scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Lenkungsprobleme und Inflation in Planwirtschaften

Schenk, Karl-Ernst

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Schenk, Karl-Ernst (Ed.) Book Lenkungsprobleme und Inflation in Planwirtschaften Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 106 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Schenk, Karl-Ernst (Ed.) (1980) : Lenkungsprobleme und Inflation in Planwirtschaften, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 106, ISBN 978-3-428-44550-9, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285526 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 106 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 SCHRIFTEN DES VEREINS FöR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 106 Lenkungsprobleme und Inflation in Planwirtsrhaften DUNCKER & HUMBLOT / BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Lenkungsprohleme und Inflation in Planwirtschaften Von Friedrich Haffner, Kazimierz Laski, Jörg Thieme Herausgegeben von Karl-Ernst Schenk DUNCKER & HUMBLOT I BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Alle Rechte vorbehalten © 1980 Duncker & Humblot, Berlln 41 Gedruckt 1980 bei Berliner Buchdruckerei Union GmbH., Berlin 61 Printed in Germany ISBN 3 428 04550 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Vorwort In diesem Band werden drei Beiträge zusammengefaßt, die der Ausschuß zum Vergleich von Wirtschafts systemen Ende September 1978 in Hamburg diskutiert hat. Das Thema ist von den drei Autoren unter drei verschiedenen Aspekten betrachtet worden: - Haffner: Beim übergang vom streng zentralistischen zu einem mit Marktelementen durchsetzten Modell der Planwirtschaft lassen sich einige Problembereiche der zentralen Planung aufzeigen, in denen naturale und monetäre Disproportionen zu erwarten sind. Diese Bereiche waren zu identifizieren und mit der Empirie zu konfrontieren. -Thieme: über diese Ursachenforschung hinausgehend stellt sich die Frage, wie Inflation in administrierten Wirtschaftssystemen überhaupt zu identifizieren ist. Hier gibt es verschiedene Ansätze, die mit Mängeln behaftet sind und es nahelegen, ein systemindifferentes Definitions-, Indikatorund Meßkonzept zu entwickeln. -Laski: Aus der zunehmenden Abhängigkeit der sozialistischen Länder von Weltmärkten ergibt sich ein neuer Problembereich. Es ist eine in diesem Zusammenhang viel diskutierte Frage, ob es diesen Ländern durch kompensierenden Einsatz planwirtschaftlicher Instrumente prinzipiell möglich ist, ihre Wirtschaft vor Auswirkungen der Weltinflation zu schützen. Hier wird nach einer differenzierten Antwort gesucht für den Fall unveränderter und verschlechteter terms of trade. An diesen drei Aspekten wird beispielhaft gezeigt, wie schwierig es ist, gängige Konzepte der Ursachenforschung und der Indikatorenmessung von einem System auf ein anderes zu übertragen und welche Lösungen dabei möglich sind. Karl-Ernst Schenk OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inhaltsverzeichnis Erklärungsmomente rur naturale und monetäre Disproportionen aus einer Theorie der unvollkommenen Planwirtschaft Von Friedrich Hajjner, Münster .................................... 9 Probleme der Definition und Messung von Inflationen in Systemen zentraler Planung Von H. Jörg Thieme, Bochum Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Vo~kswirtschaft 45 Von Kazimierz Laski, Linz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 71 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 14 Friedrich Haffner keinen Eingang gefunden hat und vor allem, daß die Zentralverwaltungswirtschaft und der Kommunismus formal verschiedene Konstrukte sind, dieses eine Realutopie (nach Meinung seiner Anhänger), jenes ein abstraktes Modell mit ausschließlich kognitivem Erkenntniswert spezifischer Art. Deroben auf Seite 10 erwähntezweiteTeil der Vorstellungen über eine unvollkommene zentrale Planwirtschaft betrifft die Plandurchführung, die Implementation. Es handelt sich dabei darum, auf welche Art und Weise die Zentrale ihren -nach dem bisher Gesagten - annähernd optimalen und konsistenten Gesamtplan an die Wirtschaftseinheiten zur Ausführung übergibt, so daß er in Produktion und Verteilung Realität wird. Die einzig adäquate Form 6 der Realisierung einer vollkommenen ex ante Koordination der Volkswirtschaft durch die Zentrale ist der Befehl, die Verwaltungsanweisung oder die Kennziffer. Alle drei Begriffe drücken in militärischer, juristischer bzw. ökonomischer Sprache dasselbe aus: Eine an höherer Stelle entschiedene Angelegenheit wird zur Durchführung an untergebene Stellen in Form einer Information imperativen Charakters gegeben. Die Kennziffern sagen dem Betrieb was, wieviel, wann, für wen usw. er zu produzieren hat und geben die Beschränkungen der Mittel an, mit denen dies zu erreichen sei. Theoretisch müßten sich diese betrieblichen Planziele bei genügend weitreichender Detaillierung als Spaltenund Zeilenvektoren aus der Gesamtrechnung unmittelbar ablesen lassen. Entsprechend den Annahmen der vollkommenen zentralen ex-an te-Koordination bleibt für den Betrieb keine eigene ökonomische Entscheidung übrig. Er kann also auch keine Zielfunktion realisieren; er führt nur die von oben gegebenen Anweisungen aus. Die Motive, aus denen eine solche totale Unterordnung gedacht werden kann, sind irrelevant, sei es sozialistische überzeugung, Beamtenmoral oder Zwang; diese sagen lediglich etwas über die politischen und sozialen Verhältnisse aus, unter denen zentrale Planung möglich ist. Aber mit dieser Fragestellung ist das reine Modell schon verlassen und das Problem angeschnitten, ob nicht im Bereich der Implementation die totale Planwirtschaft illusorisch sei, weil man zwar die zentrale Planungsaufstellung als politisches Vorhaben denken und als theoretisches Problem behandeln, sogar formal lösen, sich aber eine Gesellschaft, selbst nur die produzierenden Betriebe und die dort arbeitenden Menschen, nicht als Roboter vorstellen kann. Deshalb hat auch Rensei schon in seiner Einführung und in späteren Arbeiten verstärkt7 hier Mechanismen, wie Preise, Anreize u. a., akzeptiert, welche die Ausführenden zur Er8 Zumal unter polnischen 'Ökonomen wird die Meinung vertreten, daß der Zentrale Plan durch zentralisierte Lenkung und dezentrale Leitung, d. i. indirekte Steuerung, realisiert werden kann (vgl. K. Piotrowski: Marktmechanismus und zentral gelenkter Koordinationsmechanismus, in: ZfO., 1/1976, S. 37 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 15 füllung der zentralen Pläne neben der Befehlsmoral motiviert. Auch war immer schon bei der übertragung des Modells auf die Wirklichkeit die Begrenztheit der Informationsübermittlung und ein beschränkter Freiheitsspielraum der Betriebe, vor allem bei der technischen Organisation der Produktion, gesehen worden. Von diesen Zugeständnissen an die Wirklichkeit mußte jedoch zunächst abgesehen werden, wenn man die Logik zentraler Planung herausarbeiten wollte. Es wird zu zeigen sein, daß die Einführung von Entscheidungsspielräumen der Betriebe gerade nicht mehr nur das Implementationssystem, sondern das Planungssystem selbst betrifft. Zum Realitätsgehalt des hier vorgeführten Modells sei noch darauf verwiesen, daß die schon bei Walter Eucken auftretenden Modellvariationen, freier Konsumgütertausch und freie Konsumgüterwahl, in das Planrechnungskalkül und in das Implementationssystem aufgenommen werden können. Die erste, relativ unwichtige Modellstufe läßt, ohne die zentralen Ziele irgendwie zu berühren, auf der Basis von durchschnitt~ lichen Konsumzielen die Realisierung von subjektiv differenzierten Zielen mittels individueller Tauschakte zu. Haben dagegen die Konsumenten die Möglichkeiten einer freien Wahl der Konsumgüter, müssen die aggregierten Wahlakte antizipiert und in das Planrechnungskalkül in Form von Minimalansätzen für die Endgüterstruktur eingehen. Damit wird die Wahlfreiheit der Zentrale beschränkt, und es entstehen Schwierigkeiten bei der Antizipation der Konsumentenwünsche und/oder beim Absatz der dafür im Plan bestimmten Güter 8, aber die Planhoheit der Zentrale im oben beschriebenen Sinne wird dadurch für die gesamte übrige Wirtschaft nicht in Frage gestellt. Der Realitätswert der vollkommenen zentralen Planung liegt nicht darin, daß man sie vergröbert, d. h. mit einigen geringfügigen Ausnahmen als das Wirtschaftssystem der sozialistischen Planwirtschaften ansehen könnte. Dies würde völlig der Methode der Idealtypbildung widersprechen. Aber soweit in der Realität sozialistischer Planung zentral geplant wird, findet die im Grunde naturale Bilanzierungsmethode Anwendung, auch wenn sie unter Rückgriff auf andere Steuerungssysteme, die neben dem zentralplanerischen praktisch bestehen, in Geldeinheiten 7 K. P. Hensel: Einführung ... , a.a.O., S. 186 f.; ders.: Grundformen der Wirtschaftsordnung, Marktwirtschaft -Zentralverwaltungswirtschaft, München 1972, S. 108 f. 8 Es sei daran erinnert, daß auf einer niedrigen Stufe der Bedarfsdeckung durch einen permanenten Kaufkraftüberhang alle Absatzprobleme, sogar einer völlig unzureichend geplanten Konsumgüterindustrie, zu Lasten der Bevölkerung behoben werden konnten. Stalin hatte diese Disproportionalität zwischen Warenund Kauffond zu einer -heute belächelten, aber keineswegs überwundenen -"Gesetzmäßigkeit des Sozialismus" erklärt (V. G. Lopatkin: Tovarnye otnosenija i zakon stoimosti pri socializme, Die Warenbeziehungen und das Wertgesetz im Sozialismus, Moskva 1966, S. 79). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 16 Friedrich Haffner aufgestellt werden. Die Zentrale ist unter diesen Umständen auch nicht mehr allein auf die imperativen Methoden der Planimplementation angewiesen, aber soweit sie zu solchen Methoden greift, findet die Logik des vollkommenen zentralisierten Modells Anwendung. Jedoch führt die Existenz mehrerer reiner Steuerungssysteme dazu, daß die konkreten Einrichtungen eines so konstruiertenWirtschaftssystems nicht mehr nur jeweils auf einzelne, reine Formen reduziert werden können. Die Vermischung zwingt zu einer Analyse, welche jeweils zwei oder mehrere reine Systeme in Betracht zieht. Noch in einer anderen Hinsicht muß der praktische Erkenntniswert des Modells hervorgehoben werden. War es in den ersten 20 Jahren des Bestehens der Planwirtschaft in der Sowjetunion sicher in der Realität so dominant, daß diese irrtümlich mit ihm gleichgesetzt werden konnte, so hat es doch noch in bezug auf partielle Anwendung Bedeutung erlangt: Bei der Schwerpunktplanung wird zwar nicht die gesamte Volkswirtschaft koordiniert, aber alle Prozesse, welche mit der Aufgabe in Zusammenhang stehen, die erste Präferenz genießt. Indem für viele andere gleichwohl notwendige Endprodukte faktisch keine oder nicht in die Planrechnung eingehende quantitative Größen festgelegt werden, führt der oben beschriebene Planungsablauf lediglich zu einer Optimierung der Schwerpunktziele und einer diesbezüglichen Ausschöpfung der Ressourcen. Für die übrigen Bedarfe könnten möglicherweise Minimalbedarfe eingeplant oder ihre Befriedigung einer Restkoordination überlassen bleiben. Für diese Bereiche könnte dann unter Verwendung der aus dem ersten Verfahren übrig gebliebenen Ressourcen als Beschränkungen die gleiche Planrechnung wieder durchgeführt werden. Die Koordination könnte aber auch weitgehend dem Selbstlauf überlassen bleiben. Es spricht vieles dafür, daß in den Frühstadien der sozialistischen Planwirtschaft die zentrale Planung de facto aus einer solchen Schwerpunktplanung bestanden hat, wobei die Restkoordination nicht in gleicher Weise stringent durchgeplant war, also auch Elemente der Nichtplankoordination enthielt. Trotz gewisser Kongruenz der Planwirklichkeit mit dem Modell der vollständigen zentralen Planung ist sein Wert für die Erkenntnis der real existierenden sozialistischen Planwirtschaften gering, weil fast alle Annahmen unrealistisch sind. Ein Gewinn an Realitätsnähe wird durch sukzessive Aufgabe der heroischen Bedingungen erlangt. Dabei stellt sich die Frage, in welche Richtung ein solches Verfahren eingeschlagen werden soll. Tatsächlich sind verschiedene Wege begangen worden. So führt z. B. die Aufgabe der Annahme der vollkommenen und gesicherten Information zur Planung unter Ungewißheit mit dem Ergebnis, daß die Wahrscheinlichkeitsrechnung in den Planungsprozeß aufgenommen werden muß. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 17 Für die folgende Diskussion ist die Aufgabe jener Annahme von zentraler Bedeutung, die oben schon als fragwürdig hingestellt wurde, daß nämlich die Wirtschaftssubjekte als reine Ausführungsorgane und als am Planungsprozeß selbst nicht beteiligt konzipiert waren. Daß dies der Wirklichkeit nicht entspricht, sondern daß vor allem der Betrieb nicht nur Befehle ausführt, ist heute allgemein akzeptiert, wenn auch das stalinistische Wirtschaftssystem mit Ausnahme der oben genannten Restbereiche ziemlich genau diese Situation geschaffen haben dürfte. Im modellhaften Sinne vollkommen war jedoch auch hier das Planungssystem nicht. Bei den verschiedenen Reformen seit der Chruscevschen Verwaltungsreform von 1957/58 hat immer wieder die Erweiterung der Rechte der Betriebe und der unteren Wirtschaftsbehörden zu Lasten der zentralen Planbefugnisse zur Diskussion gestanden und ist z. T. durchgeführt worden. Damit war das Problem der Dezentralisierung, d. h. der Delegation von Entscheidungsbefugnissen an die Betriebe, ohne die Zentrale zu entmachten, gegeben. Aber der Begriff der Dezentralisierung stellt selbst noch kein Konzept der aktiven Beteiligung der Betriebe am gesamten Planaufstellungsund -vollzugsprozeß dar, sondern beschreibt nur den Sachverhalt der Änderung der dezentralen Entscheidungsspielräume. Es läßt sich historisch an verschiedenen Reformen nachweisen, daß das Ausmaß der Dezentralisierung sehr unterschiedlich sein kann, daß es sich also dabei um einen graduellen Prozeß handelt. Formelle und tatsächliche Dezentralisierung unterscheiden sich, im Extremfall kann formelle Dezentralisierung in eine tatsächliche Zentralisierung umschlagen. Wenn das Verhältnis zwischen Zentrale und Betrieben nicht als ein ausschließliches Unterordnungsverhältnis im Sinne der totalen Planung verstanden werden kann, vielmehr die Betriebe einen aktiven Part im Planungsprozeß spielen, muß gerade dieses Verhältnis Gegenstand einer realitätsnäheren Modellkonstruktion sein. Hier seien zwei Betrachtungsweisen vorgeführt, von denen sich die unvollkommene Planung unterscheidet: In den Modellen der Zwei- (oder Mehr)ebenenplanung wird der zentrale Planaufstellungsprozeß in der Weise aufgelöst, daß bei der Zentrale und bei den Betrieben Zielfunktionen angenommen werden. Bei einem als neutral angenommenen Geldsystem stellt die Zentrale ein für sie optimales Programm auf, ohne es in Planvorgaben für die Betriebe zu formulieren. Sie überläßt es den Betrieben, bei einem zunächst beliebigen Preissystem die für diese optimale Outputmenge zu berechnen. Wenn sie aggregiert nicht mit den von der Zentrale gewünschten Mengen übereinstimmt, werden die Preise (gegebenenfalls auch die gewünschten Mengen) geändert und die Reaktion der Betriebe bei der Outputgestaltung wieder mit dem Zielprogramm verglichen; bei unbefriedi2 Schritten d. Vereins f. Soc1alpol1t1k 106 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 18 Friedrich Haffner genden Ergebnissen werden erneut variierte Preisvorgaben den Betrieben zu einer erneuten Outputbestimmung vorgelegt. Dieser Prozeß läuft so lange, bis eine übereinstimmung erzielt ist. Die Methode kann auch in der Weise variiert werden, daß die Zentrale Mengen vorgibt und pretiale Bewertungen zurückfließen. In beiden Fällen bringen die Betriebe ihre Detailinformationen in das Planaufstellungsverfahren ein; die Erreichung ihrer subjektiven Ziele (Einkommensteigerung) ist über eine Prämienordnung an die den Betrieben aufgetragene Zielfunktion geknüpft. Der Planaufstellungsprozeß führt deshalb - wenn die Bedingungen realistisch sind - zu einer übereinstimmung zwischen zentralen und dezentralen Zielen. Er läßt erwarten, daß rebus sie stantibus die Planimplementation zu gen au der Mengen-Preis-Kombination führt, die in dem Planungsprozeß ermittelt wurde. Dies hier angedeutete Verfahren einer optimalen Volkswirtschaftsplanung erhebt die Betriebe zu vollwertigen Planungspartnern der Zentrale; wenn auch die Zentrale ihre Zielprojektionen durchsetzen kann, so besteht doch im Prämiensystem eine Anerkennung der Ziele der Betriebe. Gerade dadurch werden die betrieblichen Aktivitäten auf die Erfüllung der zentralen Ziele gelenkt. Obwohl der zuletzt genannte Effekt im Stimulierungssystem der osteuropäischen Planwirtschaften verankert ist, ist die Zweiebenenplanung nicht realisiert. Der Grund liegt nicht darin, daß in der Phase der Planaufstellung die Zentrale nicht über die Informationen und bei der Plandetaillierung nicht über die Höhe der Auflagen mit den Betrieben kommunizieren würde, so daß Kenntnisse und Interessenlage der Betriebe in die Planung nicht Eingang fänden. Ausschlaggebend für die Nichtübereinstimmung ist allein, daß die Zentrale sowohl Mengenals auch Preisplanung uno aetu betreibt und dabei nicht sichergestellt ist, daß beide Steuerungsinstrumente demselben Präferenzsystem entsprechen. Die gleichzeitige Handhabung der direkten Mengenplanung und der indirekten Steuerung über Preise ist die Genese eines mehrgleisigen Steuerungssystems, aber gleichzeitig die Absage an eine Mehrebenenplanung. Daran ändert auch nichts, daß zentrale Preisreformen als Reaktion auf ungewünschte Outputs interpretiert werden können und sich in großen Zeitintervallen damit so etwas wie eine Zweiebenenplanung durchsetzen würde 9• Ein anderer Ansatz, das Phänomen der betrieblichen Aktivität im Planungsprozeß zu berücksichtigen, liegt darin, daß man den Einfluß der Betriebe auf die Phase der zentralen Informationsgewinnung (weiche Pläne) und auf die Phase der Plandurchführung beschränkt, während die Phase der Zielbildung und Planaufstellung allein der Zentrale wie im Modell überlassen bleibt. So hat schon Hensel das Problem lokalisiert, 9 Vgl. P. Dobias: Theorie und Praxis der Planwirtschaft, Paderborn 1977, S. 161 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 19 und bis heute ist es verbreitet üblich, so zu verfahren 10• Auch in der Analyse des Planungssystems als einem direkten Lenkungsund indirekten Leitungssystem kommt dem Betrieb lediglich die Aufgabe der Planerfüllung zu. Da er nicht vollständig geplant ist, muß er in seinem Entscheidungsspielraum auf die Planziele parametrisch gesteuert werden. Wenn im folgenden versucht wird, die Stellung der Betriebe im Planungsprozeß anders zu bestimmen, so besteht doch insofern übereinstimmung, als die Betriebe als partiell selbständige Akteure verstanden werden müssen, deren Entscheidungsspielräume durch die direkt imperative Planung eng begrenzt wird. Dies muß, um eine Verwischung der Unterschiede gegenüber marktwirtschaftlichen Unternehmungen, auch solchen in marktsozialistischen Systemen, zu verhindern, deutlich hervorgehoben werden. 