Zu den langfristigen Bestimmungsgründen der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes: Ein sektoraler Ansatz
Abstract
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Sell, Friedrich L. Article Zu den langfristigen Bestimmungsgründen der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes: Ein sektoraler Ansatz Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Sell, Friedrich L. (1997) : Zu den langfristigen Bestimmungsgründen der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes: Ein sektoraler Ansatz, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 30, Iss. 3, pp. 325-347, https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293353 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zu den langfristigen Bestimmungsgründen der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes: Ein sektoraler Ansatz Von Friedrich L. Seil, Dresden I. Einleitung1 Seit nunmehr (mindestens) 20 Jahren wird in der Geldtheorie darum gestritten, ob die langfristige Entwicklung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes wichtiger Industrienationen einem Random Walk folgt, ob sie statt dessen kontinuierlich trendmäßig abnimmt oder ob der abnehmende Trend Brüche aufweist (Scheide 1993, S. 6), ja vielleicht sogar von einem Aufwärtstrend abgelöst wird (Bordo/ Jonung 1987). Die Beantwortung dieser strittigen Frage erscheint auch für die aktuelle Geldpolitik nicht ganz unwichtig: (i) Bekanntlich besitzen Random Walks eine im Zeitablauf unbeschränkt wachsende Varianz; jede „Innovation" wirkt unbeschränkt in die Zukunft hinein; dies impliziert letztlich, daß die zukünftigen Werte langfristig praktisch nicht prognostizierbar sind (Rüdel 1989, S. 13). (ii) Folgt die Umlaufgeschwindigkeit einem (abnehmenden) Trend, so ist zu fragen, ob dieser Prozeß trend-stationär oder differenz-stationär ist; nur im ersteren Falle kann damit gerechnet werden, daß die Abweichungen von einem deterministischen Trend sich im Durchschnitt gegenseitig aufheben bzw. stationär sind. Die Prognostizierbarkeit von v als Niveaugröße ist dann noch relativ gut. Im zweiten Fall dagegen ist lediglich die Wachstumsrate von v gut vorhersagbar, ohne daß langfristig eine Annäherung an einen hypothetischen Trendverlauf der Niveauvariablen gegeben sein muß (McCallum 1993, S. 15f.). i Wichtige Anregungen, fruchtbare Gespräche und kritische Anmerkungen zu diesem Aufsatz verdanke ich Martin T. Bohl. Für wertvolle Hilfe, insbesondere bei der Erstellung des mathematischen Anhangs, danke ich Henrich Maaß. Wolf gang Patzig schulde ich einen formalen Hinweis. Konstruktive Bemerkungen verdanke ich schließlich einem anonymen Referee. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
326 Friedrich L. Sell (iii) Bei Trend brücken, wie sie in den USA zu Beginn der 80er Jahre beobachtet werden konnten, stellt sich für die Geldpolitik die schon klassische Frage nach dem transitorischen oder permanenten Charakter dieser Ereignisse (Scheide 1993, S. 6). Während es bei stärkeren transitorischen Schwankungen der Geldnachfrage zwar schwieriger wird, diejenige Geldmengenexpansionsrate zu berechnen, die Preisniveaustabilität implizieren würde (Gern et al. 1994, S. 15), bedeuten permanente Trendbrüche bzw. -wenden eine fundamentale Änderung der „gleichgewichtigen" Umlaufgeschwindigkeit im Konzept der „Preislücke". Solche Trendwenden wurden aber von den sogenannten „Institutionalisten" seit Jahren für fünf große Industrienationen diagnostiziert (s. u.) und für andere in der Zukunft vorhergesagt. Die ökonomische Begründung der genannten Trendbrüche - ob nun transitorisch oder permanent - wird fast einhellig bei den