scieee Science in your language
[ge] (orig)

Rationalität und soziales Wertsystem

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Read accessible full text

Rationalität und soziales Wertsystem

Author: Wiswede, Günter
Publisher: Berlin: Duncker & Humblot
Year: 1972
DOI: 10.3790/schm.92.4.385
Source: https://www.econstor.eu/bitstream/10419/291279/1/schm.092.4.385.pdf
Wiswede, Gün e
A icle
Ra ionali ä und soziales We sys em
Zei sch i ü Wi scha s- und Sozialwissenscha en (ZWS) - Vie eljah essch i de
Gesellscha ü Wi scha s- und Sozialwissenscha en, Ve ein ü Socialpoli ik
P o ided in Coope a ion wi h:
Duncke & Humblo , Be lin
Sugges ed Ci a ion: Wiswede, Gün e (1972) : Ra ionali ä und soziales We sys em, Zei sch i ü
Wi scha s- und Sozialwissenscha en (ZWS) - Vie eljah essch i de Gesellscha ü Wi scha s-
und Sozialwissenscha en, Ve ein ü Socialpoli ik, ISSN 0342-1783, Duncke & Humblo , Be lin, Vol.
92, Iss. 4, pp. 385-392,
h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385
This Ve sion is a ailable a :
h ps://hdl.handle.ne /10419/291279
S anda d-Nu zungsbedingungen:
Die Dokumen e au EconS o dü en zu eigenen wissenscha lichen
Zwecken und zum P i a geb auch gespeiche und kopie we den.
Sie dü en die Dokumen e nich ü ö en liche ode komme zielle
Zwecke e iel äl igen, ö en lich auss ellen, ö en lich zugänglich
machen, e eiben ode ande wei ig nu zen.
So e n die Ve asse die Dokumen e un e Open-Con en -Lizenzen
(insbesonde e CC-Lizenzen) zu Ve ügung ges ell haben soll en,
gel en abweichend on diesen Nu zungsbedingungen die in de do
genann en Lizenz gewäh en Nu zungs ech e.
Te ms o use:
Documen s in EconS o may be sa ed and copied o you pe sonal
and schola ly pu poses.
You a e no o copy documen s o public o comme cial pu poses, o
exhibi he documen s publicly, o make hem publicly a ailable on he
in e ne , o o dis ibu e o o he wise use he documen s in public.
I he documen s ha e been made a ailable unde an Open Con en
Licence (especially C ea i e Commons Licences), you may exe cise
u he usage igh s as speci ied in he indica ed licence.
h ps://c ea i ecommons.o g/licenses/by/4.0/
Ra ionali ä und soziales We sys em
Von Gün e Wiswede, Nü nbe g
De Gedanke de Ra ionali ä und ein da aus abgelei e es Ra ional*
p inzip ha o allem ü die En wicklung de heo e ischen Ökono-
mie eine en scheidende und ge adezu kons i u i e Rollé gespiel , wäh-
end die explizi e Diskussion on Ra ionali ä im Rahmen de Sozio-
logie im wesen lichen au das We k Max Webe s sowie au die neue e
O ganisa ionssoziologie besch änk blieb. Inne halb de Wi scha s-
heo ie und auch in den di e enzie e en Ausdeu ungen de En schei-
dungs- und Spiel heo ie übe wieg eine s eng o male In e p e a ion
des P inzips. Ob nun in de ha en Fo mulie ung eines Maximie ungs-
modells ode in de weiche en In e p e a ion eines S ebens nach ge-
nügsame Ra ionali ä , es sind dami keine Aussagen übe Fak izi-
ä en e bunden; und das o male Modell besag auch nich s übe e -
waige Ziele ode Mo i e des menschlichen Handelns; es beinhal e
schließlich auch keine lei wie imme auch gea e e an h opologische
G und o s ellung übe das Wesen menschliche An iebe.
