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Die Kunst der Ansprache: Geschlechtergerechte Sprache in deutschen Wahlprogrammen

Riethmüller, Felicia,Zehnter, Lisa

Abstract

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Full text

Riethmüller, Felicia; Zehnter, Lisa Article Die Kunst der Ansprache: Geschlechtergerechte Sprache in deutschen Wahlprogrammen WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Riethmüller, Felicia; Zehnter, Lisa (2024) : Die Kunst der Ansprache: Geschlechtergerechte Sprache in deutschen Wahlprogrammen, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 183 (1/24), pp. 38-42, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2024/f-26072.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327893 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder beispielsweise kündigte in seiner Regierungserklärung im Dezember 2023 an, dass es „kein verpflichtendes Gendern“ geben werde: „Im Gegenteil. Wir werden das Gendern in Schulen und Verwaltungen sogar untersagen.“ SPD und CDU in Hessen schreiben in ihrem Koalitionsvertrag fest, dass in der öffentlichen Verwaltung und in staatlichen Institutionen auf das „Gendern mit Sonderzeichen“ verzichtet werde. Und der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz schreibt im Juni 2023 auf Twitter: „Mit jeder gegenderten Nachrichtensendung gehen ein paar hundert Stimmen mehr zur #AfD. Gegenderte Sprache und identitäre Ideologie werden von einer großen Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr nur im Stillen abgelehnt. Sie werden als übergriffig empfunden.“ Was bedeutet überhaupt „gegenderte Sprache“? Anders als etwa das Englische ist die deutsche Sprache eine „Gender-Sprache“ – eine Sprache mit grammatikalischem Geschlecht. So entsprechen etwa viele Substantive, die sich auf Personen richten, einem Geschlecht: Neben dem Maskulinum (z.B. „der Mann“) und dem Femininum („die Frau“) kennt die deutsche Sprache auch das Neutrum. „Das Mädchen“ etwa ist grammatikalisch sächlich, bezieht sich aber auf eine weibliche Person. Wenn eine Gruppe von Menschen unterschiedlichen Geschlechts angesprochen und beschrieben werden soll, wird automatisch eine Entscheidung gefällt, wer explizit angesprochen und damit repräsentiert wird. Im Deutschen gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Gruppe anzusprechen bzw. zu beschreiben. Am bekanntesten ist die Verwendung des „generischen Maskulinums“, wobei der männliche Plural von „Wähler“ sich sowohl auf männliche als auch auf weibliche Wähler beziehen soll. Auch die Verwendung des generischen Maskulinums ist also eine Form des Genderns. Es hat sich jedoch gezeigt, dass das generische Maskulinum nicht durchweg generisch interpretiert wird – oft entsteht vielmehr beim 38  | Mitteilungen Heft 183 März 2024 Hören oder Lesen das innere Bild einer Gruppe von Männern. Eine andere Option wäre umgekehrt, das generische Femininum zu verwenden, also Männer und Frauen als „Wählerinnen“ zu beschreiben. Das generische Femininum wird bisher sehr selten angewendet und dafür kritisiert, dass es ebenfalls nicht geschlechtergerecht ist, da hier Männer nur „mitgemeint“ sind und nicht explizit angesprochen werden. Um alle Geschlechter gleichermaßen anzusprechen, gibt es im Deutschen zwei Strategien. Erstens die Neutralisierung, bei der die Pluralform eines nominalisierten Adjektivs oder Partizips verwendet wird (zum Beispiel „die Wählenden“). Zweitens die Feminisierung, bei der nicht-männliche Personen durch sogenanntes Splitting einbezogen werden. Hier ist zu unterscheiden zwischen langem Splitting („Wählerinnen und Wähler“), abgekürztem Splitting („WählerInnen“, „Wähler_innen“, „Wähler:innen“ oder „Wähler*innen“) und adjektivischem Splitting („weibliche, männliche und non-binäre Wählende“). Die Kategorie Geschlecht ist jedoch nicht binär – es gibt bekanntlich