Die Konkurrenz der Genüsse: Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs
Abstract
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Full text
Zimmermann, Klaus F. Article Die Konkurrenz der Genüsse: Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Zimmermann, Klaus F. (1989) : Die Konkurrenz der Genüsse: Ein BrentanoModell des Geburtenrückgangs, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 109, Iss. 3, pp. 467-483, https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291715 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zeitschrift für Wirtschaftsu. Sozialwissenschaften (ZWS) 109 (1989), S. 467 - 483 „Duncker & Humblot, Berlin 41 Die Konkurrenz der Genüsse: Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs* Von Klaus F. Zimmermann Die Studie zeigt, daß die moderne Fertilitätsökonomie auf frühe deutsche Arbeiten zurückgeführt werden kann. In der Zunahme der Gütervielfalt wurde ein Grund für den negativen Zusammenhang zwischen Geburtenentwicklung und Wohlstandsentwicklung gesehen. Es werden mikrotheoretische Grundlagen dieses erfolgversprechenden Konzepts diskutiert. 1. Einführung Nach einer von Willis (1987) kürzlich vorgelegten Bestandsaufnahme hat sich die Ökonomische Theorie der Familie als Forschungsfeld der Nationalökonomie sicher etabliert und gewinnt zunehmend an Akzeptanz in der eigenen Disziplin. Der Grund dafür ist, daß es der Nationalökonomie erfolgreich gelang, ihr Erklärungsmodell des menschlichen Verhaltens auf ein zentrales gesellschaftliches Phänomen der letzten Jahre, den drastischen Geburtenrückgang, anzuwenden. Die Bundesrepublik Deutschland ragt in diesem, alle entwickelnden Volkswirtschaften erfassenden, Vorgang deutlich hervor: Die Nettoreproduktionsrate - sie gibt an, inwieweit bei gegebenen altersspezifischen Geburtenund Sterblichkeitsraten eine Frauengeneration durch die von diesen Frauen geborenen Mädchen ersetzt wird - ist von 1,2 im Jahre 1965 auf 0,6 im Jahre 1985 gesunken und liegt damit weit unter der zur Bestandserhaltung erforderlichen Zahl von 1. Der neoklassische familienökonomische Ansatz der Chicago-Schule, der die ökonomischen Beiträge dominiert und als dessen ,Vater' Gary Becker gilt, betont in seinen Analysen (a) die rationale, nutzenmaximierende Familienentscheidung unter Restriktionen, (b) die Rolle der Zeitkosten des Kinderaufziehens und (c) das Zusammenspiel von Qualität und Quantität bei der Nachfrage nach Kindern. Diese Modellelemente sind hinreichend für ein empirisch erfolgreiches, d.h. prognosefähiges, Erklärungsmodell, das das * Überarbeitete Fassung meines Habilitationsvortrags vor den Vereinigten Konventen der Fakultäten Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre und Statistik der Universität Mannheim, gehalten am 15. Juli 1987. Die Studie entstand während meiner Zeit als Fulbright Scholar and Visiting Associate Professor an der University of Pennsylvania. Hans Haller, Marc Nerlove, Rafael Rob, Sabine Toussaint und einem anonymen Gutachter sei für hilfreiche Hinweise gedankt. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
468 Klaus F. Zimmermann soziologische Schlagwort vom ,Zusammenhang zwischen Modernität und Geburtenrückgang' modelltheoretisch fundiert: Im Entwicklungsprozeß einer Gesellschaft verstärkt sich das Rationalprinzip1, der Preis des Faktors Zeit wächst schneller als andere Preise, und beim Kinderwunsch verlagert sich die Ressourcenallokation von der Zahl auf die materielle Ausstattung der Nachkommen. Die Tradition dieses Modellansatzes beginnt mit Becker (1960), obwohl mehrere zentrale Elemente erst viel später in die Debatte eingeführt wurden. Mit dem von Schultz (1974) herausgegebenen