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Europäischer Tarifbericht des WSI - 2023/2024: Reallöhne haben nach Krisenverlusten weiterhin Aufholbedarf

Janssen, Thilo,Lübker, Malte

Abstract

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Full text

Janssen, Thilo; Lübker, Malte Research Report Europäischer Tarifbericht des WSI - 2023/2024: Reallöhne haben nach Krisenverlusten weiterhin Aufholbedarf WSI Report, No. 97 Provided in Cooperation with: The Institute of Economic and Social Research (WSI), Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Janssen, Thilo; Lübker, Malte (2024) : Europäischer Tarifbericht des WSI - 2023/2024: Reallöhne haben nach Krisenverlusten weiterhin Aufholbedarf, WSI Report, No. 97, Hans-Böckler-Stiftung, Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/300555 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Mai 2024), Berechnungen des WSI. der Beschäftigten ist damit die Krise nicht überwunden: Sie haben den Großteil der realen Einkommenseinbußen getragen, die mit dem Energiepreisschock infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine verbunden waren. Aus der nachwirkenden Absenkung des Reallohnniveaus ergibt sich für die Lohnpolitik weiterhin Aufholbedarf, um zu einer gerechteren Lastenverteilung zwischen Arbeit und Kapital beizutragen. nominal real Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). INHALT AUTORENSCHAFT Thilo Janssen ist Wissenschaftler im Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-BöcklerStiftung und Korrespondent für die europäische Stiftung Eurofound. Forschungsschwerpunkte: Europäische Arbeitsbeziehungen und europäische Integration [email protected] Dr. Malte Lübker ist Wissenschaftler im Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der HansBöckler-Stiftung. Forschungsschwerpunkte: Löhne, Tarifpolitik, personale und funktionale Einkommensverteilung und Umverteilung durch den Wohlfahrtsstaat. [email protected] 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2 Ökonomische Rahmen bedingungen der Tarifpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.1 Allgemeine Wirtschaftsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2 Die Lage auf dem Arbeitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2.3 Produktivitätsentwicklung, BIP-Deflator und Verteilungsspielraum . . . . . . . . . . . . . . 5 3 Die Entwicklung der Tariflöhne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.1 Der EZB-Tariflohnindikator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.2 Die Tariflohnentwicklung in ausgewählten EU-Staaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 4 Die Entwicklung der Effektivlöhne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 4.1 Entwicklung von Löhnen und Verbraucherpreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 4.2 Verteilungsbilanz und funktionale Einkommensverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . .13 5 Krisenverluste belasten die Beschäftigten weiterhin . . . . . . . . . . . . . . . . . .15 6 Ausblick: Reallohnwachstum kann wirtschaftliche Stabilisierung stützen . . . . . . . 17 WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 3 1 EINLEITUNG Nach dem Inflationsschock des Jahres 2022 deutet sich für die Europäische Tarifpolitik vordergründig eine Normalisierung an: Die Inflation geht langsam zurück und dank anziehender Nominallöhne stabilisiert sich die Kaufkraft der Beschäftigten. Doch damit ist der Einbruch der Reallöhne seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine noch nicht ausgeglichen (vgl. Janssen / Lübker 2023). Der diesjährige Europäische Tarifbericht des WSI dokumentiert, wie tief der Einschnitt für die Beschäftigten war und welche weitreichenden Folgen er für die funktionale Einkommensverteilung zwischen Arbeit und Kapital hatte. Damit steht die Lohnpolitik weiterhin vor der Aufgabe, die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu korrigieren und so zu einer gerechteren Lastenverteilung beizutragen. Der Europäische Tarifbericht widmet sich zunächst den ökonomischen Rahmenbedingungen, der Verfassung des Arbeitsmarktes und der Produktivitätsund Preisentwicklung (Abschnitt 2). Darauf aufbauend wird die aktuelle Entwicklung der Tariflöhne (3) und der Effektivlöhne (4) analysiert. In Abschnitt 5 wird für die EU-27 und die fünf wichtigsten Volkswirtschaften dargestellt, wie sich die Reallöhne seit 2021 per Saldo entwickelt haben – auch im Vergleich zur letzten Prognose, die die Europäische Kommission vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine erstellt hat. Der Ausblick widmet sich der systemischen Funktion der Löhne in den verschiedenen Phasen der Inflationsund Wirtschaftskrise und prüft, wie die von Beschäftigten und Gewerkschaften vertretenen Aufholbedarfe bei der Reallohnentwicklung zu bewerten sind (6). 