Debt-for-Nature Swaps: Ein Finanzierungsinstrument zur Entschuldung und zum Umweltschutz in der Dritten Welt?
Abstract
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Full text
Amelung, Torsten Article Debt-for-Nature Swaps: Ein Finanzierungsinstrument zur Entschuldung und zum Umweltschutz in der Dritten Welt? Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Amelung, Torsten (1992) : Debt-for-Nature Swaps: Ein Finanzierungsinstrument zur Entschuldung und zum Umweltschutz in der Dritten Welt?, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 25, Iss. 2, pp. 295-321, https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293228 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Berichte Debt-for-Nature Swaps: Ein Finanzierungsinstrument zur Entschuldung und zum Umweltschutz in der Dritten Welt? Von Torsten Amelung*, Kiel I. Einleitung Die entwicklungspolitische Diskussion wird seit Mitte der achtziger Jahre zunehmend von zwei Problemkreisen beherrscht, welche lange Zeit isoliert behandelt worden sind, nämlich die Reduzierung der Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer und deren Umweltprobleme. In jüngster Zeit wurde jedoch sowohl in der politischen als auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion argumentiert, daß es einen engen Zusammenhang zwischen der Verschuldung der Entwicklungsländer und der Umweltzerstörung gibt (vgl. EK (1990), Kap. 3; Oberndörfer (1989), Page (1989)). Vor allem in bezug auf die tropischen Regenwälder, deren Zerstörung aufgrund globaler ökologischer Auswirkungen nicht im Interesse der Gläubigerländer liegt, wird vorgebracht, daß die Tropenländer gezwungen seien, verstärkt Tropenholz, Agrarprodukte und die unter dem Tropenwald befindlichen mineralischen Rohstoffe zu exportieren, um ihre Schulden bedienen zu können. Zur Lösung dieses Dilemmas wurden Debt-for-Nature-Swaps (DNS) in die Diskussion eingebracht, welche einen Schuldenerlaß gegen Naturschutz vorsehen (vgl. Schreiber (1988), Hansen (1989)). Dieses Entschuldungsmodell, welches in Anlehnung an das Konzept der Debt-for-Equity Swaps entwickelt wurde, bezeichnet Vereinbarungen und Transaktionen, bei denen finanzielle Forderungen an ein Entwicklungsland gegen Maßnahmen des passiven und aktiven Umweltschutzes und somit wirtschaftlichen Nutzungsverzichts getauscht werden. Ziel der DNS ist es, die Schuldnerländer in die Lage zu versetzen, ihren Bedarf an Devisen für Importen und Schuldendienstzahlungen decken zu können, ohne daß dabei zur Erzielung von * Der Autor dankt Herrn Dipl.-Volksw. Markus Diehl für wertvolle Hinweise. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
296 Berichte Deviseneinnahmen Tropenwald im bisherigen Umfang vernichtet werden muß. In diesem Beitrag soll aufgezeigt werden, inwiefern die DNS als Finanzierungsund Umweltschutzinstrument zur Lösung globaler Umweltprobleme und der Schuldenkrise der Dritten Welt und, wie unlängst auch vorgeschlagen (vgl. Schreiber (1988)), in Osteuropa beitragen können. Im nachfolgenden zweiten Abschnitt wird die Funktionsweise der DNS anhand der bisher durchgeführten DNS dargestellt. Dabei wird auch auf die bislang beobachteten technischen Schwächen des Konzepts eingegangen. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit einem eher konzeptionellen Aspekt der DNS, nämlich der Frage, ob es aus theoretischer Sicht einen kausalen Zusammenhang zwischen einer überhöhten Auslandsverschuldung und Umweltzerstörung in Entwicklungsländern gibt. Der Einsatz der DNS als wirtschaftspolitisches Instrument setzt nämlich die Existenz eines positiven Zusammenhangs voraus. Im vierten Abschnitt wird dann empirisch geprüft, ob die besonders hoch verschuldeten Länder in stärkerem Maß die Zerstörung ihrer natürlichen Ressourcen vorangetrieben haben, wie es das DNS-Konzept eigentlich erfordern würde. II. Bisherige Erfahrungen mit DNS Die bisher durchgeführten DNS sind unter Mitwirkung sogenannter Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zustandegekommen, die in den Gläubigerund Schuldnerländern auf dem Gebiet des Umweltschutzes tätig sind. Der DNS vollzieht sich in der Regel in drei Schritten (vgl. Schreiber (1988)). Zunächst erwirbt eine NGO den Schuldtitel eines Entwicklungslandes. Die NGO kann den Schuldtitel entweder - wie schon mehrfach geschehen - von Gläubigerbanken als Spende erhalten1 oder auf dem Sekundärmarkt mit dem üblichen Abschlag kaufen2. Im zweiten Schritt vereinbaren 1 Spenden wurden bislang vor allem von europäischen Banken gewährt, da amerikanische Geldgeber aus steuerlichen Gründen einem Verkauf der Schuldtitel am Sekundärmarkt den Vorzug gaben. Während bei einem Verkauf der Schuldentitel der gewährte Discount voll abzugsfähig ist, konnten bei einer Spende nur der aktuelle Sekundärmarktpreis der Schuldtitel geltend gemacht werden (vgl. Wagner (1990)). Bei sämtlichen Discounts, die 50% überschreiten, ist somit ein Verkauf günstiger. Mittlerweile ist auch in den USA der Nominalwert einer Spende abzugsfähig (vgl. Bedarff, Holznagel, Jacobeit (1991), S. 83). 