Die Hauptpunkte der Keynes'schen Lehre
Abstract
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Full text
März, Eduard Article Die Hauptpunkte der Keynes'schen Lehre Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: März, Eduard (1954) : Die Hauptpunkte der Keynes'schen Lehre, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 74, Iss. 3, pp. 35-47, https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290800 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
291] 35 Die Hauptpunkte der Keynes sehen Lehre Versuch einer kritischen Würdigung Von Eduard März - Wien 1936, das Erscheinungsjahr der General Theory of E m - ployment, Interest and Money1, wird gewöhnlich als der Beginn der Keynesschen „Revolution" bezeichnet. Seither hat auch die Keynessche Revolution jene Phasen durchlaufen, die so oft für große geistige Neuerungen charakteristisch sind. Aus dem Hauptstamm der Lehre haben sich viele Hauptund Nebenzweige entwickelt, und manche dieser Fortbildungen haben Früchte getragen, die nur die geringste organische Verwandtschaft mit der ursprünglichen Wurzel haben. Aber wir wollen an dieser Stelle vor allem auf die Lehre John Maynard Keynes' selbst eingehen und der Leistungen seiner Schüler nur insofern gerecht werden, als sie offensichtliche Lücken oder Defekte des von Keynes geschaffenen theoretischen Systems beheben wollen. Wir beginnen mit einer kurzen Übersicht der in der General Theory enthaltenen Gedanken. Unter dem Eindruck der lang anhaltenden Krise, die insbesondere in England eine Periode verhältnismäßig gedrückten Geschäftsganges abgelöst hatte, begann Keynes mit einer systematischen Kritik an den Grundlagen der klassischen Lehre der Nationalökonomie. Keynes versteht unter den „Klassikern" nicht bloß die Begründer der modernen Ökonomie, wie Smith, Ricardo und John Stuart Mill, sondern auch ihre neuzeitlichen Epigonen, wie Marshall, Walras, Pigou und Wikseil. Es gibt Anzeichen dafür, daß Keynes bereits in seiner Treatise on Money, die 1931 erschien, für manche seiner ketzerischen Behauptungen den Boden vorbereitete. Aber erst die General Theory enthält ein volles Bekenntnis seiner Apostasie. Man könnte vielleicht, wie dies bereits mehrfach geschehen ist, Keynes' Kritik an der klassischen Lehre mit seiner Abkehr von 1 Wir beziehen uns in dieser Arbeit auf die in New York (Harcourt, Brace Är Comp.) erschienene Ausgabe. 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
36 Eduard März [292 J. B. Says berühmten Gesetz von clen Märkten gleichsetzen2. J. B. Says These, daß die Produktion gleichsam zwangsläufig ihre eigene Nachfrage hervorriefe, ist natürlich auch vor Keynes wiederholt in der nationalökonomischen Literatur angegriffen worden. Marx und seine Schüler auf der einen Seite und die modernen Konjunkturtheoretiker auf der anderen Seite haben Theorien entwickelt, die das Postulat von der Identität von Produktion und Konsumtion negieren. Aber dies waren sozusagen Nebenströme des zünftigen ökonomischen Denkens, die auf die Richtung des Hauptstroms wenig Einfluß hatten. Systeme von der Art eines Marshall, eines Menger oder eines Wiksell waren im statischen Gleichgewicht gedacht und setzten einen Stand der Vollbeschäftigung und — unter der Annahme einer bestimmten Produktivität — eine gewisse Höhe des Volkseinkommens voraus. Von der Annahme eines statischen Gleichgewichts ausgehend, mußte man Veränderungen im Sozialprodukt Faktoren zuschreiben, die nur über längere Zeiträume hinweg wirksam sein konnten, wie Bevölkerungsbewegung, Entwicklung der Produktivität und Änderungen im Kapitalstock. Wer nun, wie es Keynes getan hat, die Gültigkeit des Gesetzes von den Märkten verneint, kann den Stand der Beschäftigung und die