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[Rezension] Was können Sozialwissenschaften zum Pandemiemanagement beitragen?

Ohlbrecht, Heike,Grobys, Christopher

Abstract

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Ohlbrecht, Heike; Grobys, Christopher Book Review — Published Version [Rezension] Was können Sozialwissenschaften zum Pandemiemanagement beitragen? KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Ohlbrecht, Heike; Grobys, Christopher (2025) : [Rezension] Was können Sozialwissenschaften zum Pandemiemanagement beitragen?, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 77, Iss. 1, pp. 133-136, https://doi.org/10.1007/s11577-025-00988-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/323575 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Der Sammelband mit seinen vier Teilen und 22 Beiträgen galt als Versuch, die fast ausschließlich naturwissenschaftliche Betrachtung der Krise zu kontrastieren und die analytische Bedeutung der Sozialwissenschaften herauszustellen. Das Ziel der Herausgeber1lautete deshalb, „Orientierung schaffen“ (S. 13), um politischen Entscheidungsträgern zu zeigen, „welche Rolle die Sozialwissenschaften einnehmen können und wieso diese als gesellschaftlicher Kompass genutzt werden sollten“ (S. 22). Der Teil A des Bandes trägt den Titel „Gesellschaftliche Dynamiken“. Ricciardi untersucht in seinem Beitrag Pandemien aus einer weltgeschichtlichen Perspektive. Die Herausforderung bestehe seiner Ansicht nach darin, dass im Kontext der Pan1Im Folgenden wird an geeigneten Stellen das generische Maskulinum verwendet, um die Lesbarkeit zu vereinfachen. Es sind ausdrücklich immer sowohl die weiblichen, die männlichen als auch diverse Formen gemeint. H. Ohlbrecht · C. Grobys Fakultät für Humanwissenschaften (FHW), Bereich für Soziologie (SOZ), Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Zschokkestr. 32, 39104 Magdeburg, Deutschland E-Mail: [email protected] C. Grobys E-Mail: christopher[email protected] K 134 H. Ohlbrecht, C. Grobys demie eine gemeinschaftliche Erzählung zur Verarbeitung der Katastrophe gefehlt habe. Wie sich die Kommunikation am Anfang der Pandemie in der Schweiz in der Social-Media-Sphäre gestaltete, erforschte Salerno. Er kommt zu dem Ergebnis, dass in dieser sozialen Welt vorrangig Informationen, persönliche Meinungen als auch Fake News Verbreitung fanden. Sahakian widmet sich anschließend der Frage, ob die Pandemie eine Chance für eine nachhaltige Produktionsund Konsumweise darstellen könnte. Sie plädiert dafür, Wohlstand vom Ressourcenverbrauch mittels Bürgerbefragungen zu entkoppeln. Bonvin fragt daran anschließend, inwiefern die Pandemie einen Möglichkeitshorizont offenbaren könnte, um die derzeitige Wirtschaftsweise zu überdenken. Er konstatiert, dass die Pandemie das Potenzial beinhalte, verschiedene ökonomische Strukturmerkmale der Moderne zu überdenken und die anhaltende Ökonomisierung und Entpolitisierung der Wirtschaft infrage zu stellen. Im letzten Beitrag des A-Teils befasst sich Bourrier mit den krisenhaften Veränderungen von Institutionen der Arbeit, „um zu verstehen, was passiert, wenn Störungen Organisationen dazu zwingen, ihre Betriebsregime ,nach unten‘ anzupassen“ (S. 85). Der B-Teil des Bandes trägt den Titel „Zugehörigkeiten“. Gamba befasst sich mit den neuen Ritualen, die während der Pandemie entstanden sind, und versteht diese als sozialen Kitt, um der Zerrissenheit des Alltags zu entkommen, als „Suche nach Sinn, nach Beziehungen, nach Teilhabe“ (S. 106). Mit dem Begriff der „sozialen Distanz“ setzt sich Debarbieux