2 ÖKONOMISCHE RAHMEN BEDINGUNGEN DER TARIFPOLITIK 2.1 Allgemeine Wirtschaftsentwicklung Die Tarifpolitik ist seit einer halben Dekade durch krisenhafte und sich rapide wandelnde ökonomische Rahmenbedingungen geprägt. Die kurze Phase wirtschaftlicher Erholung im Ausklang der Corona-Pandemie wurde durch die Inflationskrise als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine jäh beendet: Explodierende Energieund Verbraucherpreise drückten auf den privaten Konsum und erhöhten die Produktionskosten vor allem in den energieintensiven Branchen. Gleichzeitig konnten viele Unternehmen im Kontext steigender Preise ihre Gewinnmargen erhöhen, was seinerseits erheblich zur Binneninflation beigetragen hat. Eine Umverteilung zulasten der Löhne und zugunsten der Kapitaleinkommen war die Folge (vgl. Janssen / Lübker 2023). Stagnierender privater Konsum, eine von Unsicherheitserwägungen getriebene erhöhte private Sparquote und zurückgehaltene Investitionen angesichts der restriktiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) prägten das Wirtschaftsgeschehen der vergangenen Jahre – mit entsprechenden Folgen für die Wirtschaftsleistung (Europäische Kommission 2024). Während im Zuge der Öffnungen nach den Corona-Restriktionen im Jahr 2022 das BIP in den Ländern der EU im Durchschnitt noch um 3,5 % wuchs, brach das Wachstum 2023 deutlich auf 0,4 % ein (Tabelle 1). Zur wirtschaftlichen Abkühlung trug auch die Erhöhung des Leitzinses durch die EZB bei, der im September 2023 mit 4,5 % den höchsten Wert seit über 20 Jahren erreichte und Anfang Juni 2024 geringfügig auf 4,25 % gesenkt wurde. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich das BIP der EU-Länder 2023 heterogen. In Westeuropa schrumpfte die stark zyklisch geprägte Wirtschaft Irlands um ganze 3,2 %, verursacht durch die schwache Entwicklung in einigen von multinationalen Konzernen dominierten Branchen (Europäische Kommission 2024, S. 88). In Deutschland und Österreich verringerte sich das BIP um 0,3 bzw. 0,8 %, u. a. aufgrund sinkender Bauinvestitionen (Dullien et al. 2024, S. 10). Belgiens Wirtschaft legte hingegen leicht um 1,4 % zu, getragen u. a. vom privaten Konsum, der von der automatischen Indexierung von Löhnen und Sozialleistungen gestützt wird (Europäische Kommission 2024, S. 82; vgl. Abschnitt 3.2). Frankreich stagnierte mit einem kleinen Plus von 0,7 % weitgehend, da etwa zurückhaltende Investitionen das Wachstum bremsten (ebd., S. 94). In Nordeuropa gab das finnische BIP um 1,0 % nach, während die dänische Wirtschaft um 1,9 % wuchs. Ein ähnlich heterogenes Bild zeigt sich in Osteuropa. In Estland schrumpfte das BIP um 3,0 %, während es in Kroatien um 3,1 % zulegte. In Polen (0,2 %) stagnierte das BIP, bedingt durch eine weiterhin zurückhaltende Konsumnachfrage (ebd., S. 132). Nur in Südeuropa konnten fast alle Volkswirtschaften 2023 mit Raten um die 2 % wachsen. Spanien (2,5 %) profitierte beispielsweise von einer fortgesetzt günstigen Arbeitsmarktentwicklung und damit einhergehenden privaten Konsumausgaben, steigenden Nettoexporten und öffentlichen Ausgaben (ebd., S. 92). Ausreißer in beide Richtungen sind in Südeuropa das verhaltene Wachstum in der größten Volkswirtschaft Italien (0,9 %), das u. a. von größeren öffentlichen Investitionen in die energetische Gebäudesanierung getragen wird (ebd. S. 98), und der fortgesetzte Boom im kleinen Malta (5,6 %), der u. a. von einer Expansion des Tourismus und des Exports von Elektronikund Unterhaltungsprodukten sowie Finanzdienstleistungen profitiert (ebd., S. 108). Im laufenden Jahr 2024 wirken die straffe Geldpolitik der EZB, Nachlaufeffekte der hohen Energiekosten, aber auch geplante fiskalische Sparmaßen WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 4 Bruttoinlandsprodukt Arbeitslosigkeit 2021 2022 2023 2024 2021 2022 2023 2024 Nordeuropa  Dänemark 6,8 2,7 1,9 2,6 5,1 4,5 5,1 5,6 Finnland 2,8 1,3 -1,0 0,0 7,7 6,8 7,2 7,4 Schweden 6,1 2,7 -0,2 0,2 8,9 7,5 7,7 8,4 Westeuropa       Belgien 6,9 3,0 1,4 1,3 6,3 5,6 5,5 5,6 Deutschland 3,2 1,8 -0,3 0,1 3,7 3,1 3,1 3,1 Frankreich 6,4 2,5 0,7 0,7 7,9 7,3 7,3 7,7 Irland 15,1 9,4 -3,2 1,2 6,2 4,5 4,3 4,4 Luxemburg 7,2 1,4 -1,1 1,4 5,3 4,6 5,2 5,8 Niederlande 6,2 4,3 0,1 0,8 4,2 3,5 3,6 3,9 Österreich 4,2 4,8 -0,8 0,3 6,2 4,8 5,1 5,3 Südeuropa       Griechenland 8,4 5,6 2,0 2,2 14,7 12,5 11,1 10,3 Italien 8,3 4,0 0,9 0,9 9,5 8,1 7,7 7,5 Malta 12,5 8,1 5,6 4,6 3,8 3,5 3,1 3,0 Portugal 5,7 6,8 2,3 1,7 6,7 6,2 6,5 6,5 Spanien 6,4 5,8 2,5 2,1 14,9 13,0 12,2 11,6 Zypern 9,9 5,1 2,5 2,8 7,5 6,8 6,1 5,6 Osteuropa       Bulgarien 7,7 3,9 1,8 1,9 5,3 4,2 4,3 4,3 Estland 7,2 -0,5 -3,0 -0,5 6,2 5,6 6,4 7,4 Kroatien 13,0 7,0 3,1 3,3 7,6 7,0 6,1 5,8 Lettland 6,7 3,0 -0,3 1,7 7,6 6,9 6,5 6,5 Litauen 6,3 2,4 -0,3 2,0 7,1 6,0 6,9 7,0 Polen 6,9 5,6 0,2 2,8 3,4 2,9 2,8 3,0 Rumänien 5,7 4,1 2,1 3,3 5,6 5,6 5,6 5,5 Slowakei 4,8 1,9 1,6 2,2 6,8 6,1 5,8 5,4 Slowenien 8,2 2,5 1,6 2,3 4,8 4,0 3,7 3,7 Tschechien 3,6 2,4 -0,3 1,2 2,8 2,2 2,6 2,8 Ungarn 7,1 4,6 -0,9 2,4 4,1 3,6 4,1 4,5 EU-27 6,0 3,5 0,4 1,0 7,1 6,2 6,1 6,1 Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2024). Tabelle 1 Wachstum und Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union, 2021 – 2024* Angaben in Prozent Anmerkungen: Bruttoinlandsprodukt = Veränderung des realen BIP in % gegenüber