Solange das Ra ionalp inzip in diese Weise als o males P inzip
de En scheidungslogik mi ausgeklamme em Wi klichkei sbezug be-
handel wi d, bleib es einwandimmun gegenübe A gumen en, die
ande e als o mallogische Na u sind. Siche lich weiß jede mann,
daß die e schiedenen Vo ausse zungen des Kalküls in de Wi klich-
kei nich gegeben sind, so daß — wie es H. A. Simon e me k -—
eine so e s andene Ra ional heo ie e such , ein Modell mensch-
lichen Ve hal ens au den un ealis ischen Vo ausse zungen unbeg enz-
e Rechenha igkei und uneingesch änk e Allwissenhei zu e ich-
en1. Auch die e schiedenen p obabilis ischen Ve sionen ökonomi-
sche En scheidungen in Risikosi ua ionen ände n an diesem p inzi-
piell o malen Cha ak e de Ablei ungen wenig; sie s ellen nich s an-
de es da als ein a i hme isches Sys em ein logische Wah hei en
übe Wah scheinlichkei skombina ionen un e Maximie ungsbedingun-
gen2, de en Komplizie hei kein E sa z ü e ah ungswissenscha -
1 Vgl. He be A. Simon: Models o Man. New Yo k, London 1957. S. 202.
2 Vgl. He be A. Simon: Theo ies o Decision-Making in Economics and
Beha io al Science. AER, Vol. 99 (1959), S. 258 . — May B odbed : Models, Mean-
ings and Theo ies. In: L. G oss (H sg.): Symposium on Sociological Theo y.
E ans on/Ill. 1959. S. 383 .
25 Zei sch i ü Wi scha »- und Sozialwissenscha en 92,4
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34
386 Gün e Wiswede
liehe Rele anz is . Diese Fes s ellungen wiede holen nu einen sa -
sam bekann en Vo wu , dem sich die klassische Na ionalökonomie
sei de Kons uk ion des „homo oeconomicus" ausgese z sah und
de in de mode nen Me hodendiskussion3 zu de F age ge üh ha ,
ob solche A des Vo gehens übe haup den Ansp uch einlösen kann,
als empi ische Wissenscha au zu e en.
F agen wi dahe , welche e ah ungswissenscha liche Rele anz das
Ra ionalp inzip, losgelös on seine bloß o malen Ges al , im ein-
zelnen haben könn e, denn es mag du chaus sein, daß die Rede on
de Ra ionali ä in i gendeine noch nähe zu bes immenden Weise
doch e was übe die Reali ä aussag . In Anknüp ung an H. Albe
wollen wi zwischen ie e schiedenen Ausdeu ungen un e scheiden4,
die man dem Ra ionalp inzip geben könn e, wobei uns insbesonde e
die konk e e Bezugnahme au die Reali ä in e essie .
1. Das Ra ionalp inzip als Fik ion: Diese Ausdeu ung be ach-
e Ra ionali ä un e dem Aspek des „Als-Ob". Man kann dann die
Wi klichkei sbedeu ung diese Fik ion da in sehen, daß zwa gewisse
Annahmen im Bewuß sein ih e Un ich igkei gemach we den, die
jedoch un e bes imm en Ums änden zu ich igen Einsich en auch in
die Reali ä üh en können. Inso e n wä e e wa das Ra ionalp inzip
ü die Analyse konk e e Ve hal ensweisen on heu is ischem We ,
sozusagen als Tes ü den Ve nun gehal on Handlungen.