Höhe des Sozialprodukts nicht als ein „Datum" betrachten, d. h. als Größen, die als bekannt vorausgesetzt werden dürfen; er muß, ganz im Gegenteil, beide Begriffe als variabel ansehen, und dies selbst für relativ kurze Zeitspannen, in denen sich nichts an der Bevölkerung, an der Produktivität und an dem Kapitalstock zu ändern braucht. Es ist klar, daß eine solche Auffassung von der Ricardoschen Problematik wegführen muß, die in der Preisbildung und in der Verteilung des Sozialprodukts das Hauptproblem der Nationalökonomie sieht, und daß sie Probleme in den Vordergrund stellen muß, die sich auf die Größe und die Schwankungen des Sozialproduktes beziehen3. In der General Theory hat Keynes versucht, jene Kräfte bloßzulegen, die die jeweilige Höhe des Nationaleinkommens maßgeblich beeinflussen. Aber er hat diese Aufgabe im Geiste des Revisionisten und nicht des revolutionären Erneuerers getan. Die Absage Keynes an J. B. Say darf daher nicht, wie es manchmal geschehen ist, als eine Absage an die klassische Nationalökonomie als solche gewertet werden. Genau so wie alle früheren Werke Keynes' ist auch die General 2 So schreibt z. B. P. M. Sweezy: „Die Quintessenz der Keynesschen Lehre kann einfach als rückhaltlose Ablehnung des Sayschen Gesetzes von den Märkten aufgefaßt werden." Vgl. P. M. Sweezy, „Keynes, the Economist", The New Economics, herausgegeben von Seymour E. Harris, New York 1947. 8 Vgl. J. M. Keynes, op. cit., S. 4—5. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
293] Die Hauptpunkte der Keynes'schen Lehre 37 Theory in der Anlage, in der Methodologie und vor allem in der philosophischen Grundeinstellung ein typisches Produkt der Marshallschen Werkstätte. Welche sind nun die Kräfte, die Keynes zufolge auf die Höhe des Nationaleinkommens bestimmend einwirken? Keynes weist hier auf drei funktionale Beziehungen hin, die er für psychologische Grundphänomene hält. Er verwendet hierbei eine Nomenklatur, die sich heute großer Popularität in der wirtschaftstheoretischen Literatur erfreut. Vielleicht die wichtigste dieser funktionalen Beziehungen ist die sogenannte Konsumneigung (Propensity to Consume). Keynes behauptet, daß steigendes Einkommen mit steigendem Konsum Hand in Hand geht, wobei freilich der letztere nicht in dem gleichen Ausmaß ansteigt wie die Einkommensvariable. (Umgekehrt fällt auch der Konsum in Zeiten sinkenden Einkommens nicht in dem gleichen Ausmaß wie die Einkommensvariable.) Man könnte dies auch so ausdrücken, daß man eine Korrelation zwischen Einkommen und Sparkapital statuiert in dem Sinne, daß bei steigendem Einkommen ein prozentmäßig stets wachsender Einkommensteil als Sparkapital der Konsumsphäre entzogen wird4. Dem Gedanken, daß sich das Grenzeinkommen in einem bestimmten statistisch erfaßbaren Verhältnis zwischen Konsum und Sparkapital aufteilt, hat Keynes in Anlehnung an seinen Schüler Kahn die Fassung des sogenannten Multiplikators gegeben. Der Multiplikator, auf den wir später zurückkommen werden, stellt — in der Keynesschen Fassung — eine mathematische Beziehung her zwischen Investitionsaufwand auf der einen Seite und Einkommenszuwachs (oder Einkommensabnahme) auf der anderen Seite. Aber nur unter der Annahme von brachliegenden Produktionskräften kann ein Investitionsaufwand zu einem Zuwachs am Realeinkommen führen. Ist einmal ein Stand der Vollbeschäftigung erreicht, dann wirkt sich ein zusätzlicher Investitionsaufwand bloß in Form von inflatorischen Preissteigerungen 4 Hansen bestreitet, daß die Keynessche Konsumneigung in der obigen Form formuliert werden dürfte. Er meint, daß man den Keynesschen Intentionen genüge tut, wenn man das Verhältnis von Einkommen und Konsum so definiert, daß der Konsum pari