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Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx

Horn, Adam

Abstract

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Horn, Adam Article Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Horn, Adam (1951) : Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 71, Iss. 3, pp. 63-83, https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290726 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Das materielle und das formelle Kapitalverhältnis S. 66. — 3. Die Produktivität des Kapitals S. 69. — 4. Kapital als gesellschaftliches Produktionsverhältnis und als Ausbeutungsverhältnis S. 72. — 5. Die ökonomische Struktur des Produktionsverhältnisses oder das „materielle Kapitalverhältnis" S. 74. Eugen von Böhm-Bawerk hat sich in seiner „Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien"1 mit Karl Marx eingehend auseinandergesetzt. Er ist von der Arbeitswertlehre ausgegangen und hat die Unhaltbarkeit der Marxschen Werttheorie nachgewiesen. Doch ist zu bedauern, daß Böhm-Bawerk in diesem Werk über den Zins dem Marxschen Kapitalbegriffe als solchem so wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat. So ist es ihm entgangen, daß Marx eine Produktivitätstheorie des Kapitals entwickelt hat. Indem Marx selbst die höhere Produktivität Kapital verwendender Produktion nicht allein der Arbeit zurechnet, entwickelt er Ansichten, die sich — vom Standpunkt seiner Mehrwerttheorie aus betrachtet — höchst merkwürdig ausnehmen. Wir stoßen hier (und nicht nur hier) auf innere Widersprüche, die keinesfalls von peripherer Bedeutung sind, vielmehr an die Wurzeln des Gesamtwerkes rühren. Der Grund liegt einmal darin, daß zwischen dem Bereich der ökonomisch-technischen Produktionsverhältnisse auf der einen Seite und den jeweiligen gesellschaftlichen Zuständen mit ihren zugehörigen Eigentumsordnungen und den damit verbundenen Macht-, Rechts-, Herrschaftsund Bewußtseinsformen auf der anderen Seite an Stelle eines Begriffsunterschiedes ein Seinsunterschied konstruiert wurde. Zum anderen kann man nicht zugleich als Wissenschaftler sein Augenmerk unvoreingenommen dem (vermeintlich) prozessualen Produktionsgeschehen widmen und als sozialer Revolutionär dem geschichts1 I. Abt. des Werkes „Kapital und Kapitalzins". 3. Aufl. Innsbruck 1914, 501 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 64 Adam Horn [320 bedingten Ordnungsbereich Thesen axiomatischen Charakters entnehmen und auf das erstgenannte Gebiet übertragen. Dieser Gegensatz, den wir bereits bei Rodbertus finden und der bei ihm zur Unterscheidung zwischen den rein ökonomischen und den historisch-rechtlichen Kategorien geführt hat2, ist für Marx grundlegend. Hier hat unsere Betrachtung anzusetzen. Wir begegnen dieser Unterscheidung bereits bei dem Begriffe der Produktion. 1. Die materielle und die formelle Produktion Unter der „materiellen Produktion" versteht Marx den Arbeitsprozeß, unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form. Er behandelt den Gegensatz in seinem „Kapital" unter dem Titel „Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß"3. Auch in einer Einleitung, datiert vom 29. August 1857, zur „Kritik der politischen Ökonomie" geht Marx von der materiellen Produktion aus. Er sieht zunächst von der geschichtlich besonderen Form der Organisation dieser Produktion ganz ab und betont lediglich ihren gesellschaftlichen Charakter4. „Je tiefer wir in der Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum als unselbständig, einem Ganzen angehörig." Erst im 18. Jahrhundert schafft die Theorie den „vereinzelten Einzelnen", dem die Formen des gesellschaftlichen Zusammenhanges „als bloßes Mittel für seine Privatzwecke" begegnen5. Aber nicht nur der gesellschaftliche Charakter der Produktion, wenn auch noch ohne Rücksicht auf die besondere Verfassungsform, wird hervorgehoben. Audi die allgemeinen Bedingungen der Produktion werden in Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ökonomie aufgezeigt. Und zwar suche diese Ökonomie nach Smith und J. St. Mill neben den unumgänglich notwendigen Bedingungen auch die von der gesellschaftlichen Entwicklung abhängigen „Grade der Produktivität" aufzudecken. Dies bedeute etwa, „daß ein industrielles Volk die Höhe seiner Produktion in dem Moment besitzt, worin es überhaupt seine 2) Vgl. z. B. die Erörterung des Kapitalbegriffes. Im Gegensatz zum Nationalkapital ist das Privatkapital „kein wesentlicher, ewiger nationalökonomischer Begriff, er gewinnt seinen Bestand nur aus der wandelbaren Rechtsgeschichte der Völker". (Carl Rodbertus-Jagetzow, Das Kapital. Vierter sozialer Brief an von Kirchmann. Aus dem literarischen Nachlaß herausgegeben und eingeleitet von Th. Kozak. Bln. 1884, 315.) 3 Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 1. Buch, 5. Kapitel, S. 139 ff. der von Fr. Engels hrsgeg. 4. Aufl. Hamburg 1890, in der Folge kurz „Kapital" genannt. 4 Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie. 1. Heft. Volksausgabe Berlin o. J. (1947), 235, in der Folge kurz als „Kritik" bezeichnet. 