[Rezension] Mit den Sozialwissenschaften aus der Klimakrise?!
Abstract
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Full text
Sonnberger, Marco Book Review — Published Version [Rezension] Mit den Sozialwissenschaften aus der Klimakrise?! KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Sonnberger, Marco (2025) : [Rezension] Mit den Sozialwissenschaften aus der Klimakrise?!, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 77, Iss. 2, pp. 299-302, https://doi.org/10.1007/s11577-025-01005-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/330717 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
LITERATURBESPRECHUNGEN https://doi.org/10.1007/s11577-025-01005-0 Köln Z Soziol (2025) 77:299–302 Mit den Sozialwissenschaften aus der Klimakrise?! Marco Sonnberger Angenommen: 2. Juni 2025 / Online publiziert: 27. Juni 2025 © The Author(s) 2025 Diekmann, Andreas: Klimakrise. Wege aus dem Dilemma. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2024. 193 Seiten. ISBN: 978-3-7560-1635-8. Preis: C19,–. Die Klimakrise stellt eine der größten Herausforderungen, wenn nicht gar die größte, in der Menschheitsgeschichte dar. Wenn man den Klimawissenschaften Glauben schenken mag, dann besteht nicht mehr viel Zeit, um von treibhausgasintensiven und inhärent umweltzerstörerischen Produktionsund Lebensweisen zu nachhaltigeren Formen des Wirtschaftens und des Lebens umzuschwenken. Entsprechende gesellschaftspolitische Versuche des Umsteuerns lassen sich zwar in Form sogenannter „Wenden“ – Energiewende, Mobilitätswende, Bauwende, Agrarwende etc. – beobachten, diese bleiben jedoch bisher hinter den Ansprüchen einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation weit zurück. Mehr noch: Diese Wenden sind von zahlreichen gesellschaftlichen Konflikten und wissenschaftlichen Kontroversen begleitet, die jeden Schritt in Richtung nachhaltigere Gesellschaft mühsam bis teilweise unmöglich erscheinen lassen. Vor diesem Hintergrund fasst Andreas Diekmann Erkenntnisse aus den Feldern der Ökonomie, der Soziologie sowie der Sozialpsychologie zusammen, die dabei helfen können, Wege in eine nachhaltigere Zukunft zu ebenen. Das Buch gibt sich dabei, und das ist für ein soziologisch orientiertes Buch bemerkenswert, betont anwendungsbezogen. Der Autor spricht klare politische Handlungsempfehlungen aus, die er aus entsprechenden empirischen Erkenntnissen ableitet. Die theoretische Perspektive des Autors ist explizit im methodologischen Individualismus verortet (S. 29). Dementsprechend hebt er immer wieder die Rolle der Präferenzen von Bürgern und Bürgerinnen sowie Unternehmen für das Gelingen von M. Sonnberger Abteilung für Technikund Umweltsoziologie, Universität Stuttgart Seidenstraße 36, 70174 Stuttgart, Deutschland E-Mail: m[email protected].de K
300 M. Sonnberger Klimapolitiken hervor. Er gleitet dabei jedoch nicht in einen handlungstheoretischen Voluntarismus ab, sondern betont an vielen Stellen die Relevanz von Strukturen, in die Handeln eingebettet ist und „strukturiert“ wird. Dementsprechend geht es bei der Bekämpfung des Klimawandels „... nicht darum, den Menschen ins Gewissen zu reden, umweltfreundlicher zu agieren. Wichtiger ist es, soziale Strukturen, ökonomische Mechanismen und Institutionen so zu gestalten, dass es sich für Haushalte und Unternehmen lohnt, klimafreundlich zu handeln und zu investieren“ (S. 12). Laut dem Autor ist es genau diese soziologische Perspektivierung, die den teilweise zu engen, individualistischen Fokus der Ökonomie und Sozialpsychologie ergänzen kann und soll. Das Buch gliedert sich neben der Einleitung in neun weitere, vom Umfang her relativ ähnliche Kapitel. In der Einleitung benennt der Autor bereits die drei aus seiner Perspektive zentralen Säulen des Gelingens einer sozial-ökologischen Transformation (S. 16 und 18): 1) Vollständiger Ausstieg aus fossilen Energieträgern und beschleunigter Infrastrukturumbau sowie -ausbau, 2) eine angemessene und sozial gerechte Bepreisung von CO2-Emissionen und 3) sanktionsbewährte internationale Klimaabkommen, die dafür sorgen, dass Klimaschutz möglichst global durchgesetzt wird. In Kapitel 1 legt der Autor seine bereits