Sammelband kann diese Entwicklungsphase der Familienökonomie als abgeschlossen gelten. Der Beitrag von Brentano (1909), der in bestechender Klarheit das komplette moderne Instrumentarium, ohne Formeln wohl, präsentiert, ist in der internationalen Literatur untergegangen und wird in Deutschland ignoriert. Brentano (1909) geht jedenfalls analytisch und in den statistischen Belegen weit über das hinaus, was Becker (1960) bietet. Mehr noch, sein Werk enthält Aspekte, die die moderne ökonomische Theorie der Familie noch nicht kennt. Hier soll Brentanos These analysiert werden, die steigende Gütervielfalt und die sich dadurch verstärkende Konkurrenz der Genüsse habe zum Geburtenrückgang (der Jahrhundertwende) beigetragen. Abschnitt 2 skizziert die Grundelemente der modernen Familienökonomie. Abschnitt 3 faßt Brentanos vergessenen Beitrag zusammen. Abschnitt 4 demonstriert den Erkärungsgehalt der Zunahme der Gütervielfalt für die Geburtenentwicklung. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse findet sich in Abschnitt 5. 2. Ökonomische Theorie der Familie: Grundelemente und zentrale Thesen Dieser Abschnitt kann nur einen groben Überblick über die Familienöko-, nomie liefern. Insbesondere beschränken wir uns auf die eheliche Fertilitätsentscheidung. Für einen vollständigen Überblick über ökonomische Theorien demographischer Prozesse und empirische Untersuchungen für die Bundesrepublik Deutschland sei auf Zimmermann (1985), (1986) verwiesen. Die bedeutendsten familienökonomischen Vorstöße stammen zweifelsohne von Gary Becker2. Wichtige Denkanstöße kamen auch von Richard A. Easterlin3 und Harvey Leibenstein (1957), (1974), der sich jedoch mit seinem neueren Beitrag kritisch mit dem Forschungsgegenstand auseinandersetzt. Die von Becker repräsentierte Chicago-Schule betont den ökonomischen 1 Die Soziobiologie liefert Belege, daß sich Tiere auch,implizit' nach dem ökonomischen Rationalprinzip verhalten. 2 Vgl. Becker (1960), (1965), (1981), Becker / Lewis (1974), Stigler / Becker (1977) und Tomes / Becker (1979). 3 Siehe Easterlin (1987) für eine populäre Gesamtdarstellung. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs 469 Rationalkalkül bei konstanten Präferenzen, Easterlin steht für den Pennsylvania-Ansatz (Easterlin lehrte lange Jahre an der University of Pennsylvania), der die Bedeutung der Präferenzbildung betont. Becker (1960) wendet das mikroökonomische Standardmodell auf die Fertilitätsentscheidung an, um, wie er ausführt (S. 209), den Malthusianismen Ansatz der Fertilitätsanalyse zu verallgemeinern und weiterzuentwickeln. Thomas Robert Malthus erklärte die (eheliche) Fertilität bekanntlich als determiniert durch das Heiratsalter und die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs in der Ehe. Die zweite Variable war für ihn eine natürliche Konstante und für das ökonomische System exogen. Dagegen ging er von einem positiven Zusammenhang zwischen Einkommensentwicklung und Eheschließungen aus. Daraus folgt ein positiver Zusammenhang zwischen Einkommen und ehelicher Fertilität. Schließt man Kinder als inferiore Aktivitäten aus, so prognostiziert das mikroökonomische Standardmodell einen positiven Zusammenhang zwischen Kinderzahl und Einkommen, was als Bestätigung der Malthusianischen Position erscheint. Empirisch beobachtete negative Zusammenhänge zwischen Kinderzahl und Einkommen erklärt Becker (1960) im wesentlichen durch eine Veränderung der Kenntnis über Antikonzeptionsmittel, die positiv mit dem Einkommen korreliert sei, aber auch durch den Rückgang in der Mortalität und durch den Übergang vom Kind als ,Investitionsgut' zum ,Konsumgut4. Kontrolliert man empirisch über