Kapitaldeckung für die GKV?
Abstract
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Full text
Grabka, Markus M.; Andersen, Hanfried H.; Henke, Klaus-Dirk; Borchardt, Katja Article Kapitaldeckung für die GKV? Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Grabka, Markus M.; Andersen, Hanfried H.; Henke, Klaus-Dirk; Borchardt, Katja (2003) : Kapitaldeckung für die GKV?, Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 123, Iss. 2, pp. 265-283, https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292053 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Schmollers Jahrbuch 123 (2003), 265 -283 Duncker & Humblot, Berlin Kapitaldeckung für die GKV? Zur Berechnung der finanziellen Auswirkungen eines Umstiegs vom Umlageauf das Kapitaldeckungssystem Von Markus M. Grabka, Hanfried H. Andersen, Klaus-Dirk Henke und Katja Borchardt Abstract This paper presents the financial effects of a transition from the pay-as-you-go to a capital funded health insurance system in Germany. Calculations made with a static microsimulation model based on the data of the German Socio Economic Panel Study (SOEP). lt will be shown that substantial financial transfers are needed to realize such a kind of transition. As the alternative of doing nothing is very costly the authors propose a mixed system with both capital funding and pay as you go. Zusammenfassung In diesem Beitrag wird untersucht, wie groß die fiskalische Belastung eines Umstiegs vom bestehenden Umlageverfahren in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu einer Variante eines kapitalgedeckten Systems mit altersabhängigem Kopfbeitrag wäre. Mit Hilfe eines statischen Mikrosimulationsmodells, auf Basis der Daten des so zio-oekonomischen Panels (SOEP), wird berechnet, welche Ausgleichszahlungen -un ter Zugrundelegung unterschiedlicher Annahmen -in einzelnen Übergangsszenarien anfallen. Quantifiziert wird der Transferbedarf, der sich aus der Differenz der Leis tungsausgaben und den Beitragseinnahmen unter Berücksichtigung einer Belastungs obergrenze von 15% der Bemessungsgrundlage ergibt. Als Grundlage für einen Kran kenversicherungsbeitrag mit Kapitaldeckung wird hierbei auf Kalkulationen einer Pri vaten Krankenversicherung zurückgegriffen. JEL Classification: I 90 Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
266 M. M. Grabka, H. H. Andersen, K.-D. Henke und K. Borchardt 1. Einleitung Die Sozialversicherungszweige in Deutschland stehen unter einem fortwäh renden Reformdruck. In der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) sind erstmals neue Wege der Finanzierung der Altersvorsorge beschritten worden. Kernstück der Renten-Reform 2001 bildet der Aufbau einer staatlichen Förde rung für eine zusätzliche private Altersvorsorge. Ab dem Jahre 2002 wird durch Zulagen und steuerliche Vergünstigungen der Aufbau einer privaten Al tersvorsorge unterstützt (BMA 2001). Die Begründung für diese „Revolution" in der GRV ergibt sich vor allem aus dem demographischen Wandel der Bevöl kerung. Der Anteil der Personen im Alter von 60 Jahren und mehr an der Ge samtbevölkerung wird sich von 21 % (1995) auf knapp 34% (2040) erhöhen (Deutscher Bundestag 1998: 209). Die Veränderung der Bevölkerungsstruktur wird sich auch auf die finanziel le Situation der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auswirken. Neben