Die Leute im Norden Afghanistans Mentalität und wirtschaftliche Entwicklung
Abstract
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Full text
Hondrich, Karl Otto Article Die Leute im Norden Afghanistans Mentalität und wirtschaftliche Entwicklung Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Hondrich, Karl Otto (1965) : Die Leute im Norden Afghanistans Mentalität und wirtschaftliche Entwicklung, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 85, Iss. 2, pp. 199-222, https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291078 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die Leute im Norden Afghanistans Mentalität und wirtschaftliche Entwicklung Eine empirische Studie Von Karl Otto Hondrich, Andernach In der anschwellenden Literatur über Entwicklungsländer setzt sich zusehends die Erkenntnis durch, daß der Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung nur als Teilaspekt eines weitgreifenden sozio-kulturellen Wandels verstanden werden kann. Entsprechend werden soziale und psychologische Faktoren zur Erklärung des stationären Zustandes der ökonomischen Unterentwicklung und des dynamischen Wachstumsprozesses herangezogen1. Die zahlreichen Hypothesen, die über die Zusammenhänge zwischen Sozialstruktur und dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung aufgestellt und allgemein akzeptiert wurden, erweisen sich bei näherem Hinsehen jedoch oft als ungesichert. Sie beruhen meist auf einer Verallgemeinerung der in westlichen Ländern beobachteten Wachstumsbedingungen2, die entweder empirisch überhaupt noch nicht überprüft worden sind oder durch vorhandenes empirisches Material nicht bestätigt werden3. 1 Vgl. zum Beispiel die Standardwerke W. Arthur Lewis: The Theory of Economic Growth. Homewood/IU. 1955; N. S. Buchanan und H. S. Ellis: Approaches to Economic Development. New York 1955; L. W. Shannon (Hrsg.): Underdeveloped Areas. New York 1957; Benjamin Higgins: Economic Development. New York 1959; B. F. Hoselitz: Sociological Aspects of Economic Growth. Glencoe/Ill. 1960; Walt W. Rostow: The Process of Economic Growth. Oxford 1960; E. E. Hagen: On the Theory of Social Change — How Economic Growth begins. Homewood/IU. 1962; Peter Heintz (Hrsg.): Soziologie der Entwicklungsländer. Köln-Berlin 1962. 2 Ein Beispiel dafür ist die aus der westlichen Kultur übernommene Annahme, daß Individualismus wirtschaftlicher Entwicklung förderlich sei, während die Verpflichtung gegenüber der Großfamilie die Leistung des einzelnen behindere, da die Frucht dieser Leistung auf zu viele verteilt wird. Es ist aber genauso gut denkbar, daß einunddieselbe Institution — Großfamilie — in der westlichen Kultur leistungshemmend, in der östlichen Kultur mit einem anderen Wertsystem anspornend wirken kann. Vgl. Lewis: a.a.O. S. 13 f. 3 David C. McClelland (The Achieving Society. Princeton 1961. S. 189.) stellt fest, daß das von ihm gesammelte vergleichbare empirische Material die so plausible These vom Zusammenhang zwischen Fatalismus und stagnierender Gesellschaft nicht bestätigt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
200 Karl Otto Hondrich Der Weg zu einer allgemeinen Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung muß deshalb noch mit einer großen Anzahl von Fallstudien gepflastert werden, „die den Beginn und Verlauf des entwicklungstheoretisch relevanten Verhaltens innerhalb einzelner Gesellschaften durchleuchten"4. Die hier vorgelegte Studie ist als ein Beitrag der sozialökonomischen Verhaltensforschung zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung gedacht. An Hand von rund 40 Interviews, von denen 34 zur Auswertung brauchbar waren, sollen drei Fragen erörtert werden: Wie läßt sich der Grad traditionellen Denkens empirisch feststellen? Welche soizio-ökonomischen Faktoren stehen mit der Traditionsbestimmtheit des Denkens (ursächlich?) in Zusammenhang? In welcher Weise und in welchem Ausmaß ist der Faktor Mentalität für die Erklärung wirtschaftlicher Entwicklung relevant? Im Mittelpunkt unserer Analyse steht also die Mentalität oder Denkweise wirtschaftlich handelnder Menschen. Dieses psychologische Phänomen kann hier nicht umfassend, sondern nur unter einigen, als ökonomisch relevant erachteten Aspekten behandelt werden. Unter diesen Aspekten kann das Denken einer Person einen (zu definierenden) hohen oder geringen Grad von Traditionsbestimmtheit aufweisen. Die Frage ist, wovon der Grad der Traditionsbestimmtheit abhängt und welchen Einfluß er auf die wirtschaftliche Entwicklung hat. Die Antworten, die Untersuchungen in verschiedenen Gesellschaften darauf geben können, weisen vermutlich viele den Theoretiker fesselnde Ähnlichkeiten auf. Sie mögen aber auch Unterschiede zutage fördern, die kulturspezifisch zu erklären sind. Deshalb ist es nötig, die betreffende Gesellschaft, in unserem Falle Afghanistan, kurz zu schildern. Afghanistan auf der Schwelle wirtschaftlicher Entwicklung Afghanistan gehört zu den Ländern mit dem niedrigsten Entwicklungsstand in der Welt. Wirtschaftlich wird diese Tatsache durch ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von rund 50 US-$5 und eine zu etwa 4 Günter Schmölders: Der Beitrag der Verhaltensforschung zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. In: Systeme und Methoden in den Sozialwissenschaften. Erwin von Beckerath zum 75. Geburtstag. Tübingen 1964. S. 382. Für die Anregung, die in diesem Aufsatz entwickelten Hypothesen am Beispiel Afghanistans nachzuprüfen, ist der Verfasser seinem Lehrer Günter Schmölder» zu Dank verpflichtet. Der unter der Leitung von Schmölders entstandene Forschungsbericht aus British-Honduras von Burkhard Strümpel (Psychologische Voraussetzungen des wirtschaftlichen Wachstums in Entwicklungsländern) hat, besonders im Hinblick auf die Interview-Fragen, als Vorlage gedient. 5 Geschätzt 1949 und 1953 von den Vereinten Nationen und M. L. Watkins; vgl. Charles P. Kindleberger: Economic Development. New York-Toronto-London 1958. S. 6. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 201 90% von der Landwirtschaft lebenden Bevölkerung angezeigt;politisch durch das Fehlen Jeglicher institutionalisierter Gruppen wie Parteien und Gewerkschaften, durch die die Bevölkerung Interessen artikulieren und am politischen Leben teilnehmen kann; sozio-kulturell dadurch, daß vielleicht 5 °/o der Bevölkerung lesen und schreiben können, 1.2 % in einer Stadt mit mehr als 100 000 Einwohnern leben, daß auf etwa 1500 Personen ein Radio und auf 900 ein Zeitungsexemplar kommt6. Die afghanische Gesellschaft ist bis in die jüngste Vergangenheit hinein durch Jahrhunderte hindurch stationär und traditionsbestimmt geblieben: mit einem Wertsystem, in dem Ehre und Gastfreundschaft, Blutrache und kriegerische Tapferkeit dominieren7; in dem die Verpflichtung gegenüber Familie und Sippe an Stelle von Nationalbewußtsein und Individualismus steht; in dem Gehorsam gegenüber dem Mann und Familienältesten und die Befolgung der religiösen Vorschriften sich ergänzen. Fragt man nach den Gründen für die Unterentwicklung des Landes, so wird man immer wieder auf dieses Wertsystem in Verbindung mit einem autokratischen politischen System zurückgeführt: Die Könige Afghanistains hatten ihre Herrschaft ständig gegen die Selbständigkeitsbestrebunigen der Stämme und, seit Beginn des 19. Jahrhunderts, gegen die Einflüsse Englands und Rußlands zu behaupten8. Opposition und abweichendes Verhalten wurden unterdrückt. Kontakte mit dem Ausland waren feindseliger Art, und erst nach dem dritten englisch-afghanischen Krieg 1919, der mit der Anerkennung auch der außenpolitischen Souveränität des Landes endete — Afghanistan war nie eine Kolonie —, begann der fortschrittliche König Amanullah mit der Modernisierung des Landes. Er wollte zuviel in zu kurzer Zeit und wurde 1929 von konservativen Gruppen gestürzt. Zu den entscheidenden politisch-sozialen Gründen, die für die Unterentwicklung Afghanistans verantwortlich sind, kommen noch geographische und ethnische. Das Gebirgsland ist von Rußland, Persien und Pakistan eingeschlossen, hat keinen Zugang zum Meer und ist nur schwer dem Verkehr zu erschließen. Wegen Wassermangels ist nur ein kleiner Teil des rund 640 000 qkm großen Landes landwirtschaftlich nutzbar. Die Bevölkerung, die auf 9 bis 14 Millionen geschätzt wird, besteht hauptsächlich aus Paschtunen (im Süden und Osten des Landes) und Tadjiken und großen Minderheiten von mon6 Vgl. G. A. Almond und J. S. Coleman: The Politice of the Developing Areas. Princeton 1960. Appendix. 7 Vgl. L. Dupree: A Note on Afghanistan. American Universities Field Staff Reports Service. New York 1960. S. 17 ff. 8 Vgl. Dupree: a.a.O.; ders.: Afghanistan^ Big Gamble. a.a.O.; D. N. Wilber: Afghanistan. New Haven/Conn. 1962. S. 11 ff.; W. K. Fraser-Tytler: Afghanistan. A Study of Political Developments in Central and Southern Asia. London 1953. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
202 Karl Otto Hondrich golischen Hasaras, Usbeken und Turkmenen. Daneben gibt es noch ©ine Reihe von kleineren ethnischen Gruppen. Man schätzt 2 bis 2,5 Millionen Paschtu-Nomaden. Die beiden offiziellen Sprachen sind Persisch und Paschtu. Gegenüber dem Integrationsproblem, das Afghanistan auch in außenpolitische Schwierigkeiten gebracht hat9, ist das Ziel der wirtschaftlichen Entwicklung in der Vergangenheit im Hintergrund geblieben. Seit dem Scheitern Amanullahs, der, das Beispiel Atatürks vor Augen, das traditionelle Muster der afghanischen Gesellschaft mit einem Schlag durch ein westlich-modernes ersetzen wollte, hielt sich die politische Führung mit Neuerungen zurück. Erst im Laufe des letzten Jahrzehntes wurden — unter dem Eindruck der weltweiten Entwicklungsideologie — „Wirtschaftliche Entwicklung", „Sozialer Wandel" und ^Demokratie" zu Hauptsdilagworten der Regierungspolitik. Durch die neue Verfassung vom Oktober 1964 — die erste stammt aus dem Jahr 1931 —, in der Grundrechte und Parteigründungen und die Trennung von Königshaus und Regierung postuliert werden, soll die kleine Gruppe der fortschrittshungrigen, zum Teil im Westen ausgebildeten Intellektuellen auch ideologisch in die Regierung integriert werden. Die bestehende Herrschaftsund Besitzstruktur und die Rolle des Islam als Staatsreligion werden jedoch nicht angetastet. Das zeigt, wie sich die Monarchie gegen eine mögliche progressive Opposition nach links und die noch mächtigen konservativen Gruppen der Großgrundbesitzer und Geistlichen nach rechts abzusichern versucht. Die autokratische Herrschaftsstruktur in Verbindung mit der Armut und Unwissenheit des Volkes bringt es mit sich, daß soziale Veränderungen jeder Art niur durch die politische Führung un/d den durch sie initiierten Kontakt mit fremden Kulturen herbeigeführt werden können. Direkte Eingriffe in die soziale Struktur, deren Auswirkungen allgemein merklich sind und religiös interpretierte traditionelle Verhaltensweisen in Frage stellen, stoßen dabei auf größere Widerstände als allmähliche Strukturänderungen durch die Einführung neuer Produktionsweisen, deren Vorteile leichter begreiflich zu machen sind. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß die von Amanullah schon in 9 Um sich die unabhängigkeitsliebenden Bergstämme der Paschtunen gewogen zu halten, fordert die afghanische Regierung eine Volksabstimmung im paschtunischen Teil Pakistans, die zu einem unabhängigen Staat Paschtunistan führen soll. Die heutige Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan wurde 1893 als Durand-Linie von den Engländern gezogen. Von 1961 bis 1963 war die Grenze als Folge des Paschtunistan-Konflikts geschlossen, was den afghanischen Außenhandel und die von den USA finanzierten Entwicklungsprojekte stark beeinträchtigte. Vgl. L. Dupree: „Pashtunistan": The Problem and its Larger Implications. a.a.O. 1961. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 203 den zwanziger Jahren erfolglos dekretierte Entschleierung der Frauen erst 1959 vorsichtig verwirklicht wurde10. Größere Industriebetriebe dagegen wurden schon Mitte der dreißiger Jahre gegründet11. Vorher gab es nur eine Munitionsund Münzfabrik aus dem Jahre 1887, zwei kleine Betriebe für Wollverarbeitiung, eine Steinschleiferei, eine Streichholzfabrik und zwei kleine Elektrizitätswerke. Alle waren von der Regierung gegründet und standen, mit einer Ausnahme, in Kabul. Als 1933 mit Regierungsbeteiligiung die Bänke Milli als erste Bank in Afghanistan gegründet wurde und ein Außenhandelsmonopol bekam, finanzierte sie aus dem Export von Baumwolle, Wolle und Karakulfeilen die ersten Industriebetriebe im Norden Afghanistans: eine Baumwollund ölfabrik in Kunduz (1936), eine Zuckerfabrik in Baghian (1939) und eine Textilfabrik in Pul-i-Khumri (1941). Nach dem Kriege wurde dieses nördliche „Industriegebiet" erweitert durch eine staatliche Kohlenmiine, eine Zementfabrik und ein Elektrizitätswerk in Pul-i-Khumri, durch eine private Baumwollfabrik in Mazar-iSharif und durch ölund Erdgasbohrungen, die vor einigen Jahren in der Provinz Shibergan begonnen haben. Während in der Hauptstadt Kabul außer einigen größeren Werkstätten, einem Schlachthof und einer Lederfabrik keine nennnenswerte Industrie wuchs, entstand 60 km nördlich eine Zementfabrik und ein großes Textilwerk, im Südosten ein Kraftwerk (zwei weitere sind im Bau) und in der südlichen Provinzstadt Kandahar eine obstverarbeitende Fabrik. Es ist bemerkenswert, daß die Bankund Industriegründungen der dreißiger Jahre auf die Initiative eines einzigen Unternehmers zurückgehen, der es verstand, mit der Bänke Milli Kapital zu mobilisieren und damit erstmals eine Gruppe von Kapitalisten ins Leben rief12. Ebenso kennzeichnend für die Wirtschaftsmentalität in Afghanistan ist es, daß diese Unternehmerpersönlichkeit die Ausnahme blieb, daß sie vom Staat als Wirtschaftsminister in Anspruch genommen wurde und schließlich, als der Staat der nunmehr ganz privaten Bänke Milli immer mehr Beschränkungen auferlegte, außer Landes ging. Es zeigt sich, daß eine wesentliche Bedingung für wirtschaftliche Entwicklung, „das Vorhandensein einer fähigen, hinreichend ausge10 Vgl. L. Dupree: The Burqa Cornea Off. a.a.O. 1959. Noch heute will die Mehrheit eines Samples von afghanischen Studenten und Studentinnen den Frauen das Recht verweigern, einen Nicht-Moslem zu heiraten, während sie auf der anderen Seite das Ziel der wirtschaftlichen Entwicklung für wichtiger erklärt als die Erhaltung der Religiosität. Vgl. K. 0. Hondrich: Die Einstellung afghanischer Studenten zum Sozialen Wandel. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. 1964. Heft 4. 11 Vgl. Survey of Progress 1961—1962. Ministry of Planning. Kabul 1963. S. 13; E. Rhein: Probleme der Industrialisierung in Afghanistan. Wirtschaftsdienst. Mai 1963. S. 199 ff. 12 Vgl. Wilber: a.a.O. S. 145 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
204 Karl Otto Hondrich bildeten Elite von (privaten) Unternehmern oder (staatlichen) Organisatoren, die das vorhandene technische Wissen den in ihren Gesellschaften gegebenen Voraussetzungen anpassen und nutzbar machen können6'13, in Afghanistan nur unzureichend erfüllt ist. 1956 begann, unter dem Stichwort „gelenkte Wirtschaft", der erste Fünf-Jahres-PIan. Aber trotz der in ihm vorgesehenen Vergünstigungen, mit denen die Privatindustrie gefördert werden soll14, regte sich so gut wie keine private Initiative: Im zweiten Fünf-Jahres-Plan ist eine private Investitionsbeteiligung von weniger als 1 Prozent angesetzt. Auch «ausländische Privatinvestitionen in Afghanistan sind verschwindend gering. Das hängt, wie Hinrichs15 nachzuweisen versucht hat. mit politisch-administrativer Unzulänglichkeit, also der mangelnden Qualifikation der staatlichen Organisatoren zusammen, deren steuerliche und andere Anreize nicht klar und eindeutig genug sind. Sieht man näher hin, dann sind weder die Privaten noch der afghanische Staat mit seinen Fünf-Jahres-Plänen die eigentlichen Träger der wirtseh.aftlichien Entwicklung. Ausländische Staaten, in erster Linie die Sowjetunion, die USA und die Bundesrepublik stellen nicht nur rund zwei Drittel des Kapitals für die Entwicklungsprojekte16, sondern wetteifern auch durch ihre Fachleute bei der Ausführung der Projekte und bei der Gesamtplanung17. Im Hinblick auf eine leistungsfähige administrative und unternehmerische Elite ist die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans weit entfernt davon, sich selbst vorantreiben zu können. Wie steht es aber mit einer zweiten wesentlichen Entwicklungsbedingiung, der „Bereitschaft der Mehrheit der Bevölkerung, ihre angestammten Erwerbsund Lebensverhältnisse zugunsten lukrativerer neuer aufzugeben"?18 Hypothesen und Methoden der Untersuchung Die Frage soll auf einem Umweg beantwortet werden. Zunächst madien wir eine Reihe von Annahmen über die Traditionsbestimmtheit des Denkens. Je nachdem die Antworten diesen Annahmen entsprechen, ordnen wir die Befragten in eine Skala ein, in der die 13 Schmölders: a.a.O. S. 370. 14 Vgl. Survey of Progress: a.a.O. S. 14. 15 Vgl. H. H. Hinrichs: Sicherheit als Kriterium: Die Besteuerung ausländischer Investitionen in Afghanistan. Übersetzt aus: National Tax Journal. June 1962. 16 Vgl. Survey of Progress 1962—1964: a.a.O. S. 1 ff. 17 Im Planungsministerium arbeiten russische, amerikanische, deutsche und UN-Berater. 18 Schmölders: a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 205 „Fortschrittlichen" obenan, die „transitionals" in der Mitte und die „Traditionellen" am Ende stehen. Die Klassifizierung wird durch Beispiele illustriert. Sie erfolgt auf Grund der geäußerten Meinungen der Personen — nicht an Hand von Realfaktoren. Der Zusammenhang zwischen Meinungen und Realfaktoren wird in einem folgenden Abschnitt erörtert. Abschließend werden die drei Hypothesen dieser Untersuchung geprüft: 1. Personen, deren Denken traditionsbestimmt ist, zeigen keine Bereitschaft, ihre angestammten Erwerbsund Lebensverhältnisse zugunsten neuer lukrativerer aufzugeben. 2. a) Das Fehlen dieser Bereitschaft erklärt den Zustand der Unterentwicklung, b) Das Vorhandensein der Bereitschaft verursacht wirtschaftliche Entwicklung. 3. a) Das Fehlen einer unternehmerischen und administrativen Elite erklärt den Zustand der Unterentwicklung, b) Das Vorhandensein einer solchen Elite verursacht wirtschaftliche Entwicklung. Das Material für die Untersuchung wurde auf einer 14tägigen Studienreise mit Studenten der Abschlußklasse der Wirtschaftsfakiultät Kabul in den Norden Afghanistans gesammelt. Die Interviews wurden nach einem Leitfaden mit 20 Fragen geführt, «der jedoch nicht in Erscheinung trat. Um dem Mißtrauen der Befragten soweit wie möglich z»u begegnen, knüpften der Interviewer19 und einer der Studenten als Übersetzer zunächst ein allgemeines Gespräch an, in dessen Verlauf sie sich als Lehrer und Schüler an der Universität mit Interesse an Land unid Leuten zu erkennen gaben. Die meisten Befragten, auch wenn sie im Anfang sehr zurückhaltend waren, zeigten sich dann aufgeschlossen — dem Fremden gegenüber vertrauensvoller als ihren eigenen Landsleuten. Nach dem Gespräch wurden die Antworten aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Die Auswahl der Befragten erfolgte willkürlich. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind die Fortschrittlichen und transitionals stark überrepräsentiert, weil es leicht ist, mit ihnen in Teestuben, an der Straße, in Fabriken ein Gespräch anzufangen. Es zeigte sich auch, daß in der Unterhaltung mit mehreren die Fortschrittlichen sich in den Vordergrund drängten. Um eine zu starke Kopflastigkeit der Ergebnisse zugunsten der Progressiven zu vermeiden, wurden auch Personen in ganz abgelegenen Gebieten aufgestöbert, denen der Kontakt mit Fremden ungewohnt war und die zu einem Interview zunächst nicht bereit waren. Bezeichnenderweise erscheinen sie ausnahmslos am unteren Ende der Meinungsskala. Kennzeichen traditionsbestimmten Denkens Es kann angenommen werden, daß traditionelles Denken sich darin äußert, daß bestimmte Fragen in einer bestimmten Weise beantworlft Klaus Tiepelmann steuerte vier Interviews bei, den Rest der Verfasser. Die Unterhaltung war in Persisch, in wenigen Fällen in Pasditu. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
206 Karl Otto Hondrich tet werden. Es muß jedoch berücksichtigt werden, daß ein und dieselbe Antwort von zwei verschiedenen Personen eine unterschiedliche Bedeutung haben kann, je nach der sozio-ökonomischen Lage der Personen und nach ihren Antworten auf andere Meinungsfragen. Der Grad der Traditionsbestimmtheit des Denkens einer Person soll deshalb nicht durch ihre Antwort auf eine Fraige, sondern durch die Summe der Antworten auf mehrere Fragen festgestellt werden. Audi muß, zur Bewertung der ausgedrückten Meinungen, die allgemeine Situation des Befragten in Betracht gezogen werden, obwohl die systematische Gegenüberstellung von Meinungen und Realfaktoren erst später erfolgt. Traditionelles Denken wird gekennzeichnet durch: 1. Das Nicht-Wahr nehmen oder negative Bewerten von Veränderungen. Frage: Denken Sie einmal zurück, wie es hier vor ungefähr 10 Jahren war. Haben sich die Verhältnisse seit der Zeit verändert? Wenn ja: Wie — verbessert — verschlechtert? Das Nicht-Wahrnehmen von Veränderungen braucht nicht immer auf traditionelles Denken hinzuweisen. Es muß an Hand weiterer Antworten geprüft werden, ob die Antwort „Nichts hat sich verändert44 nicht von einem Progressiven stammt, dem tatsächliche Änderungen nicht genügen; ferner muß beobachtet werden, ob es tatsächliche Veränderungen in der Umgebung der Befragten überhaupt gibt. 2. Den Wunsch, Wohnsitz und Erwerbstätigkeit auch als wohlhabender Mann beizubehalten. Frage: Wenn Sie genug Geld hätten: Was würden Sie damit anfangen? Würden Sie in Kabul oder irgendeinem anderen Ort wohnen wollen, oder würden Sie lieber hierbleiben? Bei der Bewertung der Antwort muß berücksichtigt werden, ob der Befragte schon vorher Mobilität bewiesen hat. 3. Die Weigerung, wegen eines Mehrverdienstes Beruf und Wohnort zu wechseln. Frage : Wenn Sie an einem anderen Ort, sagen wir mal in X, in der Fabrik das Doppelte von dem verdienen könnten, was Sie hier verdienen, würden Sie dann dorthin ziehen? Wenn ja: Audi wenn Sie Ihre Familie hierlassen müßten? 4. Die Meinung, daß das vorhandene Einkommen ausreicht, um ein anständiges Leben zu ermöglichen. Frage: Haben Sie genug Geld, um mit Ihrer Familie anständig leben zu können? A-traditionelles Denken setzt demnach einen gewissen Grad von Unzufriedenheit voraus, die ökonomisch als das Vorhandensein von dynamischen Bedürfnissen definiert werden kann. Eine traditionelle Denkweise läßt hingegen keine Diskrepanz zwischen Wünschen und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 213 von zu Hause weggegangen, weil unser ganzes Land das Reich des Islam ist"), aber die Motive für sein Verhalten sind ja viel vordergründiger. Denkweise und sozio-ökonomischer Status Mit welchen Merkmalen korreliert der Grad der Traditionsbestimmtheit des Denkens? Wegen der geringen Zahl der Befragten wäre es wenig sinnvoll, exakte Korrelationskoeffizienten zu errechnen. Wir beschränken uns deshalb auf die Erörterung augenfälliger Zusammenhänge. Keine Korrelation zeigt sich zwischen Denkweise und Alter oder Familienstand. Die Befragten sind alle Männer zwischen 20 und 60 Jahren, wobei das Durchschnittsalter etwa 30 bis 35 Jahre sein mag. Knapp die Hälfte von ihnen sind ledig. Zu der Gruppe der Fortschrittlichen gehören sowohl die ältesten als auch die jüngsten. Beruf . Ein deutlicher Zusammenhang besteht jedoch zwischen Mentalität und Beruf. Von den 34 Befragten leben 13 von der Landwirtschaft; von diesen arbeiten jedoch zwei noch nebenher in der Fabrik, einer betreibt Gelegenheitshandel, einer ist während 9 Monaten als Transporteur mit Kamelen unterwegs. Von denjenigen, die ausschließlich von der Landwirtschaft leben, ist einer Kleingrundbesitzer, der sein Feld nicht selber bearbeitet, sechs sind Kleinbauern auf eigenem Boiden, einer hat Land gepachtet, einer ist Landarbeiter. 14 /der Befragten können im weiteren Sinne als Arbeiter bezeichnet werden. Acht von ihnen sind in einer Fabrik beschäftigt, einer arbeitet als Gärtner, einer als von den Russen angelernter Mechaniker, einer ist Tankwart und einer Wärter einer Elektrizitätsstation, einer stellt von Hand Ziegel her, einer ist Maurergehilfe. Außerdem wurden ein Kellner, ein Metzger und ein Gerber befragt. Vier der Befragten sind Kaufleute, drei davon wohlhabend als Teppichhändler, Schuhfabrikant und Krämer, einer verkauft Melonen am Straßenrand (und war früher Vorarbeiter bei ausländischen Monteuren). Einer der Befragten ist Lehrer. Vergleicht man dieses Sample mit der Gesamtbevölkerung Afghanistans, von der an die 90 Vo in der Landwirtschaft, etwa 8°/o im Handel und nur ein verschwindend kleiner Teil in Verwaltung und Industrie (es gibt rund 20 000 Industriearbeiter) beschäftigt sind, so zeigt sich, daß die Industriearbeiter in unserer Befragung gegenüber der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung stark überrepräsentiert sind. Es kann also angenommen werden, daß die Mentalität, die bei den Landleuten vorherrscht, in Afghanistan viel weiter verbreitet ist, als aus unserer Untersuchung hervorgeht. Tatsächlich weisen die Bauern durchweg den höchsten Grad traditionsbestimmten DenOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