diese Variablen, so werde der positive Zusammenhang sichtbar. Becker (1960) und wenig später Mincer (1963) legen empirische Untersuchungen vor, die die Becker-Position der positiven Einkommenswirkung auf die Fertilität bestätigen. Der Beitrag von Mincer (1963), obwohl von familienökonomischen Surveys normalerweise vernachlässigt, ist deshalb so wichtig, weil er zwei wesentliche Elemente der modernen Familienökonomie enthält, die in Bekker (1960) fehlen: (a) Die Zeitkosten der Kindererziehung, heute das Herzstück der Fertilitätsökonomie. (b) Das Verständnis, daß das Arbeitsangebot der Frau und der Kinderwunsch gemeinsam endogen im familialen Entscheidungsprozeß sind. Als Opportunitätskosten der Kindererziehung verwendet Mincer ((1963), 76) den entgangenen Arbeitslohn der Frau und findet in seiner Regressionsanalyse einen negativen Wirkungskoeffizienten. Er betont (S. 78), daß Arbeitsangebot und gewählte Familiengröße sich nicht kausal beeinflussen, sondern vom gleichen Satz exogener Faktoren beeinflußt werden. Trotz der populären Interpretation des seit Mitte der sechziger Jahre in Deutschland einsetzenden Geburtenrückgangs als ,Pillenknick', wird die Rolle der Antikonzeptionsmittel von Ökonomen heute anders als in Becker (1960) gesehen. Mincer (1963) ermittelt keinen signifikanten Koeffizienten für eine Variable, die die Kenntnis geburtenverhütender Maßnahmen mißt. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
470 Klaus F. Zimmermann Duesenberry4 kritisiert in seinem Diskussionsbeitrag die Qualität einer diesbezüglichen empirischen Untersuchung von Becker. Der empirisch beobachtete Zusammenhang zwischen Geburtenentwicklung und Verwendung von Antikonzeptionsmitteln wird als abgeleitete Nachfrage nach Bestimmung des Kinderwunsches gesehen5. Die Nachfrage nach diesen Mitteln gehört zu den endogenen Größen im familialen Entscheidungsprozeß. Der Abfall der Geburtenzahl seit Mitte der sechziger Jahre hat in diesem Jahrhundert in Deutschland zwei ähnlich ausgeprägte Vorläufer, 1900 bis zum 1. Weltkrieg und 1920 bis zum Einsetzen der Wirkungen der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik. Es ist unwahrscheinlich, daß solche drastischen Veränderungen ohne gute Kenntnisse geburtenverhindernder Maßnahmen realisierbar gewesen wären. Ein wichtiges, von Becker (1960) eingeführtes Konzept ist die sogenannte ,Kinderqualität', d.h. die Eltern bestimmen Zahl und Qualität ihrer Kinder. Die Begriffswahl ,Kinderqualität4 hat wertgeladene und moralisierende Diskussionen ausgelöst. Was Becker meint (und explizit sagt) ist, daß die Eltern die Ausgaben je Kind in ihrer Nutzenfunktion positiv bewerten. Sie machen sich Sorgen um das Lebensniveau ihrer Kinder, ihren Ausbildungsstand, ihre Gesundheit, ihre ausreichende Versorgung mit materiellen Gütern und ihr Vermögen. Ich habe deshalb in Zimmermann (1985) den Begriff Lebensqualität gewählt. Es wird nun unterstellt, daß die Eltern diese Überlegungen bei ihrer Allokation der Ressourcen berücksichtigen. In Beckers ((i960), 212) Sicht steigt nun bei einer Erhöhung des Einkommens die Nachfrage nach Quantität und Qualität der Kinder, obwohl der Qualitätseffekt deutlich stärker sei. Becker schließt allerdings - wohl unter dem Druck zweier kritischer Stellungnahmen im gleichen Tagungsband (siehe Kommentare von James S. Duesenberry und Bernard Okun) - einen Rückgang der Zahl nicht aus und kann es auch theoretisch nicht ausschließen. Er hält dies allerdings für die Ausnahme6. Becker hat dazu keine exakten Bedingungen abgeleitet, wohl aber in Fußnote 10 auf S. 215 f. eine Idee dafür skizziert, die er in Becker / Lewis (1974) zu einem Beweis ausbaute. Er folgte damit einem Erklärungsbedarf, da sich in zahlreichen empirischen Studien der negative Einkommenseffekt auf die Kinderzahl als hartnäckig erwies. Der Erklärungsmechanismus kann wie folgt beschrieben werden: Ein gestiegenes Einkommen erhöht die Nachfrage nach Qualität und Quantität. Da aber bei steigender Qualitätsnachfrage ein endogener Preiseffekt auf die Quantitätsnachfrage wirkt - wenn die Qualität steigt, steigen die Ausgaben je Kind kann der Preiseffekt den Einkommenseffekt überkompensieren. Die Kinderzahl sinkt. 