2. Das Ra ionalp inzip als Hypo hese: Diese In e p e a ion des
Ra ionalp inzips könn e in de Weise explizie we den, daß man
sag : Bes imm e Menschen handeln un e bes imm en Ums änden a-
ional. Die Au gabe de empi ischen Fo schung sei es, he auszu inden,
welche Menschen (ode Ka ego ien on Menschen) un e welchen Um-
s änden a ional handeln. So könn e man e wa annehmen, daß Ra-
ionali ä als Funk ion des Bildungsg ades in E scheinung i ode
daß Indi iduen im Ausmaß de ela i en Knapphei de Mi el un e
Ra ionali ä sd uck s ehen. Da sich eine solche Ve hal ens endenz je-
doch in seh di use Fo m äuße n dü e und wi nich s übe den
ela i en An eil ande e Ve hal ensweisen wissen, is nich kla , wie
empi isch gehal olle und p ü ba e Hypo hesen au de Basis des Ra-
ionalp inzips o mulie we den können. Vo allem s ehen eine Ope-
a ionalisie ung des Ra ionali ä sbeg i s bei de Beu eilung konk e-
en Ve hal ens g oße Schwie igkei en im Wege.
3. Das Ra ionalp inzip als De ini ion: Diese d i e Ausdeu-
ungsmöglichkei wä e da in zu sehen, daß man sag : Alle Menschen
3
Vgl. insbesonde e die A bei en on Hans Albe im Anschluß an die E geb-
nisse de mode nen Wissenscha s heo ie.
4
Hans Albe : ökonomische Ideologie und poli ische Theo ie. Das ökonomische
A gumen in de o dnungspoli ischen Deba e. Gö ingen 1954.
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34
Ra ionali ä und soziales We sys em 387
handeln (de ini ionsgemäß) a ional. Menschliches Handeln wü de in
diesem Falle — wie bei . Mises — om ein eak i en Ve hal en de
Tie e abgehoben. E wei e man den logischen Spiel aum des P in-
zips jedoch in diese Weise, so e lie es jeden In o ma ionsgehal .
Es handel sich um eine Lee o mel im Sinne on Topi sch, die eben-
so unwide legba is wie die Aussage, daß alle Menschen dumm seien.
4. Das Ra ionalp inzip als Pos ula : Eine ie en In e p e-
a ion begegnen wi in no ma i e Hinsich , indem man sag : De
Mensch soll e a ional handeln. Diese no ma i e Sinngebung wi d o
allem du ch die mode ne En scheidungs heo ie nahegeleg , und einige
ih e Ve e e , e wa K elle ode Gä gen, be onen insbesonde e die
no ma i e Bedeu ung solche Aussagen. Es handel sich um ein „An-
a en" on Ra ionali ä , um E kenn nis dessen, wie gehandel we den
soll e, nich dagegen da um, wie a sächlich gehandel wi d. Wi d Ra-
ionali ä in diese Weise als wünschenswe e ach e , so ungie sie
als We , und alle Aussagen we den danach beu eil , inwiewei sie
diesem obe s en und alleinigen We en sp echen. Unbeschade alle
K i ik an eine solchen Au gabens ellung lieg eine du chaus legi ime
Funk ion diese A on Fo schung da in, daß sie au zeigen kann,
welche Bedingungen e üll sein müssen, um konk e es En scheidungs-
handeln a ionale zu ges al en. Dami e üll die Ra ional heo ie
zwa nich die Bedingungen, die an empi ische Wissenscha en ges ell
we den müssen5, jedoch e häl sie un e dem we enden Aspek des
Pos ula s e hebliche p ak ische Bedeu ung, indem sie e wa die mo-
de ne Un e nehmens üh ung beein luß , d. h. a ionale ges al en
hil .
F agen wi nun, welche besonde en Akzen e die Soziologie
zum Ra ionali ä sp oblem gese z ha . We sich im Rahmen de So-
ziologie mi F agen de Ra ionali ä be aß , is he kömmliche weise
zunächs an Max Webe e wiesen, de bekann lich ie Ideal ypen
des Ve hal ens un e schied und zweien da on das A ibu de Ra-
ionali ä e lieh: dem zweck a ionalen und dem we a ionalen Ve -
hal ens yp. Zweck a ionali ä wi d hie ähnlich wie beim o malen
Modell als Rela ion zwischen Mi eln und Zwecken mi dem Ziel eine
Maximie ung des Handlungse gebnisses angesehen.