mehr als zwei Geschlechter. Ende 2018 wurde in Deutschland eine dritte Option eingeführt, die es Menschen ermöglicht, nicht nur zwischen „männlich“ und „weiblich“ zu wählen, sondern „divers“ als Eintrag im Personenstandsregister anzugeben. Dieses „dritte Geschlecht“ gilt als Sammelbegriff für verschiedene non-binäre Geschlechter. Die Neutralisierungsstrategie sowie das abgekürzte und adjektivische Splitting können die Binarität der Geschlechter sprachlich überwinden, sind also geschlechtergerecht. Die Diskussion zum Thema Gendern wird von verschiedenen politischen Akteur:innen und Parteien angeheizt. Seit über vier Jahrzehnten sammelt das Manifesto-Projekt des WZB Wahlprogramme von Parteien in mehr als 50 Ländern. Dieser riesige Datensatz ermöglicht vielfältige Analysen. Wir haben untersucht, welche Form der Gruppenansprache die Parteien im Hinblick auf Geschlecht verwenden: Wie wird in deutschen Wahlprogrammen gegendert? Die Form der Gruppenansprache ist sicherlich nicht zufällig, sondern signalisiert, welche Wähler:innengruppen die Parteien ansprechen wollen. Das ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil die Forschung zeigen konnte, dass nicht nur die politischen Inhalte einer Partei für Wahlentscheidungen relevant sind, sondern auch das Gefühl, von einer Partei vertreten und anerkannt zu werden. Diese Anerkennung wird auch rhetorisch bzw. sprachlich vermittelt. Die Art der Gruppenansprache hat also Einfluss darauf, welche Wähler:innengruppen sich von Parteien repräsentiert fühlen. Um herauszufinden, ob und wie sich Parteien in der Ansprache von Gruppen unterscheiden, haben wir die Wahlprogramme deutscher Parteien auf Bundesebene seit 1949 analysiert. Dafür haben wir ein spezielles Wörterbuch entwickelt, das die Erwähnung von Gruppen automatisch erkennt. Dieses Wörterbuch ermöglicht es uns, fünf verschiedene Arten zu unterscheiden, über eine Gruppe zu sprechen: grammatikalisch rein weibliche Referenzen („Studentinnen“), rein männliche Referenzen („Studenten“), Kombinationsformen („Studentinnen und Studenten“), geschlechtsneutrale Formen („Studierende“) und geschlechtsinklusive Formen („Student*innen“, „Student:innen“, „StudentInnen“). Im Wörterbuch ist eine Reihe abstrakter sogenannter regulärer Ausdrücke festgelegt. Diese funktionieren wie Muster, nach denen der Text durchsucht wird. So müssen die vielen Gruppen, die diese Formulierungen betreffen, nicht separat aufgelistet werden – sie werden automatisch erkannt. Die Ergebnisse unserer Analysen werden in der Grafik dargestellt. Diese zeigt deutlich, dass über die Jahrzehnte in den Wahlprogrammen deutscher Parteien ausschließlich männliche Gruppenansprachen dominierten. Sogar in den frühen Wahlprogrammen der Grünen wurde zuFelicia Riethmüller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Demokratieforschung Göttingen. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich damit, wie soziale Gruppenidentitäten im Parteienwettbewerb relevant werden und wie unterschiedlich Parteien Bindungen zum Elektorat aufbauen. [email protected] Foto: © WZB/privat, alle Rechte vorbehalten. 40  | Mitteilungen Heft 183 März 2024 nächst noch primär die männliche Form gewählt, während Bündnis 90/Die Grünen in den 1990er Jahren als eine der ersten Parteien inklusive Formen in den Vordergrund rückten. Die SPD zog mit einer verstärkten Nutzung der neutralen und Kombinationsformen nach, allerdings überwogen die männlichen Ansprachen bis Mitte der 2000er. Inklusive Formulierungen lagen bei der SPD erstmals im Wahlprogramm 2021 vor. In den Wahlprogrammen der Grünen bildeten diese schon einmal in den späten 1990er Jahren die Mehrheit und seit 2013 wieder. Auch in der Partei Die Linke wird erst seit 2021 eine inklusive Ansprache genutzt, während zuvor Kombinationsformen die bevorzugte Wahl darstellten. Wie sieht es auf der anderen Seite des Parteienspektrums aus? FDP und CDU/CSU ähneln sich in der Verwendung überwiegend männlicher Ansprachen und einer zuletzt steigenden Nutzung von Kombinationsformen. Die AfD hat in allen ihren bisherigen drei Wahlprogrammen fast ausschließlich die männliche Ansprache verwendet. Neutrale oder inklusive Formen kommen in den Wahlprogrammen von CDU/CSU, FDP und AfD sehr wenig bis gar nicht vor. Insgesamt zeigen unsere Analysen: Die Gruppenansprachen der AfD, FDP und CDU/CSU sind in über 80 Prozent der Fälle in der männlichen Form verfasst. Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke sind die einzigen Parteien, bei denen inklusive und neutrale Formen sowie Kombinationsformen dominieren, also mehr als die Hälfte aller Gruppenansprachen im gesamten Zeitraum ausmachen. Bei der SPD macht die männliche Form knapp die Hälfte aller Gruppenansprachen aus. Was können uns diese Ergebnisse sagen? Ziemlich sicher ist, dass sprachliche Richtlinien mehr sind als eine grammatische Formsache oder der Versuch, das Erscheinungsbild zu vereinheitlichen. Vielmehr ist die Ansprache eines von mehreren Mitteln, mit denen Wähler:innen signalisiert werden kann, dass eine bestimmte Gruppe von der Partei repräsentiert wird. Es geht hier nicht um die Repräsentation durch politische Inhalte, sondern eine vorwiegend symbolische Repräsentation, die den Wähler:innen vermittelt: „Wir sind die Partei, die für Menschen wie euch steht.“ Diese Komponente der Repräsentation ist ein nicht zu unterschätzendes Element politischer Kommunikation und kann die affektive Bindung von Wähler:innen an Parteien beeinflussen. Die verschiedenen Formen der Gruppenansprache werden dabei auch als Distinktionsmerkmal genutzt, also zur bewussten Abgrenzung. Dass etwa die AfD fast ausschließlich rein männliche Formen nutzt, passt zur ideologischen Ausrichtung der Partei. Weibliche Form Männliche Form Kombination („Studentinnen und Studenten“) Neutral („Studierende“) Inklusiv („Student*innen“, „Student_innen“, „StudentInnen“) Formen des Genderns (in Prozent aller Nennungen in Parteiprogrammen) As iust di doluptis ea quatem. Nat. lorend ebitium labo. Ut volorep erferun derio. Nequis ut verferc hitasimus eum, sedipsaerunt quam hitio. Tia coreprovit quame omnimus eium fuga. Gendae cum voluptatus, qui sin niaturemqui quate acid ut faccum essitaq uodit, to quassimporem ius reicab iur aute de laut ommolor eperferum quis aut que del iusantorpor acea inum ut volores aspe nestem fugia plabore comnis mil iligent, ut perferi te solendant et lant harchicipsa consequi dolorum rest dolutat. Nem fugiatem dis sequi odicima gnimaximet fuga. Enis magnam, se nobitaspitas dolupta sseque nos dolores nobitio. Itaectae volorepernam iur? Lendit dem sum harum dolupta verfercit lam nonsequae ex etur reius dolore conem sedis sandeli genihit aliti cum voluptatius dis ipsanto etur apiendi quamusto tet et untia as denim eum sitatiorum nobis ut ex etur? Magnimust denderitaeri dolut eumquam ratet as esedi ut ommodi con pa dolo optatet reicil ium quae delendia adit de simil molupta nonsed quatquam, qui cus num rectis modi a dolest quam inum ut aut odi utemost, sunt qui ullorerati conseque none pa quianturis erio. 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Torpore eos dolo. quibus nobit alibus corposam quis qu. 3 |Mitteilungen 4 |Mitteilungen AfD 100 % 75 % 50 % 25 % 0 % 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 FDP 100 % 75 % 50 % 25 % 0 % 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 Die Linke 100 % 75 % 50 % 25 % 0 % 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 CDU/CSU 100 % 75 % 50 % 25 % 0 % 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 Bündnis 90/Die Grünen 100 % 75 % 50 % 25 % 0 % 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 SPD 100 % 75 % 50 % 25 % 0 % 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 Quelle: Eigene Berechnung auf Basis deutscher Wahlprogramme. (Hinweis: Bei Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke sind die Vorgängerparteien mit einbezogen.) Titelthema 41 Unsere Analysen zeigen allerdings auch, dass in den wenigstens Fällen die Gruppenansprachen innerhalb eines Wahlprogramms einheitlich gewählt werden. Es gibt also Abstufungen, wie stark sich eine Partei einer bestimmten Gruppenansprache verschreibt. Diese Abstufungen verändern sich mit der Zeit. Obwohl bei der AfD 96 Prozent der Gruppenansprachen in den Wahlprogrammen nur in der männlichen Form verfasst sind, wird in sehr wenigen Fällen (konkret: in 1 Prozent) allein die weibliche Form genutzt. Sowohl im Wahlprogramm von 2017 als auch in dem von 2021 befinden sich jeweils zwei Sätze, in denen die Partei Schülerinnen und Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuchs untersagen will. Es wird klar, dass die Partei sich an dieser Stelle explizit (und ausschließlich) auf Frauen bezieht. Bei der FDP findet sich trotz einer Dominanz der männlichen Ansprachen auch ein zunehmender Anteil an neutralen Ansprachen. Dies ist, so zeigt ein Blick in die Textdaten, auf die häufige Ansprache von „Studierenden“ zurückzuführen. Bei der CDU/CSU vollzog sich die langsame Einbindung von Kombinationsformen darin, dass zunächst (2002 und 2009 etwa) immerhin von „Bürgerinnen und Bürgern“ und „Schülerinnen und Schülern“ gesprochen wurde. Dies sind zwei recht etablierte Formulierungen, die jedoch auch darauf schließen lassen können, dass besonders bei der Ansprache der gesamten Wähler:innenschaft sowie der jungen Generation auf Formulierungen geachtet wurde, die Frauen und Männer einschließen. Bei der SPD ist der Wechsel von einer zur anderen Form der Gruppenansprache ebenfalls deutlich sichtbar. In ihrem Wahlprogramm von 2013 spricht die SPD beispielsweise noch allein „Landwirte“ an, in 2017 ist von „Landwirtinnen und Landwirten“ die Rede, und 2021 nutzt die SPD die inklusive Form „Landwirt*innen“. In diesem Jahr stehen Wahlen zum Europaparlament und für die Landtage in drei ostdeutschen Bundesländern an. In Deutschland wie auch international sind tiefgreifende Veränderungen der Parteienlandschaft zu erwarten, vor allem hinsichtlich des Erfolgs rechtspopulistischer Parteien. Bei diesen Wahlen steht allerdings weit mehr auf dem Spiel als Symbolpolitik. Es geht nicht nur um die (fehlende) Repräsentation bestimmter Gruppen in Wahlprogrammen. Es geht darum, wessen Interessen in politischen Entscheidungen wie zum Zuge kommen. Literatur Bußmann, Hadumod/Hellinger, Marlis: „Engendering Female Visibility in German“. In: Marlis Hellinger/ Hadumod Bußmann (Hg.): Gender Across Languages. Volume 3: The Linguistic Representation of Women and Men. Amsterdam: J. Benjamins 2003, S. 141-175. Gesellschaft für deutsche Sprache: Leitlinien der GfdS zu den Möglichkeiten des Genderings. Online: https://gfds.de/standpunkt-der-gfds-zu-einer-ge schlechtergerechten-sprache/ (Stand 22.02.2024). Hellinger, Marlis/Bußmann, Hadumod: „The Linguistic Representation of Women and Men“. In: Marlis Hellinger/Hadumod Bußmann (Hg.): Gender Across Languages. Volume 3: The Linguistic Representation of Women and Men. Amsterdam: J. Benjamins 2023, S. 1-25. Robison, Joshua/Stubager, Rune/Thau, Mads/Tilley, James: „Does Class-Based Campaigning Work? How Working Class Appeals Attract and Polarize Voters“. In: Comparative Political Studies, 2021, Jg. 54, H.5, S. 723-752. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Lisa Zehnter arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Zivilgesellschaft im Manifesto-Projekt. Sie promoviert zu populistischer politischer Kommunikation an der Humboldt-Universität zu Berlin. lisa.zeh[email protected] Foto: © WZB/Martina Sander, alle Rechte vorbehalten. 42  | Mitteilungen Heft 183 März 2024