5 Kritik, 236 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 321] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 65 geschichtliche Höhe einnimmt"6. Natürlich sei auch dies eine Tautologie. Denn die Höhe der Produktion hänge unter diesem Gesichtspunkt ab von den natürlichen Gegebenheiten. Als solche nennt Marx „gewisse Rassen, Anlagen, Klimate, Naturverhältnisse, wie Seelage, Fruchtbarkeit des Bodens usw."7. Letzten Endes gehe es also der bürgerlichen Ökonomie bei der Feststellung der allgemeinen Bedingungen um solche, die von ewigen Naturgesetzen bedingt und von der Geschichte unabhängig sind. Bei der Behandlung der Verteilung werden „dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft in abstracto untergeschoben . . ."8. Marx will hier zwei Probleme unterschieden wissen, die seiner Meinung nach die bürgerliche Ökonomie miteinander vermengt. Nämlich erstens den gesellschaftlichen Produktionsprozeß in seiner Abhängigkeit von den natürlichen oder materiellen Bedingungen und zweitens den Produktionsprozeß in seiner Abhängigkeit von den jeweiligen geschichtlich besonderen Formen der sozialen Verfassung. Worin besteht nun der Unterschied zwischen der materiellen und der formellen Produktion? Das Ziel der materiellen Produktion ist „das Gewinnen" im Sinne von Hervorbringen oder Schaffen von Gütern; das Ziel der formellen Produktion ist „der Gewinn"9. Bei der ersteren handelt es sich um den Arbeitsprozeß, bei der letzteren um den Verwertungsprozeß10. Mit dieser Entgegensetzung der materiellen und formellen Produktion stimmt Marx mit der Unterscheidung des Rodbertus zwischen dem Produktionsprozeß „als solchem" und dem „staatswirtschaftlichen Zustand" überein. Bei dieser Gelegenheit ein Wort über das Verhältnis der beiden zueinander. Rodbertus hat wesentliche Gedanken seiner Lehre bereits in seiner Schrift „Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände" im Jahre 1842 veröffentlicht. Marx dagegen schreibt selbst im Vorwort zur „Kritik", daß er zuerst im Jahre 1842/43 als Redakteur der „Rheinischen Zeitung" in die Verlegenheit kam, „über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen"11. In einem 6 Kritik, 239 f. 7 Kritik, 240. Über das Datenproblem führt Marx im „Kapital" aus: „Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderem durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel, und durch Naturverhältnisse." a. a. 0., 6. 8 Einleitung zur Kritik ... a. a. 0., 240. 9 Kritik, 240. 10 Vgl. Kapital, 139 ff., 294 f. u. ö. 11 Kritik, 11 f. Schindlers Jahrbuch LXXI, 3 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 66 Adam Horn [322 Brief an J. Zeller behauptet Rodbertus, daß Marx ihn „ganz hübsch benützt" habe, ohne ihn zu zitieren12. Marx selbst anerkennt im „Kapital", daß Rodbertus „das Wesen der kapitalistischen Produktion durchschaut" habe und nennt als Quelle den im Jahre 1851 erschienenen dritten sozialen Brief an von Kirchmann13. Wenn auch Marx gerade hinsichtlich der fraglichen Unterscheidung von Rodbertus Anregung empfangen hat, so darf doch die Abhängigkeit von Rodbertus nicht überschätzt werden14. 2. Das materielle und das formelle Kapitalverhältnis Entsprechend dem doppelten Produktionsbegriff verwendet Marx auch einen doppelten Kapitalbegriff. Einerseits ist das Kapital die materielle Bedingung der Produktion auf höherer Stufenleiter: „Die Anzahl der kooperierenden Arbeiter, oder die Stufenleiter der Kooperation, hängt also zunächst ab von der Größe des Kapitals . . ." So ist „eine gewisse Mindestgröße des einzelnen Kapitals . . . materielle Bedingung für die Verwandlung vieler zersplitterter und voneinander unabhängiger individueller Arbeitsprozesse in einen verbundenen gesellschaftlichen Arbeitsprozeß"15. Darin stimmt Marx mit Smith überein. Andererseits ist aber ein bestimmtes materielles Kapitalverhältnis die Voraussetzung für die Ausbildung des formellen Kapitalverhältnisses. Denn erst von einer gewissen Kapitalmenge an ist es möglich, „den Arbeitsanwender selbst von der Handarbeit zu entbinden, aus einem Kleinmeister einen Kapitalisten zu machen und so das Kapitalverhältnis formell herzustellen"16. Nun ist mit der Produktion auf höherer Stufenleiter eine stärkere Differenzierung des Arbeitsprozess verbunden. Und diese Differenzierung erweitert den Unterschied zwischen Leitung und Ausführung der 12 Vgl. Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände von J. Zeller. 2. Aufl. Berlin 1885, VI. 13 Kapital, 494. 14 Vgl. Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien, a.a.O., 440. 15 Kapital, 294. 16 Kapital, 294. Gerade an dieser Stelle wird besonders deutlich und muß man sich vergegenwärtigen, daß Marx den „Unternehmer-Kapitalisten" vor Augen hat. Denn weder historisch ist aus dem Kleinmeister unmittelbar ein Kapitalist geworden, noch theoretisch darf man die beiden gleichsetzen. Freilich folgt Marx auch hier getreulich der Klassik, die, trotz besseren Wissens, immer die Dinge so darstellt, wie wenn Kapitalbesitz und Unternehmerrolle unzertrennlich zusammengehörten. Vgl. Schumpeter, Art. „Unternehmer", in Handw. d. Staatsw. 