sogenannten Finanzinnovationen gesucht, die von einer Liberalisierung bzw. Deregulierung des Finanzsektors und von der Einführung neuer Technologien, insbesondere in der Telekommunikation und der EDV, begleitet waren. Damit werden die Ursachen für Trendwenden - zumindest aber für starke Schwankungen - in der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ausschließlich im monetären Bereich gesucht. In diesem Beitrag wird der Versuch gemacht zu zeigen, daß es gute Argumente auch für realwirtschaftlich fundierte Schwankungen/Trendwenden in der Umlaufgeschwindigkeit gibt. Diese liegen vor allem in den signifikant unterschiedlichen Kassenhaltungsgewohnheiten in der formellen Ökonomie einerseits sowie in der informellen Ökonomie bzw. Schattenwirtschaft andererseits. Bei gegebenen Interdependenzen zwischen diesen beiden Sektoren, führen wirtschaftspolitische Maßnahmen - gerade solche der (De-)Regulierung - zu Größen Verschiebungen, welche ebenfalls die Variabilität von v erklären können. Die vorliegende Arbeit reiht sich mithin in die schon beachtlich lange Folge von Beiträgen zur Instabilität der Geldnachfrage ein, die insbesonders seit Beginn der 70er Jahre in den einschlägigen Veröffentlichungen zu finden sind. II. Die „Institutionalist Hypothesis" über den langfristigen Verlauf von v Bei der „Institutionalist"-Hypothese handelt es sich um den Versuch, erklärende Argumente für die langfristige Entwicklung der Umlaufgeschwindigkeit theoretisch zu begründen und einer empirischen EvaluieOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 327 rung zu unterziehen. Methodisches Werkzeug sind Eingleichungsmodelle der traditionellen Regressionsanalyse oder der modernen Kointegrationsanalyse mit einer endogenen und einer Anzahl erklärender Variablen. Die sogenannten Institutionalisten - als maßgebliche Repräsentanten seien insbesondere Bordo und Jonung genannt - vertreten die Auffassung, daß für die langfristige Entwicklung (sprich: Veränderung) der Umlaufgeschwindigkeit die folgenden „institutionellen" Faktoren - neben traditionellen Einflußgrößen wie Zins und permanentem Einkommen - maßgeblich sind: (i) der Monetarisierungsprozeß bzw. -grad (/¿); (ii) das Ausmaß der Ausdifferenzierung im Finanzsektor (financial sophistication, <p); (iii) das „Sicherheits"- und Stabilitätsniveau der wirtschaftlichen Tätigkeit ((7) (iv) der Ausbreitungsgrad des Bankensystems (ß): v PKE Abbildung 1 a Quelle: Bordo/Jonung (1987), S. 101 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
328 Friedrich L. Sell Demzufolge ist in der ersten Phase der wirtschaftlichen Entwicklung mit einem Sinken der Umlaufgeschwindigkeit - bei zunehmender Monetarisierung, hoher Instabilität des wirtschaftlichen Wachstums und sich ausdehnendem Bankensektor - zu rechnen. Später kehrt sich die Richtung vor allem durch eine steigende finanzielle Tiefe, Finanzinnovationen etc. wieder um. Während \x und ß in der Regel kaum noch signifikante Änderungen erfahren, trägt die Konjunkturund Sozialpolitik reifer Industrienationen ebenfalls zu einem Wiederanstieg der Umlaufgeschwindigkeit bei (Bordo/Jonung 1987, S. 22ff.). Stilisiert ergibt sich daraus der folgende Verlauf für Vi bzw. v2 in Abhängigkeit vom ProKopf-Einkommen (PKE) (vgl. Bordo/Jonung 1987, S. 101): Beide Funktionen für die Umlaufgeschwindigkeit weisen einen U-förmigen Verlauf auf, die V\-Funktion hat aber einen früheren Wendepunkt; „this relationship reflects, among other things, substitution of interestbearing time deposits for demand deposits with financial development, and the channeling of savings into commercial banks" (Bordo/Jonung 1987, S. 100). PKE Abbildung 1 b