auseinander. Er stellt fest, dass die Pandemie zu einer Veränderung der sozialen Praktiken von Nähe und Distanz geführt habe. Felder befasst sich im anschließenden Beitrag mit den Auswirkungen der Krise auf die Städte und arbeitet heraus, dass der Lockdown die typischen Beziehungen und Interaktionen in diesen Räumen stillgelegt habe, zugleich aber auch neue Formen entwickelt wurden. Wie in familiären Kontexten soziale Distanz verhandelt wird, damit befasst sich Ciobanu. Ein besonderes Augenmerk legt sie dabei auf Familien mit Migrationserfahrung. Diese hätten bereits vor der Pandemie wirksame Strategien entwickelt, familiäre Beziehungen auch über geografische Distanzen hinweg aufrechtzuerhalten, weshalb sie diese als „Agenten der sozialen Innovation“ (S. 153) betrachtet. Der Teil C des Bandes befasst sich mit der Thematik „Verletzlichkeiten“. Cattacin setzt sich mit den stigmatisierenden Narrativen im Kontext der Pandemie auseinander und schlussfolgert, dass sich Kategorien, die vormals für unveränderbar gehalten wurden, teilweise umgekehrt oder transformiert haben. Widmer et al. untersuchen die „Vulnerabilitäten aber auch Ressourcen von Familien angesichts der durch COVID19 ausgelösten Krise“ (S. 169). Sie nähern sich dieser Frage mithilfe einer Analyse von Presseartikeln an und arbeiten die Stärken und Schwächen des Familienlebens in der Krise heraus. Mit den Auswirkungen der Pandemie für ältere Menschen in Spanien und der Schweiz befassen sich Oris et al. Die Politiken des Lockdowns haben nach ihnen ein aktives Altern, inklusive gesellschaftlicher Teilhabemöglichkeiten, erschwert. Umgekehrt fragt Stoecklin danach, wie sich die Pandemie auf das Leben von Kindern ausgewirkt hat. Er kritisiert hierbei deren geringe Beteiligung in der Krise und plädiert für eine stärkere Einbeziehung ihrer Perspektiven. Rosenstein untersucht wiederum, wie die Erfahrung des Lockdowns im Lichte der Soziologie der Behinderung zu verstehen ist. Sie sieht gewisse Analogien zwischen der ErK Was können Sozialwissenschaften zum Pandemiemanagement beitragen? 135 fahrung von Behinderung und der Erfahrung der Quarantäne und schlägt vor, diese Überschneidung „zu nutzen, um die durch die Krise zum Vorschein gekommenen Mängel [...] zu thematisieren“ (S. 239). Wie die Pandemie den Strafvollzug veränderte, damit befasst sich anschließend Nardone. Er stellt fest, dass sich sowohl die Gefängnisverwaltungen als auch die Reaktionen von Gefangenen gewandelt haben. Pignolo untersucht empirisch die Auswirkungen des Lockdowns auf den Cannabismarkt anhand von Interviews und zeigt, wie die Sozialwissenschaften analytische Einblicke in diese Welten eröffnen können. „Die Steuerung der Gesundheit“ heißt der D-Teil des Bandes. Burton-Jeangros untersucht zu Beginn dieses letzten Abschnitts das globale Pandemiemanagement aus einer machtanalytischen Perspektive. Sie richtet ihren Blick dabei auf verschiedene Akteurskonstellationen sowie ihre Machtbeziehungen und bemängelt die marginale Rolle der Sozialwissenschaften bei den Eindämmungsstrategien. Cianferoni betrachtet die Pandemie als Chance, Gesundheit am Arbeitsplatz neu zu überdenken. Hierfür legt sie eine an Marx orientierte Analyse der pandemischen Arbeitswelt vor und plädiert für eine stärkere Beteiligung der Arbeitenden. Was die Epidemiologie und die Sozialwissenschaften voneinander lernen können, danach fragt Wanner. Er schlussfolgert, dass die disziplinären Grenzen zukünftig überschritten werden sollten, um eine Sozialepidemiologie zu entwickeln. Abel nimmt in seinem Beitrag das Gesundheitswissen und die Gesundheitskompetenzen