalisierung in der Energieversorgung. Das Unbundling hat den Trend zur Rekommunalisierung zusätzlich befördert. Laut Wuppertal Institut wurden allein im Zeitraum von 2005 bis 2016 152 Stadtund Regionalwerke in Deutschland gegründet (Berlo/Schäfer/Wagner 2018). Viele Städte und Gemeinden haben das Auslaufen von Konzessionen für Stromund Gasnetze genutzt, um diese von privaten Betreibern zurückzukaufen. Vor diesem Hintergrund wurde die Genehmigung des „E.ON-RWEDeals“ vor allem von Kommunen und Stadtwerken stark kritisiert. Befürchtet wurde, dass damit eine Marktaufteilung der zwei größten Energieversorger in Deutschland vollzogen war und die Position von Stadtwerken und kleineren regionalen Energieversorgungsunternehmen dadurch geschwächt würde. Die Gründe von Kommunen eigene Stadtwerke zu gründen und Verteilnetze (wieder) selbst zu bewirtschaften sind vielfältig. Zum einen wird der Betrieb wieder als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden und die öffentliche Kontrolle und Einflussnahme soll dazu beitragen, die Ziele der Energiewende leichter umzusetzen. Zum anderen erkennen viele Kommunen wirtschaftliche Vorteile einer Rekommunalisierung. Gewinne aus der Energieversorgung fließen in die kommunalen Haushalte und werden für die Finanzierung von öffentlichen Aufgaben verwendet (vgl. dazu Beier et al. 2020). Prominente Beispiele für eine Rekommunalisierung sind die Städte Hamburg und Berlin. In Hamburg wurde 2013 nach einem erfolgreichen Volksentscheid das Stromnetz (und schließlich auch das Fernwärmenetz) von Vattenfall zurückgekauft. In Berlin gab es 2013 einen ähnlichen Volksentscheid mit dem Ziel der Rekommunalisierung, der schließlich 2021 ebenfalls zum Rückkauf des Stromnetzes und 2024 des Fernwärmenetzes von Vattenfall führte. Die folgende Karte gibt einen Überblick über 25 Verteilnetzbetreiber in Deutschland mit ihrem Netzgebiet, Angaben zur Eigentümerstruktur und Anzahl der Beschäftigten im Netzbereich. Davon gehören 20 zu den erlösstärksten Unternehmen 2024. Mit den Betriebsräten und Personalverantwortlichen von 11 dieser erlösstärksten Verteilnetzbetreiber wurden im Rahmen der Studie Interviews geführt. Zusätzlich zeigt die Karte fünf Verteilnetzbetreiber, mit deren Arbeitnehmervertreter:innen und Personalverantwortlichen Interviews geführt wurden, die allerdings nicht zu den 20 erlösstärksten Unternehmen gehören. Insgesamt repräsentieren die in Abbildung 3 dargestellten Verteilnetzbetreiber rund 43.000 Beschäftigte und damit mehr als ein Drittel aller Beschäftigten in der Branche (siehe Kapitel 4.2). SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 16 Abbildung 3: Ausgewählte Stromverteilnetzbetreiber in Deutschland Anmerkungen: *laut Unternehmensangaben, **laut Interviewpartner:innen Quelle: eigene Darstellung SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 17 2.3 Verteilnetzbetreiber nach Höhe der Erlösobergrenzen In Tabelle 2 sind die 20 Verteilnetzbetreiber mit den höchsten Erlösobergrenzen für das Jahr 2024 aufgeführt. Tabelle 2: Verteilnetzbetreiber nach Erlösobergrenzen Anmerkung: Netzbetreiberdaten nach § 23 Energiewirtschaftsgesetz, angepasste Erlösobergrenzen Quelle: Bundesnetzagentur 2024b Unternehmen Erlösobergrenze 2021 Erlösobergrenze 2024 1 Westnetz 2.631 Mio. € 4.717 Mio. € 2 Bayernwerk Netz 1.552 Mio. € 2.591 Mio. € 3 Netze BW 1.613 Mio. € 2.476 Mio. € 4 Avacon Netz 1.113 Mio. € 1.714 Mio. € 5 Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom 823 Mio. € 1.252 Mio. € 6 E.DIS Netz 681 Mio. € 1.004 Mio. € 7 Stromnetz Berlin 620 Mio. € 934 Mio. € 8 Schleswig-Holstein Netz 567 Mio. € 826 Mio. € 9 Stromnetz Hamburg 523 Mio. € 730 Mio. € 10 EWE Netz 532 Mio. € 711 Mio. € 11 Syna 357 Mio. € 670 Mio. € 12 Rheinische NetzGesellschaft 375 Mio. € 620 Mio. € 13 LEW Verteilnetz 350 Mio. € 593 Mio. € 14 TEN Thüringer Energienetze 395 Mio. € 563 Mio. € 15 EAM Netz 346 Mio. € 517 Mio. € 16 Westfalen Weser Netz 343 Mio. € 497 Mio. € 17 N-ERGIE Netz 296 Mio. € 493 Mio. € 18 SWM Infrastruktur 290 Mio. € 486 Mio. € 19 SachsenNetze HS.HD 283 Mio. € 430 Mio. € 20 Pfalzwerke Netz 244 Mio. € 371 Mio. € SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 18 Die Tabelle zeigt, dass sieben der 20 erlösstärksten Verteilnetzbetreiber (2024) zur Gruppe der privaten Energieunternehmen mit dem Mehrheitseigner E.ON gehören. Die Gruppe der Verteilnetzbetreiber im kommunalen Besitz ist zahlenmäßig größer, allerdings mit kleineren Netzen. Dennoch sind auch unter den 20 erlösstärksten Unternehmen zehn Verteilnetzbetreiber in mehrheitlich kommunaler Hand. Zu den vollständig kommunalen Verteilnetzbetreibern gehören z. B. die Stromnetze Berlin und Stromnetze Hamburg. Zur Gruppe der 20 erlösstärksten Verteilnetzbetreiber gehören seit der erstmaligen Veröffentlichung der Erlösobergrenzen 2021 dieselben Unternehmen. Der Vergleich mit dem Jahr 2021 zeigt, wie stark die (angepassten) Erlösobergrenzen der Stromverteilnetzbetreiber in den letzten Jahren gestiegen sind. Insgesamt betragen die angepassten Erlösobergrenzen für alle Verteilnetzbetreiber 2024 35 Milliarden Euro. Das ist mehr als noch im Vorjahr (2023: 27 Milliarden Euro) und eine deutliche Steigerung gegenüber der erstmaligen Veröffentlichung der Zahlen aus dem Jahr 2021 (21 Milliarden Euro; BNetzA 2024b, eigene Berechnungen). Die Bundesnetzagentur nennt als Gründe für die gestiegenen Erlösobergrenzen die Inflation, gestiegene Energiepreise und die erhöhten Investitionen in den Netzausbau. 2.4 Regulierungsrahmen und Finanzierungsgrundlagen Im Zuge der Liberalisierung des Stromund Gasmarktes wurde im Jahr 2005 zunächst die sogenannte Entgeltregulierung eingeführt. Damit sollte eine Kontrolle von Netzentgelten stattfinden und Wettbewerb im Erzeugungsund Handelsmarkt gewährleistet werden, vor allem dadurch, dass Monopolrenditen bei den Netzbetreibern verhindert werden sollten. Jedem einzelnen Netzbetreiber wurden nach Kostenprüfung durch die Bundesnetzagentur oder die jeweils zuständige Landesregulierungsbehörde bestimmte Entgelte genehmigt. Die Entgelte basierten auf den tatsächlich angefallenen Kosten der Netzbetreiber, einschließlich der Betriebskosten, Abschreibungen und einer Rendite auf das eingesetzte Kapital. Seit 2009 gilt das sogenannte Anreizsystem der Bundesnetzagentur als Teil des Regulierungsrahmens. Gegenüber der Entgeltregulierung sollte die Anreizregulierung über die reine Kostenprüfung hinausgehen und für die Netzbetreiber Anreize setzen, ihre Effizienz zu steigern und Kosten zu senken. Die Netzbetreiber erhalten dafür eine Erlösober- SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 19 grenze, die auf den festgelegten (effizienten) Kosten basiert. Die Erlösobergrenze ist der maximale Betrag, den ein Netzbetreiber innerhalb eines bestimmten Zeitraums durch Netzentgelte einnehmen darf. Diese Obergrenze wird von der Regulierungsbehörde1 festgelegt und soll Anreize setzen, die eigenen Kosten zu senken, um innerhalb der Obergrenze zu bleiben und ggf. Gewinne zu realisieren. Die Berechnung der Erlösobergrenze ist ein komplexes Verfahren, in das • Betriebskosten (Kosten, die für den Betrieb und die Wartung des Netzes anfallen) und • Investitionsausgaben (Investitionen in den Ausbau und die Modernisierung des Netzes) einfließen. Die so ermittelten Kosten werden in einem zweiten Schritt in einem „Effizienzvergleich“ mit den Kosten anderer Netzbetreiber abgeglichen. Aus anfallenden Kosten und Effizienzabgleich werden dann die Erlösobergrenzen bestimmt. Die Effizienzvorgabe gibt an, wie viel Prozent die Kosten jährlich sinken sollen. Nur als „dauerhaft nicht beeinflussbare Kostenanteile“ eingestufte Kosten unterliegen nicht den Effizienzvorgaben. Die