scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Ökonomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur – vom Nutzen der Literatur für Ökonomie und Politikberatung

Birchler, Urs

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Birchler, Urs Article Ökonomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur – vom Nutzen der Literatur für Ökonomie und Politikberatung Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Birchler, Urs (2003) : Ökonomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur – vom Nutzen der Literatur für Ökonomie und Politikberatung, Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 123, Iss. 4, pp. 521-543, https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292069 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur – vom Nutzen der Literatur fu ¨rO ¨konomie und Politikberatung* Von Urs Birchler Zusammenfassung Die deutsche Literatur ist eine Fundgrube fu ¨r Illustrationen zur Vertragso ¨konomie. Es finden sich Beispiele optimaler oder auf lehrreiche Weise nicht-optimaler Vertra ¨ge, zahlreiche Anwendungen von Principal-Agent-Modellen (einschliesslich von Motiven wie screening und signaling) sowie schliesslich der diesen Modellen zu Grunde liegenden Gedanken aus der Spieltheorie (wie die winner’s curse oder das prisoner’s dilemma). Diese Illustrationen sind wertvoll fu ¨r den Unterricht. Daru ¨ber hinaus beleuchten sie jedoch auch die literarische Seite der Wirtschaftswissenschaften und die Mo ¨glichkeiten und Grenzen der Anwendung o ¨konomischer Rezepte in der Praxis. Abstract German literature is a rich source of illustrations to the economic theory of contracts. We find instances of optimal and of non-optimal contracts along with ideas from principal-agent theory and from game theory like the winner’s curse or the prisoner’s dilemma. Literary works thus provide inspiring examples for teaching economics. But they also remind of the literary side of economics and, finally, they cast some light on the practical applicability of economic concepts. JEL-Classification: A20, C72, D82, K12. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 Schmollers Jahrbuch 123 (2003), 521–543 Duncker & Humblot, Berlin *Fu ¨r wertvolle Hinweise danke ich Monika Bu ¨tler, Marie Theres Foegen, Bruno S. Frey, Hans Kuhn, Angelika Overath, Thomas von Ungern-Sternberg, Nikolaus Wyss, drei anonymen Gutachtern sowie dem Herausgeber dieser Zeitschrift, stehe aber selber ein fu ¨r alle verbleibenden Ma ¨ngel. Gewidmet ist dieser Aufsatz meinen beiden Kindern: Sarah verdanke ich die Inspiration zum Beginn, Peter den Mut zum Ende. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 522 Urs Birchler Faust. ... Die Wette biet ich! Mephistopheles. Topp! Faust. Und Schlag auf Schlag! (Goethe, Faust I) 1. Einleitung Die Wette zwischen Doktor Faust und dem Teufel ist nur einer von vielen Vertra ¨gen, die in den Werken der Dichter und Schriftsteller deutscher Sprache eine Rolle spielen. Vertra ¨ge werden angeboten, verhandelt, angenommen oder abgelehnt, eingehalten oder gebrochen – und meist sind dabei Motive und Mechanismen im Spiel, wie sie die Vertragso ¨konomie (economics of contracts) behandelt. Der vorliegende Beitrag versucht zu zeigen, dass hier ein Schatz bereitliegt, insbesondere auch fu ¨r die praktische wirtschaftspolitische Debatte, der noch nicht gehoben ist. Die Literaturbeispiele unterhalten na ¨mlich nicht nur, sondern dru ¨cken auch o ¨konomische Weisheiten und analytische Gedanken aus. Naheliegend scheint deshalb auch ihre Verwendung im wirtschaftswissenschaftlichen Unterricht. 1 Daru ¨ber hinaus werfen sie die Frage auf, ob die Wirtschaftswissenschaft von der „scho ¨nen“ Literatur lernen kann. Die Wirtschaftswissenschaft hat sich bisher nur vereinzelt fu ¨r Literatur interessiert (Watts, 1998; im deutschen Sprachraum Neumark, 1955; Binswanger, 1985; Niehans, 1985; Scherf, 1992), weniger jedenfalls als Psychologie und Rechtswissenschaft. Posner zeigt in Law and Literature (1998 [erste Auflage: 1988]), wie reich die (englischsprachige) Literatur an rechtlichen Themen ist. Strafrechtliche Motive in der deutschen Literatur behandelt Lu ¨derssen (2002). Verbrechen und Strafe 2 sind gema ¨ss diesen Autoren verbreitete literarische Motive. Posner (1998) weist zudem auf die Bedeutung von Pla ¨doyer als Literaturform und Prozess als (jedenfalls im angelsa ¨chsischen Raum) theatralische Veranstaltung hin. Dass auch der Vertrag, als weitere wichtige rechtliche Figur, in der Literatur ha ¨ufig vorkommt, versucht der vorliegende Aufsatz zu belegen. Dabei legt der Aufsatz eine wirtschaftliche und analytische Perspektive an: Es interessiert, inwiefern die Gedanken der Dichter und Schriftsteller o ¨konomische Gesetzma ¨ssigkeiten ausdru ¨cken. Andere wirtschaftliche Inhalte 3 bleiSchmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 1Watts (1998) gibt verschiedene Gru ¨nde zur Verwendung literarischer Beispiele im Unterricht: (1) Einbezug aller Studierenden, auch derjenigen ohne formales Training, in die Diskussion; (2) gro ¨ssere Vielfalt der Lernmo ¨glichkeiten; (3) Nachweis der letztlich verbalen, nicht-technischen Intuition und Logik der O ¨konomie. 2Auch in Form von Rache: „Probably there is more great revenge literature than there is great literature about ,official‘ law.‘‘ (Posner (1998, 23). 3Beispielsweise Informationen u ¨ber o ¨konomische Sachverhalte (wie das biblische Bild von den sieben fetten und sieben mageren Jahren), Aufschlu ¨sse u ¨ber die wirtOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 523 ben ausser Betracht. Keinesfalls geht es um die Frage „Can economics now be extended to literature as well?“ (Becker, 1977). 