dem Vorjahr. Arbeitslosenquote = Anzahl der Arbeitslosen in % der zivilen Erwerbsbevölkerung (Eurostat-Definition). * Angaben für 2024: Prognose der Europäischen Kommission. WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 5 weiterhin dämpfend auf das Wirtschaftswachstum in der EU (IWF 2024). Mit der Ausnahme Estlands, für dessen Volkswirtschaft die Europäische Kommission einen BIP-Rückgang um 0,5 % prognostiziert, ist der Ausblick für alle anderen EULänder jedoch wieder leicht positiv. Weitgehend stagnieren werden voraussichtlich die nordund westeuropäischen Industrienationen Deutschland (0,1 %), Finnland (0,0 %), Schweden (0,2 %) und Österreich (0,3 %). Nach Einschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) wirkt sich in Deutschland neben der weiterhin restriktiven Geldpolitik der EZB vor allem die restriktive Haushaltspolitik der Bundesregierung wachstumsbremsend aus (Dullien et al. 2024). In Frankreich verharrt das BIP-Wachstum wie im Vorjahr bei 0,7 %. Etwas besser sieht es im Süden und Osten der EU aus: Griechenland (2,2 %) und Spanien (2,1 %) können der Vorausschau nach wachsen, ebenso Polen (2,8 %), Rumänien (3,3 %) oder Kroatien (3,3 %). 2.2 Die Lage auf dem Arbeitsmarkt Der Arbeitsmarkt in der EU-27 ist weiterhin von Beschäftigungswachstum vor allem im Dienstleistungsbereich und von Arbeitskräfteknappheit in vielen Branchen geprägt. Im letzten Viertel des Jahres 2023 verzeichnete das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) mit einer Beschäftigungsquote von 75,3 % bei den 20bis 64-Jährigen einen neuen Rekord (Europäische Kommission 2024, S. 33). Viele Unternehmen halten ihre Arbeitskräfte trotz schwacher Auftragslage, um bei einem Konjunkturaufschwung über die benötigten Arbeitskräfte verfügen zu können (ebd., S. 34). Deutschland (Arbeitslosenquote: 3,1 %) gehörte 2023 zusammen mit Polen (2,8 %) und Tschechien (2,6 %) zu den EU-Ländern, in denen nahezu Vollbeschäftigung herrschte (Tabelle 1). Die gute Lage am deutschen Arbeitsmarkt spiegelt sich auch im seit 2018 erhobenen ArbeitskräfteknappheitsIndex des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) wider: Dieser befand sich in den Monaten Februar bis Juni 2023 auf einem historischen Höchststand, hat jedoch seitdem etwas nachgegeben (IAB 2024). Insgesamt geht die Europäische Kommission sowohl für das Jahr 2023 als auch für 2024 von einer weiterhin niedrigen Arbeitslosenquote von 6,1 % in den Ländern der EU-27 aus. Besonders in einigen nordund westeuropäischen Industrieländern – mit Ausnahme Deutschlands – ist 2024 jedoch mit einem leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Dem steht ein Rückgang in den Ländern mit den höchsten Arbeitslosenquoten in der EU gegenüber: Griechenland (von 11,1 % 2023 auf 10,3 % 2024) und Spanien (von 12,2 % 2023 auf 11,6 % 2024). Beide Länder leiden weiterhin unter den Spätfolgen der Eurokrise, die durch eine nur schrittweise Senkung der Arbeitslosenquoten gekennzeichnet sind. Die Normalisierung auf den Arbeitsmärkten der beiden Länder trägt dazu bei, dass die Streuung bei den Arbeitslosenquoten innerhalb der EU langsam zurückgeht (Europäische Kommission 2024, S. 33). 2.3 Produktivitätsentwicklung, BIP-Deflator und Verteilungsspielraum Gewerkschaftliche Tarifpolitik orientiert sich maßgeblich am Verteilungsspielraum, der sich aus der Entwicklung der Produktivität und der Preise ableitet (Destatis 2024a; Lübker / Schulten 2017, S. 422). Aus den beiden Kennzahlen ergibt sich der Rahmen für Lohnsteigerungen, bei dessen Ausschöpfung die funktionale Einkommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit weder in die eine noch in die andere Richtung verschoben wird. Der Verteilungsspielraum ist jedoch nicht allein ausschlaggebend für tarifpolitische Strategien und Handlungsmöglichkeiten. So stärkt der Arbeitsund Fachkräftemangel in vielen Branchen die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften tendenziell, insbesondere wenn die Reichweite von Tarifverträgen institutionell gestützt wird (vgl. Bispinck et al. 2023; Schulten 2023, S. 3; Fuest / Jäger 2023). In der EU-27 sank die Arbeitsproduktivität im Jahr 2023 um 0,7 % (Tabelle 2), worin sich das stagnierende BIP bei weiterer Zunahme der Beschäftigung spiegelt (Arce / Sondermann 2024). Im Zuge des von der Europäischen Kommission erwarteten Aufwärtstrends des BIP wird im laufenden Jahr auch mit einem leichten Anstieg der Produktivität um 0,5 % gerechnet. Für 2025 prognostiziert die Kommission einen Wert von 1,2 % (nicht tabellarisch ausgewiesen). Damit dürfte sich die Entwicklung der Arbeitsproduktivität wieder dem langfristigen Trendwachstum von rund 1 % annähern, das etwa von der EZB für entwickelte Volkswirtschaften angesetzt wird (Europäische Kommission 2024, S. 37; Lopez-Garcia / Szörfi 2021, S. 93f.). Auch für die Preisentwicklung zeichnet sich nach dem Inflationsschub des Jahres 2022 eine Normalisierung ab. Dies gilt sowohl für den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) (Tabelle3) als auch für den BIP-Deflator (Tabelle2). Der Europäische