Quelle: Eigenentwurf OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 329 Der U-förmige Verlauf kann nach Bordo und Jonung wie folgt begründet werden: Bei niedrigem PKE dominieren der Monetarisierungsprozeß und die Erweiterung des Kassenhaltungsmotivs bzw. des Bankensektors, so daß v sinkt; bei mittlerem Einkommen werden diese Einflüsse cum grano salis ausbalanciert durch zunehmende Ausdifferenzierung des Finanzsektors und durch wachsende ökonomische und soziale Stabilität (nahezu waagerechter Verlauf der v-Kurve). Bei höheren PKEs überwiegen schließlich die Wirkungen von Finanzinnovationen und neuen Finanztechniken, so daß v wieder ansteigt. III. Ein alternativer Erklärungsansatz im Drei-Sektoren-Modell 1. Sektorale Aufschlüsselung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes An dieser Stelle ist zuerst der Begriff des monetären Strukturwandels (vgl. Seil, 1988) zu erläutern: Ein besonderes Merkmal von Entwicklungsund Industrieländern besteht in monetärer Hinsicht darin, daß sie neben einem formell-monetarisierten Sektor (industrielle Produktion, staatliche Verwaltung, Zentralbank, Geschäftsbanken, Finanzintermediäre etc.) informell-monetarisierte Bereiche (produzierendes Kleingewerbe, unorganisierter Geldverleih, Kreditgenossenschaften, Sparclubs etc.) und mehr oder weniger große Restbestände eines nicht-monetarisierten Sektors (SubsistenzWirtschaft, Tauschhandel etc.) aufweisen. Typischerweise ist der nicht-monetarisierte Sektor in Industrieländern nur noch sehr klein, dagegen hat der informell-monetarisierte Sektor - hier dann häufig „Schattenwirtschaft" genannt - auch dort durchaus eine signifikante Größe. „Monetärer Strukturwandel" steht als Begriff nun für den Prozeß, währenddessen (i) der nicht-monetarisierte Sektor (hoffentlich ohne Umkehrung) allmählich zurückgedrängt bzw. kommerzialisiert wird („financial widening"), (ii) innerhalb des bereits monetarisierten Sektors eine Vervielfachung der finanziellen Anlagemöglichkeiten stattfindet („financial deepening") und die Verbindung zwischen formeller und informeller Ökonomie sich - zunächst unter dem Eindruck zunehmender Regulierung (im Finanzsektor „financial repression" genannt), später unter dem Einfluß zunehmender Liberalisierung - grundlegend wandelt. Der Monetarisierungsprozeß hat im Zusammenhang mit unserer Fragestellung mindestens zwei wichtige Aspekte: einmal das auch von Bordo/ Jonung erwähnte Merkmal der Ablösung von Tauschdurch GeldgeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
330 Friedrich L. Sell Schäfte, das in der einschlägigen Literatur auch als „financial widening" bezeichnet wird (Chandavarkar 1977, Seil 1988). Hinzu kommt aber zweitens auch die zunehmende Attraktivität von Banksichteinlagen als Ergänzung zur physischen Bargeldhaltung (Bordo/Jonung, 1987, S. 22). Beide Effekte tragen c.p. zu einer Absenkung der durchschnittlichen Umlaufgeschwindigkeit bei. Der informell-monetarisierte Sektor gehört, wie Altmann zutreffend feststellt, zu den giraffenähnlichen Phänomenen in der Ökonomie: „Leicht zu erkennen, aber schwer zu beschreiben" (1990, S. 90). Immerhin besteht über die folgenden Merkmale aber wohl hinreichend Konsens (vgl. Schmidt 1988, S. 9ff.): relativ einfacher Sektorbeitritt, unregulierte und wettbewerbsintensive Märkte, fehlende statistische Erfassung, geringe Integration in die Wirtschaftsordnung, teilweise nur geduldete, bis hin zu illegalen Aktivitäten. Das formelle und informelle Angebot an Gütern und Dienstleistungen trifft nicht nur auf eine spezifische Nachfrage, vielmehr konkurrieren beide Sektoren auch um eine nicht-spezifische Nachfrage, wobei dem informellen