4 Siehe den gleichen Tagungsband wie Becker (1960). 5 Vgl. Michael (1974), Rosenzweig / Seiver (1982), Easterlin (1987). 6 Vgl. dazu auch die Fußnote 3 auf S. 211 f. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs 471 Duesenberry und Okun betonen in den bereits erwähnten Kommentaren in einer Kritik von Becker (1960) die sozialen Normen, die ein Anstieg der Ausgaben je Kind mit steigendem Einkommen erzwingen (S. 234, 236). Sie äußern sich dabei ähnlich wie Leibenstein (1957). Beckers Kritik ((i960), 214f., Fußnote 9) an Leibenstein und Okun ist aber berechtigt, daß dies nicht so interpretiert werden darf, daß sich reiche Eltern höheren Preisen für Kinder gegenübersehen als arme Eltern. Reiche Eltern wählen eine höhere Kinderqualität. Dies könne aber nicht als ,Kosten4 bezeichnet werden, die Preise für Marktgüter seien für alle Eltern gleich. Zimmermann (1985) hat den Gedanken der Verknüpfung der Lebensqualität der Eltern mit der der Kinder aufgegriffen und vereinfacht dadurch den analytischen Aufwand zur Ableitung eines negativen Einkommenseffektes auf die Kindernachfrage erheblich. Er unterstellt, daß die realen materiellen Aufwendungen pro Kind (seine Lebensqualität) positiv mit dem Konsumniveau der Eltern (ihrem Wohlfahrtsniveau) zusammenhängen. Verbessern sich die materiellen Lebensbedingungen der Eltern, so werden diese auch eine Erhöhung der Lebensqualität ihrer Kinder anstreben. Die Budgetrestriktion des mikroökonomischen Nutzenmaximierungskalküls wird dadurch (wie bei Becker / Lewis (1974)),nichtlinear' in den Haushaltsaktivitäten, und für den Einkommensanstieg ergeben sich zwei Effekte. Er wirkt zunächst positiv auf den Kinderwunsch, da sich die materiellen Rahmenbedingungen der Familien verbessert haben. Da aber die besseren Lebensbedingungen auch für die Kinder angestrebt werden, wird ein Kosteneffekt durch den Anstieg der realen Ausgaben je Kind ausgelöst, dessen (negative) allokative Wirkungen auf den Kinderwunsch den erstgenannten Effekt überkompensieren können. Insofern waren Becker, Duesenberry und Okun 1960 nicht so weit auseinander. Ein entscheidender weiterer Anstoß kam durch die Formulierung einer Haushaltsproduktionstheorie durch Becker (1965). Ähnliche Ansätze werden zu gleicher Zeit durch Muth (1966) und Lancaster (1966) vorgelegt. Wesentliche Elemente dieser Theorie finden sich bereits bei Mitchell (1912) und Reid (1934). Der Ansatz geht zunächst von der Beobachtung aus, daß Menschen sich auch in ihren (auch biologischen) Fähigkeiten unterscheiden, aus Konsumgütern Nutzen zu ziehen (Differenzen in der Konsumtechnologie). Daneben erfolgt vor der Konsumtion im Haushalt ein Transformationsprozeß im Markt erworbener Güter, wobei in den Haushalten unterschiedliche Produktionsbedingungen (etwa die Ausstattung mit Haushaltsgütern oder die Fähigkeit zur Gütererzeugung) vorliegen (Differenzen in der Haushaltsproduktionstechnologie). Traditionell den Präferenzen zugewiesene Unterschiede und Veränderungen im individuellen Verhalten werden als Technologieveränderungen oder -unterschiede interpretiert. Mit den Beiträgen von Willis (1974) und Becker / Lewis (1974) sind alle zentralen Elemente der modernen ökonomischen Fertilitätsanalyse präsent. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