11. Unvollkommene zentrale Planung Wenn man vom Modell der vollständigen zentralen Planung und ihrrer Durchsetzung durch Kennziffern und Normen ausgeht, so besteht die erste Bedingung der Unvollkommenheit ll darin, daß die Zentrale den Vollkommenheitsanspruch entweder nicht erheben will oder schon bei der Plan aufstellung nicht durchführen und/oder bei der Implementation nicht durchsetzen kann. In jedem Fall gewinnen die Betriebe dadurch einen eigenen Entscheidungsspielraum, mag er durch Planauflagen auch noch so eingeengt sein. Im einzelnen mögen für diese Unvollkommenheit der zentralen Planung unterschiedliche Gründe verantwortlich sein: Wenn die Zentrale bewußt oder unbewußt auf Planung verzichtet, entstehen Planfreiräume (z. B. Kolchosmarkt), wenn sie aus Informationsmangel oder zu geringen Verarbeitungskapazitäten nur Globalplanung und Globalanweisungen durchführt, ergeben sich Planlücken (z. B. bei der Sortimentsbestimmung), und wenn sie schließlich durch Kompetenzüberschneidungen in sich widersprüchliche Planauflagen erläßt, so bleibt auch dann dem Betrieb ein Entscheidungsspielraum (überdetermination). Schließlich muß auch der Fall ins Auge gefaßt werden, in dem die Planstringenz versagt und die Betriebe sich über einzelne Planauflagen hinwegsetzen. 10 G. Leptin: Das "Neue ökonomische System" Mitteldeutschlands, in: Wirtschaftsreformen in Mitteldeutschland, hrsg. von K. C. Thalheim und H.-H. Höhmann, Köln 1968, S. 101 ff.; P. Dobias, ebenda, S. 132 ff. 11 Der Begriff der Unvollkommenheit wurde in bezug auf Wirtschaftsordnungen zu einer generellen Typisierung von Mischformen schon von H.-R. Peters (Ordnungstheoretische Ansätze zur Typisierung unvollkommener Wirtschaftsordnungen, in: Hamburger Jahrb. f. Wirtschaftsund Gesellschaftspolitik, 18. J., 1973, S. 47 -77) verwendet. Hier führt in Analogie zur "Unvollkommenheit" der Märkte, also mikroökonomisch, die Unvollkommenheit der zentralen Betriebssteuerung zur Genese planfremder Koordinationsformen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 20 Friedrich Haffner Die bisher logisch aus der nicht totalen Planung abgeleiteten Entscheidungsspielräume werden in der politökonomischen Literatur der sozialistischen Staaten vor allem mit der relativen Gesondertheit der Betriebe begründet12• Sie wird darin gesehen, daß die Betriebe nicht ein homogenisierter Teil einer Volkswirtschaft sind, sondern - auf der Ebene der Produktivkräfte - durch eine unterschiedliche Ausstattung mit Produktionsmitteln und Arbeitskräften sowie einer differenzierten Arbeitsteilung auf unterschiedlichem Niveau, - auf der Ebene der Produktionsverhältnisse - zwar einheitliches Volkseigentum in der Industrie besteht, aber die Organisation, Planungsund Leistungsverhältnisse stark betriebsindividuellen Charakter haben und nicht mit dem staatlichen Wirtschaftsverwaltungsapparat identisch oder von ihr voll inkooperiert sind. Auch im überbaubereich ist die ökonomische Gesondertheit durch den im Arbeitskollektiv vorhandenen individuellen Bewußtseinsstand und die vorhandenen Interessen geprägt. Diese Sonderung der Betriebe als ökonomische Einheit gilt als die sozialökonomische Ursache für den begrenzten Entscheidungsspielraum der Betriebe, um den es hier geht. Aber die Gesondertheit ist nicht unbestritten, sie trifft auch für andere ökonomische Einheiten als die Betriebe zu, ja gilt auch im außerökonomischen Bereich. Sie könne deshalb nicht die differencia specifica sein13, durch die sich die Betriebe von den übrigen staatlichen Organisationen unterscheiden. Aber möglicherweise gilt für alle staatlichen Einheiten in ihren ökonomischen Bezügen, was im folgenden besonders für den Betrieb herausgearbeitet wird, daß er ein partiell selbständiger Plan träger ist. Insofern würde Nichtplankoordination nicht auf die Betriebssteuerung beschränkt sein, sondern ein generelles Koordinationsproblem darstellen. In allen den oben bezeichneten Situationen sind die Betriebe auf Grund ihrer Gesondertheit in der Lage, einzelwirtschaftliche Entscheidungen zu fällen, die an die Stelle der ursprünglich zentral zu treffenden Entscheidungen treten. Damit wird der Rang der dezentralen Entscheidungen unmittelbar angedeutet: sie werden nicht erst bei der Plandurchführung, sondern schon bei der Planaufstellung wirksam 14• Ökonomische Ziele und Pläne werden nicht nur in der Zentrale aufge12 Das russische "osoblennost'" wird am besten mit dem Begriff der Gesondertheit wiedergegeben, der nicht wie "Isoliertheit" den Gedanken an eine konkurrenzwirtschaftliche Selbständigkeit aufkommen läßt. 13 W. Kuczynski: The State Enterprise under Socialism, in: Soviet Studies, Vol. XXX, 3/1978, S. 319 ff. Anstelle der Gesondertheit wird hier als Charakteristikum des Betriebes die Kombination von staatseigenen, sachlichen Produktionsmitteln und privaten, von den Haushalten angebotenen Arbeitskräften gesehen. Ebenda, S. 321. 14 Zur allgemeinen theoretischen Grundlegung vgl. A. Camacho: Centralization and Dezentralization of Decision Making Mechanisms: A General Model, in: Jahrb. der Wirtsch. Osteuropas, Bd. 3, 1972, S. 45 - 66. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 21 stellt; sondern auch in den Betrieben. Formal drückt sich dieser Sachverhalt darin aus, daß neben der Zielfunktion der Zentralen und ihren nur im Ausnahmefall bis ins Detail gehenden Informationen und Koordinationsmöglichkeiten dort, wo der zentrale Plan nicht faßt, betriebliche Zielfunktionen, Informationen und Rechenmechanismen bestehen, mit zunächst gleichrangiger Stellung wie die der Zentrale. Eine gesamtökonomische Koordination und Planung (PG) würde sich dann aus dem Plan der Zentrale (Pz) , dem eine Präferenzordnung der Zentrale (Uz) und die aus den Betrieben stammenden Informationen (IB) zugrunde liegen, und aus den betrieblichen, in ihren Entscheidungsspielräumen gefällten Entscheidungen, die in einen betriebseigenen Plan 15 (PB) eingehen, zusammensetzen. PG = Pz + PB Pz = f (Uzj In)j PB = f (UBj iBj kzj hz) Die betriebseigenen Pläne basieren auf eigenen Zielfunktionen (un) und innerbetrieblichen Informationen (in) sowie auf den staatlichen Plankennziffern als Beschränkungen (kz) und den ökonomischen Hebeln (hz), dem indirekt wirkenden Steuerungssystem, das von der Zentrale mit parametrischer Wirkung festgelegt wird. Nur in dem Fall, in dem es gelingt, die Kennziffern und Hebel so festzulegen, daß im Ergebnis genau die Planziele der Zentrale erreicht werden, könnte man die Betriebe als reine Planerfüllungsorgane betrachten. Solange aber die direkten und indirekten Planinstrumente nicht zu einem in sich geschlossenen System vereinigt sind, d. h. daß sie kombiniert jene Aufgabe nicht erfüllen, ist die Stellung der Betriebe die eines selbständigen Planträgers, der partiell unabhängig vom Gesamtplan existiert. Es könnte der Anschein entstanden sein, daß die Handhabung des Betriebes als eines teilselbständigen Akteurs bei der Plandurchführung oder seine Erhebung zum teilselbständigen Planer ein rein terminologisches Problem sei, das auf ein Scheinproblem hinausliefe. Der Unterschied ist aber aus zwei Gründen wichtig: 1. Wenn der Betrieb nur als Planerfüller konzipiert wird, wird von einem Modell ausgegangen, in dem die indirekte, parametrische Steuerung über Preise neben der Mengenplanung schon als gelungen angesehen wird. In Wirklichkeit ist man in der Theorie und Praxis weiter denn je davon entfernt, ein die direkte imperative Planung ergänzendes indirektes Steuerungssystem entwickelt zu haben. In der Realität der 15 Der hier verwandte Terminus "betriebseigener Plan" ist nicht mit dem "Betriebsplan" der sozialistischen Terminologie identisch, der als offizielles Dokument stark an den Planauflagen orientiert ist und die selbständigen Betriebsentscheidungen nicht genug deutlich macht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 22 Friedrich Haffner sozialistischen Planwirtschaften werden daher die Fehler in der Planwirtschaft vor allem dem Kennziffernsystem und dem Preissystem zugeschrieben. 2. Wenn man von dem Modell der vollkommenen zentralen Planung herkommt, führt der Sachverhalt der Entscheidungsspielräume der Betriebe zunächst dazu festzustellen, daß die Planung nicht mehr total und vollkommen ist, d. h. daß eine Koordination der nicht zentral gesteuerten betrieblichen Aktivitäten nicht stattfindet oder durch ein System erfolgt, das seine Legitimation nicht von der zentralen Planungsautorität erhält. In der Tat greift hier, nach der hier vorgetragenen Vorstellung, der Marktpreismechanismus ein, wenn auch in einer äußerst rudimentären Form, wie zu zeigen sein wird. Das indirekte Steuerungssystem durch Preise und andere ökonomische Hebel gewinnt dadurch erst seinen theoretischen Stellenwert, daß die im Grunde Marktparameter darstellenden Kategorien (Preise, Zinsen, Löhne usw.) zu staatlichen Lenkungsinstrumenten gemacht werden. Die Entscheidungsspielräume der Betriebe und ihre Nicht-Koordination durch die Zentrale sind das logische - und übrigens auch historische - prius gegenüber dem indirekten Lenkungssystem. Wenn man die historische Entwicklung des sozialistischen Planungssystems auf dieses Problem hin untersucht, zeigt sich, daß die nicht vollständige zentrale Planung und deren Konsequenzen erst allmählich durch die Probleme der Planungspraxis und durch den schwerfälligen Fortschritt der Disziplin "politische Ökonomie des Sozialismus" deutlich wurden. Wenn auch theoretisch in jenem Modell der vollkommenen Planung eine optimale Faktorallokation durch Grenzertragsausgleich der naturalen Faktoren in allen Verwendungsbereichen möglich scheint, so ist, wenn sich die zentrale Planung und die direkte Lenkung aus den oben genannten praktischen Gründen auf Globalplanungen mit beliebiger punktueller Detaillierung beschränken mußte, der effiziente Einsatz der Produktionsmittel besonders schwierig zu gewährleisten. Bediente man sich aber schon eines Preissystems zu Aggregationsund anderen planungstechnischen Zwecken, so konnte auf diese Weise nicht nur der Kostenbegriff (und andere zusammengesetzte Wertkennziffern) gebildet und als imperative Norm verwendet werden, sondern man konnte auf dieser Basis auch ein betriebliches Rechnungswesen aufbauen, durch das neben Plankontrollaufgaben die ökonomische Leitung des Betriebes im Sinne des Rationalitätsprinzipes überhaupt erst gemessen werden konnte. Ob eine solche Effizienzkontrolle realistisch ist, hängt von den dabei verwandten Kriterien und vor allem von den Preisen ab; beides sind Problemkreise, die bekanntlich in der Praxis bis heute nur eine unbefriedigende Lösung gefunden haben, so viel darüber auch diskutiert wurde. Im zentralistischen Modell genügt die mengenmäßige OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 23 Planerfüllung, bei unvollkommener zentraler Planung mußte die Kostensenkung jedoch als eine gesamthafte Leistungskennziffer eingeführt' werden. Das einer solchen "qualitativen" Kennziffer zugrunde liegende Chozrascet war in der Folge auch die Basis für die Entwicklung anderer Kennziffern, schließlich des Gewinns als Leistungsbemessungsmaßstab. Von den Einzelheiten muß in dieser Studie abgesehen werden, worauf es ankommt, ist, daß die in der wirtschaftlichen Rechnungsführung geschaffene Einrichtung, die -nach ihrer theoretischen Begründung - außerhalb und in Ergänzung des imperativen Planungssystems steht, Kategorien entstehen ließ, welche den Betrieb als relativ selbständige ökonomische Leistungseinheit auswiesen. Eine ähnliche Bedeutung für die Erkenntnis und Bewältigung der nicht vollkommenen Planung wie das Chozrascet besitzt das sog. Prinzip der materiellen Interessiertheit, das einen Sinn überhaupt erst durch Leistungsdifferenzierungsmöglichkeiten der Individuen und Kollektive in den Betrieben erhält. Nur wenn die Leistungsanweisung nicht ganz konkret ist und/oder nicht durchgesetzt werden kann, muß man zu Anreizmitteln greifen, welche eine Kenntnis der Leistungsmotivationen voraussetzt. In einem unvollkommenen naturalen Planungssystem kann der Anreiz an globale Mengenauflagen geknüpft werden; besteht aber ein auf pretialen Kategorien aufgebautes Rechnungswesen, so bietet es sich an, die soeben erwähnten Leistungskennziffern zur Grundlage der Stimulierung zu wählen. Beide erwähnten Einrichtungen, Chozrascet und materielle Stimulierung, sind die unmittelbar konstatierbaren Einrichtungen des sozialistischen Wirtschaftssystems, die dartun, daß der Plan nicht in einem faktischen Sinn unmittelbar wirkendes Gesetz ist; sie sind ein empirischer Nachweis für das Bestehen der Ware-Geld-Beziehungen. Wenn aber in den Betrieben ein auf finanzielle Kategorien aufbauendes Rechenund Stimulierungssystem wirksam ist, wachsen die Preise über ihre passive Rolle als plantechnische Hilfsmittel hinaus und üben einen Steuerungseffekt in den Betrieben aus. In der Wertgesetzdebatte war zuerst nicht dies die Fragestellung, sondern, ob Produktionsmittel überhaupt Waren seien und welche Konsequenzen dies für die sozialistische Wirtschaft habe. Dabei stellte die Frage, wie man aus der marxistischen Wertlehre zu vernünftigen Preisen kommen könne, nur ein Teilproblem dar. Aber die Diskussion in der marxistischen Terminologie, welche ursprünglich eine kapitalistische Marktwirtschaft betrafen, enthüllten immer mehr Verhältnisse, die nicht nur terminologisch, sondern auch der Sache nach auf einer bestimmten Abstraktionsstufe marktwirtschaftlichen Ursprungs waren. Wenn die Betriebe als sozialistische Warenproduzenten bezeichnet, die Ware-Geld-Beziehungen nicht mehr als ein kapitalistisches Relikt, sondern als normales, wenn auch nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 30 Friedrich Haffner nicht koordinierte dezentrale Entscheidungen. Wenn der Abnehmerbetrieb auf Grund dieser einseitig strukturierten Lieferung selbst in Schwierigkeiten gerät, ist daran nicht eigentlich die zentrale Produktionsplanung, wie es für ihn den Anschein hat, sondern die subjektive Entscheidung des Lieferbetriebes schuld, die über Planmechanismen übertragen, als Planerfüllung ausgegeben und angenommen wird. Die erste Form der Unvollkommenheit der zentralen Planung, bestehend aus vereinzelten Detailentscheidungen, führt auf den ersten Blick zu einer volkswirtschaftlich willkürlichen, aber betriebsrationalen Produktionsgestaltung; sie wird in dem Planungssystem, als wäre sie geplant, über die interdependente Stufenleiter der Produktion weitergereicht, ohne daß die Betroffenen darauf Einfluß hätten, weil unter den gemachten Annahmen keine anderen als Planbeziehungen, also keine horizontalen ökonomischen Beziehungen, bestehen. Eine Koordination über Märkte und Preise findet in der gleichen Periode nicht statt, vielmehr entstehen allenthalben Planschwierigkeiten, unabsetzbare Lager, Knappheiten und dergleichen. Erst eine Reaktion der Zentrale über Plankennziffern, Ordnungspolitik, ökonomische Hebel u. a. kann, wenn die informatorische Rückkopplung funktioniert, Planerfüllung und Gleichgewicht in der nächsten Planperiode herstellen. 2. Eine höhere Form der Unvollkommenheit der Planung wird dort erreicht, wo Betriebe mit partiellen Entscheidungsspielräumen unter der Voraussetzung miteinander in Verbindung treten, daß die Entscheidungsfelder in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen, und in Verhandlungen die Planfreiräume ausgefüllt werden 23• Hier handelt es sich um eine horizontale odinistische Kombination, in der partielle von der zentralen Planung eingegrenzte Entscheidungsfelder zweier Betriebe durch Verhandlungen zwischen ihnen ausgefüllt werden. Auch hier sei wieder das Sortimentsund Qualitätsproblem herausgegriffen und angenommen, daß beide Betriebe in allen anderen Beziehungen voll in den Plan eingebunden seien. Die im Sinne des Lieferanten günstige Sortimentsstruktur kann nun genau das Interesse des Abnehmers treffen; in diesem für beide Kontrahenten optimalen Fall entstehen keine weiteren Probleme, aber es ist durch die übereinstimmung zwischen Lieferanten und Abnehmer keineswegs gesichert, daß ein Zweitabnehmer, der die Produkte des Abnehmers als Planlieferung übernimmt, mit dieser Sortimentsstrukturierung seine Planauflagen erfüllen kann. Der interessantere Fall ist auch der wahrscheinlichere, daß sich die Sortimentsgestaltungsvorstellungen des Lieferund Abnehmerbetriebes 23 Den legal planwirtschaftlichen Hintergrund dieser Figur der unvollkommenen Planwirtschaft bieten das Vertragssystem, die direkten Beziehungen und in gewissem Umfang auch der Großhandel mit Produktionsgütern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 31 nicht decken, wie auch die Preisinteressen entgegengesetzt sind. Dafür daß ein entsprechender Gegensatz bei der Sortimentsstrukturierung auftritt, spricht die häufige Existenz knapper Sortimente und Qualitäten von Waren und Ersatzteilen, denen nur eine solche Nichtübereinstimmung zwischen den Vorstellungen der Produzenten und Abnehmer zugrunde liegen kann. Auf welche Weise der Interessengegensatz zum Ausgleich kommen kann, ist generell nicht zu beantworten, es kommt auf die beiderseitige Verhandlungsposition an, ob ein Komprorniß gefunden oder eine im Interesse eines Partners liegende Struktur bestimmt wird. Dehnt man den Kreis der nicht durch zentrale Vorgaben fixierten, ebenfalls durch Verhandlungen zu regelnden Fragen (z. B. Preis aufund -abschläge) aus, so entsteht eine Verhandlungsmasse, die wechselseitigen Ausgleich eher gestattet. Das Problem der zweiseitigenVerhandlungen führt dazu, die horizontale odinistische Kombination als zweiseitiges Monopol24 zu identifizieren. Es läßt eine generelle Lösungsaussage ohne verhandlungstheoretische Analyse nicht zu. Jedoch geht es hier gar nicht um den Interessenausgleich zwischen zwei Monopolisten, sondern darum, ob aus den Verhandlungen zwischen zwei Produzenten ein anderes Ergebnis als bei der isolierten Entscheidung des Odinisten in bezug auf den Bedarf außerhalb dieser Konfiguration zu erwarten ist. Ist die oben getroffene Aussage, die für verschiedene betriebliche Zielfunktionen gilt, richtig, daß jeder Betrieb eine Verbesserung seiner Situation durch Konzentration auf ein einseitiges Sortiment erreicht, so setzt sich dieses Interesse auch in Bezugsinteressen bei Rohstoffen, Maschinen usw. durch. Nur wenn es zu einem Mischsortiment durch Komprorniß zwischen den Interessen beider Seiten kommt, könnte der Abnehmer gezwungen sein, ein breiteres Sortiment zu produzieren, als es in seinen ursprünglichen Interessen lag. Dies setzt aber voraus, daß der Abnehmer seine Vorstellungen wenigstens teilweise durchsetzen kann. Dagegen sprechen jedoch die generell bestehenden "Verkäufermärkte", die auf allgemeiner Warenknappheit infolge angespannter Pläne und auf das organisatorisch bedingte Verkaufsmonopol des Staates gegenüber den Konsumenten beruhen 25 . Die Verhandlungen zwischen geplanten Betrieben in ihren Planlücken könnten zu einem weiteren Interessenausgleich führen, als er bei iso24 Aus dem hier gewählten Ansatz folgt, daß Marktformen nicht, wie N. Kloten (Zur Typenlehre der Wirtschaftsund Gesellschaftsordnungen, in: Ordo, Bd. XII, 1955, S. 138) seinerzeit meinte, ex definitione nur mit Verkehrswirtschaften vereinbar seien, sondern auch in den rudimentären, aber gesamtwirtschaftlich wichtigen Marktbeziehungen einer Planwirtschaft einen Platz haben. 25 Vgl. P. G. Saostrowzew (Zaostovcev): über die unmittelbar gesellschaftliche Arbeit im Sozialismus, übers. a. d. Russ., in: Sowjetwissenschaft Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, 10/1961, S. 1085. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 32 Friedrich Haffner Herten Entscheidungen wahrscheinlich ist, wenn nur gleichgewichtige Verhandlungen und nicht Monopoloder Optionsfixierbeziehungen vorliegen. Hier liegt geradezu eine Chance, durch solche Marktelemente die Anpassungsfähigkeit der zentralen Planung im Detail auszufüllen 26• Stellt man sich die Verhandlungskette zwischen mehreren Lieferund Abnehmerbetrieben, also eine Kette horizontal kombinierter Odinisten, bis hin zum Einzelhandel in dieser Form vor, könnten stärkere Impulse für eine nachfrageentsprechende Produktion ausgehen, wenn nur die erwähnten Verkäufermärkte in Käufermärkte verwandelt würden. Diese Aussage stimmt überein mit vielen Äußerungen zu diesem Problem. Aber die hier übernommenen Begriffe von Käuferund Verkäufermarkt sind eigentlich viel zu stark, um sie auf die Realität der Planwirtschaft zu übertragen, wenn man von den Konsumgütermärkten absieht. Zwischen den Betrieben setzen sich diese Marktsituationen nur in den Verhandlungsspielräumen, die von der dominanten direkten imperativen Planung ausgespart sind, durch und bleiben auf diese Marktelemente beschränkt. Sie zu erweitern, ist ein planreformerisches Konzept in Richtung eines Marktsozialismus, nicht die Realität. 3. Eine weitere Form der Unvollkommenheit der Planwirtschaft entsteht, wenn in den Wirtschaftsverwaltungseinheiten, welche den Betrieben übergeordnet sind, Entscheidungsspielräume, subjektive Zielfunktionen und eine entsprechende Einflußnahme auf die Betriebe bestehen. Handelte es sich bei der oben unter 2. beschriebenen Form der Planunvollkommenheit um horizontale nicht geplante Beziehungen, so sind es hier vertikale Verhandlungen zwischen odinistischen Betrieben und Wirtschaftsverwaltungsbehörden, also eine vertikale odinistische Kombination. Sie setzt jedoch voraus, daß die Behörden (gedacht ist vor allem an die Vereinigungen und auf Chozrascet überführte Ministerien) selbst zu ökonomischen Einheiten geworden sind, also ihren rein administrativen, behördenmäßigen Charakter verloren haben. Konkret würde dies dadurch realisierbar sein, daß sie über eigene Fonds verfügen, nach der wirtschaftlichen Rechnungsführung arbeiten und an den Ergebnissen materiell interessiert werden. Wie weit dies für die VVBs und einige Ministerien schon allgemein gilt, sei dahingestellt, zutreffend ist wohl, daß sie gleichzeitig auch administrative Verwaltungseinheiten darstellen. Aus diesem Grunde und weil sie nur mittelbar Einfluß auf die produzierenden Betriebe haben, ist ihre Gesamtsituation und auch ihre odinistische Qualität von der der Betriebe verschieden. Die Möglichkeit der Verhandlungen zwischen den Betrieben und den VVBs öffnet verschiedene Möglichkeiten der Einwirkung auf die Sorti26 L. Gatowski: Die Einheit von Plan und wirtschaftlicher Rechnungsführung (Übers. a. d. Russ.), ebenda, 111966, S. 24. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 33 mentsund Qualitätsstruktur der Produktion. Geht man von der Annahme aus, daß den VVB mehr am globalen Funktionieren der Betriebe gelegen ist als an ihren Detailentscheidungen und daß umgekehrt gerade die Betriebe in ihrem beschränkten unternehmerischen Entscheidungskalkül um Durchsetzung ihrer Interessen kämpfen, ist für das hier behandelte Problem der Outputgestaltung kein anderes Ergebnis als in den beiden oben behandelten Figurationen der unvollkommenen zentralen Planung zu erwarten. Diese Vermutung wird noch bekräftigt, wenn die Stimulierung in den VVBs an die Erfüllung der gleichen Kennziffern wie in den Betrieben geknüpft ist. Diese Erwartung würde dann ins Gegenteil umschlagen, wenn die VVB als Reklamationsund Remedurinstanz für Planschwierigkeiten agiert und durch die Zentrale verpflichtet wird, die negativen Auswirkungen der unvollkommenen Planung zu beheben. Insoweit würde die VVB als Interessenvertreter der Abnehmer u. U. fungieren können. Dies setzt aber schon das Zusammenwirken der VVBs untereinander als Informationsträger und Verhandlungspartner voraus, wodurch sich auf höherer Ebene ein ähnliches Zusammenspiel wie auf Betriebsebene ergeben würde. Dadurch entstehen mikroökonomische (auf Betriebsebene) und intermediare (auf VVB-Ebene) außerhalb der zentralen Planung eigenständige Entscheidungsbereiche (odinistische Konglomeration), die sich weitgehend zentraler Einwirkung entziehen können. Die Ergebnisse für das hier behandelte Problem können in dieser Konfiguration nicht eindeutig deduziert werden, aber es besteht die Vermutung, daß die bisher gewonnenen Erkenntnisse nicht außer Kraft gesetzt werden. 4. Die bisher vorgeführten Formen unvollkommener Planung erhalten als Wirtschaftssystem und hier in seiner mikroökonomischen Figuration ein neues Niveau, wenn die Zentrale den eigenen Entscheidungsspielraum der Betriebe erkennt, ihn ordnungspolitisch zu gestalten und vor allem parametrisch zu steuern sucht. Hat bei der Analyse der bisher erörterten Formen von betrieblichen Aktivitäten entweder ein finanziel-' les Hebelsystem überhaupt nicht bestanden oder hatte es rein passive Bedeutung, so wird jetzt die parametrische Steuerung der Betriebsentscheidungen über ökonomische Hebel systematisch betrieben 27• Sie soll 27 "In ihrer Arbeit an der Vervollkommnung der Lenkung der Volkswirtschaft nimmt die Partei scharf Kurs auf die richtige Verbindung direkter Aufgaben der zentralen Organe mit der Anwendung ökonomischer Hebel der Einwirkung auf die Produktion. Diese Hebel -Chozrascet: Gewinn, Kredit, Formen der materiellen Stimulierung u. a. - sind geeignet, solche ökonomischen Bedingungen zu schaffen, die eine erfolgreiche Tätigkeit der Produktionskollektive, der Millionen der Werktätigen, unterstützen und eine begründete Bewertung der Resultate ihrer Arbeit gewährleisten." Bresnev auf dem 24. Parteitag, zit. nach V. I. Rybin: Ekonomiceskoe sodedanie i razvitie choz3 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 106 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 34 Friedrich Haffner daraufhin untersucht werden, wie sie die Produktion beeinflußt. Da die parametrische Steuerung eine sehr komplizierte und umfängliche Problematik bildet, sei hier nur das Problem behandelt, wie weit eine staatliche Preis bildung die zur Konzentration neigende Outputstruktur verändern kann. Als Ausgangslage sei wieder angenommen, daß der Betrieb als Odinist bei einer vorgegebenen Globalkennziffer das Sortiment wählen kann; die Erfüllung der Betriebsziele hänge ferner von der Maximierung einer Wertkennziffer (Produktionswert bzw. Gewinn) ab. Es ist eine Preisbildung denkbar, die im Hinblick auf den Struktureffekt der Produktion neutral ist, die Sortimentskonzentration verstärkt oder sie abschwächt. Eine neutrale Wirkung ist dann zu erwarten, wenn - beim Produktionswert als Zielgröße - die Preise für die einzelnen Produktionssortimente gleich sind; geht es um die Maximierung des Gewinnes, müßte die Preis-Kosten-Differenz gleich bleiben. Eine Gleichbewertung unterschiedlicher Sortimente wird durch die Preisbildungsmethode der Durchschnittspreisfestsetzung erreicht, dagegen führt jede Einzelkalkulation des Sortiments dazu, daß -bei normierten Gewinnaufschlägen - die Produkte mit hohen Kosten auch die höheren Preise haben und dadurch für den Betrieb attraktiver sind. Diese Tendenz hat sich trotz aller Verbesserungen der Preisbildung erhalten, solange zu den Kosten ein normierter Gewinn zugeschlagen wird; sie hat sich jedoch etwas abgeschwächt dadurch, daß nicht mehr die Kosten die Bezugsbasis des Gewinnaufschlages sind, sondern die materiellen Produktionsfonds.Wenn deshalb häufig teuere, insbesondere aus teuren Materialien hergestellte Produkte angeboten werden - und billigere Sortimente fehlen -, hat dies u. a. seinen Grund in dieser Art von Preisbildung. Ist der Gewinn die Zielkennziffer, so führt diese Preisbildung zu dem Ergebnis, daß der Betrieb dasjenige Sortiment wählt, in dem die individuelle Differenz günstiger als im Preis ist; es tritt also ein Kostensenkungseffekt ein, der aber nicht die Sortimentskonzentration aufhebt. In jüngerer Zeit sucht man das Problem durch eine Preisgestaltung zu lösen, die stärker die Produktund Qualitätsdifferenzierung berücksichtigt, indem man in Abhängigkeit von bestimmten Gebrauchswerteigenschaften in Form von technischen Parametern Preisaufund -abschläge festlegt. Um besonders knappe Sortimente zu fördern oder übermäßig produzierte zu vermindern, können die Aufbzw. Abschläge progressiv oder degressiv gestaltet werden 28• Eine solche Preispolitik setzt rasceta na sovremennom etape (Der ökonomische Inhalt und die Entwicklung der wirtschaftlichen Rechnungsführung in der gegenwärtigen Etappe), in: Izvestja Ak. nauk SSSR, sero ek., 3/1975, S. 83. 28 Jedoch besteht dabei auch die Gefahr, daß die Betriebe künstlich, d. h. nur dem Schein nach, die Bedingungen erfüllen, für die höhere Preise geOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 35 aber eine ökonomische Analyse nicht nur der sortimentsbezogenen Produktionsbedingungen, sondern auch der tatsächlichen Ziele der Betriebe voraus, wenn sie wirkungsvoll sein soll - eine Annahme, die keine Preis bildungs behörde im Hinblick auf die Breite der Produktionsund Sortimentsstrukturen erfüllen dürfte. Wird deshalb versucht, den Vereinigungen und den Betrieben nach normierten Kalkulationsund Preisbildungsrichtlinien die Preisfestsetzung zu übertragen, so gerät die pa~ rametrische Steuerung selbst unter die Zielfunktion der Betriebe, d. h. sie wird zugunsten des Betriebes gehandhabt, der gesteuert werden soll, oder wenn Verhandlungen geführt werden, wird sie zum Gegenstand monopolistischer Bestimmung. Im ganzen wird kaum vermutet werden können, daß durch eine parametrische Steuerung der Hang zu einseitigen Produktionsstrukturen beseitigt werden kann. IV. Gesamtwirtschaftliche Disproportionen naturaler und monetärer Art Die bisher durchgeführte Analyse hat ergeben, daß im Rahmen der Unvollkommenheit der zentralen Planung vor allem in den Betrieben, aber auch in den Vereinigungen und Verwaltungsbehörden Freiräume entstehen, die Möglichkeiten zu einer eigeninteressierten Faktorallokation, insbesondere zu einer Gestaltung der Produktionssortimente geben. Werden die Entscheidungen über das Produktionsprogramm an subjektiven Zielfunktionen der Betriebe orientiert, ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen - zu erwarten, daß eine Konzentration auf ein oder wenige Sortimentspunkte erfolgt und eine gegenüber der Nachfrage disproportionale Sortimentsstruktur produziert wird. Der Grund für diese Tendenz liegt darin, daß im Normalfall bei unterschiedlichen Produktionsfunktionen für die Sortimentsnomenklatur der Beitrag der einzelnen Sortimente zur Verbesserung der betriebsindividuellen Zielfunktion verschieden ist und deshalb vom Betrieb nur die in dieser Hinsicht günstigsten gewählt werden. Diese Tendenz wird bei Verhandlungen zwischen den Betrieben sowie im Verhältnis zu den Vereinigungen durch monopoloide Strukturen bzw. durch vorwiegende Interessen an aggregierten Größen nicht vermindert, sondern eher noch verstärkt. Selbst wenn der Staat in Form eines indirekten Steuerungssystems eine parametrische Einwirkung intendiert, dürfte dies nur in Ausnahmefällen zu dem gewünschten Erfolg führen. Mikroökonomische Fehlsteuerung der betrieblichen Entscheidungen (des Odinisten) führen also ebenfalls zu einer Konzentration der Produktion in den meisten Betrieben auf meist wenige und nachfragewidrige Produkte, Sortimente und Qualitäten. währt werden. Das häufig beklagte Aussterben alter, häufig noch nachgefragter Sortimente zugunsten neuer wenig veränderter, aber teuerer Produkte, belegt dies. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 36 Friedrich Haffner Ein ähnlicher Effekt tritt auch im Transport auf. Sind Transportleistungen besonders knapp und besteht ein fester, regional fixierter Abnehmerstamm, so ist es für Betriebe und Versorgungsorganisationen am günstigsten, den knappen Transportraum durch En-block-Lieferungen gleicher (normierter) Produkte in ein Gebiet zu erfüllen. Je differenzierter die Fracht, je häufigere Lieferungen, desto größere Transportleistungen wären sonst notwendig. Der Sortimentseffekt wirkt sich hier in gleichartiger Belieferung bestimmter Gebiete aus und verstärkt die Produktions einseitigkeit. Eine Voraussetzung dieses Effekts ist jedoch, daß der Transport nicht nach differenzierten Leistungskennziffern geplant wird. Man könnte erwarten, daß der mikroökonomische Sortimentseffekt dadurch kompensiert würde, daß - wie oben erwähnt -sich im Regelfall für jeden Betrieb verschiedene Schwerpunkte auf Grund der unterschiedlichen Produktionsund Zielfunktionen ergeben, so daß für den Abnehmer doch immer noch eine Produktionsvielfalt über verschiedene Anbieter hergestellt wird. Unabhängig davon, ob die Betriebe sich tatsächlich ergänzen, fehlt jedoch für die Betriebe und Handelorganisationen fast völlig die Möglichkeit zur Wahl seines Lieferanten oder Abnehmers 29 • Sie sind ihm in der Regel durch Plan vorgeschrieben. Wäre es anders, würde eine bestimmte Art von Marktwettbewerbssystem bestehen. Selbst die Konsumenten haben zwischen staatlichem und genossenschaftlichem Handel nur geringe Wahlmöglichkeiten, zumal beide Verkaufsorganisationen auch regionale und örtliche Schwerpunkte haben. Die fehlende "Partnerwahl" ist geradezu die Bedingung dafür, daß sich monopoloide Strukturen und Verkäufermärkte mit den genannten odinistischen Erscheinungen halten. Obwohl die Planbindung der arbeitsteiligen Wirtschaftsbeziehungen einen Ausgleich der einseitigen Produktionssortimente durch die Abnehmer nicht gestatten, stellt sich doch das Problem, ob und wie der einzelwirtschaftliche Effekt der Sortimentskonzentration sich gesamtwirtschaftlich auswirkt. Es ist schon festgestellt worden, daß eine der Folgen der nicht vollständigen zentralen Planung und der dadurch möglichen, in bestimmten Konstellationen nach dem betrieblichen Entscheidungskalkül zwingenden Produktionsbestimmung zu Friktionen bei den Abnehmern führt, die die Ursache dem Plan zuschreiben, obwohl nicht zentral geplante, sondern individuelle Entscheidungen der Betriebe zugrunde liegen, die theoretisch marktmäßiger Natur sind, aber keine marktmäßige Koordination erfahren haben. So gesehen sind die auf diesen Ursachenkomplex zurückgehenden Planfriktionen gar nicht direkt vom 2U Vgl. V. G. Lopatkin: Tovarnye otnosenija i zakon stoimosti pri socializme (Die Warenbeziehungen und das Wertgesetz im Sozialismus), Moskva 196,6, S.33. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 37 Plan verschuldet, sondern gehen auf nicht geplante Aktivitäten zurück. Allein der staatlichen Ordnungspolitik kann der Vorwurf gemacht werden, daß die unvollkommene Planwirtschaft nicht konsistent organisiert ist, d. h. daß direkte Planung, indirekte Hebelpolitik und das materielle Anreizsystem nicht so aufeinander abgestimmt sind, daß die zentralen Ziele erfüllt und die mit Kaufkraft ausgestattete Endnachfrage befriedigt werden. Eine häufig in der Praxis zu beobachtende Reaktion auf solche Vorwürfe oder auf Probleme der Wirtschaft, die auf diese Weise zu begründen sind, besteht nun darin, zum reinen System zurückzukehren, in dem man Erfahrungen besitzt, für das die reine Logik spricht und das als Antipode zur Marktwirtschaft auch ideologisch hoch im Kurs steht. Das ist aber gerade der Weg, der in die Irrealität der heroischen Annahme der abstrakten Modelle führt. In gewisser Hinsicht war genau dies die Reaktion der Zentrale auf die Reformen der 60er Jahre, als sie sich in vielen Bereichen als ungeeignet erwiesen, die - unter etwas erweiterten Entscheidungsspielräumen der Betriebe - Allokation weder wesentlich effizienter zu bewirken noch die zentralen Ziele besser zu erfüllen. In den hier dargestellten mikroökonomischen Zusammenhängen wird eine Ursache für das vielfach bekannte Phänomen der permanenten Versorgungskrisen 30 gesehen. Diese Versorgungskrisen bestehen heute nicht mehr so sehr darin, daß allgemeine Unterversorgung mit lebensnotwendigen Gütern oder generelle Warenknappheit bestehen würde, sondern daß ständig irgend welche stark nachgefragten Güter - im Produktionsmittelbereich und vor allem im Konsumgüterangebot - nicht erhältlich sind, während andere Waren, Qualitäten, Sortimente reichlich, oft weit über die Nachfrage hinaus, vorhanden sind. Dabei gibt es - wie für Ersatzteile und Kindersortimente 31 -auch permanente Versorgungsengpässe, deren Ursachen gerade darin liegen, daß die Produktionskennziffern und die Preise zu wenig für die Produktion dieser Waren Anreiz bieten. Diese Form von Versorgungskrisen auf Teilmärkten macht den Menschen und den Betrieben, besonders den Beschaffungsabteilungen, das Leben schwer. Es führt auch zu informellen Märkten 30 Anders als gesamtwirtschaftliche Konjunkturen sind Handelsoder Marktkonjunkturen in sozialistischen Planwirtschaften seit langem anerkannt und Gegenstand der Diskussion. F. A. Krutinov: Kon'junktura rynka pri socializme (Die Marktkonjunktur im Sozialismus), Moskva 1968. 81 Das Defizit an Kindersortimenten ist sogar ein Problem von solchem Gewicht, daß das Zentralkomitee der KPdSU und der Ministerrat der Sowjetunion sich damit beschäftigten und einer Verordnung "über Maßnahmen zur Ausdehnung der Produktion von Waren für Kinder, zur Steigerung ihrer Qualität und zur Verbesserung des Handels mit diesen Waren" erließ. Pravda, Nr. 318 v. 14. 11. 1978, S. 1. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 38 Friedrich Haffner und Marktbeziehungen, zu grauen und schwarzen Märkten, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden soll. Als Ursachen für die mikroökonomischen Disproportionen und "Markt"ungleichgewichte werden landläufig Fehler des Planungssystems verantwortlich gemacht. Sie können, generell gesehen, erstens darin liegen, daß die Zentrale bei der Prioritätensetzung die Konsumgüterindustrie vernachlässigt und die Ressourcen vorzugsweise in die kapazitätsschaffenden Zweige steuert. Zweitens kann die Fehlversorgung mit Konsumgütern auf mangelnde Informationen über Konsumentenwünsche und ihre ungenügende Berücksichtigung im Planungsprozeß gesehen werden. Dies sind die eigentlichen Planungs fehler. Drittens können in der fehlerhaften Planerfüllung weitere Ursachen für unzureichende Konsumgüterversorgung dergestalt gesehen werden, daß die Betriebe die Pläne nicht erfüllen - aus welchen Gründen auch immer. Im weiteren Sinn würden dazu auch Ursachen zählen, die außerhalb des Verschuldens der Planimplementäre liegen, wie z. B. die witterungsbedingten Planrückstände der Landwirtschaft. Diese Ursachenkomplexe bestehen sicherlich und wirken sich auf die Konsumgüterversorgung teils im allgemeinen, teils in partiellen Mangellagen aus. Auch überproduktionen können aus den genannten Gründen z. T. erklärt werden. In der Stimulierung der Planübererfüllung ist sie direkt angelegt. In den in dieser Studie behandelten Zusammenhängen würde das nicht plangesteuerte mikro ökonomische Entscheidungskalkül des Odinisten als ein vierter Bedingungszusammenhang für Versorgungsengpässe und überschüsse an einzelnen Gütern hinzukommen. Die fehlende oder unzureichende Koordination dieser dezentralen Entscheidungen mit den Bedürfnissen der Endnachfrage ist der eigentliche Grund dafür, nicht die Existenz größerer oder kleinerer Planfreiräume. Es stellt sich die Frage, ob die disproportionale Güterstruktur irgendwelchen einheitlichen Kriterien folgt oder ob sie als willkürlich angesehen werden muß. In bezug auf die Nachfrage ist sicherlich das letztere der Fall; denn es ist für den Konsumenten völlig uneinsichtig und aus der Vorstellung, daß die Produktion den Bedarf befriedigen soll, unrational, wenn Güter produziert werden, für die die Nachfrage fehlt, und andere Güter fehlen, für die aber Bedarf besteht. Die Analyse hat jedoch gezeigt, daß die Entscheidung einem durchaus rationalen betrieblichen Entscheidungskalkül entspringt. Als Einflußfaktoren sind herausgearbeitet worden: die inoffizielle Zielhierarchie des Betriebes und der am Entscheidungsprozeß beteiligten Gruppen, die offizielle Zielfunktion, also die Kennziffern, an deren Erfüllung Vorteile (z. B. Prämien) geknüpft werden, die technischen Produktionsbedingungen (Produktions funktion), die Plan auflagen, die wie Beschränkungen wirken, und schließlich die Parameter, welche als Bewertungen auftreten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Erklärungsmomente für naturale und monetäre Disproportionen 39 Bisher konnten eine Reihe von Tendenzen bei der Wahl des production mixed festgestellt werden: bei Gewichtszielen wurden schwere Produkte, bei Mengenzielen kleine Produkte produziert. Die Kennziffer Bruttoproduktion ("val") führt zu teurenGütern, insbesondere mit hohen Materialkosten; die "Verarbeitungskosten" dagegen förderten arbeitsintensive Accessoires. Preise, in denen die Kapitalkosten nicht enthalten waren, begünstigten kapitalintensive Produktionen usw. Aber diese und andere Tendenzen bei der Wahl des Produktionsprogramms durch die Betriebe entsprechen nicht den ökonomischen Interessen desjenigen, der beispielsweise einen normalen Nagel vergeblich nachfragt; ihm ist es gleichgültig, ob er dafür einen großen, einen kleinen, einen goldenen oder einen verzierten Nagel kaufen kann. Die angeführten Fehlentwicklungen der Produktion zeigen aber, daß die Größe, von der die Prämienzahlungen abhängen, sowie die in ihr auftretenden Bewertungen für die Wahl zentrale Bedeutung haben. Im übrigen können bei der Entscheidung für ein Sortiment eine Reihe von Faktoren zusammenwirken, die einer generellen Analyse nicht zugänglich scheinen. Von Krisen, auch von Versorgungskrisen, nimmt man in der Regel an, daß sie eine zeitlich beschränkte Dauer haben. Selbst wenn man für sozialistische Planwirtschaften dieses Krisenphänomen als permanent betrachten kann, so ist deshalb nicht ein Wechsel der Intensität der Knappheiten an einzelnen Gütern ausgeschlossen. Vor allem aber ändert sich die Knappheitsund überschußsituation einzelner Güter selbst. Dadurch mag das Phänomen der Versorgungskrisen dauerhaft sein, nicht aber seine konkrete, gütermäßige Gestalt. Wenn heute bestimmte Arten von Kleidung und morgen gewisse Schuhgrößen fehlen, fehlt immer etwas, aber immer etwas Verschiedenes, wofür auch die Ursachen andere und anderswo lokalisiert sind. Sieht man von Ursachen, die auf der Nachfrageseite und ihrer unzureichenden übertragung in die Pläne 32 liegen, ab und faßt man die hier erörterte Ursache für einseitige Produktionssortimente ins Auge, so werden Veränderungen des Produktionsprogramms, die zu Änderungen der Versorgungssituation führen, vor allem durch Änderungen der Planungsund Lenkungsmethoden und durch Änderungen des quantitativen Ausdrucks der Preise und Kennziffern hervorgerufen. Dies bedeutet, daß nicht nur jede Wirtschaftsund Preisreform, sondern auch die jährlichen Änderungen der Planauflagen, wenn sie nicht nur auf Fortschreibung beruhen, und die heute weitgehend kontinuierlich durchgeführten Preis änderungen in den Betrieben an Hand der Zielfunktion überlegungen über eine günstigere Produktionsgestaltung und damit immer auch nicht nachfragebedingte Änderungen 32 Hiermit beschäftigt sich K. v. Delhaes: Allokationsmängel als Ursache inflationärer Prozesse in Zentralverwaltungswirtschaften. Eine Modellanalyse, in: Jahrbuch für Sozialwissenschaften, Bd. 29, 111978, S. 38 - 54. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 46 H. Jörg Thieme und Folgen von Inflationen in solchen Systemen. Die mehrfach geäußerten generellen Zweifel an der Aussagefähigkeit des offiziellen statistischen Materials aus sozialistischen Ländern brauchen im Detail nicht wiederholt zu werden: Die Praxis der offiziellen Statistik (z. B. Geheimhaltung wichtiger Indices, abrupte und nicht erklärte Änderungen der Berechnungsmodi publizierter Zeitreihen) spricht dafür, daß die immer und überall vorhandenen Möglichkeiten statistischer Manipulation insbesondere in diesen Ländern politisch genutzt werden. Bestimmte Phänomene messen oder Hypothesen empirisch überprüfen zu wollen, ist aus diesen Gründen für solche Länder ungleich schwieriger als für jene, wie z. B. die Bundesrepublik Deutschland, mit relativ gut aufbereitetem, detailliertem Datenmaterial und weitgehend funktionierenden Manipulationskontrollen. Dies sollte aber nicht daran hindern, das vorhandene statistische Material der sozialistischen Länder aufzubereiten und mit der gebotenen Skepsis systematisch zu interpretieren. Diese Strategie ist auf alle Fälle jener nicht selten geübten Praxis vorzuziehen, ad hocBeobachtungen und Einzelbelege als empirische Evidenz für den Erklärungsgehalt von Hypothesen zu verwenden. I. Das Preisniveaukonzept der Inßationsdefinition: Konsequenzen seiner tJbertragung auf administrative Planwirtschaften 1. Die Inflationen in der Nachkriegszeit und insbesondere in den vergangenen zehn Jahren haben der Inflationsforschung wesentliche Impulse gegeben. Sie konzentrierte sich darauf, die Ursachen von Inflationen zu analysieren, die Transmissionskanäle und -prozesse von Inflation auslösenden Impulsen freizulegen, ihre kurzund langfristigen Wirkungen zu bestimmen und wirtschaftspolitische Strategien der Inflationsvermeidung und -bekämpfung zu entwickeln. Im Verlauf dieser Diskussion wurden geldangebots-, geldnachfrage-, transmissionsund erwartungs theoretische Hypothesen formuliert, die zum Teil auch bereits als empirisch gut abgesichert gelten. In diesen nahezu ausschließlich auf die marktwirtschaftlich organisierte "Welt" bezogenen Studien 1 wird die Inflationsdefinition kaum noch kontrovers behandelt: Früher variierten die zahlreichen Inflationsbegriffe mit den jeweils in den Vordergrund gerückten inflationsauslösenden Faktoren (z. B. Güterlücke, Faktorlükke, Kostendruck-, Nachfragesoginflation). Heute besteht eine weitgehende übereinkunft, Inflation als Prozeß eines dauerhaften Preisniveauan1 über den Stand der inflationstheoretischen Diskussion informieren hervorragend die Ubersichtsartikel von D. E. W. Laidler, J. M. Parkin: InflationA Survey, in: The Economic Journal, 85 (1975), S. 741 -809; H. Frisch: Inflation Theory 1963 -1975: A "Second Generation" Survey, in: Journal of Economic Literature, 16 (1977), S. 1289 -1317. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 47 stiegs zu definieren, der an den Änderungsraten als geeignet angesehener Preisniveauindices gemessen wird. Einmalige Preisniveausteigerungen (z. B. durch Umstellung des Verbrauchssteuersystems) fallen danach ebensowenig wie Einzelpreiserhöhungen (z. B. durch internationale Rohstoffkartelle) eo ipso unter den Inflationsbegriff, weil sie das Dauerhaftigkeitsbzw. das Niveaukriterium nicht erfüllen. Auch die impressionistische Unterscheidung von schleichenden, trabenden, galoppierenden und Hyper-Inflationen wurde aufgegeben. Statt dessen werden Inflationen in Phasen unterteilt, die danach voneinander abgegrenzt werden, ob die positive Änderungsrate des jeweils ausgewählten Preisniveauindikators im Zeitablauf steigt (akzelerierte Inflation), konstant bleibt (stabilisierte Inflation) oder sinkt (dezelerierte Inflation). Dadurch lassen sich die Prozeßeigenschaften von Inflationen besser charakterisieren, weil in den verschiedenen Infiationsphasen recht unterschiedliche Bedingungen für ökonomisch rationales Verhalten herrschen (z. B. im Hinblick auf die Erwartungsbildung und die Antizipationsmöglichkeiten von Preiserwartungen). Die Einigung auf eine enge, aber eindeutige Definition von Inflation bedeutet keineswegs, daß die Inflationsmessung in marktwirtschaftlichen Systemen so problemlos ist, wie es die bis auf eine Stelle nach dem Komma genauen monatlichen Verlautbarungen der offiziellen Statistik über Inflationsentwicklung und -bekämpfungserfolge z. B. in der Bundesrepublik Deutschland suggerieren könnten. Ursache dafür ist die Tatsache, daß es das Preisniveau nicht gibt. Die deshalb notwendige Konstruktion von geeigneten Indikatoren verursacht ebenso wie ihre Messung Probleme, von denen einige - wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung auch für administrative Planwirtschaften - angedeutet werden sollen: Erstens stellt sich die Frage, welcher der verschiedenen Preisindices (Sozialproduktsdeflator, Preisindex der Lebenshaltung privater Haushalte, Preisindex des privaten Verbrauchs, Erzeugerpreisindex etc.) als aussagefähig für die Inflationsmessung angesehen wird (Auswahlproblem). Da letztlich der Kaufkraftschwund nominaler Zahlungsmittel bei den "letzten" Verwendern nominaler Einkommen, also den privaten Haushalten, gemessen werden soll, hat sich die offizielle Statistik für die - zudem originär erhobenen - diversen Preisindices der Lebenshaltung privater Haushalte entschieden2• Die Aussagefähigkeit zeitlicher Preisniveauvergleiche leidet zweitens unter den bekannten Schwierigkeiten von Preisindexberechnungen 2 Vgl. Gutachten der Deutschen Bundesbank vom 21. 7. 1965: Das Ausmaß der Geldentwertung seit 1950 und die weitere Entwicklung des Geldwertes, in: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 3 (1968), S. 3 -19, S. 8; Jahresgutachten 1964 des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bundestagsdrucksache IV!2890, S. 72. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 48 H. Jörg Thieme (Konstruktionsproblem). Sie entstehen bei der Auswahl und Gewichtung der im Warenkorb berücksichtigten Güter, bei der Wahl eines adäquaten Basisjahres zur Vermeidung von überund Untertreibungen, bei der Quantifizierung von Qualitätsverschlechterungen oder -verbesserungen der Produkte oder bei der Berücksichtigung von zeitlichen Strukturänderungen des Warenkorbs als Folge von Präferenzund Einkommensverschiebungen sowie alsFolge der Änderung von Altersstruktur und demographischer Zusammensetzung der Bevölkerung. Kontrollrechnungen zeigen beispielsweise, daß allein durch die Wahl des Preisindex (Laspeyresoder Paasche-Index) Differenzen bis zu 1 v. H. entstehen. Auch sprechen theoretische Argumente dafür, die bisherige Praxis der Inflationsmessung zu ändern 3; Wenn in die Gegenwartsentscheidungen der Haushalte auch die Erwartungen über den Zukunftskonsum einfließen, der als Wertabgabe von Bestandsgütern (z. B. Gebrauchtwagen, -möbel, -häuser) interpretiert werden kann, müßte die Preisentwicklung von Bestandsgütern in die Indexberechnung einbezogen werden. Unter Berücksichtigung transmissionstheoretischer überlegungen, nach denen die Preise (oder Ertragssätze) von Bestandsgütern zeitlich vor jenen neuproduzierter Güter auf Inflationsimpulse reagieren, würde hierdurch auch der Reaktionslag von Preisindices verkürzt. Fehlende Meßgrößen für Dauer und Wert der zukünftigen Leistungsabgabe sowie unzureichende Preisstatistiken für Bestandsgüter verhindern gegenwärtig eine Neukonstruktion von Inflationsindikatoren. Dies gilt gleichermaßen für den theoretisch ebenso plausiblen Vorschlag', Nutzenindices der Lebenshaltung (true cost of living indexes) zu ermitteln, um damit - bisher nicht erfaßte - Substitutionsprozesse als Folge relativer Preisänderungen bei der Geldwertmessung zu berücksichtigen und dadurch übertreibungstendenzen von Preisindices zu mindern. Schließlich dürfen drittens gerade bei internationalen Inflationsvergleichen -auch zwischen westlichen Marktwirtschaften - jene Faktoren nicht übersehen werden, von denen die Qualität der Meßergebnisse wesentlich abhängt (Erhebungsproblem). Die Aussagefähigkeit von Preisindices wird reduziert durch Meßfehler (z. B. unterschiedliche Stichprobenverfahren) oder Preissubventionierung (z. B. solcher Produkte, die die Entwicklung des Preisindex besonders beeinflussen), aber auch durch politische Manipulation der Warenkörbe (z. B. Belgien, Italien). Ungelöste Konstruktionsprobleme von Preisniveauindikatoren sollten insofern ebenso wie die bekannten Meßpraktiken in einigen Marktwirt3 Vgl. dazu etwa A. A. Alchian, B. Klein: On a Correct Measure of Inflation, in: Journal of Money, Credit and Banking, Part I/I (1973), S. 173 -191. 4 Siehe hierzu J. E. Triplett: The Measurement of Inflation: A Survey of Research on the Accuracy of Price Indexes, in: P. H. Earl (Ed.) , Analysis of Inflation, Lexington Mass., Toronto, London 1975, S. 19 - 82. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 49 schaften Anlaß genug sein, den Exaktheitsanspruch bei der Inflationsdiagnose zu reduzieren. Diese Schwierigkeiten sind schließlich auch bei der wirtschaftspolitischen Normierung dessen zu berücksichtigen, was als inflationsfreie (preisniveaustabile) Entwicklung in einer wachsenden Volkswirtschaft anzusehen ist s. 2. überträgt man das Preisniveaukonzept der Inflationsmessung auf administrative Planwirtschaften, findet man die besonders von sozialistischen Theoretikern immer wieder formulierte Behauptung vom inflationsfreien Wachstum der Wirtschaft weitgehend bestätigt. Die offizielle Konsumgüterpreisstatistik, wie sie in Tabelle 1 für sechs osteuropäische Länder zusammengefaßt wurde, präsentiert über lange Zeiträume hinweg nahezu konstante Preisniveaus (z. B. in der DDR seit 1960, in der UdSSR seit 1955); lediglich in Polen wird seit 1956 Inflation offen ausgewiesen, wobei der Anstieg der Änderungsraten des Konsumgüterpreisindex in den vergangenen fünf Jahren bemerkenswert ist. Dieses Ergebnis überrascht nur dann, wenn die ideologisch-politische Funktion der Preisgestaltung in sozialistischen Ländern übersehen wird: Preisniveaustabilität ist -ähnlich wie die Vermeidung von Arbeitslosigkeit - explizit oder implizit eines der wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Ziele der politischen Führung, mit dessen Verwirklichung sie die grundsätzliche Überlegenheit administrativer Planwirtschaften gegenüber marktwirtschaftlichen Lenkungssystemen -auch oder gar insbesondere in deren sozialistischen Varianten - zu dokumentieren sucht. Diese Demonstrationsfunktion dominiert die ansonsten immer wieder beschworenen Wertmeß-, Stimulierungs-, Lenkungsund Kontrollfunktionen der Preise bei sozialistischer Warenproduktion - zumindest bei jenen Konsumgütern, die zur Berechnung des veröffentlichten Preisindex herangezogen werden. Sieht man von der Möglichkeit ab, daß inflatorische Impulse tatsächlich langfristig vermieden werden können, sind zwei politische Strategien zur Verschleierung des Inflationsausmaßes denkbar: -Notwendige Preissteigerungen werden bei denjenigen Konsumoder Investitionsgütern verordnet und/oder zugelassen, die nicht im offiziellen Preisindex erfaßt werden. In diesem Fall existiert faktisch Preisinflation, sie wird aber statistisch nicht ausgewiesen, also "versteckt" (Phänomen versteckter oder verdeckter Inflation). - Preiserhöhungen werden durch administrative Maßnahmen (Preisstopp) generell verhindert und vorhandene Inflationsimpulse damit 5 Siehe dazu auch H. J. Thieme: Die Operationalisierung gesamtwirtschaftlicher Ziele: Definitionsund Meßprobleme, in: H. C. Pfohl, B. Rürup (Hrsg.), Wirtschaftliche Meßprobleme, Köln 1977, S. 233 - 248. 4 Schriften d. Vereins f. Soclalpolltlk 106 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 50 H. Jörg Thieme wirtschaftspolitisch (z. B. durch Subventionen aus dem Staatshaushalt) zurückgestaut (Phänomen zurückgestauter oder gestoppter Inflation). Tabelle 1 Entwicklung von Konsumgüterpreisindices zwischen 1955 und 1975 Bulgarien CSSR DDR Polen UdSSR Rumänien 1955 100.0 100.0 100.0 100.0 100.0 100.0 1956 91.8 97.4 98.7 99.0 100.0 98.2 1957 92.6 95.6 97.9 105.8 100.0 105.3 1958 92.3 95.5 93.5 109.1 102.2 106.8 1959 91.0 93.1 91.6 110.2 101.4 105.3 1960 90.6 91.2 90.5 112.2 100.7 103.0 1961 91.0 90.8 90.7 113.1 100.0 101.4 1962 94.2 91.8 90.9 115.9 101.4 100.5 1963 96.5 92.3 90.9 117.0 102.2 100.5 1964 96.8 92.7 90.2 118.3 102.2 101.8 1965 96.3 93.8 90.7 119.3 101.5 102.1 1966 96.1 94.1 90.7 120.8 100.8 102.1 1967 96.2 95.3 90.6 122.6 100.8 101.7 1968 100.0 96.6 90.8 124.5 100.9 103.0 1969 100.0 100.1 90.6 126.0 101.4 104.0 1970 96.6 101.8 90.5 127.4 101.2 104.1 1971 99.5 101.4 90.8 128.0 101.1 104.9 1972 99.5 101.0 90.5 128.0 100.9 104.9 1973 99.9 101.2 89.6 131.4 100.9 105.5 1974 100.1 101.7 89.2 140.1 100.8 106.6 1975 n.a. 102.2 n.a. 144.1 100.7 107.3 Quelle: R. Portes, The Control of Inflation: Lessons from East European Experience, in: Economica, 44 (1977), S. 109 - 130, S. 111. Der erste Fall läßt sich im Prinzip unter die enge Inflationsdefinition subsumieren, weil das Preisniveau tatsächlich gestiegen ist. Daß das Ausmaß von Inflation nicht oder nicht vollständig statistisch erfaßt wird, ist auf Mängel bei der Konstruktion, Auswahl und/oder Messung des Preisniveaus zurückzuführen, was - wie angedeutet - auch für Marktwirtschaften mit freier Preisbildung nicht auszuschließen ist. Im zweiten Fall ist hingegen der Inflationsbegriff zu eng, weil es - im Extremfall eines gelungenen totalen Preisstopps - weder zu statistisch ausgewiesenen noch zu faktischen, statistisch aber nicht erfaßten durchschnittlichen Preiserhöhungen kommt 6• Um auch diesen in Vergangenheit und Gegen6 Aus diesen überlegungen ist auch der kürzlich von R. ETa vorgelegte Systematisierunsgversuch von Inflationsphänomenen wenig hilfreich. Abgesehen davon, daß Definitionsund Indikatorebene nicht exakt auseinandergehalten werden, wird der "offenen" (= statisch erfaßten) Preisinflation sowohl versteckte Preisals auch zurückgestaute Nichtpreisinflation (zusammen mit der "relativen" Inflation im Sinne von Giersch) gegenübergestellt und als Quasiinflation bezeichnet. Vgl. R. ETa: Inflationsphänomene ohne Preisniveauanstieg. Eine übersicht, in: Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, 2 (1977), S. 185 - 191, S. 185. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 51 wart relevanten Fall abzudecken, ist eine allgemeinere Inflationsdefinition erforderlich, worauf z. B. E. Preis er und W. Röpke bereits frühzeitig in der Diskussion über Inflationsprobleme in der Phase kriegswirtschaftlicher Zentralplanung in Deutschland hingewiesen haben 7• Diese Anregungen wurden in der allgemeinen Inflationstheorie überhaupt nicht und in der speziell auf administrative Planwirtschaften bezogenen Diskussion nur unvollständig aufgegriffen mit der Konsequenz, daß häufig ein nicht explizit definiertes Phänomen mit Hilfe von verschiedenen Ersatzindikatoren empirisch nachgewiesen werden soll. Die bei solchem Vorgehen entstehenden Schwierigkeiten können an verschiedenen Verfahren, versteckte und zurückgestaute Inflation messen zu wollen, aufgezeigt werden. II. Versteckte und zurückgestaute Inflation: Diagnosequalität ausgewählter Meßkonzepte 1. Die Existenz von versteckter Inflation in administrativen Planwirtschaften läßt sich relativ leicht nachweisen; schwierig ist es dagegen, ihr Ausmaß anhand geeigneter Indikatoren zu quantifizieren. Daß die offiziellen Preisindices -sowohl Konsumgüterpreisindices als auch diverse Großhandels-, Branchenund Zweigpreisindices des Produktionsund Handelssektors -nicht als Maßstab des tatsächlichenKaufkraftschwunds nominaler Zahlungsmitteleinheiten dienen können, ist in der Art der Preisindexermittlung begründet 8: Sie berücksichtigt weder die aktuellen Einzelhandelspreise noch die den Verbrauchsgewohnheiten der Bevölkerung entsprechende Nachfragestruktur in Quantität und Qualität hinreichend. Der Preisindex variiert lediglich bei Änderungen der offiziellen Listenpreise ausgewählter Güter mit exakt bestimmten Produktkriterien (Menge, Qualitätsmerkmale, Form, Aufmachung etc.). Diese offiziellen Preislisten sind "starr", werden also über lange Zeiträume hinweg nicht angepaßt 9• Die Preise neuer Produkte beeinflussen deshalb 7 Siehe E. Preiser: Der Begriff des Preisniveaus und das Problem der Kaufkraftstabilisierung, In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 158 (1943), S. 186 ff.; wiederabgedr. in: Ders., Bildung und Verteilung des Volkseinkommens, 3. A., Göttingen 1963, S. 389 -410; W. Röpke: Offene und zurückgestaute Inflation, in: Kyklos, 1 (1947), S. 57 - 71. Ferner auch H. Giersch: "Inflation", in: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 5, Stuttgart, Tübingen, Göttingen 1956, S. 281 -293. 8 Siehe u. a. G. Schroeder: An Appraisal of Soviet Wage and Income Statistics, in: V. G. Treml, I. P. Hardt (Ed.), Soviet Economic Statistics, Durham 1972, S. 287 -314; M. Bornstein: Soviet Price Statistics, in: Ebenda, S. 355 -396; J. Mujzet: Changes in the Price Level in the Socialist Economies, in: Jahrbuch der Wirtschaft Osteuropas, Bd. 6, München 1975, S. 105 -125; U. Wagner: Inflation im Sozialismus, Erscheinungsformen und Ursachen, in: H. G. Kaltenbrunner (Hrsg.), Inflation ohne Ende, München 1977, S. 72 - 91. 9 In der Sowjetunion blieben die Einzelhandelslistenpreise in den letzten 15 Jahren nahezu konstant. Vgl. I. N. Khanetis: Zur Messung der Inflation in der sowjetischen Wirtschaft, Arbeiten aus dem Osteuropa-Institut München, Nr. 23, München 1976, S. 16. 4' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 52 H. Jörg Thieme den Preisindex ebensowenig wie die von den Betrieben beantragten und den zuständigen Preisämtern auch genehmigten Preiserhöhungen für tatsächliche oder nur vorgetäuschte Qualitätsverbesserungen von Produkten, die bereits in den Listen geführt werden. Bei diesen auftretende Qualitätsverschlechterungen bewirken andererseits nicht die erforderlichen Preissenkungen. Ein Anstieg der Nachfrage der Haushalte nach neuen bzw. qualitativ höherwertigen Produkten verteuert ihre Lebenshaltung, erhöht jedoch nicht den Preisindex -losgelöst davon, ob die Änderung der Nachfragestruktur als Folge von Einkommenserhöhungen und/oder Bedarfsverschiebungen freiwillig erfolgt oder dadurch erzwungen wird, daß die preisgünstigeren Listenprodukte nicht in ausreichender Menge verfügbar sind bzw. überhaupt nicht mehr produziert werden. Ein auf diese Weise berechneter Konsumgüterpreisindex ist weder methodisch noch im Ergebnis mit den im Stichprobenverfahren ermittelten Preisindices der Lebenshaltung vergleichbar, weil die - zwar auch vorhandenen -Erfassungsprobleme von Mengen-, Qualitätsund Preisänderungen durch die bekannten Anpassungsverfahren zumindest systematisch reduziert werden. In der Literatur wird versucht, die aus diesen Gründen sehr wahrscheinliche Differenz zwischen ausgewiesener und tatsächlicher Preisniveauentwicklung zu belegen. So werden einerseits sowohl offizielle Listenpreise mit tatsächlichen Einzelhandelspreisen und/oder Schwarzmarktpreisen ähnlicher Produkte verglichen als auch beobachtete Preisveränderungen einzelner Produkte verwendet. Im Nahrungsmittelbereich dienen als Vergleichsmaßstab die Preise auf den Bauern-(Kolchos-) Märkten, auf denen ein - von Land zu Land schwankender -Teil des Lebensmittelbedarfs gedeckt wird. Schließlich zieht man die Preise in speziellen Einzelhandelsgeschäften (z. B. Exquisit-Läden in der DDR) als Beleg für versteckte Inflation heran. Solche Vergleiche beziehen sich jedoch immer nur auf einzelne Produkte oder Produktgruppen, lassen die Mengenkomponente außer acht oder vernachlässigen tatsächliche Qualitätsunterschiede. Sie sind deshalb allenfalls als Einzelbelege für die wahrscheinliche Existenz, nicht jedoch als quantitatives Maß für versteckte Inflation verwendbar. Es werden deshalb andererseits auch systematische Schätzungen des aktuellen Konsumgüterpreisniveaus vorgenommen, die den offiziellen Preisindices gegenübergestellt werden. Howard 10 ermittelt für die UdSSR zwischen 1955 und 1972 eine durchschnittliche versteckte Inflationsrate von 0,8 -1,2 v. H. p. a.; Schroeder und Severin ll gelangen mit 10 D. H. Howard: A Note on Hidden Inflation in the Soviet Union, in: Soviet Studies, 4 (1976), S. 599 -608. 11 G. Schroeder, B. S. Severin: Soviet Consumption and Incomes Policies in Perspective, in: Soviet Economy in a New Perspective. Washington 1976, S. 620 -660, S. 636. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 53 durchschnittlich 1,3 v. H. p. a. zu einem ähnlichen Ergebnis bei ihrem Vergleich von geschätztem Realkonsum und offiziell zu laufenden Preisen ausgewiesenem Einzelhandelsumsatz für die UdSSR in den vergangenen zwanzig Jahren. Schwarz 12 schließlich zitiert polnische Quellen, wonach der versteckte Preisniveauanstieg allein als Folge von Strukturänderungen des angebotenen Warensortiments für den Jahresdurchschnitt 1960 bis 1965 auf 1,6 v. H., 1966 bis 1967 auf 3 v. H. und für die Zeit nach 1967 noch höher geschätzt wird. Wegen des nur unvollständigen statistischen Materials, auf dem die Schätzungen basieren, sind diese Ergebnisse allerdings mit Vorsicht zu interpretieren. Immerhin deuten die Prozentpunkte an, daß das Ausmaß versteckter Inflation nicht überbewertet werden darf. 2. Die meisten Publikationen zu Inflationsproblemen in administrativen Planwirtschaften beschäftigen sich mit dem Nachweis zurückgestauter Inflation. Vielfältig sind die Definitionen und Indikatoren zur Erfassung jener Inflation, die bei freier Preisbildung auf Produktund Faktormärkten zu einem Anstieg des Preisniveaus führen würde. Meistens beschränken sich die Analysen auf den privaten Sektor administrativer Planwirtschaften, was nicht nur durch mangelhaftes statistisches Material für den sozialistischen Produktionssektor verursacht, sondern auch sachlich begründet ist, wenn der Geldwertschwund aus der Sicht der Haushalte diagnostiziert werden soll. Definiert wird zurückgestaute Inflation als Nachfrageüberhang (Angebotsoder Güterlücke) bzw. inflatorische Lücke bei staatlich fixierten Konsumgüterpreisen; als Differenz zwischen den tatsächlichen Geldeinkommen und dem zu Festpreisen bewerteten Konsumgüterangebot; als überschuß an Liquidität, der sich in unerwünschter Geldhaltung und/ oder in unerwünschten Spareinlagen niederschlägt13• Diese Definitionen sollen ausdrücken, daß die monetär alimentierte Konsumgüternachfrage der privaten Haushalte weder in quantitativer noch qualitativer Hinsicht befriedigt werden kann - ein Phänomen, das in der sozialistischen Literatur als "Disproportion zwischen Kaufund Warenfonds" oder als "unvollständige Bindung des Kauffonds der Bevölkerung an den Wa12 B. Schwarz: Inflation (Deflation) in zentral geleiteten Volkswirtschaften -dargestellt am Beispiel Polens, in: C. Watrin (Hrsg.), Strukturund stabilitätspolitische Probleme in alternativen Wirtschaftssystemen, Berlin 1974, S. 121 -161, S. 158. 13 Siehe beispielsweise D. W. Bronson, B. S. Severin: Recent Trends in Consumption and Disposable Money Income in the U.S.S.R., in: New Directions in the Soviet Economy, Washington 1966, S. 496 -526, S. 513; F. Haffner: Institutionelle Ursachen und Hemmnisse für inflationäre Prozesse in sozialistischen Planwirtschaften, in: Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, 2 (1977), S. 95 -129, S. 97; I. N. Khanelis: Zur Messung von Inflation ... , a.a.O., S. 1. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 54 H. Jörg Thieme renfonds" bezeichnet wird 14• Zahlreiche Autoren definieren zurückgestaute Inflation überhaupt nicht, sondern setzen unmittelbar bei jenen Phänomenen an, die sie als Indikatoren für diesen Inflationstyp betrachten 15• Die Auswahl der Indikatoren läßt allerdings Rückschlüsse auf die implizit jeweils zugrunde gelegten Inflationsdefinitionen zu, die sich im wesentlichen mit den genannten Begriffsabgrenzungen decken. Hervorzuheben ist, daß in den Definitionen nicht auf den Prozeßcharakter von Inflation abgestellt wird, so daß bereits einmalig festgestellte Liquiditätsüberschüsse, Kaufkraftüberhänge, Angebotslücken etc. als Inflation bezeichnet werden 16• Beim Nachweis zurückgestauter Inflationen lassen sich zwei Vorgehensweisen unterscheiden: Allgemeine Hinweise auf spezifische Phänomene und Quantifizierungsversuche durch Zeitreihenvergleiche und/oder Schätzungen. Im ersten Fall begnügt man sich mit Verweisen auf die Existenz von Käuferschlangen, Schwarzmärkten, offiziell organisierten oder faktisch erzwungenen Güterrationierungen (Bezugsscheinsystem oder ad hoc-Rationierungen zur Vermeidung von "Hamsterkäufen") sowie die dabei beobachtbaren Verhaltensstrategien (Bestechungspraktiken, Kuppelgeschäfte, Vorratskäufe etc.), die als Minderungen der realen Kaufkraft nominaler Zahlungsmitteleinheiten aus der Sicht ihrer Verwender interpretiert werden können 17• Will man hiermitInflation als längerfristiges Phänomen beschreiben, müßte allerdings nachgewiesen werden, daß Käuferschlangen, Hamsterkäufe etc. im Zeitablauf mit steigenden, konstanten oder sinkenden Raten zunehmen. Allein die Wahl der Maßeinheit (Meter, Jahre?) verursacht hierbei Schwierigkeiten, so daß kaum exakte Meßergebnisse erwartet werden können. Die sich häufenden Versuche statistischer Nachweise von Güterlücken verwenden verschiedene Indikatoren, wobei Preise, Geldeinkommen, Spareinlagen und Einzelhandelsumsätze eine besondere Rolle spielen. Die Daten der Zeitreihenanalysen sind entweder der offiziellen Statistik 14 Siehe z. B. F. Langner: Angebot und Nachfrage im Sozialismus, Berlin (0) 1975, S. 100. 15 So beispielsweise F. D. Holzman: Soviet Inflationary Pressures, 1928 -1957: Causes and Cures, in: The Quarterly Journal of Economics, 2 (1960), S. 167188, S. 168 f.; A. Brzeski: Forced-Draft Industrialization in Poland, in: G. Grossman (Ed.), Money and Plan. Financial Aspects of East European Economic Reforms, Berkeley and Los Angeles 1969, S. 17 -37, S. 22; J. M. Montias: Bank Lending and Fiscal Policy in Eastern Europe, in: G. Grossman (Ed.), ebenda, S. 54 f.; G. Schroeder: Consumer Goods Availability and Repressed Inflation in the Soviet Union, in: Economic Aspects of Life in the U.S.S.R., Brussels 1975, S. 37 -47, S. 44. 18 Nur F. Haffner (Institutionelle Hemmnisse ... , a.a.O., S. 98) unterscheidet Fälle einmaliger "Teuerung" von Inflationsprozessen, in denen der Nachfrageüberhang ständig zunehmen muß. 17 Vgl. U. Wagner: Inflation ... , a.a.O., S. 75. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 55 entnommen oder geschätzt, so daß die oben formulierten Vorbehalte gelten. a) Mit der Begründung, die Bauern-(Kolchos-)Märkte seien in administrativen Planwirtschaften die einzigen organisierten Märkte mit weitgehend freier Preisbildung, auf denen Teile der überschußnachfrage durch steigende Preise absorbiert werden, sehen Bronson und Severin die Kolchosmarktpreise als". .. a barometer of the extend of ,repressed' inflation" und im Verhältnis zwischen Kolchosmarktund staatlichen Einzelhandelspreisen für Nahrungsgüter " ... probably the best single measure of the failure of the state to drain off excess purchasing power"18. Eine Auswahl der von ihnen ermittelten Preisrelationen zeigt Tabelle 2, wobei eine Relation> 1 zurückgestaute Inflation und steigende (sinkende) Werte deren Beschleunigung (Verlangsamung) signalisieren. Tabelle 2 Verhältnis zwischen Kolchosmarktund staatlichen Einzelhandelspreisen für Lebensmittel in der UdSSR 1955 1960 1965 1970 1971 1972 1.75 1.35 1.47 1.61 1.58 1.63 QueUe: D. W. Bronson, B. S. Severin, Soviet Consumer Welfare: The Brezhnev Era, in: Soviet Economic Prospects for the Seventies. A Compendium of Papers Submitted to the Joint Economic Committee Congress of the United States, Washington 1973, S. 376 - 403, S. 381. Da diese "reinen" Preisrelationen den Anteil des Kolchosmarktumsatzes weder am Nahrungsmittelnoch am gesamten Einzelhandelsumsatz berücksichtigen, sind sie als Inflationsmaßstab nicht brauchbar. Das zeigt sich deutlich, wenn statt dessen der von F. D. Holzman vorgeschlagene "Partialindikator" verwendet wird, der die Mengenkomponenten einbeziehtl9• Berechnet wird das Verhältnis zwischen den zusätzlichen Geldausgaben der Haushalte, die auf dem Kolchosmarkt wegen der höheren Preise getätigt werden müssen, und den gesamten Geldausgaben, die entstehen würden, wenn man die in einer Periode insgesamt im staatlichen Einzelhandel und auf dem Kolchosmarkt umgesetzten Mengen zu staatlichen Festpreisen bewertet. Die Indexformel des Partialindikators (I p) lautet also 18 D. W. Bronson, B. S. Severin: Recent Trends ... , a.a.O., S. 514; vgl. für Polen J. Wiczynski, Comparative Monetary Economics, London 1978, S. 230, der im Gegensatz zu Bronson / Severin Preisrelationen für einzelne Güter als Indikatoren verwendet. 19 Vgl. F. D. Holzman: Soviet Inflationary Pressures ... , a.a.O., S. 170. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 62 H. Jörg Thieme nen für administrative Planwirtschaften typisch sind. Wie ein Vergleich zeigt (z. B. Polen und DDR; Bundesrepublik Deutschland und Italien, England oder USA), wäre eine solch ausschließliche Zuordnung jedoch verfehlt, weil sich die wirtschaftspolitischen Strategien zur Verwirklichung von gesamtwirtschaftlichen Zielen auch zwischen den Ländern gleich oder ähnlich organisierter Wirtschaftssysteme stark differenziert haben. 2. Ähnlich wie beim Nachweis von Preisinflation existieren auch bei der Auswahl und Konstruktion vonMeßkennziffern für Kassenhaltungsinflation Probleme, die jedoch nicht unlösbar sind. So lassen sich im Prinzip - analog zu verschiedenen Preisindices -auch verschiedene Koeffizienten der Kassenhaltung der privaten Haushalte, des privaten Sektors (private Haushalte und Privatunternehmen), des staatlichen Produktionssektors oder der Gesamtwirtschaft berechnen, die in etwa den Preisindices der Lebenshaltung privater Haushalte, der Produktion oder des Sozialprodukts vergleichbar sind. Das verfügbare statistische Material limitiert allerdings auch hier die Berechnungsmöglichkeiten, wobei zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede bestehen: In Polen beispielsweise werden systematisch Zeitreihen der Geldbestände für den privaten Sektor und für den sozialistischen Produktionssektor separat ausgewiesen, so daß Koeffizienten der gesamtwirtschaftlichen Kassenhaltung wie solche der Teilsektoren berechenbar sind. Dieser Vorzug ist in den Geldordnungen administrativer Planwirtschaften begründet, die es erlauben, zwei formal getrennte Geldkreisläufe isoliert zu betrachten 27: Transaktionen im privaten Sektor, die über Barund Giralgeld finanziert werden, und Transaktionen im sozialistischen Produktionsund Handelssektor, die infolge straffer gesetzlicher Vorschriften über die Bargeldhaltung sozialistischer Betriebe nahezu ausschließlich über Giralgeld und damit das Bankensystem abzuwickeln sind. Die Statistik in der DDR dagegen weist den Umfang der in den volkseigenen Betrieben gehaltenen Geldbestände nicht aus 28, so daß sich die Inflationsdiagnose zwangsläufig auf den privaten Sektor beschränken muß. Dies ist insofern kein schwerwiegender Nachteil, als es sich gerade um jenen Sektor handelt, für den die Frage nach einem dauerhaften Kaufkraftschwund und seinen Konsequenzen gestellt wird. 27 Vgl. zu Einzelheiten F. Haffner: Die Einfiüsse der zentralen Geldumlaufplanung auf Planerfüllung und monetäre Stabilität, in: Kredit und Kapital, 4 (1977), S. 490 -515, S. 492 f. Allerdings darf hieraus nicht auf eine funktionale Trennung geschlossen werden, weil bei der Transmission monetärer Impulse erhebliche Wechselbeziehungen bestehen. 28 Die z. B. in der DDR geäußerte Kritik an der Reduktion der "Umschlagshäufigkeit" des Geldes in den Betrieben, die Praxis der Vergabe ungeplanter Kredite sowie die betrieblichen Finanzierungsstrategien lassen vermuten, daß auch für diesen Sektor positive Wachstumsraten des Kassenhaltungskoeffizienten feststellbar wären. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 63 Die Meßergebnisse hängen wesentlich von der sorgfältigen Abgrenzung jener Variablen ab, aus denen die Koeffizienten berechnet werden. Auch hierzu bedarf es der Interpretation institutioneller und statistischer Besonderheiten, die die Geldmengenabgrenzung ebenso wie die relevante Einkommensgröße betreffen. Die volkswirtschaftliche Geldmenge (M), wie sie beispielsweise für Polen auch statistisch ermittelt werden kann, setzt sich aus den Geldbeständen des privaten Sektors (MP) und jenen der volkseigenen Wirtschaft (MVEW) zusammen, wobei letztere auch die Geldbestände des Staatshaushalts sowie des Bankensystems, die jedoch vernachlässigbar gering sind, enthalten: (5) M = MP + MVEW. Während MVEW überwiegend als Sichtdepositen gehalten wird, gilt für MP (6) MP = BP + DP wobei BP die Bargeldmenge und DP die Depositen des privaten Sektors symbolisieren, die auf Giro-, Spargiround Buchsparkonten des Bankensystems gehalten werden 29• Für die Einbeziehung der Spareinlagen in die Abgrenzung der relevanten Tauschgeldmenge sprechen nicht nur statistische Erfordernisse (kein getrennter Ausweis von Sichtund Spareinlagen) sondern auch Zweckmäßigkeitsargumente: In den meisten administrativen Planwirtschaften 30 sind die Spareinlagen durch tägliche. Fälligkeit zum Zahlung.sverkehrzugelassen, wobei ihre Verzinsung (inder DDR 3,5 v. H. p. a.) kaum von derjenigen der Sichteinlagen (3 v. H. p. a.) abweicht. Berücksichtigt man diese nahezu vollständige Substitutionsmöglichkeit31 und vergleicht man damit die in Marktwirtschaften üblichen M2oder M3-Abgrenzungen der Geldmenge 32, wird deutlich, weshalb die Spareinlagen sinnvollerweise in die Tauschgeldmenge einzubeziehen sind. Diese Geldabgrenzungen erfordern auch entsprechende Korrekturen der Einkommensgrößen. Mit der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge (M) korrespondiert das nominale Nationaleinkommen (NE) in seiner spezi29 Für die DDR umfaßt BP den gesamten Bargeldumlauf. Da aus den genannten Gründen die Bargeldhaltung im volkseigenen Sektor unbedeutend ist, kann BP als repräsentativ für den Bargeldumlauf im privaten Sektor angesehen werden. 30 Eine Ausnahme z. B. ist China, wo selbst Abhebungen von Girokonten kontrolilert werden und z. T. genehmigungspflichtig sind. 31 Die Transaktionsfunktion der Spareinlagen wird an dem Verhältnis zwischen totalen Abhebungen und Einzahlungen pro Jahr deutlich, die in Polen nur selten unter 80 v. H. sank. Vgl. R. Portes: The Control of Inflation ... , a.a.O., S. 119. 32 Siehe zur sy;stemvergleichenden Problematik adäquater empirischer Gelddefinitionen K-H.Hartwig, H. J. Thieme: Schwankungen von Geldmenge ... , a.a.O., S. 100 - 105. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 64 H. Jörg Thieme fischen Abgrenzung, so daß der gesamtwirtschaftliche Kassenhaltungskoeffizient kM z. B. für Polen berechnet werden kann entsprechend (7) k -~ MNE Zur Ermittlung des Kassenhaltungskoeffizienten der privaten Haushalte muß den privaten Geldbeständen (MP) das zur Verfügung stehende, mit seinen jeweiligen Preisen bewertete Gütervolumen gegenübergestellt werden. Dies wird durch die statistisch ausgewiesenen, laufenden Nettogeldeinnahmen der Bevölkerung nicht hinreichend repräsentiert, weil sie eine rein nominale Größe sind. Da andererseits die laufende Produktion von Konsumgütern und Dienstleistungen nicht exakt erfaßt wird, sind der private Verbrauch, die "individuelle Konsumtion" oder der Einzelhandelsumsatz als -auch nach Auffassung sozialistischer Autoren - repräsentative Indikatoren der Konsummöglichkeiten der Bevölkerung heranzuziehen. Stellt man - weil zeitlich am weitesten zurückverfolgbar und die Unterschiede in der Entwicklung der Größen vernachlässigbar gering sind - auf den Einzelhandelsumsatz (U) ab 33, läßt sich der Kassenhaltungskoeffizient der privaten Haushalte ermitteln nach (8) MP kMP=-U 3. Mit Hilfe dieses Konzepts soll nunmehr für die DDR und für Polen beispielhaft Kassenhaltungsinflation diagnostiziert werden. Beide Länder wurden nicht nur wegen der Verfügbarkeit statistischen Materials ausgewählt, sondern auch deshalb, weil sie - wie andere Inflationsanalysen behaupten -unterschiedliche Erfolge bei der Vermeidung von Inflation zu haben scheinen. Da Polen zudem - im Gegensatz zur DDR - Preisinflationsraten ausweist, kann ein repräsentatives Beispiel für das Vorliegen kombinierter Inflationstypen gefunden werden. Aus den in Tabelle 4 für Polen und Tabelle 5 für die DDR zusammengefaßten Zeitreihen nominaler und realer Variablen kann zunächst gefolgert werden, daß die allgemeine Inflationsbedingung (1) in beiden Ländern erfüllt ist, wobei die jährlichen Differenzen zwischen Geldmengenund Realeinkommenswachstum für Polen erheblich deutlicher ausfallen als für die DDR. So betrug in der Periode 1955 - 1975 in Polen SS Im Einzelhandelsumsatz enthalten sind die Warenverkäufe an Betriebe, Verwaltungen und andere Organisationen. Ihr Anteil ist mit ca. 3 v. H. relativ gering und zudem im Zeitablauf nahezu konstant. Nicht enthalten sind dagegen Leistungen (Mieten, Strom, Dienstleistungen etc.), deren Anteil an den Warenkäufen der Bevölkerung bzw. am Einzelhandelsumsatz im Zeitablauf ebenfalls konstant ist und insofern vernachlässigt werden kann. Vgl. dazu Deutsches Institut für Wirtschaftforschung, Berlin (Hrsg.), Handbuch DDR-Wirtschaft, Hamburg 1977, S. 235. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 65 die durchschnittliche jährliche Änderungsrate der nominalen Geldmenge MP 19,8 V. H., diejenige des realen Einzelhandelsumsatzes U nur 7,3 v. H. Für das reale Nationaleinkommen NE liegen Zahlenangaben erst ab 1960 vor: Sein durchschnittliches Wachstum betrug bis 1973 7,4 v. H., dasjenige der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge M in der gleichen Periode 16,1 v. H. Im vergleichbaren Zeitraum 1955 bis 1976 ist die Geldmenge MP in der DDR durchschnittlich um 11,6 v. H. p. a. gestiegen, U hingegen nur um 4,9 v. H. p. a. Für Polen fallen die starken Schwankungen der monetären Expansionsrate im gesamten Zeitraum sowie der deutliche Anstieg zu Beginn der siebziger Jahre besonders auf. In der DDR hingegen verläuft die monetäre Expansion seit Mitte der sechziger Jahre bei sinkender Expansionsrate weit weniger hektisch. Figur 1: Jährliche Änderungsraten der Kassenhaltungskoeffizienten vI-! 20 1/5 -10 o .1960 1 . " I , I " 'I 'I " I, " , 1 , I , I I I I , , I I' ~ . , , " • ) Quelle: Tab. 4 und 5. RM'jI ])DR -.-.- RH i'OLEtJ ----- RM'P 'POLEN t 11 ii .. 'I A j I 1\ i i !, i i , Ü ! \/ I /", V I,' \ \~I \ : I \ I i \ i 1 11915 i; .. 11 ., I 5 Schriften d. Vereins f. Soclalpolltlk 106 t OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Tabelle 4 Entwicklung ausgewählter Variablen in Polen I Nationaleinkommenb) Ka s senhaI tungsGeldmenge a) Einzelhandelsumsatz koeffizien ten NE NE U U Jahr M MP BP DP (nominal) (in Preisen (nominal) (in Preisen kM kMP von 1960) von 1955) I 1955 67.3 12.4 10.9 1.5 110.1 110.1 0.1126 1956 80.5 16.7 14.0 2.7 126.7 127.9 0.1318 1957 00.3 24.7 18.5 6.2 160.2 151.3 0.1542 1958 113.4 29.6 21.3 8.3 174.2 159.7 0.1699 1959 129.0 36.3 23.7 12.6 193.5 175.6 0.1875 1960 154.6 41.5 24.6 16.9 375.5 375.5 200.4 178.6 0.4117 0.2070 1961 169.8 49.5 29.6 19.9 410.7 406.2 218.1 192.8 0.4134 0.2269 1962 185.2 58.8 32.5 26.3 426.1 414.9 231.6 199.8 0.4346 0.2538 1963 230.6 59.2 26.9 32.3 460.1 443.7 243.6 208.2 0.5012 0.2430 1964 251.7 78.1 34.8 43.3 497.1 473.8 256.3 216.7 0.5063 0.3047 1965 278.8 89.8 37.6 52.2 531.3 501.2 280.0 234.7 0.5247 0.3207 1966 322.7 107.2 42.2 65.0 567.2 538.1 299.3 247.6 0.5689 0.3581 1967 370.3 124.7 45.7 79.0 605.8 568.8 321.9 262.6 0.6115 0.3873 1968 423.3 141.7 50.5 91.2 668.8 619.8 348.8 280.2 0.6331 0.4062 1969 514.1 159.1 53.2 105.9 696.1 638.0 376.2 298.6 0.7386 0.4222 1970 600.3 170.9 53.5 117.4 749.2 68l.l 396.0 310.8 0.8012 0.4316 1971 864.3 197.8 61.3 136.5 885.0 798.7 429.5 335.5 0.9767 0.4605 1972 866.3 239.7 69.8 169.9 951.0 854.4 484.5 378.5 0.9109 0.4947 1973 1028.5 298.5 85.5 213.0 1064.8 945.6 544.0 413.7 0.9659 0.5487 1974 -368.2 104.0 264.2 1209.3 1044.3 612.0 436.5 0.6016 1975 -433.0 125.7 307.3 1357 .0 1 138.4 704.4 488.5 0.6147 - ----- - a) In Mrd . Zloty, Stand am Jahresende. b) In Mrd. Zloty. Quelle: Rosznik Statystyczny , Warschau 1966, 1971, 1976; T. M. Podolskf, Socialist Banking and Monetary Control, Cambridge 1973, Statystyka Polska, Finansow 1973, Kredity Obieg Pieniezny 1974. (j) (j) tx: "-< 0: a'& ~ m' E! (i) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 ~ Tabelle 5 Entwicklung ausgewählter Variablen in der DDR Geldmenge a) Jahr MP I BP 1955 9.1 4.1 1956 10.6 4.5 1957 12.5 3.5 1958 15.0 3.8 1959 18.2 4.2 1960 22.0 4.5 1961 24.4 4.2 1962 26.0 4.4 1963 28.2 4.5 1964 31.9 4.5 1965 36.4 5.2 1966 40.5 5.5 1967 44.8 5.8 1968 49.7 6.4 1969 55.1 7.0 1970 59.6 7.4 1971 63.4 7.7 1972 68.7 8.8 1973 74.3 9.2 1974 79.8 9.6 1975 85.4 10.1 1976 90.7 10.5 1977 97.4 a) In Mrd. Mark, Stand am Jahresende. QueUe: Statistische Jahrbücher der DDR. Einzelhandelsumsatz I DP U 5.0 31.6 6.0 32.6 9.0 34.8 11.2 38.2 14.0 42.0 17.5 45.0 20.2 47.6 21.6 47.3 23.7 47.4 27.4 49.0 31.2 51.1 35.0 53.2 39.0 55.2 43.3 57.9 48.1 61.4 52.2 64.1 55.7 66.6 59.9 70.5 65.1 74.6 70.2 79.2 75.3 81.9 80.2 85.7 89.4 KassenhaI tungskoeffizien t kMP 0.2880 0.3251 0.3592 0.3927 0.4333 0.4889 0.5126 0.5497 0.5949 0.6510 0.7123 0.7613 0.8116 0.8584 0.8974 0.9298 0.9520 0.9745 0.9960 1.0076 1.0427 1.0583 1.0895 ~ 0- - co S co Po (ll tJ co ::l! ::s .... .... ö· ::s ~ ::s Po ~ co '" '" ~ ::s O"Q <: o ::s ...... ::s ~ ~ .... ö· ::s co ::s CI) -J OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 68 H. Jörg Thieme Diese Entwicklung findet ihren Niederschlag auch im dauerhaften Anstieg der jeweiligen Kassenhaltungskoeffizienten. Wie Figur 1 zeigt, weisen die Kassenhaltungskoeffizienten für die DDR und Polen über den gesamten Beobachtungszeitraum (Ausnahme: Polen 1968 und 1972) positive Zuwachsraten auf. Die Zuwachsraten des Kassenhaltungskoeffizienten haben in der DDR seit 1965 kontinuierlich abgenommen und steigen erst 1975 wieder an; in Polen unterlagen sie dagegen relativ starken Schwankungen. Nach dem hier vorgeschlagenen Meßkonzept bedeutet dies: - Für beide Länder läßt sich Kassenhaltungsinflation diagnostizieren, deren Ausmaß in der DDR seit Mitte der sechzIger Jahre rückläufig, in Polen dagegen unvermindert ist. - In Polen wechseln hektische Phasen der Inflationsakzeleration und -dezeleration einander ab, wobei das volle Ausmaß der Inflation erst dann sichtbar wird, wenn man zusätzlich die Preisinflationsrate berücksichtigt. - In der DDR wurde dagegen zwischen 1965 und 1974 eine maßvolle und recht erfolgreiche Inflationsbekämpfungspolitik betrieben, durch die die Inflationsrate kontinuierlich reduziert werden konnte. Ob ihr Wiederanstieg in jüngster Vergangenheit erneut eine Phase der Inflationsakzeleration einleitet, bleibt abzuwarten. Ähnlich wie in Marktwirtschaften scheint es auch in den einzelnen sozialistischen Ländern unterschiedlich gut zu gelingen, dem Inflationsphänomen wirtschaftspolitisch zu begegnen. 4. Zwischen diesem Definitionsund Meßansatz von Inflation und den oben geschilderten Indikatorkonzepten bestehen Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die abschließend zusammengefaßt werden können. Wie bei den anderen Meßkonzepten hängt die Qualität der Meßergebnisse auch bei diesem entscheidend von der Korrektheit des verwendeten Materials der offiziellen Statistik ab. Ein Vorteil allerdings besteht darin, allein unter Verwendung offizieller Statistiken Existenz und Ausmaß von Inflation belegen und ihre Entwicklung nachzeichnen zu können, ohne auf - gerade wegen der schmalen Datenbasis - problematische Schätzungen von Nachfrageoder Angebotspotentialen bzw. versteckten Preissteigerungen angewiesen zu sein. In diesem Konzept ist es nicht erforderlich, das Ausmaß versteckter Preisinflation abschätzen zu müssen, weil es implizit durch den Kassenhaltungskoeffizienten erfaßt wird: Seine Änderungsrate wird um diejenigen Prozentpunkte einer tatsächlichen, aber statistisch nicht erfaßten Preisinflationsrate als zu hoch ausgewiesen. Ihre korrekte Erfassung in der PreisOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Probleme der Definition und Messung von Inflationen 69 statistik würde lediglich eine Substitution der Inflationsanzeige, nicht jedoch eine Veränderung ihres Ausmaßes bedeuten. Vermieden wird somit das unsystematische Nebeneinander verschiedener Ersatzindikatoren und partieller Erscheinungsformen, die es nicht erlauben, das Ausmaß des gesamtwirtschaftlichen Phänomens Inflation einzuschätzen - insbesondere dann nicht, wenn Inflation als länger anhaltender Prozeß verstanden wird. Einige dieser Indikatoren schildern vielmehr einzelwirtschaftliche Verhaltensweisen, die inflationsbedingt sein können, nicht jedoch sein müssen: Ein relativ niedriges Konsumniveau kann entwicklungsbedingt, schlechte Güterqualität oder ein partiell ungedeckter Konsumgüterbedarf können Ausdruck einer systembedingt eingeschränkten Fähigkeit zu strukturellen Anpassungen sein, ohne daß notwendiger weise ein inflatorisches Ungleichgewicht auf Dauer existieren muß. Wie der Vergleich der Inflationen in der DDR und in Polen nach dem hier verwendeten Meßkonzept zeigt, wäre ein solch undifferenziertes Vorgehen verfehlt. Schließlich ist zu betonen, daß im vorgeschlagenen Konzept die tatsächliche Kassenhaltung gemessen und als ein ex post-Maßstab der Inflationsrate verwendet wird. Diese Betrachtung darf nicht verwechselt werden mit der Frage, ob die Höhe der Kassenhaltung von den Wirtschaftssubjekten gewünscht wird oder nicht, was nur durch die ökonometrische Schätzung einer entsprechenden Geldnachfragefunktion unter Berücksichtigung der speziellen institutionellen Rahmenbedingungen (z. B. Rationierung als explizites Argument der Funktion) beantwortet werden kann 34• Daß dieses, für gesamtwirtschaftliche Gleichgewichtsoder Ungleichgewichtsanalysen überaus wichtige Problem für die Inflationsmessung unerheblich sein dürfte, kann aus transmissionstheoretischen Überlegungen gefolgert werden, nach denen - wodurch auch immer ausgelöste - Inflationsimpulse in jeder geldwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft zunächst einen Anstieg des Kassenhaltungskoeffizienten auslösen. In Marktwirtschaften wird dieser Effekt bei freier Preisbildung über portfolio-Anpassungen und Änderungen der relativen Preise in Preisinflation transformiert, wobei allerdings kurzfristige Realeffekte zu berücksichtigen sind. In administrativen Planwirtschaften ist diese Transmissionskette durch die staatlichen Planungs-, Lenkungsund Preissetzungsansprüche mehr oder weniger unterbrochen, ohne daß in der Realität insbesondere für die Haushalte jegliche portfolio-Anpassungsmöglichkeiten beseitigt wären, wie das Ausweichen auf "freie" Märkte für neuproduzierte Güter oder Bestandsgüter gerade zeigt. Auch S4 Siehe J. E. Pickersgill: Hyperinflation and Monetary Reform in the Soviet Union, 192126, in: The Journal of Political Economy, 5 (1968), S. 10371048; dies.: A Long-Run Demand Function for Money in the Soviet Union. A Comment, in: Journal of Money, Credit and Banking (1970), S. 123 -131; R. Portes, D. Winter: The Demand for Money ... , a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 70 H. Jörg Thieme eine Reduktion des Faktoreinsatzes wäre unter diesen Systembedingungen eine Strategie, "unerwünschte" Kasse abzubauen 35• Berücksichtigt man diese angedeuteten Zusammenhänge, könnte unter den gegebenen informellen Rationierungsbedingungen eher vermutet werden, daß die Wirtschaftssubjekte gerade in Erwartung dieser spezifischen Inflationsform eine möglichst hohe Kasse zu halten wünschen, um die Nachteile der Kassenhaltungsinflation z. B. durch schnellen Warenzugriff oder Zahlung von Bestechungsgeldern einzelwirtschaftlich vermeiden oder wenigstens mindern zu können. Diese inflationstheoretisch relevanten Fragen können für administrative Planwirtschaften gegenwärtig nur unvollständig beantwortet werden, weil weder die Auslösung von Inflationsimpulsen noch die Absorptionsprozesse unter Einschluß von Inflationserwartungen theoretisch hinreichend geklärt sind. Ob und inwieweit das vorgestellte Definitions-, Indikatorund Meßkonzept von Inflation in einer systemindifferenten und in diesem Sinne erst noch zu entwickelnden, allgemeinen Inflationstheorie tragfähig ist, bleibt abzuwarten. 35 Siehe R. J. Barro, H. I. Grossman: Suppressed Inflation and the Supply Multiplier, in: Review of Economic Studies, 1 (1974), S. 87 -104; dies.: Money, Employment and Inflation, Cambridge 1976, insbes. Kap. 2. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Volkswirtschaft Von Kazimierz Laski*, Linz I. Einführung 1. Wir untersuchen in dieser Studie die externen Ursachen der Inflationserscheinungen in den sozialistischen Ländern. Wir beginnen mit dem geschlossenen Modell einer zentralgeplanten Wirtschaft (ZGW). Im weiteren gehen wir zum eigentlichen Thema über, wobei zwei Varianten der ZGW untersucht werden. In der ersten Variante schützt der "Preisausgleich" die ZGW vor dem Einfluß der Weltinflation. In der zweiten Variante untersuchen wir eine marktorientierte zentralgeplante Wirtschaft (MZGW). Hier kann eine entsprechende Budgetund Wechselkurspolitik die Wirtschaft vor Auswirkungen der Weltinflation schützen. Anders stellt sich in beiden Varianten die Lage dar, wenn sich nicht nur das allgemeine Preisniveau auf den Weltmärkten verändert, sondern auch die terms of trade sich verschlechtern. 2. In der ZGW gibt es unabhänig vom Weltmarkt zwei echte Märkte: den Arbeitsmarkt und den Konsumgütermarkt, auf dem Sachgüter und Dienste angeboten werden!. Die echten Märkte sind im Prinzip nicht rationiert und spielen bei der Inflationsanalyse eine entscheidende Rolle. Das gilt vor allem für den Konsumgütermarkt (der weiterhin auch kurz als "Markt" bezeichnet wird) und für das allgemeine Preisniveau der Konsumgüter, das das eigentliche Maß der Inflation darstellt. Das letztere gilt jedoch im vollen Sinne nur für ein System, in dem das Prinzip der markträumenden Preise eingehalten wird. In der ZGW herrscht jedoch in der Regel der Verkäufermarkt, und dieser Zustand wird manchmal auch als "Mangelwirtschaft" bezeichnet 2• In einer Mangelwirtschaft wird das Prinzip der markträumenden Preise und des Marktgleichgewichtes oft nicht eingehalten. In der Folge bildet die * Professor an der Johannes Kepler Universität Linz, Konsulent des Wiener Institutes für Internationale Wirtschaftsvergleiche. ! Darüber hinaus gibt es Märkte, die sich aus der Existenz des nicht-staatlichen Sektors ergeben; sie werden in dieser Studie vernachlässigt. 2 Vgl. J. Kornai: The Measurement of Shortage, Acta Oeconomica Val. 16 (3 - 4), 1976, p. 321. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 78 Kazimierz Laski Grundnahrungsmitteln (z. B. Fleisch) mangelhaft ist. Es gibt unter diesen Umständen kein totales Marktgleichgewicht, weil das letztere ein Gleichgewicht mindestens auf den wichtigsten Teilmärkten voraussetzt. Bleiben nun die Preise unverändert, kommt es zu einer de facto Rationierung beim Verkauf von Mangelwaren und die Bevölkerung ist außerstande die Nachfrage nach diesen Gütern voll zu befriedigen. Es kommt zu Geldüberschüssen bei den Haushalten. Teilweise werden sie zum Einkauf von näheren oder weiteren Substituten verwendet (Zwangskäufe) und teilweise verwandeln sie sich in ungewollte Geldvorräte (Zwangsersparnisse). Gemäß unserer Annahme entspricht den Zwangsersparnissen eine nicht gewollte Lagerveränderung bei anderen Konsumgütern, welche nicht verkauft werden können. Diesem Zustand kann eine Erhöhung der Preise der Mangelwaren und eine Senkung der Preise der überschußwaren in gewissen Grenzen entgegenwirken. Es ist aber durchaus nicht sicher, daß die notwendigen Preisänderungen sich gegenseitig aufheben, was eine notwendige Bedingung der Wiederherstellung des Gleichgewichts ohne Inflation bildet. Übrigens ist eine Beibehaltung der Höhe der Nominallöhne bei einer relativen Verteuerung der Grundnahrungsmittel ausgeschlossen, was zu Auswirkungen auf die gesamte Geldnachfrage führt. Auf diese Weise kann die Änderung der Struktur des Angebotes, die der Struktur der Nachfrage nicht angepaßt ist, zu Inflationserscheinungen führen, auch dann, wenn global gesehen das Angebot und die Nachfrage einander die Waage halten. 111. Das offene Modell einer zentralgeplanten Wirtschaft (ZGW) 11. Bei der Untersuchung der Einflusses der externen Faktoren auf die Inflationsprobleme in den sozialistischen Ländern gehen wir - wie schon erwähnt - von zwei Modellen aus. In dem, in diesem Teil untersuchten und weiter mit ZGW bezeichneten Modell, gibt es keinen echten Wechselkurs für Exporte und Importe einerseits, und für verschiedene Waren innerhalb dieser beiden Gruppen andererseits. In diesem Modell ist das interne Preissystem von dem ausländischen streng getrennt. 12. Die Öffnung des Modells der ZGW führt dazu, daß die Nachfragestruktur nicht notwendigerweise der Produktionsstruktur entspricht und darüber hinaus - im Falle einer nicht ausgeglichenen Leistungsbilanz - "die Summe der im· Inland verwendeten Güter und Dienste" mit dem Volkseinkommen nicht übereinstimmt. Wir nehmen am Anfang an, daß die Leistungsbilanz in fremder Währung ausgeglichen isF. Die Exporte werden unter dieser Bedingung 7 Bei strengem Bilateralismus setzt diese Annahme voraus, daß die Leistungsbilanz mit jedem Land ausgeglichen ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Volkswirtschaft 79 nach den Importen unter den beiden Sektoren verteilt. Jeder Sektor umfaßt daher auch denjenigen Teil der Exporte, der einen entsprechenden Import finanziert. Die Umrechnung der Weltauf Inlandspreise stellt jedoch ein Problem dar, weil es keinen einheitlichen Wechselkurs in der untersuchten Wirtschaft gibt8. Die Preise, die der Erzeuger für seine Exporte bekommt, sind einfach Inlandspreise, die von der Preisbehörde bestimmt sind und dasselbe gilt für die Preise, die der Verbaucher für die Importe zahlt. Es gibt daher keinen (oder fast keinen) Zusammenhang zwischen den Inlandsund den Weltpreisen der Güter, die im Außenhandel umgesetzt werden. Daraus folgt, daß eine in Fremdwährung ausgeglichene Leistungsbilanz nur zufällig in Inlandswährung ausgeglichen bleibt. Bezeichnen wir mit Ex und Im den Wert der Exporte bzw. Importe in Fremdwährung (z. B. in S), wobei gemäß Annahme Ex = Im gilt. Bezeichnen wir weiter mit Ex und Im dieselben Aggregate in Inlandswährung. Wir legen (Ex/Ex) = rjx und bezeichnen 'T/x als ex post-Wechselkurs der Exporte. Es ist kein echter Wechselkurs, weil die Inlandspreise nicht von ihm abgeleitet werden. Umgekehrt, 'T/x ergibt sich aus den Inlandspreisen bei gegebenen Fremdwährungspreisen. Der ex post-Wechselkurs 1)x gibt die durchschnittlichen, inländischen "Kosten" einer Einhei~ Fremdwährung im Exportgeschäft an. Es ist offensichtlich, daß man für unterschiedliche Exportwaren und für unterschiedliche Absatzmärkte einen unterscheidlichen ex post-Wechselkurs bekommt. Würde nun der Koeffizient 'T/x für die Festlegung der inländischen Preise der Importgüter eingesetzt, wäre der Importwert in Inlandspreise Im = im rjx = Im (Ex/Ex) = Ex gleich dem Exportwert in denselben Preisen. Die Inlandspreise der Importgüter werden jedoch nicht auf diese Weise festgelegt. Aus den autonomen Inlandspreisen der Importe und ihren Währungspreisen ergibt sich ein ex post-Wechselkurs der Importe (Im/im) = 'T/m, der nur zufällig mit rjx übereinstimmt. Der ex post-Wechselkurs der Importe gibt den durchschnittlichen, inländischen "Wert" einer Einheit Fremdwährung im Importgeschäft an, wobei dieser "Wert" für unterschiedliche Waren und für unterschiedliche Ursprungsmärkte unterschiedlich sein kann. Im allgemeinen gilt für den Saldo einer in Fremdwährung ausgeglichenen Leistungsbilanz (8) PA = Ex -Im = EX'f},r -Im'f}m = Ex('f}x -'f}m) 8 In den RGW-Ländern gibt es einen offiziellen Wechselkurs, der meist keine (oder fast keine) Rolle in den Außenhandels transaktionen spielt. Um diesen Bereich s:eht es iedoch in unseren Überlegungen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 80 Kazimierz Laski wobei PA den s. g. "Preisausgleich" bezeichnet. Es gilt d. h. der "Preisausgleich" ist z. B. negativ, wenn die inländischen Kosten einer Einheit Fremdwährung kleiner als der inländische Wert dieser Einheit sind. Der Saldo PA spielt dieselbe Rolle wie der Saldo des Außenhandels. PA < 0 bedeutet einen "Kapitalimport" , den man jedoch im Unterschied zu einem richtigen Kapitalimport nicht zurückzahlen muß. Man kann auch PA < 0 als unentgeltliche überweisung interpretieren. Das umgekehrte gilt offensichtlich für den Fall eines positiven Saldos des "Preisausgleichs" der einem "Kapitalexport" gleichzusetzen ist 8• Der "Preisausgleich" funktioniert durch das Staatsbudget. Wenn z. B. PA < 0 ist, erscheinen im Budget zusätzliche Einnahmen und umgekehrt im Falle PA> O. 13. Nehmen wir jetzt an, daß es einen Saldo der Leistungsbilanz in Fremdwährung gibt. In diesem Fall kann man mit dem ausgeglichenen Teil der Umsätze wie früher verfahren, und auf diese Weise den "Preisausgleich" PA ermitteln. Der eigentliche Saldo des Außenhandels wird dann auf Inlandspreise umgerechnet, mit Hilfe von 'YJx oder 7Jm wenn ein Kapitalexport bzw. -import stattfindet. Es gilt daher (9) E = (Ex -Im) 1Jx für Ex - Im > 0 und (9') E = (Ex -Im) 1Jm für Ex - Im < 0 wobei E den Saldo der Leistungsbilanz in der Inlandswährung bezeichnet. Der Wert des Saldos E wird immer dem Sektor 1 zugerechnet und zwar deshalb, weil dieser Saldo denselben Einfluß auf das Volksvermögen wie die Investition ausübt. Der Unterschied besteht darin, daß sich die Investition auf das Realvermögen und der Saldo des Außenhandels auf die Nettoforderungen an das Ausland auswirken. Wenn man jedoch das Volksvermögen als Summe aus dem Realvermögen und der Nettoforderungen an das Ausland erfaßt, muß man auch die Summe I + E als Ganzes betrachten. Daraus folgt, daß die sachliche Form des Saldos des Außenhandels (soweit sie überhaupt ermittelt werden kann) bei der sektoralen Zuordnung keine Rolle .spielt. Auch dann wenn der Importüberschuß in g Vgl. L. Zienkowski: Doch6d narodowy Polski 1937 -1960, Warszawa 1963, rozdz. V, § 4. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Volkswirtschaft 81 der Form von Konsumgütern erscheint, wird er dem Sektor 1 zugeordnet. Ohne diesen Importüberschuß müßte nämlich der output im Sektor 2 größer und im Sektor 1 kleiner sein, d. h. die Investition müßte ceteris paribus darunter leiden. Mit derselben Begründung wird dem Sektor 1 der "Preisausgleich" PA zugeordnet. Unser Schema sieht daher in einem offenen Modell so aus: Wi + Mi = (I + PA + E) + (R + Q) W2+ M2 =K W +M =Y wobei die früher abgeleiteten Gleichgewichtsbedingungen auf dem Konsumgütermarkt ihre Geltung beibehalten. Lediglich die Formel für den Budgetüberschuß wird jetzt ergänzt (10)' B = M - [(I + PA + E) + N] oder (10') B = M - (PA + E) -(I + N) Der Saldo E wird daher analog zum "Preisausgleich" PA behandelt. Die Summe PA + E wird zu den Staatsausgaben addiert oder von den Staatseinnahmen substrahiert. Sie wirkt sich auf den Budgetüberschuß positiv aus, wenn PA + E < 0 ist. Im umgekehrten Falle wird der Budgetüberschuß vermindert. 14. Das Hauptinteresse dieses Referates besteht in der Untersuchung des Einflusses der Weltinflation auf die Inflationserscheinungen der sozialistischen Länder. Bevor wir uns dieser Aufgabe zuwenden, scheinen jedoch manche allgemeinere Bemerkungen angebracht. Wir beginnen wieder mit einer ausgeglichenen Leistungsbilanz und lassen die Rolle des "Preisausgleichs" außer acht. Im allgemeinen wirkt sich der Außenhandel antiinflationär aus. Das läßt sich mindestens auf 2 Faktoren zurückführen: auf die erhöhte Flexibilität und Arbeitsproduktivität einer offenen Wirtschaft verglichen mit einer Wirtschaft ohne Außenhandel. Die erhöhte Flexibilität ergibt sich aus der überwindung der Engpässe in der Wirtschaft. Im allgemeinen lassen sich alle Produktionszweige in angebotsund nachfragebestimmte Zweige unterteilen. Die Expansion der letzteren ist lediglich durch die Erweiterung der Nachfrage bestimmt. Anders ist es mit den ersteren. Infolge der natürlichen Bedingungen (z. B. begrenzte Mineralvorkommen, oder Knappheit anderer Produktionsfaktoren, die überhaupt nicht - oder nur langsam und teilweise - überwunden werden können) gibt es Zweige, die nicht imstande sind, ein gewisses Wachstumstempo zu überschreiten oder überhaupt zu erreichen. 