214 Karl Otto Hondridi kens auf. Jedoch deuten die beiden von uns angeführten Beispiele für progressives Denken darauf hin, daß nicht Grundbesitz an sich für traditionelles Denken verantwortlich gemacht werden darf, sondern vielmehr die Beschäftigung in der Landwirtschaft, die das Denken an das Nächstliegende fesselt. Nur ein (als Soldat dienender) Bauernsohn taucht in der Gruppe der „transitionals" auf — aber er stammt aus der Nähe von Kabul, ist zur Schule gegangen und hat starken zivilisatorischen Kontakt gehabt. Sein „Ausscheren" läßt sich also durch Faktoren erklären, auf die gleich zurückzukommen sein wird. Am anderen Ende der Mentalitätsskala ist das Bild nicht weniger eindeutig: Hier finden sich Fabrikarbeiter, der Lehrer und die Kaufleute (mit Ausnahme des Schiuhfabrikanten, der als Beispiel für die „transitionals" angeführt wurde). Der Lehrer und ein Arbeiter, der zugleich Bürgermeister eines Fleckens ist, äußern sich regelrecht im Sinne der vom Staat ausgegebenen Entwicklunjgsideologie. Die Mittelgruppe der „transitionals" ist beruflich am meisten gemischt. In ihr finden sich Handwerker, der Schuhfabrikant, der Kellner, ein nur vorübergehend in der Fabrik arbeitender Bauer, der nach Hause zurück will, ein stark religiös bestimmter Fabrikarbeiter und die nichtindustriellen Arbeiter, von denen der Maurer und Ziegelmacher allerdings izu den traditionsbestimmten Personen gehören. Wohnort und Mobilität. Die hochgradig traditionsbestimmten Personen wohnen am weitesten von Kabul entfernt auf dem Lande. Von ihnen haben weniger ihren Wohnort gewechselt als von den fortschrittlich Denkenden. Einige von ihnen haben jedoch Mobilität im engeren Umkreis bewiesen, um Verdienstchancen wahrzunehmen; sie bewegen sich, wenn auch /zögernd, auf die Städte ziu. Eigentümlich ist eine Mobilitätsrichtung, die bei nicht weniger als 12 Personen, mit einer Ausnahme alle Fortschrittliche oder transitionals, festzustellen ist. Sie haben die Hauptstadt Kabul verlassen, um sich in den „Industrieorten" des Nordens anzusiedeln. Als Gründe geben sie an, daß sie in Kabul kein Land bekommen konnten und zuwenig verdienten und daß die Preise in der Hauptstadt gestiegen seien. Hier zeigt sich eine Mobilitätstendenz, die der üblicherweise beobachteten Anziehungskraft der Hauptstädte in den Entwicklungsländern entgegenwirkt23. Sie ist in erster Linie dadurch \z.u erklären, daß Industriegebiet und Verwaltungszentrum in Afghanistan auseinanderfallen — wäre aber nicht denkbar ohne die positive Reaktion der „Hauptstädter" auf einen Anreiz zur Verbesserung ihrer materiellen 23 Wie stark dieser Tendenz auf der anderen Seite auch, ein starker Einzug in die Hauptstadt entgegensteht, kann hier nicht untersucht werden. Es ist jedoch bemerkenswert, daß es bei aller Elendigkeit der Behausungen in der Altstadt Kabuls keine Vorstadtsluros wie in vielen Hauptstädten Afrikas und Asiens gibt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 215 Situation. Es wäre allerdings voreilig, bei allen Personen mit erwiesener Mobilität eine fortschrittliche Denkweise oder gar ein ökonomisches Kalkiii vorauszusetzen. Zwar ergibt sich eine ganz eindeutige Korrelation (zwischen tatsächlicher horizontaler Mobilität und der geäußerten Bereitschaft, für einen Mehrverdienst iden Wohnort zu wechseln — von 23, die diese Bereitschaft äußern, sind 19 schon tatsächlich umgezogen —, aber das Verlassen »der Stadt kann auch auf reine Existenznot zurückzuführen sein und in eine Resignation münden, die die traditionelle Fügsamkeit ins .Schicksal potenziert. Ein Beispiel dafür ist der Ziegelinacher, Anfang 30 („Gott weiß wie alt ich bin"), der vor zehn Jahren aus Kabul kam und im hintersten Winkel von Taluqan verkrochen lebt. Er hat keinen Wandel bemerkt, besitzt weder Haus noch Boden und erklärt seinen Tagelohn von 20 Afghani für unzureichend. Aber trotzdem würde er bleiben, auch wenn er anderswo mehr verdienen könnte. — „Wir können nicht viel Geld haben. Wir bleiben immer arm. — Die Leute, die nicht lesen und schreiben können, können nicht Gouverneur werden. — Ich weiß nicht, ob mein Kind überhaupt groß wird. Ob es leben bleibt, ob es stirbt. Gott weiß es." Das Interview mit dem Ziegelmacher war das niederdrückendste. Seine Mobilität führt nicht vom Dorf zur Stadt, von Gleichgültigkeit zu Hoffnung — sie wird umgekehrt ausgelöst durch die Begleitumstände wirtschaftlicher Entwicklung und mündet im tiefsten traditionellen Fatalismus. Einkommen, Besitz und Familie. Eine direkte Korrelation zwischen Besitz, Einkommen und Familiengröße auf der einen Seite und dem Grad der Traditionsbestimmtheit des Denkens andererseits ergibt sich aus unserer Befragung nicht. Mit der Traditionsbestimmtheit des Denkens wächst allerdings die Unklarheit der Antworten. Fragt man nach dem Einkommen, dann heißt es, „ich weiß es nicht", „1000 Afghani oder 3000", „mein Einkommen zählt nicht, wenn ich nur Moslem bin"; Besitz ist „viel oder wenig", „3, 4, 5 Ziegen", „ein Haus — kein Haus"; die Zahl der Kinder ist „sechs oder sieben". Diese Art -zu antworten beruht also nicht nur auf der Schwierigkeit, in der Eigenwirtschaft Einkommen in Geld auszudrücken, sondern auf einer absichtlich ausgedrückten Gleichgültigkeit, hinter der meist auch Mißtrauen steckt. Das angegebene Einkommen variiert zwischen 300 Afghani (ungelernter junger Arbeiter) und 10 000 (Teppichhändler), die meisten Angaben liegen bei 600 oder 1000 Afghani. 13 Befragte bezeichnen ihr Einkommen als ausreichend, um ein anständiges Leben zu führen, fünf zeigen sich gleichgültig, neun halten es nicht für ausreichend OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