Tarifbericht greift auf beide Preisindizes zurück, da sie verschiedene Perspektiven widerspiegeln. Für die Kaufkraft der Löhne ist die Entwicklung der Verbraucherpreise auschlaggebend (siehe Abschnitt 4.1). Um zu analysieren, wie der produzierte Mehrwert zwischen Arbeit und Kapital verteilt wird, ist der BIP-Deflator geeigneter. Er ist unabhängig von der Entwicklung der Importpreise und kann aus dem Verhältnis zwischen dem nominalen und dem realen BIP in einer Volkswirtschaft abgeleitet werden. Damit bildet der BIP-Deflator die Preisentwicklung der inländischen Wertschöpfung ab und WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 6 Arbeitsproduktivität BIP-Deflator Verteilungsspielraum 2021 2022 2023 2024 2021 2022 2023 2024 2021 2022 2023 2024 Nordeuropa  Dänemark 4,4 -1,0 0,4 2,8 2,9 8,1 -3,5 2,2 7,4 7,0 -3,1 5,1 Finnland 0,6 -2,1 -1,6 0,1 2,4 5,4 4,8 1,8 3,1 3,2 3,1 1,9 Schweden 4,9 -0,1 -1,6 0,5 2,6 6,0 5,6 2,6 7,7 6,0 3,9 3,2 Westeuropa             Belgien 4,9 0,9 0,6 0,8 3,2 5,9 4,1 2,5 8,2 6,9 4,7 3,4 Deutschland 3,0 0,4 -1,0 -0,2 3,0 5,3 6,6 3,6 6,1 5,7 5,5 3,3 Frankreich 3,5 -0,2 -0,4 0,5 1,4 2,9 5,5 2,8 5,0 2,8 5,1 3,3 Irland 8,6 2,6 -8,2 -0,3 0,5 6,6 3,0 2,6 9,1 9,4 -5,4 2,2 Luxemburg 4,2 -1,9 -3,3 0,0 4,6 5,7 3,4 4,0 9,0 3,7 0,1 4,0 Niederlande 4,1 0,4 -1,4 0,1 2,9 5,5 7,8 3,7 7,2 5,9 6,2 3,9 Österreich 2,2 2,1 -1,7 -0,1 2,1 5,3 7,6 4,1 4,3 7,5 5,7 4,0 Südeuropa             Griechenland 7,1 3,0 1,0 1,2 1,5 7,8 4,5 3,0 8,6 11,0 5,6 4,3 Italien 7,4 2,2 -0,9 0,2 1,3 3,6 5,3 2,2 8,7 5,8 4,3 2,4 Malta 9,4 1,9 -0,9 0,4 2,0 5,3 5,3 3,6 11,6 7,3 4,4 4,1 Portugal 3,7 5,2 1,4 0,7 1,9 5,0 7,1 2,6 5,7 10,5 8,6 3,3 Spanien 4,0 3,0 -0,7 0,0 2,7 4,1 5,9 3,3 6,8 7,3 5,2 3,3 Zypern 6,5 2,0 1,0 1,4 2,7 6,1 4,7 3,7 9,4 8,2 5,7 5,2 Osteuropa             Bulgarien 7,5 4,3 0,9 2,4 7,1 16,2 7,5 3,3 15,1 21,2 8,4 5,8 Estland 7,1 -4,8 -6,0 0,0 6,0 16,1 7,9 3,8 13,5 10,5 1,4 3,8 Kroatien 11,7 4,6 0,4 1,3 2,1 8,6 8,5 5,5 14,1 13,5 8,9 6,9 Lettland 9,5 0,2 -0,3 1,4 3,8 11,8 5,4 4,2 13,7 12,0 5,0 5,7 Litauen 5,0 -2,5 -1,8 1,8 6,5 16,6 7,1 2,2 11,9 13,7 5,2 4,1 Polen 4,3 1,7 0,0 2,8 5,3 10,6 10,7 4,5 9,8 12,5 10,8 7,5 Rumänien 4,9 4,0 3,0 2,7 5,4 13,2 12,2 7,3 10,6 17,7 15,6 10,2 Slowakei 5,4 0,1 1,3 2,0 2,4 7,5 10,1 4,6 7,9 7,6 11,6 6,7 Slowenien 6,8 -0,4 0,4 1,7 2,7 6,5 8,9 3,3 9,7 6,0 9,3 5,1 Tschechien 3,2 0,8 -1,1 1,0 3,3 8,5 8,6 2,6 6,6 9,5 7,4 3,6 Ungarn 5,8 3,0 -1,1 2,3 6,4 14,2 14,7 5,3 12,6 17,6 13,5 7,7 EU-27 4,5 1,2 -0,7 0,5 2,5 5,4 6,2 3,2 7,1 6,7 5,4 3,7 Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2024), Berechnungen des WSI. Tabelle 2 Arbeitsproduktivität, Preisentwickung der inländischen Wertschöpfung und Verteilungsspielraum in der Europäischen Union, 2021 – 2024* Angaben in Prozent Anmerkungen: BIP-Deflator = aus dem Unterschied zwischen nominaler und realer Entwicklung des BIPs abgeleiteter Preisindex. Verteilungsspielraum = Produkt aus Preisund Arbeitsproduktivitätsentwicklung (basierend auf dem BIP-Deflator). * Angaben für 2024: Prognose der Europäischen Kommission. WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 7 3 DIE ENTWICKLUNG DER TARIFLÖHNE 3.1 Der EZB-Tariflohnindikator Der Tariflohnindikator der EZB bildet die Ergebnisse von Tarifverhandlungen in der Euro-Währungsunion ab. Er greift auf nicht-harmonisierte Daten aus neun Ländern zurück, die zusammen 94 % der Arbeitnehmerentgelte im Euro-Raum repräsentieren (Górnicka / Koester 2024, S. 9ff.). Nachdem der EZB-Indikator auf inflationsbereinigter Basis für das Jahr 2022 einen historischen Verlust von 5,0 % zeigt, konnten die Gewerkschaften im Jahr 2023 deutliche nominale Tariflohnsteigerungen von durchschnittlich 4,5 % durchsetzen. Aufgrund der weiterhin hohen Preissteigerungsraten konnten die Kaufkraftverluste jedoch nicht vollständig kompensiert werden, sodass die realen Tariflöhne 2023 (-0,9 %) das dritte Jahr in Folge zurückgingen (Abbildung1). Eine Analyse der vierteljährlichen Daten zeigt, dass über das gesamte Jahr 2023 hinweg mit jeweils mehr als 4 % deutlich höhere Tarifsteigerungen in Kraft getreten sind als noch im Vorjahr (Abbildung2). War das 4. Quartal 2022 noch von einer deutlich positiven Lohndrift gekennzeichnet (die Effektivlöhne steigen schneller als die Tariflöhne – siehe unten), kehrt sich dieser Effekt mit dem Neuabschluss vieler Tarifverträge vor dem Hintergrund der hohen Inflation 2023 um. Der Einbruch der realen Tariflöhne auf dem Höhepunkt der Inflationskrise setzte die Gewerkschaften unter Druck, die Kaufkraftverluste ihrer Mitglieder zu kompensieren. Arbeitsund Fachkräftemangel führen gleichzeitig dazu, dass Gewerkschaften in vielen Branchen aus einer Position der Stärke verhandeln können (Schulten / WSI-Tarifarchiv 2024; Lesch 2024; Fuest / Jäger 2023). Deshalb schlagen nun Nachholeffekte aufgrund der inflationsbedingten Verluste im Vorjahreszeitraum und tariflich vereinbarte Sonderzahlungen zu Buche (Holton / Koester 2024; Deutsche Bundesbank 2023, S. 29). Dieser Effekt könnte sich aufgrund der temporären Natur von Sonderzahlungen wie in Italien, den Niederlanden