2 Grundsätzlich ist dieser Sekundärmarkt ein Inter-Banken-Markt, auf dem die staatlichen Schulden von Entwicklungsländern bei privaten Banken gehandelt werden. Die Abschläge (discounts) auf den Nominalwert der Schuld sind somit als interbank-offer-rates zu bewerten. Der Sekundärmarkt erfaßt somit nur einen Teil der gesamten Entwicklungsländerschulden. Der Anteil der am Sekundärmarkt gehandelOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte 297 die NGO und die Zentralbank bzw. die Regierung des Schuldnerlandes, diese Schuldtitel zum Nominalwert in Landeswährung einzulösen oder in eine neue Schuldverschreibung in Landeswährung umzuwandeln. Die Zinsen aus der inländischen Schuldverschreibung oder der bei Tilgung ausbezahlte Nominalwert in Inlandswährung werden in einem dritten Schritt einer staatlichen Umweltschutzbehörde oder einer nach Landesrecht als gemeinnützig eingestuften Umweltschutzorganisation im jeweiligen Schuldnerland zugeführt, welche damit Umweltschutzprojekte, insbesondere die Einrichtung und Erhaltung von Reservaten und Naturparks sowie andere Umweltschutzprojekte finanziert. Durch eine derartige Umwandlung von Auslandsin Inlandsschulden kann das Schuldnerland zumindest seine auf Fremdwährung lautenden Auslandsschulden reduzieren3. Die Ausgestaltung der DNS kann sich im Einzelfall unterscheiden. Bislang wurden DNS in acht Ländern implementiert, wie die Übersicht in Tabelle 1 zeigt. In einigen Ländern (Madagaskar, Costa Rica und Ecuador) wurden nacheinander mehrere DNS durchgeführt. Da bei den Verhandlungen und der Durchführung der DNS häufig Vertraulichkeit vereinbart wurde, ist es nicht möglich, sämtliche Verkäufer der für den DNS aufgekauften Sekundärtitel auszumachen. Der gesamte Nominalwert der bereits durchgeführten DNS soll 1990 bereits 100 Millionen US $ betragen haben (Reilly (1990)). Der Marktwert der auf dem Sekundärmarkt gekauften Schuldtitel lag mit Ausnahme der Philippinen und Madagaskar, bei denen ein Abschlag von etwa 50% gewährt wurde, deutlich unter 40% des Nominalwertes. Im Fall des von der deutschen Sektion des WWF organisierten DNS für Madagaskar ten Schulden an den gesamten staatlichen Auslandsschulden ist in Lateinamerika besonders hoch, da ungefähr zwei Drittel der dort bestehenden staatlichen Auslandsschulden im Jahr 1988 bei privaten Banken aufgenommen worden sind. In Schwarzafrika dagegen beträgt dieser Anteil nur ein Viertel. Potentiell können 300 Mrd. US $ an Entwicklungsländerschulden über die Sekundärmärkte gehandelt werden (vgl. Tammes (1990)). Dies ist nicht einmal ein Drittel der gesamten staatlichen Entwicklungsländerschulden im Jahr 1987, die 1176 Mrd. US $ betrugen (vgl. World Bank, World Development Report (1989)). Diese Summe von 300 Mrd. US $ steht jedoch nicht in voller Höhe für DNS zur Verfügung, da der Markt grundsätzlich aus zwei Segmenten besteht. Es gibt Länder, deren Schuldtitel häufig gehandelt werden, und andere Länder, bei denen Transaktionen nur selten stattfinden. Zum ersten Segment, das für die Durchführung von DNS interessant ist, gehören nur 20 Länder. 3 Ein partieller Schuldenerlaß ist mit einem DNS nur dann verbunden, wenn erstens die NGO einen höheren Discount als das Schuldnerland aushandeln kann und zweitens diesen auch bei der Umwandlung an letzteres weitergibt oder durch die Gestaltung der Umweltpolitik eine Entlastung des Staatsbudgets herbeiführt. Bislang wurden jedoch alle DNS zum Nominalwert oder mit geringfügigen Abschlägen umgewandelt, so daß nicht von einem partiellen Schuldenerlaß ausgegangen werden kann. 20 Kredit und Kapital 2/1992 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