216 Karl Otto Hondrich und sieben geben keine Antwort oder wurden nicht direkt gefragt. Die Antworten „ausreichend" oder „ich weiß nicht, es kommt nicht darauf an" wiegen bei den Traditionsbestimmten vor. Die Anzahl der Personen, die von dem Einkommen leben müssen, reicht von 2 bis 16; die Angaben dazu und zur Größe der Familie sind so unklar, daß sich über sie nichts weiteres aussagen läßt24. Elf der Befragten haben ein Haus, sechs haben keins, alle anderen geben unklare oder keine Antworten. Zwölf besitzen Land — meist nur ein kleines Stück —5 elf behaupten, keinen Grundbesitz zu haben. Erziehung, Informiertheit, Kontakte. Neun der Befragten sind in eine staatliche Schule gegangen, aber nur sechs von ihnen haben wenigstens das sechste Schuljahr erreicht und können lesen und schreiben. Drei haben die Schule früher verlassen, weil sie keine Lust mehr hatten und weil sie Geld verdienen mußten — alle drei bedauern das heute. Zwei, der Lehrer und der Teppichhändler, haben auf traditionelle Weise privat von Geistlichen lesen und schreiben gelernt. Von den acht Befragten, die lesen und schreiben können, gehören sechs ziur oberen (fortschrittlicheren) Hälfte in der von uns aufgestellten Skala traditionsbestimmten Denkens. Noch deutlicher ist die Korrelation zwischen dem Besitz von Kommunikationsmitteln und Informiertheit auf der einen Seite und fortschrittlichem Denken andererseits. Zeitung lesen nur fünf Personen an der Spitze der Skala. Ein Radio besitzen zehn der Fortschrittlichen und zwei transitionals. Die meisten der traditionell Denkenden antworten aiuf die Frage, woher sie Neuigkeiten erfahren, daß sie kein Interesse daran haben, Neues zu hören. („Ich habe zwei Kühe und ein Stück Land. Ich brauche kein Radio".) Auf die Frage, wer das Land regiert, nennen neun den König, zehn den Ministerpräsidenten — die meisten davon beide in einem. Am unteren Ende der Skala lautet die Antwort einigemal: Gott und dann der König. Den Gouverneur ihrer Provinz kennen nur vier mit Namen — allerdings wurde diese Frage nur an 21 Personen gestellt, von denen einige ihre Unwissenheit damit entschuldigten, daß der Gouverneur neu im Amt sei. Während der Gouverneur nur Fortschrittlichen bekannt ist, wissen 24 Die Großfamilie (extended family), das Kernstück der traditionellen sozialen Struktur in Afghanistan, die manchmal einen Haushalt, oft eine Nachbarschaft bildet, besteht aus folgenden Mitgliedern — ausgehend von einer Person A: 1. A's Vater, Mutter und möglicherweise Stiefmütter (Der Koran erlaubt vier Frauen); Brüder des Vaters mit ihren Familien. 2. A und seine Frau oder Frauen; A's Brüder und ihre Familien; A's unverheiratete Schwestern. 3. A's Söhne und ihre Familien; A's unverheiratete Töchter. Vgl. Dupree: A Note on Afghanistan. a.a.O, S. 17 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 217 den Namen des Königs auch vier von den Traditionellen. Am klarsten zeigt sich der Zusammenhang zwischen fortschrittlichem Denken und Informiertheit in bezug auf die neue Verfassung, die etwa einen Monat vorher veröffentlicht worden war und eine Woche nach der Befragung in der nur zu seltenen Anlässen (zuletzt 1955) zusammengerufenen traditionellen Nationalversammlung (Loya Jirga) zur Diskussion stand: Neun der Befragten hatten von der Verfassung gehört (ohne allerdings über ihren Inhalt Bescheid zu wissen) — alle gehören ausnahmslos zu den Fortschrittlichen. Fünf von ihnen wußten von der Zusammenkunft der Loya Jirga, drei hatten sich bei der Wahl der Abgeordneten beteiligt. Nur einer der traditionell Denkenden — mit Schulbildung — wußte ebenfalls von der Loya Jirga. Von der Universität in Kabul hatten nur drei Fortschrittliche und einer der traditionials gehört (allerdings wurde diese Frage nicht allen gestellt). Die Mehrzahl der Befragten, 22, kannte die Hauptstadt Kabul vom Augenschein. Mit einer Ausnahme schilderten alle die Hauptstadt positiv. Nur einige Traditionsbestimmte hatten die Hauptstadt noch nicht gesehen. Zwei der transitionals waren schon im Ausland (Karachi und Mekka), drei hatten durch ihre Arbeit Kontakt mit Ausländern. Die Funktion des Faktors Mentalität im Prozeß der wirtschaftlichen Entwicklung Zeigen Personen mit traditionsbestimmtem Denken keine Bereitschaft, ihre angestammten Erwerbsund Lebensverhältnisse zugunsten besserer aufzugeben (Hypothese 1)? Im Hinblick auf diese Frage sollen die einzelnen Aspekte traditionellen Denkens untersucht werden. 1. Die Personen, deren Denken in traditionellen Bahnen verläuft, nehmen im allgemeinen keine Veränderungen in ihrer Lebenslage und sozialen Umwelt wahr. Dieses Merkmal traditionsbestimmten Denkens kann jedoch nicht ohne weiteres als mangelnde Bereitschaft ausgelegt werden, Neuerungen zu akzeptieren. Dies aus verschiedenen Gründen. Erstens besteht eine Korrelation zwischen Angelegenheit des Wohnortes und bäuerlichem Beruf einerseits und traditionellem Denken andererseits. Wenn die Bauern auf dem Land keine Veränderungen wahrnehmen, dann also vielfach deshalb, weil es keine gibt. Zweitens kann die Blindheit für tatsächlich eingetretene Veränderungen auf ein hohes Anspruchsniveau zurückzuführen sein, dem die Neuerungen nicht genügen. In diesem Falle hat sich das Denken in bezug auf die Ansprüche schon vom Hergebrachten gelöst — es zeigt aber eine Abseitsstellung der Befragten von der einsetzenden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
218 Karl Otto Hondrich Entwicklung an. Die traditionell denkenden Afghanen in unserer Untersuchung bezeugen nicht Ablehnung, nicht einmal Gleichgültigkeit gegenüber Veränderungen, sondern die Passivität von Leuten, denen nicht genug geboten wird, um sich zu regen. Das Nichtwahrnehmen von Veränderungen läßt also nicht auf mangelnde Bereitschaft schließen, sondern im Gegenteil «her auf eine Bereitschaft, die rein passiv ist. 2. Der Wunsch, auch als wohlhabender Mann am Heimatort zu bleiben oder dorthin zurückzukehren, ist nicht ein Kennzeichen nur der traditionell denkenden Menschen. Er bedeutet auch nicht Aversion gegen ¡das ungewohnte Stadtleben, wie die bewundernden Äußerungen über die Hauptstadt Kabul beweisen. Es sieht so aus, als ob gerade die typische Einstellung traditionsbestimmter Personen zur Wahl des Wohnortes und des Berufs, die sich in den Worten „es kommt auf Gott an" äußert, eine nicht ungünstige Voraussetzung