angesprochene theoretische Perspektive dar und erläutert, inwiefern „der menschliche Faktor“ für das Zustandekommen der Klimakrise sowie für deren politische Bearbeitung – Stichwort Akzeptanz von Klimapolitiken – entscheidend ist. In Kapitel 2 stellt der Autor die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels dar und geht auf nationale Unterschiede in der Höhe der CO2-Emissionen ein. Besonders hervorzuheben ist hier seine kritische Auseinandersetzung mit der sogenannten „Environmental-KuznetsCurve“. Dieser liegt die Annahme zugrunde, dass es einen u-förmigen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und den verursachten Umweltschäden gäbe: Mit fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung steigen die Umweltschäden zunächst an, bis sie ab einem gewissen Punkt aufgrund verstärkter Investitionen in nachhaltige Technologien wieder sinken. Der Autor betont dabei, dass es kaum und wenn dann allenfalls widersprüchliche empirische Evidenz für diese These gäbe (S. 50ff.). Kapitel 3 widmet sich der spieltheoretischen Modellierung der Klimakrise als Allmendedilemma. Der Autor streicht hierbei heraus, dass ein solches Allmendedilemma nur durch internationale Kooperation gelöst werden könne, deren Erfolg jedoch davon abhänge, dass Staaten für die Verletzung von Klimaabkommen wirkungsvoll sanktioniert werden können. In Kapitel 4 argumentiert der Autor, dass stetig sinkende Preise für erneuerbare Energie dafür sorgen werden, dass rationale Marktakteure quasi automatisch auf erneuerbare Energie setzen werden. Dies hört sich zunächst wie naiver Marktoptimismus nach dem Motto „der Markt wird das schon regeln“ an, jedoch betont der Autor auch, dass es flankierender staatlicher Institutionen bedürfe. Kapitel 5 ist Überlegungen darüber gewidmet, wie CO2-Steuern und Zertifikatehandel gestaltet werden müssten, damit diese Instrumente eine entsprechende Lenkungswirkung entfalten können. Nach der vertieften Auseinandersetzung mit marktbasierten Instrumenten geht der Autor in Kapitel 6 auf die Rolle von Ordnungsund Infrastrukturpolitik ein. Dem Autor ist wohl bewusst, dass die Lenkungswirkung von preisbasierten Instrumenten oftmals aufgrund geringer Elastizität der Nachfrage eingeschränkt ist – d.h., geringe Veränderung des K
Mit den Sozialwissenschaften aus der Klimakrise?! 301 Nachfrageverhaltens bei steigenden oder auch fallenden Preisen oder Kosten – und hohen subjektiven Diskontraten – d.h., gegenwärtige Ausgaben werden überbewertet und zukünftige Gewinne werden unterbewertet. Dementsprechend betont er auch die Notwendigkeit flankierender ordnungsrechtlicher Vorgaben und Verbote, wie beispielsweise Effizienzstandards, sowie die Notwendigkeit nachhaltiger Infrastrukturgestaltung, die nachhaltiges Verhalten ermöglicht und zum Standard macht. In Kapitel 7 lotet der Autor die Grenzen sogenannter „weicher“ Steuerungsinstrumente, wie Verhaltensfeedback, Informationsbereitstellung und dem viel debattierten „Nudging“, aus. Er betont dabei, dass diese zwar nicht vollkommen wirkungslos seien, aber im Vergleich zu marktbasierter und ordnungsrechtlicher Steuerung eine eher untergeordnete Rolle bei der Bearbeitung der Klimakrise spielen sollten. Er stellt dementsprechend fest, „... dass nicht das individuelle Verhalten, die ,individuelle Verhaltenstherapie‘, in den Mittelpunkt rücken sollte, sondern der Umbau der Institutionen“ (S. 132). Kapitel 8 rekapituliert die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Akzeptanz von Klimapolitiken und zeigt auf, wie die gesellschaftliche Akzeptanz – beispielsweise durch finanzielle Kompensation oder auch Partizipation – erhöht werden könnte. In Kapitel 9 fasst der Autor seine Überlegungen nochmals abschließend zusammen. Auch hier betont er die Wichtigkeit der sozial gerechten Gestaltung von CO2-Steuern, indem er auf die Notwendigkeit einer Rückerstattung von „Klimageld“ verweist. Dieses Klimageld stellt einen Mechanismus der steuerbasierten Umverteilung von oben nach unten dar und verspricht dementsprechend, Akzeptanz für die Finanzierung einer nachhaltigen Zukunft zu generieren. Das Buch kommt ohne übertriebenen (soziologischen) Fachjargon