passu mit dem Einkommen wachse, denn auch bei dieser Annahme müßte sich der absolute Abstand zwischen Konsum und Einkommen vergrößern in dem Maße, als das Einkommen anstiege (siehe Alvin H. Hansen, A Guide to Keynes, New York 1953, S. 75). Es ist nicht leicht zu sagen, welche die wahren Intentionen Keynes waren, da dessen Argumentation nicht immer widerspruchsfrei ist, aber wir glauben, daß Williams der Keynesschen Intention näher kommt, wenn er schreibt, „daß der Konsum in dem Maße, als die Gesellschaft reicher wird, einen geringer werdenden Prozentteil des Einkommens ausmacht''4 (siehe John H.Williams: „An Appraisal of Keynesian Economica", American Economic Review, May 194«, S. 282). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
38 Eduard März [294 aus. Das Konzept des Multiplikators ist daher in einer solchen Situation nicht mehr sinnvoll anwendbar. Der Begriff der Konsumneigung ist natürlich keineswegs neu, sondern liegt bereits dem berühmten Engel-Schwabeschen Gesetz zugrunde. Was Keynes als Neuerung geltend machen darf, ist die funktionelle, also mathematische Fassung dieses Gesetzes5. Aber, wie später noch erwähnt werden soll, ist die Engel-Schwabesche These gerade in der rigorosen Fassung, die ihr Keynes gegeben hat, anfechtbar. Denn, wie wiederholt gezeigt wurde, kann es einerseits zu erratischen Änderungen in der Konsumneigung kommen und es sprechen anderseits gewisse Anzeichen dafür, daß das langfristige Verhältnis zwischen Einkommen und Konsum ein recht stabiles ist. Von der Modifikation der Keynesschen Lehre, die sich aus dieser Beobachtung ergibt, soll weiter unten noch die Rede sein. Eine zweite Grundfunktion des Keynesschen Systems ist die sogenannte Grenzproduktivität des Kapitals (Marginal Efficiency of Capital). Auch hier haben wir es keineswegs mit einem neuen Konzept zu tun. Marshall, Böhm-Bawerk, Wiksell und Irving Fisher, um nur einige der berühmtesten Namen zu nennen, haben bei der Geburt dieses Begriffes zweifellos Pate gestanden. Die Grenzproduktivität des Kapitals ist, Keynes zufolge, nichts anderes als die mit Hilfe des herrschenden Zinsfußes diskontierte Summe der zukünftigen Kapital-NettoErträge, die sich der Unternehmer von einem bestimmten Investitionsaufwand erhofft. Solange ein solcher Betrag nach Abzug eines normalen Zinsertrages eine positive Größe bleibt, vermag der Unternehmer den Aufwand des in Frage stehenden Leihzinses zu rechtfertigen. Die eigentliche funktionelle Beziehung sieht Keynes in dem vorherrschenden Zinsfuß auf der einen Seite und in dem davon abhängigen Investitionsaufwand auf der anderen Seite. Man hat das Konzept der Grenzproduktivität des Kapitals sehr oft als das dynamische Element des Keynesschen Systems bezeichnet. Denn es ist klar, daß optimistische Erwartungen bezüglich der zukünftigen Gestaltung der Kapitalerträge einen belebenden Einfluß auf die gesamte Investitionstätigkeit und damit auch auf die gesamte Wirtschaft ausüben müssen. Geht man davon aus, daß Arbeitskräfte und Produktionsmittel noch nicht im vollen Umfange eingesetzt sind, so ergibt sich auf Grund einer be5 Man könnte behaupten, daß Keynes auch insofern über das Engel-Schwabesche Konzept hinausgegangen ist, als er neben individuellen Momenten auch gewissen institutionellen Faktoren (z. B. der Bildung von Rücklagen bei der Einzelfirma) einen Einfluß auf die Konsumneigung zuschreibt. Ja, man könnte mit Williams sagen, daß die Keynessche Konsumneigung fast ausschließlich von institutionellen Faktoren bedingt ist. Siehe John H. Williams, op. cit., S. 288. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