4. Aufl., Bd. VIII, 481. Marx hatte nur den „Unternehmer" zu streichen, um mit dem „Kapitalisten" den Ausbeutertypus zu schaffen, der als Prügelknabe in das Konzept des Klassenkampfes paßte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 323] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 67 Arbeit. Die Teilung „zwischen Handarbeit und Kopfarbeit" wird immer „ausgesprochener und entschiedener im Maße, wie die Gesellschaft .. . reicher wird . . ."17, d. h. wie sie mit mehr Kapital die Stufenleiter der Produktion erweitert, damit die Arbeitsteilung differenziert und die Möglichkeit einer Arbeitsverwertung (Ausbeutung = formelles Kapitalverhältnis) steigert. Das Problem der L e i t u n g ist nun von entscheidender Bedeutung. Unmittelbar ist die Leitung nach Marx notwendig, weil viele zusammenwirken. Das arbeitsteilige Zusammenwirken ist aber eine Folge des Kapitals. Mittelbar entsteht also die Funktion der Leitung mit der Anwendung von Kapital. „Wie der Kapitalist zunächst entbunden wird von der Handarbeit, sobald sein Kapital jene Minimalgröße erreicht hat, womit die eigentlich kapitalistische Produktion erst beginnt, so tritt er jetzt die Funktion unmittelbarer und fortwährender Beaufsichtigung der einzelnen Arbeiter und Arbeitergruppen selbst wieder ab an eine besondere Sorte von Lohnarbeitern. Wie eine Armee militärischer, bedarf eine unter dem Kommando desselben Kapitals zusammenwirkende Arbeitermasse industrieller Oberoffiziere (Dirigenten) und Unteroffiziere (Arbeitsaufseher, foremen, overlookers, contremaîtres, managers), die während des Arbeitsprozesses im Namen des Kapitals kommandieren. Die Arbeit der Oberaufsicht befestigt sich zu ihrer ausschließlichen Funktion."18 „Mit der Kooperation vieler Lohnarbeiter entwickelt sich das Kommando des Kapitals zum Erheischnis für die Ausführung des Arbeitsprozesses selbst, zu einer wirklichen Produktionsbedingung. Der Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld wird jetzt so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld. Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größerem Maßstab bedarf mehr oder minder einer Direktion, welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt und die allgemeinen Funktionen vollzieht, die aus der Bewegung des produktiven Gesamtkörpers im Unterschied von der Bewegung seiner selbständigen Organe entspringen. Ein einzelner Violinspieler dirigiert sich selbst, ein Orchester bedarf des Musikdirektors. Diese Funktion der Leitung, Überwachung und Vermittlung wird zur Funktion des Kapitals, sobald die ihm untergeordnete Arbeit kooperativ wird. Als spezifische Funktion des Kapitals erhält die Funktion der Leitung spezifische Charaktermale."19 Ihrem Inhalte nach sei die kapitalistische Leitung zwieschlächtig, wie ja auch der zu leitende Produktionsprozeß zwieschlächtig ist, näm17 Nach einem Wort v. G. Garnier — zit. bei Marx, Kapital, 328. 18 Kapital, 296. 19 Kapital, 294 f. 5* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 68 Adam Horn [324 lieh einerseits gesellschaftlicher Arbeitsprozeß zur Herstellung eines Produktes, andererseits Verwertungsprozeß des Kapitals; der Form nach sei sie despotisch20. An derselben Stelle arbeitet Marx den Doppelcharakter der Leitungsfunktion noch deutlicher heraus. Er hält den politischen Ökonomen entgegen, sie rechneten die Arbeit der Oberaufsicht zu den „falschen Kosten". Dieser Fehler rühre daher, daß man bei Betrachtung der kapitalistischen Produktionsweise fälschlich „die Funktion der Leitung, soweit sie aus der Natur des gemeinschaftlichen Arbeitsprozesses entspringt, mit derselben Funktion, soweit sie durch den kapitalistischen und daher antagonistischen Charakter dieses Prozesses bedingt wird", identifiziere. Denn — so setzt Marx diesen Gedankengang fort — der Kapitalist ist nicht Kapitalist infolge der Leiterfunktion, sondern umgekehrt fällt ihm die Leiterfunktion zu, weil er Kapitalist ist. So wie in der Feudalzeit der Oberbefehl in Krieg und Frieden Attribut des Grundeigentums gewesen sei, so werde der Oberbefehl in der Industrie Attribut des Kapitals21. Sehen wir hier von der historischen Richtigkeit der Behauptung völlig ab, die über das Verhältnis von „ministerium" und „feudum" aufgestellt wird. Denn es ist von zweitrangiger Bedeutung, wer die Funktion der Leitung ausübt, ob der Kapitalbesitzer oder ein angestellter Leiter, gegenüber der entscheidenden Frage, daß Leitung überhaupt, und zwar in hierarchischer Rangordnung zur Durchführung des Produktionsprozesses notwendig ist22. Zwar nicht richtig, doch verständlich wird diese das materielle und das formelle Kapitalverhältnis einerseits klar unterscheidende und andererseits doch wieder verwischende Argumentation, wenn man beachtet, daß „kapitalistisch" im Sinne von „antagonistisch" zu verstehen ist. Dieser antagonistische Charakter des kapitalistischen Produktionsprozesses ist nicht Frucht der Analyse, sondern Axiom, das der materialistischen Geschichtsauffassung entspringt. Der Widerspruch zwischen den durch Analyse der wirtschaftlichen Wirklichkeit herausgehobenen richtigen Erkenntnissen und der systematischen Fehldeutung wird noch deutlicher, wenn wir die produktive Wirkung betrachten, die Marx der kapitalistischen Leitung, ganz im Gegensatz zu seinen systematischen Grundgedanken, zuschreibt. 