4 Ferner geht es hier nicht um die Tatsache, dass einzelne Dichter ganz gewiefte O ¨konomen waren, wie Moldovanu und Tietzel (1998) am Beispiel Goethe amu ¨sant nachweisen. Und ob die Literaturwissenschaft von der O ¨konomie 5 lernen kann, mo ¨ge sie selber beurteilen. Der vorliegende Aufsatz la ¨sst sich auch als Versuch lesen, einem breiteren Leserkreis die Denkweise des Spezialgebiets Vertragso ¨konomie na ¨- herzubringen. Angesprochen sind in erster Linie Vertreter(innen) anderer Zweige der Wirtschaftswissenschaften, aber auch der Jurisprudenz. Dass der Aufsatz Literaturwissenschaftern in die Hand geraten ko ¨nnte, ist wohl Wunschdenken des Autors. Zu hoffen wa ¨re, dass jene nicht urteilen wie einst der Journalist F. J. Raddatz (zitiert nach Tietzel, 1995, V), der in einer Rezension schreibt: „O ¨konomie scheint mir, einmal mehr, geheimnisvoller als ein Gedicht von Paul Celan.“ 2. Der Vertrag in Dichtung, Recht und O ¨konomie 2.1 Der Vertrag als Gleichgewicht Rechtlich gesehen, kommt ein Vertrag zustande durch eine „gegenseitige u ¨bereinstimmende Willensa ¨usserung“ der Parteien. Hinter dieser stehen, o ¨konomisch gesehen, zwei spieltheoretische Gleichgewichte. Das eine dieser Gleichgewichte ist die Sprache selbst: Wenn ich sage „Vorsicht!“ ist es fu ¨r mein Gegenu ¨ber vernu ¨nftig, anzunehmen, es drohe Gefahr. Umgekehrt lohnt es sich fu ¨r mich langfristig nicht, grundlos „Vorsicht!“ zu rufen. Daraus resultiert, dass wir uns im Gleichgewicht gegenseitig verstehen (Rubinstein, 2000, 26). Ein zweifaches Gleichgewicht liegt vor, wenn zwei Parteien einander nicht nur sprachlich verstehen, sondern sich dazu noch inhaltlich versta ¨ndigen, d. h. einen Vertrag abschliessen. Rechtlich gilt die „gegenseitige u ¨bereinstimmende Willensa ¨usserung“ auch, wenn sie stillschweigend erfolgt. Ein hingehauchtes „Auf ewig dein!“ oder eben ein Schweigen im wichtigen Moment genu ¨gen auch den Dichtern als Willensbezeugung durchaus, was reizvolle Motive ergibt. Umgekehrt werden nicht alle Vereinbarungen von den Gerichten als gu ¨ltige Vertra ¨ge geschu ¨tzt. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 schaftliche Wirklichkeit einer Epoche oder u ¨ber ihr wirtschaftliches Denken (siehe z. B. Schefold, 1992) oder schliesslich philosophische Erga ¨nzungen der Wirtschaftslehre (z. B. Binswanger, 1985, u ¨ber Goethes Faust). 4Literatur als o ¨konomisches Gut, vulgo: als Ware, wird behandelt bei Tietzel (1995). 5Unter O ¨konomie wird hier (im Sinne des von einzelnen Autoren vorgezogenen Begriffs der O ¨konomik) stets die Lehre von der Volkswirtschaft, nicht etwa die Wirtschaft selbst verstanden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 524 Urs Birchler Die Wette zwischen Faust und dem Teufel wa ¨re in den meisten La ¨ndern unter verschiedenen Titeln nichtig: unsittlich, da sie Faustens Seele zum Gegenstand hat; ferner als Spiel oder Wette nicht einklagbar; abgesehen davon, dass einer der beiden Vertragsparteien die Rechtsperso ¨nlichkeit abgehen du ¨rfte. In der Literatur binden oft gerade diese rechtlich zweifelhaften Vertra ¨ge, wie Vertra ¨- ge auf Lebenszeit, die Verpfa ¨ndung von Leib und Leben oder eine Wette, am sta ¨rksten. 2.2 Die Idee des optimalen Vertrags Die Volkswirtschaftslehre interessiert sich vor allem fu ¨r die Anreizwirkungen, die von einem Vertrag – oder schon von einer Vertragsofferte – ausgehen. Die o ¨konomische Vertragstheorie fragt insbesondere: Welcher Vertrag ist in einer bestimmten Situation optimal? Dies ist wichtig bei asymmetrischer Informationsverteilung, wenn der Vertragsanbieter (der principal) einen Wissensru ¨ckstand gegenu ¨ber dem Vertragsnehmer (dem agent) aufweist. Durch geeignete Vertragsgestaltung lassen sich die Probleme von Informationsasymmetrien entscha ¨rfen. 6 In o ¨konomischer Terminologie ist ein Vertrag eine Abbildung von Zusta ¨nden in Payoffs (moneta ¨rer oder nicht moneta ¨rer Art). Beispiel: Ein Hypothekarvertrag beinhaltet die Ru ¨ckzahlung einer im voraus fixierten Summe (plus Zinsen), falls der Schuldner zahlen kann, und die U ¨bereignung des Grundpfandes an den Schuldner in jenen Zusta ¨nden der Welt, in denen der Schuldner nicht zahlen kann (bzw. vorgibt, nicht zahlen zu ko ¨nnen). Optimal ist ein Vertrag aus der Sicht einer Partei, wenn er deren Nutzen maximiert, immer vorausgesetzt, die Gegenparteien maximieren ihren eigenen Nutzen. Ein scho ¨nes Beispiel fu ¨r einen nicht optimalen Vertrag ist das Motiv in Der rechte Barbier von Adalbert von Chamisso. 7 Ein missmutiger Kunde bietet dem Barbier hundert Batzen fu ¨r eine Rasur, droht aber, diesen umzubringen, falls er ihm seine zarte Haut auch nur ritze. Entsetzt lehnen der Barbier und dann sein Geselle ab. Erst der Lehrling nimmt die Herausforderung an – und besteht die Nervenprobe. Als ihm der Kunde zu seinem Mut gratuliert, enthu ¨llt er ihm keck den wahren Sachverhalt: „Ei! guter Herr, so stand es nicht, Ich hielt euch an der Kehle.“ Dem Kunden war es zum Schluss trotz glu ¨cklichem Ausgang „unbeha ¨glich“. Technisch ausgedru ¨ckt: Der Kunde hat, als er den makabren Handel vorschlug, einen – potentiell entscheidenden – Zweig des Spielbaums u ¨bersehen. Die Spieltheorie, das Hauptwerkzeug der Vertragso ¨konomie, lehrt na ¨mlich, Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 6Eine U ¨bersicht geben Laffont und Martimort (2002). 7Alle zitierten Gedichte sind abrufbar auf der Internetseite des Verfassers unter http://www.ursbirchler.ch/literatur/quellen.html. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 525 dass gegenwa ¨rtige Handlungsoptionen aus der Zukunft heraus bewertet werden mu ¨ssen. Backwards induction ist die technische Umsetzung der Devise respice finem – „bedenke das Ende“. Diese Mahnung missachteten viele literarische Figuren; manche – zum Beispiel die beiden Lausbuben in Wilhelm Buschs Max und Moritz – kamen nicht so gu ¨nstig davon wie der Kunde des Barbiers. Backwards induction muss eben von allen mo ¨gliche Spielausga ¨ngen ausgehen, gerade auch von den ungu ¨nstigen. Auf den Punkt bringt es Friedrich Du ¨rrenmatt (Die Physiker): Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie das schlimmstmo ¨gliche Ende genommen hat. 3. Vertragso ¨konomie 3.1 Die Grundlage: Spieltheorie In Peter Handke, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, argumentiert der ehemalige Torwart Bloch spieltheoretisch: 8 „Der Tormann u ¨berlegt, in welche Ecke der andere schiessen wird“, sagte Bloch. „Wenn er den Schu ¨tzen kennt, weiss er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Mo ¨glicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschu ¨tze damit, dass der Tormann sich das u ¨berlegt. Also u ¨berlegt sich der Tormann weiter, dass der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Wie aber, wenn der Schu ¨tze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die andere Ecke schiessen will? Und so weiter, und so weiter.