während der Corona-Krise in den Blick. Ein wirksames Pandemiemanagement müsse die Eigenund Mitverantwortung der Menschen fokussieren und die kritische Gesundheitskompetenz im Sinne eines Abwägens und Kontextualisierens fördern. Ricciardi setzt sich abschließend mit dem Zusammenhang zwischen globaler Mobilität und der Verbreitung von Krankheiten auseinander. Soziohistorisch rekonstruiert er, wie rassistische Stigmatisierungen mit Epidemien zusammenhängen und plädiert für eine humanistischegalitäre Perspektive. Der Teil E schließt den Band mit einem „Fazit“ der Herausgeber, in dem sie danach fragen, was die Sozialwissenschaften zum Management der Covid-19-Krise beitragen können. Sie betonen, dass das installierte Expertensystem demokratische Prozesse berücksichtigen müsse, wenn man gesellschaftlich „nicht [...] Gefahr einer Rückkehr zur blinden Technokratie laufen“ (S. 356) wolle. Der Band zählt vermutlich zu den ersten Veröffentlichungen, mit denen sich die Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum zur Corona-Krise zu Wort gemeldet haben. Die thematische Fülle und explorative Vielseitigkeit der Beiträge sind beeindruckend und werden umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wie zügig dieser Band erschienen ist. Positiv hervorzuheben ist die genuin sozialwissenschaftliche Perspektive der Autoren. In den Beiträgen werden soziologische Analysen und politische Implikationen fruchtbar miteinander verbunden. Dabei schrecken die Wissenschaftler auch nicht davor zurück, sich selbst normativ zu positionieren. Leider fehlt es den Beiträgen teilweise an theoretischer und empirischer Tiefe, was sicherlich mit dem schnellen Erscheinen zu erklären ist. Dies sollte den Sozialwissenschaften jedoch generell zu denken geben. Denn fundierte und empirisch gesättigte Analysen benötigen Zeit. Anstatt zu versuchen, mit der beschleunigten Moderne Schritt zu halten, sollten sich die Sozialwissenschaften zukünftig diese Zeit nehmen. Denn gerade solche Abkürzungen können eine wissenschaftliche Oberflächlichkeit K 136 H. Ohlbrecht, C. Grobys zur Folge haben, wodurch die analytische Stärke dieser Disziplinen im Verborgenen bleibt. Trotz dieser Kritik möchten wir für den Band eine Leseempfehlung aussprechen. Er bildet eine Fundgrube diverser Themen und Forschungsfragen und offenbart durch seinen explorativen Charakter viele Fäden, die auch in der Gegenwart sozialwissenschaftlich aufgenommen und forschend weitergesponnen werden können. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/ 4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Heike Ohlbrecht Prof. Dr., Lehrstuhlinhaberin Allgemeine Soziologie/Mikrosoziologie am Institut für Gesellschaftswissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Forschungsgebiete: Wandel der Arbeitswelt und Auswirkungen auf die psychosoziale Gesundheit, Emotionen und psychische Gesundheit in der Spätmoderne, qualitative Arbeitsund Gesundheitsforschung. Veröffentlichungen: Die qualitative Analyse von Gesundheit und Krankheit. Soziologie von Gesundheit und Krankheit. Wiesbaden 2024 (Hrsg. M. Richter, K. Hurrelmann). Christopher Grobys M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Soziologie/ Mikrosoziologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Forschungsgebiete: arbeitssoziologische Bewusstseinsforschung, soziologischer Marxismus, kritische soziale Arbeit, Mixed-Methods-Forschung. Veröffentlichungen: Zwischen Statuserhalt und gesellschaftlicher Veränderung. Zum Lohnabhängigenbewusstsein von ÖPNV-Beschäftigten. Zeitschrift Marxistische Erneuerung (137), 2024. K