aus. Wo spezielle Fachbegriffe und Konzepte verwendet werden, werden diese präzise und allgemeinverständlich definiert und erläutert. Es ist äußerst anerkennenswert, dass sich der Autor auf gelungene Weise um eine über disziplinäre Grenzen und spezifische Fachzusammenhänge hinweg verständliche Sprache bemüht hat. Letztendlich ist die behandelte Problematik auch gesellschaftlich zu relevant, um durch einen überakademisierten, fachspezifischen Duktus ein interdisziplinäres und hoffentlich auch außerakademisches Publikum auszuschließen. Vielleicht mögen einige Leserinnen und Leser die spezifische theoretische Perspektive des Autors nicht teilen, jedoch ist eine weitere große Stärke des Buches, dass auf dieser Theorieperspektive aufbauend stets stringent und auf Basis empirischer Evidenz argumentiert wird, was dem Buch eine große Kohärenz und Klarheit in der Frage, was nun zu tun sei, verleiht. Dies stellt aber gleichsam eine Schwäche des Buches dar, da die sozialwissenschaftliche Klimaforschung hier nur mit einem bestimmten Ausschnitt rezipiert wird. Es war zwar nicht der Anspruch des Autors, sie in voller Breite darzustellen, was in dem gegebenen Umfang eines Buches wohl auch gar nicht möglich ist, jedoch sollte der Leserschaft bei der Lektüre bewusst sein, dass weitere relevante sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Klimakrise mit anderen Schwerpunktsetzungen existieren. So lässt der Autor beispielsweise die Beharrungskräfte der schieren Materialität von fossilen Infrastrukturen und den darin eingelagerten wirtschaftlichen und politischen Interessen weitestgehend außer Acht. Der Autor betont zwar, dass die sinkenden Preise für erneuerbare Energie, die – so die Annahme – auch in Zukunft immer weiter sinken würden, ein „Game Changer“ (S. 74) seien, jedoch erscheint diese Hoffnung etwas optimistisch. Wie die vielfältige K
302 M. Sonnberger sozialwissenschaftliche Forschung zu Hindernissen der sozial-ökologischen Transformation zeigt, ist es jedoch nicht nur eine Frage der „richtigen“ Gestaltung von Preisen und zukunftsorientierten Politiken, sondern es bedarf auch einer bewussten und notwendigerweise konflikthaften Demontage und Abschaffung (Stichwort „Exnovation“) von nichtnachhaltigen Infrastrukturen und Praktiken. Diese Prozesse des Abschaffens gehen nicht automatisch mit Innovationsprozessen einher, da Innovationen oftmals additiv sind (erneuerbare Energieerzeugung nimmt zwar stetig zu, jedoch gilt dies auch für fossile Energieerzeugung). Hierbei stellt sich dann die zentrale Frage, wer die treibenden Akteure sein könnten und wie Blockaden überwunden werden können. Insgesamt handelt es sich bei diesem Buch um eine sehr gut nachvollziehbare, sozialwissenschaftlich fundierte und empirisch wohl begründete Auseinandersetzung mit bestimmten politischen Instrumenten zur Bekämpfung des Klimawandels. Es bleibt zu wünschen, dass dieses Buch ein möglichst breites, interdisziplinäres und vielleicht sogar außerakademisches Publikum erreicht. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/ 4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Marco Sonnberger PD Dr., Mitarbeiter an der Abteilung für Technikund Umweltsoziologie der Universität Stuttgart. Forschungsschwerpunkte: Sozial-ökologische Transformationsprozesse in den Feldern der Energie und Mobilität, Umweltsoziologie, Risikosoziologie, Science and Technology Studies. Aktuelle Veröffentlichungen: Environmental Sociology. Baden-Baden 2025 (mit C. Kropp); Who owns the wind? Understanding wind energy production through a property chains perspective. In: Environment and Planning Part E: Nature and Space 7 (6), 2024 (mit M. Pfeiffer und M. Gross); „It’s just politics“: an exploration of people’s frames of the politics of mobility in Germany and their consequences. Energy, Sustainability and Society 14, 2024 (mit M. Leger und J. Radtke); Wake effects and temperature plumes: Coping with non-knowledge in the expansion of wind and geothermal energy. Social Studies of Science 54 (6), 2024 (mit M. Pfeiffer, A. Bleicher und M. Groß); Handbuch Umweltsoziologie. 2. Auflage. Wiesbaden 2024 (als Hrsg. mit A. Bleicher und M. Groß). K