Sektor Regulierungen im formellen Sektor Wettbewerbsvorteile verschaffen, ihm schließlich sogar weitgehend seine Existenz sichern. Hier ergeben sich deutliche Überschneidungen mit dem Begriff der Schattenökonomie (vgl. Frey/Pommerehne 1983). In der Definition von Bruno Frey (1981, S. 201) weist sie ohnehin kaum Unterschiede zum informellen Sektor (s.o.) auf: „Die Schattenwirtschaft ... umfaßt alle diejenigen Bereiche der Wirtschaft, die von den staatlichen Handlungsträgern nicht besteuert (und reguliert) werden (können)". Was nun die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in der Schattenwirtschaft betrifft, so findet man in der Literatur nicht gerade selten eine recht gewagte Inanspruchnahme vom Prinzip des unzureichenden Grundes: „Unter der Annahme gleicher Umlaufgeschwindigkeit ... in der offiziellen und in der Schattenwirtschaft..." (Neck/Schneider 1994, S. 123)2. Viele Hinweise deuten nämlich auf signifikante Unterschiede hin, etwa dergestalt, Anbietern des informellen Sektors eine erhebliche Liquiditätspräferenz (Altmann 1990, S. 95) zu unterstellen, mithin einen überdurchschnittlichen Kassenhaltungskoeffizienten. Da auch die Kassenhaltungsgewohnheiten der Nachfrager nach Gütern des informellen Sektors 2 „Because of a complete lack of knowledge about the velocity of money in the shadow economy, the same assumption is made here as in most other studies using this approach" (Schneider/Neck 1993, S. 355). „Finally, it is assumed that the velocity for the circulation of cash in the irregular sector is the same as the velocity of circulation of money in the regular sector" (Thomas 1992, S. 148). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 331 häufig signifikante Besonderheiten aufweisen, die eher eine überdurchschnittliche Geldnachfrage nach sich ziehen (Seil 1988, S. 143 ff.), dürfte somit die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes des informellen Sektors insgesamt überdurchschnittlich klein sein. Auf den ersten Blick gehen demzufolge mit abnehmender Bedeutung des informellen Sektors Auftriebskräfte für die durchschnittliche Umlaufgeschwindigkeit aus. Dieser Zusammenhang wird weiter unten noch genauer zu untersuchen sein. Innerhalb des formell-monetarisierten Sektors geht mit steigendem Entwicklungsniveau das Aufkommen von Geldsubstituten einher („financial deepening"). Wenn man davon ausgeht, daß es sich hier um superiore (Anlage-)Güter handelt, so verändert sich die Zusammensetzung des Geldvermögens zunehmend zugunsten des Geldkapitals und zu Lasten der Kassenhaltung. Dadurch wird die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes tendenziell erhöht. Mit zunehmenden Pro-Kopf-Einkommen nimmt i. d.R. auch die Größe des Finanzsektors und damit die Bankendichte zu; damit steigt nicht nur das Depositenaufkommen, sondern vor allem auch die Anzahl der eröffneten Sichtkonten und die Höhe der über Sichtkonten abgewickelten Transaktionen. Je größer das Volumen dieser Transaktionen im Verhältnis zum Depositenvolumen, desto höher wird auch c.p. die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ausfallen (Short 1983, S. 100). Hierauf hat im übrigen bereits Irving Fisher hingewiesen: „The outside causes that affect the velocities of circulation ... anything which makes it easier to pass money from one person to another ... and the system of banking and the habits of the people in utilizing that system" (Fisher 1911, S. 79, 88). Eine gegenläufige Wirkung auf die Umlaufgeschwindigkeit hat McKinnon's „conduit effect" (derselbe 1973): Solange in Entwicklungsländern der reale Ertrag der Geldhaltung unter der durchschnittlichen Ertragsrate für