Erlösobergrenzen werden jeweils für die Dauer einer Regulierungsperiode festgelegt, können aber aufgrund von verschiedenen Einflussfaktoren jährlich angepasst werden (Kapitalkostenabgleich). In den letzten Jahren waren die Gründe für Anpassungen vor allem die gestiegene Inflation, Energiepreise und die erhöhten Investitionen in den Netzausbau. Die Anpassungen betrugen 2023 und 2022 etwa das Anderthalbfache von den ursprünglich beschiedenen Erlösobergrenzen (BNetzA 2024b, eigene Berechnungen). Neben der Kostenregulierung gibt es zusätzliche Anreize für die Erhaltung der Versorgungsqualität. Eine schlechte Netzqualität kann zu finanziellen Abzügen führen, während eine gute Qualität belohnt werden kann. Die Anreizregulierung erfolgt in festgelegten Regulierungsperioden, die bisher noch fünf Jahre dauern. Novellierung der Anreizregulierung Das System der Anreizregulierung steht im Zuge der Energiewende und des notwendig gewordenen Netzausbaus immer wieder in der Kritik. Vor allem wird kritisiert, dass das System den spezifischen Investitionsbedarf der Netzbetreiber, insbesondere für Maßnahmen, die zur Umsetzung der Energiewende erforderlich sind, nicht abbilden kann. Laut den Interview1 Die Regulierung der Verteilnetzbetreiber kann entweder durch die Bundesnetzagentur oder durch die Landesregulierungsbehörden erfolgen. Dies hängt von der Größe des Netzbetreibers ab. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 20 ten in dieser Studie gibt es viele Regelungen, die angesichts der neuen Situation in der Branche nicht mehr zeitgemäß sind. Die Energiewende mit der Transformation und dem Umbau des Netzsystems bringt grundsätzlich die Entwicklung mit sich, dass Kostenpositionen volatiler werden und ggf. Veränderungen notwendig sind, die im Basisjahr noch nicht berücksichtigt werden konnten. Die Betreiber nennen in der Diskussion u. a. die gestiegenen Kosten aufgrund des Rollouts intelligenter Messsysteme (z. B. Thüga 2024, S. 5). Die Anreizregulierung hat das grundsätzliche Ziel, über den Effizienzvergleich „Ineffizienzen“ in den Betrieben zu ermitteln und damit Kosten zu optimieren. Mit den Effizienzvorgaben soll erreicht werden, dass die Netzbetreiber ihre jährlichen Kosten reduzieren. „Insgesamt sinken die Erlösobergrenzen in der idealtypischen Darstellung im Zeitverlauf ab“ (BNetzA 2024c). Dies steht im Widerspruch zu den Anforderungen, in den Netzausund -umbau zu investieren, wie u. a. die oben aufgeführten gestiegenen Summen der Erlösobergrenzen der letzten Jahre zeigen. Auf der Regulierungsseite hat das System in Zeiten von Personalabbau und Restrukturierungen funktioniert. Aber viele Elemente des Systems passen nach Ansicht unserer Gesprächspartner:innen nicht zu den veränderten Investitionsanforderungen und dem erforderlichen Personalzuwachs durch die Energiewende. Finanzierungsgrundlage Netzentgelte Die Netzentgelte sind die Einnahmen der Netzbetreiber und werden von den Netzkunden für die Nutzung der Netze entrichtet. Für die Verbraucher:innen sind die Netzentgelte in den letzten Jahren stetig angestiegen. Dies sorgt für anhaltende Kritik an der Systematik. Die Bundesnetzagentur selbst nennt als Gründe für die jüngst gestiegenen Netzentgelte den „Ausbau und die Erneuerung der Netze im Zuge der Energiewende, politische Verzögerungen beim Ausbau und den dadurch gestiegenen Bedarf an Redispatchund Einspeisemanagementmaßnahmen sowie die gestiegenen Energiepreise]“ (BNetzA 2024a, S. 5). Aufgrund einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH C-718/18 vom 2.9.2021) wird der Regulierungsrahmen für Stromund Gasnetzbetreiber zukünftig verändert werden. Die Diskussion und Erörterung der Maßnahmen sind zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Laut Bundesnetzagentur werden die Anreizregulierungsverordnung (ARegV) und die Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV) vo- SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 21 raussichtlich zum 31. Dezember 2028 außer Kraft treten. Die Gasnetzentgeltverordnung (GasNEV) wird zum 31. Dezember 2027 unwirksam. Die Bundesnetzagentur hat dazu ein Eckpunktepapier veröffentlich, welches eine Reihe von Vorschlägen zu bestimmten Themen enthält. Grundsätzlich soll am System der Anreizregulierung festgehalten werden. Allerdings sollen Verfahren gefunden werden, wie mit Kostensteigerungen innerhalb der Regulierungsperiode umgegangen werden soll, um damit das Risiko der Unterdeckung von Betriebskosten zu minimieren (vgl. dazu BNetzA 2024a). Die Bundesnetzagentur schlägt im Zuge dieses Novellierungsverfahrens außerdem vor, im Strombereich Qualitätselemente, um den Aspekt der „Energiewendekompetenz“ zu ergänzen. Damit sollen Netzbetreiber belohnt werden, die bei der Transformation ihrer Stromnetze in der Energiewende eine besonders hohe Kompetenz zeigen (BNetzA 2024a). Der DGB und ver.di fordern hier zusätzlich, den Regulierungsrahmen um den Aspekt „Gute Arbeit“ zu erweitern. Ver.di plädiert außerdem seit Langem dafür, dass Personalkosten als „dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten“ für die Netzbetreiber anerkannt werden2 (ver.di 2024, S. 3). Vor allem Personalzusatzkosten z. B. durch gestiegene Beschäftigtenzahlen sollten als Kosten betrachtet werden, die keinen Effizienzvorgaben unterliegen, damit entstehende Kosten nicht über weniger Stellen, niedrigere Löhne oder verschlechterte Arbeitsbedingungen gedeckt werden. Bisher existiert eine Fristenregelung, nach der betriebliche und tarifvertragliche Vereinbarungen zu Lohnzusatzund Versorgungsleistungen nur als „dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten“ gelten, wenn sie in der Zeit vor dem 31. Dezember 2016 abgeschlossen worden sind (§ 11 Absatz 2 Satz 9 ARegV). Ver.di schlägt konkret vor, diese Fristenregelung entweder zu streichen oder die Personalkosten grundsätzlich als Betriebskosten zu werten und damit Tarifabschlüsse und Personalkostensteigerungen in die Berechnung der Erlösobergrenzen mit einfließen zu lassen (ver.di 2024, S. 5). Vor dem Hintergrund des massiv beschleunigten Stromnetzausbaus im Rahmen der Energiewende bestätigen alle Gesprächspartner:innen in dieser Studie die Notwendigkeit von Neueinstellungen und der Herauslösung von Personalkosten aus den geltenden Effizienzvorgaben. 2 Der Unterschied von beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Kosten ergibt sich aus § 21a Energiewirtschaftsgesetz. Demnach werden Effizienzvorgaben auf „nicht beeinflussbare Kosten“ nicht angewandt, da der Netzbetreiber in diesem Bereich keine Effizienzsteigerung erreichen kann. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 22 3. Die Rolle der regionalen Energieversorgungsunternehmen bei der Energiewende 3.1 „Die Energiewende findet im Verteilnetz statt“ – was bedeutet das? Die Bedeutung der Verteilnetze für die Energiewende liegt an ihrer Stellung im Netzbetrieb. Im umgebauten Stromnetz der Zukunft wird die Mehrzahl der dezentralen Erzeugungsanlagen direkt an das Verteilnetz angeschlossen sein. Das verändert das Stromnetz von Grund auf. Das Stromnetz in Deutschland ist ursprünglich hierarchisch aufgebaut und darauf ausgelegt, dass ausgehend von großen Einspeisern wie z. B. Atomoder Kohlekraftwerken, der Strom über die Übertragungsnetze und schließlich über die Verteilnetze zu den Verbraucher:innen fließt. Das System funktionierte bisher wie eine Art „Einbahnstraße“ und war auf die Versorgung mit Strom ausgerichtet. Durch die zunehmende, dezentrale Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien müssen die Stromnetze den Strom heute in beide Richtungen transportieren, also mit Gegenverkehr umgehen können (siehe Abbildung 4). Abbildung 4: Schematische Darstellung des Stromverteilungsnetzes der Zukunft Quelle: eigene Darstellung SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 23 Die Verbraucher:innen, die früher nur „versorgt“ wurden, werden heute zu Einspeiser:innen, der Strom muss also auch „entsorgt“ werden. Strom, der lokal anfällt und dort aber zu einem bestimmten Zeitpunkt überflüssig ist, muss ggf. weitertransportiert werden über das Übertragungsnetz in andere Regionen mit Strombedarf. Ebenso sollen in Zukunft lokale Großverbraucher, wie z. B. Rechenzentren, mit Strom aus erneuerbaren Energien über das Verteilnetz versorgt werden. Das bedeutet für die Netze einen starken Anstieg der Durchleitung von Energie. Heute ist bereits der größte Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien über das Verteilnetz angeschlossen. Laut unseren Gesprächspartner:innen sind die Verteilnetze hier bisher noch zu sehr „Flaschenhals“; das Ziel ist die Bewältigung und Verteilung von Höchstlasten. 