P oblema isch is nun e s ens, wie man bei einem konk e en Han-
deln genau zwischen Mi eln und Zielen (Zwecken) un e scheiden
kann6, eine F age, die auße o den lich komplexe T ans e -P obleme
5 Vgl. Ka l R. Poppe : Logik de Fo schung. 3. Au l. Tübingen 1969.
6 Vgl. hie zu e wa: C. W. Chu chman und R. L. Acko : An Expe imen al
Measu e o Pe sonali y. Philosophy o Science, 4. Jg. (1947). — Robe Bie s ed :
. The Means-End-Scheme in Sociological Theo y. Sociological Re iew, Jg. 1938, H. 3.
— Gunna My dal: Das Zweck-Mi el-Denken in de Na ionalökonomie. Z. . Na .-
25»
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34
388 Gün e Wiswede
au gib , insbesonde e im Falle de unk ionellen Au onomie on Mi -
eln und Vo zielen ode bei Vo liegen in insische Mo i a ion. Da-
he is es kaum möglich, Mi el on den We en so zu ennen, daß
man on eine Bewe ung auch de Mi el dispensie bleib . Dies be-
deu e einen s ändigen We ans e on Mi eln zu Zwecken7.
Zwei ens wü de eine konsequen e Anwendung des o malen Ra-
ionalp inzips im sozialen Be eich bedeu en, daß „de Zweck die Mi -
el heilig ". In de gesellscha lichen Wi klichkei müssen dagegen
gegebene Mi el o ande s eingese z we den, als es de op imalen
Handlungske e en sp äche, und e ne scheiden einige de e üg-
ba en Mi el on o nhe ein aus, weil ih e Ve wendung illegi im
wä e, also gegen soziale No men e s öß .
Und d i ens müssen wi agen, wie die Anwendung de Ra iona-
li ä im p ak ischen Handeln ande s möglich sein soll als du ch En -
nahme eben dieses P inzips aus dem We sys em selbs . Webe be-
ücksich ig also nich , inwiewei in de Ra ionali ä des Ve hal ens
selbs schon eine A Sinn- und We gebung und dami No mie ung
des Ve hal ens gegeben is . Ra ionali ä wü de dami un e sehens
selbs zu We ka ego ie. So kann sich e wa ein Indi iduum e -
p lich e ühlen, zu E hal ung seine Selbs ach ung und de Ach ung
ande e a ional zu handeln, indem solches Ve hal en in sich, also
in insisch, Be iedigung ode F eude an de E izienz, an de so e -
b ach en Leis ung bewi k 8. Ande e sei s muß abe auch — wie Gä -
gen gezeig ha — übe die Anwendung de Ra ionali ä selbs en -
schieden we den, da a ionale Wahl ande e We e e le z , d. h. schon
dadu ch beein äch ig , daß die dami e bundene Ans engung psy-
chische „Kos en" e u sach , die ü die Realisie ung konku ie ende
We e eingese z we den könn en und dami wiede ein B uchs ück
de anges eb en We e abbauen. Wie es Ho naus einmal o mulie
ha : Die Kos en de Ra ionali ä können Ra ionali ä i a ional ma-
chen9.
Die Un e scheidung zwischen zweck a ionalen und we a ionalen
Ve hal ensweisen wi d demnach aus den genann en d ei G ünden
b üchig. Wi möch en demgegenübe behaup en, daß G ad und A
de Ra ionali ä selbs als We in E scheinung e en und im Rahmen
gesellscha lich gep äg e Handlungs ollzüge au das soziale We -
sys em zu ückge üh we den müssen. Auch die on Webe beobach e e
ök., 4. Jg. (1933). — Gé a d Gä gen: Theo ie de wi scha lichen En scheidung.
2. Au l. Tübingen 1968. — Gün e Wiswede: Soziologie des Ve b auche e hal ens.
S u ga 1972.