Sachkapital liegt - etwa als Folge finanzieller Repression (vgl. Seil 1988) - versuchen die sich noch überwiegend selbstfinanzierenden Unternehmen einen Abbau der Investitionsbeschränkungen durch erhöhte Kassenhaltung. D.h., es liegt eine komplementäre Beziehung zwischen Geld und Geldsubstituten einerseits sowie Realkapital andererseits vor. Auch für diese Beziehung gibt es, dogmengeschichtlich gesehen, Vorbilder, etwa das Finanzierungsmotiv der Kassenhaltung bei Keynes, worauf Laumas (1980, S. 123 ff.) aufmerksam gemacht hat: „entrepreneurs typically hold some cash balances to assure themselves that they will be able to carry out investment plans" (ebenda, S. 124). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
332 Friedrich L. Sell Besonders wichtig an der Überlegung von McKinnon ist aber, daß wiederum Regulierungen - hier im Finanzsektor - einen wesentlichen Einfluß auf die Kassenhaltungsgewohnheiten des privaten Sektors haben. Andere Autoren, wie Taylor (1983) und v. Wijnbergen (1983) haben theoretisch und empirisch nachgewiesen, daß es, neben der von McKinnon beobachteten Verhaltensweise, infolge finanzieller Repression insbesondere zur Kreditaufnahme bei informellen Geldverleihern, die einen Teil der Schatten Wirtschaft darstellen, kommt. An dieser Stelle läßt sich möglicherweise ein bemerkenswertes Defizit in der Analyse von Bordo und Jonung beseitigen; zwar führen sie aus (1987): „The rubric of growing economic security and stability encompasses many of the aspects of the modern welfare state, including unemployment benefits, public insurance schemes, old age pensions, and various government-provided health programs, as well as macroeconomic policies aimed at minimizing business cycle fluctuations and maintaining full employment. These developments reduce the returns on holding money as a contingency reserve and as a store of value" (ebenda, S. 23). Im Rahmen der ökonometrischen Untersuchungen findet sich nur noch eine der beiden Variablen, nämlich „the influence of growing economic stability" (S. 32), ohne daß die verschiedenen Proxies hierfür bei den Schätzungen Signifikanz erreichen konnten. Bei dieser Vorgehens weise fehlt allerdings nicht nur ein Maß für „growing economic security", sondern auch die Einsicht in die Wechselwirkungen zwischen „staatlicher Präsenz" in Form von Regulierungen einerseits und der Existenz der Schattenwirtschaft andererseits. Die wesentlichen Elemente unserer eigenen Überlegungen lassen sich durch eine drei-sektorale Interpretation der Fisherschen Verkehrsgleichung einfangen: Der in den drei Sektoren, informell-monetarisiert (JM), formell-monetarisiert (FM) und nicht-monetarisiert (NM) erzeugte Output ergibt als Summe definitorisch das gesamtwirtschaftliche Realeinkommen y. Dieses muß aber dem Produkt von Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit, dividiert durch das Preisniveau gleich sein (Gleichung 1): (1) y = "B— + V NM + " FM R'LM Yim _ Mv PlM P (la) P P yP = Yfm —— + yNMP + Y/m = Mv F F M "IM OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 339 Tabelle 1 Partielle Ableitungen für das Wachstum der Geldumlaufgeschwindigkeit [A] cO = n> o [B] cR = B0 <0 >0 für fur 8>V 8 < V [Ci] df> ¿Sc = 3«* >0 für a>0; 8> V; 1 >2ß >0 für a < 0; 8 < V; 1 <2il >0 für a>0; 8> V; 1 <2 n aber lô-> |V-ÎÎ| >0 fflr a>0; 8 < V; 1 >2iî aber 16-< |v-o| <0 fflr a>0; 8 < V; 1 >2ÌÌ aber Is-vi > |v-n| <0 ar a > 0; 8> V; 1 <2Cl aber Is-v| < |v-n| >0 ar a<0; 8 < V; 1 >2iî aber Is-vi > |v-n| >0 ar a<0; 8> V; 1 <2£2 aber |5-v| < |V-fì| [CJ [c3] [D] cM Entsprechend <0 fur 8>V;1<2V >0 fur 6 < V; 1 > 2V usw. analog zu [CJ Konsistenz: l>2Vo 1<2Q 1 < 2Vo 1 > 2£î Quelle: Eigenentwurf 22' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