6 Schriften d. Vereins f. Soclalpolltlk 106 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 82 Kazimierz Laski Die Versorgung der Wirtschaft mit Gütern, die die angebotsbestimmten Zweige liefern, kann durch Importe ergänzt werden, wobei diese Importe durch Exporte der nachfragebestimmten Zweige finanziert werden. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß die Anpassung der Angebotsan die Nachfragestruktur eine selbständige Rolle bei der Sicherung des Marktgleichgewichts spielt. Aus dieser Sicht ist die antiinflationäre Wirkung des Außenhandels offensichtlich. Auch bei überwindung der unerwarteten Lücken (wie z. B. im Falle einer Mißernte) spielt der Außenhandel soweit die Finanzierung der zusätzlichen Exporte gesichert ist, eine äußerst wichtige Rolle. Wir haben bis jetzt von Importen gesprochen, die gewissermaßen notwendig sind, weil die Wirtschaft ohne diese Güter nicht - oder nur schlecht - auskommen kann. Aber auch darüber hinaus trägt der Außenhandel durch eine freiwillige Arbeitsteilung zur Erhöhung der volkswirtschaftlichen Effizienz, die letzten Endes zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität führt, bei. Das ist vor allem dort der Fall, wo steigende Skalenerträge vorkommen und wo Spezialisierung zu steigender Effizienz führt. Nehmen wir an, daß das Verhältnis Yl/Y2 unverändert bleibt, d. h. die Steigerung der Arbeitsproduktivität in Folge des Außenhandels bezieht sich gleichermaßen auf beide Sektoren. Unter diesen Umständen - verglichen mit einer Wirtschaft ohne Außenhandel - kann mit einem gegebenem Nominallohn w z. B. eine höhere Investitionsquote erreicht werden (weil bei gegebenem Preis-Lohn Verhältnis die Arbeitsproduktivität q2 höher ist) oder eine gegebene Investitionsquote kann mit einem höheren Nominallohn w verbunden werden. In beiden Fällen führt die Erhöhung der Arbeitsproduktivität zur Senkung der Inflationsgefahr. 15. Der Saldo des Außenhandels erweitert die Problemstellung der Inflation um einen wichtigen Faktor. Bei einer negativen Leistungsbilanz und Kapitalimporten kann z. B. eine höhere Investitionsquote I!Y erreicht werden bei einem unveränderten Verhältnis Ll/L2, das - nehmen wir an - dem Preis-Lohn Verhältnis bei gegebenem q2 angepaßt ist. In der Tat, ceteris paribus kann die Investition um so größer sein, je größer der Betrag von E. Bezeichnen wir mit I und I + M, (M > 0), die Investition ohne bzw. mit einem Kapitalimport von E < 0; es gilt nun I = I + M + E = I wenn M = I E I = - E. Kapitalimporte machen es daher möglich die Investitionsquote zu erhöhen ohne einen Inflationsschub zu verursachen. Die antiinflationäre Wirkung ist noch stärker, wenn die Kapitalimporte zu keiner Erweiterung der Investition führen, jedoch ist in diesem Falle die spätere Rückzahlung der Kredite schwieriger. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Volkswirtschaft 83 In den 70er Jahren ist die Verschuldung der sozialistischen Länder gegenüber dem Westen erheblich gestiegen. Was für einen Einfluß auf daß Marktgleichgewicht werden diese Kredite auf lange Sicht ausüben? Die sozialistischen Länder legen Wert nicht nur auf die Erweiterung der Investition, sondern auch auf das know-how und die moderne Technologie, die gleichzeitig importiert werden. Man hofft, daß die auf diese Weise zusätzlich errichteten Kapazitäten, zusammen mit dem relativ niedrigen Lohnniveau die Bedingungen einer Exportexpansion schaffen, die die spätere Rückzahlung der Kredite ermöglichen würde. Diese Möglichkeit besteht und in diesem Falle würden die Kredite nicht nur eine kurzfristige, sondern auch eine langfristige Lockerung der Schwierigkeiten in der Wirtschaft bringen. Natürlich muß bei der Rückzahlung der Kredite ein Exportüberschuß (E > 0) erwirtschaftet werden und dieser Faktor per se wirkt inflationär, weil er ceteris paribus zur Ausweitung der Beschäftigung im Sektor 1 führt. Wenn jedoch die Kapazitäten zusätzlich erweitert worden sind und die Effizienz (gemessen auch in der Arbeitsproduktivität) zusätzlich gestiegen ist, kann die höhere Belastung des Volkseinkommens ohne weiteres verkraftet werden (diese Belastung kann ceteris paribus um so größer sein je höher q2 ist). Dies ist jedoch lediglich eine Möglichkeit, keineswegs eine Notwendigkeit. Die pessimistische Variante sieht anders aus. Trotz der importierten Technologie und des know-how gelingt der Durchbruch in den westlichen Märkten nicht. Es bestehen weiterhin Schwierigkeiten im Außenhandel, nun aber potenziert durch die Notwendigkeit, einen Exportüberschuß zu erwirtschaften. Wenn die Exporte nicht gesteigert werden können, müssen letzten Endes die Importe zurückgehen, mit negativen Wirkungen für die Gesamtwirtschaft und auch für das Marktgleichgewicht. Welche Variante sich durchsetzen wird, kann nicht vorausgesagt werden, der Nachdruck jedoch, mit dem die sozialistischen Länder sich um Kooperationsverträge bemühen, beweist, daß man um die Absatzmöglichkeiten besorgt ist und versucht, sie gleich bei der Errichtung der neuen Kapazitäten sicherzustellen. Das ist eine gewisse Lösung, es scheint jedoch unwahrscheinlich, daß die Schwierigkeiten dieser Länder im Außenhandel, die nur einen Reflex der internen Probleme bilden, ohne weitgehende ökonomische und politische Reformen überwunden werden können. 16. Die westlichen Kapitalimporte ermöglichen nicht nur die Erhöhung der zulässigen Investitionsquote und den Zugang zur modernen Technologie. Sie ermöglichen darüber hinaus die überwindung der Versorgungsschwierigkeiten, da manche Rohstoffe und Zwischenprodukte in größerer Menge importiert werden können. Wenn nun Kapitalimporte getätigt werden, können zusätzliche Rohstoffe, Materialien und HalbfaOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 84 Kazimierz Laski brikate importiert und die bestehenden Kapazitäten besser ausgelastet werden. Die sich daraus ergebende Steigerung der Produktion und der Arbeitsproduktivität trägt zum Marktgleichgewicht bei. Die zu beobachtende Beschleunigung des Wachstums infolge der Kapitalimporte (z. B. in Polen, in der ersten Hälfte der 70er Jahre) läßt sich teilweise auf die Lockerung der Engpässe im Außenhandel zurückführen. Wie schon erwähnt, wirkt jedoch derselbe Faktor in umgekehrter Richtung, wenn die Kredite beim Weiterbestehen der Schwierigkeiten im Außenhandel zurückgezahlt werden müssen. Sie beeinflussen dann negativ das Marktgleichgewicht und stellen einen zusätzlichen Inflationsfaktor dar, dessen Stärke nicht nur an dem zu erwirtschaftenden Exportüberschuß, sondern auch an der fehlenden Versorgung mit knappen Rohstoffen und Materialien gemessen werden muß10. 17. Wenden wir uns nun dem Problem der Weltinflation und ihrer Auswirkung auf die sozialistischen Länder zu, wobei am Anfang angenommen wird, daß die terms of trade unverändert bleiben. Unter dem Regime des "Preisausgleichs" übt die Weltinflation keinen Einfluß auf das inländische Preisniveau aus, das ex definitione vom Weltmarkt unabhängig ist. Die einzige Folge ist die automatische Senkung der ex postWechselkurse "Ix und 17m. Wenn z. B. die Währungspreise der Exporte und Importe eines Landes sich verdoppeln, werden die ex post-Wechselkurse dieses Landes halbiert, wobei der "Preisausgleich" ceteris paribus unverändert bleibt. In der Tat PA =Ex-Im mit Ex = Ex l7x, und Im = Im "Im bleibt unverändert, wenn Ex und l7x mit 1 + (X multipliziert bzw. dividiert werden, wobei (X die Wachstumsrate der Währungspreise der Exporte bezeichnet und dasselbe mutatis mutandis für die Importe gilt. Das Ausbleiben jedes Einflusses auf das interne Preisniveau ist verständlich, weil die realen Kosten der Importe gemessen in Exporten sich nicht geändert haben. Unter gewissen Umständen ist die Lage jedoch mehr kompliziert. Stellen wir uns vor, daß ein Land Auslandskredite bekommt, die nominal festgesetzt sind und -Eo = Imo -Exo (Eo < 0) Einheiten in Fremdwährung ausmachen ll . Der Saldo in Inlandswährung beträgt ohne und mit Weltinflation Eo = Eo l7m bzw. EI, wobei (11) E1 = Eo /(1 + 01:) = Eo "Im/(1 + (X) 10 Vgl. Kazimierz Laski: Kapitalimporte und Wachstum der sozialistischen Länder, in: Internationale Wirtschaft -Vergleiche und Interdependenzen, herausgegeben von Friedrich Levcik, Festschrift für Franz Nemschak, Springer-Verlag, Wien -New York, 1978, S. 491506. 11 Mit JE wird der Saldo der Leistungsbilanz in Fremdwährung bezeichnet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Volkswirtschaft 85 d. h. sein Betrag ist (1 + (X) mal kleiner, wobei (X die Wachstumsrate der Währungspreise der Importe bezeichnet. Das untersuchte Land erleidet daher unter diesen Umständen einen realen Verlust und muß z. B. die Investition I entsprechend kürzen und (oder) das Preis-Lohn Verhältnis erhöhen. Im zweiten Fall werden Inflationserscheinungen kaum zu vermeiden sein. Umgekehrt bei einem Exportüberschuß, der für einen Schuldendienst verwendet wird, wirkt sich eine Weltinflation auf das Marktgleichgewicht positiv aus. Stellen wir uns vor, daß ein Land einen positiven Saldo des Außenhandels in Fremdwährung in der Höhe Eo = Ex o -[mo (E o > 0) erwirtschaften muß. Der Saldo in Inlandswährung beträgt, ohne und mit Weltinflation Eo = Eo'Y)z bzw. EI, wobei (11') Ei = Eo/(1 + (X) = Eo 'YJz/(1 + IX) wobei (X die Wachstumsrate der Währungspreise der Exporte bezeichnet. Der reale Wert des Exportüberschusses sinkt daher (1 + (X) mal und wenn z. B. die Investition unverändert bleibt, kann das Preis-Lohn Verhältnis sinken, was sich antiinflationär auswirken würde. Wenn ein Land gleichzeitig alte Schulden zurückzahlt und neue Kredite, die nominal begrenzt sind, aufnimmt, kann das Netto-Ergebnis der Weltinflation auf das Marktgleichgewicht nicht vorausgesagt werden. 18. Nehmen wir jetzt an, daß sich die terms of trade eines Landes verschlechtern. Wenn (X und ß die Wachstumsraten der Exportpreise bzw. der Importpreise auf dem Weltmarkt bezeichnen gilt (X< ß. Gehen wir von einer ausgeglichenen Leistungsbilanz aus, so entsteht infolge einer Verschlechterung der terms of trade ein Importüberschuß, den wir in Fremdwährung mit -E bezeichnen. Es gilt nun (12) E = Ex (1 +~) - Im (1 + ß) = Im (~ - ß) wobei Ex = Im die nominalen Größen vor der Änderung der terms of trade bezeichnen. Es ist offensichtlich, daß das reale Ausgangsniveau der Importe ceteris paribus nur dann aufrechterhalten bleiben darf, wenn -bei ausgeglichener Leistungsbilanz -zusätzliche Exporte getätigt wurden. Die realen Kosten der Importe steigen daher und sie drücken sich in einer niedrigeren Arbeitsproduktivität aus. In einem geschlossenen Modell hängt die Arbeitsproduktivität ausschließlich von der physischen Arbeitsproduktivität ab. In einem offenen Modell kommt noch der Einfluß der terms of trade dazu. Verschlechtern sich die terms of trade, müssen für dieselben Importe mehr Exporte getätigt werden und die Arbeitsproduktivität gemessen in Importgütern sinkt, nicht deshalb, weil die physische Pro-Kopf-Erzeugung sich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 86 Kazimierz Laski geändert hat, sondern deshalb, weil die Effizienz im Außenhandel gesunkenist. Die Auswirkungen auf das Marktgleichgewicht sind jedoch identisch wie im Falle der Senkung der physischen Arbeitsproduktivität. Bei unveränderten Verwendungsproportionen des Volkseinkommens und bei unverändertem Nominallohn kommt es zur Bildung einer Inflationslücke, weil das Verhältnis Y2/W gesunken ist und zwar infolge der Senkung von q2. Das Ausmaß der Inflationslücke steigt noch mehr, wenn versucht wird, die Investitionspläne trotz der Senkung der Arbeitsproduktivität ql durchzusetzen. In diesem Fall steigt ceteris paribus das Verhältnis Ll/L2 und die notwendige Erhöhung des Preis-Lohn Verhältnisses ist noch größer. Umgekehrt, ist man bereit die Investitionsquote zu senken, wird der Inflationsdruck kleiner. Gleichgültig ob man die Investition und den Konsum gleichermaßen senkt oder man der einen oder anderen Verwendung des Volkseinkommens den Vorrang einräumt, die Verschlechterung der terms of trade bedeutet einen realen Verlust des betroffenen Landes und der "Preisausgleich" bietet gegenüber Erscheinungen dieser Art keinen Schutz. Ceteris paribus muß eine Verschlechterung der terms of trade zu einer Erhöhung des inländischen Preisniveaus führen. Es ist offen, ob dabei die Preisstruktur den veränderten terms of trade angepaßt wird oder nicht. Der inneren Logik der ZGW entspricht eher die Beibehaltung der bestehenden Preis struktur, die auch früher von dem Weltmarkt unterschiedlich war. Ob das ökonomisch sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage. Aus dieser Sicht wäre die Anpassung der Preisstruktur an die geänderten terms of trade durchaus begründet. Wenn der Währungspreis des Gutes A zweimal höher als des Gutes B ist, ist es sinnvoll dem Verbraucher dieses Gutes die sich daraus ergebende Transformationsrate in Form der inländischen Preisrelation mitzuteilen. Der Konsument (oder auch Produzent) kann dann versuchen, das teurer gewordene Gut sparsamer zu verwenden oder durch billigere Güter zu substituieren. Offensichtlich gelten diese überlegungen auch für die Preise jener Güter, die nicht durch den Außenhandel gehen und deren Anpassung an die interne Transformationsrate ist genau so gut begründet. Wir kommen daher zum Schluß, daß die Frage der Anpassung der Preis struktur an die geänderten terms of trade einen Teil des viel breiteren Fragekomplexes der Preise in der ZGW im allgemeinen bildet. Es soll noch darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Änderung der terms of trade auch ihre Verbesserung bedeuten kann und die letztere wirkt per se antiinflationär. Auch der Zusammenhang mit der Weltinflation ist nicht notwendig. Genauso wie es eine Weltinflation ohne OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 Inflationsprobleme einer offenen sozialistischen Volkswirtschaft 87 Änderung der terms of trade geben kann, kann es eine Änderung der terms of trade ohne Weltinflation geben. 19. Der Mangel eines einheitlichen Wechselkurses und eines Zusammenhanges zwischen der Preisstruktur im Inund Ausland bedeuten nicht, daß die Entscheidungen im Bereiche des Außenhandels in der ZGW notwendigerweise irrational sind. Wenn man von der bestehenden Preisstruktur im Inland ausgeht, kann man mit Hilfe entsprechender Methoden z. B. die relative Rentabilität verschiedener Exporte oder Importsubstitute untersuchen. Man kann auch s. g. Schatten-Wechselkurse festlegen, die eine Entscheidungshilfe bei der Wahl der Exporte (und Importsubstitute) bilden. Es wird z. B. verlangt, daß die inländischen Kosten einer Einheit fremder Währung im Export einen Grenzwert nicht überschreiten dürfen. Alle Exporte, die diese Kalkulation nicht aushalten, werden - mindestens theoretisch -gestrichen, wobei die Schatten-Wechselkurse nach Märkten und Ländern differenziert werden können. Wenn es nun eine Weltinflation gibt und die inländischen Preise stabil bleiben, müssen die Schatten-Wechselkurse der neuen Lage angepaßt und zwar gesenkt werden. Ein direkter Einfluß der Weltinflation auf das Preisniveau in der ZGW läßt sich auch in diesem Falle nicht feststellen. Die Schatten-Wechselkurse üben im Außenhandel eine ähnliche Rolle wie echte Wechselkurse aus. Der Unterschied besteht darin, daß im letzteren Falle die Exportund Importfirmen direkt dem Einfluß der Fremdwährungspreise ausgesetzt sind, während im ersten Falle die Schatten-Wechselkurse lediglich eine Entscheidungshilfe bilden und in die finanzielle Lage der Firmen nicht eingebaut sind 12 • Dieses Merkmal ist nicht zufällig, es entspricht der begrenzten Rolle der Marktsignale in der ZGW im allgemeinen. IV. Das offene Modell einer marktorientierten zentralgeplanten Wirtschaft (MZGW) 20. Die MZGW bezeichnet ein Modell der zentralgeplanten Wirtschaft, das den Marktmechanismus - mindestens im Bereiche des Außenhandels - aktiv ausnützt. Im Modell der MZGW gibt es Wechselkurse, die den Betrieben Informationen aus dem Weltmarkt übermitteln. Mittels dieser Wechselkurse werden Exporterlöse in Fremdwährung auf Inlandswährung umgerechnet. Ähnlich geschieht es bei den Importen, de12 Vgl. Stanislaw Polaczek: The Trade Effects of Exchange Rate Policies, in: Money and Finance in East and West, ed. by C. T. Saunders, The Vienna Institute for Comparative Economic Studies, Springer-Verlag, Wien -New York, 1978, p. 188. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38 94 Kazimierz Laski günstige Märkte, die Preise für Industriewaren sind kaum einheitlich, es gibt kurz gesagt territoriale Probleme des Außenhandels. Letztens gibt es ein Problem der Warenstruktur des Außenhandels, das mit dem Konzept des Bündels von Exportbzw. Importgütern überhaupt nicht erfaßt werden kann. Im Zusammenhang damit gibt es mehr als einen Wechselkurs und auch Auswirkungen der Änderung der Wechselkurse auf die geographischen Richtungen und auf die Warenzusammensetzung des Außenhandels müßten berücksichtigt werden, dies würde uns vielleicht zur Revision mancher raschen Schlußfolgerungen veranlassen. Das kann jedoch nicht mehr in diesem, schon zu lang geratenem Aufsatz versucht werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44550-9 | Generated on 2023-01-16 12:54:38