“ Es geht also darum, einen Schritt weiter zu denken als der Gegner, da das Ergebnis fu ¨r beide Beteiligten jeweils von der Handlung der Gegenseite mitbestimmt wird. Wenn jeder seine Entscheidung trifft, bevor er weiss, wie sich der Gegner entscheidet, spricht die Spieltheorie von einem simultaneous game. Bloch beschreibt die Situation jedoch sogleich auch als sequential game: „Wenn der Schu ¨tze anla ¨uft, deutet unwillku ¨rlich der Tormann, kurz bevor der Ball abgeschossen wird, schon mit dem Ko ¨rper die Richtung an, in die er sich werfen wird, und der Schu ¨tze kann ruhig in die andere Richtung schiessen“, sagte Bloch. „Ebensogut ko ¨nnte der Tormann versuchen, mit einem Strohhalm die Tu ¨r aufzusperren.“ Hier steht der Tormann auf verlorenem Posten. Entscheidend ist also, wer in welchem Moment wieviel weiss. Die Erza ¨hlung endet wie folgt: Der Schu ¨tze lief plo ¨tzlich an. Der Tormann, der einen gelben Pullover anhatte, blieb vo ¨llig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschu ¨tze schoss ihm den Ball in die Ha ¨nde. Dies liest sich wie eine Parodie auf die Spieltheorie, ist aber eher eine Ermahnung, sie sauber anzuwenden, d.h. keine Handlungsmo ¨glichkeit ausser Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 8Eine anregende Einfu ¨hrung in die Spieltheorie bietet Binmore (1997). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 526 Urs Birchler acht zu lassen, ferner darauf zu achten, wer jeweils am Zuge ist und was er dabei weiss. 3.2 Vertragsofferte und -annahme als Signale Ein u ¨berraschendes Ergebnis der o ¨konomischen Vertragstheorie ist das „Enthu ¨llungsprinzip“ (revelation principle): Wer einer Gegenpartei mit Informationsvorsprung einen Vertrag offeriert, fa ¨hrt am besten, wenn ihr die Vertragsofferte den Anreiz gibt, die private Information offenzulegen. Verblu ¨ffend daran ist nicht erst, dass es sich lohnt, einen Anreiz zur Ehrlichkeit zu geben. Schon die Tatsache, dass sich der Gegenpartei die Wahrheit u ¨berhaupt entlocken la ¨sst, beeindruckt. Klassisches Beispiel fu ¨r das Aufdecken geheimer Information ist der im Salomonischen Urteil (Ko ¨nige I, 3) verwendete „Mutterschaftstest“: Wer bereit ist, auf das Kind zu verzichten, anstatt es halbieren zu lassen, erweist sich – im nachhinein! – als die wahre Mutter. Bertold Brecht hat das Motiv aufgenommen in Der Kaukasische Kreidekreis. Azdak, ein zum Richter erhobener betrunkener Landstreicher verordnet: Die beiden angeblichen Mu ¨tter sollen versuchen, das Kind an je einem Arm aus dem Kreis zu ziehen. Wer es zu sich ziehen kann, ist die wahre Mutter. Auch hier la ¨sst die wahre Mutter fru ¨her los als die falsche. (Die Zusatzpointe liegt bei Brecht darin, dass die leibliche Mutter nicht die „wahre“ ist.) Unter der spieltheoretischen Lupe erweist sich die Wahrheitsfindung in beiden Fa ¨llen eher als Glu ¨cksfall denn als Folge eines weisen mechanism design: Weder Salomo, noch Richter Azdak wa ¨ren weiter gekommen, ha ¨tte die falsche Mutter den Bluff durchschaut und rechtzeitig losgelassen (vgl. Farrell, 1987). Richtig angewendet funktioniert der „o ¨konomische Lu ¨gendetektor“ wie folgt: Ein Akteur, nennen wir ihn den Insider, hat einen Informationsvorsprung. Die Gegenpartei offeriert ihm einen Vertrag mit der Bedingung takeit-or-leave-it. Ist diese Vertragsofferte geschickt formuliert, wird sie der Insider je nach seiner privaten Information annehmen oder ablehnen. Die Offerte muss also einen Ko ¨der enthalten, der je nach Informationsstand attraktiv oder unattraktiv ist. Das Anbeissen oder Verschma ¨hen des Ko ¨ders als Signal an die uninformierte Gegenpartei muss allerdings fa ¨lschungssicher sein: Das Aussenden des richtigen Signals muss – anders als im Salomonischen Urteil – attraktiver sein als Lu ¨gen. Hingegen mag der Ko ¨nig, der wissen will, wer der Todesmutigste unter seinen Edlen ist, folgende Offerte stellen: „Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in diesen Schlund? Einen goldenen Becher werf ich hinab, ...“ Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 527 Nur einer, und erst noch bloss ein Knappe, nimmt in Friedrich Schillers Der Taucher die Herausforderung an – und besteht. Doch der Ko ¨nig schickt den Knappen nochmals in die Tiefe und setzt als Preis zusa ¨tzlich seine Tochter. Der Knappe zo ¨gert; er hat die Gefahr am eigenen Leib erlebt. Doch: Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt, und es blitzt aus den Augen ihm ku ¨hn ... und er springt ein zweites Mal. Entweder ist ihm die geringe Chance, die Prinzessin heiraten zu ko ¨nnen, so viel wert – oder der Erfolg ist dem Knappen zu Kopfe gestiegen, er handelt „irrational“. Wir wissen nicht genug, um zwischen beiden Interpretationen entscheiden zu ko ¨nnen (es liegt ein joint test fu ¨r zwei Hypothesen vor). 9 Klar scheint hingegen, dass es dem Ko ¨nig nicht nur um Erkenntnisgewinn ging; sonst ha ¨tte er zuna ¨chst ein weniger gefa ¨hrliches Spiel versuchen ko ¨nnen. Wer sich des o ¨konomischen Lu ¨genoder Wahrheitsdetektors bedienen will, findet bei Schiller auch die Warnung: Man kann nicht messen, ohne zu sto ¨ren. In Der Handschuh pru ¨ft Fra ¨ulein Kunigunde Ritter Delorges’ Liebe, indem sie ihren Handschuh in die Zirkusarena – mitten unter die Raubkatzen – wirft: „Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiss, wie Ihr mir’s schwo ¨rt zu jeder Stund, ei, so hebt mir den Handschuh auf.