298 Berichte Tabelle 1 : Übersicht über die bisher Zeitpunkte Juni 1987 Oktober 1987 Februar 1988 der durchgeApril 1989 Juli 1988 führten DNS Januar 1989 April 1989 März 1990 Schuldnerland Käufer des Schuldentitels Bolivien Conservation International (CI) Verkäufer Citicorp Investment Foundation Ecuador World Wildlife Fund (WWF-US), Nature Conservancy, Missouri Botanical Gardens American Express Bank, Bankers Trust, Morgan Guaranty Costa Rica WWF-US, CI, WWFCanada, Nature Conservancy Asociación Ecológica La Pacifica, Pew Charitable Trust, Mac Arthur Foundation, J.S. Noyes Foundation, W. Alton Jonas Found, Organization for Tropical Studies, Swedish Society for the Conservation of Nature American Express Bank, Fleet National u.a. Nominalwert 0,65 10,00 79,25 (Mio US$) Marktwert 0,10 1,46 12,16 (Mio US$) Durchschnitt85 85 85 licher Abschlag (%) Anteil des Nominal0,01 0,10 2,18 werts der DNS an den gesamten staatlichen Auslandschulden (%) im Jahr 1987 Quelle: Amelung (1991); World Bank (1989); Bedarff, Holznagel, Jacobeit (1991). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte durchgeführten DNS, 1987 - 1990 299 Juni 1988 April 1989 Juni 1989 Januar 1990 März 1990 August 1990 August 1990 Philippinen WWF-US Madagaskar WWF-Germany, WWF-US Zambia WWF-US, WWF-Netherlands Polen WWF Dominikanische Republik Nature Conservancy, People's Trust for Endangered Species Deutsche Bank, NMB Dresdner Bank, (NetherNational Westlands) minster Bank, Amro Bank, Société-Génerale, Banque de l'Union Européenne, Credit Commercial de France 1,29 3,03 2,23 0,05 0,58 0,64 1,40 0,45 0,01 0,12 50 54 80 80 79 0,006 0,97 0,05 0,00 0,00 20* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
300 Berichte wurde der Schuldentitel nicht über den Sekundärmarkt gekauft, sondern von der Deutschen Bank gespendet. Bei fast allen DNS war der WWF, von dem dieses Konzept ursprünglich entwickelt wurde, maßgeblich beteiligt. Im Fall von Ecuador und Costa Rica wurde der Nominalwert der Schuldentitel in auf inländische Währung ausgestellte Schuldverschreibungen umgewandelt. Aus deren Zinsen finanzieren die heimischen Umweltschutzorganisationen, die auch rechtlich die Eigentümer der Forderungen geworden sind, die im Zuge des DNS vereinbarten Umweltschutzprojekte. Die oben beschriebenen DNS haben jedoch deutliche Schwächen, die sich sowohl aus der Art ihrer bisherigen Durchführung ergeben als auch mit konzeptionellen Schwächen des DNS-Konzepts verbunden sind. Unter die erstere Kategorie fällt die Tatsache, daß die bisher bei den Swaps eingesetzten Summen zu gering sind, als daß dadurch die Belastung durch den Schuldendienst merklich abgenommen und die ökonomische Lage der betroffenen Schuldnerländer sich gebessert hätte. Bolivien hatte beispielsweise zum Zeitpunkt des DNS eine Auslandsverschuldung von 5,4 Mrd. US $, so daß der mit dem WWF vereinbarte Swap nur 0,01 vH dieser Schulden abdecken konnte. Nur in Costa Rica überstieg der Nominalwert der aufgekauften Schuldobligationen den Anteil von 2 vH an den Auslandsschulden in 1987. Der Grund für den geringen Umfang der DNS liegt darin, daß diese von privaten Umweltschutzorganisationen finanziert wurden, die von Spenden abhängig sind und daher nur begrenzt die zur Bewahrung größerer Regenwaldgebiete erforderlichen finanziellen Mittel aufbringen können. In diesem Zusammenhang spielt das Trittbrettfahrerverhalten eine besondere Rolle. Die Spende an eine Umweltorganisation trägt zur Verbesserung der Umweltsituation bei und stiftet damit nicht nur dem Spender, sondern allen Wirtschaftssubjekten, die von den durch die Umweltzerstörung im Schuldnerland betroffen sind, einen Nutzen. Dadurch entsteht für die Wirtschaftssubjekte der Anreiz, sich als Spender zurückzuhalten und von anderen Wirtschaftssubjekten einen Beitrag zum Umweltschutz zu erwarten, da keiner von den positiven Auswirkungen des Umweltschutzes ausgeschlossen werden kann. Die Folge ist ein Spendenaufkommen, mit dem sich weniger DNS finanzieren lassen, als das bei einem gesamtwirtschaftlichen Optimum der Fall wäre. Um dieses Trittbrettfahrerverhalten auf nationaler Ebene auszuschließen, wäre es notwendig, daß staatliche Träger die Finanzierung der DNS übernähmen. Dies hätte auch insofern seine Berechtigung, da die positiven externen Effekte, die von der Bewahrung der tropischen Regenwälder ausgehen, als ein öffentliches Gut betrachtet werden können, das im Prinzip von allen Bürgern eines Landes nachgefragt wird. Inzwischen ist es auch im zwischenstaatlichen Bereich zu einigen partiellen Schuldenerlassen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte 301 gekommen, bei denen ein Junktim mit Umweltschutzmaßnahmen vereinbart worden ist (vgl. EK (1990), S. 432)4. Die DNS sollten jedoch nicht nur auf rein bilateraler Basis abgewickelt werden, da eine internationale Koordination der DNS erforderlich ist, um Trittbrettfahrerverhalten von seiten einzelner Länder zu begrenzen. In diesem Zusammenhang wurde die Bildung eines multilateralen Umweltfonds vorgeschlagen, der sich mit der Finanzierung von Umweltschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern befassen soll (vgl. Amelung (1989)). Selbst wenn durch Beteiligung staatlicher Institutionen die für DNS zur Verfügung stehenden Finanzmittel gesteigert werden könnten, so hat sich schon im Zusammenhang mit den bisher durchgeführten DNS gezeigt, daß der derzeitige Sekundärmarkt nur bedingt für eine Abwicklung von DNS geeignet ist. Der damit eintretende Nachfrageschub nach Sekundärmarktpapieren bzw. die bloße Erwartung eines bevorstehenden DNS führt unweigerlich zu einer Kurssteigerung auf diesen Finanzmärkten, da selbst kleine partielle Veräußerungen von Schuldforderungen eine Neuermittlung des Buchwertes der Restforderungen durch die Gläubigerbanken nach sich ziehen. Die DNS werden daher zunehmend teurer (vgl. Amelung (1989)). Dadurch werden in erster Linie die Gläubigerbanken begünstigt, die ihre Schuldtitel mit sehr viel niedrigeren Abschlägen verkaufen können. Selbst bei den bislang geringen Nachfrageschüben durch die von privaten Organisationen durchgeführten DNS war das Risiko von Preisschwankungen für die beteiligten Umweltschutzorganisationen beträchtlich. Hansen (1989) konnte zeigen, daß sich die Sekundärmarktpreise jeweils sprunghaft erhöhten, als der Versuch eines DNS bekannt wurde. Eine umfangreiche Implementierung von DNS setzt daher die Schaffung eines größeren Sekundärmarktes voraus5. 4 So ist beispielsweise Laos der Entwurf eines Schuldenerlaß Vertrages i.H.v. 56,6 Millionen DM übersandt worden, wonach sich der Schuldner verpflichtet, Mittel in Höhe der jeweiligen Jahresrate des Schuldenerlasses für den Umweltund Tropenwaldschutz einzusetzen (vgl. Entwicklungspolitische Informationen (EPI), Nr. 3/91). Darüber hinaus haben sich die Regierungen der Niederlande und von Schweden an den DNS mit Costa Rica beteiligt (vgl. Tabelle 1). 5 Zur Zeit wird das Handelsvolumen des Sekundärmarktes für staatliche Entwicklungsländerschulden auf 40 - 50 Mrd. US $ geschätzt (vgl. Tammes (1991)). Im Verhältnis zum Handelsvolumen anderer Finanzmärkte ist das Handelsvolumen also vergleichsweise gering, wenngleich die bisher abgewickelten DNS einen nicht annähernd großen Wert hatten. Da jedoch ein großer Teil der Geschäfte auf dem Sekundärmarkt durch den Tausch von Schuldentiteln zwischen einzelnen Banken dominiert wird, ist bei einem Kauf von Schuldentiteln mit einer hohen Preisreagibilität zu rechnen, die auch damit zu begründen ist, daß es sich bei dem Sekundärmarkt um einen oligopolistisch organisierten Markt handelt. Um eine Kartellbildung der wenigen Banken, die die handelbaren Schuldtitel eines Landes halten, zu erschweren, könnten die NGOs OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
302 Berichte Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, daß von einer erheblichen Ausweitung der DNS grundsätzlich inflationäre Wirkungen ausgehen können. Dies ist gegeben, wenn in der Phase des eigentlichen Swaps der Schuldtitel in Landeswährung getilgt und zum Zwecke des Umweltschutzes ausgegeben wird, wobei die Regierung die dazu erforderlichen Mittel durch Geldschöpfung beschafft, ohne daß die Zentralbank durch Steuereinnahmen kompensiert wird oder eine restriktive Politik zur Kontrolle der Geldmenge fahren kann6. Dadurch erhöht sich die umlaufende Landeswährung. Ein Ausweg wäre, den auf Fremdwährung lautenden Schuldtitel in eine inländische Schuldverschreibung umzuwandeln und somit auf eine sofortige Tilgung der Schuldtitel in Landeswährung zu verzichten. Die zur Disposition stehenden Umweltprojekte können auch aus den Zinsund Tilgungszahlungen finanziert werden, wie das bei einigen DNS in Costa Rica der Fall war. Diese Vorgehensweise löst außerdem das Prinzipal-Agent-Problem, das mit einer Einlösung in Landeswährung verbunden ist. Dieses Problem taucht immer dann auf, wenn eine vertragliche Beziehung zwischen einem Agenten, der von einem Prinzipal Verfügungsmacht zugewiesen bekommen hat, und einem Prinzipal, dessen Nutzen als Eigentümer oder Auftraggeber von den Entscheidungen des Agenten abhängt, hergestellt werden soll. Das Problem besteht darin, daß nach Abschluß des Vertrages der Agent die Möglichkeit hat, seinen Nutzen zu Lasten des Prinzipals zu maximieren. Ein Tropenland, dessen Schuldtitel bereits in Landeswährung eingelöst und zum Zwecke des Umweltschutzes ausgegeben worden sind, könnte die daran geknüpften Auflagen brechen, ohne daß die Durchführungsorganisation des DNS eine Sanktionsmöglichkeit hätte7. Bei einem Verzicht auf oder staatliche Durchführungsorganisationen für DNS ein Mengenoder DiscountTenderverfahren durchführen. 