20 Kapital, 296. 21 Kapital, 296 f. Vgl. hierzu den Aufsatz v. J. Plenge, Ein tödlicher Widerspruch im Marxismus. Die „managers" bei Karl Marx selbst „die Seele unseres Industriesystems", im Finanz-Archiv Neue Folge 12 (1951), 389 ff., dem ich den Hinweis auf die Stelle bei Marx, Kapital, 3. Buch, 23. Kap., verdanke, wo nicht die industriellen Kapitalisten, sondern die industriellen managers die Seele des Industriesystems, nach einem Wort von A. Ure, genannt werden. 22 Vgl. Kapital, 296, 314; Karl Kautzky, Marx' ökonomische Lehren, 25. Aufl. Bln. 1930, 124. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 325] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 69 3. Die Produktivität des Kapitals Bei der Behandlung der „Produktion des relativen Mehrwertes" im vierten Abschnitt des „Kapitals" geht Marx davon aus, daß die produktive Wirkung der kooperativen Arbeit die Produktivität der einfachen Arbeit bei weitem übersteigt. Darin stimmt Marx mit A. Smith überein, der die Produktivitätszunahme wesentlich auf die Arbeitsteilung zurückgeführt hat. Freilich erhebt sich bei Smith wie bei Marx die Frage, ob die „Organisiertheit" ¡gleichsam naturwüchsig oder als Leistungsergebnis eines Organisators aufgefaßt wird. Sehen wir also zu, worauf die Kooperation bei Marx gründet. Er sagt, die „Kooperation auf großem Maßstab", d. h. auf hoher Stufe, beruht „in der antiken Welt, dem Mittelalter und den modernen Kolonien . . . auf unmittelbaren Herrschaftsund Knechtschaftsverhältnissen, zumeist auf der Sklaverei. Die kapitalistische Form setzt dagegen von vornherein den freien Lohnarbeiter voraus, der seine Arbeitskraft dem Kapital verkauft"23. Wenn der Kapitalist mit Hilfe seines Kapitals Arbeitskräfte für sein Unternehmen dingt, so erlangt er Anspruch auf die individuelle, vereinzelte Arbeitskraft. Denn der Arbeiter kann nur zur Verfügung stellen, was er besitzt, nämlich seine persönliche Arbeitskraft. Daran ändert sich auch nichts, wenn der Kapitalist hundert Arbeitskräfte statt einer dingt. Weil der Kapitalist die Arbeiter ohne Kooperation, d. h. in ihrer Vereinzelung arbeiten lassen kann, zahlt er auch nur den Wert „der hundert selbständigen Arbeitskräfte, aber er zahlt nicht die kombinierte Arbeitskraft der hundert . . . Ihre Kooperation beginnt erst im Arbeitsprozeß, aber im Arbeitsprozeß haben sie bereits aufgehört, sich selbst zu gehören. Mit dem Eintritt in denselben sind sie dem Kapital einverleibt. Als Kooperierende, als Glieder eines werktätigen Organismus, sind sie selbst nur eine besondere Existenzweise des Kapitals. Die Produktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaftlicher Arbeiter entwickelt, ist daher Produktivkraft des Kapitals. Die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeiter entwickelt sich unentgeltlich, sobald die Arbeiter unter bestimmte Bedingungen gestellt sind, und das Kapital 83 Kapital, 298 f. In der Aufsatzreihe, die unter dem Titel „Lohnarbeit und Kapital" herausgegeben wurde, verkauft der Arbeiter dem Kapitalisten seine „Arbeit". Friedr. Engels hat bei der Herausgabe dieser Schrift die entsprechende Stelle verbessert, indem er sie auf den Stand der später von Marx vertretenen Ansicht brachte, wonach der Arbeiter dem Kapitalisten seine „Arbeitskraft" verkauft. In einer vom 30. 4. 1891 datierten Einleitung zur genannten Schrift hat Engels diese Verbesserung und den sich dahinter verbergenden bedeutenden Wandel des Standpunktes eingehend begründet. Vgl. Karl Marx, ökonomische Aufsätze. SingenHohentwiel (Oberbadisdie Druckerei und Verlagsanstalt G. m. b. H.) o. J. (nach 1945), 10 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 70 Adam Horn [326 stellt sie unter diese Bedingungen. Weil die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit dem Kapital nichts kostet, weil sie andererseits nicht von dem Arbeiter entwickelt wird, bevor seine Arbeit selbst dem Kapital gehört, erscheint sie als Produktivkraft, die das Kapital von Natur besitzt, als seine immanente Produktivkraft"24. Zunächst erkennen wir also klar und deutlich, daß die größere Produktivität kooperativer Arbeit von Marx nicht dem einzelnen Arbeiter zugeschrieben, sondern als Wirkung bestimmter Bedingungen verstanden wird, unter welche die Arbeiter durch das Kapital gestellt werden. Was also ist das Kapital? Er sagt darüber: „Der Zusammenhang ihrer Funktionen und ihre Einheit als produktiver Gesamtkörper (gemeint ist die Kooperation der Lohnarbeiter — A. H.) liegen außer ihnen, im Kapital, das sie zusammenbringt und zusammenhält. Der Zusammenhang ihrer Funktionen tritt ihnen daher ideell als Plan, p r aktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft."25 Wiederum ist doch klar gesagt, das Kapital ist etwas Organisierendes, Wirkendes: es bringt