472 Klaus F. Zimmermann 3. Lujo Brentanos vergessener familienökonomischer Beitrag Um den Beitrag von Brentano (1909) richtig würdigen zu können, muß man seinen Erklärungsgehalt im Vergleich zu Becker (1960) mit dem derzeitigen Stand der Familienökonomie vergleichen. Becker wollte Malthus verallgemeinern und einen positiven Zusammenhang zwischen Kinderzahl und Einkommen ableiten. Viel Wert legte er dabei auf die Kenntnis von Antikonzeptionsmitteln. Er wählt als Entscheidungskalkül das mikroökonomische Rationalmodell mit Nutzenmaximierung. Das Konzept der Kinderqualität ist skizziert, aber noch nicht ausformuliert. Sein Potential für die Analyse des Geburtenrückgangs wird anformuliert, aber nicht für realistisch angesehen. Es fehlt jeglicher Hinweis auf die zentrale Rolle der Lohnkosten und das Problem der Erwerbsbeteiligung der Frau. Die Profession nimmt heute eine andere Position zum Zusammenhang zwischen Geburtenund Einkommensentwicklung ein und beurteilt die Rolle von Antikonzeptionsmitteln skeptischer. In einer Welt voller Malthusianer ist es Brentanos Anliegen, die zentralen Thesen von Malthus zu widerlegen. Seine Position ist, daß der allgemeine Einkommensanstieg einen Geburtenrückgang auslöst, und er führt dazu zahlreiche statistische Belege an. Auch er wählt das mikroökonomische Rationalmodell, das Nutzenmaximierungsprinzip ist deutlich präsent. Auch bei ihm steht die eheliche Fertilität im Mittelpunkt der Analyse. Er sieht in der Konkurrenz der Genüsse (zunehmende Gütervielfalt), in der steigenden Nachfrage nach Kinderqualität (sein Begriff ist Kinderliebe mit der exakt gleichen Definition wie bei Becker) und im Anstieg der Zeitkosten der Frau, ihrem Erwerbspotential, die entscheidenden Gründe für den Geburtenrückgang. Den Gedanken, die Emanzipationsbewegung der Frau oder die Verbesserung der Kenntnisse über Antikonzeptionsmittel habe den Geburtenrückgang ausgelöst, verwirft er. Gleiches gilt für die Kindersterblichkeit und für die Entwicklung der Heiraten, die zu dieser Zeit langfristig konstant war. Es finden sich ferner bei ihm Überlegungen zum Referenzgruppenverhalten. Es ist unklar, weshalb Brentano im Inland verdrängt wird und im Ausland in Vergessenheit geraten ist7. Ein Sprachproblem muß durchaus nicht existieren, eine Kurzfassung in Englisch (ohne Literaturquellen und statistische Tabellen) erschien bereits 1910 im Economic Journal (Bd. 20, 371 - 393). Allerdings habe ich den Beitrag nach Beginn der dreißiger Jahre in keinem führenden internationalen Journal mehr zitiert gefunden. Substanzwissenschaftlich ist er meines Wissens im Ausland zumindest unter Ökonomen nie richtig zur Kenntnis genommen worden. 7 Zimmermann (1987) nennt jedoch Anknüpfungspunkte in der Literatur und diskutiert die Bewertungen der Autoren. Hier geht es jedoch um eine richtige Bewertung der Leistungen Brentanos. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs 473 Lujo (Ludwig Josef) Brentano (1844 - 1931), Kathedersozialist und Mitbegründer des Vereins für Socialpolitik, ist der herausragendste Repräsentant des oppositionellen Wirtschaftsliberalismus aus der Bismarckschen Zeit8. 