6 Die mit größeren DNS verbundene Inflationsgefahr wurde vor allem vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit debt-for-equity swaps diskutiert, bei denen es zu einer Ausdehnung der Geldmenge mit inflationären Wirkungen kam (vgl. Wagner (1990), S. 162). Auch aus diesem Grund wurden diese swaps mittlerweile in den meisten Ländern ausgesetzt. Der Umfang der bisherigen DNS war jedoch zu gering, als daß deren Finanzierung durch Geldschöpfung die Inflation hätte anheizen können. 7 Wenn die Konditionen des DNS die Einrichtung eines Reservats aus Mitteln des DNS vorsehen, so hat das Land bei einer einmaligen Tilgung die Möglichkeit, danach umweltschädigende wirtschaftliche Aktivitäten auf dem Gebiet des Reservats zuzulassen bzw. die Deklarierung dieses Gebiets als Reservat in Frage zu stellen. Bei einer zeitlichen Streckung der Tilgung bleiben der NGO immer noch die ausstehenden Forderungen, um Druck auf die Regierung auszuüben. In der Praxis hat sich bereits gezeigt, daß die Schuldnerländer versuchen, die an den DNS geknüpften Konditionen zu unterlaufen. So verbuchte die bolivanische Regierung die durch die DNS geschaffenen und für das Management eines Naturparks bestimmten Mittel gleich zweimal im Haushaltsplan und gab sie dann für andere Zwecke aus (vgl. Page (1989), S. 279). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte 309 Wie Gleichung (1 d) zeigt, ist das Vorzeichen von 8 M/3 D unbestimmt. Aus (1 c) ergibt sich, daß ein positiver Zusammenhang zwischen D und H nur dann besteht, wenn (1 d) positiv ist. Dies gilt jedoch nur, wenn die Schulden im Vergleich zu den Sanktionskosten hinreichend niedrig sind und die Sanktionskosten 5 größer sind als die Auslandsschulden D. Bei einem ansteigenden Schuldengrad, kann sich die Beziehung selbst bei einer positiven Differenz von (S - D) umkehren, da bei einem größeren D tendenziell der Betrag von aH zunimmt, wobei der Betrag von aH größer ist als der von aHD. In der Regel werden die Gläubiger darauf achten, daß die Schulden nicht die Sanktionskosten überschreiten. Falls dies jedoch z.B. durch eine exogene Änderung der Zinssätze eintritt, führt aufgrund von (ld) und (lc) jede weitere Zunahme der Verschuldung zu einer Abnahme der Nutzung natürlicher Ressourcen. Darüber hinaus sind noch andere Gründe denkbar, aufgrund derer bei einem hinreichend hohen Verschuldungsgrad eine Erhöhung derselben zu einer Verringerung der Ressourcennutzung führt: - Bei einem nicht perfekten Kapitalmarkt steigen nicht nur die Zinsen für zusätzliche Kredite, wie dies bei Rauscher (1990) angenommen wird. Bei einer bestimmten Ausfallwahrscheinlichkeit muß das Land mit einer mengenmäßigen Rationierung des Kreditangebots rechnen, welche das Schuldnerland an der Durchführung weiterer Investitionen hindern. In einer wachsenden Wirtschaft sind derartige Investitionen jedoch für eine weitere Ausbeutung seiner natürlichen Ressourcen unerläßlich. - Hansen (1989) weist darauf hin, daß das Land nicht nur die Möglichkeit hat, seine Exporte zu steigern, um somit den Schuldendienst zu finanzieren. Ein Handelsbilanzüberschuß kann auch durch eine Reduzierung der Importe erreicht werden. Soweit es sich bei diesen Importen um Kapitalgüter handelt, die zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen verwendet werden, ist eher mit einer Abnahme der Umweltschädigung bei steigendem Schuldengrad zu rechnen. Diese Verhaltensweise ist für das Schuldnerland jedoch nur dann von Vorteil, wenn die Umweltressourcen nur in geringem Maße zum Export und damit zur Verbesserung der Schuldendienstfähigkeit beitragen, so daß der aus der Importreduzierung resultierende Nettoeffekt positiv ist. - Im Zusammenhang mit der Schuldenüberhangtheorie (vgl. Krugman (1988), Sachs (1988)) wurde bereits gezeigt, daß eine überhöhte Verschuldung zu einer Verringerung der Investitionsanreize führen kann, da ein wachsender Teil der Erlöse aus der Ausbeutung natürlicher Ressourcen dem Schuldendienst anstatt der inländischen Verwendung zugeführt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