7 Vgl. Gä gen: a.a.O., S. 104.
8 Gä gen: a.a.O., S. 89.
9 Geo ge C. Homans: Elemen a o men sozialen Ve hal ens. Köln, Opladen 1968.
S. 70.
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34

Ra ionali ä und soziales We sys em 389
his o ische Ra ionalisie ungs endenz be uh le z endlich au diese zu-
nehmenden In eg a ion und Hochbewe ung de Ra ionali ä im Rah-
men des gesam en We sys ems. Hie ungie sie als ideologisches
Sys em; und es bleib zunächs die F age o en, ob und inwiewei sie
wi klich in ak isches Handeln eingeh .
Diese F age be üh sich mi eine Fes s ellung onTalco Pa sons,
de eine nach dem Ra ionalp inzip a bei enden Wi scha s heo ie
in dem Maße Wi klichkei sbedeu ung zusch eiben woll e, in dem das
Ra ionalp inzip inne halb eine bes imm en Gesellscha ins i u iona-
lisie is . Im Ausmaß des We gewich es on Ra ionali ä e hiel e
diese auch Wi klichkei sbedeu ung im Rahmen des ak ischen Han-
delns. De G ad und die A de Ins i u ionalisie ung on Ra ionali ä
im sozialen Sys em und de G ad und die A de In e nalisie ung
diese Ra ionali ä im pe sonalen Sys em sind also empi ische F agen,
und man könn e die Webe sehe En wicklungshypo hese in de Sp ache
de mode nen Soziologie e wa in die Fo m b ingen:
Je s ä ke Ra ionali ä als No m und We im Sozialsys em ins i u-
ionalisie is , des o ehe wi d diese in e nalisie und in die Mo-
i a ion de Indi iduen eingehen.
P oblema isch bleib nach wie o , ob und in welche Weise wi die
im Ve hal en en hal ene Ra ionali ä so säube lich he aus il ie en
können, daß sie empi isch zu beobach en und genau zu un e scheiden is .
So is denn auch die Vo s ellung Webe s, daß die Wel imme a-
ionale und dami auch on allen adi ionellen und a ek uellen Ve -
hal enszwängen be ei we de, nich unwide sp ochen geblieben. Wi
wollen d ei A gumen e he ausg ei en, die de Ra ionalisie ungs hese
zu wide sp echen scheinen.
Ein e s es A gumen lie e uns Webe selbs in die Hand, wenn e
sag , daß sich aus dem Sys em de Mi el ein „s ahlha es Gehäuse"
en wickel , das dem Menschen ein Handeln au nö ig , das au die
Zwecke, ü die die Mi el u sp ünglich gedach wa en, ga keine
Rücksich meh nehmen kann10. Es könn e also sein, daß sich die Ra-
ionalisie ungs endenz o wiegend au das soziale Sys em e s eck ,
das dem einzelnen zwa ein äuße lich a ionales Ve hal en au nö ig ,
ohne daß e indes ech e a ionale En scheidungen e en müß e. Man
könn e also eine Hypo hese o mulie en, die e wa so aussieh :
Je s ä ke Ra ionali ä im sozialen Sys em ins i u ionalisie is 9
des o ehe neigen Indi iduen zu en scheidungsen las e en ode
emdbes imm en Ve hal ensweisen.
10 Vgl. hie zu auch Gün e Ha iel: Wi scha liche und soziale Ra ionali ä .
Köln, Be lin 1968.
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34
390 Gün e Wiswede
Ein zwei es A gumen gegen die Ra ionalisie ungs hese ha en wi
schon angedeu e , als on de lediglich di usen Fo m de ak ischen
Äuße ung on Ra ionali ä die Rede wa . Wi wissen nich s übe die
P opo ionen alle Ve hal ensweisen un e einande , selbs wenn wi
konzedie en, daß a ionales Ve hal en an ela i em We - und Mo i -
gewich zunimm . Wi wissen also nich , mi welchem An eil und Ge-
wich ande e Ve hal enskomponen en in die Gesam echnung eingehen
und ob wi nich ielmeh mi de es ges ell en Ra ionali ä nu das
Äuße liche und Scheinha e beobach en, das subku an Wi ksame da-
gegen e nachlässigen.