3.1.1 Intelligente Netzsteuerung als Ziel Erzeugung und Bedarf müssen also anders aufeinander abgestimmt werden, dafür sollen die Netze nicht nur ausgebaut, sondern auch „intelligenter“ und digitaler werden. Durch den Einsatz von Sensoren und den Daten von Messgeräten können Netzbetreiber in Echtzeit den Zustand des Stromnetzes überwachen und bei Bedarf schnell auf Veränderungen reagieren. Wichtig ist die intelligente Netzsteuerung vor allem für das Lastenmanagement, also um frühzeitig zu erkennen, wo es zu lokalen Überlastungen kommt, oder um Schwankungen oder Störungen zu erkennen und eine effiziente Verteilung zu gewährleisten. Nach Aussage der Gesprächspartner:innen ist der Digitalisierungsgrad aktuell bei den Mittelspannungsnetzen höher als bei den Ortsbzw. Niederspannungsnetzen. Dort gibt es aufgrund der Schnittstelle zu den Übertragungsnetzbetreibern schon länger und flächendeckender eine digitalisierte Leistungsübersicht. Der große Ausbaubedarf liegt also in den nächsten Jahren bei den Ortsbzw. Niederspannungsnetzen. Ebenso müssen die Hausanschlüsse intelligenter werden. Das Verteilernetz steht einer wachsenden Zahl von dezentralen Einspeisern und steuerbaren Verbraucher:innen gegenüber. Der Netzausbaubedarf ergibt sich aber nicht mehr nur aus der erforderlichen Integration von Erneuerbare-Energien-Anlagen. Das Verteilnetz ist ebenso zentral bei der Transformation im Wärmeund Verkehrssektor. Hier ist der Ausbau grundsätzlich stärker vom erwarteten Hochlauf von Elektromobilität und dem Einbau von Wärmepumpen geprägt (BNetzA 2022, S. 4). Ebenfalls sind es die Verteilnetzbetreiber, die für die Realisierung der Sektorenkoppelung im industriellen Bereich im Fokus stehen. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 24 Sogenannte Power-to-X-Anlagen werden über das Verteilnetz angeschlossen. Ein Großteil der Netzbetreiber erwartet dadurch einen deutlichen Lastanstieg in den kommenden Jahren (BNetzA 2022, S. 43). Ein resilienter und intelligenter Netzbetrieb soll die Grundlage für den wachsenden Strombedarf durch Wärmepumpen und Elektroautos sein. 3.1.2 Die Energiewende hat auf das Stromund Gasnetz unterschiedliche Wirkungen Ein Netzausbau findet auch im Gasbereich statt, wenn auch nicht mit derselben Dynamik wie im Strombereich (vgl. z. B. BNetzA 2023, S. 229). Ein Großteil der Gasinfrastruktur dient aktuell der Wärmeversorgung. Mit dem geplanten massiven Umstieg auf Wärmepumpen und den Anschluss an (grüne) Nahund Fernwärmeversorgung wird zukünftig ein wachsender Anteil an Gasverteilnetzen nicht mehr benötigt werden. Wie genau sich der Netz-Umbau im Gasbereich vor dem Hintergrund der Energiewende gestalten wird ist zurzeit an vielen Stellen jedoch noch unklar. Auch unsere Gesprächspartner:innen bestätigen, dass in dieser Frage noch viel Unklarheit innerhalb der Betriebe herrscht. Die Substitution bzw. Konversion der Netze zu Wasserstoffnetzen ist bei vielen Betreibern derzeit der Plan, wenn auch noch keine genauen Größenordnungen festgelegt sind und es noch viele offene Fragen zu Rückbau, Anschlussverpflichtungen oder der Möglichkeit von reinen Industrienetzen gibt. Gasverteilernetzbetreiber, die ihr Netz bis 2045 auf Wasserstoff umstellen möchten, müssen laut Gebäudeenergiegesetz bis 2028 einen Umsetzungsund Investitionsplan vorlegen (§ 71k GEG) und von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen. Der zukünftige Netzausbau im Gasbereich wird voraussichtlich darauf abzielen, die Gasinfrastruktur an die Anforderungen von Wasserstoff anzupassen. Gleichzeitig erfolgt langfristig ein schrittweiser Rückbau von Infrastruktur, die nicht mehr benötigt wird. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) hat dazu im Frühjahr 2024 ein Green Paper veröffentlicht, das „Fragen zur öffentlichen Konsultation“ enthält. Laut BMWK ist der Verlauf dieser Entwicklung „in hohem Maße abhängig von den derzeit von den Kommunen auszuarbeitenden Wärmeplänen“ (BMWK 2024, S. 3). Die Transformation der Gasverteilnetze steht insgesamt und im Vergleich zu den Stromverteilnetzen noch am Anfang. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 31 Sollte die Politik hier keine Wege finden, mit öffentlichen Mitteln die kommunalen Betreiber und Stadtwerke bei den notwenigen Investitionen für den Netzausund -umbau in erforderlichem Maße zu unterstützen, stellt sich die Frage, inwieweit die erfolgreiche Rekommunalisierung von Stromnetzen und regionalen Energieversorgungsunternehmen der letzten Jahre schleichend rückgängig gemacht wird. Die Interviewpartner:innen der kommunalen Betriebe und Stadtwerke fordern hier angesichts der mehrfachen Transformationsherausforderung mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung durch die Politik. Unterschiedliche Herausforderungen Nicht nur die Größe und Eigentümerstruktur führen zu unterschiedlichen Herausforderungen. Verteilnetzbetreiber, die in eher ländlichen Regionen und Verteilnetzbetreibern, die in urbanen Regionen und Großstädten das Stromnetz ausund umbauen, sind laut unseren Interviewpartner:innen mit unterschiedlichen Aufgaben konfrontiert (siehe Kästen). Ländliche Verteilnetzbetreiber • Netzausbau ist großflächig • Ausbau im Außenbereich • Herausforderung sind viele private Einspeiser:innen • Abrechnung und Abwicklung sind aufwendiger Städtische Verteilnetzbetreiber • Netzumbau auf knapper Fläche • dichtes, gewachsenes Netz auf engem Raum als Herausforderung • weg vom „Spinnennetz“ hin zu einer zentraleren Struktur • massiver Umbau des Fernwärmenetzes • mehr „Versorgung“ als „Entsorgung“ in der Stadt • neue Lasten sind das Thema (Industriekunden, Großwärmepumpen, Ladeparks, Schnellladestellen) SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 32 4. Arbeit und Beschäftigung 4.1 Beschäftigungsentwicklung in der Energieversorgung Die Beschäftigung in der Branche der Energieversorgung insgesamt wächst. Die Zahlen zur Entwicklung der Beschäftigten steigen seit einigen Jahren an. Blickt man in der Statistik weiter zurück, lässt sich der aktuelle Aufbau ins Verhältnis zum Beschäftigungsrückgang seit der Liberalisierung der Energiewirtschaft setzen. Zwischen 1995 und 2010 war die Beschäftigung in der Energieversorgung um ein Viertel geschrumpft (siehe Abbildung 6). Dieser „Aderlass“ in der Branche betraf bis 2010 rund 70.000 Beschäftigte. Seit 2013 scheint die Talsohle durchschritten, die Zahl der Beschäftigten hat bis 2021 um 13 Prozent zugenommen. Abbildung 6: Beschäftigte in Unternehmen der Energieversorgung (1995–2021) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Statistisches Bundesamt 2024 Laut der Erhebung der Bundesagentur für Arbeit waren 2023 rund 262.