310 Berichte werden. Da das Land bei einem hohen Schuldenüberhang erwarten muß, daß sämtliche Gewinne zur Bedienung der Auslandsschulden verwendet werden, werden die Anreize zur Investition in die Ausbeutung natürlicher Ressourcen gedämpft. Die Wirtschaftssubjekte werden in dieser Situation eher versuchen, ihr Finanzkapital durch Kapitalflucht dem Zugriff zur Bedienung der Auslandsschulden zu entziehen. Die oben aufgezeigten Zusammenhänge verdeutlichen, daß es keine eindeutige Beziehung zwischen Verschuldungsgrad und Umweltnutzung gibt. Das Zusammenwirken der verschiedenen Effekte wird in der Abbildung 1 verdeutlicht. Auf der horizontalen Achse wird der Verschuldungsgrad D abgetragen, während die vertikale Achse die relative Änderung in der Nutzung der Umwelt H widerspiegelt. Die Beziehung zwischen den beiden Variablen hängt davon ab, in welchem Abschnitt der Kurve sich das Land befindet. Im Abschnitt 0-D1 hat der Verschuldungsgrad keinen Einfluß auf das Ausmaß der Umweltnutzung. Dies bedeutet jedoch nicht, daß in diesem Abschnitt keine Nutzung der Umweltressourcen stattfindet, sondern daß in diesem Bereich keine Umweltschädigung durch die aus der Verschuldung entstehenden Fehlanreize aufkommt. Im Abschnitt zwischen Dl und D2 versucht das Land dagegen, der Verschuldung und der damit wachsenden Ausfallwahrscheinlichkeit kurzfristig durch Erhöhung der Deviseneinnahmen und dadurch bedingter erhöhter Umweltnutzung zu begegnen. Mit weiter ansteigendem Verschuldungsgrad verringern sich die Sanktionskosten im Verhältnis zu den Schuldendienstzahlungen und auch die Investitionsanreize, während die Anreize zur Kapitalflucht ansteigen. Dies führt im letzten Abschnitt der Kurve zu einer Verringerung der Umweltnutzung. H Di D3 D Abbildung 1 Ein solcher Kurvenverlauf zeigt auf, daß eine Reduktion von Auslandschulden unterschiedliche Auswirkungen auf die Umweltnutzung haben kann, je nachdem, in welchem Umfang der Verschuldungsgrad reduziert OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte 311 und von welchem Niveau der Auslandsverschuldung ausgegangen wird. Ein Schuldenerlaß hat nur dann unweigerlich eine Reduzierung der Umweltnutzung zur Folge, wenn der Verschuldungsgrad zwischen Dl und D2 liegt. Eine Verminderung des Verschuldungsgrades von D3 auf D2 erhöht die durch die Überschuldung hervorgerufenen Anreize zur Umweltnutzung. Eine Verringerung der durch das DNS-Konzept beabsichtigten Umweltnutzung würde somit unterbleiben. Da einzelne Schuldnerländer unterschiedliche Kurvenverläufe aufweisen können, ist in keinem Fall von vornherein festzustellen, in welcher Richtung ein Schuldenerlaß in bezug auf das wirtschaftspolitische Ziel der Bewahrung der Umwelt wirkt. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, einen Tausch von Schulden gegen Umwelt, wie er mit dem Instrument der DNS vorgenommen wird, mit Umweltschutzauflagen zu verknüpfen, den Tropenwald zu erhalten. Nur so kann sichergestellt werden, daß das anvisierte Ziel des Umweltschutzes auch erreicht wird. IV. Der empirische Zusammenhang zwischen Umweltschutz und Auslandsverschuldung Eine empirische Untersuchung des Zusammenhanges zwischen Umweltschutz und Auslandsverschuldung ist bislang vor allem vor dem Hintergrund fehlender Meßkonzepte noch nicht erfolgt. Bei der empirischen Analyse des Zusammenhangs stellen sich vor allem folgende Probleme: 1. Das Ausmaß der Zerstörung natürlicher Ressourcen kann für die meisten Länder bislang nicht im Sinne von volkswirtschaftlichen Kosten quantifiziert werden. Zum einen stellt sich dabei die Frage, ob die Kosten der Wiederherstellung oder die Höhe der mit der Umweltzerstörung einhergehenden Nutzeneinbuße in Anschlag gebracht werden. Zum anderen können aufgrund der bislang fehlenden Bewertung weiter Bereiche der Umwelt nicht sämtliche Umweltschäden in einer Volkswirtschaft erfaßt werden. Im folgenden wird daher deshalb nur auf ein Umweltproblem eingegangen, nämlich die Zerstörung der tropischen Regenwälder, welche in vielen Schuldnerländern das größte Umweltproblem darstellt. Wie aus Tabelle 2 ersichtlich ist, wird die Rodung tropischer Regenwälder als Prozentsatz des Waldbestandes im Jahr 1980 angegeben, um die größeren Rodungsflächen in Ländern mit großen Waldbeständen zu relativieren. 2. Ein weiteres Problem ergibt sich bei der Quantifizierung des Verschuldungsgrades. Wie aus Tabelle 2 zu ersehen ist, können dabei verschiedene Meßzahlen zugrundegelegt werden, z.B. die Schuldenquote, d.h. das VerOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
312 Berichte X , cn \ Q Ü 03 Q CLh £ CO ü 00 p i T COi-ICOT-II-HCOCO^ NCOlfllflHMMM^inMN H ^rHT^C^OOCDCDCO^OJOiniNCOCSlOOM^OS--. ul M H C3 N rl CM CM T-H »-H i—I X <ioO(NmOiI>rHOOI>CSieO(MCOlOOOCOOiOt>lrtCSJ £ CO i-l T*< CSJ M M H N »—I r—I CM I CO CM I < ^ £ I PH l' CO Q Q Tii^Ol^ncON^MNHNCO^^IN'tN COlOrHCOOOlOOiD^OOi-ICOtr-CDCDOOOJTfC-ini & •ff «¿i-H^rHOOCMCMtT-CO©^ h! ^ N M P3 H | CO t> i-H CM CMCMCOCOC^OlOOOJOSOiin oodddddoi-ii-id OlOtD^TjtOO^MH 1-i O 1-i CM cd 10 CT) CT» <D 00 A PS ^ CT) cö 00 > CT5 COCSjtr^^i-jrHTflOCSj^OOCOCMO^COOlOOOlO ddddddddddi-ld'-i^eMT-i^-i^-icoioco ddddd^i-irHCMCMCMCMco^TtTi<incoco^irj ^ « s z ö % d D ^ d o 3 Ü ÜN^PLHO^UKWCQOHHSOW^^gH^y OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