340 Friedrich L. Sell Als ökonomisch „plausibel" können die folgenden Vorzeichen gelten: (i) Es kann davon ausgegangen werden, daß der Koeffizient der Wachstumsrate von v im formell-monetarisierten Sektor positiv ist. Dafür sprechen in erster Linie die von Bordo und Jonung angeführten Argumente (s.o.). (ii) Eine starke Zunahme im Regulierungsgrad führt zu einer ausgeprägten Angebotsund über Preissenkungen auch entsprechenden Nachfrageausweitung (-einschränkung) im informellen (formellen) Sektor. Da die Kassenhaltungsgewohnheiten im informellen Sektor deutlich stärker ausgeprägt sind als im formellen Sektor, kann tendenziell mit einem negativen Koeffizienten gerechnet werden. (iii) Wir sehen aber noch ein weiteres: „If the coefficient (B2, der Verfasser) is zero, then changes in money are uncorrelated with changes on velocity and this provides support for the modern quantity theory. By contrast if ( . ) is minus one, changes in velocity fully offset changes in m and money would appear to have no impact on nominal national income" (Gould et al. 1978, S. 230). 3. Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit in traditionellen Entwicklungsländern Traditionelle Entwicklungsländer seien im folgenden durch die folgenden Annahmen gekennzeichnet: (26) 7 < 0 (27) VFM < 0 (28) V IM = 0 (29) i = n + * (30) R > 0 Neben einer anhaltenden Monetarisierung (26) und zunehmender Bedeutung der Sichteinlagen (27) spielt hier vor allem noch finanzielle Repression - mit den oben beschriebenen Ausweicheffekten auf den informellen Geldmarkt - eine entscheidende Rolle (30). Erst später kann OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 341 in Schwellenländern die zunehmende Beseitigung derselben im Zuge der Liberalisierung des Finanzsektors erwartet werden. Die Reduzierte-Form-Gleichung lautet jetzt: v = QVfm + B0R + Ü7 + Bif[x,y,z] + B2M bzw. ^ V = n(vFM + 7) + B0R + Bi/[x,y,z] 4B2M Der i.d.R. fallende Verlauf von v (v < 0) wird insbesondere erklärt durch: (i) die noch abnehmende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im monetarisierten Sektor (vFM, s.o.); (ii) den voranschreitenden Monetarisierungsprozeß (7, s.o.); (iii) teilweise durch noch wirksame Verstärkungen im Regulierungsgrad (R, s.o.). IV. Empirische Evidenz In einer ökonometrischen Querschnittsuntersuchung für 42 Entwicklungs-, Schwellenund Industrieländer wurde der Zusammenhang zwischen v2 (Y/M2) einerseits und einer Proxy für R getestet. Die Daten stammen aus dem Weltentwicklungsbericht 1995. Als Näherungsgröße für R(a, b) diente der Anteil der Ausgaben der Zentralregierung für Wohnung, Sozialversicherung und Wohlfahrt a) an den Gesamtausgaben und b) am BSP in %. In beiden Fällen hat der Regulierungsgrad R das im theoretischen Modell erwartete negative Vorzeichen; dabei ist der Koeffizient von Ra bei knapp 5 (5,8%), der Koeffizient von Rb bei reichlich 10 (6,6%) statistisch signifikant. Somit wird der in der theoretischen Analyse herausgearbeitete Einfluß von (De-)Regulierung auf die gesamtwirtschaftlichen Kassenhaltungsgewohnheiten empirisch bestätigt. V. Implikationen für Geldtheorie und -politik (i) Eine langfristig orientierte Geldpolitik sollte den folgenden Zusammenhang beachten: Die beobachtete Instabilität der aggregierten Geldnachfrage hat auch nicht-monetäre Aspekte. Wie in diesem Beitrag gezeigt, hat staatliche (De-)Regulierungspolitik direkte Auswirkungen auf die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