steigenden Leistungsausgaben in der GKV z. B. aufgrund veränderter Morbi dität der Gesamtbevölkerung, wird es auch zu einer Erosion auf der Einnah menseite kommen. Mit einer zunehmenden Zahl von Rentnern und einer ab nehmenden Zahl von Geburten wird sich das Verhältnis von Rentnern zu er werbstätigen Mitgliedern in der GKV von ca. 0,4 im Jahre 1993 auf über 0,8 im Jahr 2030 mehr als verdoppeln (ebd. S. 437). Vorliegende Prognosen gehen von einer erheblichen Steigerung des Beitragssatzes in der GKV aus (Cassel 2001). Der Einbau von Elementen der Kapitaldeckung in die Rentenversicherung (Wissenschaftlicher Beirat 1998) hat auch die Frage einer Übertragbarkeit die ser Finanzierungsalternative auf die GKV aufgeworfen (Vereinte Krankenver sicherung 2001). Der Grundgedanke ist, den zu erwartenden zusätzlichen fi nanziellen Herausforderungen durch den Aufbau einer kapitalgedeckten Kran kenversicherung flexibler zu begegnen. Grundsätzlich stellen sich dabei fol gende Fragen: (1) Ist eine kapitalgedeckte Krankenversicherung besser geeignet der demo graphischen Entwicklung zu begegnen als das bestehende Umlageverfah ren in der GKV? (2) Wie hoch wäre der zu erwartende zusätzliche Finanzierungsaufwand bei einer individuellen kapitalgedeckten Krankenversicherung? An dieser Stelle sollen nicht die spezifischen Vorund Nachteile des Kapi taldeckungsbzw. Umlageverfahrens erörtert, sondern nur eine mögliche Va riante einer kapitalgedeckten Krankenversicherung in ihren fiskalischen Kon sequenzen dargestellt werden. 1 1 Für die Diskussion der Vorund Nachteile der beiden Finanzierungsverfahren liegt eine Fülle von Literatur vor. Stellvertretend seien hier genannt: Boldrin et al. (1999), Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
Kapitaldeckung für die GKV? 267 Dabei stellt sich insbesondere das Problem einer Doppelbelastung der Ver sicherten beim Übergang vom bestehenden Umlageverfahren zur Kapital deckung. Neben dem Ansparen des Kapitals für die eigene Krankenversiche rung muss parallel dazu das bestehende Umlageverfahren weiter finanziert werden (Raffelhüschen 2000). Im Folgenden sollen zunächst die Kernelemente einer möglichen Variante einer kapitalgedeckten Krankenversicherung vorgestellt und die Datenbasis für die verwendeten Modellrechnungen skizziert werden. Das verwendete Mi krosimulationsmodell wird beschrieben und verschiedene Szenarien des Übergangs in die Kapitaldeckung in der GKV werden bestimmt. Abschließend wird auf Basis der dargestellten empirischen Ergebnisse ein Fazit gezogen. 2. Elemente einer kapitalgedeckten Krankenversicherung Bei dem hier unterstellten Modell einer möglichen Variante einer kapitalge deckten Krankenversicherung werden folgende Annahmen zugrunde gelegt (vgl. Henke et al. 2002 und Henke 2002a und 2002b): • Mindestversicherungspflicht für die gesamte Wohnbevölkerung mit einem Leistungsumfang, orientiert an dem Standardtarif2 der PKV ohne Selbst behalt; • Wahlfreiheit für den Versicherungsnehmer bei gleichzeitigem Kontrahie rungszwang für die Versicherer; • Abkoppelung der Krankenversicherungsbeiträge von den Lohnkosten durch einen altersabhängigen Kopfbeitrag ohne Risikodifferenzierung, d. h. keine Differenzierung nach dem Geschlecht oder Vorerkrankungen; Kinder bis zum 20 Lebensjahr werden beitragsfrei gestellt; • Aufbau eines individuellen Kapitalstocks durch einen Kapitaldeckungs anteil zur Krankenversicherungsprämie; • Sozialer Ausgleich durch ein getrenntes Transfersystem, das eine Belas tungsobergrenze von 15% bezogen auf die unterstellte Bemessungsgrund lage3 sicherstellt. Miles und Timmermann (1999), Fehr (1999), Breyer (2000), Eisen (2000), Hirte (2001). Für eine ausführliche Diskussion eines Übergangs vom Umlagezum Kapitaldeckungs verfahren vgl. auch Börsch-Supan (1998). 2 Der Standardtarif in der PKV wurde erstmals zum 1. Juli 1994 eingeführt. Der Leistungsumfang orientiert sich am Niveau der gesetzlichen Krankenkassen (vgl. § 257 Abs. 2a Satz 2 SGB V). 3 Die Bemessungsgrundlage variiert nach den jeweiligen Modellannahmen, vgl. Ta belle 5. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
268 M. M. Grabka, H. H. Andersen, K.-D. Henke und K. Borchardt Mit dem Übergang von der bestehenden umlagefinanzierten GKV in eine kapitalgedeckte Krankenversicherung ist ein Systemwechsel verbunden, da bisherige Strukturprinzipien der GKV, wie z. B. die einkommensproportionale Beitragserhebung, aufgehoben werden. Das gewählte Vorgehen einer Umstel lung auf einen altersabhängigen Kopfbeitrag orientiert sich dabei an den Er fahrungen aus der Schweiz, die seit dem 1. 1. 1996 das Finanzierungsverfah ren zum Krankenversicherungsschutz grundlegend reformiert hat (Bundesamt für Sozialversicherung 1997). 3. Datengrundlage Als Datenbasis wird das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) mit den Erhe bungen der Jahre 1991 bis 1999 verwendet. Das SOEP ist eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe, die in jährlich wiederholendem Abstand Personen in privaten Haushalten zu ihrer sozio-ökonomischen Situation befragt (SOEP Group 2001). Als einer der Themenschwerpunkte wird die Einkommenssitua tion differenziert erfragt. Damit ist es möglich, Veränderungen der Beitrags bemessungsgrundlage in der GKV in ihrer fiskalischen Bedeutung zu unter suchen. Daneben wird u. a. der Krankenversicherungsstatus erfasst, womit eine getrennte Betrachtung der Population von GKVund PKV-Versicherten möglich ist. Das SOEP ist die einzige repräsentative Bevölkerungsstichprobe in Deutschland, die regelmäßig zugleich aktuelle Informationen zum Kranken versicherungsschutz und zur individuellen Einkommenssituation zur Ver fügung stellt. Einen wichtigen Bestandteil der vorliegenden Untersuchung stellt die Einkommensbasis der in der GKV versicherten Bevölkerung dar. Es wird hierbei auf generierte Jahreseinkommen zurückgegriffen.4 Für die Berechnung der Beitragsbelastung und des durchschnittlichen Transferbedarfs in der GKV und dem individuellen Kapitaldeckungsmodell wird nicht das sozialversicherungspflichtige Einkommen sondern eine erwei terte Bemessungsgrundlage verwendet.5 Hierbei werden folgende Einkom menskomponenten des retrospektiv erfragten Brutto-Vorjahreseinkommens berücksichtigt: 4 Die Jahreseinkommen des SOEP werden im Rahmen des deutschen Teil des Cross National-Equivalent-Files (CNEF) generiert (Burkhauser et al. 2000). Hierbei handelt es sich um generierte Einkommen, die mit Hilfe eines Querund Längsschnittimputati onsverfahrens um Missing Values bereinigt werden (Butrica 1996). s Dieses Vorgehen dient der Vereinfachung des Mikrosimulationsmodells, da eine einheitliche Beitragsbemessungsgrundlage für alle Versicherten -unabhängig davon ob diese pflichtoder freiwillig in der GKV versichert sind -unterstellt werden kann. Die Ausweitung der Bemessungsgrundlage der in der GKV versicherten Bevölkerung auf das gesamte individuelle Jahresbruttoeinkommen macht rd. 3,6 Mrd. €/Jahr aus (vgl. Breyer et al. 2001, 187). Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
Kapitaldeckung für die GKV? 269 • Einkommen aus abhängiger Beschäftigung, • Einkommen aus Nebentätigkeit, • Einkommen aus selbständiger Tatigkeit, • Einkommen aus Kapitalerträgen, • Einkommen aus Vermietung und Verpachtung, • Einkommen aus Renten (gesetzliche, berufsständische und private Renten), • Leistungen des Arbeitsamtes (Arbeitslosengeld, -hilfe, Unterhaltsgeld vom Arbeitsamt, Altersübergangsgeld). Die Einkommensbasis wird zusätzlich erweitert um den „Arbeitgeberbei trag" zur Gesetzlichen Krankenversicherung, d. h. es wird die Annahme ge troffen, dass der hälftige „Arbeitgeberanteil" steue,frei mit dem Bruttoein kommen ausbezahlt wird. Dieser „Arbeitgeberanteil" umfasst auch den quasi „Arbeitgeberanteil" der Sozialversicherungsträger für Rentenzahlungen und Lohnersatzleistungen. 6 Für den „Arbeitgeberanteil" der Lohnersatzleistungen ist es erforderlich, aus dem im SOEP erfragten Zahlbetrag die fiktive Bemessungsgrundlage zu errechnen, aus der sich der Krankenversicherungsbeitrag ableitet, welcher von der Bundesanstalt für Arbeit an die Krankenversicherungen für die Empfänger von Lohnersatzleistzungen überwiesen wird. Für private Haushalte, die laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (HLU) und Hilfe in besonderen Lebenslagen (HBL) empfangen, wird ein „Arbeitgeber anteil" zur Krankenversicherung von 133 €/Monat unterstellt und dem Haus haltsvorstand zugewiesen. 7 In der verwendeten Einkommensbasis sind private Transfers, Wohngeld, Kindergeld und der eigentliche Unterstützungsbetrag aus der HLU und HBL nicht berücksichtigt. 4. Simulationsmodell 4.1 Grundidee In dem hier vorliegenden statischen Mikrosimulationsmodell wird die in der GKV versicherte Bevölkerung phasenweise in eine mögliche Variante einer 6 Zur Berechnung des Arbeitgeberanteils zur Krankenversicherung wurde ein Simu lationsmodell von Schwarze (1995) für die Daten des SOEP herangezogen und erwei tert. 7 Dieser Betrag ergibt sich aus den durchschnittlichen Zahlungen der Senatsverwal tung für Gesundheit und Soziales in Berlin für in der GKV versicherte Empfänger von HLU. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
270 M. M. Grabka, H. H. Andersen, K.-D. Henke und K. Borchardt kapitalgedeckten Krankenversicherung überführt (vgl. auch Grabka et al. 2002). Die Überführung in die Kapitaldeckung orientiert sich hier am Alter und am Einkommen der Versicherten. Da ein Ansparvorgang nur im jüngeren Lebensalter sinnvoll ist, wird die Annahme getroffen, dass ab einem bestimm ten Alter Personen im Umlagebestand verbleiben und weiterhin zu alten Kon ditionen8 versichert werden. Daher ist eine getrennte Berechnung der Bei tragseinnahmen und Leistungsausgaben nicht nur in den einzelnen Phasen ei nes Übergangs, sondern grundsätzlich für den Kapitaldeckungsund für den Umlagebestand getrennt notwendig. Ziel ist es, den Fehlbetrag (Transferbe darf) zwischen den Leistungsausgaben und den Beitragseinnahmen unter Be rücksichtigung einer Belastungsobergrenze zu quantifizieren. 4.2 Szenarien des Übergangs Grundsätzlich sind zwei verschiedene Szenarien eines Übergangs in die Ka pitaldeckung möglich: • eine sofortige Umstellung für die gesamte GKV-Bevölkerung und • eine kontinuierliche Umstellung über mehrere Jahre. Eine sofortige Umstellung vom Umlagezum Kapitaldeckungsverfahren ist möglich, dürfte jedoch auf erhebliche Widerstände stoßen; es entstünde eine erhebliche Doppelbelastung für die Versicherten. Neben eher praktischen Pro blemen erscheint auch die politische Durchsetzbarkeit eines sofortigen Um stiegs nahezu ausgeschlossen.9 In den vorliegenden Simulationen wurden verschiedene Szenarien eines zeitlich gestreckten Übergangs vom Umlagezum Kapitaldeckungsverfahren berechnet. Die wichtigsten Parameter des Übergangs, die in den einzelnen Szenarien zugrunde gelegt wurden, sind: (a) der Zeitraum, in dem der Übergang vom Umlagezum Kapitaldeckungs verfahren realisiert wird (Implementationszeitraum), (b) das Alter der Versicherten und ( c) die Beitragsbemessungsgrenze. s Alte Vertragskonditionen bedeutet hierbei u. a. die beitragsfreie Versicherung von Familienmitgliedern. 9 In einer rein fiktiven Vorabsimulation wurde eine sofortige Umstellung auf das Kapitaldeckungs-verfahren berechnet. Grundlage hierfür ist ein altersabhängiger Kopf beitrag für jeden GKV Versicherten (siehe Tabelle 2). Bei einer sofortigen Umstellung der bestehenden GKV auf eine kapitalgedeckte Krankenversicherung in der hier vorlie genden Form würde ein Transferbedarf, bei einer Beitragsbelastungsobergrenze von nicht mehr als 15% des individuellen Bruttoeinkommens, in Höhe von maximal rund 95 Mrd. € jährlich notwendig sein. D.h. dass die Transferleistungen eine Größenord nung von 3 / 4 der gesamten Versicherungsleistungen annehmen würden. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
Kapitaldeckung für die GKV? 271 (a) Bezogen auf den Zeitraum wurden zwei Varianten berechnet: Ein Zeit raum von acht und einer von sechzehn Jahren 10• (b) Bezogen auf das Alter der Versicherten wurden folgende Annahmen ge troffen: In einer ersten Variante bleiben zu Beginn der Umstellungsphase alle Personen im Alter von 60 Jahren und mehr (inklusive der Familien versicherten11) weiterhin im Umlagebestand. In einer zweiten Variante verbleiben alle Personen ab 50 Jahre (inklusive der Familienversicherten) im Umlagebestand. Weiterhin gilt: Alle Personen, die zum Zeitpunkt des ersten Jahres des Übergangs (t1) genau 21 Jahre alt sind, werden der kapitalgedeckten Krankenversicherung zugewiesen. Dies gilt entsprechend für alle Per sonen, die in den folgenden Übergangsstufen 21 Jahre alt werden. (c) Bezogen auf die Beitragsbemessungsgrenze (BBG) wurde folgendes Vor gehen gewählt: Bei einem Übergangszeitraum von acht Jahren wurde eine Absenkung der BBG um jährlich 4.832 € zugrundegelegt; bei einem Zeit raum von 16 Jahren um jährlich 2.416 €. Bei der geltenden Höhe der BBG (38.654 € Stand 1. 1. 1998) entspricht dies einer linearen Absenkung auf jeweils Null. D.h. mit der jährlichen Absenkung der BBG werden jeweils alle Personen mit einem Einkommen oberhalb dieser Grenze in die kapi talgedeckte Krankenversicherung überführt. Zusammenfassend: Die Überführung der GKV-Population vom Umlage bestand in ein kapitalgedecktes Modell einer Krankenversicherung erfolgt hier nach Alter und Einkommen. Alle GKV Mitglieder mit einem Alter von genau 21 Jahren zum Zeitpunkt der jeweiligen Übergangsstufe, werden unabhängig vom Einkommen in den Kapitaldeckungsbestand überführt. Und alle Per sonen, die zu Beginn der Umstellung das Grenzalter (z. B. von 60 Jahren) nicht überschritten hatten und deren Einkommen jeweils oberhalb der in den einzelnen Übergangstufen geltenden abgesenkten BBG liegt, werden ebenfalls -diesmal unabhängig vom Alter -in den Kapitaldeckungsbestand überführt (siehe Tabelle 1). In den jeweiligen Endstufen (t8 bzw. t16 ) sind dann noch diejenigen Personen weiterhin im Umlagebestand, die zum Zeitpunkt t0 ent weder 60 oder 50 Jahre alt waren (inklusive der Familienversicherten unab hängig von ihrem Alter). 10 Für das Modell, welches einen Übergang von sechzehn Jahren vorsieht, wurde nur der Endzustand in eine kapitalgedeckte Krankenversicherung ausgewiesen. Die Idee hierbei ist, dass durch die Streckung des Übergangszeitraums ein größerer Kapitalstock aufgebaut werden kann, was den Transferbedarf am Ende des Übergangszeitraums im Vergleich zum achtjährigen Übergangszeitraum relativ sinken lässt. 11 Die Zahl der beitragsfreien Familienversicherten beläuft sich am Ende des acht jährigen Übergangszeitraums auf rund 250.000 Personen. Im Einzelfall befinden sich hierunter auch Personen im mittleren Lebensalter. Es wäre denkbar, für diese Personen gruppe eine Stichtagsregelung zu finden, die eine endgültige Überführung in eine kapi talgedeckte Krankenversicherung sicherstellt. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
J 1 1 N Tabelle 1: Schematische Darstellung des Übergangs vom Umlagebestand ins Kapitaldeckungsmodell nach Transfergruppen mit einem Übergangszeitraum von 8 Jahren (Übergangsstufen t0 bis t8) Transfergruppen to t1 t2 t3 t4 t5 t6 h SOEP-Erhebung 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 zu überführender Umlage21-59 22-60 23-61 24-62 25-63 26-64 27-65 28-66 bestand & & & & & & & (Alter in Jahren; mit einem y<a1BBG y<a2BBG y<a3BBG Y<¼BBG y<a5BBG y<a6BBG y<a7BBG Einkommen unterhalb der abgesenkten BBG) Kapitaldeckungs-bestand I -21 21-22 21-23 21-24 21-25 21-26 21-27 (Alter in Jalrren) Kapitaldeckungs-bestand II -22-60 23-61 24-62 25-63 26-64 27-65 28-66 (Alter in Jalrren; mit einem & & & & & & & Einkommen oberhalb der y2a1BBG y2a2BBG y2a3BBG Y2¼BBG y2a5BBG y2a6BBG y2a7BBG abge-senkten BBG) verbleibende Bevölkerung 2 60 2 61 2 62 2 63 2 64 2 65 2 66 2 67 im Umlagebestand (Alter in Jalrren; inkl. Familienversicherten) abgesenkte BBG 38.654 33.822 28.991 24.159 19.327 14.495 9.664 4.832 (axBBG) in der Phase x in€ BBG: Beitragsbemessungsgrenze; y: Bemessungsgrundlage. tg 1999 - 21-28 29-67 & y2a8BBG 2 68 0 � � J � � 1 [ � td OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
Kapitaldeckung für die GKV? 279 Insgesamt ergibt sich folgendes Bild: Die Höhe des Transferbedarfs einer kapitalgedeckten Krankenversicherung wird im hier unterstellten Modell von der Länge des Übergangszeitraums (acht oder sechzehn Jahre) und vom Alter der im Umlageverfahren verbleibenden Population bestimmt (50 oder 60 Jah re). Unabhängig vom Alter der Population hat ein Übergangszeitraum von sechzehn Jahren zur Folge, dass der Transferbedarf langsamer ansteigt, und damit mehr Zeit für den Ansparprozess im Kapitaldeckungsbestand zur Ver fügung steht. 5.3 Vollständige Überführung in die Kapitaldeckung Die endgültige Höhe des jährlichen Transferbedarfs ist abhängig von dem Zeitpunkt, in der die gesamte Bevölkerung in eine kapitalgedeckte Kranken versicherung überführt wurde. Zur Berechnung dieser Kosten wären dyna mische Simulationsmodelle notwendig, die eine Fortschreibung der Bevölke rungsstruktur berücksichtigen. Eine Annäherung an diesen Transferbedarf er gibt sich aus der Berechnung eines allgemeinen Kopfbeitrags für alle GKV Versicherten ab einem Alter von 20 Jahren in Höhe von 205 €/Monat, ohne dabei demographische Veränderungen, wie z. B. eine höhere Lebenserwartung oder eine abnehmende Bevölkerungszahl zu berücksichtigen. Unterstellt man eine unveränderte Struktur in Bezug auf Einkommen und Demographie sowie eine annähernd gleiche Bevölkerungszahl20, so beliefe sich der Transferbedarf auf rund 39,3 Mrd. € jährlich, bei einer maximalen Beitragsbelastung von 15% des individuellen Bruttoeinkommens (Tabelle 5). Variiert man zusätzlich die Bemessungsgrundlage, so verändert sich der Transferbedarf deutlich. Unter dem Aspekt größerer Beitragsgerechtigkeit kann als Einkommensbasis das gesamte Haushaltsbruttoeinkommen unterstellt werden. Die Idee ist hierbei, dass die Beitragsbemessung sich insbesondere bei erwerbslosen Ehepartnern an dem gesamten Haushaltseinkommen orien tieren sollte. Für diese Simulation werden Pro-Kopf Haushaltsbruttoeinkom men unterstellt und verwendet. Der Transferbedarf bei einer Beitragsbelas tungsobergrenze von 15% für diese Bemessungsgrundlage reduziert sich auf rund 23 Mrd. €/ Jahr. Um die finanzielle Belastung der Versicherten auf Basis des Status Quo zu analysieren, wurde als letzte Variante das individuelle sozialversicherungs pflichtige Einkommen (nach SGB V) als Bemessungsgrundlage verwendet. Der Transferbedarf bei einer vollständigen Überführung in die Kapitaldeckung beliefe sich auf rund 43,5 Mrd. €/Jahr. Dieser Betrag ist rein fiktiv, da es un wahrscheinlich ist, dass der Übergang zur Kapitaldeckung nicht mit einer Ver breiterung der Bemessungsgrundlage verbunden wäre. 20 Dieser Modellrechnung liegt die Einkommensund Bevölkerungsstruktur der GKV-Bevölkerung des Jahres 1999 zugrunde. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
280 M. M. Grabka, H. H. Andersen, K.-D. Henke und K. Borchardt Tabelle 5 Transferbedarf bei vollständiger Überführung der GKV-Bevölkerung in die Kapitaldeckung nach unterschiedlicher Bemessungsgrundlage Bemessungsgrundlage Transferbedarf individuelles Pro-Kopf Haushaltsindivid. sozialverinsgesamt in Mrd. € Bruttoeinkommen bruttoeinkommen sicherungspfllichtiges Einkommen 39,3 23,0 43,5 Quelle: Simulationen auf Basis des SOEP. Durch den hier unterstellten allgemeinen Kopfbeitrag zur kapitalgedeckten Krankenversicherung ist ein erheblicher Transferbetrag notwendig, um eine Belastung der Versicherten von nicht mehr als 15% der Bemessungsgrundlage zu vermeiden. Transferbedürftig sind bei dieser Belastungsobergrenze mehr als 30 Mio. GKV-Versicherte, wobei hierbei nicht die beitragsfrei versicherten Kinder bis zu einem Alter von 20 Jahren enthalten sind (Tabelle 6). Eine An hebung der Belastungsobergrenze auf mehr als 15% des individuellen Brutto einkommens ergäbe nur bedingt eine deutliche Absenkung des