und Deutschland bald wieder abschwächen (Lesch 2024; Müller et al. 2024, S. 91). Auch bei den Effektivlöhnen, also den tatsächlich gezahlten Stundenlöhnen inklusive außertariflicher Zulagen, zeigt sich am aktuellen Rand eine deutliche Steigerung – wobei bereits im 4. Quartal 2022 ein Wachstum oberhalb der 5 %-Marke zu verzeichnen ist. Hintergrund hierfür sind die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht durchgängig tarifvertraglich vereinbarten Sonderzahlungen (wie die Inflationsausgleichsprämie in Deutschland), die viele Unternehmen auf dem Höhepunkt der Inflationskrise ausgezahlt haben (Holton / Koester 2024; Deutsche Bundesbank 2023, S. 29). Im 4. Quartal 2023 fallen die Effektivlohnsteigerungen aufgrund eignet sich deshalb besser, um den Spielraum für verteilungsneutrale Lohnsteigerungen zu bestimmen: Erhöhen sich die Nominallöhne genau in dem aus Produktivitätsentwicklung und BIP-Deflator berechneten Rahmen, bleibt die Lohnquote konstant, d. h. die funktionale Einkommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit ändert sich nicht. 1 Würde der HVPI als Faktor in die Rechnung einbezogen, könnten sich abweichende Werte ergeben, da sich HVPI und BIP-Deflator nicht automatisch parallel zueinander bewegen. Dies war etwa im Jahr 2022 der Fall (siehe Tabelle2 und Tabelle 3), als gestiegene Importpreise die Verbraucherpreise wesentlich beeinflusst haben (Lübker / Janssen 2022, S. 323). Im Jahr 2023 erreichte der BIP-Deflator für die EU-27 einem Höchststand von 6,2 %, was unter Berücksichtigung der rückläufigen Arbeitsproduktivität zu einem rechnerischen Verteilungsspielraum von 5,4 % führt. Für das laufende Jahr wird ein Rückgang des BIP-Deflators auf 3,2 % und des rechnerischen Verteilungsspielraums auf 3,7 % prognostiziert (Tabelle 2). 2 In Deutschland bewegt sich der Verteilungsspielraum mit 5,5 % für 2023 und voraussichtlichen 3,3 % im Jahr 2024 nahe dem europäischen Durchschnitt. Wenngleich auch die Entwicklung der Arbeitsproduktivität Schwankungen unterworfen ist, wird der Verteilungsspielraum weiterhin von der Preisbewegung dominiert. Die Berechnung zeigt, dass besonders im Jahr 2023 hohe Nominallohnsteigerungen notwendig gewesen sind, um die funktionale Einkommensverteilung zu stabilisieren. Für das Jahr 2024 wird unter der Voraussetzung eines weiter rückgängigen BIP-Deflators bei nur leichten Produktivitätsgewinnen der verteilungsneutrale Spielraum für Lohnsteigerungen deutlich kleiner – wobei durch die Unterausschöpfung des Verteilungsspielraums in den Vorjahren bei den Löhnen aktuell noch Aufholbedarf besteht (siehe Abschnitt 4.2). 1 Die nominalen Entgelte pro Arbeitnehmer*in erhöhen sich also im gleichen Umfang wie die nominale Wertschöpfung pro Beschäftigtem. Aufgrund des Bereinigungsverfahrens können sich ggf. residuale Abweichungen in der bereinigten Lohnquote ergeben, wenn sich der Anteil der Arbeitnehmer*innen an allen Beschäftigten (also inkl. Selbstständigen) verändert. 2 Jede wirtschaftliche Prognose unterliegt großen Unsicherheiten, bestimmt von externen Faktoren (u. a. Wahlen in den USA, Kriege in der Ukraine und Nahost und damit verbundene Handelsrisiken, Ölpreisentwicklung) und internen Faktoren (u. a. Entwicklung der privaten Konsumnachfrage, fiskalpolitische Entscheidungen der EU-Mitgliedstaaten, auf Klimawandel bezogene Risiken) (Europäische Kommission 2024, S. 53f.). WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 8 Abbildung 2 Entwicklung der Tarifund Effektivlöhne in der Euro-Zone, 2014-2023 Veränderungen zum Vorjahresquartal in Prozent Tariflöhne Effektivlöhne Anmerkungen: Effektivlöhne beziehen sich auf NACE Rev. 2 Abschnitte B bis S (d. h. Gesamtwirtschaft ohne Landwirtschaft, ohne private Haushalte als Arbeitgeber und ohne exterritoriale Organisationen) ohne Berücksichtigung der Lohnnebenkosten. Die Daten sind kalenderbereinigt, aber nicht saisonbereinigt. Quelle: Europäische Zentralbank, Berechnungen des WSI. Abbildung 1 Entwicklung der Tariflöhne in der Euro-Zone, 2000 – 2023 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent nominal real Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2024) (HVPI); Berechnungen des WSI. WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 15 Erholung bei der Lohnentwicklung verlangsamt sich das Wachstum der Stückgewinne aufseiten der Unternehmen, nachdem diese auf dem Höhepunkt der Krise im ersten Quartal 2023 einen historischen Höchststand erreicht hatten und ein wesentlicher Treiber der inländischen Preisentwicklung waren. Wie vom Europäischen Tarifbericht des Vorjahres als mögliches (und wünschenswertes) Szenario beschrieben, scheinen die Unternehmen die gestiegenen Lohnkosten nun über eine Normalisierung der Profite zu kompensieren, sodass von der Lohnentwicklung kein zusätzlicher Preisdruck im Sinne einer Lohn-Preis-Spirale ausgeht (Europäische Kommission 2024, S. 42; EZB 2024, S. 2; Janssen / Lübker 2023, S. 294). Stattdessen erhöht das reale Lohnwachstum die Kaufkraft der Haushalte, sodass der private Konsum einen wichtigen Wachstumsimpuls auf dem Weg aus der Krise geben könnte (EZB 2024, S. 5; s. a. Cipollone 2024). 5 KRISENVERLUSTE BELASTEN DIE BESCHÄFTIGTEN WEITERHIN Rückgängige Inflationsraten, eine verhaltene Rückkehr des BIP-Wachstums und moderat steigende Reallöhne – bei einer oberflächlichen Betrachtung der in den vorangegangenen Abschnitten dargestellten Kennzahlen ließe sich der Eindruck gewinnen, Europa habe die Krise überwunden und sei zurück auf dem Weg in die Normalität. Der in der öffentlichen Wahrnehmung weit verbreitete Fokus auf die Veränderungsraten versperrt jedoch den Blick auf das eigentlich Entscheidende, die Niveaus: Die Verbraucherpreise haben sich dauerhaft erhöht und das BIP liegt durch die Auswirkungen der Doppel-Krise – Corona-Pandemie und Energiepreisschock – weit unterhalb des Wertes, der bei einer Fortsetzung des Vorkrisentrends zu erwarten gewesen wäre. Krebs und Weber (2024, S. 18) sprechen deshalb für Deutschland von einem Hysterese-Effekt, also einem langanhaltenden und nicht nur vorübergehenden Verlust der Wirtschaftsleistung. Dieser Abschnitt widmet sich den Auswirkungen der Krisen auf das Reallohnniveau. Ausgangspunkt hierfür ist das Niveau des Jahres 2021. Das Basisjahr ist damit schon von den negativen Effekten der Corona-Pandemie und ersten Vorläufern anziehender Verbraucherpreise gekennzeichnet (Lübker / Janssen 2022). Mit voller Wucht erfasste der Inflationsschock Europa jedoch erst mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022 (Janssen / Lübker 2023). Die Prognose der Europäischen Kommission (2021) vom Herbst 2021 – die noch in Unkenntnis der kommenden Ereignisse geschrieben wurde – ist damit eine geeignete Basis, um eine „normale“ Entwicklung ohne Kriseneinfluss mit der tatsächlichen Entwicklung zu vergleichen. Einschränkend ist darauf hinzuweisen, dass Wirtschaftsprognosen immer mit Unsicherheit verbunden sind und sich in der Vergangenheit als zu optimistisch herausgestellt haben (Frankel / Schreger 2013). In Abbildung5 wird für die Europäische Union als Ganze und für die fünf wichtigsten Volkswirtschaften zunächst die im Herbst 2021 prognostizierte Entwicklung der Reallöhne bis ins Jahr 2023 abgetragen, wobei 2021 als Basisjahr mit 100 indiziert ist (blaue Linie). Bei erwarteten Wachstumsraten von 1,2 % (2022) bzw. 1,4 % (2022) hätte sich für die EU27 ein kumulatives Wachstum der Reallöhne auf einen Indexwert von 102,6 im Jahr 2023 ergeben. Für die großen Volkswirtschaften reicht die Spannbreite von 101,7 (Niederlande) über 102,6 (Deutschland) bis zu 103,4 (Italien). Das Basisszenario ist damit von einem stetigen, wenn auch nur moderaten Reallohnwachstum gekennzeichnet. Dem steht die tatsächliche Entwicklung mit dem dramatischen Einbruch der Reallöhne gegenüber: Für die EU-27 sinkt der Indexwert auf 95,8 im Jahr 2022 und auf 95,2 im Jahr 2023 (magenta Linie). In Deutschland als größter Volkswirtschaft ist die Entwicklung nahezu parallel mit Werten von 95,6 (2022) und 95,3 (2023). 8 Hier spiegelt sich die Stabilisierung der Reallöhne im vergangenen Jahr wider (siehe auch Abschnitt 4.1). In Frankreich und Italien setzte sich der Reallohnverlust hingegen im vergangenen Jahr weiter fort, während in Spanien und den Niederlanden ein leichter Reallohnzuwachs zu verzeichnen ist. Für das laufende Jahr rechnet die Europäische Kommission (2024) sowohl für die EU-27 insgesamt als auch für die hier betrachteten Länder mit einer weiteren Erholung der Reallöhne. Im EU-Durchschnitt dürfte jedoch erst im Jahr 2025 das Reallohnniveau des Jahres 2021 wieder erreicht werden (Europäische Kommission 2024, S. 3). Um das volle Ausmaß der Reallohnverluste abzuschätzen, ist ein Vergleich mit dem Basisszenario – also der Prognose vom Herbst 2021 – sinnvoll. Für die EU-27 lagen die Reallöhne im Jahr 2022 um 5,3 % unterhalb des prognostizierten Wertes, im Jahr 2023 sogar um 7,2 % (blaue Balken in Abbildung5). In Deutschland ist der Einbruch mit einem Minus von 5,4 % (2022) und 6,8 % (2023) ähnlich hoch, während er in Frankreich mit 1,9 % (2022) bzw. 4,2 % (2023) deutlich geringer ausfällt. In Italien (5,9 % bzw. 9,9 %) weitet sich der Abstand ebenfalls aus, während in Spanien ein klassischer Hysterese-Effekt zu beobachten ist: Der Schock des Jahres 2022 (-5,0 %) bleibt im Folgejahr (-4,9 %) nahezu unverändert bestehen. Eine Aufholbewegung ist allenfalls in den Niederlanden zu erkennen, wo sich der Rückstand gegenüber dem Basisszenario im Jahr 2023 leicht verringert. 8 Siehe auch Theodoropoulou (2024, S. 34) für eine ähnliche Darstellung für alle EU-Mitgliedstaaten auf Basis einer älteren Version der AMECO-Datenbank. WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 16 Abbildung 5 Prognostizierte und tatsächliche Reallohnentwicklung in der Europäischen Union, 2021 – 2024 Index (2021 = 100) Anmerkung: Alle Angaben beruhen auf dem Personenkonzept (nicht auf Vollzeitäquivalenten). Dadurch ergeben sich für Frankreich, die Niederlande, Italien, Spanien sowie die EU-27 Abweichungen zu den Veröffentlichungen der Europäischen Kommission (2024). Reallöhne sind die nominalen Arbeitnehmerentgelte pro Arbeitnehmer*in, inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) (nicht arbeitszeitbereinigt). Die Europäische Kommission verwendet zur Berechnung der Reallöhne im Unterschied zum WSI den Preisindex für den privaten Konsum; auch hierdurch kommt es zu geringfügigen Abweichungen zwischen beiden Veröffentlichungen. * Angaben für 2024: Prognose der Europäischen Kommission. Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Versionen vom 11. November 2021 und dem 15. Mai 2024), Berechnungen des WSI. a) EU 27 b) Deutschland c) Frankreich d) Italien e) Spanien f) Niederlande Prognose der Europäischen Kommission vom Herbst 2021 Tatsächliche Entwicklung bzw. aktuelle Prognose der Europäischen Kommission* Niveauunterschied, in % des prognostizierten Wertes (rechte Achse) Effekt der „Terms of Trade“ auf das Realeinkommen, in % des BIP zu konstanten Preisen des Vorjahres (rechte Achse) WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 17 Die Abweichungen der tatsächlichen Entwicklung von der ursprünglichen Prognose 9 gehen in erster Linie darauf zurück, dass die außerordentlich hohen Preissteigerungsraten der Folgejahre im Herbst 2021 noch nicht vorherzusehen waren (EZB 2022; s. a. Chahad et al. 2022). Für die EU-27 lag die Inflation im Jahr 2022 um 6,7 Prozentpunkte oberhalb des prognostizierten Wertes, für 2023 abermals um 4,8 Prozentpunkte. Die Nominallohnentwicklung lag hingegen 2022 nur geringfügig oberhalb der Erwartungen (plus 0,8 Prozentpunkte); eine Aufholbewegung trat erst 2023 mit einem zusätzlichen Nominallohnwachstum um 2,7 Prozentpunkte ein. Dies verdeutlicht erneut, dass die Lohnentwicklung kein entscheidender Inflationstreiber war, sondern erst verzögert auf das neue Preisniveau reagierte und so einen großen Teil des volkswirtschaftlichen Wohlstandsverlustes absorbierte (siehe oben; vgl. auch Cippolone 2024). Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich auf nationaler Ebene deutliche Unterschiede, wobei der direkte Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich besonders aufschlussreich ist: In Frankreich fiel 2022 der zusätzliche Inflationsschub (plus 3,8 Prozentpunkte gegenüber der Prognose) relativ gering aus, während die Nominallöhne (plus 1,8 Prozentpunkte) deutlich stärker als erwartet stiegen. Im Unterschied dazu waren in Deutschland die zusätzlichen Preissteigerungen (plus 6,4 Prozentpunkte) besonders ausgeprägt, während sich die Nominallöhne (plus 0,6 Prozentpunkte) im Jahr 2022 weitgehend wie erwartet entwickelten. Eine plausible Erklärung hierfür sind Unterschiede in den nationalen Lohnsetzungssystemen. In Frankreich wurde der Mindestlohn SMIC aufgrund von Indexierungsklauseln bereits im Jahresverlauf 2022 mehrfach an die gestiegenen Preise angepasst (Lübker / Schulten 2023, S. 119). Anpassungen des SMIC haben in der Regel auch Rückwirkungen auf die Tariflöhne (Delahaie / Vincent 2021). In Deutschland werden hingegen sowohl der Mindestlohn als auch Tariflöhne mit relativ langem Vorlauf ausgehandelt, sodass diese nur sehr eingeschränkt auf kurzfristige Entwicklungen reagieren können. Gestiegene Importpreise, insbesondere für fossile Energieträger, werden in der öffentlichen Debatte immer wieder als entscheidender Faktor für den Preisauftrieb und damit die Reallohnverluste angeführt (z. B. BMWK 2022). In der Tat haben sich 2022 die Importpreise aus europäischer Sicht im Verhältnis zu den Exportpreisen ungünstig entwickelt, die realen Austauschverhältnisse – besser bekannt unter dem englischen Begriff Terms of 9 Die Angaben in diesem und folgendem Absatz beruhen auf der AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Versionen vom 11. November 2021 und 15. Mai 2024) sowie Berechnungen des WSI und sind in Abbildung5 nicht ausgewiesen. Trade – haben sich also verschlechtert. Die Europäische Kommission beziffert den damit verbundenen Wohlfahrtsverlust EU-weit auf 2,2 % des BIP im Jahr 2022 (grauer Balken in Abbildung 5). Deutschland (Wohlfahrtsverlust: 2,5 % des BIP) war aufgrund seiner Abhängigkeit von Energieimporten hiervon besonders betroffen, während der Wohlfahrtsverlust in Frankreich mit 1,0 % des BIP deutlich geringer ausfiel. Trotzdem reicht die Verschlechterung der Terms of Trade von der Größenordnung her nicht aus, um die Reallohnverluste zu erklären. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Terms of Trade im Zuge der rückgängigen Energieund Rohstoffpreise im Jahr 2023 wieder deutlich verbessert haben, ohne dass dies zu entsprechenden Reallohngewinnen geführt hat. Krebs und Weber (2024, S. 10) argumentieren, dass zusätzlich zum Terms of Trade-Schock der Anstieg der Gewinnmargen im Jahr 2022 erheblich zur Inflation beigetragen hat – und damit zu den Reallohnverlusten. Zu der importierten Inflation kam damit eine hausgemachte Komponente hinzu. Wie der Europäische Tarifbericht im Vorjahr an dieser Stelle dargelegt hat, lässt sich dies am ausgesprochen hohen Beitrag der Gewinne zum BIP-Deflator ablesen (Janssen / Lübker 2023, S. 290ff.). Das korrespondiert mit der fallenden Lohnquote und damit der Verschiebung der funktionalen Einkommensverteilung zuungunsten der Löhne (siehe oben). 