und hält die Kooperierenden zusammen. Diese Wirksamkeit ist von Marx logisch ausgezeichnet in zwei Komponenten aufgegliedert worden: Organisation umfaßt nämlich immer — man kann es gar nicht besser sagen — ideell einen Plan, nach dem organisiert wird, und praktische Autorität und Macht, worauf sich die Organisation stützt. Freilich steckt in dieser Beurteilung des Kapitals als etwas Organisierenden, Wirkenden eine Hypostasierung, über die wir Rechenschaft verlangen müssen. Marx selbst sagt einmal gegen den Idealismus Hegels: „Ideen können überhaupt Nichts ausführen. Zum Ausführen der Ideen bedarf es der Menschen, welche eine praktische Gewalt aufbieten."26 Hinter der Idee Kapital muß doch ein handelnder Mensch stehen. Das hat wohl auch Marx gefühlt und er selbst liefert uns das fehlende Glied in der Gedankenkette. Denn im unmittelbaren Anschluß an die oben wiedergegebene Textstelle, wonach das Kapital „zusammenbringt und zusammenhält", also organisierend wirkt, werden die Folgerungen gezogen. Dabei ist aber nicht mehr die Rede vom Kapital, sondern von der kapitalistischen Leitung. Diese Leitung sei ihrer Form nach herrschaftlich. Mit der Entfaltung der Kooperation 24 Kapital, 297. Audi hier wiederum ist es kein Zufall, wenn Marx einmal sagt, die höhere Produktivität „ist", zum anderen „erscheint" — nämlich dem Kapitalisten — als Produktivkraft des Kapitals. Vgl. K. Kautzky, a. a. 0., 111, der nur das „erscheint" vermerkt, weil hiermit offenbar auf das Ausbeutungsverhältnis Bezug genommen wird, aber das „ist" geflissentlich übersieht, womit auf das materielle Kapitalverhältnis abgestellt wird. 25 Kapital, 296. 28 Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx und Friedrich Engels 1841 bis 1850, herausgegeben von Franz Mehring. II. Bd. 3. Aufl. Stuttgart 1920, 225. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 333] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 77 wendigkeit aus der materiellen Struktur herauswachse42. Denn nach Marx geht nie eine Gesellschaftsformation unter, bevor nicht alle ihre Möglichkeiten entwickelt sind, und eine neue und höhere Formation wird nicht ¡geschaffen, bevor nicht deren materielle Bedingungen im Schöße der alten Verhältnisse ausgebildet worden sind. „Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Geschichtsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses . . . Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab."43 Denn nun beginnt nach der Vorstellung von Marx das Vollzeitalter der klassenlosen Gesellschaft. Den aufgezählten Etappen der materiellen Produktionsweisen entsprechen jeweils bestimmte Gesellschaftsformationen mit besonderen Sozialverfassungen. So entspreche der asiatischen die Barbarei, der antiken die Sklaverei, der feudalmittelalterlichen die Leibeigenschaft oder Hörigkeit, der modern-bürgerlich-kapitalistischen die Lohnarbeit. Die vierte Formation sei die letzte antagonistische Form der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. „Antagonistisch" ist hier nicht zu verstehen „im Sinne von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorgewachsenen Antagonismus"44. Infolgedessen entziehe sich jedes antagonistische Produktionsverhältnis der moralischen Bewertung. Es handle sich um einen Prozeß, der „sich in sachlicher Notwendigkeit vollzieht, von dem der Kapitalist als ,Kapitalist4, als Organ innerhalb dieses gesetzmäßigen Prozesses, gar nicht lassen kann, den er vielmehr notwendig vollziehen muß. Und andererseits muß der Lohnarbeiter seine Arbeitskraft in den Dienst der Mehrwerterzeugung stellen, er muß sich ,ausbeuten4 lassen. Das ist in der kapitalistischen Produktionsordnung eine unumgängliche, in objektiver Gesetzlichkeit sich auswirkende Notwendigkeit"45. Wir wissen nun zwar etwas über die formelle Verfassung der Zukunftsgesellschaft. Wie aber wird deren reale Basis beschaffen sein? 42 Fr. Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. Stuttg. 1946, 20. 43 Kritik, 14. 44 Kritik, 14. 45 Th. Steinbüchel, Der Sozialismus als sittliche Idee. Ein Beitrag zur christlichen Sozialethik. Düsseldorf 1921, 58. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 78 Adam Horn [334 Bekanntlich hat Marx auf diese Frage keine klare Antwort gegeben. Er blieb sie u. a. deshalb schuldig, weil er die Aufgabe so wenig klar erkannt hat wie die Klassik. Doch läßt sich aus seinen Grundgedanken unschwer aufzeigen, wie er sich die ökonomische Struktur der Zukunftsgesellschaft vorgestellt hat. Den Schlüssel hierzu liefert uns die Lehre von der Konzentration des Kapitals und der Betriebe. Für die ökonomische Struktur ist entscheidend die Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Mit fortschreitender Konzentration wächst die Quote des konstanten Sachkapitals, fällt die Quote des variablen Lohnkapitals. Im Gegensatz zum Handwerk und zur Manufaktur, wo die Organisation der persönlichen Handarbeit das strukturelle Gerüst bildete, während die sachlichen Werkzeuge lediglich der Verrichtung der menschlichen Organe „dienten", verlagert sich in der Industrie mit zunehmender