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der gesamten Energieversorgung tätig. Die meisten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind im Bereich der Elektrizitätsversorgung tätig (86 Prozent), auf die Gasversorgung entfallen zehn Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, auf die Wärmeund Kälteversorgung vier Prozent (siehe Abbildung 7). SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 33 Abbildung 7: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Energieversorgung nach Teilbereichen (2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 Abbildung 8: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Betrieben der Energieversorgung nach Teilbereichen (2013–2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 Die Beschäftigung im Bereich der Gasversorgung ist über die letzten Jahre stabil geblieben, während die Zahl der Beschäftigten im Bereich der Kälteund Wärmeversorgung seit 2013 um fast ein Drittel gewachsen ist SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 34 (siehe Abbildung 8). Die Zahl der Beschäftigten im Bereich der Elektrizitätsversorgung ist zwischen 2013 und 2017 zunächst leicht zurückgegangen, bevor zwischen 2017 und 2023 rund 32.000 neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse hinzugekommen sind. 4.2 Beschäftigungsentwicklung bei den Verteilnetzbetreibern Rund 50 Prozent der Beschäftigten in der Elektrizitätsversorgung arbeitet im Bereich der Stromverteilnetze (siehe Abbildung 9), also vorwiegend in der Netzplanung, der Wartung und dem Betrieb (Elektrizitätsverteilung).4 Das sind mehr Beschäftigte als in der Elektrizitätserzeugung (40 Prozent). Damit sind die „Netz-Beschäftigten“ die größte Gruppe in der Energieversorgung. Abbildung 9: Anteil der Beschäftigten in der Elektrizitätsversorgung nach Teilbranchen (2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 4.2.1 Beschäftigungsanstieg seit 2018 Abbildung 10 zeigt die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen bei den Verteilnetzbetreibern. Seit 2018 gibt es einen Umschwung und zum ersten Mal seit Jahren wieder eine relevante Zunahme an Beschäftigung. Insgesamt sind seit 2018 rund 15.000 neue sozialversicherungspflichtige Be4 Die statistischen Daten zu Stromverteilnetzbetreibern in dieser Studie beziehen sich auf den Wirtschaftszweig der Elektrizitätsverteilung (WZ 35.13). SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 35 schäftigungsverhältnisse entstanden. Das bedeutet über den gesamten Zeitraum seit 2013 ein Plus von 14 Prozent. Die Beschäftigten im Bereich Netze waren in den 2000er und Anfang der 2010er Jahre innerhalb der Energieversorgung die von Stellenabbau am stärksten betroffene Gruppe (Klopfleisch 2017). Abbildung 10: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Elektrizitätsverteilung (2013–2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 Die politisch veränderten Rahmenbedingungen, die zuletzt mit dem verabschiedeten „Osterpaket“ 2022 gipfelten, befördern nun den Ausbau und die Modernisierung der Stromnetze. Um dies zu stemmen, haben die Unternehmen nach Jahren der Restrukturierungen und des Abbaus erneut Arbeitsplätze in Bereichen wie Netzplanung, -wartung und -betrieb geschaffen. Die Statistik bestätigt hier die Aussagen unserer Gesprächspartner:innen. Die Zahlen zeigen außerdem, dass es in der Stromverteilnetzbranche im Gegensatz zu vielen andere Branchen keinen bemerkbaren Corona-Effekt in der Gesamtbeschäftigung gegeben hat. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 36 4.2.2 Regionale Verteilung Die Verteilung der Beschäftigung der Betriebe der Elektrizitätsverteilung nach Bundesländern entspricht im Wesentlichen der räumlichen Verteilung der Zahl der Betriebe (siehe Tabelle 3). Die meisten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind in Nordrhein-Westfalen (27.500) tätig, gefolgt von Baden-Württemberg (16.000), Bayern (13.500) und Niedersachsen (10.000). Tabelle 3: Anzahl von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Bundesländern (2013 und 2023) Bundesland Anzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter Anzahl der Betriebe 2013 2023 Veränderung 2013 2023 Veränderung Baden-Württemberg 9.807 16.204 +65 % 215 226 +5 % Bayern 11.258 13.498 +20 % 231 215 −7 % Berlin 2.978 2.789 −6 % 32 28 −13 % Brandenburg 2.834 1.795 −37 % * 53 * Bremen * * * 7 5 −29 % Hamburg 4.148 4.378 +6 % 23 18 −22 % Hessen 7.886 9.461 +20 % 104 105 +1 % Mecklenburg-Vorpommern * * * * 28 * Niedersachsen 9.826 9.661 −2 % 203 200 −2 % Nordrhein-Westfalen 23.574 27.359 +16 % 292 281 −4 % Rheinland-Pfalz 7.012 8.540 +22 % 107 125 +17 % Saarland 2.105 2.146 +2 % 31 28 −10 % Sachsen 4.955 5.132 +4 % 92 86 −7 % Sachsen-Anhalt 3.673 4.105 +12 % 66 56 −15 % Schleswig-Holstein 4.960 3.974 −20 % 90 66 −27 % Thüringen 1.832 2.033 +11 % 42 35 −17 % insgesamt 99.469 113.619 +14 % 1.679 1.555 −7 % Anmerkung: *Daten für statistische Geheimhaltung anonymisiert Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 37 Die Zahl der Betriebe hat zwar in nahezu allen Bundesländern abgenommen, aber die Zahl der Beschäftigten hat aufgrund des Größenwachstums der Betriebe in vielen Fällen zugenommen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen: in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Berlin und Brandenburg ist die Anzahl der Beschäftigten niedriger als noch 2013. Zu beachten ist, dass sich Prozesse des Abund Aufbaus von Beschäftigung in der Branche überlagern. Tabelle 3 zeigt lediglich den Saldo der vergangenen elf Jahre. In Berlin und Niedersachsen beispielweise gab es ab 2013 zwischenzeitlich ein Anwachsen der Beschäftigung und erst von 2022 auf 2023 einen leichten Rückgang der Beschäftigtenzahlen im Segment der Elektrizitätsverteilung. Ausschlaggebend sind hier Übernahmen und ggf. die Schließungen von Betriebsteilen. 4.2.3 Struktur der Beschäftigung Die Energiewirtschaft insgesamt gehört zu den Branchen, in denen traditionell mehr Männer arbeiten. Auch im Bereich der Elektrizitätsverteilung liegt der Anteil der Frauen mit 27 Prozent deutlich unter dem der Männer (siehe Abbildung 11). Das Verhältnis hat sich hier auch in den letzten Jahren trotz Stellenzuwachs nicht verändert. Bereits im Jahr 2013 lag der Anteil der Frauen im Netzbereich bei 27 Prozent. Abbildung 11: Strukturmerkmale der Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung (nach Geschlecht und Beschäftigungsverhältnis) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 38 Ein weiteres Merkmal der Beschäftigung in der Elektrizitätsverteilung ist der im Vergleich mit anderen Branchen sehr niedrige Anteil der geringfügig Beschäftigten, der sogenannten Minijobber:innen. Ihr Anteil liegt in den Betrieben der Energieversorgung insgesamt bei rund fünf Prozent, in den Betrieben der Netzbetreiber sogar bei unter zwei Prozent. Der Anteil von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit ausländischem Pass variiert je nach Tätigkeitsschwerpunkt der Betriebe (siehe Tabelle 4). Bei Verteilnetzbetreibern ist der Anteil mit weniger als vier Prozent vergleichsweise gering, in Betrieben mit Schwerpunkt Elektrizitätshandel liegt er höher, bei fast elf Prozent. Die absolute Zahl der Beschäftigten mit ausländischem Pass ist über die letzten Jahre auf geringem Niveau leicht angestiegen. Tabelle 4: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit ausländischem Pass in Betrieben der Elektrizitätsversorgung (2023) Elektrizitätserzeugung Elektrizitätsübertragung Elektrizitätsverteilung Elektrizitätshandel 5 % 8 % 4 % 11 % Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 4.2.4 Teilzeit Teilzeitbeschäftigung ist bei den Verteilnetzbetreibern im Vergleich mit anderen Branchen unterdurchschnittlich verbreitet. Nur rund 13 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Branche