Internationale Wirtschafts- und Währungsprobleme: Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik
Abstract
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Full text
Filc, Wolfgang Article Internationale Wirtschaftsund Währungsprobleme: Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Filc, Wolfgang (1983) : Internationale Wirtschaftsund Währungsprobleme: Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 16, Iss. 1, pp. 81-97, https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292951 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Internationale Wirtschaftsund Währungsprobleme: Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik* Von Wolfgang File, Trier I. Monetaristische Deutung zunehmender Arbeitslosigkeit In seinem weltweit beachteten Vortrag in Stockholm anläßlich der Verleihung des Nobelpreises führte Milton Friedman den rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit seit Beginn der siebziger Jahre auf den verstärkten Einsatz der Geldpolitik bei gleichzeitig falscher monetärer Strategie zurück1. Danach war die Verstärkung der Rolle der Geldpolitik Folge der enttäuschenden Ergebnisse antizyklischer Fiskalpolitik nach keynesianischem Muster. Dies sei zu begrüßen. Der grundlegende Fehler aber sei, daß Maßnahmen der geldpolitischen Lenkung nicht trendorientiert und regelgebunden ausgerichtet würden, sondern diskretionär und in antizyklischer Absicht. Die Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik aber seien nicht exakt einzuschätzen, sondern - so auch die Ergebnisse empirischer Untersuchungen Friedmans - von unterschiedlicher Länge. Die Folge sei, daß z.B. Maßnahmen monetärer Expansion häufig erst dann den güterwirtschaftlichen Bereich erreichten, wenn der Tiefpunkt der konjunkturellen Entwicklung längst überwunden sei und eine Überschußnachfrage an den Gütermärkten bestünde. Folglich - so Friedman - wirkten die mit der Absicht der Verstetigung der wirtschaftlichen Entwicklung ausgesandten monetären Impulse häufig nicht glättend, sondern im Gegenteil prozyklisch, mit der Folge ständiger Schwankungen von Preissteigerungsraten um einen steigenden Trend. Ständige und nicht vorhersehbare Schwankungen von Preisindexwerten führten aber zu einem Dilemma: Anders als in den sechziger Jahren - bei geringeren Inflationsraten und größerer Sicherheit in der Einschätzung der * Vortrag, gehalten vor dem Wirtschaftspolitischen Arbeitskreis des DSGV, Bonn, am 9.7.1982. 1 Vgl. M. Friedman, Inflation and Unemployment: The New Dimensions of Politics, The 1976 Alfred Nobel Memorial Lecture, The Institute of Economic Affairs, London 1977. 6 Kredit und Kapital 1/1983 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
82 Wolfgang File künftigen Preisniveauentwicklung - sei es nun für Unternehmen nicht mehr eindeutig erkennbar, ob erhöhte Absatzpreise ihrer Produkte Veränderungen relativer Preise als Ergebnis von Nachfrageverschiebungen darstellten oder allein einen Preisniveauanstieg bei unveränderten relativen Preisen. Fluktuationen von Preissteigerungsraten erschweren also die Trennung zwischen relativen und absoluten Preisänderungen. Dies - so Friedman - führt zu Fehlleitungen unternehmerischer Entscheidungen. Denn: Nehmen Unternehmen bei einem Anstieg des Preisniveaus irrtümlich an, daß sich die Preise ihrer Erzeugnisse stärker erhöht haben als die von Konkurrenzprodukten, so werden sie zu Kapazitätserweiterungen veranlaßt, stellen aber bald fest, daß allein nicht nutzbare Überschußkapazitäten gebildet wurden. Folglich werden Kapazitäten durch Unterlassung von Reinvestitionen abgebaut, und Neuinvestitionen werden wegen der Unsicherheit der Absatzchancen der damit erzeugbaren Produkte