342 Friedrich L. Sell Anteil der Ausgaben für Wohnung, Sozialversicherung und Wohlfahrt an den staatlichen Gesamtausgaben in % (Ra) V2= 2,928»** - 0,0244 R«** (9,526) (-1,047) fl2 =0,064 Abb. 2a: Regulierungsgrad und Umlaufgeschwindigkeit I Quelle: Weltentwicklungsbericht 1995; Eigene Berechnungen (ii) Das Konzept der „gleichgewichtigen Umlaufgeschwindigkeit" - wie es etwa im P*-Ansatz verwendet wird - ist an die von Bordo und Jonung festgestellten Nicht-Linearitäten anzupassen. Reife Industrienationen müssen u. a. mit permanenten Trendbrüchen bzw. einer Trendumkehr rechnen. (iii) Theoretische wie auch empirische Untersuchungen der Geldnachfrage sollten zwischen „formeller" und „informeller" Kassenhaltung unterscheiden. Dabei ist die durch nichts zu rechtfertigende Annahme identischer Kassenhaltungskoeffizienten bzw. Umlaufgeschwindigkeiten in beiden Sektoren aufzugeben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 343 10 20 30 Anteil der Ausgaben für Wohnung, Sozialversicherung und Wohlfahrt am BSP in % (R^) V2= 2,831*** - 0,0553 Rb* *2 = 0,0591 (9,939) (-1,891) Abb. 2b: Regulierungsgrad und Umlaufgeschwindigkeit II Quelle: Weltentwicklungsbericht 1995; Eigene Berechnungen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
344 Friedrich L. Sell OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14
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Bestimmungsgründe der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes 347 rung - zu Größen Verschiebungen, welche die Variabilität der Umlaufgeschwindigkeit erklären können. Die Ergebnisse werden innerhalb eines allgemeinen Gleichgewichtsansatzes abgeleitet. Summary On the Long-run Determinants of Income Velocity of Money: A Sectoral Approach Up to now, monetary explanations were in the limelight of the research on the trend reversals in the income velocity of money. Bordo /Jonung, among others, represent this type of research. Also, a greater variability of the money demand function has been observed. In this paper, an attempt is made to show that there are also good reasons for variations/trend reversals in the income velocity of money founded in the "real" economic world. These effects result from the significant-different habits of money holdings in the formal economy on the one side and in the informal economy on the other side. Economic policy measures - above all those of (de)regulation - lead, at a given interdependence between the two sectors, to a shift of sizes which can in part explain the variability of the income velocity of money. The results are derived within a general equilibrium approach. Résumé Les causes de détermination de la vitesse de circulation de la monnaie à long terme: une évaluation sectorielle Dans l'étude des renversements de tendance dans la vitesse de circulation - qu'entre autres Bordo/Jonung ont constatés - de même que des fluctuations de la demande monétaire les explications monétaires jusqu'ici prévalent. Cet article entreprend la tentative de démontrer qu'il y a aussi de bons arguments pour des fluctuations/renversements de tendance dans la vitesse de circulation qui sont fondés dans l'économie réelle. Ceux-ci figurent avant tout dans les coutumes de conserver de la monnaie qui se distinguent significativement dans l'économie formelle d'une part et dans l'économie informelle de l'autre. Etant donné les interdépendances entre ces deux secteurs les mesures de politique économique - surtout celles de la (dé)régularisation - mènent à des déplacements de facteurs qui peuvent expliquer la variabilité de la vitesse de circulation. Les résultats sont dérivés d'un modèle d'équilibre général. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.30.3.325 | Generated on 2023-01-16 13:09:14