sind in Teilzeit angestellt (siehe Abbildung 12). Zum Vergleich: Über alle Branchen hinweg liegt die Teilzeitquote in Deutschland bei 39 Prozent (IAB 2024). Allerdings hat sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten entsprechend dem allgemeinen Branchentrend auch bei den Verteilnetzbetreibern in den vergangenen Jahren erhöht. Im Jahr 2013 betrug die Teilzeitquote in der Branche nur drei Prozent. Rund 72 Prozent der Teilzeitbeschäftigten bei den Verteilnetzbetreibern sind Frauen. Der Anteil der Männer unter den Teilzeitbeschäftigten hat in den letzten zehn Jahren zwar um 43 Prozent zugenommen, er wächst aber langsamer als der Anteil der Frauen in Teilzeit (plus 84 Prozent; siehe Abbildung 13). Insgesamt ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten seit 2013 konstant angestiegen, entgegen der allgemeinen Entwicklung SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 39 der Beschäftigtenzahlen in der Branche, wo erst seit 2018 ein Beschäftigungsanstieg eingesetzt hat. Abbildung 12: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung in Teilzeit und Vollzeit (2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 Abbildung 13: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Teilzeit in Betrieben der Elektrizitätsverteilung (nach Geschlecht, 2013–2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 40 Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit gibt keine Auskunft darüber, inwieweit die Teilzeitbeschäftigung dem Wunsch der Beschäftigten entspricht. Allerdings kann man aufgrund des hohen Personaldrucks und der Einstellungsbedarfe in der Branche davon ausgehen, dass der überwiegende Teil der Beschäftigten „freiwillig“ in Teilzeit arbeitet.5 Unsere Gesprächspartner:innen berichten davon, dass Altersteilzeitmodelle in den Betrieben aufgrund des Personalmangels vielfach nicht mehr angeboten werden bzw. Modelle auslaufen. Dieser Effekt könnte sich zukünftig in der Teilzeitstatistik niederschlagen. 4.2.5 Qualifikationsniveau gestiegen Im Vergleich mit anderen Branchen ist das formale Qualifikationsniveau der Beschäftigten der Verteilnetzbetreiber sehr hoch. Neun von zehn sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (92 Prozent) haben einen qualifizierten Berufsabschluss, also eine anerkannte Ausbildung (66 Prozent) oder einen akademischen Abschluss (26 Prozent; siehe Abbildung 14). Nur sechs Prozent haben keinen formalen Berufsabschluss. Abbildung 14: Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung nach Berufsabschluss (2013 und 2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 5 Wobei der Begriff „freiwillige Teilzeit“ nicht immer treffend ist. Über alle Branchen hinweg sind die häufigsten Gründe für Teilzeitarbeit die Betreuung von Angehörigen, Ausund Weiterbildung sowie eigene Krankheit oder Behinderung. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 47 Die durchschnittliche Ausbildungsquote, also die Anzahl der Beschäftigten in Ausbildung im Verhältnis zur Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Betrieben der Elektrizitätsverteilung beträgt aktuell zwischen vier und fünf Prozent (Abbildung 20) und ist damit leicht gesunken. Im Jahr 2013 lag sie noch bei über fünf Prozent (Bundesagentur für Arbeit 2024). Im Segment Elektrizitätsübertragung liegt die Ausbildungsquote mit gut fünf Prozent zwar etwas höher, aber die Zahl der Auszubildenden ist mit knapp 600 deutlich geringer. Abbildung 20: Ausbildungsquote in Betrieben der Elektrizitätsversorgung nach Segmenten (2023) Quelle: eigene Berechnung und Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 Die Ergebnisse der Interviews, die im Rahmen dieser Studie geführt wurden, lassen vermuten, dass die Ausbildungszahlen in den kommenden Jahren wieder ansteigen werden. Fast alle Gesprächspartner:innen berichteten vom (wieder-)entdeckten Stellenwert der Ausbildung. Perspektivisch setzen viele Betriebe aufgrund des Fachkräftemangels und des erforderlichen Netzausbaus auf verstärkte Ausbildungsaktivitäten. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 48 4.3 Einschätzungen der Betriebsräte zur Beschäftigungssituation 4.3.1 Aufbau nach jahrelangen Restrukturierungen – „Eine völlig neue Situation für uns“ Die Statistik zur Beschäftigungslage zeigt seit 2018 einen eindeutigen Stellenaufbau bei den Stromverteilnetzbetreibern (siehe Kapitel 4.2). Fast alle Gesprächspartner:innen dieser Studie bestätigen diesen Aufbau im eigenen Betrieb. Obwohl die Beschäftigung in der gesamten Branche bereits seit 2018 ansteigt, war laut Interviews für die meisten Unternehmen der finale Startschuss zum Beschäftigungsaufbau die Verabschiedung des „Osterpakets“ 2022 (siehe Kapitel 3.2). Für die städtischen und kommunalen Betreiber sind außerdem die Beschlüsse zur Wärmewende ausschlaggebend. In allen Betrieben gab es zuvor Jahreund teilweise auch jahrzehntelang andauernde Restrukturierungen, die mit Personalabbau einhergingen. Aktuell herrscht in manchen Betrieben daher die paradoxe Situation, dass nach wie vor und parallel zu Neueinstellungen bereits beschlossene Personalabbauprogramme laufen (zum Teil über Altersteilzeitregelungen) oder diese erst kürzlich eingestellt wurden. Der zahlenmäßig absolute Aufbau wird dadurch in den Betrieben erstmal gedämpft. Gleichzeitig müssen über Neueinstellungen die zuvor entstandenen Personallücken, offenen Stellen und Rentenabgänge kompensiert werden. Die Zahl der tatsächlichen Neueinstellungen in der Branche liegt also noch höher. Unsere Interviewpartner:innen nannten die Größenordnung 1:3 – das bedeutet, dass in manchen Betrieben in den letzten Jahren im Schnitt drei Neueinstellungen notwendig waren, um den Effekt einer zusätzlich aufgebauten Stelle zu erzielen. „Nach 20 Jahren Personalabbau baut das Unternehmen zum ersten Mal wieder Personal auf. Bis letztes Jahr wurden noch Stellen gestrichen. Das ist eine völlig neue Situation für uns als Betriebsrat.“ (Zitat Interview) Im Rahmen der geführten Interviews konnte der in den jeweiligen Unternehmen geplante Stellenaufbau für den Bereich der (Strom-)Netze von den Gesprächspartner:innen in den meisten Fällen genau beziffert werden. Rechnet man die Angaben der Interviewpartner:innen zusammen, werden allein in den befragten Unternehmen bis 2028 voraussichtlich rund 14.3000 neue Stellen im Bereich Stromnetze geschaffen. Das bedeutet, dass die Branche in den nächsten vier Jahren mindestens noch einmal so stark wachsen könnte wie im Zeitraum von 2018 bis 2023; den SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 49 Beschäftigungsaufbau aller weiteren Unternehmen noch gar nicht mit eingerechnet (siehe Abbildung 21). Abbildung 21: Beschäftigungsentwicklung der Verteilnetzbetreiber insgesamt (2013–2018) und Prognose der befragten Unternehmen (2024–2028) Quelle: eigene Darstellung nach Bundesagentur für Arbeit 2024 und Angaben aus den geführten Interviews Gerade unter den Stadtwerken berichten allerdings viele eher von einem moderaten und bisher noch verhaltenen Stellenaufbau, obwohl der Bedarf vorhanden wäre: „In den letzten zehn bis 15 Jahren gab es vor allem Restrukturierungen und Effizienzsteigerungen. Trotz zunehmender Aufgaben und Netzausbau wird mit der derzeit bestehenden Personaldecke plus/minus zehn Leute der anfallende Arbeitsaufwand bewältigt. Die Stellen transferieren eher inhouse, das heißt, aus einer Technikeroder Monteursstelle wird eine Ingenieursstelle; aus einer Sachbearbeiterstelle, die durch Digitalisierung ersetzt werden kann, wird eine Stelle im Regelungsmanagement. Das Bewusstsein bei der Geschäftsführung, dass ein Aufbau nötig ist, wächst erst allmählich. Auch die kleineren Umlandgemeinden treten an die Stadtwerke heran und bitten um Unterstützung bei Dienstleistungen. Erst jetzt wird der Geschäftsführung bewusst, dass für den Netzbetrieb die Leute fehlen. Eventuell gibt es einen Umschwung in der nächsten Zeit.