“ Der Ritter zeigt Gro ¨sse: Er holt den Handschuh kaltblu ¨tig aus der Arena, wendet sich dann ans Fra ¨ulein: Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht: „Den Dank, Dame, begehr ich nicht“. Und verla ¨sst sie zur selben Stunde. Das Fra ¨ulein verra ¨t durch ihre Aufforderung an den Ritter, seine Liebe zu beweisen, das Fehlen ihrer eigenen Liebe. Sie will ihn in ein screening game locken und gera ¨t dadurch unabsichtlich selber in ein signaling game. Sie liefert damit ein Beispiel dafu ¨r, dass das Anbieten eines Vertrags oder dessen Annahme selber Sprachsignale sind (Ma ¨nnel, 2000, 153) – da mit wirtschaftlichen Folgen verbunden sogar besonders glaubwu ¨rdige. 3.3 Vertragsbestimmungen als Leistungsanreize Die zweite Hauptlinie der Vertragstheorie behandelt Anreize zu ku ¨nftigem Handeln. Wa ¨hrend die oben behandelte Linie einen bestehenden InformationsSchmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 9Ein dritte Interpretation besagt, der Knappe entscheidet aufgrund seiner bisherigen Erfahrung, was im Sinne der von Gilboa und Schmeidler (2001) beschriebenen Entscheidungslogik durchaus rational sein kann. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 528 Urs Birchler vorsprung (pre-contractual asymmetric information) beseitigen will, geht es hier darum, ku ¨nftiges Verhalten des Vertragsnehmers zu kanalisieren (postcontractual asymmetric information). Der typische Ablauf ist: Vertragsschluss, dann die unbeobachtbare Leistung des agent, dann ein Akt der Natur, sprich: des Zufalls, und schliesslich Eintritt des Resultats. Diese ha ¨ngt von Leistung und Zufall gemeinsam ab, weshalb die Leistung auch im nachhinein nicht feststellbar ist. Die im Vertrag vereinbarten Folgen ko ¨nnen deshalb nur an das beobachtbare Endergebnis anknu ¨pfen. Leistung kann, mit anderen Worten, in diesen Modellen nicht direkt bezahlt, sondern nur indirekt u ¨ber eine Erfolgspra ¨mie honoriert werden. Einen wu ¨sten Anreizvertrag formuliert Claire Zachanassian, Titelfigur in Der Besuch der alten Dame von Friedrich Du ¨rrenmatt (siehe auch Frey et al. 1996). Sie offeriert dem Dorf Gu ¨llen eine Stiftung von einer Milliarde Franken, zur Ha ¨lfte fu ¨r die Stadkasse, zur Ha ¨lfte fu ¨r die einzelnen Bu ¨rger, sollte jemand bereit sein, ihren ehemaligen, verra ¨terischen Liebhaber, den Kaufmann Ill, zu to ¨ten. Die Gu ¨llener weigern sich empo ¨rt. 10 Gleichzeitig beginnen sie, auf grossem Fuss und auf Pump zu leben – offenkundig im Vorgriff auf kommenden Reichtum. Ill muss mit Entsetzen mitansehen, wie sein Marktwert fu ¨r alle ersichtlich zusammenschmilzt. Der Markt wirkt hier lehrbuchma ¨ssig als Koordinationsmechanismus; ohne dass die Gu ¨llener daru ¨ber sprechen 11 , wird allen klar, dass letztlich Einigkeit u ¨ber Ills Schicksal herrschen wird. Der Markt erzwingt dieses Schicksal sogar, da die Mitbu ¨rger Ills Tod, bzw. Zachanassians Geld, zunehmend brauchen. Ein klassisches und auf den ersten Blick moralisch erbaulicheres Beispiel fu ¨r einen Anreizvertrag ist Die Bu ¨rgschaft von Friedrich Schiller. Dem wegen versuchtem Tyrannenmord zum Tode verurteilten Damon gewa ¨hrt der Tyrann drei Tage Freiheit, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Als Pfand in diesem (nichtfinanziellen) Schuldvertrag „hinterlegt“ Damon seinen Freund. Der Tyrann steigt auf das Experiment ein, da ihn wundert, ob Freundschaft so stark sein ko ¨nne. Fu ¨r den Leser, der Damon traut, kommt die Spannung aus der Unberechenbarkeit der Natur. Damon gera ¨t auf dem Ru ¨ckweg zuerst ins Hochwasser, dann unter die Ra ¨uber und verdurstet schliesslich fast. Dennoch bleibt er dem Freund treu, notfalls u ¨ber dessen Tod hinaus. Die Warnung: „Zuru ¨ck! du rettest den Freund nicht mehr, so rette das eigene Leben“ Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 10 Es handelt sich hier nicht um einen zweiseitigen Vertrag, sondern um den Ausnahmefall einer einseitig verpflichtenden Erkla ¨rung (einen Vertrag zugunsten Dritter im Sinne z. B. des schweizerischen Art. 112 OR). Diese wird bei Eintritt der gesetzten Bedingung wirksam; auf die (heuchlerische) Reaktion der Gu ¨llener Bu ¨rger kommt es also nicht an. 11 Ma ¨nnel (2000) weist darauf hin, dass auch Marktpreise Sprachsignale darstellen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 535 seinem Recht auf das neugeborene Kind, oder hat er nochmals Erbarmen? ist das Spannungselement in Gebru ¨der Grimms Rumpelstilzchen, einem der zahlreichen Ma ¨rchen, in dem Vertra ¨ge eine wichtige Rolle spielen – wie dem bereits erwa ¨hnten Hans im Glu ¨ck oder Der Froschko ¨nig, Die zertanzten Schuhe und viele mehr. Die Nicht-Erfu ¨llung spielt in der o ¨konomischen Vertragstheorie eine wichtige Rolle. Hat der Schuldner nur Pech gehabt, besteht Anlass zur Neuverhandlung (renegotiation), einem wichtigen Element der Vertragstheorie. 17 War er indessen unfa ¨hig, somit ein sozusagen „ungeeigneter Eigner“ seiner Gu ¨ter, werden ihm diese im Konkurs entzogen. Dies dient nicht nur der Strafe und Abschreckung, sondern der „effizienten Allokation der Produktionsmittel“. Auch in der Literatur sind Vertragsverletzung und Vertragsbruch wichtige Motive. Als Versto ¨sse gegen eine ho ¨here Ordnung werden sie bestraft. Auf Vertragsbruch steht der Tod in Des Teufels General von Carl Zuckmayer, unheilbare Krankheit in Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf oder Wahnsinn in Das Versprechen von Friedrich Du ¨rrenmatt. Wahnsinn in Form unstillbarer Reue ist angedeutet in Heinrich Heines Der Dichter Firdusi. Der Waschku ¨chenschlu ¨ssel von Hugo Lo ¨tscher liest sich einerseits wie eine Parodie auf das Motiv des unerfu ¨llbaren Vertrags, in der die Tragik der Komik weicht. Andererseits hat die Geschichte auch eine staatsphilosophische Dimension, na ¨mlich den Konflikt zwischen Wohlfahrt und Gerechtigkeit, den beiden wichtigsten Rechtfertigungsgru ¨nden fu ¨r Eingriffe des Staates in die Wirtschaft und in die Vertragsfreiheit. Vertragswerk ist konkret die Waschku ¨chenordnung samt dem Geflecht teils geschriebener, teils ungeschriebener Regeln helvetischen Zusammenlebens im Mietshaus. Der Erza ¨hler erlaubt einer Nachbarin aus Freundlichkeit, an seinem Waschtag zu waschen und erlebt, wie diese ahnungslos vereinbarte, geringfu ¨gige Abweichung von der Waschku ¨chenordnung zu einer Kettenreaktion fu ¨hrt: Er findet sich schliesslich in einem Netz von Verpflichtungen gefangen, die er in ihrer Ga ¨nze gar nicht einhalten kann – der Versuch, die Waschku ¨chenordnung zu respektieren, fu ¨hrt ihn im Gegenteil erst recht in immer tiefere Widerspru ¨che. Der Ich-Erza ¨hler, der den Waschku ¨chenschlu ¨ssel ausserhalb der Ordnung weitergibt, steht gewissermassen fu ¨r die o ¨konomische Sicht, d. h. fu ¨r das Wohlfahrtsziel: Er erleichtert der Nachbarin das Leben, ohne dass es ihn etwas kostet – er erzielt, in o ¨konomischer Terminologie, eine Pareto-Verbesserung. Doch da tritt anderntags eine zweite Nachbarin auf, die darauf besteht, den Schlu ¨ssel aus Prinzip direkt vom Ich-Erza ¨hler zu bekommen. Sie beharrt auf ihrem Recht, vertritt also den – hier karikierten – juristischen Standpunkt. Lo ¨tSchmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 17 Die Mo ¨glichkeit von Neuverhandlung ist beispielsweise dann wichtig, wenn die Parteien Ereignisse beobachten, aber nicht beweisen und einklagen ko ¨nnen. Neuverhandlung erschliesst Lo ¨sungen fu ¨r solche Ereignisse, die nicht im voraus explizit getroffen werden ko ¨nnen; vgl. z. B. Laffont und Martimort (2002). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 536 Urs Birchler schers Kritik trifft deshalb nicht nur den anvisierten Schweizer Charakterzug, sondern die Tendenz zur Regulierung ohne genu ¨gende Beru ¨cksichtigung der Kosten u ¨berhaupt. 5.4 Spezialfall: Vertra ¨ge mit sich selbst In vielen literarischen Werken spielen Vertra ¨ge mit sich selbst eine Rolle. Die O ¨konomie hat lange nichts von solchen Vertra ¨gen wissen wollen, obwohl sie mindestens in der Alltagsform des guten Vorsatzes den meisten bekannt sind. Zwar haben sich einzelne O ¨konomen mit Zeitinkonsistenz, Reue oder dem Hinausschieben (procrastination) bescha ¨ftigt, mit Pha ¨nomenen, welche Spaltungen im Bewusstsein des homo oeconomicus erkennen lassen, die einen Vertrag mit sich selbst u ¨berhaupt mo ¨glich, bzw. notwendig machen. Erst neuerdings bescha ¨ftigt sich ein Zweig der Mikroo ¨konomie mit Fragen wie Selbstvertrauen oder Selbstdisziplin (z. B. Tirole, 2002). Er versucht, der Instanz des „Selbst“ von der o ¨konomischen Seite na ¨herzukommen und Erfahrungen wie unvollkommene Selbsterkenntnis, Willensschwa ¨che und selektives Geda ¨chtnis zu erkla ¨ren. 18 Zum Handel des momentanen Selbst mit seinen ku ¨nftigen Auspra ¨gungen ha ¨tte die Literatur einiges zu bieten: Ihre Heldinnen und Helden sind gekennzeichnet durch Versuchung, Suche nach sich selbst, durch Selbstta ¨uschung und Selbstbestrafung, Selbstdarstellung und Selbstzersto ¨rung. Vertra ¨ge mit sich selbst spielen im u ¨brigen mit einem Paradox: Einerseits ko ¨nnte ich mir Schulden bei mir selber leicht erlassen; andererseits kann der Vertrag mit sich selbst sta ¨rker binden als eine Abmachung mit Dritten. Mit Firdusis Tod ist die Schuld des Fu ¨rsten juristisch erledigt, doch wird sie dem Schuldner gerade jetzt zur Qual. Fu ¨r Kommissar Mattha ¨i oder Damon ist die Erfu ¨llung ihrer Versprechen eine Schicksalsfrage, weil es letztlich Versprechen gegen sich selbst sind. Beide fu ¨hlen sich nicht verpflichtet, sondern in der Pflicht. Nichterfu ¨llung ist auch ein Verstoss gegen eine ho ¨here Ordnung; daher die gravierenden Konsequenzen. 19 Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 18 Fernziel dieser Arbeiten ist es, den homo oeconomicus zu ersetzen durch ein einen homo sapiens (Thaler, 2000) oder ein „psychologically enriched individual“ (Be ´nabou und Tirole, 2002). Die Idee, das Selbst zu deuten als „intertemporal collection of selves“ findet sich schon bei McCloskey (1986). Dieser erwa ¨hnt auch DeSaussures Beispiel des 8 Uhr 25-Zuges, der zwar jeden Tag der gleiche und doch ein anderer ist. 19 Umgekehrt ko ¨nnen Vertra ¨ge mit ho ¨heren Ma ¨chten Metaphern fu ¨r Vertra ¨ge mit sich selbst sein. Auf dem Spiel stehen dann Gewissen oder Identita ¨t. In Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Chamisso verkauft Peter Schlemihl einem Fremden seinen Schatten gegen ein Sa ¨ckchen voll Geld, das sich immer wieder auffu ¨llt. Das Fehlen seines Schattens macht ihn jedoch gesellschaftlich zum Aussenseiter. Der Fremde bietet ihm an, den Schatten zuru ¨ckzugeben – im Tausch gegen Schlemihls Seele. Dieser lehnt freilich ab und wirft den Goldbeutel schliesslich weg. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 537 6. Literatur und Wirtschaftswissenschaft Literaturstellen sind je fu ¨r sich allein betrachtet reizvolle Einzelbeispiele o ¨konomischer Einsichten. Lehren sie uns aber in ihrer Gesamtheit nicht auch etwas u ¨ber das Verha ¨ltnis oder – o ¨konomisch gesprochen: die Arbeitsteilung – zwischen Literatur und O ¨konomie, bzw. zwischen Literatur und Wissenschaft schlechthin? Der folgende Versuch, auf diese Frage zu antworten, bleibt vorsichtig und partiell, beschra ¨nkt auf den engen Bereich der Vertragso ¨konomie. 6.1 Schulden versus Schuld: Sind O ¨konomie und Dichtung unvereinbar? Eine radikale These lautet: Literarische und o ¨konomische Darstellung sind unvereinbar. Tatsa ¨chlich sind O ¨konomie und Literatur schon sprachlich grundverschieden: Der O ¨konom redet trocken; er braucht die Stu ¨tze einer Fachsprache aus Begriffen, die pra ¨zis und deshalb arm an Bedeutungen sind. Anders der Literat, besonders der Dichter: Statt Vertrag kann er auch Abkommen, Bund, Bu ¨ndnis, Pakt, Schwur, U ¨bereinkunft, Vereinbarung oder Verkommnis sagen; Begriffe, in denen vieles aufleuchtet, die aber o ¨konomisch weiter nichts als „Vertrag“ bedeuten. Das folgende Kurzgedicht ohne Titel von Paul Celan ist deshalb kaum mit o ¨konomischen Augen zu lesen: Mit den Verfolgten in spa ¨tem, unverschwiegenem, strahlendem Bund. Die unterschiedliche Terminologie widerspiegelt unterschiedliche Ziele. Der Dichtung geht es nach allgemeiner Auffassung um eine aesthetische, allenfalls noch moralische Wirkung, nicht aber um Erkenntnisgewinn. Dass der Schah beim Dichter Firdusi, o ¨konomisch oder juristisch gesehen, Schulden hat, wird fu ¨r den Dichter erst interessant, als jener die Schulden nicht bezahlt und damit Schuld auf sich la ¨dt. Die fu ¨r Wissenschaft typische Klassifizierung und Systematisierung sind der Dichtung hingegen fremd: „... ein freier Autor – oder ein Dichter – weiss von alledem nichts, oder will davon nichts wissen“ (Lu ¨derssen, 2002, 228). 