für die Beweglichkeit zu besseren Verdienstmöglichkeiten ist. 3. Alle Fortschrittlichen und transitionals — mit zwei Ausnahmen — erklären sich bereit, für einen hundertprozentigen Mehrverdienst ihren Wohnort zu verlassen. Daß es sich hierbei nicht um eine unverbindliche Beteuerung handelt, geht aus ihrem hohen tatsächlichen Mobilitätsgrad hervor. Die Einstellung der Traditionellen zum Mehrverdienst ist geteilt: die Hälfte würde deshalb nicht von zu Hause weggehen, die andere Hälfte stellt die Entscheidung Gott anheim. Diese Antworten lassen nicht den Schluß zu, daß die Anhänglichkeit an den angestammten Wohnsitz als Merkmial traditionellen Denkens ein Hindernis für die zur wirtschaftlichen Entwicklung notwendige Beweglichkeit des Faktors Arbeit zu besseren Verdienstmöglichkeiten ist. Einmal erscheint ja die Seßhaftigkeit nicht als absoluter Vorzug, sondern wird nur einem fiktiven Mehrverdienst vorgezogen. Zum anderen ist dieser Mehrverdienst den Traditionellen, die abgelegen wohnen, kaum Informationen erhalten und keine Veränderungen wahrnehmen, zu wenig real, um als greifbare Alternative dienen zu können. Schließlich zeigen diejenigen, die die Entscheidung in Gottes Hand legen, aber tatsächlich innerhalb ihres Gesichtskreises mobil sind (die im vorigen Abschnitt angeführten Beispiele), daß der dominierende Aspekt traditionellen Denkens, die Religiosität, keineswegs die Seßhaftigkeit bestärkt, sondern im Gegenteil eine gewisse Beweglichkeit rechtfertigt, hinter der als treibendes Motiv die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wirkt. Auf Grund unserer Untersuchung erscheinen Ortswechsel und traditionelles Denken in Afghanistan nicht als Gegensatz. Mobilität liegt in der Tradition der Bevölkerung eines OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 219 Berglamdes, dessen wasserarmer Boden an einein Wohnund Weideplatz oft nicht geniug Nahrung für ein ganzes Jahr hergibt. 4. Die traditionell Denkenden erklären ihr Einkommen für ausreichend oder äußern sich unbestimmt: Nicht gut, nicht schlecht. Hieraus kann man nicht auf Zufriedenheit, wohl aber auf eine gewisse Bedürfnislosigkeit schließen: Es gibt zwar Anzeichen für das Bewußtsein der Armut auch bei den traditionell Denkenden; aber dieses Bewußtsein äußert sich nicht kritisch (wie bei den transitionals) und beileibe nicht aktiv in dem „Bestreben, das Mangelgefühl zu beseitigen". Es fehlt nicht so sehr an der Bereitschaft, dias Einkommen zu verbessern, als am Vorstellungsvermögen, wie das geschehen kann. So findet man sich mit dem ab, was man hat. 5. Traditionsbestimmte Personen können sich nicht in eine ihnen fremde Rolle versetzen. Drängt man sie trotzdem dazu, sich in der Rolle des Gouverneurs zu sehen, dann begreifen sie diese Rolle traditionell: „Ich würde die Leute nicht schlagen" oder „Ich würde die bestrafen, die Unrecht getan haben". In diesen Antworten spiegelt sich die Erfahrung eines autoritären Herrschaftssystems und die Unkenntnis der neuerdings progressiven politischen Ziele. Es erscheint jedoch nicht angebracht, daraus zu folgern, die traditionell Denkenden seien nicht bereit oder willens, neue Rollen zu übernehmen; sie sind vielmehr nicht darauf vorbereitet. 6. Traditionell denkende Personen stellen sich für ihre Kinder den gleichen Beruf vor wie für sich selber. Bei dieser Kennzeichnung traditionsbestimmten Denkens muß unterschieden werden, ob der Beruf erwünscht ist oder einfach als selbstverständlich hingenommen wird. Keiner der Befragten bejaht seinen Beruf in dem Sinne, daß er ihn für seine Kinder wünscht. Alle wollen sie ihre Kinder zur Schule schicken, damit sie einen höher bewerteten Beruf ergreifen können — die vier, die der Meinung sind, daß ihre Kinder die gleiche Arbeit tun werden wie sie selber, haben resigniert: „Wer kein Land hat, kann nicht in die Schule gehen". „Wenn ich in die Schule hätte gehen können, dann stände ich heute nicht hier!" „Ich weiß gar nicht, ob meine Kinder überhaupt groß werden". „Wer kein Haus hat, kann nicht in die Schiule gehen". Nur in diesen Antworten der Enttäuschten ist der von Rostow betonte Fatalismus auf lange Sicht zu spüren. Ansonsten ist die Übereinstimmung der Befragten in der Hoffnung erstaunlich, die sie in die Schulbildung setzen25. Die Schule scheint 25 D. Fröhlich spricht in einem (nicht zur Veröffentlichung bestimmten) Bericht über die südöstlich von Kabul gelegene Grenzprovinz Paktia ebenfalls von einer „überraschend positiven Einstellung zur formalen Erziehung". Im Gegensatz dazu sei zu Beginn der dreißiger Jahre bei Einführung der Schulpflicht das Mißtrauen und die Furcht, der Staat wolle die Söhne fortnehmen, groß gewesen und habe zu einem Schülerhandel geführt, dem die Söhne armer Eltern, die für OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
220 Karl Otto Hondrich den Ausweg zu öffnen, den die nächste Generation aus der Ratlosigkeit der heute Erwachsenen finden soll. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Hypothese 1 durch die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht bestätigt wird. Traditionelles Denken und die Bereitschlaft, neue Verdien/stehanoen wahrzunehmen, stehen in Afghanistan nicht in Widerspruch zueinander, sofern man Bereitschlaft als Bereit-Willigkeit versteht. Bei keinem der Befragten, deren Denken in traditionellen Bahnen verläuft, konnte irgendein Widerstand gegen mögliche Veränderunigen in seinem Leben festgestellt werden. Von einem Festklammern am Althergebrachten kann keine Rede sein. Auf der anderen Seite fehlt es aber am aktiven Bestrehen, Neuerungen einzuführen. Schul'd daran ist nicht die positive Bejahung der gegebenen sozio-ökonomischen Situation, sondern mangelndes Vorstellungsvermögen in bezug auf Alternativen. Dies führt dann zu einem Sich-Abfinden mit dem status quo, das leicht als Zufriedenheit mißverstanden wird. Es erscheint uns zweifelhaft, die Ergebenheit der Traditionellen in ihr Schicksal auf die Religion zurückzuführen, die vielmehr eine bloße Rechtfertigwngsfunktion erfüllt; der Islam wird von fortschrittlichen Gruppen, zum Beispiel Studenten, mit Leichtigkeit auch zur Rechtfertigung wirtschaftlicher Entwicklung interpretiert26. Bei den von uns Befragten erscheint Religiosität nicht als