“ (Zitat Interview) SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 50 Viele Betriebsräte berichten davon, dass es für sie als Arbeitnehmervertretungen nach vielen Jahren des Personalabbaus aktuell eine ungewohnte Situation ist: „25 Jahre Abwehrkämpfe – erst mussten die Beschäftigten gehen, dann sollten sie gehen und jetzt ist plötzlich alles umgekehrt.“ (Zitat Interview) Die hohe Zahl an Neueinstellungen bringt auch Schwierigkeiten mit sich. Die neu eingestellten Beschäftigten müssen in kurzer Zeit eingearbeitet und eingebunden werden. Das bedeutet höhere Arbeitsbelastungen für die bereits Beschäftigten. Die Einarbeitung neuer Kolleg:innen erfordert Kompetenzen und ist in der Regel zeitaufwendig. Unsere Gesprächspartner:innen schätzen, dass es je nach Bereich zwischen sechs Monaten und zwei Jahren dauert, bis neu eingestellte Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz voll einsatzbereit sind und selbstständig arbeiten können. Das bedeutet, dass viele Beschäftigte über diesen Zeitraum doppelt belastet sind. Die Kombination aus einer gestiegenen Auftragslage, hohem Arbeitsaufkommen und vielen neuen Kolleg:innen in allen Bereichen führt bei den „Altbeschäftigten“ zu Mehrbelastungen. Die Gesprächspartner:innen berichten in diesem Zusammenhang auch von gestiegenen psychischen Belastungen. „Nach 20 Jahren Personalabbau ist es erstmal positiv, dass neue Stellen aufgebaut werden, aber für uns als Betriebsrat auch ungewohnt. Für uns stellt sich die Frage: Wie viel neue Personen verträgt so eine Organisation in kurzer Zeit?“ (Zitat Interview) Die Betriebsräte versuchen – zum Teil gemeinsam mit den Personalabteilungen – mit Strategien zur Entlastung gegenzusteuern, z. B. über flexible Arbeitszeitmodelle, die Freiräume für die Einarbeitung ermöglichen oder Ansprechstrukturen schaffen. 4.3.2 Großes Thema: Stellenbesetzung Mit der Investitionsoffensive im Netzausund -umbau geht eine Einstellungsoffensive bei den meisten Verteilnetzbetreibern einher, die allerdings auf einen branchenübergreifenden Mangel an Personal und Fachkräften trifft. Beschäftigte werden grundsätzlich in allen Bereichen gesucht, darunter z. B. Ingenieur:innen, Monteur:innen, Techniker:innen und Beschäftigte in (Netz-)Planung, Bau, Verwaltung, Einkauf, Vertrieb, IT, Netzkundenbetreuung etc. Den größten absoluten Zuwachs gab es laut Statistik in den vergangenen Jahren bei den kaufmännischen Berufen (siehe Kapitel 4.2). SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 51 „Denn was verbaut werden soll, muss auch beschafft werden.“ (Zitat Interview) Ein wachsender Bereich ist auch die Rechnungsstellung für Kund:innen, z. B. für Einspeiser:innen von Strom aus der Photovoltaik und Biogas. Tätigkeiten wie Abrechnungen und Netzkunden-Betreuung sind aufwendiger geworden und benötigen daher mehr Personal. Die Verteilnetzbetreiber haben bei der Suche nach Personal einen Pluspunkt gegenüber anderen Branchen. Die Energiewende trägt zur Attraktivität der Branche bei: „Durch die neuen Aufgaben der Energiewende ist der Betrieb wieder sexy geworden. Die Leute möchten etwas Sinnvolles tun und an der Energiewende teilhaben.“ (Zitat Interview) Trotzdem berichten die meisten Gesprächspartner:innen, dass die Stellenbesetzung zwar noch funktioniert, aber deutlich schwieriger ist als früher. Die Zahl der Bewerber:innen auf offene Stellen seien in allen Bereichen erheblich gesunken: „Früher gab es 500 Bewerbungen auf eine Stelle, heute sind es noch 20 bis 30.“ (Zitat Interview) Für die Fachkräftegewinnung haben einige Unternehmen Recruiter:innen eingestellt, die sowohl regional als auch überregional nach neuem Personal suchen. Die Voraussetzungen je nach Region und Standort werden unterschiedlich eingeschätzt. Während einige sagen, dass es im ländlichen Raum einfacher sei Stellen zu besetzen, weil die Konkurrenz zu anderen Unternehmen oftmals geringer ist, gibt es kleinere Stadtwerke, denen es trotz Bedarf schwerfällt, einzelne ausgeschriebene Stellen zu besetzen. „Selbst zehn neue Stellen, das gestaltet sich schwierig, weil die Konkurrenz so groß ist vor allem von den Industrieunternehmen, aber auch von größeren Energieversorgern. Überall kann besser bezahlt werden als bei uns.“ (Zitat Interview) Die Betriebsräte in den Betrieben der größeren Städte machen die Erfahrung, dass es aufgrund des urbanen Umfelds leichter ist, Beschäftigte im IT-, im Ingenieursbereich und im Projektmanagement zu finden: „Für manchen IT-ler ist es erstrebenswert, in der Familienphase zu einem kommunalen Anbieter zu wechseln, mit verlässlichen Arbeitszeiten und weniger Reisen.“ (Zitat Interview) SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 52 Im Handwerksbereich Beschäftigte zu finden wird allerdings in den Städten als das größere Problem gesehen: „Der Tarif passt nicht zur Konkurrenz und zu den Lebenshaltungskosten. Die Lohngruppen sind zu niedrig, es gibt kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Angesichts der Aufgaben passt das Lohngefüge nicht mehr zu der aktuellen Zeit.“ (Interview Zitat) Ein verbreitetes Phänomen aus anderen Branchen betrifft auch die regionalen Energieversorgungsunternehmen und ihre Verteilnetzbetreiber. Die langfristige Bindung der Beschäftigten an das Unternehmen ist heute schwächer als früher und die Bereitschaft, den Arbeitgeber zu wechseln, ist höher. „Wir versuchen, mit Benefits zu punkten, wie familiäre Atmosphäre, sichere unbefristete Stellen, Homeoffice-Möglichkeiten, Jobticket, verbilligtes Tanken. Aber das machen andere inzwischen auch.“ (Zitat Interview) Probleme in der Stellenbesetzung sehen die Gesprächspartner:innen vor allem in den Bereichen mit Schichtarbeit. Dort finden sich nur schwer Nachwuchskräfte und die Bereiche sind zum Teil stark überaltert. Gerade jüngere Beschäftigte legen verstärkt Wert auf Zeitsouveränität und die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Gesprächspartner berichtete von Workshops im Schichtbereich, bei denen die Beschäftigten selbst Vorschläge gemacht haben, wie die Arbeit erleichtert werden kann, z. B. durch reduzierte Arbeitszeiten und Ausgleichstage. „Work-Life-Balance ist im Fokus bei den jungen Leuten. Und plötzlich geht im Unternehmen auch Sabbatical.“ (Zitat Interview) Ebenso sind laut den Interviews attraktive Vergütungsund Arbeitszeitmodelle für Monteur:innen und Beschäftigte im Außenbereich erforderlich, die bei Wind und Wetter unterwegs sind, z. B. indem die Rufbereitschaft personell aufgestockt wird und die Einsatzhäufigkeit für die Einzelnen abnimmt. „Es braucht auch jemanden, der die Leitung unter die Erde legt. Viele Kolleg:innen im Außendienst verliert man wegen mangelnder Zeitsouveränität, das soll angegangen werden.