1867 in München promoviert, verfeindete ihn seine Berliner Habilitation 1871 mit dem zuvor berufenen Adolph Wagner. Brentanos Ruf gründet sich auf eine glänzende Lehrtätigkeit und eine agitatorische, insbesondere handelspolitische Schriftstellerei. Dabei vertritt er leidenschaftlich das Ideal einer ungehemmten Verflechtung Deutschlands in die Weltwirtschaft und eines radikalen Agrarliberalismus nach englischem Vorbild. Carl Brinkmann wertet über ihn: „Die vielbändigen Kollegheftpublikationen seines Alters machen vollends klar, daß sein Werk keine Renaissance haben wird" (Handwörterbuch der Sozialwissenschaften (1959), Bd. 2, 410). In der International Encyclopedia of the Social Sciences (1968), 149, kann man lesen: "Brentano was neither an original theorist nor an economic historian whose basic research opened new vistas of the past. His forte was exposition ..., and some of his writings are excellent popularizations of history. Judging by the memoirs of some of his students, Brentano must have been an effective teacher as well as a popular lecturer. Yet it is difficult not to conclude that, as a John Stuart Mill liberal in an environment that was a far cry from Gladstonian England, he could not exert much influence as a social scientist." Ich glaube, daß diese Urteile Lujo Brentano nicht völlig gerecht werden. Brentano ist vor allem wegen seiner Neigung zur Beteiligung an wirtschaftspolitischen Debatten seiner Zeit umstritten. Eine dieser Debatten, die er - wie schon so häufig - mit Adolph Wagner öffentlich in Wochenzeitungen führt, liefert die Vorgeschichte zur Entstehung von Brentano (1909)9. Wagner (1835-1917) ist ein führender Nationalökonom, Finanzwissenschaftler und Malthusianer. Wir schreiben das Jahr 1901. Wagner problematisiert öffentlich die Fähigkeit Deutschlands, seine zunehmende Bevölkerung angesichts einer wachsenden Industrialisierung zu ernähren. Er fordert Schutzzölle auf Getreide, um die deutsche Landwirtschaft wieder leistungsfähig zu machen und eine Rückkehr zum überwiegenden Agrarstaat. Brentano greift den Ball auf und bestreitet, daß ein überwiegender Agrarstaat in der Lage ist, die wachsenden Überschüsse zu liefern, die das Deutsche Reich zur Erhaltung einer wachsenden Bevölkerung und seiner militärischen Leistungsfähigkeit benötigt. Er bezweifelt auch die Existenz von Bedrohungen durch ein malthusianisches Bevölkerungswachstum, habe doch die Erfahrung des 19. Jahrhunderts gezeigt, daß die Geburtenziffer mit wachsendem Wohlstand abnimmt. Tatsächlich entwickelt sich das Bevölkerungsproblem zum Kernproblem der Auseinandersetzung zwischen beiden Autoren, die nicht enden will. 8 Einen knappen Überblick gibt das Handwörterbuch der Sozialwissenschaften (1959), Bd. 2, 410f., durch einen Beitrag des Adolph Wagner-Schülers Carl Brinkmann. 9 Zu Details vgl. Zimmermann (1987). ZWS 109 (1989) 3 30 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
474 Klaus F. Zimmermann Nun ist die Geburtenzahl seit Mitte der siebziger Jahre bis 1900 deutlich gesunken. Doch ein Großteil dieses Rückgangs war bereits Anfang der achtziger Jahre abgeschlossen. Analysiert man die Geburtenentwicklung über das gesamte 19. Jahrhundert, so kann man von keinem ausgesprochenen Trend in der einen oder anderen Richtung ausgehen. Nach 1901 setzt aber bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges ein drastischer Geburtenrückgang ein, der Brentanos Botschaft spannend macht. Wichtig ist festzustellen, daß bereits die Artikelserien im Jahre 1901 die zentralen Elemente seiner ökonomischen Theorie, die einen Geburtenrückgang erklärt, dargelegt hat. Für Brentano entwickelt sich die Fragestellung in der Folge mehr zu der These, daß das malthusianische System falsch ist. So enthält das 1909 erschienene Werk „Die Malthussche Lehre und die Bevölkerungsbewegung der letzten Dezennien" nur noch versteckte Hinweise auf die Debatte mit Wagner, der eigentliche Gegner ist jetzt Malthus. Kurz zuvor hatte Brentanos Schüler Paul Mombert (1907) in seiner Habilitationsschrift umfangreiches statistisches Material zum Zusammenhang