Hindernis für die zur wirtschaftlichen Entwicklung nötige Beweglichkeit. Mit Hypothese 1 fällt aus Hypothese 2. Wenn es den traditionell Denkenden, die in den abgelesenen und nicht entwickelten Gebieten des Landes wohnen, nicht an Bereitschaft zur Verbesserung ihres Lebensstandards fehlt, dann kann mangelnde Bereitschaft nicht die Ursache der Unterentwicklung sein. Damit wird jedoch nicht die psychologische Erklärung der Unterentwicklung beiseite geschoben. Sie läßt sich im Gegenteil um so präiziser formulieren: Die psychologische Ursache wirtschaftlicher Unterentwicklung in Afghanistan liegt nicht' in der fehlenden Bereitschaft des Großteils der Bevölkerung, auf Impulse zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zu reagieren, sondern in der Unfähigkeit, derartige Impulse zu geben. Ob man dieser Ursache weiter auf den Grund gehen kann, ohne 6ich im Kreis zu drehen, ist fraglich. Macht man für die Passivität der Bevölkerung das despotischautoritäre politische System verantwortlich, so schließt sich sogleich die Frage an, wieso sich kein wirksamer Widerstand erhob. Greift man auf den Fatalismus zurück, so erklärt auch er Trägheit nicht besser Geld anstelle der Reichen zur Schule geschickt wurden, ihren Aufstieg in Staatsämter verdanken. Vgl. auch H. Dawar: Wirtschaftsgesinnung und Steuermentalität in Afghanistan. Diss. Köln 1961. S. 45. 26 Vgl. Hondrich: a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
Die Leute im Norden Afghanistans 221 als umgekehrt Trägheit Fatalismus erklärt27. Es empfiehlt sich deshalb, sich mit einer Antwort zufrieden zu geben, die zwar das Problem der Unterentwicklunig nicht theoretisch löst, aber empirisch überprüfbar und entwicklungspolitisch relevant ist. Hypothese 2 und Hypothese 3 hängen zusammen. Das Fehlen eigener Initiative auch bei den fortschrittlich Denkenden, das mangelnde Vorstellungsvermögen für die Veränderbarkeit des Sozialen durch menschliche Anstrengung auch bei den transitionals erklären, warum die Gesellschaft keine Elite hervorgebracht hat, die technisches Wissen zu produktiven Zielen anwenden, geschweige denn dieses Wissen selber erarbeiten kann. Die Gruppe der Personen, die die Impulse zur wirtschaftlichen Entwicklung geben können, fehlt; sie fehlt, weil, wie gezeigt wurde, Passivität der Nährboden ist, in dem die geistige Persönlichkeit der Afghanen traditionellerweise wurzelt. So hietet die afghanische Gesellschaft das Bild von Bereitwilligen, denen es an konkreten Erwerbschancen mangelt. Die Impulse, die der Gesellschaft selber nicht innewohnen, werden von Ausländern und einigen im Ausland ausgebildeten Afghanen hineingetragen. So wie das Fehlen einer unternehmerischen und administrativen Elite — beruhend auf einer Tradition passiver Denkgewohnheiten — den Zustand der Unterentwicklunig erklärt, so kann nur das Wachsen einer solchen Elite — wenn auch nicht sie allein — zu wirtschaftlicher Entwicklung führen. Versuchen wir abschließend, aus diesen Ergebnissen eine entwicklungspolitische Schlußfolgerung zu ziehen. Billigt man dem Faktor Mentalität eine entscheidende Bedeutung für die Entwicklung eines Landes zu, so ergibt sich daraus das theoretisch kürzeste und praktisch längste Entwicklungsrezept: Erziehung zur Aktivität. Der vorrangige Aufbau eines Erziehungssystems zu diesem Ziel, mit der Hoffnung auf das Entstehen einer progressiv-tatkräftigen Elite, würde jedoch nicht nur mehr Zeit und Geld beanspruchen, als den unterentwickelten Ländern heute zur Verfügung stehen. Es ist wahrscheinlich, daß dieser Weg viele hochgespannte und unerfüllbare Erwartungen wecken und zu einem Heer von Enttäuschten führen würde. Wie oben dargelegt wurde, fehlt es auch bei traditionell denkenden Afghanen nicht so sehr an der Bereitschaft, neue Erwerbschancen wahrzunehmen, wie an den Chancen selber. Aufgabe der Entwicklungspolitik muß es demnach sein, Projekte genügend nahe an die abgelegen wohnenden Traditionellen heranzubringen, so daß für diese ein realer Anreiz geschaffen wird. Solange die unternehmerische Elite der knappste 27 Zudem haben McClellands empirisch-vergleichende Untersuchungen von Kindergeschichten ergeben, daß Menschen mit Zukunftsoptimismiis und Fortschrittsglauben eher in unterentwickelten Ländern als in Ländern mit schnellem Entwicklungstempo beschrieben wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22
222 Karl Otto Hondrich Faktor ist, muß sie importiert werden. Es ist jedoch anzunehmen, daß eine einheimische Elite, die imstande ist, selber Impulse zu geben statt nur zu reagieren, sich schneller an Hand von konkreten Vorbildern entwickeln kann als durch allgemeine Erziehung. Geht es darum, izu Beginn des Entwicklungsprozesses eine Rangordnung aufzustellen, nach der die verschiedenen Sektoren gefördert werden sollen, so spricht manches dafür, den unmittelbar produktiven Sektoren mit unternehmerischen Institutionen vor dem Erziehungswesen den Vorrang zu geben: Unternehmen haben selber einen Demonstrationsunsd Lehreffekt; und der Druck, der vom (staatlichen oder privaten) unternehmerischen Sektor auf das staatliche Erziehungswesen zur Ausbildung von Fachkräften ausgeübt wird, ist stärker und bestimmter als umgekehrt der Druck, der von einer zwar anspruchsvollen aber wenig tatkräftigen Gruppe von Schulabsolventen auf die Erweiterung der Produktionsmöglichkeiten ausgeht28. Wie die hier vorgelegte Untersuchung zeigt, steht Entwicklungspolitik in einem Land wie Afghanistan nicht vor dem Problem, Bereitschaft für Veränderungen zu wecken, sondern vor der Aufgabe, eine vorhandene Bereitschaft durch geeignete Anreize in Aktivität umzuwandeln und eine Elite heranzubilden, die selber in der Lage ist, Entwicklun/gsinipulse zu geben29. 28 Diese Überlegung beruht auf der Strategie des stoßweisen Wachstums (unbalanced growth), nach der Investitionspriorität den Sektoren oder Projekten zustehen soll, die den nachhaltigsten Drude auf die Entwicklung anderer Sektoren oder Projekte ausüben. Vgl. A. 0. Hirschman: The Strategy of Economic Development. New Haven and London 1958. S. 79. 29 Zu einem ähnlichen Schluß gelangt Strümpel: a.a.O., für Britisch-Honduras. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.2.199 | Generated on 2023-04-04 11:37:22