“ (Zitat Interview) 4.3.3 Intensivierung der Ausbildungsaktivitäten Die aktuellen Ausbildungszahlen bei den Verteilnetzbetreibern sind niedriger als noch vor zehn Jahren (siehe Kapitel 4.2). Die Zahlen sind Ausdruck dessen, dass die betriebliche Ausbildung nach Aussage der Ge- SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 53 sprächspartner:innen in vielen Unternehmen bis vor Kurzem höchstens bedarfsorientiert bzw. vielfach auf einem niedrigen Niveau „eingefroren“ war. Die Unternehmen, die über Bedarf ausgebildet haben, benötigen die Auszubildenden inzwischen selbst. Die meisten Interviewpartner:innen gehen daher von deutlich steigenden Ausbildungsaktivitäten in nächster Zeit aus, um den Mangel an Personal abzufangen. In vielen Betrieben sollen die Ausbildungskapazitäten ausgebaut werden, mit mehr Ausbildungsplätzen, mehr Ausbilder:innen und größer und besser ausgestatteten Werkstätten. Außerdem soll es in vielen Betrieben verbesserte Möglichkeiten geben Studium und Beruf zu kombinieren, in Form eines dualen oder praxisbezogenen Studiums. Auch bei den Auszubildenden wird die Besetzung von Stellen schwieriger, die Zahlen der Bewerber:innen sind zum Teil stark rückläufig, allerdings mit regionalen Unterschieden. Die Betriebsräte aus eher ländlichen Verteilnetzbetreibern berichten davon, dass junge Menschen es mehr und mehr präferieren, „im Ort“ zu bleiben und ggf. noch bei den Eltern zu wohnen, anstatt für die Ausbildung in die nächstgrößere Stadt zu ziehen. Einige Unternehmen stellen sich darauf ein und versuchen aktuell, dezentrale Ausbildungsstrukturen aufzubauen: „Das ist noch eine Herausforderung, da man Ausbilder, Werkstätten und Berufsschulen vor Ort braucht. Ein Pilotprojekt mitten in der Pampa.“ (Zitat Interview) Andererseits profitieren auch die Betriebe, die Netze in der Fläche betreiben, davon, wenn die Auszubildenden von Anfang an in der Region bleiben. „Wenn sie einmal in der Stadt waren, ist es schwer, sie wieder in die Region zu bekommen.“ (Zitat Interview) Die meisten Befragten betrachten das Label „Regionalität“ als Vorteil für die Gewinnung von Auszubildenden: „Die Aussicht, im Landkreis Fachmann oder -frau für Energie zu sein, das zieht und unterstützt auch die Work-Life-Balance.“ (Zitat Interview) Insgesamt profitieren Betriebe mit guter Ausbildungstradition und guten Rahmenbedingungen (über Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträge) aktuell davon. Eine hohe Qualität der Ausbildung, Arbeitsplatzsicherheiten und Übernahmegarantien bieten den Auszubildenden Perspektive. Damit gewinnt man nach Ansicht der Befragten junge Leute für eine Ausbildung. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 54 Die Branche profitiert insgesamt davon, dass die Energiewende bei vielen jungen Menschen als etwas Positives wahrgenommen wird. Viele der befragten Betriebsräte machen im Betrieb die Erfahrung, dass die Motivation im Bereich Energie und speziell bei den Verteilnetzbetreibern zu arbeiten durch die Energiewende gestiegen ist. „Purpose“ ist vor allem jungen Auszubildenden zunehmend wichtig, sodass die Energiewende zum Pluspunkt bei der Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung in der Branche geworden ist: „Die Leute arbeiten und bewerben sich, um etwas Historisches zu leisten, um Teil der Energiewende zu sein. Gerade junge Leute entscheiden sich gezielt für den Betrieb, wegen der Sinnhaftigkeit.“ (Zitat Interview) Die Ausbildungsstrategien unterscheiden sich in den einzelnen Unternehmen. In manchen Betrieben liegt das Augenmerk mehr darauf, die Auszubildenden für bestimmte Bereiche zu spezialisieren, z. B. für die Geothermie. In anderen wird die Ausbildung in den technischen Berufen eher breiter aufgestellt, um in verschiedenen Bereichen des Unternehmens eingesetzt werden zu können. Weil technische Veränderungen in schnellerer Abfolge kommen, sollen Ausund Weiterbildung in manchen Unternehmen stärker miteinander verschmelzen, z. B. durch die Gründung eigener Akademien. In allen Fällen soll die Bindung ans Unternehmen erhöht und die Attraktivität der Ausbildung gesteigert werden. 4.3.4 „Das größte Risiko ist derzeit, Beschäftigte zu verlieren“ Die befragten Betriebsräte sind sich bewusst, wie wichtig strategische Personalplanung angesichts der Einstellungsoffensive und er demografischen Veränderungen in den kommenden Jahren ist. In vielen Fällen drängen sie Unternehmensleitungen und Human-Ressources-Bereiche dazu, sich stärker mit langfristig angelegter Personalplanung auseinanderzusetzen: „Wir drängen schon seit Jahren darauf, nun gibt es durch die neuen Umstände endlich Rückenwind.“ (Zitat Interview) Eine solide Personalplanung sollte über eine reine Demografieanalyse hinausgehen. Sie bildet die Grundlage, um Personalund Kompetenzlücken frühzeitig zu erkennen, Personalund Qualifizierungsbedarfe zu analysieren und mögliche Belastungen der Beschäftigten etwa durch dau- SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 55 erhafte Mehrarbeit aufgrund personeller Engpässe zu begrenzen (z. B. Stracke/Giertz 2019). Hier sehen die Gesprächspartner:innen in ihren Betrieben zum Teil noch großen Verbesserungsbedarf. Personalplanung in den Betrieben war über viele Jahre hinweg von Rationalisierung und Stellenabbau geprägt. Im Rahmen der Interviews wurde das Problem einer fehlenden langfristigen Ausrichtung der Personalplanung deutlich: „In einer Abteilung wurden vor kurzem noch sieben Stellen gestrichen, jetzt werden 20 neue Leute gesucht. Über viele Jahre wurden nur ‚Zielstellen‘ verwaltet, ohne langfristig den tatsächlichen Kapazitätsbedarf ins Auge zu fassen.“ (Zitat Interview) Nach dem Personalabbau der Vorjahre, u. a. durch Altersteilzeit, treibt der aktuelle Personalmangel die Unternehmen dazu, Beschäftigte aus der Passivphase ihrer Altersteilzeit oder sogar aus dem Ruhestand zurückzuholen. Gleichzeitig sollen Altersteilzeitmodelle in einigen Betrieben aufgrund des Personalmangels nicht mehr angeboten werden. Das ist für ältere Beschäftigte, die zum Teil bereits 45 Jahre im Betrieb gearbeitet haben ein Problem und eine Frage vom Umgang mit Belastungen, vor allem in Bereichen mit Schichtarbeit oder Rufbereitschaften. Altersteilzeitmodelle sind für Betriebe ein wichtiges Instrument zur Bewältigung der demografischen Veränderungen und für Beschäftigte eine Möglichkeit zum „sanften“ Übergang in die Rente. Aus Sicht der Betriebsräte ist das größte Risiko für die Verteilnetzbetreiber derzeit der Verlust von Fachkräften, aufgrund der Altersstrukturentwicklung oder aufgrund von Fluktuation und mangelnder Attraktivität der Stellen. In den Interviews wurde geschildert, dass in manchen Unternehmen innerhalb der nächsten zehn Jahre bis zu 50 Prozent der Beschäftigten aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden. Um den Übergang zu gestalten, werden von Interessenvertretungen beispielsweise die systematische Erfassung vorhandenen Know-hows, Bildungsbedarfsanalysen und Tandemlösungen (Doppelbesetzungen) zur Wissenssicherung gefordert oder initiiert. Je nach Tätigkeit muss die Ausbildung der Nachfolger:innen teilweise fünf bis sieben Jahre vor dem Ausscheiden der Beschäftigten beginnen. „Wir versuchen jetzt, vor die Welle zu kommen und Stellen doppelt zu besetzen, um bereits jetzt einen Wissenstransfer sicherzustellen. In Phasen des Stellenabbaus ist viel Wissen verloren gegangen, weil es keine Nachbesetzung und keinen Transfer gab.“ (Zitat Interview) Dem Demografieproblem soll vor allem über die eigene Ausbildung, die Einstellung von Quereinsteiger:innen und Umschulungen innerhalb der Unternehmen entgegengewirkt werden. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 56 Der Personalbedarf in bestimmten Bereichen hängt u. a. von den zeitlichen Phasen des Netzausund -umbaus ab, daher stellen einige Betriebsräte die Frage nach Möglichkeiten und Konzepten der Weiterbeschäftigung für Beschäftigte. „Am Anfang der Ausbauwelle gibt es zum Beispiel einen hohen Bedarf an Monteuren. Das verändert sich aber mit der Zeit wieder. Für die Personalplanung ist es eine Herausforderung, strategisch jetzt schon zu schauen: Wo sollen die Leute später arbeiten, die heute im Betrieb anfangen? Für den Ausbau werden andere Beschäftigte gebraucht als später für den Betrieb.