Ein d i es A gumen wi d uns dahe mi dem sozialpsychologischen
Ra ionalisie ungsbeg i in die Hände gespiel , ein Beg i , dessen
sachliche Gehal ziemlich unabhängig oneinande on F eud, Pa e o
und Vie kand o mulie wu de. Diese Ra ionalisie ungsbeg i be-
sag , daß Indi iduen gelegen lich bewuß ode unbewuß Schein- ode
Kulissenmo i e e inden, um a a ionale En scheidungen a pos e io i
a ional zu beg ünden. Diese Rech e igung wä e ge ade dann und
deshalb nö ig, weil das soziale We sys em a ionales Ve hal en be-
lohn , nich - a ionales Ve hal en dagegen bes a . Man könn e dahe
die Hypo hese auch ande s o mulie en:
Je s ä ke Ra ionali ä als No m und We im sozialen Sys em ins i-
u ionalisie is , des o ehe neigen Indi iduen dazu, nich - a ionale
ode unsiche e En scheidungen im Ausmaß de e mein lichen In-
kong uenz zu a ionalisie en.
Nun b auch diese Hypo hese den o he gehenden keineswegs zu
wide sp echen; es is möglich und soga wah scheinlich, daß sie alle
gel en, daß jedoch de Gel ungsbe eich de e s genann en Hypo hese
du ch die zule z genann e seh s a k eingesch änk wi d, so daß wi
da o gewa n sind, den Ra ionali ä sg ad menschliche Handlungen
zu übe schä zen.
Bei allen bishe igen Übe legungen ging es nich um eine inhal liche
Fixie ung des We sys ems selbs , auch wenn wi es s ellen muß en,
daß übe die Anwendung on Ra ionali ä nu nach Maßgabe des so-
zialen ode indi idualen We sys ems en schieden we den kann. Abe
ebenso wie die Ökonomie in e schiedenen Au assungen übe den
ma e ialen Gehal de Ra ionali ä z.B. om Eigennu z als Ve hal-
ensziel ausgegangen is , ha nun auch die Soziologie Übe legungen
übe einen solchen Gene alnenne menschlichen Ve hal ens anges ell ,
ohne dabei au die Jeweiligkei soziale We sys eme zu eku ie en.
So wi d z.B. in einigen Fassungen de sog. Rollen heo ie om
Menschen gesag , daß e sich s e s so e hal e, daß e den E wa un-
gen und Ansp üchen ande e Gesellscha smi gliede genau en sp ich ,
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34
Ra ionali ä und soziales We sys em 391
daß e sich also kon o m mi den No men e häl , die sich um be-
s imm e soziale Posi ionen anken. Man kann diesen Rollenmenschen
na ü lich ein o mal im Sinne eines „homo sociologicus" deu en, doch
wi d gelegen lich zu an h opologischen S ü zung de Rollen heo ie
ein au Geo ge He be Mead zu ückgehendes Theo em de Maximie-
ung posi i e Beu eilung zu ückgeg i en, wobei man annimm , daß
de Mensch on Na u aus danach s eb , du ch die soziale Umwel ein
Maximum an Ane kennung und Billigung zu e hal en.
Man kann also in Analogie zum ökonomischen Ra ionalp inzip das
soziale Ra ionalp inzip in de Weise explizie en, daß de Mensch nach
Maximie ung bzw. Minimie ung des Sank ionsne os11 s eb ode , in
de gemilde en Fo m de genügsamen Ra ionali ä : nach eine mög-
lichs güns igen Sank ionsbilanz. Man kann dann wohl ohne Schwie-
igkei en sagen, daß die ökonomische Ra ionali ä einen Sonde all
de sozialen Ra ionali ä da s ell , da — wie Ha iel ausge üh ha
— die No mo ien ie ung de ökonomischen Nu zen- und Gewinno ien-
ie ung o gelage is .