Konzentration des Kapitals und Vergrößerung der Betriebe der ideelle Plan immer mehr in den mechanischen Produktionskörper. „Die eigentliche Maschinerie der Manufakturperiode bleibt der aus vielen Teilarbeitern zusammengesetzte Gesamtarbeiter selbst"46. „Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit" bedeutet „die qualitative Gliederung und quantitative Proportionalität gesellschaftlicher Produktionsprozesse, also eine bestimmte Organisation gesellschaftlicher Arbeit . . ."47. „In der Manufaktur ist die Gliederung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses rein subjektiv, Zusammensetzung von Teilarbeitern; im Maschinensystem besitzt die große Industrie einen ganz objektiven Produktionsorganismus, den der Arbeiter als fertige materielle Produktionsbedingung vorfindet . . . Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt . . . durch die Natur des Arbeitsmittels selbst diktierte technische Notwendigkeit48." Hier ist also die Leitung in den sachlichen Produktionsapparat übergegangen. Der Arbeiter ist jetzt nur noch ein dienendes Glied der Maschinerie. Weil das „Geschick" jetzt eine Eigentümlichkeit des Apparates geworden ist, ist das Gewicht seiner ökonomischen Bedeutung immer mehr gesunken mit der Folge, daß der Konzentration von Kapital und Mehrwert auf der einen Seite eine Konzentration des Elends der einander niederkonkurrierenden Arbeitermassen auf der anderen Seite entspricht. Im Fortschreiten dieser Entwicklung reift die Gesellschaft dem Tag des Umschlages entgegen. Die ökonomische Struktur oder das materielle Kapitalverhältnis der Endphase des dialektischen Geschichtsprozesses wird nun auch im „Jenseits" der klassenlosen Gesellschaft bestehen bleiben. Denn nur 46 Kapital, 313. 47 Kapital, 329. 48 Kapital, 350. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 335] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 79 die formelle Verfassung des Kapitalismus wird negiert, nicht aber seine materielle Struktur. -Diese Seite des Kapitalismus wird vielmehr positiv aufgehoben und in die Synthese der Zukunftsgesellschaft eingehen. Je mehr in der Zeitlichkeit der geschichtlichen Entwicklung gerade diese Struktur sich herausgebildet hat, um so kürzer wird die Zeit der Diktatur des Proletariats währen, deren Aufgabe ja keine andere ist, als diese Struktur zu vollenden. Denn weil dann die Verrichtung jedes Einzelnen einfach und mechanisch ist, so daß jedes Kind jegliche Funktion ausüben kann, ist die Voraussetzung der klassenlosen Gesellschaft geschaffen. Der ideelle Plan ist dann völlig im Material objektiviert. Und einer Autorität, die auf Planverwirklichung dringen würde, bedarf es nicht mehr. Denn das technische Diktat liegt in der Natur des Arbeitsmittels, das faktische in der Selbstbestimmung der frei assoziierten Arbeiter, denen die Arbeit nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern ein Lebensbedürfnis geworden sein wird49. Die große Verheißung der Zukunftsgesellschaft bedeutet, was die ökonomische Struktur betrifft, eine Summe mechanisierter Verrichtungen, also keineswegs die Überwindung der „industriellen Pathologie"50. Denn mit der Beseitigung des Klassengegensatzes wird die spezialisierte und mechanisierte Teilarbeit in sich nicht sinnvoller. Kann nun, so müssen wir fragen, die Organisation in solcher Weise objektiviert werden, daß sie der persönlichen Gliederung und Leitung entraten kann? Es ist zuzugeben, daß dem gesamten Produktionsapparat ein sinnvoller Plan51 zugrundeliegt, wodurch die Entscheidungen der Wirtschafter beeinflußt und gelenkt werden. Gerade weil der sachliche Produktionsapparat mit seiner technisch eindeutig bestimmten quantitativen Proportionalität organisierende Wirkungen zur Folge haben kann, hat sich die von Marx behauptete Zunahme der Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Wirtschaft mit fortschreitender Industrialisierung nicht ergeben. Wohl muß eine Untersuchung der Ordnungsprinzipien der Wirtschaft der organisatorischen Wirkung des sachlichen Apparates ihre Aufmerksamkeit widmen und kann sie die 49 Vgl. Brief an Bracke (1875), zit. bei 0. Spann, Der wahre Staat. Vorlesungen über Abbruch und Neubau der Gesellschaft. 3. Aufl. Jena 1931, 129. 50 Kapital, 328. Vgl. die Übereinstimmung mit Smith, der ebenfalls auf die Vollentfaltung der Person als erzeugender zugunsten der größeren Güterfülle verzichtet, bei G. Seidler-Schmid, Die Systemgedanken der sog. klassischen Volkswirtschaftslehre. Jena 1926, 38 f. 51 „Plan" hat hier allein die Bedeutung eines logischen Gefüges, das dem praktischen Handeln vorangeht. In diesem Sinne ist jede sinnvolle Wirtschaft „Planwirtschaft". Aber der hier verwendete Begriff „Plan" hat nichts zu tun mit der Bedeutung, die er in der Begriffsverbindung „Planwirtschaft" als einer bestimmten Ordnungsform hat. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 80 Adam Horn [336 Marxsche These als heuristisches Prinzip verwenden. Aber unsere obige Frage nach der Möglichkeit vollkommener Versachlichung der Organisation ist zu verneinen. Hier sind mehrere grundlegende Fehler aufzudecken: 1. Der erste Fehler steckt in der Hypostasierung des objektiven Geistes. Der in der Geschichte objektivierte Geist im Sinne Hegels ist nicht in sich seinsmächtig, sondern nur insofern wirklich, als er von einem subjektiven Geist getragen und verlebendigt wird52. Wir können hier Marx gegen sich selbst ins Feld führen mit der gegen Hegels Idealismus gerichteten Bemerkung, daß Ideen der handelnden Menschen bedürfen, die eine praktische Gewalt aufbieten, um wirksam zu werden53. 2. Marx verwendet einen falschen Einheitsbegriff. Maschinenautomaten bilden medianische Einheiten, deren Ablauf so lange vom Menschen unabhängig ist, als die stofflichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Der Maschinenautomat steht still in dem Augenblick, in dem von Seiten des Menschen der technische Sinngehalt erneut realisiert werden muß, sei es in Gestalt der Brennstoffzufuhr, der Betätigung einer Steuerungsvorrichtung oder einer Schadensbehebung. Die Wirtschaft aber ist kein Mechanismus. Ihr Einheitsprinzip ist ausschließlich Sinn oder Plan. Dieser Sinnzusammenhang besteht allein auf Grund menschlicher Entscheidung. Er fällt in dem Augenblick auseinander, da der einheitsetzende Mensch wegfällt oder den Überblick, d. h. die Kraft der Synthesis, verliert. Es wäre eine den Charakter der Geschichte völlig verkennende Irrmeinung zu behaupten, der Apparat könne das Einheitsprinzip wahren und seinerseits auf die Menschen veranlassend wirken. Wenn aber die Einheit nicht eine naturwüchsige, sondern eine geschichtlich logische ist, dann bedarf diese Einheit in analoger Weise der ständigen Gewährleistung durch den Menschen, wie die Einheit des ganzen Kosmos der Gewährleistung dessen bedarf, der ihn geschaffen hat54. Das bedeutet aber, daß hinter der Objektivierung der Organisation im Apparat die Organisation der Menschen steht, die den Apparat nutzt. Wo aber eine Organisation von Personen besteht, treffen wir auf Gliederung und Rangordnung, d. h. Überund Unterordnung, gestützt auf praktische Autorität. Nur wer an die Stelle der geschichtlichen Gesellschaft mit ihrer notwendig hierarchisch ge- " Vgl. Nie. Hartmann, Der Aufbau der realen Welt. Bln. 1940, 514 ff. 53 Vgl. Anm. 26. 54 Gerade die moderne Naturwissenschaft hat den Weg zum Verständnis der Lehre von der creatio continua des mittelalterlichen Seinsverständnisses wieder gewonnen und die Abwegigkeit jeglicher Art von Deismus, der offensichtlich auch die Wurzel der Lehre von Marx bildet, herausgearbeitet. Vgl. B. Bavink, Die Naturwissenschaft auf dem Wege zur Religion. 6. Aufl. Oberursel 1947, 103. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 337] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 81 gliederten Organisation einen Naturmechanismus zu setzen vermag, hat die Berechtigung, mit Marx die Utopie einer formell klassenlosen und einer materiell ungegliederten Gesellschaft zu lehren und zu erstreben. 3. In den falschen Begriffen des objektiven Geistes und der Einheit liegt die abwegige Lehre von der Reproduktion begründet. Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, wollten wir hier die Frage der Reproduktion, und zwar der einfachen Reproduktion und der Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter, verfolgen. Wir können auf diese Untersuchung verzichten, weil es uns hier zunächst nicht um die quantitative Seite des Kapitalproblems, sondern um die organisatorische Bedeutung des Kapitalverhältnisses geht. Cassel bemerkt dazu ganz in unserem Sinne: „Die unveränderte Fortsetzung des Produktionsprozesses unter Aufrechterhaltung des einmal vorhandenen Realkapitals ist aber keineswegs eine mechanische Notwendigkeit, sie erfordert vielmehr eine darauf gerichtete Leitung der Produktion"55. Nach dieser Betrachtung fällt es nicht schwer, den Grund zu erraten, der Marx davon abhielt, systematisch das auszuführen, was sich an Problematik hinter dem Begriff des materiellen Kapitalverhältnisses verbirgt. Diese Unterlassung förderte die Vereinfachung, die der soziale Revolutionär Marx brauchte, um mit der kapitalistischen Leitung die Leitung überhaupt abzutun. Ist aber erst einmal erkannt, daß die Wirtschaft niemals ein mechanischer Prozeß war oder sein wird und daß mit der dialektischen Negation eines Problems dieses selbst nicht hinwegdiskutiert werden kann, dann ergeben sich die Fragen von selbst und lassen die Lücken erkennen, die das Werk von Marx aufweist. Diese Erfahrung mußten alle Sozialisten machen, die aus der „antagonistischen" Stellung der Opposition in die Notwendigkeit einer positiven Entwicklung konkreter Formen der Gestaltung von Gesellschaft und Wirtschaft versetzt wurden und sich Rat suchend an Marx wandten. Ihre Aufgabe war doppelt schwer, weil die klassische Schule im Anschluß an A. Smith auf dem Gebiete der Wirtschaftsgestaltung ebenso wenig aufzuweisen hatte. Es bestand deshalb bei vielen der begreifliche Wunsch, durch Radikalismus in die von Marx aufgezeigte vereinfachte Lösung einzuschwenken. In England, wo die sozialreformerischen Bestrebungen nicht mit der Marx'schen Hypothek belastet sind, verläuft die Erörterung der neuen Methoden sachlicher und weniger doktrinär. In Deutschland hingegen besteht ein recht unfruchtbares Hin und Her von Absage an und Bekenntnis zu Marx. Dabei begegnet man zuweilen einem kaum zu überbietenden Eklekti55 G. Cassel, Theoretische Sozialökonomie. 