“ (Zitat Interview) 4.3.5 Entlastung durch Digitalisierung? Digitalisierung bei den Stromverteilnetzbetreibern hat unterschiedliche Facetten. Für den reinen Netzbetrieb gewinnt Digitalisierung z. B. im Umbau hin zu einer „intelligenten“ Netzsteuerung an Bedeutung (siehe Kapitel 3.1). Die Frage, welche Auswirkungen Digitalisierung momentan in der Branche auf die Beschäftigten hat, lässt sich damit zusammenfassen, dass ein Großteil der Interviewpartner:innen betont, dass es vor allem in den kaufmännisch-administrativen Bereichen digitale Lösungen wie Software und IT-Systeme braucht, um das Arbeitsaufkommen zu bewältigen. Die veränderten politischen Rahmenbedingungen haben bei den Verteilnetzbetreibern für eine Flut an Aufträgen gesorgt. Gleichzeitig bindet die hohe Zahl an gesetzlichen Veränderungen und regulatorischen Anforderungen in kurzer Zeit personelle Kapazitäten in den Betrieben. Allein die Umsetzung der Strompreisbremse bedeutete nach Aussage der Gesprächspartner:innen einen enormen Aufwand in der Abrechnung und Anwendung: „Da braucht es Systeme, die das alles erstmal lernen müssen, und Beschäftigte, die damit umgehen müssen, vor allem die Kollegen und Kolleginnen im Kundenservice.“ (Zitat Interview) Die Unternehmen versuchen über Software-Lösungen, Abläufe wie z. B. die Beantragung von Netzanschlüssen zu beschleunigen. Die befragten Betriebsräte sehen angesichts des hohen Arbeitsaufkommens in den Betrieben durchaus die Notwendigkeit über digitale Lösungen eine Entlastung der Beschäftigten zu erzielen. Damit sollen Bearbeitungszeiten verkürzt und Freiräume für andere Aufgaben geschaffen werden. Gleichzeitig sind damit aber auch immer Einsparpotenziale bei Stellen verbunden. SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 63 wende entscheiden („Purpose“), sind die Zahlen der Bewerber:innen insgesamt stark rückläufig. Betriebe mit Ausbildungstradition und guten Rahmenbedingungen (durch Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträge) sind hier bei der Gewinnung von Auszubilden stark im Vorteil. Mit der Investitionsoffensive geht eine Einstellungsoffensive einher. Bis 2028 wollen allein die im Rahmen der Studie befragten Unternehmen rund 14.300 weitere neue Beschäftigte einstellen. Dies entspricht dem Beschäftigungsaufbau, der zwischen 2018 und 2023 in der gesamten Branche der Verteilnetzbetreiber stattgefunden hat, d. h. der Peak im Beschäftigungsaufbau ist noch nicht erreicht. Allerdings weisen unsere Gesprächspartner:innen darauf hin, dass die tatsächliche Besetzung dieser geplanten Stellen große Schwierigkeiten mit sich bringt und attraktive Vergütungsund Arbeitszeitmodelle voraussetzt, gerade auch in Bereichen des Schichtund Außendienstes oder im Handwerksbereich. Die befragten Betriebsräte sind sich bewusst, wie wichtig strategische Personalplanung und Entlastung der Beschäftigten angesichts der Einstellungsoffensive und der demografischen Veränderungen in den kommenden Jahren sind. In vielen Fällen drängen die Betriebsräte ihre Unternehmensleitungen und HR-Bereiche dazu, sich stärker mit langfristig angelegter Personalplanung auseinanderzusetzen. Personalplanung in den Betrieben war über viele Jahre von Rationalisierung und Stellenabbau geprägt. Die Interviewten sehen an dieser Stelle noch viel Verbesserungsbedarf. Die Reduzierung von Altersteilzeitmodellen zur Abfederung des Personalmangels ist angesichts der demografischen Entwicklung und der Anforderung attraktive Stellen zu schaffen keine langfristig tragbare Lösung. Ebenfalls für große Herausforderungen sorgt das Onboarding vieler neuer Kolleg:innen in den Betrieben, durch die hohe Zahl an Neueinstellungen. Die neu eingestellten Beschäftigten müssen in kurzer Zeit eingearbeitet und eingebunden werden. Das bedeutet höhere Arbeitsbelastungen für die bereits Beschäftigten. Auch hier versuchen die Betriebsräte in vielen Betrieben mit Strategien zur Entlastung initiativ zu werden und gegenzusteuern. Die neuen Rahmenbedingungen sorgen für mehr Augenhöhe unter den Betriebsparteien. Mitbestimmung wird angesichts der vielen SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 64 Herausforderungen in vielen Betrieben derzeit als Stärke wahrgenommen. Aus den Themen um Neueinstellungen, Fachkräftegewinnung und Personalplanung ist für die Betriebsräte eine neue Stärke entstanden. Die Betriebe der Branche sind traditionell sozialpartnerschaftlich geprägt. Trotzdem haben die vielen aktuellen Herausforderungen rund um den Netzausund -umbau nach Aussage der Betriebsräte für mehr Augenhöhe gegenüber dem Arbeitgeber gesorgt. Tarifliche Regelungen und Vereinbarungen zu Arbeitszeitmodellen, Ausbildung und Guter Arbeit werden, oftmals entgegen der Haltung der Vorjahre, von den Unternehmen heute mehr als Vorteile bei der Gewinnung von Fachkräften gesehen. Digitale Lösungen sollten dazu beitragen, das hohe Arbeitsaufkommen durch die Energiewende-Effekte bei den Verteilnetzbetreibern zu bewältigen und die Beschäftigten zu entlasten. Grundsätzlich gibt es eine fortschreitende Digitalisierung sowohl bei den gewerblichen als auch administrativen Tätigkeiten in der Branche. Trotzdem gab es in den letzten Jahren in der Summe in fast allen Tätigkeitsbereichen einen Beschäftigungsaufbau, auch in den klassisch substituierbaren kaufmännischen Berufen, im Vertrieb oder Abrechnungswesen. Die befragten Betriebsräte sehen angesichts des hohen Arbeitsaufkommens in den Betrieben zum Teil die Notwendigkeit über digitale Lösungen eine Entlastung der Beschäftigten zu erzielen. Damit sollen Bearbeitungszeiten verkürzt und Freiräume für andere Aufgaben geschaffen werden. Gleichzeitig sind damit aber auch immer Einsparpotenziale bei Stellen verbunden. Dieser „Freisetzungseffekt“ von Digitalisierung steht zurzeit in den Betrieben allerdings nicht im Vordergrund. Die enormen Investitionserfordernisse, die bereits jetzt und in den kommenden Jahren auf die Unternehmen zukommen, haben eine Diskussion um verschiedene Finanzierungsund Förderinstrumente entfacht, vor allem bei den kommunalen Betrieben und Stadtwerken. Besonders auf die kommunalen Verteilnetzbetreiber und Stadtwerke hat der Druck zugenommen, sich für private Kapitalgeber zu öffnen. Als ein Mammutprojekt der öffentlichen Daseinsvorsorge muss die Politik hier Wege finden, die Finanzierung der notwendigen Investitionen in den Netzausund -umbau zu unterstützen und die erfolgreiche Rekommunalisie- SCHMID/STRACKE: BRANCHENANALYSE REGIONALE ENERGIEVERSORGER | 65 rung von Stromnetzen der letzten Jahre nicht aufgrund des Ausbaubedarfs der Energiewende zu gefährden. Beim Thema Finanzierung und Investitionen wird es u. a. auf die zukünftige Ausgestaltung der Regulierung ankommen. Unsere Gesprächspartner:innen sehen viele Regelungen, die angesichts der neuen Situation in der Branche nicht mehr zeitgemäß sind. Aufgrund des enorm gestiegenen Personalbedarfs wird es darauf ankommen, die Personal(zusatz)kosten als „dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten“ einzustufen. Das System der Anreizregulierung mit dem Ziel langfristig sinkender Kosten und Erlösobergrenzen steht teilweise im Widerspruch zu den Anforderungen, in den Netzausund -umbau zu investieren. Alle Gesprächspartner:innen in dieser Studie bestätigen die Notwendigkeit von Neueinstellungen und der Herauslösung von Personalkosten aus den geltenden Effizienzvorgaben als wichtigen Schritt einer Novellierung des Regulierungsrahmens. Angesichts der Einstellungsoffensive und des Personalbedarfs in allen Bereichen der Branche um den Netzausund -umbau zu bewältigen, wird es mehr denn je darauf ankommen, dass die Regulierung Aspekte „guter Arbeit“, Qualifizierung und Ausbildung sowie tarifliche Regelungen positiv berücksichtigt. Ansonsten wird sich der Beschäftigungsaufbau in der von den Unternehmen geplanten Größenordnung von mindestens 14.300 Stellen kaum bewerkstelligen lassen. 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