295] Die Hauptpunkte der Keynes'schen Lehre 39 stimmten Investitionsrate und eines statistisch meßbaren Multiplikators ein mathematisch erfaßbarer Zuwachs am Volkseinkommen. Aber während Keynes der funktionalen Beziehung zwischen Einkommen und Konsum eine prägnante mathematische Fassung gibt, vermag er natürlich nichts derartiges für die Beziehung zwischen Zinsfuß und Investitionsrate zu tun. Denn der Investitionsaufwand mag wohl vom Zinsfuß nach oben begrenzt sein, aber er hängt primär von Einflüssen ab, die sich nicht ohne weiteres in ein System einfügen lassen6. Wenn man, wie es z. B. Schumpeter tut, technologischen Neuerungen eine hohe Rangordnung unter den Impulsen zuschreibt, die auf die Investitionsrate einwirken, so wird man gerade der Beziehung zwischen Zinsfuß und Investitionsrate nur geringfügige Bedeutung beimessen. Einige Schüler Keynes' sind sogar so weit gegangen, jede funktionale Beziehung zwischen Zinsfuß und Investitionsaufwand abzuleugnen7. Auch über diesen Punkt wird weiter unten noch mehr zu sagen sein. Wir kommen nun zur dritten funktionalen Beziehung im Keynesschen System, nämlich zur sogenannten Liquiditäts-Präferenz (Liquidity Preference). Wenn man von der Auffassung ausgeht, daß der Leihzinsfuß nur geringen Einfluß auf die Investitionsrate ausübt, so wäre es denkbar, ihn in einer Theorie der Einkommensbestimmung gänzlich außer acht zu lassen. Aber dies ist nicht der Standpunkt, den Keynes in der General Theory einnimmt. Da er sich nicht ausdrücklich gegen die klassische Auffassung wendet, die grundsätzlich einen Mangel von Investitionsmöglichkeiten ausschließt, ist er folgerichtig gezwungen, der Frage der Zinsfußgestaltung einen breiten Raum zu überlassen. Es ist vielleicht dieser Umstand, der viele dazu bewogen hat, in der General Theory vor allem einen wichtigen Beitrag zur Geldtheorie zu sehen. Welche Kräfte, so fragt Keynes, wirken auf den Zinsfuß ein? Und er beantwortet seine Frage mit einem Hinweis auf Angebotsund Nachfrageverhältnisse. Für das Angebot des Geldes ist, Keyne« zufolge, vor allem der Staat zuständig. Denn es ist letzten Endes staatliche Geldpolitik, die für die Flüssigkeit oder Knappheit des Geldmarktes verantwortlich ist. Was die Nachfrageverhältnisse anbelangt, so liegen die Dinge ein wenig komplizierter. Ein Teil der Nachfrage nach dem Gelde rührt daher, daß das Publikum einen gewissen Teil seines Ein6 Keynes selbst spricht in einer interessanten Stelle seines Buches über den „äußerst prekären Charakter unserer Kenntnis von den Grundlagen, auf denen Mutmaßungen über den zukünftigen Ertrag basiert werden müssen1'. Vgl. General Theory, S. 149. 7 Eine solche An&icht wurde gelegentlich von A. P. Lerner, Seymour Harris u. a. vertreten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
40 Eduard März [296 kommens teils aus Gründen der Bequemlichkeit und der Vorsicht und teils auch aus Gewohnheitsgründen in flüssiger Form aufbewahrt. Man kann hier von einer Nachfrage nach dem Gelde sprechen, die einkommensbedingt ist. Aber ein anderer Teil der Nachfrage rührt daher, daß spekulative Momente im Spiele sind. Wenn der Preis festverzinslicher Anlagepapiere ansteigt und wenn dementsprechend der prozentuelle Ertrag aus Obligationen und kurzfristigen Anleihewerten sich verringert, so mag der Zinsfuß schließlich auf ein derart tiefes Niveau fallen, daß ein namhafter Teil des Sparkapitals die flüssige Form der festen Veranlagung vorzieht. Eine solche Entwicklung kann aus mindestens zwei Gründen eintreten: Erstens mag es zu riskant erscheinen, Obligationen zu abnormal hohen Preisen zu erwerben; und zweitens fällt der finanzielle Verlust, der aus hoher Liquidität resultiert, nicht sehr ins Gewicht, wenn der Kapitalzinsfuß auf 2 oder auf einen noch niedrigeren Stand gesunken ist. Keynes vertritt demnach die