zwischen Geburtenentwicklung und Einkommensentwicklung bzw. dem Wohlstand vorgelegt. Brentano (1909) ergänzt dieses Material und begründet nochmals ausführlich und umfassend seine Konzeption. In der deutschen Soziologie werden Mombert und Brentano seither als Wohlstandstheoretiker bezeichnet. Hier ist nicht der Platz, die Schrift von Brentano ausführlich zu würdigen. Ich greife nur die wichtigsten Elemente heraus, auf die es in dem hier gewählten Problemzusammenhang ankommt. Brentano postuliert im Gegensatz zu Malthus einen direkten und negativen Einfluß des Wohlstandes auf die eheliche Fertilität. Zu den von Malthus genannten Hemmnissen (a) sittliche Enthaltsamkeit, (b) Laster, (c) Elend müßten zwei weitere vorbeugende Hemmnisse hinzukommen, (d) physiologische Faktoren, die die Zeugungsfähigkeit beeinflussen und (e) die Trennung von Geschlechtstrieb und Fortpflanzungsverhalten. Das Fortpflanzungsverhalten wird für ihn durch „Kinderliebe" (S. 579) geprägt. Er fährt fort (S. 602f.): „Was mit zunehmendem Wohlstand abgenommen hat, ist... der Zeugungswille. Das aber, was die Abnahme des Zeugungswillens hervorgerufen hat, sind die Zunahme der Konkurrenz der Genüsse und eine Verfeinerung im Gefühl der Kinderliebe. Die Konkurrenz der Genüsse wirkt sowohl beim Weib wie beim Mann, indes bei beiden in verschiedener Weise. ..." Die Frau „will nicht von allen Freuden der Jugend und allen Genüssen, zu denen ihr Reichtum die Möglichkeit bietet, durch Schwangerschaften abgeschnitten werden, von denen die eine die andere ablöst. Bei anderen modernen Frauen wird die Abnahme des Wunsches, Kinder oder wenigstens viele Kinder zu haben, als eine Folge der Emanzipationsbewegung bezeichnet. Frauen, die, sei es sich geistig beschäftigen, sei es, wie das Wort lautet, sich ausleben wollen, wünschen in ihren Bestrebungen durch ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
Ein Brentano-Modell des Geburtenrückgangs 481 erfaßt werden13. Mit der Modernisierung' der Gesellschaft erhöht sich die Durchschnittsqualität des Konsumgüterbündels. Optimieren die Haushalte über Z = QC anstelle von C und wird in der Budgetrestriktion PC durch ZP/ Q ersetzt, so lassen sich die Wirkungen unmittelbar in den Gleichungen (8) ablesen. Als Bruttosubstitut sinkt der Kinderwunsch entsprechend (8 a) bzw. (8 a'). (8 c) impliziert ebenfalls einen Geburtenrückgang, wohingegen (8 b) keine Effekte anzeigt. Formal sehr ähnliche Implikationen kann man ableiten, wenn man mit Dixit und Stiglitz (1977) die Zahl der Konsumgüter variieren läßt. Einige simplifizierende Annahmen sind erforderlich. Zunächst wird unterstellt, daß es N Konsumgüter der gleichen Art gibt, deren Allokation (zumindest) schwach separabel von der Entscheidung über die Kinderzahl erfolgt. Somit gilt U = U(UC (Ci, C2,. •CN), K). Ferner sei Uhomothetisch. Die schwache Separabilität rechtfertigt einen zweistufigen Entscheidungsprozeß, in dem zunächst die Ressourcen zwischen C und K sowie im zweiten Schritt die Allokation zwischen C (Ci, C2, ..., CN) festgelegt wird. Die N Güter werden gemäß einer CES-Funktion des Typs (S d)17i mit * = (*•- 1 )/t* > 1 allokiert, wobei t* die Substitutionselastizität darstellt. Wenn für alle Ci} i = 1, 2, ..., N der gleiche Preis P gilt, wird von allen Gütern die gleiche Menge C konsumiert. Deshalb läßt sich die Nutzenfunktion als U= U (NIN C, K) schreiben, wobei für U die Spezifikation (7 b) gewählt wird und für die Budgetrestriktion RCN + RQK = V gelten soll. Maximiert man für K, Z mit Z = NINC und ersetzt man PCN in der Budgetgleichung durch PN1" 1/fZ, so folgt gemäß (8 a) KN< 0, sofern (1 - 1/t) < 0. Dies ist gültig, da t = (t* - 1 )/t* und t* > 1. Ein Anstieg der Güterzahl N führt bei Bruttosubstituten zu einem Geburtenrückgang. 