20 Wissenschaftlicher Fortschritt scheint die Literatur ins Reservat des Aesthetischen oder des Irrationalen zu verdra ¨ngen: „Da die Dichtung eben nicht Wissenschaft sein will, mu ¨ssen wir also befu ¨rchten, dass die Literatur vom o ¨konomischen Wissen desto weniger entha ¨lt, je weiter sich die o ¨konomische DiszipSchmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 20 Wissenschaftlicher Inhalt gereicht dem Schriftsteller sogar zum Nachteil: „the display of an esoteric or technician’s interest in the workings of a social institution, even one as interesting and important as law, will reduce the appeal of the work, making it less likely that it will be either a best seller or a classic.“ (Posner, 1998, 29). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 538 Urs Birchler lin entwickelt“ (Schefold, 1992, 16). Man ko ¨nnte glauben, „... inzwischen sei alles Sache der Wissenschaft geworden, wo immer rationale Aussagen mo ¨glich seien, habe die Literatur ihr Terrain verloren.“ (Lu ¨derssen, 2002, 210). Umgekehrt scheint das Interesse der Literatur an der Wirtschaft zu erlahmen. „Von Ausnahmen abgesehen sind wirtschaftliche Themen aus der eigentlichen Dichtung la ¨ngst verschwunden.“ (Schefold, 1992, 15). 21 Dies mag in der Tendenz zutreffen. Doch umgekehrt zeigt ein Gedicht wie Wirtschaftsleben von Hans Magnus Enzensberger, dass aesthetische oder moralische Wirkung durchaus mit einer aktuellen wirtschaftlichen Aussage vereinbar ist: Bezahlt wird einer dafu ¨r, dass er die Richtlinien der Politik bestimmt, dass er schlachtet, dass er Kierkegaard deutet, dass er sich ins Bett legt, dass er Tasten dru ¨ckt, dass er seinen Samen spendet, dass er endlich weiterkommt bei der Lipotropin-Synthese, dass er knu ¨ppelt, kocht, bu ¨gelt, Tore schiesst, dass er endlich verschwindet. 6.2 Gegenthese: O ¨konomie gleich Dichtung Der Unvereinbarkeitsthese ko ¨nnte man radikal entgegenhalten: O ¨konomie und Dichtung sind nur a ¨usserlich verschieden, im Grunde aber wesensverwandt. Beide beruhen letztlich auf Sprache. 22 Ferner hat auch O ¨konomie eine literarische Seite. Beispielsweise spricht sie durchaus in Bildern: „models are nonornamental metaphors“ (McCloskey, 1986, 74). Der Beispiele sind viele: Gleichgewicht, Elastizita ¨t, Humankapital, ferner: Spieltheorie, wenn nicht sogar der (vom Bild der Hauswirtschaft inspirierte) Begriff der Volkswirtschaft Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 21 Im Roman werden bestimmte Aspekte – Wechselfa ¨lle des kapitalistischen Wirtschaftens, das Geld, etc. – thematisiert, aber oft versucht das moderne Drama „gerade das Unversta ¨ndliche am Wirtschaftsprozess herauszuheben.“ Im deutschen Roman (welcher die bu ¨rgerlichste Form der Literatur darstellt) des 20. Jhdts. kommt die Wirtschaft kaum vor (mit der teilweisen Ausnahme von Thomas Mann); nicht einmal linke Autoren interessieren sich fu ¨r die Wirtschaft (Scherf, 1992, 261f.). Die Absenz der Wirtschaft trotz gravierender wirtschaftlicher Umwa ¨lzungen „setzt die Belletristik dem Verdacht des Opiats aus“ (ebenda, 265). Statt zur Erkenntnis beizutragen, wa ¨re die Dichtung – Die verda ¨chtige Pracht (von Matt, 1998) – im Gegenteil sogar ein Mittel der Verdummung geworden. 22 „Language is the air that we breath when thinking and communicating, often without noticing“ (van Benthem, 2000). Verschiedene Autoren (McCloskey, 1986; Rubinstein, 2000; Samuels, 2001) sprechen deshalb von der „Nicht-Neutralita ¨t“ der Sprache (Ma ¨nnel, 2000). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 539 selbst. 23 Einzelne Autoren halten O ¨konomie denn auch fu ¨r grundsa ¨tzlich literarisch. „Good science is good conversation.“ (McCloskey, 1986, 27). Oder: „The level at which economics and literature begin to merge is, surprisingly, the aesthetic. Economics is beautiful to those who know enough of it to be able to read economic books and articles and who also have an aesthetic sense. Elegance, concision, surprise, precision, form, metaphor, narrative, example, economy of expression, architectonic order, mystery, wit – from Adam Smith to Gary Becker and Robert Solow, these aesthetic virtues are to be found at the highest levels of economic scholarship, just as they are found to be in imaginative literature and in the physical sciences.“ (Posner, 1998, 301f.) Ob die starke Betonung der Aesthetik und Eleganz o ¨konomischer Modelle der Analyse realo ¨konomischer Probleme immer angemessen ist, steht auf einem anderen Blatt und soll hier nicht weiter diskutiert werden. Umso interessanter ist es, dass – wie die in diesem Aufsatz zitierten Beispiele zeigen – auch die Literatur „wissenschaftliche“ Ambitionen hat, d. h. allgemeinere Zusammenha ¨nge und strukturelle Regelma ¨ssigkeiten aufzeigen will. Wie die O ¨konomie will die Dichtung offenbar durchaus auch zur Erkenntnis beitragen. Und keineswegs umschreibt der Dichter jeweils nur einen Einzelfall: „His view of a situation, however sharp and immediate, is nevertheless always part of a long view“, sagt der Literaturwissenschaftler Cleanth Brooks (zitiert nach Posner, 1998, 7). Gleichwohl scheint auch die These der Identita ¨t von O ¨konomie (stellvertretend fu ¨r Wissenschaft) und Dichtung als zu radikal. Die Sichtweisen sind, selbst wo es beiden Disziplinen um die Darstellung von Zusammenha ¨ngen geht, unterschiedlich. Rubinstein (2000) vergleicht deshalb (in Anlehnung an den Mathematiker G. Frege) die leistungsfa ¨higen formalen Methoden, den Tiefblick der Wissenschaft, mit dem Mikroskop, die Umsicht der Literatur hingegen mit dem Auge. Noch pointierter unterscheidet von Matt (2003, 149) Literatur und Wissenschaft: „Die Wissenschaft hat die Wahrheit immer, aber sie tra ¨gt ein Zerfallsdatum. Die Literatur, die Kunst u ¨berhaupt, tra ¨gt kein Zerfallsdatum, aber nur deshalb nicht, weil wir ihrer Wahrheit nie ganz ma ¨chtig werden.