6 AUSBLICK: REALLOHNWACHSTUM KANN WIRTSCHAFTLICHE STABILISIERUNG STÜTZEN Der Europäische Tarifbericht geht regelmäßig der Frage nach, was die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Tarifpolitik in der Europäischen Union sind – und welche Rolle umgekehrt die Entwicklung der (Tarif-)Löhne für das gesamtwirtschaftliche Umfeld spielt. Bezogen auf den Höhepunkt der Inflationskrise formuliert Pietro Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, diesen Zusammenhang sinngemäß so: Als die Preise aufgrund des Terms of Trade-Schocks 2022 schlagartig stiegen, waren es die Beschäftigten, die durch niedrigere Reallöhne den Wohlfahrtsverlust zu großen Teilen absorbierten (Cipollone 2024). Zur gleichen Zeit konnten viele Unternehmen ihre Profitmargen erhöhen, was diese gleichermaßen zu Inflationsgewinnern und -treibern machte (Janssen / Lübker 2023, S. 290ff.; Hahn 2023; Europäische Kommission 2023, S. 29ff.; Weber / Wasner 2023). In der Konsequenz ergab sich für die Jahre 2021 und 2022 eine gesunkene Lohnquote am Volkseinkommen (siehe Tabelle4). In der funktionalen Einkommensverteilung kam es also zu einer Umverteilung zugunsten der Kapitaleinkommen in der Europäischen Union. WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 18 Vor diesem Hintergrund hat der Europäische Tarifbericht im vergangenen Jahr gefragt, ob Europa einen gerechten Ausgang aus der Krise findet. (Janssen / Lübker 2023, S. 293). Ein zumindest ansatzweise „gerechter“ sowie an stabilitätspolitischen Kriterien orientierter Ausgang aus diesem Szenario, so die damalige Argumentation, wäre es, wenn die zuvor erhöhten Profite nunmehr als Puffer dienten, während Beschäftigte und Gewerkschaften durch höhere Tarifabschlüsse vorherige Verluste in Form von wieder steigenden Reallöhnen aufholen könnten. Gleichzeitig würde so eine „Kombination aus Gewinn-Preisund Lohn-Preis-Spirale“ (Lesch / Eckle 2023, S. 22) verhindert. Auch unter Stabilitätskriterien betrachtet ist in der aktuellen Phase wirtschaftlicher Erholung weiteres Lohnwachstum geboten, das auch oberhalb des rechnerischen Verteilungsspielraums liegen kann. Nur so lässt sich der Einbruch der Reallöhne während der Krise zumindest ansatzweise ausgleichen, um den privaten Konsum zu fördern und damit die Konjunktur zu stützen (EZB 2024, S. 5; Cipollone 2024). Die Prognosen für das aktuelle Jahr legen nahe, dass dieses Szenario tatsächlich eintreten könnte. Für die Europäische Union erwartet die Europäische Kommission (2024) ein reales Lohnwachstum von 2,0 % (Tabelle3). Dies schlägt sich in einer aus Sicht der Beschäftigten positiven Verteilungsbilanz nieder und führt zu einer Normalisierung der zuvor gefallenen Lohnquote. Ein dauerhaft von der Produktivität entkoppeltes Lohnwachstum zeichnet sich derzeit nicht ab (Europäische Kommission 2024, S. 4). Schon im Jahr 2025 dürfte das Produktivitätswachstum wieder auf 1,2 % steigen, während sich das Wachstum der Nominallöhne auf 3,5 % verlangsamt (ebd.). Damit liegen die Prognosen in der Nähe der Werte, die mit der Zielinflationsrate der EZB von 2 % vereinbar sind (s. a. Cipollone 2024). Auf den ersten Blick scheint Europa somit tatsächlich einen „gerechten“ Weg aus der Krise eingeschlagen zu haben. Bei genauerem Hinschauen stellt sich die Sachlage jedoch komplexer dar. Denn wie in Abbildung5 argumentiert, greift der alleinige Fokus auf die Veränderungsraten zu kurz, will man die Konsequenzen der Krise für die realen Arbeitseinkommen ermessen. So zeigt der vorliegende Europäische Tarifbericht, dass die Reallöhne auch in dem oben dargelegten optimistischen Szenario weiterhin deutlich unterhalb des Niveaus von 2021 liegen und das Ausgangsniveau frühestens im Jahr 2025 wieder erreichen dürften. Noch deutlicher fällt der Reallohneinbruch aus, wenn als Vergleichsmaßstab der stetige, wenngleich moderate Zuwachs der Reallöhne verwendet wird, den die Europäische Kommission noch im Herbst 2021 prognostiziert hatte (siehe Abbildung 5). Verglichen mit diesem Basisszenario lagen die Reallöhne sowohl in der EU-27 als auch in Deutschland im Jahr 2023 jeweils rund 7 % unterhalb des Wertes, der bei einer „normalen“ Entwicklung zu erwarten gewesen wäre. Die Analyse zeigt auch, dass die Wohlfahrtsverluste bei den Reallöhnen nicht allein durch die Verschlechterung der Terms of Trade erklärt werden können – zumal die dadurch im Jahr 2022 verursachten Wohlfahrtsverluste im vergangenen Jahr wieder weitgehend kompensiert wurden. Tatsächlich waren es die erhöhten Profitmargen, die erheblich zum inländischen Preisauftrieb und damit zu den nachhaltigen Wohlfahrtsverlusten bei den Reallöhnen beitrugen (Cipollone 2024; Arce et al. 2023). Auch unter dieser Perspektive ist deshalb eine Aufholbewegung bei den Löhnen geboten. WSI Report Nr. 97, Juli 2024 Seite 19 LITERATUR Arce, O. / Hahn, E. / Koester, G. (2023): How tit-for-tat Inflation can Make Everyone Poorer, The ECB Blog vom 30. 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