Auffassung, daß bei einem abnormal liefen Stand des Kapitalzinsfußes eine Erhöhung der Umlaufsmittel von einer erhöhten Hortung der Geldkapitalien begleitet sein wird, eine Erscheinung, auf welche die Bezeichnung Liquiditäts-Präferenz vorzüglich zutrifft. Es ist klar, daß ein solches Konzept mit der althergebrachten Quantitätstheorie unvereinbar ist. Denn die letztere erwartet von einer Erhöhung der Umlaufsmittel ein Steigen des Preisniveaus unter der Annahme konstanter Umlaufsgeschwindigkeit und eines unveränderten Produktionsvolumens. Keynes' Liquiditäts-Präferenz führt aber, von einem erhöhten Geldquantum ausgehend — unter bestimmten, oben angegebenen Bedingungen — zu einer Verminderung in der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes. Das Preisniveau bleibt also selbst unter der Annahme einer Politik des „billigen Geldes" von jeder aufwärtstreibenden Tendenz unberührt. Audi erhöhte Spartätigkeit auf Seiten des großen Publikums kann unter diesen Umständen nur negative Ergebnisse zeitigen, denn sie wirkt auf der einen Seite konsumbeschränkend und damit auch einkommenbeschränkend, und sie führt auf der anderen Seite bloß zu einer Erhöhung der spekulativen Geldhorte. Wir sind hier vielleicht zu der Wasserscheide vorgedrungen, die den Keynesschen Revisionismus von der klassischen Nationalökonomie trennt. Die Auffassung der Klassiker und ihrer Epigonen geht von dem Gedanken aus, daß der Gesamtfluß der geldlichen Nachfrage unvermindert bleibt, auch wenn es zu gelegentlichen Stauungen in den Nebenflüssen des Investitionsaufwandes und der Nachfrage nach Konsumgütern kommt. Die prägnanteste Formulierung dieses Grundsatzes OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
297] Die Hauptpunkte der Keynes'schen Lehre 41 ist natürlich die von J. B. Say, derzufolge jede Produktion ihre eigene Nachfrage nach sich zieht. Welche sind nun die Regulatoren, die das Gesamtnachfrageniveau auf gleicher Höhe erhalten, auch wenn die Nachfrage nach Investitionsoder Konsumgütern fällt? Einer der wichtigsten dieser Regulatoren ist nach Wiksell der Leihzinsfuß. Wenn z. B. aus irgendwelchen Gründen die Nachfrage nach Konsumgütern fällt — was in der Terminologie von Keynes einem Fall in der Konsumneigung gleichkäme — dann müßte dies zu einer Erhöhung der Sparkapitalien führen und, in weiterer Folge, zu einer Senkung des Zinsfußes. Da es der klassischen Auffassung gemäß keine Knappheit an Investitionsmöglichkeiten geben kann, so muß die Verbilligung des Zinsfußes eine Erhöhung des Investitionsaufwandes zur Folge haben. Ein Fall in der Nachfrage nach Konsumgütern wird also durch eine automatische Erhöhung in der Nachfrage nach Investitionsgütern wettgemacht8. (Es sei hier am Rande bemerkt, daß diese Feststellung in einem auffallenden Gegensatze steht zu der im Konjunkturverlauf gleichzeitig auftretenden Schrumpfung der Nachfrage nach Konsumgütern und Produktionsmitteln.) Aus dem oben Gesagten erhellt, daß die Keynessche LiquiditätsPräferenz zu Ergebnissen führt, die der klassischen Auffassung diametral entgegenlaufen. Ein Fall in der Konsumneigung muß wohl von einer Erhöhung des Sparkapitals begleitet sein. Aber dies führt nicht notwendigerweise zu einer weiteren Senkung des Leihzinsfußes, insbesondere wenn der prozentuelle Ertrag aus Anlagepapieren — also der Kapitalzinsfuß — auf einen abnormal tiefen Stand gefallen ist. In einer solchen Situation wird ein Fall in der Konsumneigung, der Keynesschen Auffassung zufolge, vornehmlich zwei Ergebnisse zeitigen: Erstens werden die spekulativen Geldhorte weiter anwachsen und zweitens wird sich das Nationaleinkommen vermindern, und zwar — infolge des Multiplikatoreffekts — um ein Vielfaches des Betrages, um den sich