“ 24 Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 23 Literarische und o ¨konomische Metaphern sind offen: „The literal translation of an important metaphor is never finished ... an important metaphor in economics has the quality admired in scientific theory, a capacity to astonish us with implications once unseen.“ (McCloskey, 1986, 77). 24 Pessimistisch scheint hingegen die Auffassung von Lu ¨derssen (2002, 228), wonach die (Rechts-)Wissenschaft – im Gegensatz zur Dichtung – das Wesentliche nicht sehen ko ¨nne: „Was wir hinzufu ¨gen ko ¨nnen, ist nur der nachtra ¨gliche Schneckenweg der – vielleicht systematisch etwas umfassender und begrifflich scha ¨rfer zupackenden, aber fu ¨r das in der Tiefe Passierende immer noch blind bleibenden – modernen Wissenschaft.“ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 540 Urs Birchler 6.3 Vom Nutzen der Literatur fu ¨r die O ¨konomie Die betrachteten Literaturbeispiele sind wohl weder reine Kunst noch verkappte O ¨konomie. Am Ende scheint der Vermittlungsvorschlag von Horaz plausibel, wonach die Dichter entweder erfreuen oder aber sich nu ¨tzlich machen wollen. 25 Der O ¨konomie kann Literatur auf verschiedene Weise Nutzen stiften: (1) als Inspiration, als (2) Illustration und (3) als Hilfe zur Interpretation. So hat die Literatur manches als erste entdeckt. 26 Sie ha ¨tte der O ¨konomie wohl auch heute noch Inspirationen zu bieten. Gerade die erwa ¨hnten neueren Forschungen zum Umgang des homo oeconomicus mit sich selbst (Tirole, 2002; Be ´nabou und Tirole, 2002) oder die Arbeiten zu einem erfahrungsbezogenen Rationalita ¨tsbegriff (Gilboa und Schmeidler, 2001) behandeln Verhaltensweisen, fu ¨r die sich die Literatur seit je interessiert. Besonders dort, wo die O ¨konomie stark auf Introspektion aufbaut, ko ¨nnte sie von der Literatur lernen, haben doch die Dichter im Laufe der Jahrhunderte gewissermassen eine „Datenbank der Introspektion“ zusammengetragen. Als „gesteigerte Realita ¨t“ stellt die Literatur der Wissenschaft das „Nicht-Erfahrene, aber auf der Basis von (durch den Autor) Erfahrenem Erfahrbare“ (Lu ¨derssen, 2002, 20, am Beispiel der Rechtswissenschaft) zur Verfu ¨gung. Oft wird der o ¨konomische Gehalt eines literarischen Werks erst sichtbar, wenn die O ¨konomie den dargestellten Zusammenhang schon fu ¨r sich entdeckt hat. Die Literaturstelle taugt dann noch zur Illustration. Als solche bereichert sie die Lehre oder hilft den O ¨konomen, ihre Erkenntnisse in der Politikberatung erfolgreich zu vermitteln. 27 Die Literatur macht aber o ¨konomische Inhalte nicht nur anschaulich, sondern erinnert gleichzeitig daran, dass modellhafte Zusammenha ¨nge stets in konkrete Lebenssituationen eingebettet sind und nicht ohne deren Beru ¨cksichtigung benu ¨tzt werden sollten. Sie scha ¨rft damit den Blick fu ¨r die Grenzen der Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 25 Aut prodesse volunt aut delectare poetae. In den meisten Fa ¨llen schiene sogar eher „sowohl – als auch“ angebracht. Die Literaturbeispiele erfreuen (jedenfalls die o ¨konomisch ausgebildete Leserschaft) gerade dort, wo sie auch Zusammenha ¨nge zeigen; umgekehrt sind sie nu ¨tzlich, weil reizvoll und daher einpra ¨gsam eingekleidet. 26 Beispielsweise schrieb Geibel Die Goldgra ¨ber hundert Jahre bevor die Rand Corporation nach 1950 strategische Spiele untersuchte, die spa ¨ter den Namen prisoner’s dilemma erhielten. 27 Diese instrumentelle – der modernen Literaturwissenschaft (z. B. von Matt, 2003, 39) eher zu schlichte – Sicht vertritt Christian Fu ¨rchtegott Gellert in der Fabel Die Biene und die Henne:Du fragst, was nu ¨tzt die Poesie? [...] Du siehst an Dir wozu sie nu ¨tzt: Dem, der nicht viel Verstand besitzt, Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 541 o ¨konomischen Modelle; hilft also bei ihrer Interpretation. „Das Ergebnis scheint paradox: Die Wissenschaft ... kla ¨rt auf gewisse Weise, was der ku ¨nstlerische Text leistet, lernt dabei aber gleichzeitig, wie sehr dieser Text sie ihrerseits nicht nur vorwegnimmt, sondern ihr auch – wenigstens partiell – u ¨berlegen bleibt.“ (Lu ¨derssen, 2002, 218). Dies macht die Literatur vielleicht letztlich sogar dort nu ¨tzlich, wo o ¨konomischer Sachverstand praktisch umgesetzt werden soll. 6.4 Folgerungen fu ¨r die Praxis Als Hilfe zur Interpretation und praktischen Anwendung o ¨konomischer Ergebnisse lassen sich aus den diskutierten Literaturbeispielen zwei Warnungen ableiten: (1) Wer die o ¨konomischen und spieltheoretischen Strukturen einer Entscheidungsituation nicht sieht – oder nicht sehen will – riskiert Hab und Gut, wenn nicht das Leben. Theorie ist also wichtig, um Reinfa ¨lle abzuwenden. 28 (2) Wer sich, umgekehrt, in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil auf o ¨konomische Modelle verla ¨sst, also die Theorie aktiv nutzen will, begibt sich ebenfalls in Gefahr: Der Spielbaum ist kaum je in all seinen Verzweigungen richtig vorauszusehen. 29 Gema ¨ss Ariel Rubinstein (2000) sollte die Spieltheorie deshalb schon gar nicht den Anspruch erheben, praktisch zu sein. 30 Wenn wir lesen, die Vereinigten Staaten ha ¨tten in der Kuba-Krise ihr Vorgehen auf Spieltheorie abgestu ¨tzt, la ¨sst dies deshalb eher erschauern. Mit dem Kunden des Barbiers ist man geneigt zu sagen: „Doch hat es Gott noch gut gemacht.“ Die Autoren eines bekannten Lehrbuches zur Spieltheorie versprechen „Our aim is to improve your strategic I.Q.