4. Aufl. Lpz. 1927, 27. Schmolleis Jahrbuch LXXI, 3 6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 82 Adam Horn [338 zismus, der etwa den ökonomischen Determinismus ablehnt, die klassenlose Gesellschaft als Ziel aber beibehält. Audi in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um das Mitbestimmungsrecht sind die Forderungen und Formeln viel zu sehr auf den antagonistischen Charakter von Kapital und Arbeit im Sinne des formellen Kapitalverhältnisses abgestellt, während das eigentliche Problem der Mitwirkung ganz in den Hintergrund tritt. Selbst den Gutwilligen fällt es schwer, einen Weg zu finden, weil niemand recht weiß, was eigentlich erstrebt werden muß, wenn das erzielte Ergebnis eine „Lösung" bedeuten soll. Zu diesem gesollten Ziel aber fehlen entscheidende theoretische Grundlagen. Es erscheint uns daher wichtig und eine Brücke zu bedeuten zu jenen, die ihre ökonomische Belehrung nun einmal bei Marx finden wollen, wenn hier aufgezeigt wird, wo positive Möglichkeiten einer Weiterführung Marx'scher Gedanken gegeben sind. Der fruchtbare Ansatz liegt in der Einsicht von Marx, daß Kapital in keiner Weise als ein selbständiger Faktor neben Arbeit und Boden zu betrachten ist, sondern ein Verhältnis, eine bestimmte Seinsweise, darstellt, in der die arbeitsteilig verbundenen Menschen zu produktiver Wirksamkeit gelangen. Die Zugehörigkeit zu dem gleichen materiellen Kapitalverhältnis oder die Gliedschaft am gleichen Kapitalkörper, bedeutet das Stehen unter bestimmten Bedingungen, die allen eine höhere Wirksamkeit verleihen. Im Sinne des Gestelltseins unter bestimmte Bedingungen lehnt J. M. Keynes die klassische Produktionsfaktorenlehre ab und gelangt „zu der vorklassischen Lehre, daß alles durch Arbeit erzeugt wird, unterstützt durch das, was man früher Kunst zu nennen pflegte und jetzt Technik genannt wird, sowie durch natürliche Hilfsmittel, die frei oder je nach ihrer Knappheit oder ihrem Überfluß eine Rente kosten und dadurch die Ergebnisse vergangener, in den Vermögenswerten verkörperter Arbeit, die ebenfalls gemäß ihrer Knappheit oder ihrem Überfluß einen Preis bedingen. Es ist vorzuziehen, die Arbeit, natürlich einschließlich der persönlichen Dienstleistungen des Unternehmers und seiner Gehilfen, wirkend in einer gegebenen Umwelt von Technik, natürlichen Hilfsmitteln, Kapitalausrüstung und wirksamer Nachfrage, zu betrachten"56. Wenn wir fragen, worauf die „Bedingungen" gegründet sind, die eine höhere Produktivität vermitteln, so erkennen wir 1. eine geistige Potenz, die durch Wissenschaftler, Erfinder usw. zur Verfügung gestellt wird, 56 J. M. Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Ins Deutsche übers, v. F. Waeger. Münch, u. Lpz. 1936, 179. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01 339] Materielles und formelles Kapitalverhältnis bei Karl Marx 83 2. eine stoffliche Potenz, die in ihrer Quantifizienbarkeit Gegenstand der Kapitalrechnung ist. Diese Potenzen bedürfen der Aktuierung, damit die Bedingungen realisiert werden, von denen die fördernde Wirkung ausgeht. Da in der Geschichte allein den Personen eine aktuierende Kraft zuzuschreiben ist, können die „Bedingungen" nur als das Ergebnis einer Organisation aufgefaßt werden. Deren Träger sind die arbeitsteilig verbundenen Menschen selber, freilich nicht alle in gleicher Weise, sondern abgestuft je nach dem Maße ihrer Funktion. Von hier aus führt ein Weg zur sachlichen Erörterung der Fragen, die heute unter dem vieldeutigen Begriff der „Mitbestimmung" zusammengefaßt werden57. Mit unserer Frage nach der ökonomischen Struktur im Sinne des materiellen Kapitalverhältnisses wird weder verneint, daß die Organisation im formellen Sinne reformbedürftig ist, noch wird es irgend jemandem verwehrt, über die Besonderheit einer solchen Reform bestimmte Zielvorstellungen zu entwickeln. Genommen wird lediglich die Möglichkeit, ohne Auskunft über das Wie der künftigen ökonomischen Struktur und ihrer Organisation utopische Behauptungen aufzustellen. Einen ausgezeichneten Ausgangspunkt liefert die Erhellung des materiellen Kapitalverhältnisses bei Marx. 57) In einer sehr klaren Arbeit über „Mitbestimmungsrecht und Sozialismus" hat Gerhard Mackenroth auf die besonderen strukturellen Eigentümlichkeiten der Wirtschaft, insbesondere der Betriebe hingewiesen. Er ist dabei zu sehr wichtigen Ergebnissen gekommen. Mackenroth betont gegenüber den falschverstandenen Demokratißierungsbestrebungen, daß der Betrieb als herrschaftlich organisiertes Sozialgebilde auch in jede sozialistische Wirtschaftsverfassung übernommen werden müsse. Wirtschaftsdienst, 30. Jg. Heft 2 (Febr. 1950), 9 ff. 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.71.3.63 | Generated on 2023-04-04 11:06:01