die Nachfrage nach Konsumgütern ursprünglich verringert hatte. Man könnte mit Keynes sagen, daß bei einem abnormal tiefen Stande des Kapitalzinsfußes die Nachfrage nach liquiden Mitteln einen vollkommen elastischen Charakter annimmt. Dies erklärt auch, warum erneute staatliche Geldschöpfung bloß zu einer Verringerung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes führen muß. Denn ähnlich wie der Privatmann wird auch die Bank bei einem abnormal tiefen Stand des Kapitalzinsfußes es vorziehen, ihre Liquidität zu erhöhen, als neue Geldmittel in Anlagepapieren festzulegen. 8 Der klassische Standpunkt läßt sich in populärer Ausdrucksweise dahin zusammenfassen, daß jede Veränderung in der Spartätigkeit in einer korrespondierenden Veränderung im Investitionsaufwand ihren Ausdruck findet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18
42 Eduard März [298 Aber, so könnte man hier fragen, gibt es unter diesen Bedingungen einen Medianismus, der es der Wirtschaft ermöglicht, den Tiefpunkt, auf den sie gesunken ist, zu überwinden? Im Keynesschen System sind hierfür drei verschiedene Möglichkeiten vorgesehen: Erstens, und dies ist vielleicht die wichtigste der drei Möglichkeiten, kann es zu technischen Neuerungen kommen, die einen günstigen Einfluß auf die Grenzproduktivität des Kapitals haben. In diesem Falle wird sich der Kapitalzinsfuß erhöhen und die liquiden Reserven der Banken und des Publikums werden in den Zirkulationsprozeß rückströmen, oder, in vor-Keynesscher Sprache ausgedrückt, die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes wird sich wieder erhöhen. Zweitens kann es bei hoher Liquidität zu einer autonomen Hebung in der Konsumneigung kommen. Dies ist ein Gedanke, der nicht von Keynes selbst, sondern von einigen seiner Schüler und Kritiker hervorgehoben wurde9. Es ist klar, daß eine plötzliche Steigerung des Konsums, insbesondere dann, wenn sie quantitativ ins Gewicht fällt, günstige Rückwirkungen auf die Investitionstätigkeit ausüben muß. Und drittens vermag es zu spontanen Änderungen in der Liquiditäts-Präferenz zu kommen. Wenn nämlich der Kapitalzinsfuß sehr lange Zeit auf einem tiefen Punkt beharrt, dann ist zu erwarten, daß sich die Anschauung von dem, was als abnormal tiefer Kapitalzinsfuß gelten muß, schließlich ändern wird10. Banken sowie Privatleute werden einen Kapitalzinsfuß von 2 °/o, oder vielleicht einen noch tieferen Zinsertrag, einem völligen Brachliegen ihrer Geldhorte letzten Endes vorziehen, zumal wenn sie der Meinung sind, daß eine Politik des „billigen Geldes" der Hebung des Zinsfußes im Wege steht. Wir haben bisher lediglich über den Zinsfuß als Regulator des Nachfragestroms gesprochen. Es ist nun nötig, auf einen zweiten Regulator einzugehen, der freilich im Keynesschen System eine relativ untergeordnete Bedeutung besitzt. Wir haben hier den Fragekomplex im Auge, der mit der Lohnpolitik zusammenhängt. Keynes stellt sich der weit verbreiteten Auffassung entgegen, daß man von einer Reduktion der Löhne zwangsläufig eine Erhöhung des Volkseinkommens und der Beschäftigung erwarten dürfe. Er führt hier vor allem ein institutionelles Moment ins Treffen: nämlich den allgemein bekannten Umstand, daß in einer modernen Wirtschaftsordnung jede Lohnreduktion auf gewerkschaftlichen Widerstand stoßen muß. Der Lohn- • Siehe Joihn H. Williams, op. cit., S. 284. 10 Dies erhellt den z. B. von H. D. Robertson wiederholt dargelegten Standpunkt, daß die Liquiditäts-Präferenz nicht als „Unabhängige Variable" des Keynesschen Systems aufgefaßt werden darf, sondern in letzter Instanz von der Grenzproduktivität des Kapital« bestimmt wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.35 | Generated on 2023-04-04 11:10:18