Bei allen sons igen Di e enzen, die zwischen den Handlungs heo-
ien on Pa sons und Ho naus bes ehen, is beiden doch gemeinsam,
daß sie die Op imie ung on Belohnungen ( ewa ds ode g a i ica-
ions) in die G undannahmen de Theo ie au nehmen, wobei alle -
dings Ho naus e such , dieses Pos ula mi Rückg i au die E geb-
nisse de Le n heo ie abzusiche n. Das hie e wende e Ra ionalp in-
zip un e scheide sich om ökonomischen o allem dadu ch, daß
neben geldwe en Gü e n auch Ak i i ä en und Ge ühle zum Aus-
ausch gelangen, so daß hie nich lediglich im hedonis ischen Sinn
aus ma e ialis ischen We en Gewinn gezogen wi d. Au diese Weise
e schein einigen soziologischen Theo e ike n wie Ho naus, Blau ode
Goode alles soziale Handeln als Aus ausch on Eigen- und F emd-
leis ungen12.
Die Auswei ung des so e s andenen Ra ionali ä sbeg i s b ing
alle dings wiede ande e P obleme mi sich. Wenn nämlich Belohnun-
gen den Cha ak e des Beliebigen annehmen können — wenn also
beispielsweise Indi iduen Belohnungen aus de Ta sache ziehen kön-
nen, daß sie sich planlos e hal en, daß sie sich gehenlassen, daß sie
al uis isch handeln ode daß sie Bes a ungen als Belohnung emp in-
den —, so lange wi also nich wissen, was bei einem bes imm en Indi-
iduum zu einem bes imm en Zei punk belohnend wi k , solange is
11 Zu De ini ion soziale Ra ionali ä gl. Ha iel: a.a.O.
12 Vgl. Ho naus: a.a.O. — Pe e M. Blau: Exchange and Powe in Social Li e.
New Yo k 1964. — William J. Goode: A Theo y o Role S ain. Ame ican Soci-
ological Re iew, 15. Jg. (1960).
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34
392 Gün e Wiswede
de Sa z, daß alle Menschen Belohnungen ans eben und Bes a ungen
meiden, eine Lee o mel.
Will man das Ve hal en on Menschen e klä en, so kann es olglich
nich genügen, lediglich es zus ellen, daß sie ih e eigenen In e essen
e olgen; ein solche Sa z bliebe so lange inhal slee und ohne In o -
ma ionsgehal , bis wi nähe spezi izie haben, welche Belohnungen
im einzelnen e s eb we den und welche Ta bes ände als Bes a ung
anzusehen sind. Selbs im Rahmen de genann en speziellen In e p e-
a ion sozialen Ve hal ens als Aus ausch (
Ho naus
u. a) üh kein Weg
an de Ta sache o bei, daß Indi iduen sich nach gesellscha lich e -
mi el en P ä e enzen und No men ich en und daß eine gesellscha -
lich du chgese z e We eo dnung da übe be inde , welche Ve hal ens-
weisen Wi klichkei we den und welche nich . So ha auch das on
eine Gesellscha angewand e Sys em on Belohnungen und Bes a-
ungen seine le z e G undlage im sozialen We sys em selbs .
Summa y
Ra ionali y and Social Value Sys em
Ra ionali y and p inciple o a ional beha io is an impo an i em in economic
science and sociology, in pa icula in he "g a i ica ion — and exchange- heo y".
Bu he e a e ew possibili ies using a ional beha io as an hypo hesis in s udying
eal ac ions. I seems ha a ionali y should be seen as a alue ca ego y i sel .
Indi iduals a e exposed o a p essu e o a ionali y de i ed om alue sys em o
socie y. In many cases hei ac ions a e no eal " a ional" bu only " a ionalized".
OPEN ACCESS | Licensed unde CC BY 4.0 | h ps://c ea i ecommons.o g/abou /cclicenses/
DOI h ps://doi.o g/10.3790/schm.92.4.385 | Gene a ed on 2023-04-04 11:47:34