Lohnhöhe und Beschäftigung
Abstract
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Full text
Krelle, Wilhelm (Ed.); Haller, Heinz (Ed.) Book Lohnhöhe und Beschäftigung Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 11 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Krelle, Wilhelm (Ed.); Haller, Heinz (Ed.) (1955) : Lohnhöhe und Beschäftigung, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 11, ISBN 978-3-428-40845-0, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285419 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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Schriften des Vereins für Sozialpolitik Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 11 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
SCHRIFTEN DES VEREINS FÜR SOZIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 11 Lohnhöhe und Beschäftigung. Von Dr. Wilhelm Krelle und Prof. Dr. Heinz Haller Herausgegeben von Prof. Dr. Erich Schneider VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN 1955 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Lohnhöhe und Beschäftigung Von Dr. Wilhelm Krelle und Prof. Dr. Heinz Haller VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN 1955 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Alle Rechte vorhehalten Copyright 1955 by Duncker & Humblot, Berlin·Lichterfelde Gedruckt 1955 bei. Richard Schröter, Berlin SW 29 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Vorwort Der Theoretische Ausschuß des Vereins für Sozialpolitik hat in seinen Sitzungen im Januar 1953 in Dortmund und im September 1954 in Bad Nauheim die Beziehung zwischen Lohnhöhe und Beschäftig;ung erörtert. Den Diskussionen lagen die in dem vorliegenden Band veröffentlichten Referate von Dozent Dr. W. Krelle (Heidelberg) und von Professor Dr. H. Haller (Kiel) zugrunde. Herr Krelle beschäftigt sich mit den einzelwirtsch.aftlichen, Herr Haller mit den gesamtwirtschaftlichen Aspekten des Problems. Einige der im Anschluß~ ,an das Referent von Haller vor,getragenen Diskussionsbeiträge sind in ihrem vollen Wortlaut aufgenommen worden. Kiel, im Februar 1955 E. S c h n eid e r OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
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Inhalt Vorwort ...................................................... 5 Der Einfluß, von Lohnveränderungen auf Preise und Beschäftigung. Von Dr. WiLhelm Krelle, HeideIberg ........................ 9 Löhne und Beschäftigung. Von Prof. Dr. Heinz, Haller, Kiel .......................... 27 Diskussionsbeiträge 51 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
14 Wilhelm Kre1le ist die Arbeitsnachfrage also weniger starr (N* in Abb. 2a). Bei Lohnsteigerungen erfolgen mehr Entlassungen als im Monopolfall, denn die Mehrkosten können nicht wie beim Monopol durch Produktionseinschränkungen auf das Endprodukt überwälzt werden. Dafür werden bei Lohnsenkungen wieder mehr Arbeiter eing.estellt, denn bei Mehrproduktion geht jetzt der Preis des Endproduktes nicht zurück. Die Stellung der Arbeit in bezug auf die Durchsetzung von Lohnerhöhungen ist also schwächer, dagegen die Wahrscheinlichkeit, durch Nachlaß in der Lohnforderung Beschäftigung zu erhalten, größer. -Bei oligopolistischen Marktformen auf dem Absatzmarkt kann eine geknickte Nachpx* 1 1 N** 1 •• ' *\ \ N I ... ··Px** Xo N \: :1 ! I : 1 ! I ! 1 ; I Px**1 I I IPx* I I -------,~ \ " \ p x(a) ~------~----&---------------~----~------~a +Px PXo Abbildung 2 a fragekurve existieren: bei Preisnachlaß folgen auch. die Konkurrenten, so daß die abgesetzte Menge nur schwach steigt, bei Preissteigerunlg aber nicht, so daß die abgesetzte Menge schnell absinkt (Px ** in Abh. 2 a). Damit wird die Nachfragekurve nach Arbeit für niedrigere Löhne als der geltende Lohnsatz 10 starrer als im dargestellten Konkurrenzoder Monopolfall: Lohnsenkungen führen zu weniger Neueinstellungen, . da die Mehrproduktion nur zu schnell sinkenden Preisen abzusetzen ist. Für Lohnhöhen oberhalb 10 ist die Avbeitsnachfrage zwar starrer als bei vollständiger Konkurrenz, aber nicht so starr wie im Monopolfall: eine Lohnsteigerung läßt die Arbeitsnachfrage zwar weniger zurückgehen als bei Konkurrenz, aber' mehr als beim Monopol, da der überwälzungseffekt zusätzlicher Lohnkosten geringer ist (N** in Abb. 2 a). - Für die Durchsetzung von Lohnsteigerungen ist also die Marktform des MonopoIs auf dem Absatzmarkt am günstigsten, für die Erreichung von MehreinstelOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Einfluß von Lohnveränderungen auf Preise und Beschäftigung 15 lungen durch Lohnsenkungen dagegen die Marktform der Konkurrenz. - Die Arbeitsnachfragekurve hängt 3. ab von dem Verlauf der Funktion der sonstigen K 0 S t e n K* (a). (4) dK* d~K* Je steiler die da -Kurve, d. h. je größ,er da" -, um so steiler ist auch die Arbeitsnachfragekurve. Nun ist dK* dm. dp.. dS -da = P2 da + mz d-: + .... -+- da' also d2 K* __ d2 m, ,dm2 dp~, d2 p2, d'S da' - P2 da! + 2 da . da -;- m2 da" ,- .... --rda' Hierbei ist dP2 _ dp2 dm 2 dä- - dm, . - da-· und d2 pz d ~J2..! d dp2 dm. dp~ d2 m. dm2_~E.,- da" = da' da da . dm~ . da = dm~' da" + -da . da dm Demnach ist die Arbeitsnachfragekurve -ceteris paribus - um so steiler: 1. je höher der Preis der anderen Faktoren ist (p~, P3 ... ); denn dann ist eine Substitution anderer Faktoren für Arbeit bei Lohnerhöhungen ungünstiger; 2. je größer die Komplementarität der anderen Faktoren ist d2~:, ... ); denn um so mehr andere F,aktoren werden benötigt, da 2 um eine Arbeitseinheit zu ersetzen; _ 3. je geringer die Substitutivität der Arbeit ist (dm 2 ••• groß da oder -dd~ '" klein); denn dann besteht wenig.er Möglichkeit, m. Arbeit durch andere Faktoren zu ersetzen; 4. je starrer die Angebotskurve der anderen Faktoren (dP •... dm. groß); denn dann kann man ,andere Faktoren nur zur höherem Preis kaufen, um die Arbeit zu ersetzen; 5. je steiler die Angebotskurven der anderen Faktoren bei Ver- , ' dS mehrung der Arbeitsmenge werden (----.E:_ ... groß); denn um dadm~ so teurer ist eine Substitution der Arbeit bei Lohnerhöhungen; 6. je größer die eingesetzte Menge der anderen Faktoren ist (m2 ... ); denn um so stärker wirken sich die oben erwähnten Tendenzen aus; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
16 Wilhelm Krelle 7. je stärker die Vermehrung der Steuersumme bei zusätzlicher dZS Arbeit und damit zusätzlicher Produktion zunimmt (da" groß); denn· bei Lohnsenkungen wird die Tendenz zu Mehreinstellungen durch die damit verbundene steuerliche Mehrbelastung geschwächt; umgekehrt führt ein sehr geringes Maß von Entlassungen als Folge von Lohnsteigerungen zu sehr erheblichen Steuereinsparungen, so daß diese Entlassungen gering bleiben. Hier zeigt sich also deutlich der Einfluß der Verhältnisse auf den Märkten der übrigen Faktoren und die Substitutionsund Komplementaritätsbeziehungen der Faktoren untereinander. - Nun müssen wir uns vor Augen halten, daß die Ausgangsgleichung (3) nur ein e notwendige Bedingung für die Erreichung des Gleichgewichts ist. Eine anderee~halten wir durch die überlegung, daß Gewinnmaximierung gleichbedeutend ist mit Kostenminimierung. Wir fragen also, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Ausbringungsmenge mit den geringsten Kosten produziert wird. Um das Ergebnis auf einfache Weise graphisch darstellen zu können, sehen wir von der Existenz total komplementärer (limitationaler) Faktoren ab und nehmen nur die Arbeit a und den Faktor m~ alsl veränderlich an. Es sei a = a (m2) der geometrische Ort, auf dem x = const. ist (die Indifferenzkurve der Produktion, s. Abb. 3). Die Kosten für die Faktoren a und m2 sollen dort minimiert werden, d. h. es muß oder (5) d o = --- (1 . a + pz mz) dm2 da dl dp2. l' -.-- + a' -- +pz + m •. dm2 dm. dm2 _ da ___ P2 + _a_ . ~_ ..;.. m2• dp~ . , seIn . . dm~ . I 1 dm. dm2 Die letzten be~den Terme der rechten Seite sind Korrekturfaktoren für mengenabhängige Preise auf dem Absatzund Arbeitsmarkt. Der Einfachheit halber sehen wir von ihnen ab; ihre Berücksichtigung würde unser Ergebnis im Prinzip nicht verändern, nur die Erörterung und die graphische Darstellung erschweren. Dann besagt (5), daß im Gleichgewicht das Preisverhältnis zweier Faktoren reziprok· ihrer technischen Substitutivität (d. h. ihrer Ersetzbarkeit· im Produktionsprozeß oder nach Stackelberg: der Grenzrate der Substitution) sein muß: je größer die Ersetzbarkeit eines Faktors, um so geringer sein Preis im Gleichgewicht. Nehmen wir nun über einen gewissen Bereich (von Pj bis P~ in Abb. 3) eine volle Substitutivität von Arbeit und Maschinen einer gewissen Art an. Bei geringer Lohnhöhe 11 und der dann gültigen Kostengeraden Kl wird die Arbeitsmenge aj beschäftigt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Einfluß von Lohnveränderungen auf Preise und Beschäftigung 17 a ~----------------~~--------~--~m2 Abbildung 3 Sobald der Lohn eine gewisse Höhe 12 überschreitet, d. h. ab Kostengerade K2 bzw. K2*, erfolgt schlagartig die Substitution durch Maschinen. Die technische Kombination wiI1d grundlegend geändert. Statt der Arbeitsmenge ·al wird nur noch die Arbeitsmenge a2 beschäftigt. Wir müssen also in unsere überlegungen m ehr e r e Produktionsfunktionen x (a) einführen, die sich durch die eingesetzte Menge der übrigen F.aktoren (z. B. des Faktors m2) unterscheiden. Sobald die Lohnhöhe die nach Abb. 3 festgelegte kritische Höhe überoder x/I- ~1 ------------ x (a)m 2 = c2 für -t >1 1 N m2 =C1 ~---------------------------..a Abbildung 4 unterschreitet, wird von einer Pl'Oduktionsfunktion zur anderen übergegangen. In Abb. 4 sind zwei Produktionsfunktionen für m2 = Cl und m2 = C2 aufgetragen und die zugehörigen ArbeitsnachJfragefunktionen erster Näherung (Nm2 = Cl und Nm2 = C2). Sobald der Lohn die Höhe h überschreitet, wird zu der kapitalintensive ren Produktionsweise (m2 = C2) und damit zur anderen Arbeitsnachfragefunktion :2 Krelle·Haller OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
18 Wilhelm Krelle übergegangen: die all ge me i ne Arbeitsnachfragekurve hat ,also hier eine Unstetigkeitsstelle. -Bei voller Substitutivität von Arbeit und Maschinen liegt somit eine Lohnsteigerung über einen gewissen Punkt hinaus durchaus nicht im Interesse der Gesamtheit der Arbeiter. So berichtet z. B. J. T. Dunlop,4 daß die amerikanische Gewerkschaft der Glasbläser sogar selbst Lohns,enkungen vorgeschlagen hat, um die Einführung mech,anischer Gl.asbläserei zu verhindern. - Unterhalh des Tariflohnes 10 hat die Arbeitsnachfragekurve natürlich praktisch keine Bedeutung, da kein Angebot vorhanden ist. - Die bisherigen Ausführungen bezogen sich nur auf die Arbeitsnachfragekurve 'erster Näherung. Die Ergebnisse gelten aber auch für die Arbeitsnachfragekurve selbst, wie sie durch Einführung der beiden letzten Terme von (3) entsteht, da diese Hinzufügung nur eine additive Überlagerung bedeutet. D t d b·d T dpx dx ·bt em· en Tel·l ,des EI·ner erse er, el enerme x • _. -gl dx da flusses monopolistischer Marktformen auf dem Absatzmarkt wieder - und zwar den Teil, der dahin wirkt, die Stellung der Arbeit zu schwächen, d. h. die Arbeitsnachfragekurve "nach links" zu verrücken. Der Teil des Einflusses monopolistischer Abslatzformen, der dahin wirkt, die Arbeitsnachfrage starr,er zu machen :und ,also die Stellung der Arbeit zu verstärken, ist Ibereits in der ersten Näherung berücksichtigt. Abb. 5 (die im ersten und zweiten Quadranten d,asselbe Koorx(a) ~L ________ ~ dx , Cfci'1" .......... ~--- ~~---------r----------~---L~---------- __ a Px al x dpx dx ~ ·dxoda -x,-'(' Abbildung 5 4 J. T. Dun[op, "Wage Determination under Trade Unions", Oxford 1950, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Einfluß von Lohnveränderungen auf Preise und Beschäftigung 19 dinatensystem wie Abb. 2 besitzt) zeigt im ersten Quadranten zunämst die Produktionsfunktion x (a), die Grenzproduktivitätsfunktion :: und die gemäß Abb. 2 abgeleitete Arbeitsnachfragekurve erster Näherung N, im ZJWeiten Quadranten die Nachfr:agekurve nach dem Endprodukt px (x) und deren Ableitung dp x.5 Um den ersten Korrekturdx faktor zu erhalten, müssen wir zunächst letztere Größe mit x multiplizieren; diese Funktion ist im zweiten Quadranten au:flgetragen. Sie muß nun ihrerseits punktweise mit den zugeordneten Werten von ~~ multipliziert werden. "Zugeordnet" sind die Werte, die zum gleichen Produktionspunktgehören. Zum Produktionspunkt Pl gehört z. B. d dX 1 und Xl dd PX1 usw. Die resultierende Funktion x . dd Px . ~d?C ist im at Xl . X a vierten Quadranten (mit den Koordinatena und -x, - 1) aufgezeichnet. Sie ist negativ, da dpx neg,ativ ist. Ob sie steigt oder sinkt, dx ist apriori nicht zu sagen, da für große a der eine Faktor (~~) klein, der andere (x • <:!~) absolut genommen groß ist und mr kleine a dx umgekehrt. Bei einer starken Krümmung der Produktionsfunktion x (a) und damit sehr steiler Grenzproduktivitätskurve dx ist jedoch da ein leicht steigender Verlauf gemäß Abb. 5 wahrscheinlich. Diese Funktion muß nun graphisch von der Arbeitsnachfr,agefunktion erster Näherung N ,abgezogen werden. So entsteht die Arbeitsnachfragekurve zweiter Näherung N*. Wir sehen: sie ist nach "links" verschoben, d. h. die Arbeitsnachrfrage ist durch die monopolistische Miarktform auf dem Absatzmarkt zurückgegangen. Dieser RückJgang ist, wie uns die Formel des ersten Korrekturfaktors zeigt, um so stärker: 2* 1. je größer die Produktionsmenge x ist; denn der Preisfall, der durch eine vergrößerte Produktion veranlaßt ist, wirkt sich auf alle Einheiten aus; 2. je starrer die Nachfrage nach dem Endprodukt (dp~), denn um dx so vorteilhafter ist die Produktionseinschränkung; 3. je höher dias Grenzprodukt der Arbeit ist(dx) ,denn um so mehr da steigt die Produktion bei größerer Arbeiterzahl, um so mehr ; D 1 t t t·· t h b . dpx, . . a e z ere nega IV IS, a en WIr - --emgezeIchnet. dx OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
20 Wilhelm KreUe wird also auch der Preis des Endprodukts erniedrigt und damit eine Tendenz ausgelöst, Produktion und Beschäftigung zu verkleinern. - Der zweite noch einzufügende Korrekturfaktor - a dl gibt einen da Teil des Einflusses der Marktform ,auf dem Arbeitsmarkt wieder. Ein Teil des Einflusses ist im Verlauf der x (a) Kurve bereits berücksichtigt. In Abb. 6 ist die Arbeitsnachfragekurve zweiter Näherung N~, l(a) ~r-----~~-------L--~-------- __ a Abbildung 6 wie sie an Hand der Abb. 5 entwickelt wurde, in etwas verändertem Maßstab aufgetragen, ebenso die Arbeitsangebotskurve 1 (a) mit oder ohne Existenz von Gewerksch,aften. 10 ist der Tariflohn. Da wir uns bei der Analyse partieller Lohnveränderungen befinden, kann die Arbeitsnachfrage ziemlich preiselastisch angenommen werden. Die Ableitung ;; der Arbeitsangebotskurve und ihr Produkt mit der Ar,:, beitsmenge a dl sind gleichfalls eingezeichnet. Letztere Funktion wird da von der ArbeitsnachfI'lagekurve ~weiter Näherung N* graphisch abgezogen, und so entsteht die endgültige. Arbeitsiliachfragekurve N**. Wir sehen, daß ,die Arbeitsnachfragekurve durch die Existenz der Gewerkschaften, d. h. durch das voll elastische Arbeitsangebot beim Tarif 10' nai::h rechts verschoben wird . .ohne Gewerkschaften wäre auch die Arbeits n ach fra g e bei gleichem Lohn geringer (vgl. die gestrich'elte Arbeitsnachfragekurve in Abb. 6). Die Gewerkschaften verändern 'also nicht nur das Arbeitsangebot, sondern gleichzeitig auch die Arbeitsnachfrage zugunsten der Arbeiter. - Der zweite Korrekturfaktor zeigt, daßI die ArbeitsnachfrliJge um so mehr zurückgeht: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Einfluß von Lohnveränderungen auf Preise und Beschäftigung 21 1. je größer die Arbeitsmenge insgesamt ist; denn um so mehr kann durch Lohnsenkungen inifolge von Entlassungen an Lohnkosten gespart werden; 2. je starrer das Arbeitsangebot ist; denn um so größer sind die AuswiI1kungen von Entlassungen auf die Lohnhöhe. - Damit ist der Einfluß einer partiellen Lohnveränderung auf die Beschäftigung in einem Betrieb analysiert. Das Ergebnis ist, daß Lohnerhöhungen die Beschäftigung mehr oder weniger stark zurückgehen lassen. Das "mehr oder weniger" hängt von den vielen Faktoren ab, die oben im einzelnen aufgezeigt wurden. Eine Zunahme der Beschäd'tigung durch partielle Lohnerhöhungen in dem betroffenen Unternehmen, also eine anomale Nachfragereaiktion beim Faktor Arbeit ist nicht möglich. - Die bisherige Ableitung gilt streng genommen nur für die Ein~el unternehmung. Nur wenn alle Unternehmen die gleichen Kostenund Ertragsstruktur hätten (d. h. die gleiche x (a) -, K* - und 1 (a) - Funktion), würde diese Ableitung auch für die Branche zutreffen. Das ist nun gewiß nicht der Fall. Die Funktionen werden je nach den innerund außerbetrieblichen Verhältnissen (den Standortfaktoren) verschieden sein. Damit werden manche Unternehmen bei Lohnerhöhungen früher in die Verlustzone kommen, die ab einer bestimmten Lohnhöhe beginnt. Da Entlassungen bei Verlustbetrieben auch von den Gewerkschaften auf die Dauer nicht zu verhindern sind (wenn auch kurzfristig bei Verlusten, die kleiner sind als die fixen Kosten, weiter produziert wird), ist die Arbeitsnachfragekurve der Branche absolut genommen elastischer lals der gewogene Durchschnitt der Arbeitsnachfrage-Elastizitäten der Einzelunternehmen in ihrem Produktionsbereich: Lohnerhöhungen führen zu relativ mehr Entlassungen; denn zu den Entlassungen infolge geringerer Produktion kommen noch die Entlassungen infolge Schließung der Grenzbetriebe hinzu. - Die Abhängigkeit von Gewinn und Verlust von der Lohnhöhe ist in Abb. 7 analysiert. Dort sind zunächst im ersten Quadranten die Produktionsfunktion x (a) und die geltende Arbeitsnachfragekurve N =. I (a) eingetragen, im zweiten Quadranten die Nachfragekurve nach dem Endprodukt. Mit Hilfe der Produktionsfunktion transformieren wir letztere Funktion derart, daß wir den Preis des Endprodukts in Abhängigkeit von der lBeschäftigungsmenge a erhalten (Px (a) im ersten Quadranten). Das geschieht, indem wir für jeden Produktionspunkt (z. B. Pl) .für die betreffende Arbeitsmenge (z. B. at) den zugehörigen Preis des Endprodukts (z. B. PXl) auftragen. Px Ca) sind dann die Einnahmen pro Stück für die betreffende Beschäftigungsz·ahl. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
22 Wilhelm Krelle Hiervon ziehen wir die sonstigen Kostfn pro Stück K*, wie sie nach x Abb. 2 zu errechnen sind, ab und tra,gen die Lohnkosten pro Stück 1 . a auf. Hierzu brauchen wir nur die 1 (a)-Kurve punktweise mit x dem zugehörigen Wert von a zu multiplizieren und durch den zugehörigen Wert von x zu dividieren. Der positive oder negative Rest gegnüber der um den Kostenanteil der übrigen Faktoren verminderten Preisfunktion ergrbt den Gewinn bzw. Verlust pro Stück (siehe Abbildung 7 Abb. 7). Bei der Lohnhöhe 10 z. B. wird die Arbeitsmenge ao beschäftigt. Dadurch entsteht ein Gewinn pro Stück von der Größe Go. Mit steigendem Lohn wird dieser Gewinn immer geringer und macht schließlich einem Verlust Platz. - Nun haben wir uns mit dem Einfluß von Lohnveränderungen auf andere Preise zu besch,äftiogen. Wir wollen hier behandeln: 1. den ,Einfluß von Lohnveränderungen auf den Preis des Endproduktes, 2. den Einfluß von Lohnveränderungen aurf die Preise der übrigen Faktoren. Natürlich wirkt dieser Preis einfluß wieder weiter, aber das fällt außerhalb des Rahmens unser,es Themas. Zu 1.) Der Ein f 1 u ß v 0 on Loh n ver ä nd e run gen auf den Preis d e sE n d pro d u. k t e s. Dieser Einfluß ist mit dem bisherigen Apparat unmittelbar zu analysieren (Abb. 8). In einem Kool'dinatensystem wie in Abb. 2 sind im ersten Quadranten der Abb. 8 die Produktionsfunktion x (,a) und die endgültige Arbeitsnachfragelrurve N = 1 (a), im zweiten Quadranten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Einfluß von Lohnveränderungen auf Preise und Beschäftigung 23 die N.achfragefunktion nach dem Endprodukt eingetragen. Hier können wir die Wirkung von Lohnveränderungen auf den Preis des Endproduktes sofort ablesen: steigt der Lohn von 10 auf h, so sinkt die Produktion von Xo auf Xl; damit ste1gt der Preis des Endproduktes von Pxo auf pxl. Der Einfluß von Lohnveränderungen auf den Preis des Endproduktes ist demnach um so geringer: 1. je steiler die Arbeitsnachfragekurve ist (denn um so geringer sind die Beschäftigungsund Produktionsschwankungen und damit die Preisschwankungen des Endprodukts); x,'(' x(a) ~~------------~--------------------------~a P:< Abbildung 8 2. je elastischer die Nachfragekurve nach dem Endprodukt ist (denn um so geringer wirken sich die durch Lohnveränderun,gen veranlaßten Produktionsänderungen auf den Preis des Endproduktes aus). Wir können letzteres auch umgekehrt ausdrücken: je, starrer die Nachfrage nach dem Endprodukt, um so stärker wirken sich Lohnsteigerungen ·auf den Preis des Endprodukts aus, d. h. um so mehr werden die zusätzlichen Lohnkosten auf den Preis des Endprodukts überwälzt. Zu 2.) Der Einfluß v,on Lohnveränderungen auf die P re i s e cl e r a n der e n F akt 0 ren. Dieser Einfluß ist entgegengesetzt je nachdem, ob es sich um substitutive oder komplementäre Faktoren handelt. a) Bei sub s t i tut i v e n F akt 0 ren verlaufen die Indifferenzkurven der Produktion etwa wie in Abb. 9 angegeben (Jt, J2). Für die Lohnhöhe h möge die Kostenfunktion K1 gelten. Dann wird die Arbeitsmenge a1 und die Men'g.e m21 eines substitutiven Faktors m2 nachgefragt. Steigt der Lohn 11 auf b, so haben wir etwa die Kostenfunktion K2. Wie Abb. 9 zeigt, steigt die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
30 Heinz Haller andere Situation gegeben ist als bei erwarteten Preisänderungen dauerhafter Güter, trotzdem aber wird die Reaktion von der verschieden sein, die sich ergibt, wenn der Unternehmer innerhalb des für seine Entscheidung relevanten Zeithorizonts ,keine weitere Lohnänderung erwartet. Eine entsprechende Modifikation der Voraussetzungen kann später vorgenommen weIden. Soweit nichts anderes gesa'gt wird, soll es sich ferner um eine generelle Lohnänderung handeln, die sich auf sämtliche Arbeitnehmer in der betrachteten Wirtschaft in gleichem Umfang erstreckt. Zunächst wäre also nun die Lohnsenkung auf ihre Wirkungen hin zu analysieren. II. Wir gehen hier wieder, ähnlich wie Mayer,9 von stark vereinfachten Annahmen aus, die wir später durch wirklichkeitsnähere ersetzen. Es soll sich um eine geschlossene Wirtschaft ohne staatliche Aktivität handeln, in der es nur Unternehmer und AI'Ibeitnehmer gibt (ZweiKlassenwirtschaft). Es soll drei Gütergruppen und entsprechende Märkte .geben: Konsumgüter für die Unternehmer, solche für die Arbeitnehmer sowie Produktionsgüter. Nun wil'd der Lohn einheitlich um eine bestimmte Quote gesenkt. Nimmt man an, daß die monetäre Nachfrage überall unverändert bleibt, so hat die Lohnsenkung zunächst zwei Wirkungen: einen Substitutionseffekt, soweit eine gewisse Substituierbarkeit der verschiedenen Produktionsmittel g,egeben ist, und einen Expansionseffekt infoLge der gesunkenen Kostenkurve. 10 Beide Wirkungen bedeuten Steigerung der Arbeitsnachfrage. Die Substitutionswirkung wird eng begrenzt sein und nur in Erscheinung treten bei sehr starken Lohnänderungen, solange die Preise der übrigen Produktionsmittel konstant sind. Für Lohnänderungen im üblichen Rahmen ist sie gering, außerdem bleiben die übrigen Preise hier nicht konstant, sie darf also wohl vernachlässigt werden. Die Expansionswirkung ergibt sich nur, wenn die Gesamtnachfrage unverändert bleibt oder wenigstens nicht so stark sinkt wie die Kosten. Welche Entwicklung ist hier zu erwarten? Die Anhänger der Theorie des gleich bleibenden Reallohns, z. B. Keynes, sagen, daß der Einkommenseffekt der Lohnsenkung die Nachfrage genau in dem Umfang absinken lasse, in dem die Lohnkosten gefallen sind. Diese These muß sehr genau geprüft werden. Sie ist dann richtig, wenn die Unternehmer der Meinung sind, daß ihr Ge9 Mayer, a.a.O., S. 519. 10 Vgl. O. Lange, a.a.O., S. 3. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 31 winn sich durch die Lohnsenkung nicht verändere. Sie rechnen mit einem gleichen Einkommen und geben daher in gleichem Umfang Geld aus wie bisher. Ein Teil soU gespart werden und im gleichen Betrag sollen Investitionsgüter gekauft werden (es soll im Ausgangspunkt der Entwicklung I-S-Gleich,gewicht herrschen), der Rest wivd für die Unternehmerkonsumgüter .ausgegeben. Auf den drei von uns unterschiedenen Märkten werden sich nun allerdings verschiedene Situationen ergeben. Bei den Produktionsgütern und den Gütern des Unternehmerkonsums werden die geldlichen Nachfragegrößen unverändert, die Produktionskosten dagegen gefallen sein, 11 es ergibt sich eine Ausdehnung der Produktion und Beschäftigung oder - soweit eine solche kurzfrisUg nicht möglich ist - ein Zusatzgewinn im Umfang der Differenz. Bei den Gütern des Arbeitnehmerkonsums zeigt sich die umgekehrte Erscheinung. Die Abweichungen in der einen und anderen Richtung von der Ausg,angslage we.rd.en sich gerade ausgleichen. Die Preise werden für die gesamte Wirtschaft im Durchschnitt im Umfang der Lohnsenikung zurückgehen. Für die Gesamtheit der Unternehmer ergibt sich hier,aus eine Steigerung des Realeinkommens. Diese wird, wenn nicht zum Ausgleich eine Steigerung der Geldinvestition und damit eine Erhöhung der Realinvestition über das Maß hinaus, das zur Aufrechterhaltung der Geldinvestition notwendig wäre, erfolgt, eine leichte Nachfrageund Beschäftigungsschrumpfung zur Folge haben, es sei denn, daß gegenläufig wirkende Kräfte in Erscheinung treten. Die Unternehmer können sich aber auch anders verhalten. Sie können sich sagen, daß im Umf.ang der Lohnsenkung ihre Aufwendungen zurückgehen und daß sie infolgedessen einen entsprechend großen Betrag zusätzlich für ihre Ausgaben zur Verfügung haben.1• l Geben sie diesen Betrag tatsächlich aus, so sinkt die Gesamtnachfrage nicht unter den bisherigen Stand, infolge der gefallenen Produktionskosten wird also nun die Produktion erheblich ausgedehnt werden. Die Ausdehnung wird allerdings zum Teil wieder kompensiert werden durch zusätzliche Ersparnis der Unternehmer, der keine zusätzliche Investition gegenübersteht. Auf den einzelnen Märkten treten wieder die bereits erwähnten Unterschiede auf, die zu einer einseitLgen Beschäftigungssteigerung auf dem Markt der Unternehmerkonsumgüter führen. Lassen wir die Unterscheidung zwischen den heiden Konsumgütermärkten fallen, so werden alle Einzelmärkte der Konsumgüter, allerdings in verschiedenem Grade, von der beschäftigungssteigernden 11 Wir sehen davon ab, daß u. U. zunächst noch Produkte verkauft werden, die zu den alten, höheren Lohnkosten produziert worden sind. 12 Vgl. Matthews, a.a.O., S. 506. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
32 Heinz Haller Tendenz beeinflußt. Der Effekt wird nun sein, falls die Unternehmer nur ihre ·alte Gewinnsumme wieder erreichen wollen, daß soviel Arbeit zusätzlich herangezogen wird, daß sich die alte Lohnsumme wieder ergibt. Eine Lohnsenkung von 20.0 /0 würde also zu einer 25 0/oigen Beschäftigungszunahme führen, m. a. W. die Nachfrageelastizität nach Arbeit wäre in diesem Fall gleich eins. Die Frage liegt nun nahe, ob denn die Unternehmer nicht einen um die Lohnkürzung vergrößerten Gewinn zu erhalten suchen, indem sie die Güterpreise auf dem bisherigen Stand halten. Täten ,sie dies, so wül'de sich zunächst die Beschäftigung nicht erhöhen, vielmehr würde nur eine Einkommensverschiebung eintreten. In dem eben beschriebenen Farll dagegen wäre folgende eigenartige Lage gegeben, die man sich genau vergegenwärtigen muß: Indem die Unternehmer die inf01ge der Lohnkürzun.g eingesparten Beträge zusätzlich ausgeben würden, ohne auf den Güterpreisen zu beharren, würden sie zwar aus ihrem Vermögen zehren, weil sich ein entsprechender Geldgewinnteil nicht realisieren würde, sie könnten dies aber ohne Schaden tun und es würde sich dabei auch eine . Erhöhung ihres Gewinns ergeben, allerdings in der Form eines erhöhten Rea1gewinns. Die zusätzlichen Ausgaben würden an sie zurückströmen und zur Bezahlung zusätzlicher Arbeitskräfte dienen. Der geschilderte Verlauf ist natürlich nur dann so gegeben, wenn keine time-lags auftreten. Wir sehen, daßI die Entwicklung von zwei Entsch'eidungen der Unternehmer abhängig ist: 1. Davon, wie sie ihre Ausgaben festsetzen nach der Lohnsenkung und 2. ob sie die Preise der Kostensenkung anpassen oder nicht. Der zweite Punkt hängt natürlich von der gegebenen MaI1ldstruktur ab. Bei atomistisch strukturierten Märkten würden sie auf die Preisbildung als einzelne keinen Einfluß haben. Die eben dargestellten Möglichkeiten des Verhaltens stellen gewisse Extremfälle dar. Für die Wiriklichkeitwerden irgendwelche Zwischenlagen zu erwarten sein. Wir können zunächst ·als Ergebnis festhalten, daß in dem hier betrachteten einfachen Modell eine BeschäftigungssteLgerung zu erwarten ist, auch bei unverändertem Reallohn, sofern die Unternehmer sich zu vermehrten Ausgaben anregen lassen, was in einigem Grade wahrscheinlich sein dürfte. Halten die Unternehmer die Preise hoch und steigern dabei ihren Nominalgewinn, so wird als Sekundärwirkung u. U.ebentalls eine gewisse Beschäftigungssteigerung eintreten. Die Annahme, daß bei gleichbleibendem Reallohn die Beschäftigung unverändert bleibe, ist nur für ein ziemlich extremes Verhalten der Unternehmer berechtigt, es kann ferner keineswegs als selbstverständlich betmchtet werden, daß der Reallohn unverändert bleibt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 33 Durch die Veränderung des realen Unternehmergewinns weroen auf alle Fälle Verschiebungen eintreten zwischen einzelnen Branchen infolge der geänderten Nachifrageund Gewinnsituation. Im gleichen Sinne macht sich die verschiedene Lohnintensität der einzelnen Produktionszweige bemerkbar. Wir ergänzen nun unser Modell durch Hinzufügung zweier weiterer Gruppen von Produktions:beteiligten und Einkommensempfangern: Ohne fremde Hilfe Produzierende (Selbständige) und von Kapitalerträgen Lebende (Kapitalrentner). Es ergeben sich hierdurch im wesentlichen die folgenden Modifikationen. Die Selbständigen werden von der Lohnsenkung weder in ihren Kosten noch in ihrem Einkommen unmittelbar berührt. Sie werden also zunächst gleich viel ausgeben. Es wird dies zur Stabilisierung der bisherigen monetären Ges,amtnachfragebeitragen. Je nachdem, ob die Gesamtnachfrage von der Lohnsenkung unberührt bleibt oder nicht und - zu einem gewissen Gr:ade -welche Verschiebung sich ergibt zwischen Unternehmerund Arbeitnehmereinkommen, wird die Nachfrage nach der Produktion der Selbständigen sich verändern. Nimmt sie ab, so' wird der Nachfragerückgang nach Unternehmungsprodukten entsprechend vermindert, was für die Beschäftigung günstig ist. Auf der einen Seite sinkt dann das Geldeinkommen der Selbständigen, w,as sich erst in der folgenden "Runde" bei der Nachfrage nach Unternehmungsprodukten bemerkbar macht, ·auf der anderen f'allen die Preise für die Produkte der Unternehmungen. Je nach dem Verhältnis der beiden Änderungen ergibt sich eine Steigerung oder Senkung des Realeinkommens. Die RealeiIllkommensänderungen werden sich sekundär entsprech,end der für die Selbständigen gegebenen KOIliSumfunktion auswirken. Im ganzen dürfte die Existenz der Gruppe der Selbständigen zu einer BeschäftiJgungsausweitung beitragen. Bei den Kapitalrentnern ist ebenf.alls keine Einkommensminderung durch die Lohnsenkung gegeben. Sie werden mit ihrem kontraktbestimmten Einkommen auch von den weiteren Änderungen nur dadurch berührt, daß ihr Realeinkommen stei,gt. Welche Auswirkungen sich dar,aus ergeben, hängt wieder von der Konsumfunktion der Kapitalrentner ab. Durch die Existenz der Kapitalrentner wird zwar ein weiterer Teil der Gesamtnachfrage stabil bleiben, der Spielraum für zusätzliche Nachfrage der Unternehmer und die Kostensenkung für die Produkte der Unternehmungen werden anderseits geringer. Von dIeser Gruppe wird die Beschäftigungsentwicklung im ganzen also nicht s9 günstig beeinflußt werden wie von den Selbständigen. Wir müssen nun die Investition noch etwas näher betrachten. Würde man die Realinvestition als gleichbleibend ,annehmen, so würde das 3 Krelle·I1aller OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
34 Heinz Haller in jedem Fall steigende Realeinkommen der Unternehmer, die die weitaus größte Sparneigung haben, zu einer deflatorischen Lücke führen. (Diese wird vergrößert, wenn die Gruppen der Selbständigen und· Rentner eine Grenzneigung zum Konsum haben, die kleiner als eins ist.) Die deflatorische Lücke würde erst dann verschwinden, wenn das Realeinkommen der Unternehmer wieder ,auf das alte Niveau gesunken wäre, d. h. ,also dann, wenn die Beschäftigung wieder auf dem alten Stand angelangt wäre, nach Ablauf eines negativen Multiplikatorprozesses.t:3 Dies gälte bei unveränderter Realinvestition je Periode und konstanter Konsumfunktion der Unternehmer. Nun wirken aber Kräfte in der entgegengesetzten Richtung. Einmal ist damit zu rechnen, daß die gesunkenen Preise der Investitionsgüter eine anregende Wirkung auf die Investitionstätigkeit ausüben, weil sie rentabilitätssteigernd wirken. Weiter ist es durchaus möglich, daß bei einer rückläufigen Einkommensentwicklung der Konsum weniger abnimmt als er bei einer Einkommenszunahme steigt (verschiedene Konsumfunktionen bei positiver und negativer Einkommensentwicklung). Auf jeden Fall dürfte aber der von Keynes betonte Zusammenhang von Bedeutung sein. Mit zunehmender Einkommensreduktion wird die benötigte Transaktionskasse kleiner, b€i konstanter Geldmenge wird sich also normalerweise eine Zinssenkung ergeben, die investitionssteigernd wirkt, soweit die Investition zinselastisch ist. Die rückläufige Einkommensentwicklung wird also, wenn sie überhaupt eintritt, immer stärker gebremst. Schließlich kann der Pigou-Effekt angeführt werden, der zu einem gewissen Grad ebenf,alls anregend wirken wird, und zwar, wie bereits beschrieben, auf die Konsumausgaben. Wenn die nach der Lohnsenkung nach unten korrigierten Preise infolge des Nachfragerückgangs nicht weiter sinken, sondern lediglich die Zusatzbeschäftigung wieder abgebaut wird, so wird weder eine Nachfragezurückhaltung noch die Neigung zum Halten einer vergrößerten Spekulationskasse erzeugt und somit der Pigou-Effekt voll wirksam werden können. Es ist also nicht zu erw.arten, daß die Beschäftigung nach einiger Zeit wieder auf den Ausgangsstand absinken wird. Das wichtigste Ergebnis der bisherigen überlegungen besteht darin, daß die Beschäftigungswirkung der Lohnsenkung von den verschiedenen Entscheidungen der Unternehmer ,abhängt, die teilweise durch dieMarktstruktur und technische Zusammenhänge bedingt' sind, im übrigen durch die subjektiven Reaktionsweisen oder "Neigungen". Besonders entscheidend ist der Umstand, ob die durch die Lohnkür13 VgI. Matthews, a.a.O., S. 507. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 35 zung entstandene Ausgabenersparnis für anderweitige Ausgaben verwendet wird oder nicht. Das Bild muß; nun noch vervollständigt werden durch Berücksichtigung der staatlichen Finanzwirtschaft und der außenwirtschaftlichen Beziehungen. . Die Lohnsenkung führt zunächst zu einer Verminderung der staatlichen Steuereinnahmen und der Beiträge an die Sozialversicherungsträger. Soweit progressive Sätze gegeben sind, ist die Einnahmeminderung überproportional. Auf der anderen Seite steht wahrscheinlich entweder eine entsprechende Zunahme der Lohneinkommen durch die Erhöhung der Beschäftigung oder eine Zunahme der Nominalgewinne. Im ersten Fall wird die Ausweitung des Arbeitnehmereinkommens durch zusätzliche Beschäftigung den Einnahmenausfall nicht wett machen, weil sich das Einkommen auf eine größere Zahl von Lohnempfängern verteilt. Im zweiten Fall wird zwar das Einkommen bei einer hochbesteuerten Gruppe vergrößert, es ist aber zu berücksichtigen, daß die Zusatzsteuer in der Regel erst sehr viel später fällig wird. Weiter wirkt sich die normalerweise eintretende Preissenkung der Produkte der Unternehmungen in einem Rückgang der indirekten Steuereinnahmen aus. Nimmt man - was sicherlich berechtigt ist - an, daß die Staatsausgaben von dem Einnnahmenrückgang nicht berührt werden und sich auch die Preissenkung hier nicht erheblich auswirkt, so ergibt sich eine beschäftigungssteigernde Wirkung aus der Beteiligung des finanzwirtschaftlichen Sektors. Ein sich ergebendes Staatsdefizit verhindert evtl. die oben erwähnte deflatorische Lücke. Was die außenwirtschaftlichen Beziehungen anlangt, so führt die Lohnsenkung, wenn die Produktpreise von den Unternehmern nicht auf dem bisherigen Stand gehalten werden, zu einer Verbesserung der Absatzchancen im Ausland. Ob bei niedrigeren Preisen mehr exportiert werden kann, hängt von der Preiselastizität der Nachfrage auf den Exportmärkten ab. Ist diese größer als eins, was für industrielle Fertigwaren im allgemeinen angenommen werden k.ann, so wird der Export nicht nur mengensondern auch wertmäßig ausgeweitet. Auf jeden Fall tritt eine beschäftigungssteigernde Wirkun,g ein. Die Frage ist nun, inwieweit diese Wirkung durch eine Importsteigerung kompensiert wird. Handelt es sich bei den Importgütern im wesentlichen um Kollikurrenzgüter der Exportgüter oder nicht ausgeführter inländischer Produkte, so wird ein Importrückgang eintreten, der beschäftigungssteigernd wirkt. Wenn dagegen Rohstoffe eingeführt werden, so wird eine erhöhte inländische Produktion eine gesteigerte Einfuhr erforderlich machen. Je höher nun die Rohstoffabhängigkeit vom AusOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
36 Heinz Haller land, desto geringer wird der Spielraum für zusätzliche BeschäftigungsmögIichkeit auf Grund einer Lohnsenkung, da nur eine entsprechend geringere Kostenund Preissenkung erfolgen kann. Die Exportsteigerung zieht zwangsläufig einen erhöhten Import nach sich, die terms of trade verschlechtern sich, doch wird per saldo durch zusätzlichen Auslandsabsatz eine Beschäftigungssteigerung eintreten. Ein sich bildender Exportüberschuß wird wiederum der Entstehung einer deflatorischen Lücke entgegenwirken. Wenn wir nun die zahlreichen Tendenzen, die eine einmalige Lohnsenkung auslöst, überblicken, so sehen wir, daß sie in bezug auf die Beschäftigung verschieden gerichtet sind. Es dürfte, das hat diese kurze Analyse ergeben, ein überwiegen der beschäftigungssteigernden Tendenzen gegeben sein. Eins ist jedoch gewiß, es kann kein Automatismus abgeleitet werden, der mit absoluter Sicherheit zu einer dauernden Beschäftigungssteigerun'g führt. Es hängt alles von der Verhaltensstruktur ab, und diese kann sehr verschieden beschaffen sein. Apriori läßt sich nicht sagen, auf welche Struktur man stoßen wird. Was den besonders wichtigen Punkt der Zusatzausgaben der Unternehmer betrifft, so ist sehr fraglich - darauf bin ich bisher noch nicht eingegangen -, ob die Zusatzausgaben, selbst wenn sie an sich beschlossen sind, auch unverzüglich vorgenommen werden. Wenn hier ein timelag auftritt, verschiebt sich das Bild sofort. über evtl. auftretende time-lags hier etwas zu sagen, ist äußerst schwierig. Der ganze Komplex von Wirkungen, die mit einer Lohnsenkung verknüpft sind, ist äuß'erst verwickelt, man kann aber die verwirrende Vielfalt von Komponenten nicht verringern. Sie sind nun einmal so zahlreich. Eine Lohnsenkung kann, worauf Matthews 14 mit Recht hinweist, auch wenn sie selbst nur eine vorübergehende Beschäftigungswirkung hat, je nach der Phase der Konjunktur, durch Anregung eines kumulativen Prozesses, doch eine Dauerwirkung hervorrufen. Die Koeffizienten, die die Verhaltensstruktur charakterisieren, sind bekanntlich in den einzelnen Phasen erheblich verschieden. Wenn mehrere Lohnsenkungen einander folgen und sich dadurch eine Lohnsenkungserwartung bildet, so scheint die unmittelbare Wirkung dieser Erwartung, wie bereits erwähnt, nicht unbedingt negativ zu sein. Die Lohnsenkungen führen jedoch zu Preissenkungen, es entsteht also auch eine Erwartung weiterer Preissenkungen und diese ist gefährlich, insbesondere, soweit es sich um dauerhafte Güter handelt. Man verschiebt die Käufe, und es entwickelt sich ein Schrumpfungsprozeß. Eine Kette von Lohnsenkungen ist also nicht günstig zu be14 Vgl. Matthews, a.a.O., S. 511 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 37 urteilen. Ebenso wird eine lange Folge von partiellen Lohnsenkungen die Wirtschaft in Unruhe versetzen und Unsicherheitsfaktoren schaffen, die sich ungünstig auswirken. Es sind nun weiter die beschäftigungsmäßigen Wirkungen einer Lohnsteigerung zu betrachten. ur. Wir machen zunächst dieselben Annahmen wie bei der Diskussion einer Lohnsenkung, betrachten also eine Zwei-Klassen-Wirtschaft ohne staatliche Beteiligung und Außenbeziehungen. Auch die Annahmen hinsichtlich der Gütermärkte sollen gelten. Zunächst können wir wieder eine Substitutionsund eine Kontraktionswirkung unterscheiden, analog zu den beiden Wirkungen einer Lohnsenkung. Bei gestiegenem Lohn er'gibt sich eine Tendenz, Arbeitsleistung durch andere Produktionsmittel zu ersetzen. Wir glauben auch hier den Substitutionseffekt vernachlässigen zu können. la Die Kontraktionswirkung tritt ein, wenn man unterstellt, daß die geldliche Gesamtnachfrage unverändert ist. Dies wäre dann der Fall, wenn die Unternehmer im Umfang der erhöhten Lohnausgaben ihre Verbrauchsund Investitionsausgaben e,inschränken würden, d. h. wenn sie einmalig weniger ausgäben, ohne aber ihren Gewinn einschränken zu lassen. Entsprechend den gestiegenen Kostenkurven würde jetzt die Produktion früher abgebrochen, es käme also zu einer Preiserhöhung und einem Beschäftigungsrückg.ang. Dies ist der analoge Fall zu dem der BeschäfUgungS'ausdehnung auf Grund der Zusatzausgaben oben. Weiter gibt es den Fall, wo die Unternehmer die bisherigen Preise beibehalten und auf Gewinnteile in dem Umfang verzichten, wie die Lohnkosten gestiegen sind. Hier würde die Kontraktionswirkung ausbleiben, es träte lediglich eine Einkommensverschiebung zugunsten der Al'\beitnehmer ein.16 Die Unternehmer können ferner ihren bisherigen Stückgewinn beibehalten. Damit vergrößert sich die Gesamtnachfrage im Umfang der gestiegenen Lohnkosten. Es macht sich nunmehr die Einkommenswirkung der Lohnerhöhung bemerkbar, ,die zu einer Kompensation der Kontraktionswirkung führt. Genau in dem Umfang, in dem die gesamten Kosten gestiegen sind, erhöht sich die Gesamtnachfrage (wenn man eine Konsumneigung von eins für die Al"beitnehmer annimmt). Die Preise erhöhen sich entsprechend der Kostensteigerung, das Real1;; Vgl. hierzu R. Lester, Shortcomings of Marginal Analysis for WageEmployment Problems, Am. Ec. Review, Vol. XXXVI (1946), S. 81. 16 Unter bestimmten Bedingungen tritt keine Einkommensverschiebung ein, wie Mayer zeigt (a.a.O., S. 520). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
38 Heinz Haller einkommen der Unternehmer vermindert sich. Die Beschäftigungswirkung ist also hier gleich null, es erhöht sich jedoch das Realeinkommen der Arbeitnehmer. Das zuletzt beschriebene Verhalten der Unternehmer liegt wohl dem in der Realität zu erwartenden am nächstenP Es ist nicht nur damit zu rechnen, daß die Unternehmer ihren absoluten Gewinn aufrechterhalten, sie werden höchstwahrscheinlich auch die Gewinnquote beibehalten wollen, d. h. im gleichen Prozentsatz wie die Löhne werden sie ihre Gewinnzuschläge erhöhen,18 es steigen damit auch die Preise entsprechend und wiederum ist die Gesamtbeschäftigung unverändert, weil dem neuen Gesamtproduktionswert eine gleich hohe Geldnachfrage gegenübersteht. 19 Die Unternehmer erhöhen ihre Geldeinkommen selbst, indem sie sich gegenscitig mehr zahlen. Es ist dies nur möglich, genauso wie die Finanzierung der höheren Lohnzahlungen, wenn sie über Geldreserven verfügen oder sich bei den Banken zusätzlich Geld verschaffen können. Dies kann normalerweise unterstellt werden. Wir sehen nun, bezüglich der möglichen Verhaltensweisen der Unternehmer gibt es zwischen Lohnsenkung und Lohnerhöhung eine genaue Symmetrie, keineswegs aber hinsichtlich der realen Bedeutung der einzelnen iMöglichkeiten. Während im Fall der Lohnsenkung eine Aufrechterhaltung der monetären Gesamtnachfrage ohne Festhalten an den Güterpreisen mit einer entsprechenden Beschäftigungsausdehnung - oder wenigstens eine Annäherung an diesen Fall -nicht unwahrscheinlich erschien, ist hier der Analogfall mit entsprechender Beschäftigungsschrumpfung nicht zu erwarten. Der Kontraktionseffekt dürfte nicht zum Tragen kommen. Ist es nun möglich, daß sogar ein Expansionseffekt im Fall der Lohnerhöhung eintritt? Ist m. a. W. bei einer Lohnerhöhung nicht nur keine Gefahr einer Beschäftigungsschrumpfung gegeben, sondern evtl. sogar die Möglichkeit einer Ausweitung der Beschäftigung, so daß eine Lohnerhöhung als expansives konjunkturpolitisches Instrument verwendet werden könnte? Eine solche Möglichkeit besteht nur bei einem Verhalten der Unternehmer, das nicht erwartet werden kann. Es müßten die Ausgaben der Unternehmer gleich bleiben und zugleich auch die Güterpreise, nur dann würde sich das Zusatzeinkommen der Arbeitnehmer in vollem Umfang beschäftigungssteigernd auswirken. Das' würde aber bedeuten, daß die Unternehmer trotz verminderten 17 Hierüber sind die Meinungen allerdings geteilt. Vgl. z. B. L. G. Reynolds, Relations Between Wage Rates, Costs and Prices, in: Readings in the Theory of Income Distribution, Philadelphia-Toronto 1949, S. 301. 18 Vgl. Schouten, a.a.O., S. 223. 19 Ob die sogenannte Geldillusion ein Zurückbleiben der Nachfrage erzeugen wird, wie Schouten annimmt (a.a.O., S. 226), erscheint fraglich. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 39 Gewinns -gestiegene Kosten bei gleichbleibenden Preisen - ihre Ausgabenhöhe beibehalten würden. In dem Umfang, wie ihr Gewinn geschmälert wird, müßten sie in Reserve gehaltene oder zusätzlich durch Kreditinanspruchnahme bei den Banken beschaffte Geldmittel verausgaben. Mit einem solchen Verhalten ist, wie gesagt, nicht zu rechnen. Zwar brauchten die Unternehmer sich nur während einer "Runde" so zu verhalten, bis die aus der zusätzlichen Produktion entstandenen Arbeitseinkommen ausbezahlt wären, die jetzt zusätzlich veraus.gabt würden, es ist auch durchaus wahrscheinlich, daß sie ihre Ausgaben aufrechterhalten, aber, das ist das Entscheidende, sie werden die Preise nicht auf dem alten Stand halten. Im Fall vollständiger Konkurrenz würden diese von selbst in die Höhe getrieben, bei monopoloider Marktstruktur werden die Unternehmer den Preis mindestens im Umfang der gestiegenen Kosten erhöhen, sehr wahrscheinlich aber mehr. Damit entfällt die Voraussetzung einer Beschäftigungsexpansion. Bei der Beantwortung der Frage, ob eine beschäftigungssteigernde Wirkung einer Lohnerhöhung erwartet werden kann, ist nun noch folgendes zu bedenken: Die Lohnerhöhung kann u. U. zu einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität führen durch Erhöhung der Arbeitsleistung einerseits, bessere Organisation des Arbeitsablaufs anderseits. Man könnte sich nun denken, daß dadurch die Kostenerhöhung ausgeglichen wird und somit der Produktpreis beibehalten werden kann, ohne daß die Unternehmer auf einen Teil ihres Gewinns verzichten. In diesem günstigen Fall wäre kein ,. unnatürliches" Verhalten der Unternehmer erforderlich, damit ihre bisherige monetäre Nachfrage aufrechterhalten bliebe bei unveränderten Preisen, aber -es würde keine Ausweitung der Beschäftigung eintreten, weil die erhöhte Nachfrage durch erhöhten Ausstoß bei gleichem Al1beitsaufwand wie bisher befriedigt werden könnte. Das Argument der produktivitätssteigernden Wirkung einer Lohnerhöhung hat also keine Bedeutung, wenn man eine Beschäftigungserhöhung erreichen will. Die bisherigen überlegungen ergeben, daß eine Lohnerhöhung höchstwahrscheinlich auf die Beschäftigung nicht negativ, aber auch nicht positiv wirkt, sondern lediglich eine Preissteigerung auslöst. Was bezüglich der einzelnen Gütergruppen für die Lohnsenkung ausgeführt wurde, gilt mit umgekehrten Vorzeichen auch hier, braucht also nicht weiter erörtert zu werden. Nehmen wir die beiden BevöLkerungsgruppen der Selbständigen und Kapitalrentner wieder mit in die Betrachtung herein, so ergeben sich im wesentlichen folgende Veränderungen: Beide Gruppen erleiden eine Verringerung ihres Realeinkommens, die Kapitalrentner in einer rigoroseren Form, weil die Steigerung der monetären Nachfrage auf ihr OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
46 Heinz Haller fang einstellen, ist nicht zu erwarten, daß die Preise nicht auf die Lohnsteigerung reagieren werden. Es treten immer wieder dieselben Schwierigkeiten auf. V. Zum Schluß. sollen die wichtigsten Ergebnisse unserer Erörterungen noch einmal in wenigen Sätzen zusammengefaßt werden. Die Untersuchung der Wirkungen einer einmaligen Lohnsenkung ergab, daß bei Abwägung aller von einer solchen ausgelösten Tendenzen nach ihrer Richtung und Stärke unter günstigen Umständen mit einer Ausweitung der Beschäftigung gerechnet werden kann. Die Bedingungen, die hier erfüllt sein müssen, haben wir abzuleiten versucht. Von einer automatischen Herstellung eines hohen Beschäftigungsgrades durch eine Lohnsenkung kann nicht die Rede sein. Es gibt wesentlich sicherere und wirksamere Mittel zur Herstellung eines befriedigenden Beschäftigungsniveaus als eine Lohnsenkung. Eine Kette von Lohnsenkungen hat ungünstige Wirkungen auf die Beschäftigung. Auch für eine Lohnerhöhung gilt, daß ihre Gesamtwirkung von einer ganzen Anzahl von ausgelösten Tendenzen bestimmt wird. Die Bedingungen, vor allem das Verhalten der Unternehmer, sind hier normalerweise so beschaffen, daß mit keinem oder höchstens einem sehr bescheidenen Beschäftigungsrückgang zu rechnen ist. Mit einer Beschäftigungsausweitung durch Lohnerhöhung ist so gut wie nicht zu rechnen, als Mittel der Beschäftigungspolit1k scheidet also die Lohnerhöhung aus. Eine Kette von Lohnerhöhungen würde zwar beschäftigungssteigernd wirken, zugleich aber Inflation bedeuten. Bringt man die Beschäftigung mit geeigneteren Mitteln auf einen hohen Stand und hält sie auf diesem, so ergibt sich eine permanente Inflationsgefahr von gewissem Umfang, der man ohne direkte Kontrollen nur schwer begegnen kann. Nur wenn sich die Arbeitnehmer und Unternehmer freiwillig an ein gewisses Verhalten binden würden, könnte man ilirer ohne Zwang Herr werden. Am wichtigsten ist hierbei die Mäßigung der Arbeitnehmer bei ihren Lohnforderungen. Legen sich die Arbeitsmarktparteien keine Zügel auf, und wünscht man auch keine direkten Kontrollen, so dürfte ein gewisses Maß von Inflation unvermeidlich sein. Wenn dieses über eine bestimmte Grenze hinausgeht, so wird man sie wohl nicht mehr zulassen können. Schlußwort Professor Haller Zunächst darf ich meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß meine Ausführungen eine so lebhafte Diskussion ausgelöst haben. Ich bin allen Diskussionsrednern zu Dank verpflichtet für ihre kritischen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 47 und ergänzenden Bemerkungen. Ich selbst bin mir durchaus klar darüber, daß mein Referat in mancher Beziehung ergänzungs bedürftig ist, daß die Annahmen vielfach zu einfach sind und so nur ein Aussch-nitt der gesamten Problematik zur Sprache kam. Eine Schwäche sehe ich insbesondere darin, daß ich nicht oder nicht genügend unterschieden habe zwischen -kurzfristigen und langfristigen Wirkungen von Lohnänderungen und dementsprechend nicht deutlich genug herausgearbeitet habe, welche Wirkungen nur vorübergehend auftreten und welche sich endgültig ergeben werden, oder anders ausgedrückt, was zu den dynamischen Übergangserscheinungen gehört und was zum neuen Gleichgewicht. Und so wäre noch manches zu erwähnen. Hinsichtlich eines Punktes hat mich die Diskussion beruhigt. Ein Teil der Redner vertrat die Ansicht, ich habe zu vielerlei Komponenten berücksichtigt und zu zahlreiche Annahmen gemacht, ein anderer Teil war der Meinung, ich habe manche Dinge zu global behandelt und hätte weiter di,fferenzieren müssen. Dies bestätigt mir, daß ich mit dem Grad der Differenzierung ungefähr das Richtige getroffen habe, eine gesunde Mitte zwischen zu großen Extremen. Leider bin ich angesichts der vorgerückten Zeit nicht in der Lage, auf all die Punkte, die in der Diskussion berührt worden sind und zu denen ich etwas sagen möchte, im einzelnen einzugehen. Besonders gern würde ich auf den sehr interessanten Beitrag von Herrn Föhl ausführlicher zurückkommen; es würde dies aber zu viel Zeit erfordern. Ich glaube daher, daß es zweckmäßiger ist, wenn Herr Föhl und ich die Dinge bei anderer Gelegenheit durchdiskutieren oder die Diskussion schriftlich führen. Es ist hier manches zu klären und abzustimmen. Auf zwei Punkte möchte ich jedoch zu sprechen kommen, die mehrfach kritisch hervorgehoben worden sind. Erstens wurde mir angekreidet, daß ich für den Fall der Lohnerhöhung ein elastisches Geldvolumen als mehr oder weniger selbstverständlich angenommen habe, während in Wirklichkeit hier durchaus eine starre Grenze gegeben sein könne, und zweitens wurde gesagt, ich hätte die Bedeutung des Substitutionseffekts bagatellisiert. Zu Punkt 1 habe ich folgendes zu bemerken: Natürlich gibt es Situationen, in denen den Unternehmern, die höhere Löhne zu zahlen haben, keine zusätzlichen Geldmittel zur Verfügung gestellt werden. Wenn eine Politik der Kreditrestriktion betrieben wird, dann können die Unternehmer vom Bankensystem nichts erhalten. Solche Situationen sind aber selten und werden wohl kaum durch die Lohnerhöhungen herbeigeführt sein. Wenn nun irgendeine Möglichkeit der Kreditinanspruchnahme besteht, so werden die Unternehmer immer Geld OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
48 Heinz Haller für Lohnzahlungen erhalten können. Dies ist sogar dann der Fall, wenn Kredite für diesen Zweck ausdrücklich untersagt sind. Die Banken sind ja nicht in der Lage, die Verwendung sämtlicher Kredite im einzelnen zu kontrollieren. Man wird eben einfach einen anderen Grund für die Kreditinanspruchnahme angeben. Selbst wenn gar keine Kredite in Anspruch genommen werden können, wird normalerweise noch ein gewisser Spielraum insofern bestehen, als man auf Gelder der Spekulationskasse zurückgreifen kann. Die Annahme, daß in der Regel zusätzliches Geld zur Bezahlung der höheren Löhne vorhanden ist oder beschafft werden kann, dürfte also keineswegs wirklichkeitsfremd sein. Was nun den Punkt 2 anbelangt, so gebe ich zu, daß der Substitutionseffekt eine größere Bedeutung erlangen kann. Dies gilt aber m. E. auf lange Sicht und nicht kurzfristig - und ich hatte in erster Linie die kurzfristigen Wirkungen im Auge bei meiner Untersuchung. Ich muß hier Herrn Krelle recht .geben, der auf diesen langfristigen Substitutionseffekt aufmerksam igemacht hat, und nicht Herrn Föhl, der nur eine vorübergehende Substitutionswirkung glaubt sehen zu können. Hierzu wäre natürlich noch viel zu sagen. Ich habe Ihre Zeit nun aber schon wieder so lange in Anspruch genommen, daß es mir angebracht erscheint, hier abzubrechen. Ich darf mich nochmals für die zahlreichen Anregungen bedanken, die ich empfangen habe. Nachschrift (nicht in der Sitzung vorgetragen) Unmittelbar nach der Sitzung ging mir vom Schwedischen Gewerkschaftsbund eine Schrift (Trade Unions and Full Employment, The Swedish Confederation of Trade Unions) zu, die so interessante Gedanken und Vorschläge zum Thema Lohn und Vollbeschäftigung enthält, daß es angebracht erscheint, nachträglich noch kurz darauf einzugehen. In dieser Schrift werden zunächst vier Formen einer Wirtschaft mit Vollbeschäftigung, die durch wirtschaftspolitische Maßnahmen des Staates herbeigeführt ist, abgelehnt, und zwar (S. 80 H.) 1. Vollbeschäftigung mit permanenter leichter Inflation, 2. Vollbeschäftigung mit (mittels Preisusw. -kontrollen) "zurückgestauter Inflation", 3. Vollbeschäftigung mit "zurückhaltender" LohnpolitLk (Stillhalteabkommen), 4. Vollbeschäftigung mit staatlicher Lohnfestsetzung. Die hauptsächlichen Begründungen lauten in Kürze: Zu 1. Es kommt nicht nur zu Ungerechtigkeiten, sondern zu einer Stagnation der Produktivitätsentwicklung (S. 81 f.). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Löhne und Beschäftigung 49 Zu 2. Administr,ative Kontrollen sind wohl vorüber,gehendanwendbar, aber nicht auf die Dauer. In diesem Falle führen sie zu Verzerrungen der Wirtschaftsstruktur oder, wenn sie sehr scharf gehandhabt werden, zu einer Gefährdung der Demokratie (S 84). Zu 3. Die Stellung der Gewerkschaften würde untergraben, wenn sie nicht mehr diejenige Institution wären, die für möglichst hohe Löhne sorgt (S. 87). Zu 4. Die Lohnbildung wäre zu starr, und wiederum würden die Gewerkschaften in ihrer Existenz bedroht (S.88). Da nun die ,Inflationstendenzen erkannt werden, die im Gefolge einer Vollbeschäftigungspolitik - vor allem ,auch in Zusammenhang mit der Lohnentwicklung - auftreten, die durch reichliche generelle Nachfragedosierung überall ein so großes Angebot von Arbeitsplätzen schafft, daß die Arbeitslosigkeit völlig verschwindet, da aber zur Unterbindung dieser Inflations.tendenzen keine der eben aufgeführten Möglichkeiten in Frage kQmmen soll, wird der Vorschlag gemacht, die beschäftigungspolitischen (finanzwirtschaftlichen und monetären) Maßnahmen so zu dosieren, daß sich eine solche Inflationstendenz gar nicht bilden kann. Es darf also auf keinen Fall zur " Überbeschäftigung " kommen, ja nicht einmal zur "glatten" Vollbeschäftigung, vielmehr soll die Gesamtnachfrage so reguliert werden, daß an einzelnen Stellen der Wirtschaft mit ungünstiger partieller Konjunktur Arbeitslosigkeit bestehen bleibt oder sichevtl. bildet. Diese partielle Arbeitslosigkeit soll dann durch spezielle Maßnahmen behoben werden, wie z. B. besondere Staatsaufträge, Subventionen u. ä., weiter durch eine Erhöhung der Arbeitsrnobilität (S. 92 f.), keinesfalls aber durch aUgemeine Anhebung der Nachfrage. Dadurch sollen Übergewinne einzelner Branchen, die zu einem Auftrieb der Einzellöhne (wagedrift) führen, vermieden werden. In der Konstellation, die so geschaffen werden soll, braucht man von den Gewerkschaften keine unnatürliche Enthaltsamkeit mehr zu fordern .. Es können jetzt Lohnerhöhungen erfolgen im Umfang des Produktivitätszuwachses, ohne daß sich hieraus eine LohnPreis-Spirale ergibt. Voraussetzung dafür istaIler.dings eine Lohnpolitik der Gewel1kschaften, die vom Zentralverband kontrolliert und koordiniert wird (Lohnpolitik der Solidarität) und die nur wirksam betrieben werden kann, wenn zuvor ,die Lohnniveaus der einzelnen Branchen durch eine Art Arbeitsbewertung in eine ,gesunde Rel,ation zueinander ,gebracht sind (S. 94 ff.). Das Wesentliche des Vorschlages ist also, daß. die staatliche Beschäftigungspolitik so betrieben wird, daß inflationistische Tendenzen und entsprechende Spannungen nicht auftreten können. Sie muß die Gesamtnachfr.age, wenn man so s.agen will, etwas unter dem "Voll4 Krelle·Haller OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
50 Heinz Haller beschäftigungsniveau" halten und dann mit speziellen Einzelrnaßnahmen noch ein bißchen nachhelfen. Hierzu ist nun zu sagen, daß man sicher auf diese Weise einen "drift" der Einzellöhne, der dann leicht zu einem Nachstoßen der Gewerksch'aften in Form einer generellen Forderung auf Erhöhung der T,arife führt, weitgehend unterbinden kann, weil die Unternehmer keine so üppigen Gewinne mehr erzielen, daß sie die Löhne hochsteigern. Die Inflationsgefahr kann damit eingeschränkt werden. Ganz beseitigt wird sie aber dadurch nicht. Wie im Referat ,ausgeführt wurde, besteht selbst dann die Gefahr eines gewissen Preisauftriebs, wenn die Gewerkschaften ihre Löhne lediglich parallel zur Produktivitätssteigerung erhöhen wollen, einmal weil sich in einem gewissen Umfang ein Kampf um die Anteile an der Produktivitätssteigerung ergeben wird und zum zweiten infolge der verschiedenen Produktivitätsentwicklung in den einzelnen Branchen, allerdings immer nur unter der Voraussetzung, daß das Geldvolumen elastisch ist. Diese Voraussetzung wird auch bei "gemäßigter" Beschäftigungspolitik erfüllt sein. Weiter werden sich die Gewerksch.aften nicht überall an die "Produktivitätsnorm" binden, da sie eben in einer sehr günstigen Position sind, wenn der Staat für ausreichende Beschäftigung sorgt. Die Inflationsgef'ahren werden also in einem gewissen Umfang bestehen bleiben, doch dürften sie bei dem von den Schwedischen Gewerkschaften vorgeschlagenen Typ der VoUbeschäftigungspoliHk wesentlich geringer sein als bei unbekümmerter, allzureichl,icher Nachfragedosierung. Die vorgebrachten Vorschläge und Argumente sind daher durchaus der Beachtung wert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Diskussionsbeiträge Dr. Dr. earl FöhZ (tE bingen) Ich beglückwünsche Herrn Professor Haller zu der sorgfältigen Analyse der Auswirkungen einer Lohnänderung auf den Beschäftigungsgrad. Was eine solche Analyse so überaus schwierig macht, ist die große Zahl der wählbaren Annahmen. Wenn man nur, wie Professor Haller dies getan hat, die vier Modelle: reine Zwei-Klassen-Wirtschaft, Rentner und Selbständige, Staatshaushalt, Außenhandel jeweils für Lohnsenkung und Lohnerhöhung diskutiert, so sind dies schon acht verschiedene Analysen. Macht man in jedem Falle für das Verhalten der Unternehmer hinsichtlich ihrer Verbrauchsausgaben und der Investitionen jeweils nur die drei Annahmen: wachsend, gleichbleibend, fallend -so erhöht das die Zahl der zu behandelnden Fälle auf 48. Dabei ist dann immer noch die Frage offen, welches Ziel die Unternehmer anstreben, das heißt wie sie sich zwecks Erzielung eines möglichst hohen Gewinnes hinsichtlich des Beschäftigungsangebotes und der Preisstellung verhalten. Da in dieser Hinsicht scheinbar beliebig viele Annahmen gemacht werden können, wächst der Katalog der zu behandelnden Fälle ins Unbegrenzte. Zugleich kommt aber dadurch in die denknotwendigen Aussagen eine große Unsicherheit hinein, da sie alle an scheinbar willkürliche Annahmen hinsichtlich der Voraussetzungen geknüpft erscheinen. