Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft
Abstract
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Full text
Suntum, Ulrich van Article Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Suntum, Ulrich van (1986) : Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 106, Iss. 5, pp. 495-507, https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291646 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zeitschrift für Wirtschaftsu. Sozialwissenschaften (ZWS) 106 (1986), S. 495 - 507 Duncker & Humblot, Berlin 41 Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft Ein sinnvolles wirtschaftspolitisches Ziel? Von Ulrich van Suntum Der vorliegende Beitrag untersucht, welche theoretischen Vorstellungen dem Begriff der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft" zugrundeliegen und inwieweit die dabei gezogenen Analogieschlüsse zur Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen bzw. Unternehmungen zulässig sind. Es werden Parallelen zum Problem des technischen Fortschritts aufgezeigt und wirtschaftspolitische Implikationen der Analyse - insbesondere für das Lohnniveau - dargelegt. Internationale Wettbewerbsfähigkeit ist zu einem Modewort in der wirtschaftspolitischen Diskussion geworden; die Literatur der letzten Jahre, insbes. zur Wettbewerbsposition der deutschen Volkswirtschaft, ist kaum noch überschaubar.1 Umstritten sind in erster Linie die zweckmäßigsten Indikatoren, deren Palette vom einfachen Vergleich des internationalen Lohnbzw. Preisniveaus über multidimensional erklärte Marktanteilsanalysen bis hin zu der auf 284 Kriterien beruhenden jährlichen ,Weltrangliste4 des European Management Forum reicht.2 Erstaunlich wenige Beiträge befassen sich dagegen näher mit der Frage, was überhaupt unter der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu verstehen ist bzw., umgekehrt formuliert, wie man sich ein wettbewerbsunfähiges Land vorzustellen hat. Zweifel an der Zulässigkeit des einfachen Analogieschlusses von Einzelunternehmungen bzw. -branchen auf die gesamte Volkswirtschaft sind in jüngerer Zeit u. a. von Siepmann und Orlowski3 vorgetragen worden. Bereits früher hat Cooper den Begriff der internationalen Wettbewerbsfähigkeit für 1 Stellvertretend sei hier auf die drei einschlägigen Konferenzen der List Gesellschaft (1982), der Arbeitsgemeinschaft deutscher Wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute (1982) und der Friedrich Ebert-Stiftung (1981) hingewiesen; vgl. die entsprechenden Tagungsveröffentlichungen: Besters (1982), Beihefte der Konjunkturpolitik 29 (1983) und Pfaller (1981). Auch die Deutsche Bundesbank nimmt regelmäßig Stellung zum Stand der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, vgl. z. B. Deutsche Bundesbank (1984), 54 - 62, ebenso der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (1981), 185 - 200. ders. (1984), 108 - 111. Vgl. außerdem z. B. Sengebusch (1984), Keller / Langer (1984), Zerche / Daubenbüchel (1982). 2 Vgl. o. V. (1984). 3 Vgl. Siepmann (1982), Orlowski (1982). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
496 Ulrich van Suntum eine Volkswirtschaft mit flexiblen Wechselkursen als bedeutungslos bezeichnet.4 Dies hat seiner allgegenwärtigen Verwendung auch in der amerikanischen Literatur5 jedoch keinen Abbruch getan, und auch in der politischen Diskussion scheint er aktueller denn je. Gerade dieser Aspekt hebt die Frage nach seinem Inhalt über ein rein semantisches Problem hinaus: Welche Vorstellungswelt steckt hinter diesem Begriff und welches sind seine wirtschaftspolitischen Implikationen? I. Die geläufigsten Indikatoren Es liegt nahe, in Ermangelung einer exakten Begriffsbestimmung in den meisten Beiträgen von den jeweils gewählten Indikatoren für fehlende Wettbewerbsfähigkeit auszugehen, um so das Gemeinte zu erfassen. (1) Unter dem bis Anfang der 70er Jahre geltenden Regime des Bretton Woods Systems stand der monetäre Zahlungsbilanzausgleich im Vordergrund: Abflüsse von zentralen Devisenreserven deuteten darauf hin, daß die betreffende Volkswirtschaft beim gegebenen Wechselkurs nicht in der Lage war, die vom Ausland bezogenen Leistungen durch eigene Exporte zu bezahlen. Gem. diesem Ansatz würde eine entsprechende Währungsabwertung das Problem lösen bzw. es wäre bei flexiblen Wechselkursen überhaupt nicht existent. Sofort treten jedoch begriffliche Schwierigkeiten, z. B. die »richtige4 Interpretation des Zahlungsbilanzausgleichs betreffend, auf: Reicht der bloße Ausgleich der Devisenbilanz oder muß auch die Leistungsbilanz6 ausgeglichen sein, und, falls eine aktive Kapitalbilanz zugelassen wird, darf diese durch staatliche Maßnahmen induziert sein oder muß sie autonom zustande kommen?7 Vor allem aber wäre, wenn es letztlich nur um die alte Frage der »richtigen' Interpretation des Zahlungsbilanzausgleichs ginge, der Begriff der internationalen Wettbewerbsfähigkeit im Grunde verzichtbar, wenn nicht sogar schädlich, da er lediglich neue Verwirrung stiften würde. Eine sinnvolle Interpretation muß somit in anderen Überlegungen gesucht werden. (2) Ein möglicher Ansatzpunkt hierzu ist die Analyse des Weltmarktanteils eines Landes, der unabhängig vom Zustand der Zahlungsbilanz groß 4 Vgl. Cooper (1961), 138; ähnlich auch Balassa (1962), 29. 5 Vgl. z. B. Dornbusch (1980), 144 ff., der eine modelltheoretische Analyse der »competitiveness' eines Landes durchführt. 6 Letztere ist neuerdings wieder die von der Deutschen Bundesbank hervorgehobene Teilbilanz, welche von ihr ausdrücklich als Indikator der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik gewertet wird, vgl. Deutsche Bundesbank (1983), 28. 7 Den autonomen Zahlungsbilanzausgleich als Indikator der Wettbewerbsfähigkeit bevorzugt z. B. Siepmann (1982); vgl. zu den verschiedenen Zahlungsbilanzausgleichsinterpretationen und ihren Implikationen Besters (1963) sowie Tiedtke (1974). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft 497 oder klein sein, steigen oder sinken kann. Ein sinkender Anteil am Welthandel könnte auf Schwierigkeiten in der betreffenden Volkswirtschaft hindeuten, ihre Produkte abzusetzen, muß es allerdings nicht: Ebensogut kann er seine Ursache in Angebotsengpässen, in einer wachsenden Außenhandelsverflechtung anderer Länder untereinander oder ähnlichen ,externen' Faktoren haben. Versucht man, den Einfluß dieser Faktoren z.B. mit Hilfe von CMS-Analysen voneinander zu trennen,8 so ist zunächst die Frage zu beantworten, was eigentlich gemessen werden soll: die Leistungsfähigkeit des Landes (dann wären alle ,Glücks'-Faktoren auszuschalten) oder einfach sein Erfolg im internationalen Handel unabhängig von dessen Ursachen. Entscheidet man sich für ersteres, so entsteht das zusätzliche Problem, ob beispielsweise ein genereller Nachfragerückgang in den Spezialdisziplinen des betreffenden Landes einfach als ,Pech' oder als Zeichen mangelnder Voraussicht zu interpretieren ist. Immerhin kann man auf diese Weise letztlich zu einem Indikator dafür kommen, inwieweit die betreffende Volkswirtschaft es verstanden hat, ihre Produkte auf internationalen Märkten verstärkt abzusetzen. Ist internationale Wettbewerbsfähigkeit in diesem Sinne aber überhaupt ein erstrebenswertes Ziel? Bedeuten nicht ceteris paribus höhere Exporte bei ausgeglichener Leistungsbilanz gleichzeitig auch höhere Importe und somit eine gesunkene Wettbewerbsfähigkeit auf dem eigenen Binnenmarkt?9 Und welcher Sinn liegt auch nur in der Aufrechterhaltung des bisherigen Außenhandelsanteils am Sozialprodukt, wenn Veränderungen der komparativen Kostenvorteile vielleicht eine verstärkte Binnenorientierung der eigenen Produktionskapazitäten nahelegen? Auch in einem solchen, von den realen Bestimmungsgründen des Außenhandels unabhängig formulierten Marktanteilsziel kann offenbar keine sinnvolle Interpretation internationaler Wettbewerbsfähigkeit liegen. (3) Es bleibt die Möglichkeit, daß ein marktwidrig überhöhtes Lohnbzw. Kostenniveau im Inland dessen eigentliche komparative Kostenvorteile verdeckt.10 Wiederherstellung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit würde dann eine Korrektur der verzerrten Marktsignale erfordern, z. B. im Wege einer zurückhaltenden Lohnpolitik. Eine solche Interpretation wirft sofort die Frage auf, inwieweit verzerrte Faktorpreisrelationen tatsächlich ein spezielles Problem des Außenhandels darstellen oder ob nicht vielmehr der Terminus internationale Wettbewerbsfähigkeit' eher geeignet ist, von binnenwirtschaftlichen Ursachen hoher Arbeitslosigkeit abzulenken. Es ist 8 Vgl. zu Darstellung und Kritik der constant market shares analysis (CMS-Analyse) Orlowski (1982), 41 - 61, sowie Kneschaurek (1976). 9 Diesen Hinweis verdanke ich U. Siepmann. 10 Eine eingehende Diskussion dieser These aus neoklassischer sowie aus keynesianischer Sicht findet sich bei Härtel (1983 a); eine eingehende Diskussion der verschiedenen Lohnund Preisniveauindikatoren findet sich bei File (1978). 32 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1986/5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
498 Ulrich van Suntum mit anderen Worten zu fragen: Gibt es außenwirtschaftliche Ursachen einer Unterbeschäftigung der heimischen Produktionsfaktoren, insbes. des Faktors Arbeit, die grundsätzlich von denjenigen verschieden sind, die in einer reinen Binnenwirtschaft auftreten können und somit besondere wirtschaftspolitische Maßnahmen erfordern? II. Der Zusammenhang zwischen Lohnniveau, Außenwirtschaft und Beschäftigung (1) Die gängige These, wonach ein niedriges Lohnund Kostenniveau (in internationaler Währung) notwendig sei, um die Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft auf den Exportmärkten aufrecht zu erhalten, beinhaltet die Gefahr, Ziel und Mittel, möglicherweise auch Ursache und Wirkung miteinander zu verwechseln. Es ist ja nicht Zweck des Wirtschaftens, das Ausland mit möglichst billigen Gütern zu versorgen, sondern der Außenhandel soll umgekehrt dazu dienen, den Inländern ein möglichst hohes Einkommensniveau zu ermöglichen.11 Ein solches kann somit geradezu als Beleg für erfolgreichen Außenhandel gewertet werden. Dieser Zusammenhang ist bereits von den Klassikern (insbes. von Senior und Ricardo) erkannt12 und kürzlich von Orlowski13 neu aufgegriffen worden: Steigende reale Faktorentgelte (in internationaler Währung) zeigen danach eine steigende Nachfrage nach den Produktionsfaktoren des betreffenden Landes bzw. den von ihnen erstellten Gütern und somit eine steigende ,nicht-preisliche4 Wettbewerbsfähigkeit an. Der empirische Befund, etwa für die Bundesrepublik seit Anfang der 60er Jahre, bestätigt in der Tat eher diesen Zusammenhang als die übliche Interpretation.14 (2) Von den realen Faktorentgelten (in internationaler Währung) ist das nominale Kostenniveau (in Inlandswährung) zu unterscheiden. Es wird vielfach argumentiert, der Mechanismus flexibler Wechselkurse lasse ein dauerhaft überhöhtes reales Kostenniveau gar nicht zu, da er jede nominale Veränderung des inländischen Kostenniveaus letztlich wieder neutralisiere. In der Tat muß sich bei flexiblen Wechselkursen, sieht man von Kapitalbilanzsalden zunächst ab, die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit der einen Branche zwangsläufig in einer entsprechend gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit anderer Unternehmungen oder Branchen niederschlagen, da andernfalls ein Gleichgewicht am Devisenmarkt nicht zustande käme. Und selbst der Verzicht des Auslands auf sofortige Wiedereinlösung seiner ver11 Ähnlich auch die Diskussionsbeiträge von H. Giersch und W. Steuer, in: Beihefte der Konjunkturpolitik 29 (1983), 172ff. 12 Vgl. Blaug (1971), 240. 13 Vgl. Orlowski (1982), 70ff.; ähnlich argumentieren auch Glismann / Horn (1977), 8. 14 Vgl. Orlowski (1982), 120ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft 499 dienten Devisen, also ein Kapitalimport aus heimischer Sicht, ist insoweit kein Problem, als er ja einem zumindest temporären Verzicht des Auslands auf Geltendmachung seiner Ansprüche gleichkommt und somit die inländischen Verteilungsspielräume vergrößert. Ein zu hohes Kostenniveau im internationalen Vergleich wäre nach dieser Argumentation bei flexiblen Wechselkursen somit gar nicht möglich.15 (3) Dennoch läßt sich aus diesen Überlegungen nicht folgern, daß der flexible Wechselkurs ein überhöhtes Lohnniveau automatisch korrigieren würde. Ausgeglichen werden lediglich der Wert der vom Ausland bezogenen und der Wert der an das Ausland gelieferten Leistungen mit der Folge, daß auch noch so hohe Importe die Nachfrage nach inländischen Produkten letztlich nicht schmälern; allerdings wird ihre Struktur mehr oder weniger starken Änderungen unterliegen, was aber kein Spezifikum offener Volkswirtschaften darstellt. Eine ganz andere Frage ist es, ob das unveränderte Nachfragevolumen nach Inlandsprodukten auch einen unveränderten Beschäftigungsstand impliziert. Dies wäre nur dann zu erwarten, wenn die Produktionsfaktoren sich dem vom Außenhandel (aber nicht nur von diesem) ausgehenden Strukturanpassungszwang stellen und nicht etwa auf überkommenen Strukturen und Entlohnungsansprüchen beharren würden. Denn nicht nur die Nachfragestruktur, auch der gesamte Verteilungsspielraum wird durch den Außenhandel beeinflußt, und zwar (bei flexiblen Wechselkursen) parallel zur Entwicklung der Terms of Trade. Wehren sich nun die Arbeitnehmer gegen entsprechende Anpassungszwänge, indem sie unrealistische Reallohnpositionen durchzuhalten versuchen, so vermag der flexible Wechselkurs gegen daraus entstehende Beschäftigungseinbrüche nichts auszurichten: Er korrigiert lediglich ein z. B. inflatorisch aufgeblähtes inländisches Kostenniveau im Hinblick auf den Zahlungsbilanzausgleich, nicht aber eine knappheitswidrige Aufteilung des Verteilungsspielraums auf die einzelnen Produktionsfaktoren bzw. -branchen und Unternehmungen. (4) Somit wird deutlich, daß der Begriff der internationalen Wettbewerbsfähigkeit auch in Verbindung mit dem Kostenbzw. Lohnniveau mehr Verwirrung als Klarheit schafft: Eine Volkswirtschaft kann nicht wettbewerbsunfähig werden in dem Sinn, daß sie eines Tages nicht mehr wüßte, mit welchen Exportgütern sie ihre Importe bezahlen soll; der Wechselkursmechanismus wird notfalls auch den letzten ,Ladenhüter' zu einem Exportschlager werden lassen, wenn nur die Importbedürfnisse dringlich genug 15 Es wird hieraus nicht nur gefolgert, daß zurückhaltende Lohnpolitik im Dienste internationaler Wettbewerbsfähigkeit sinnlos sei, sondern sie könne sogar kontraproduktiv wirken, wenn nämlich dadurch ausgelöste Aufwertungserwartungen den heimischen Wechselkurs ,überschießen' lassen und so der erhoffte Kostenvorteil in sein Gegenteil verkehrt wird, vgl. z. B. Seidler (1983), 167. 32 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
500 Ulrich van Suntum sind. Er vermag aber andererseits nicht die Anpassung der einzelnen Produktionsfaktoren an veränderte Nachfrageund Angebotsstrukturen bzw. an sich änderne Verteilungsspielräume zu ersetzen. Ein überhöhtes (Real-) Lohnniveau mag zwar u. a. auch durch außenwirtschaftliche Einflüsse bedingt sein, stellt aber letztlich ein binnenwirtschaftliches Anpassungsproblem dar.16 Dementsprechend ist auch die Gegenthese, ein hohes Faktorpreisniveau sei Zeichen für erfolgreichen Außenhandel, mit einer wesentlichen Qualifikation zu versehen: Sie gilt nur bei Vollbeschäftigung der entsprechenden Produktionsfaktoren. III. Wirtschaftspolitische Implikationen Die bisherigen Überlegungen legen es nahe, den Außenhandel bei flexiblen Wechselkursen weniger als makroökonomisches Niveaudenn als mikroökonomisches Anpassungsproblem zu betrachten.17 Es liegt eine weitgehende Analogie zum Problem des technischen Fortschritts vor, wie am Beispiel des verstärkten Imports billiger gewordener Auslandsprodukte gezeigt werden kann. Dieser verbessert ceteris paribus die Terms of Trade für das importierende Land und erweitert somit den dortigen Verteilungsspielraum, d. h. er wirkt genauso wie eine Produktivitätssteigerung: Ein gegebener Input in der inländischen Exportindustrie bringt (via Verbesserung der Austauschrelationen) einen erhöhten Output in Form von zusätzlichen Importgütern hervor und steigert somit das Realeinkommen. Damit treten allerdings auch die gleichen Anpassungsund Verteilungsprobleme wie im Falle des (insbes. arbeitsparenden) technischen Fortschritts auf: Die unmittelbar importkonkurrierenden Branchen werden schrumpfen müssen, während sich andererseits neue Exportanreize und -chancen ergeben, was eine entsprechende (berufliche und regionale) Mobilität der Arbeitnehmer erfordert. Ist diese gegeben, so braucht der Beschäftigungseffekt per Saldo (ebenso wie beim arbeitsparenden technischen Fortschritt) keineswegs negativ zu sein: Der Realeinkommenszuwachs wird entweder zu zusätzlicher Güternachfrage oder zu vermehrten Freizeitwünschen führen; beides schafft neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Eine Besonderheit des Außenhandels gegenüber dem technischen Fortschritt liegt darin, daß die Terms of Trade-Entwicklung auch negativ verlaufen kann, was quasi einem technischen Rückschritt' entspricht. Dies könnte eintreten, wenn die ausländischen Billigprodukte das Inland zwingen, seinerseits auf seinen Exportmärkten so hohe Preiszugeständnisse zu 16 Ähnlich auch Seidler (1983), 167. 17 Damit wird eine deutliche Gegenposition etwa zur Auffassung Sieverts bezogen, der ausdrücklich fordert, „die Volkswirtschaft im ganzen als Unternehmen zu sehen", vgl. Sievert (1979), 835. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
Internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft 501 machen, daß sich dadurch die Terms of Trade insgesamt verschlechtern. Auch in diesem Fall wäre es indessen irrational, unter Hinweis auf eine gesunkene internationale Wettbewerbsfähigkeit außenwirtschaftliche Maßnahmen zu ergreifen, etwa die eigene Währung abzuwerten (bzw. nach unten zu manipulieren) oder sich in Protektionismus zu flüchten: - Währungspolitische Manipulationen bewirken lediglich eine Verfälschung der komparativen Kostenvorteile: Den inländischen Exporteuren wird über den zu niedrigen Wechselkurs eine gar nicht vorhandene Dringlichkeit von Importwünschen vorgespiegelt, den Importeuren dagegen irreal hohe Opportunitätskosten des Güterexports.18 Die Wechselkursmanipulation dient somit nur Partikularinteressen (der Exportsowie der importkonkurrierenden Industrie), während die Volkswirtschaft insgesamt Realeinkommenseinbußen hinnehmen muß.19 - Protektionistische Maßnahmen wie Zölle oder ,freiwillige Importbeschränkungen' bewirken im Prinzip das gleiche: Ohne die Terms of Trade-Verschlechterung wirklich abwenden zu können, verzichtet die Volkswirtschaft zusätzlich auf mögliche Vorteile des Außenhandels. Somit gelangen wir zu folgendem Zwischenergebnis: Was im allgemeinen mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit gemeint ist, stellt im Grunde ein binnenwirtschaftliches Anpassungsproblem dar, dem mit außenwirtschaftlichen Maßnahmen nicht beizukommen ist. Auch binnenwirtschaftliche Staatseingriffe wie etwa die besondere Förderung technologieintensiver Güter20 erscheinen indessen eher ungeeignet, jedenfalls wenn man nicht ohnehin der Meinung ist, die Lenkung des Wirtschaftsablaufs sei in den Händen des Staates besser aufgehoben als beim Mechanismus von Markt 18 Dieser Vorgang wird in der Literatur meist ohne nähere Begründung mit einer Verschlechterung der Terms of Trade identifiziert, vgl. z. B. Härtel (1983 b), 150, Horn (1983), 38. Dies ist jedoch unzulässig, wie Haberler bereits 1952 gezeigt hat, vgl. Haberler (1965): Zwar steigen im Falle einer Abwertung tendenziell die Importpreise in Inlandswährung und es sinken die Exportpreise in Auslandswährung, jedoch lassen sich daraus keineswegs ohne weiteres Rückschlüsse auf die Relation von Exund Importpreisen in jeweils gleicher Währung ziehen. (Man denke nur an den einfachsten Fall eines kleinen Landes, welches sich gegebenen Weltmarktpreisen gegenübersieht und somit ex definitione seine Terms of Trade gar nicht durch monetäre Manipulationen verändern kann.) Der Exportanreiz entsteht nicht durch Preiszugeständnisse an das Ausland in Form verschlechterter Terms of Trade, sondern einfach durch die zusätzliche Devisennachfrage der eigenen Notenbank im Zuge der Wechselkursmanipulation. 19 Natürlich ist dies eine statische Betrachtung, der man mögliche »Gewinne4 in Form von vermehrter wirtschaftlicher Dynamik entgegenhalten könnte, vgl. Sievert (1979), 834f. Es bleibt aber zu fragen, inwieweit ein auf Täuschung bzw. Manipulation zurückgehender Exportboom überhaupt wünschenswert ist und ob es nicht weniger kostspielige Wege der ,Wirtschaftsankurbelung' gibt, als dem Ausland ständig Exportüberschüsse gegen unproduktive Devisenhorte aufzudrängen. (Daß die Verzinsung dieser Horte später dem Staat in Form von Zentralbankgewinnen zufällt, ist eine besondere Ironie dieser Art von Förderung der privaten Wirtschaftstätigkeit.) 20 So z. B. Roth (1984). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46
502 Ulrich van Sun tum und Wettbewerb: So sicher es ist, daß der Wechselkursmechanismus stets zureichende Exportmöglichkeiten zur Bezahlung der Importe schafft, so wenig läßt sich darüber aussagen, welche Exportgüter dies sein werden und welche Unternehmungen in der Lage sind, diese kostengünstig zu entwikkeln und anzubieten. IV. Wettbewerbsfähigkeit und Kapitalmobilität Die bisherigen Überlegungen legen die Schlußfolgerung nahe, daß es sich beim Begriff der internationalen Wettbewerbsfähigkeit um eine Chimäre, ein Scheinproblem infolge ungenauen Denkens handelt, das allenfalls geeignet ist, bedenkliche staatliche Eingriffe in den Wirtschaftsablauf zu provozieren. Auf die bisher behandelten Interpretationen des Begriffs dürfte dies auch weitgehend zutreffen: Eine Volkswirtschaft kann nicht wettbewerbsunfähig werden in dem Sinne, daß sie aufhören müßte, wirtschaftlich zu existieren, da ihre Produktionsfaktoren weitgehend immobil sind und sich mit den gegebenen Möglichkeiten wohl oder übel arrangieren müssen. Hierin - und nicht in dem Tatbestand einer eigenen Währung21 - ist der wesentliche Unterschied zum Problem der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Regionen oder Branchen zu sehen. Von dem Immobilitätsverdikt ausgenommen ist jedoch der Faktor Kapital, jedenfalls soweit er nicht bereits in immobilem Realkapital (etwa der Infrastruktur) gebunden ist. In der Anziehungskraft eines Landes auf internationales Kapital könnte daher eine weitere, möglicherweise sinnvollere Definition internationaler Wettbewerbsfähigkeit liegen, die abschließend geprüft werden soll. Dadurch ließe sich möglicherweise auch eine Verbindungslinie zu jenen neuen Ansätzen ziehen, die die Standortund Investitionspolitik multinationaler Konzerne zum Hauptgegenstand internationaler Wettbewerbsfähigkeit machen.22 Es ergibt sich zunächst der interessante Widerspruch zu den vorher besprochenen Interpretationen, daß jene üblicherweise mit der Vorstellung einer aktiven Leistungsbilanz verbunden sind, während der Zufluß von 21 So die übliche, z. B. von Horn (1983), 40, vertretene Auffassung. 22 Vgl. dazu Börner (1984); die Bevölkerung und damit der Faktor Arbeit eines Landes kann i. a. als immobil in bezug auf die Grenzen dieses Landes betrachtet werden, zumal einer staatenübergreifenden beruflichen Mobilität in den meisten Ländern auch gesetzliche Schranken entgegenstehen. Es gibt allerdings wichtige Ausnahmen, z. B. innerhalb der EG, die auch Bevölkerungsverluste eines wirtschaftlich schwachen Landes in relevantem Ausmaß ermöglichen. Für solche Länder stellt sich dann das Problem ihrer Wettbewerbsfähigkeit in ähnlicher Weise wie für wirtschaftsschwache Regionen innerhalb einer Volkswirtschaft, d. h. es handelt sich um ein Problem der Regionalpolitik, dem mit den üblicherweise unter dem Stichwort „internationale Wettbewerbsfähigkeit" diskutierten Analysen und Maßnahmen nicht beizukommen ist. Dieser Fall wird daher hier nicht weiter betrachtet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.5.495 | Generated on 2023-04-04 12:07:46