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314 Berichte hältnis der Auslandsschulden zum Bruttoinlandsprodukt, die sogenannte „debt-service-ratio", d.h. der Schuldendienst als Anteil der Exporterlöse, sowie der Schuldendienst im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Darüber hinaus können auch Meßzahlen, wie z.B. die Country-Ratings des Institutional Investor Magazins, die die Bonität des Schuldnerlandes beschreiben, zur Quantifizierung des Verschuldungsgrades herangezogen werden. Da diese Kennzahlen unterschiedliche Aspekte, die sich aus der Verschuldungssituation eines Landes ergeben, hervorheben (vgl. Amelung, Mehltretter (1986 a), (1986b)), werden an dieser Stelle sämtliche Kennzahlen zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Umweltnutzung und Verschuldungsgrad herangezogen. Dies ist durchaus sinnvoll, da die Korrelation zwischen diesen Kennzahlen zur Messung des Verschuldungsgrades vergleichsweise gering ausfällt, wie die Tabelle AI im Anhang belegt. 3. Eine empirische Untersuchung des Determinanten der Rodung läßt sich nicht auf den oben beschriebenen Zusammenhang zwischen Verschuldung und Umweltnutzung reduzieren. Das Ausmaß der Rodung wird auch von anderen Determinanten, nämlich Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum und die Ausgestaltung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern maßgeblich beeinflußt. Insofern ist eine derartige Zusammenhangsanalyse unvollständig. Letzteres trägt sicherlich auch dazu bei, daß sich aus Tabelle 2 weder über die Zeit hinweg noch im Vergleich einzelner Länder eine Beziehung zwischen den Rodungsraten einzelner Länder und deren Verschuldungsgrad ausmachen läßt. Wie die Korrelationskoeffizienten in der Tabelle A2 im Anhang zeigen, ist ein starker positiver Zusammenhang zwischen Verschuldungsgrad und Rodung nicht nachweisbar. Dies gilt auch, wenn die Änderungen der Rodungsraten und des Verschuldungsgrades miteinander korreliert werden. Vergleichsweise stabil ist nur die Beziehung zwischen den Rodungsraten und der Schuldenquote, wobei auch hier der Korrelationskoeffizient den Wert von 0,25 nicht erreicht. Empirisch läßt sich somit weder ein positiver noch ein negativer Zusammenhang zwischen einem hohen Verschuldungsgrad und Umweltzerstörung herleiten. Die niedrigen Korrelationskoeffizienten können aber auch auf eine ambivalente Beziehung zwischen den beiden Variablen hinweisen, wie es im letzten Abschnitt vermutet wurde. Die Streudiagramme 1 - 4 im Anhang verdeutlichen den Zusammenhang zwischen absoluten Veränderungen des Verschuldungsgrades und den absoluten Veränderungen der Rodungsraten für OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte 315 die in Tabelle 2 betrachteten Länder. In Schaubild 1, bei dem der Verschuldungsgrad sich auf die Schuldenquote bezieht, zeigt sich, daß mit Ausnahme von Venezuela, das eine Abnahme der Rodung erfuhr, die Zunahme des Verschuldungsgrades mit einer Verschlechterung der Umweltsituation einherging. Dieses Ergebnis ist jedoch weniger eindeutig, wenn andere Indikatoren zur Messung des Verschuldungsgrades herangezogen werden. In Schaubild 2, bei dem die Zunahme des Anteils des Schuldendienstes am Sozialprodukt auf der horizontalen Achse abgebildet wird, wird der positive Zusammenhang zwischen Verschuldungsgrad und Umweltzerstörung durch die Länderbeispiele Elfenbeinküste, Peru und Zaire zumindest in Frage gestellt. In diesen drei Ländern ging die Abnahme des Verschuldungsgrades mit einer Erhöhung der Rodung von tropischen Regenwäldern einher. Wenn die Schuldendienstfähigkeit als Indikator für den Verschuldungsgrad zugrundegelegt wird, bestätigt sich dieses Bild für die Länder Zaire und Peru. In Schaubild 4, bei dem die horizontale Achse die Differenz der Bewertungen durch den Institutional Investor von 1981 und 1988 widerspiegelt, sind es die Länder Zaire, Kamerun, Indien und Thailand, bei denen trotz einer Verbesserung der Verschuldungssituation eine verstärkte Nutzung der natürlichen Ressourcen zu verzeichnen war. Trotz der teilweise starken Abweichungen in den einzelnen Schaubildern, die sich aus der unterschiedlichen Messung des Verschuldungsgrades ergeben, scheint für die Mehrzahl der Länder ein Anstieg des Verschuldungsgrades von einer verstärkten Nutzung der natürlichen Ressourcen begleitet worden zu sein. V. Zusammenfassung und Schluß Die bisher durchgeführten DNS haben gezeigt, daß aufgrund der mangelnden Finanzausstattung der Durchführungsorganisation sowie des geringen Umfangs des Sekundärmarkts für Schuldentitel das eigentliche Ziel, nämlich eine Entschuldung der Entwicklungsländer, nicht erreicht werden konnte. Die Umweltschutzerfolge, welche im Rahmen dieser DNS verzeichnet werden konnten, sind daher eher auf die mit den Transferzahlungen verbundenen Konditionalitäten zurückzuführen. Die Frage, ob durch eine Entschuldung von Entwicklungsländern Anreize geschaffen werden, die dort befindlichen Umweltressourcen zu erhalten, ist jedoch aus theoretischer Sicht umstritten. So veranlassen die mit einer Liquiditätskrise verbundenen Kosten die Schuldnerländer sicherlich zu einer Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen, um diese Kosten zu vermeiden. Wie in einem einfachen Modell gezeigt werden konnte, nimmt der Anreiz zur Abwehr der Liquiditätskrise durch Ausbeutung der natürlichen 21* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
316 Berichte Ressourcen mit steigender Verschuldung ab und kann bei hinreichend hohem Schuldenstand in eine Situation einmünden, in der eine weitere Zunahme der Verschuldung tendenziell zu einer geringeren Nutzung der natürlichen Ressourcen führt. Eine empirische Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Verschuldungsgrad und Umweltnutzung scheitert daran, daß der Begriff Verschuldungsgrad nicht hinreichend operationalisiert werden kann und für die Entwicklungsländer keine Zeitreihen für Umweltzerstörung vorliegen. Die für Anfang und Ende der achtziger Jahre zur Verfügung stehenden Daten belegen jedoch, daß bei in höherem Maße verschuldeten Ländern nicht a priori von einer größeren Umweltzerstörung ausgegangen werden kann. Ebenso zeigte sich, daß Änderungen des Verschuldungsgrades für einzelne Länder nicht notwendigerweise mit einer Erhöhung der Umweltzerstörung einhergehen. Für die Bewertung der DNS als Politikinstrument bedeutet dies, daß auf Konditionalitäten bei der Durchführung nicht verzichtet werden kann. Nur die Umweltschutzauflagen bieten letztendlich eine Gewähr, daß die mit der Entschuldung von Entwicklungsländern beabsichtigte Verbesserung in deren Umweltsituation tatsächlich einhergeht. In diesem Sinne sind die DNS jedoch nicht von einseitigen Transferzahlungen zu unterscheiden, die unabhängig von der Verschuldungssituation des einzelnen Landes gewährt werden können. Da das Aufkaufen von Schuldtiteln und deren Umtausch mit technischen Problemen verbunden ist, muß daher überlegt werden, ob eine direkte Kompensation von Ländern, die ihre natürlichen Ressourcen zu schützen bereit sind, nicht eine einfachere Lösung darstellen. Für die im DNS-Geschäft beteiligten privaten Umweltschutzorganisationen bedeutet dies, daß sie ihre Projekte in Entwicklungsländern auch direkt finanzieren könnten. So hat beispielsweise der WWF bei der Finanzierung des Oban Nationalparks auf einen DNS verzichtet und die Spendengelder direkt dem Projektträger zukommen lassen. Eine solche Transferlösung hätte darüber hinaus noch andere Vorteile. Bei einer periodischen Auszahlung eines solchen Transfers hat der Empfänger des Transfers weniger Anreize, die mit den DNS einhergehenden Konditionalitäten zu brechen, da der Transferzahler seine Kompensationszahlungen gegebenenfalls einstellen kann. Im Hinblick auf dieses mit internationalen Transferzahlungen verbundenen Prinzipal-Agenten-Problem sind derartige Kompensationsleistungen somit den DNS überlegen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
Berichte 317 Schaubild 1 -PIC • NIG -• • THAI - • PHIL -p • CR • MEX tßRA D MAL CAM 0 PNG GIN —•COL • PE • ZAI • DOL • ECU • CON 1 1 • VEN I - "1 • r 1 • T-1 •! T •• I"1 T - "1— • 1 - -r - 1 1 -20 0 20 40 60 B0 100 120 140 dgnp Erläuterungen und Quelle: S. Tabelle 2 im Text. Schaubild 2 - • IC l 1PE gMx • NIG p MAD • THAI • PHIL •MEX 11 aBWOBOL u •ECU •cam aPNGgG8K ° IN •VEN I I i i I I I i i 1 i 1 i 1 1 l l -8 -6 -4 -2 0 2 4 6 8 10 dsgnp Erläuterungen und Quelle: S. Tabelle 2 im Text. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10
318 Berichte Schaubild 3 10 9 - 8 7 6 - 5 - 4 - 3 - 2 - 1 • PE • ZAI • MAD • THAI • PHIL • MEX TÌRAD DBOL DMAL • ECU DCAMDPNG QC0N DIN •< :OL • VEN -1 —r20 -20 dsx Erläuterungen und Quelle: S. Tabelle 2 im Text. Schaubild 4 10 9 - 8 - 7 6 5 - 4 - 3 - 2 - 1 - •THAI • I cßl • ZAI • IC • PHIL • CON •GA • BOL • PNG • IN • COL • en • PE •MEX •VEN —r~ 15 — 25 —I— 35 -5 45 Erläuterungen und Quelle: S. Tabelle 2 im Text. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.25.2.295 | Generated on 2023-01-16 13:02:10