Transferbe darfs. Bei einer Belastungsobergrenze von 30% wären immerhin noch rund 15,5 Mio. Personen transferbedürftig, was einen Transferbedarf von rund 23,5 Mrd. € ergäbe. Tabelle 6 Beitragsbelastung* und Transferbedarf bei einem allgemeinen Kopfbeitrag von 205 €/Monat für GKV Versicherte ab einem Alter von 20 Jahren maximale Transferbedürftige Transferbedarf Beitragsbelastung* in Mio. in Mrd. € 13,8% 32,3 42,7 15% 30,2 39,3 18% 25,1 34,1 20% 22,5 31,3 22% 20,9 29,1 24% 19,3 27,4 30% 15,5 23,5 50% 10,5 18,0 * Einkommensbasis: individuelles Bruttoeinkommen inkl. Arbeitgeberbeiträge Quelle: Simulationen auf Basis des SOEP. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
Kapitaldeckung für die GKV? 6. Fazit 281 In diesem Beitrag werden die finanziellen Auswirkungen verschiedener Va rianten eines Übergangs vom Umlageverfahren in der Gesetzlichen Kranken versicherung in eine kapitalgedeckte Krankenversicherung untersucht. Mit diesem Umstieg ist eine veränderte Finanzierung der Krankenversicherung in Form von altersabhängigen Kopfbeiträgen verbunden. Um die finanzielle Leistungsfähigkeit der Versicherten nicht zu überfordern, wird eine maximale individuelle Beitragsbelastung von nicht mehr als 15% der entsprechenden Beitragsbemessungsgrundlage unterstellt. Der Transferbedarf variiert mit der Dauer des Übergangszeitraums, dem Al ter der Versicherten, die in dem Umlagebestand zu alten Vertragskonditionen verbleiben, der unterstellten Bemessungsgrundlage und letztlich mit der ange nommenen individuellen Belastungsobergrenze. Bei einem kontinuierlichen Übergang vom Umlagesystem zu der hier berechneten Variante einer kapital gedeckten Krankenversicherung mit altersabhängigen Kopfbeiträgen beträgt der Transferbedarf in der Endphase zwischen 61,0 bis 69,7 Mrd. €/Jahr. Eine vollständige Ersetzung des bestehenden Umlageverfahrens in der GKV durch die hier unterstellte Form einer kapitalgedeckten Krankenversicherung er scheint aufgrund der Höhe des Transferbedarfs deshalb als unrealistisch. Neben der Erosion auf der Einnahmenseite sind der demographische Wan del und der medizinisch-technische Fortschritt die wichtigsten Risiken für die Finanzierung der GKV. Beitragssatzprognosen haben Zweifel aufkommen las sen, ob die geltende Form der Umlagefinanzierung diese Risiken auf Dauer allein tragen kann. Zu überlegen ist deshalb, ob nicht -in Anlehnung an die Diskussion um die Finanzierung der Altersvorsorge -auch für das Kranken versicherungssystem aus Gründen der optimalen Risikoallokation eine Kom bination von umlagefinanzierten und kapitalgedeckten Komponenten wün schenswert sei (vgl. Börsch-Supan und Winter 2001, 114, Cassel und Ober dieck 2002). Literaturverzeichnis Andersen, H./Grabka, M. M./Schwarze, J. (2002), Wechslerprofile -Risikoprofile. Zum relativen Beitragsbedarf der Kassenwechsler 1997 -2001, Arbeit und Sozial politik 7 - 8, 20-33. BMA (2001), Die neue Rente ist da, Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, http://www.bma.de/ de/ neuerente / frame.asp. BMG (1999), Bundesministerium für Gesundheit, Mitgliederstatistik KM6, Bonn. Boldrin, M. et al. (1999), Rescuing Unfunded Pensions, Economic Policy 29, 289-320. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.265 | Generated on 2023-04-04 12:31:52
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