“ (Dixit und Nalebuff, 1991, 2). Nach dem Gesagten ist hier Vorsicht angebracht. Die dargestellten Literaturbeispiele mahnen die „imperial science“ (George Stigler) zur Bescheidenheit. 31 GlaubSchmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 28 Paul Krugmann erwartet von der O ¨konomie nicht mehr, als dass sie helfe, die ganz grossen Fehler zu vermeiden; siehe Frey (2000). 29 Die „small world assumption“ (siehe Binmore, 1997, 119, 448) gilt nicht. 30 In The Rhetoric of Game Theory (2000) weist Rubinstein darauf hin, dass bereits der Ausdruck „Strategie“, so wie ihn die Spieltheorie als terminus technicus verwendet, nicht als Aktionsplan (miss)verstanden werden darf. 31 Bescheidenheit kostet auch die O ¨konomen, die sich als unerla ¨ssliche Ratgeber sehen, wenig. Ihre Kunden hat Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften)na ¨mlich la ¨ngst gewarnt: Aber alle Berufsideologien sind edel, und die Ja ¨ger zum Beispiel sind weit davon entfernt, sich die Fleischer des Waldes zu nennen, nennen sich vielmehr den weidgerechten Freund der Tiere und der Natur, ebenso wie die Kaufleute den Grundsatz des OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 542 Urs Birchler wu ¨rdiger du ¨rfte die Wirtschaftswissenschaft bleiben, wenn sie sich an die von Friedrich Du ¨rrenmatt gepra ¨gte Formel ha ¨lt: Unser Verstand erhellt die Welt nur notdu ¨rftig. 7. Fazit Die „scho ¨ne“ Literatur ha ¨lt dem wirtschaftswissenschaftlichen Unterricht – mindestens auf dem Gebiet der Vertragso ¨konomie und Spieltheorie – einen Schatz an Beispielen bereit. Der Forschung bietet sie eine Datenbank verdichteter Lebenserfahrung und Introspektion. Nu ¨tzlich fu ¨r die Wirtschaftspolitik schliesslich scheint die Literatur nicht als Rezeptbuch, sondern gerade als dessen Gegenteil: als Warnung, dass o ¨konomische Rezepte bei mangelnder Umsicht ins Verderben fu ¨hren. Gleichzeitig mahnen zahlreiche Literaturbeispiele daran, dass o ¨konomische Theorie (im Sinne modellhafter Zusammenha ¨nge) nicht straflos ignoriert werden kann. Die Bescha ¨ftigung mit der Literatur weist damit auch einen Ausweg aus der oft unglu ¨cklich gestellten Alternative Theorie versus Praxis. Literatur Be ´nabou, R./Tirole, J. (2002): Self-Confidence and Social Interactions, NBER working paper, nr. 7585, Ma ¨rz. van Benthem, J. (2000): Comment, in: A. Rubinstein, Ariel, Economics and Language, Cambridge, UK, 93–107. Binmore, K. (1997): Fun and Games, AText on Game Theory, Heath, Lexington, MA. Binswanger, H. Ch. (1985): Geld und Magie – Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust, Stuttgart. Farrell, J. (1987): Information and the Coase Theorem, Journal of Economic Perspectives, 1 (2), 113–129. Frenzel, E. (1999): Motive der Weltliteratur, 5. Aufl., Stuttgart. Frey, B. S. (2000): Was bewirkt die Volkswirtschaftslehre? Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 1 (1), 5–33. Frey, B. S./Oberholzer-Gee, F. / Eichenberger, R. (1996): The Old Lady Visits Your Backyard: A Tale of Morals and Markets, Journal of Political Economy, 104(6), 1297–1313. Gilboa, I./Schmeidler, D. (2001): A Theory of Case-Based Decisions, Cambridge and New York. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 ehrbaren Nutzens hegen und die Diebe den Gott der Kaufleute, na ¨mlich den edlen und vo ¨lkerverbindenden Merkur, auch den ihren nennen. Auf die Darstellung einer Ta ¨tigkeit in den Augen derer, die sie ausu ¨ben, ist also nicht allzuviel zu geben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36 O ¨konomische Vertragstheorie in der deutschen Literatur 543 von Hentig, H. (1957): Zur Psychologie von Einzeldelikten, Bd. III (Der Betrug), Tu ¨- bingen. Klemperer, P. (1988): Auctions with Almost Common Values: The ,Wallet Game‘ and its Applications, European Economic Review, 42(3-5), 757–769. Laffont, J.-J./Martimort, D. (2002): The Theory of Incentives, Princeton Univ. Press, Princeton N.J. Lu ¨derssen, K. (2002): Produktive Spiegelungen. Recht und Kriminalita ¨t in der Literatur, 2. erw. Aufl. Frankfurt a.M. Ma ¨nnel, B. (2000): Sprache und O ¨konomie: U ¨ber die Bedeutung sprachlicher Pha ¨nomene fu ¨ro ¨konomische Prozesse, Marburg. von Matt, P. (1989): Liebesverrat – Die Treulosen in der Literatur, Mu ¨nchen. – (1998): Die verda ¨chtige Pracht; u ¨ber Dichter und Gedichte, Mu ¨nchen und Wien. – (2003): O ¨ffentliche Verehrung der Luftgeister; Reden zur Literatur, Mu ¨nchen und Wien. McCloskey, D. N. (1986): The Rhetoric of Economics, Brighton, UK. Moldovanu, B./Tietzel, M. (1998): Goethe’s Second Price Auction, Journal of Political Economy, 106 (4), 854-859. Niehans, J. (1985): Geld und Geist: Die ,O ¨konomie in der Vehfreude‘, Schweizer Monatshefte, 65 (3), 225–237. Neumark, F. (1955): Wirtschaftsprobleme im Spiegel des modernen Romans, Frankfurter Universita ¨tsreden, 14, Frankfurt a.M., 5–25. Posner, R. (1998): Law and Literature, Cambridge MA. Rubinstein, A. (2000): Economics and Language, Cambridge, UK. Schefold, B. (1992): Spiegelungen des antiken Wirtschaftsdenkens in der griechischen Dichtung, in: B. Schefold (Hrsg.), Die Darstellung der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaften in der Belletristik, Berlin, 13–89. Scherf, H. (1992): Die Rolle der Wirtschaft im deutschen Roman, in: B. Schefold (Hrsg.): Die Darstellung der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaften in der Belletristik, Berlin, 257–278. Thaler, R. A. (2000): From Homo Oeconomicus to Homo Sapiens, Journal of Economic Perspectives, 14 (1), 114–142. Tietzel, M. (1995): Literaturo ¨konomik, Tu ¨bingen. Tirole, J. (2002): Rational Irrationality: Some Economics of Self-Management, European Economic Review, 46 (4–5). Watts, M. (1998): „Using Literature and Drama in Undergraduate Economic Courses“, in: W. E. Becker and M. Watts (eds.), Teaching Economics to Undergraduates: Alternatives to Chalk and Talk, Cheltenham, UK, 185–207. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.4.521 | Generated on 2023-04-04 12:32:36