5. Schlußbemerkung Lujo Brentano könnte ein zentrales Kapitel der modernen Familienökonomie geschrieben haben. Er hat es nicht. Eine Analyse, warum er vergessen und verdrängt wurde, konnte hier nicht gegeben werden. Dennoch bleibt festzuhalten, daß in dem Beitrag von Brentano (1909) bereits alle zentralen Elemente der modernen Familienökonomie enthalten waren. Mehr noch, es konnte gezeigt werden, daß sein Konzept der Gütervielfalt, das in neueren Fertilitätstheorien nicht vorkommt, einen plausiblen Erklärungsbeitrag zum Geburtenrückgang zu liefern vermag. 13 Vgl. auch Fisher / Shell (1971). ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
482 Klaus F. Zimmermann Zusammenfassung Die Studie zeigt, daß die moderne ökonomische Theorie der Familie, die Fertilitätsentscheidungen im Kontext von Haushaltsentscheidungen analysiert, bereits zu Beginn des Jahrhunderts in Deutschland vorgedacht wurde. Brentano (1909) kannte bereits alle zentrale Elemente der modernen Familienökonomie: Rationale Wahlhandlung nutzenmaximierender Individuen, Zeitkosten des Kinderauf Ziehens, Quantitätsund Qualitätseffekte. Anstelle von Qualität verwendet Brentano den Begriff ,Verfeinerung in der Kinderliebe'. Brentano schlug eine weitere Hypothese vor, die den negativen Zusammenhang zwischen Fertilität und ökonomischer Entwicklung erklären kann, die Zunahme der Gütervielfalt. Es wird gezeigt, daß dies ein plausibles und erfolgversprechendes Konzept ist. Summary It is shown that there is an old German tradition to analyze fertility decisions in the context of household economics going back to the beginning of the century. Brentano (1909) contains already all key elements of the modern economic theory of the family: rational choice of utility maximizing individuals, time costs of rearing children, quantity-quality effects. Instead of Becker's term quantity, Brentano used 'refinement in the love of children'. Brentano, however, suggested a further hypothesis to explain the negative correlation between fertility and economic development, the increasing variety of goods. It is shown that this is in fact a promising concept. Literatur Becker, G. S. (1960), An Economic Analysis of Fertility. Demographic and Economic Change in Developed Countries. NBER. Princeton, 209 - 231. — (1965), A Theory of the Allocation of Time. Economic Journal 75, 493 - 517. — (1981), A Treatise on the Family. Cambridge, Mass. Becker, G. S. / Lewis, H. G. (1974), Interaction Between Quantity and Quality of Children, in: T. W. Schultz (Hrsg.), Economics of the Family. Chicago. Brentano, L. (1909), Die Malthus'sche Lehre und die Bevölkerungsbewegung der letzten Dezennien, in: Abhandlungen der historischen Klasse der Königlich-Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 24. München. — (1910), The Doctrine of Malthus and the Increase of Population During the Last Decades. Economic Journal 20, 371 - 393. Dixit, A. K. / Stiglitz, J. E. (1977), Monopolistic Competition and Optimum Product Diversity. American Economic Review 67, 297 - 308. Easterlin, R. A. (1987), Birth and Fortune. Chicago. Edlefsen, L. E. (1981), The Comparative Statics of Hedonic Price Functions and Other Nonlinear Constraints. Econometrica 49, 1501 - 1520. Fisher, F. M. / Shell, K. (1971), Taste and Quality Change in the Pure Theory of the True Cost-of-Living Index, in: Z. Griliches (Hrsg.), Price Indexes and Quality Change. Cambridge, Mass. ZWS 109 (1989) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.3.467 | Generated on 2023-04-04 12:12:48
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