hinausgezögert oder gänzlich unterlassen (Investitionslücke). Sinkende Investitionen und dadurch schrumpfende Produktion aber treiben die Arbeitslosenzahlen auch bei Normalauslastung der Sachkapazitäten hoch. Friedman nennt das „natürliche Arbeitslosigkeit". Auf die Prüfung der Stichhaltigkeit der Argumentationskette Friedman^ - vor allem des Kausalzusammenhangs zwischen geldpolitischen Maßnahmen und der Entwicklung des Preisniveaus - ist hier nicht näher einzugehen. Vielmehr geht es darum, den Zusammenhang zwischen überraschenden und rasch wechselnden Verschiebungen relativer Preise und von Produktion und Beschäftigung auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu übertragen. II. Wechselkurse, Welthandel und Arbeitslosigkeit 1. Wechselkursfluktuationen und Welthandel Im Bild muß bleiben: In der Sichtweise Friedmans bilden nicht Preissteigerungen per se einen Treibsatz für die Arbeitslosenzahlen, sondern unvorhersehbare und starke Schwankungen von Preissteigerungsraten, welche die Trennung zwischen Änderungen des Preisniveaus - als Ausdruck gleichmäßiger Änderungen aller Preise bei unveränderten Preisrelationen - und Änderungen der relativen Preise erschweren. Übertragen auf internationale Wirtschaftsbeziehungen folgt daraus: Nicht Wechselkursänderungen für sich genommen bilden einen Störfaktor für den Leistungsund Kapitalverkehr zwischen den Ländern, sondern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik 83 unvorhersehbare und starke Schwankungen realer Wechselkurse. Zur Klarstellung: Reale Wechselkursänderungen zeigen an, daß sich die Bewertung der Währungen an den Devisenmärkten gelöst hat von der relativen Preisentwicklung der Länder. Das aber beeinflußt Umfang und Richtung des internationalen Leistungsund Kapitalverkehrs. Der Grund ist: Der Wechselkurs hat eine doppelte Dimension, die als Preis einer Fremdwährung und die als Preisrelation zwischen Währungsgebieten. Für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist die zweite Dimension des Wechselkurses von zentraler Bedeutung. Denn bei gegebenen Preisen für Güter und Leistungen und gegebenen Erträgen aus Finanzaktiva und Sachaktiva der Länder verändern allein Wechselkursschwankungen die relativen Preise, bestimmen also die internationalen Preisrelationen von Gütern und Leistungen sowie die Ertragsrelationen von Vermögenswerten. Wird die Differenz zwischen Preisniveausteigerungsraten zweier Länder, der ein gleichgroßer Aufschlag auf das reale Zinsgefälle entspricht, von Wechselkursänderungen stets exakt kompensiert, so gibt es keinen Anlaß für preis-, zinsund wechselkursbedingte Änderungen des internationalen Leistungsund Kapital Verkehrs. Denn weder verändern sich die realen Preisrelationen von Gütern und Leistungen (terms of trade) noch die Relationen realer Ertragsraten aus Vermögensgegenständen, jeweils gemessen in der heimischen Währung. In diesem Idealfall vollziehen sich die internationalen Wirtschaftsbeziehungen störungsfrei von Wechselkursschwankungen. Der internationale Kapitalverkehr folgt dem realen Zinsgefälle, und der internationale Leistungsverkehr wird bestimmt von Angebotsund Nachfragebedingungen sowie von internationalen Preisrelationen einzelner Güter und Leistungen. Das ändert sich, wenn Verschiebungen realer Wechselkurse auftreten. Alle anderen Dinge unverändert, sind dann allein Kursbewegungen an den Devisenmärkten bestimmend für Änderungen internationaler Leistungsströme, und sie sind dominierend für den Kapitalverkehr zwischen den Ländern. Stellt sich später heraus, daß Änderungen realer Wechselkurse vorübergehend waren und sich die reale Aufwertung einer Währung in eine reale Abwertung umkehrt, so stellen Unternehmen fest, daß sie im Vertrauen auf dauerhafte Verschiebungen realer Wechselkurse zu Fehlentscheidungen verleitet wurden. Entscheidungen werden revidiert, Leistungsbilanzsalden und die Richtung des internationalen Kapital Verkehrs kehren sich um. Das Auf und Ab realer Wechselkurse ohne erkennbaren Trend spiegelt sich wider in Schwankungen der Importe und Exporte von Gütern, Leistungen und Kapital. Der Grund: In ähnlicher Weise, wie ständige Schwankungen 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
84 Wolfgang File von Preissteigerungsraten in einem Land die Differenzierung zwischen Preisniveauänderungen und Verschiebungen relativer Preise erschweren, behindern starke und sich im Zeitverlauf umkehrende Kursausschläge an den Devisenmärkten die Unterscheidung zwischen transitorischen und dauerhaften Änderungen von Preisrelationen für Güter und Leistungen und von Ertragsrelationen aus Vermögenswerten der Länder. Wie sind die Erfahrungen mit flexiblen Wechselkursen, also seit der Einstellung von Regelinterventionen gegenüber dem US-Dollar? Zunächst sind starke Schwankungen sowohl nominaler als auch realer Wechselkurse festzustellen. Scharfen realen Abwertungen folgten später ähnlich hohe reale Aufwertungen. Ferner sind die Unsicherheiten in der Einschätzung der künftigen Dollarkursentwicklung emporgeschnellt. Schließlich hat sich die Dollarkursentwicklung von den sogenannten „fundamentals" - etwa der Preisniveauund Zinsentwicklung und der außenwirtschaftlichen Situation der Länder - gelöst, die offensichtlich keinen systematischen, d. h. zeitinvarianten, Zusammenhang mit der Kursentwicklung an den Devisenmärkten mehr aufweisen2. Statt dessen dominieren Wechselkursänderungserwartungen die Wechselkursentwicklung. Das bedeutet: Der internationale Leistungsund Kapitalverkehr gerät in den Sog erwarteter Wechselkursänderungen. Wechselkursänderungserwartungen bestimmen maßgeblich die Bewertung der Währungen an den Devisenmärkten, und diese Erwartungen können grenzüberschreitende wirtschaftliche Aktivitäten auslösen oder unterdrücken. Frenkel stellt in einer empirischen Untersuchung fest, daß „news" - etwas freizügig läßt sich das übersetzen als „Gerüchte" - dominierend sind für Wechselkursänderungen3. Dann aber können Gerüchte Aktivitäten an den Güterund Finanzmärkten der Länder und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen entscheidend beeinflussen. Gerüchte sind keine dauerhafte Basis für wirtschaftliche Entscheidungen. Sehen sich die Akteure später getäuscht, so werden sie ihre Entscheidungen revidieren. Schließlich geht das zu Lasten der internationalen Wirtschaftsbeziehungen: Nachfrageund Produktionsentscheidungen können sich von den internationalen Märkten weg zu den heimischen Märkten verlagern. Die tatsächliche Entwicklung widerlegt das nicht. Im Gegenteil: Während im Durchschnitt der Jahre 1962 bis 1972 das Welthandelsvolumen mit einer 2 Vgl. G. Hacche, J. C. Townend, A Broad Look at Exchange Rate Movements for Eight Currencies, 1972 - 80, in: Bank of England, Quarterly Bulletin, Dec. 1981, S. 489ff.; W. File, Devisenmarkt und Geldpolitik, Berlin 1981, S. 107 ff., S. 196ff. 3 Vgl. J. A. Frenkel, Flexible Exchange Rates, Prices, and the Role of "News": Lessonsfromthe 1970 s, in: Journal of Political Economy, Vol. 89, No. 4,1981, S. 665 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik 85 Rate von 8,5 v.H. expandierte, hat sich die durchschnittliche Wachstumsrate des internationalen Handels in den Jahren 1973 bis 1980 auf 5,3 v.H. vermindert. 2. Folgerungen für die binnenwirtschaftliche Entwicklung a) Wechselkursflexibilität, Produktionsstruktur und Beschäftigung: Grundsätzliche Zusammenhänge Was folgt aus diesen Zusammenhängen für die Produktion und für die Beschäftigung? Das Ergebnis sei vorweggenommen und im folgenden begründet: Heftige und vor allem unvorhersehbare Schwankungen realer Wechselkurse begünstigen den Handelsprotektionismus, und sie können die Produktionsund Nachfrageentscheidungen in Richtung auf eine Umstrukturierung von Welthandelsgütern zu reinen Binnenhandelsgütern beeinflussen. Unternehmerische Fehlentscheidungen führen zu einzelwirtschaftlichen und sozialen Verlusten. Wirtschaftspolitische Maßnahmen in Abwertungsländern werden weniger an binnenwirtschaftlichen Notwendigkeiten als vielmehr an außenwirtschaftlichen Entwicklungen orientiert. Zusammengenommen können diese Faktoren dazu beigetragen haben, daß sich seit dem zweiten Drittel der siebziger Jahre die konjunkturunabhängigen Arbeitslosenzahlen drastisch erhöht haben. Unsicherheiten in der Einschätzung der Dauerhaftigkeit von Güterpreisrelationen zwischen Ländern infolge schwankender realer Wechselkurse können zu einer Verschiebung der Produktionsund Nachfragestruktur Anlaß gegeben haben: Schrumpfung des Welthandelsgüter produzierenden Sektors, Expansion des Binnenhandelsgüter erzeugenden Sektors4. Im konkreten Fall sind Welthandelsgüter von reinen Binnenhandelsgütern schwer zu trennen. Jedoch besteht weitgehende Einigkeit darüber, daß Dienstleistungen - oder umfassender: die Leistungen des tertiären Sektors - zu einem weitaus geringeren Anteil Gegenstand des internationalen Leistungsverkehrs sind als Güter des sekundären Sektors, etwa Maschinen, Ausrüstungsgegenstände und dauerhafte Konsumgüter. Schrumpft der sekundäre Sektor im Gefolge häufiger und heftiger Schwankungen realer Wechselkurse und expandiert der tertiäre Sektor, weil sich Produktion und Nachfrage stärker auf den Binnenmarkt konzentrieren und sich die Produktionsstruktur wandelt, so vermindert sich wegen der geringeren Produktivitätssteigerung im tertiären Bereich im Vergleich zum sekundären Sektor der Einkom4 Vgl. G. Zis, European Monetary System: A Framework for International Monetary Reform?, in: Intereconomics, March/April 1982, S. 65 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
86 Wolfgang File menszuwachs mit dem Ergebnis einer zusätzlichen Dämpfung der Güternachfrage im sekundären Sektor. Das Einkommenswachstum und die Nachfrage nach Investitionsgütern schwächen sich weiter ab. Folge kann ein Anstieg der Arbeitslosigkeit sein, und zwar auch bei optimaler Auslastung der Produktionskapazitäten. Das stimmt mit zwei Beobachtungen überein. Erstens hat sich in der Bundesrepublik Deutschland der Anteil des warenproduzierenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung von 52,8 v.H. 1970 auf 47,3 im Jahre 1980 vermindert5. Wirtschaftsbereiche des tertiären Sektors verzeichnen dagegen eine Ausdehnung ihrer Wertschöpfungsanteile. Zweitens geht damit einher, daß seit dem zweiten Drittel der siebziger Jahre auch bei guter Konjunktur die Arbeitslosenzahlen nur wenig zurückgehen. Das kann „strukturelle Arbeitslosigkeit" sein. Es muß aber nicht „natürliche Arbeitslosigkeit" im Sinne Friedmans sein, also Arbeitslosigkeit, der in erster Linie durch Maßnahmen zur Erhöhung der Mobilität der Arbeitskräfte zu begegnen ist. Der Anstieg der konjunkturunabhängigen Arbeitslosigkeit kann möglicherweise zum Teil auf die starken und unvorhersehbaren Schwankungen realer Wechselkurse zurückzuführen sein, auf die damit verbundenen Schwierigkeiten abzuschätzen, ob Wechselkursänderungen Preisrelationen zwischen Gütern der Länder dauerhaft verschieben, auf die zunehmende Binnenorientiertheit von Produktion und Nachfrage und auf das Zurückbleiben der Welthandelsentwicklung hinter den Zuwachsraten bei festen Wechselkursen. Trifft diese begründbare Vermutung zu, so ist der Anstieg der Dauerarbeitslosigkeit zum Teil auch „institutionelle Arbeitslosigkeit", nämlich Ergebnis institutioneller Veränderungen des Währungssystems. b) Ein einzelwirtschaftliches Beispiel: VW Daß das Auf und Ab von Dollarkursen zu Fehlleitungen unternehmerischer Entscheidungen und zur Fehlallokation von Produktionsfaktoren führt, wird besonders plastisch in den Produktionsentscheidungen des VWKonzerns im Gefolge von Dollarkursänderungen. Bei einem Dollarkurs von DM 1,70 waren VW-Automobile in den USA unverkäuflich. Zur Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit wurde die Montage teilweise in die USA verlagert. Bei einem Dollarkurs von DM 2,30 5 Quelle: Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1981/82, Investieren für mehr Beschäftigung, Stuttgart und Mainz 1981, S. 256. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik 87 und darüber war es aber wieder lohnend geworden, Autos in Wolfsburg zusammenzubauen und zu verschiffen. Die Reaktion war: Entlassungen und Kurzarbeit in Montagewerken des VW-Konzerns in den USA. Was folgt daraus? Die reale Außenwirtschaftstheorie (Zolltheorie) zeigt, daß Zölle zu einer nicht optimalen Verteilung der Ressourcen führen können, so daß das Gesamtprodukt, das mit Hilfe der verfügbaren Faktoren erstellt werden kann, schrumpft6. Das Ergebnis von Zollbarrieren sind sogenannte „tariff factories", die ihre Existenz allein dem Versuch des Uragehens von Zollschranken verdanken. Die scharfen Wechselkursänderungen seit Aufgabe des einheitlichen Festkurssystems zeitigten ähnliche Ergebnisse. Sie ließen „exchange rate factories" entstehen. Diese weisen aber einen entscheidenden Unterschied zu „tariff factories" auf: tariff factories bleiben so lange bestehen und werden so lange genutzt, wie die Zolltarife sich nicht ändern, während die Nutzung der Produktionskapazitäten von exchange rate factories von Zufälligkeiten der Wechselkursbewegungen abhängt. Das heißt, daß Produktion und Beschäftigung in derartigen Produktionsstätten hauptsächlich bestimmt werden von Wechselkursschwankungen, ebenso wie das Hin und Her von Umfang und Richtung damit im Zusammenhang stehender Direktinvestitionen. Im Ergebnis zeigt sich, daß unternehmerische Entscheidungen durch rasch reversible Schwankungen realer Wechselkurse fehlgeleitet werden können, mit abträglichen Konsequenzen für die Produktion und für die Beschäftigung. c) Ein gesamtwirtschaftliches Beispiel: BRD Änderungen realer Wechselkurse haben unmittelbare Auswirkungen auf das Preisniveau und den realen Verteilungsspielraum und einen mittelbaren Einfluß auf die Gestaltung der Wirtschaftspolitik. Die reale Aufwertung einer Währung dämpft den Preisauftrieb, so daß in den statistischen Meßziffern zur Erfassung von Preisniveauänderungen weniger ausgewiesen wird als auf Fehlentwicklungen im Inland zurückzuführen ist. Zudem bewirkt eine reale Aufwertung einen Zuwachs des inländischen realen Verteilungsspielraums, weil nun für die Hergabe einer gleichen inländischen Gütermenge eine größere ausländische Gütermenge bezogen werden kann. Umgekehrt werden Preissteigerungen bei einer realen Währungsabwertung angefacht, und der Verteilungsspielraum schrumpft. Bis in das Frühjahr 1980 hinein verzeichnete die D-Mark einen realen Außenwertzuwachs. Dadurch war die deutsche Volkswirtschaft nach der 6 Vgl. H. Berg, Internationale Wirtschaftspolitik, Göttingen 1976, S. 122 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
88 Wolfgang File ersten Ölpreiswelle um die Jahreswende 1973/74 einem geringeren Anpassungszwang ausgesetzt als andere westliche Industrieländer. 1974 etwa verminderte sich wegen der realen DM-Aufwertung der inländische Verteilungsspielraum trotz erheblich verteuerter Ölrechnung nur um 1,4 v.H. (terms of trade-Effekt in der Konzeption des Sachverständigenrates)7. In den Folgejahren bis 1978, bei nun geringen Ölpreisanhebungen, bescherte die reale Aufwertung der D-Mark der deutschen Volkswirtschaft durch den mit Ausnahme des Jahres 1976 positiven terms of trade-Effekt einen Zuwachs des Verteilungsspielraums sowie eine Dämpfung der Preisentwicklung. Bei Tariflohnabschlüssen und bei der Preisgestaltung der Unternehmen wurde diese aufwertungsbedingte Vergrößerung des Verteilungsspielraums sozusagen als dauerhaftes Himmelsgeschenk einkalkuliert. Um so schwieriger gestaltete sich dann der Anpassungsprozeß nach der zweiten Ölpreiswelle. Dem zweiten Ölpreisschock gesellte sich noch der Dollarschock hinzu. Die trendmäßige reale Aufwertung der D-Mark schlug um in eine abrupte und zunehmende reale Abwertung der D-Mark. Nicht nur die Ölpreisanhebung heizte die Inflation an, sondern auch die abwertüngsbedingte Verteuerung des Imports anderer Vorleistungen und von Enderzeugnissen. Beide Einflüsse - der Ölpreisanstieg und der Dollarkursauftrieb - verengten den inländischen Verteilungsspielraum8. Der wirtschaftspolitische Anpassungszwang wurde durch diese Umkehrung der Bewertung der D-Mark an den Devisenmärkten verschärft. Die Geldpolitik orientierte sich deshalb bis in das Frühjahr 1982 hinein weniger an binnenwirtschaftlichen Erfordernissen als daran, die Abwertung der DMark zu stoppen. Die monetäre Restriktion wäre sicher geringer gewesen, hätte sich der Außenwert der D-Mark nicht so drastisch reduziert. Manche Laxheit der Wirtschaftspolitik im Anschluß an die erste Ölkrise ist auf die damalige reale Aufwertung der D-Mark zurückzuführen. Die gravierenden gesamtwirtschaftlichen Probleme und die - aus der Sicht der binnenwirtschaftlichen Entwicklung überzogene - monetäre Restriktion nach der zweiten Ölpreiswelle lassen sich nur erklären, wenn die Entwicklung des realen Außenwerts der D-Mark berücksichtigt wird. Erhebliche Schwankungen des realen Außenwerts von Währungen bilden deshalb auf etwas längere Frist ein Störelement für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. 7 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Tab. 15, S. 76. 8 Ebenda. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik 95 pflicht der Banken am Euro-Geldmarkt ermöglicht ein Quantum Zentralbankgeld, kanalisiert in das Ausland, einen höheren Kreditzuwachs als im Inland. Verändert hat sich dann der - inländische - Geldangebotsmultiplikator aufgrund von Änderungen institutioneller Rahmenbedingungen, nicht aber in erster Linie das Bankenverhalten. Der erhoffte Vorteil flexibler Wechselkurse - die Trennung der geldpolitischen Einflußnahme von außenwirtschaftlichen Einflüssen - hat sich nicht realisiert. Ein strafferer Zugriff der Zentralbanken auf die Angebots/Nachfragekonstellation an den monetären Märkten ist nur in dem Maße gegeben, in dem der Zwang zur Änderung der Zentralbankgeldversorgung bei Devisenmarktinterventionen in einem Festkurssystem schwerwiegender einzuschätzen ist als die Verlagerung der Finanzierung von Nichtbanken in das Ausland bei flexiblen Wechselkursen. Das aber ist nicht zu quantifizieren. Erschwerend kommt hinzu, daß heute - anders als noch vor 10 Jahren - monetäre Aggregate, die als Zielgrößen der Zentralbankpolitik Verwendung finden, den tatsächlichen Finanzierungsprozeß nur noch unvollkommen erfassen. Diesen zweifelhaften Vorteilen flexibler Wechselkurse für die Wirkungskraft der Geldpolitik steht gegenüber, daß schwankende Wechselkurse Quelle von Störungen im realwirtschaftlichen Bereich geworden sind und nicht unabhängig zu sehen sind von dem seit der Auflösung des welteinheitlichen Festkurssystems zu konstatierenden Anstieg konjunkturunabhängiger Arbeitslosigkeit. Die Wechselkursentwicklung braucht mehr Stetigkeit. Die geforderte Verstärkung der währungspolitischen Kooperation zwischen Europa, den USA und Japan dürfte auf absehbare Zeit über das Stadium der Hoffnung nicht hinauskommen. Um so wichtiger ist es für die EG-Länder, trotz der sich häufenden Probleme die Funktionsfähigkeit des Europäischen Währungssystems zu erhalten und Fortschritte auf dem Weg einer verstärkten währungspolitischen Integration zu machen. Zusammenfassung Internationale Wirtschaftsund Währungsprobleme: Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik Milton Friedman führt den rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit seit Beginn der siebziger Jahre auf die Verstärkung der Rolle der Geldpolitik bei diskretionärer Ausrichtung zurück. So sei die Geldpolitik zu einem Element der Unsicherheit geworden, und geldpolitisch bewirkte Fluktuationen von Preissteigerungsraten erschwerten die Trennung zwischen relativen und absoluten Preisänderungen. Überraschende und rasch wechselnde Verschiebungen relativer Preise aber bewirken OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
96 Wolfgang File - in dieser Sichtweise - eine Dämpfung der Investitionen, und sie treiben die Arbeitslosenzahlen hoch. Nichts anderes geschieht, wenn Verschiebungen relativer Preise zwischen Ländern dominiert werden von Schwankungen realer Wechselkurse. Hauptsächlich Kursschwankungen an den Devisenmärkten bestimmen dann die relativen Preise von Gütern und Leistungen und von Ertragsrelationen von Vermögenswerten, die auf unterschiedliche Währungen lauten. Die heftigen und meist unvorhersehbaren Schwankungen der Dollarkurse seit 1973 begünstigen den Handelsprotektionismus, sie können die Produktionsund Nachfrageentscheidungen zugunsten einer stärkeren Binnenorientierung beeinflussen, und sie verleiten häufig zu einer Orientierung wirtschaftspolitischer Stabilisierungsmaßnahmen an außenwirtschaftlichen Entwicklungen, nicht an binnen wirtschaftlichen Notwendigkeiten. So kann der Anstieg konjunkturunabhängiger Arbeitslosigkeit in den siebziger Jahren möglicherweise auch auf die starken und unerwarteten Schwankungen realer Wechselkurse zurückgeführt werden. Andererseits hat die Freigabe des Dollarkurses der Geldpolitik nicht zur Autonomie verholfen. Zwar ist der Gestaltungsspielraum der Notenbanken zur Bestimmung der Zentralbankgeldversorgung gewachsen. Für die Bundesrepublik Deutschland zeigt sich aber, daß Unternehmen seitdem die Finanzierung zunehmend in das Ausland verlagern. Die Ausweitung des Gestaltungsspielraums der Zentralbanken auf der Angebotsseite des Finanzierungsprozesses wird dadurch in steigendem Maße aufgehoben durch Substitutionsprozesse auf der Nachfrageseite. Summary International Economic and Monetary Problems: Floating, Unemployment and Monetary Policy Milton Friedman attributes the rapid increase in unemployment since the early nineteen-seventies to the greater role played by monetary policy with a discretionary orientation. Monetary policy, he claims, has become an element of uncertainty and fluctuations of price increase rates triggered by monetary policy make it more difficult to distinguish between relative and absolute price changes. Unexpected and rapidly alternating shifts in relative prices, however, result - seen from this standpoint - in a decline in investments, and they push up the unemployment figures. The same occurs when shifts in relative prices between countries are dominated by fluctuations of real exchange rates. Then it is chiefly rate fluctuations on the foreign exchange markets which determine the relative prices of goods and services and the relative returns on assets expressed in terms of various currencies. The market and mostly unpredictable fluctuations of the dollar exchange rates from 1973 onwards encourage trade protectionism; they may influence production and demand decisions in favour of closer orientation to the home country; and they often induce orientation of stabilization measures in economic policy to foreign trade developments instead of domestic economic necessities. Hence the rise in trade-cycle-dependent unemployment in the nineteen-seventies may possible be attributable to the marked and unexpected fluctuations of real exchange rates. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48
Floating, Arbeitslosigkeit und Geldpolitik 97 On the other hand, decontrol of the dollar exchange rate did not bring autonomy of monetary policy. True, the central banks have gained more leeway in determining the supply of central bank money. But for the Federal Republic of Germany it has proved that since then firms have sought financing in foreign countries to an increasing extent. The expansion of the leeway of the central banks on the supply side is thus offset to an increasing degree by substitution processes on the demand side. Résumé Problèmes économiques et monétaires internationaux: flottement, chômage et politique monétaire Mïlton Friedman attribue la hausse rapide du chômage depuis le début des années soixante-dix au renforcement du rôle de la politique monétaire dont l'orientation est discrétionnaire. La politique monétaire est ainsi devenue un élément d'insécurité, et des fluctuations des taux de hausses de prix d'origine monétaire rendent plus malaisée la distinction entre les modifications relatives et absolues des prix. D'inopinés et fréquents changements des prix relatifs sont cependant la cause - dans cette optique - d'un ralentissement des investissements et d'une croissance du nombre de sans emploi. Rien d'autre ne se produit lorsque des déplacements de prix relatifs entre pays sont dominés par des fluctuations des taux réels de change. Les fluctuations de taux sur les marchés de devises déterminent principalement les prix relatifs des biens et des services ainsi que les rapports de rendement des valeurs de capital qui sont libellés en monnaies différentes. Les variations profondes et généralement imprévisibles du cours du dollar depuis 1973 favorisent le protectionnisme commercial, peuvent infléchir les décisions de production et de demande vers une plus forte orientation intérieure, et incitent fréquemment à axer les mesures de stabilisation économique sur des développements extérieurs et non sur les nécessités intérieurs. L'augmentation du chômage non conjoncturel des années soixante-dix peut donc aussi être imputée aux fortes variations inattendues des cours de change réels. Par ailleurs, la libéralisation du cours du dollar n'a pas aidé la politique monétaire à asseoir son autonomie. Il est vrai que la marge de manœuvre des banques d'émission pour l'alimentation de la base monétaire a augmenté. L'on constate cependant pour l'Allemagne fédérale que des entreprises transfèrent depuis lors les financements de plus en plus à l'étranger. L'extension de la marge de manœuvre des banques d'émission sur la face de l'offre du processus de financement est ainsi progressivement compensée par des processus de substitution du côté de la demande. 7 Kredit und Kapital 1/1983 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.16.1.81 | Generated on 2023-01-16 12:48:48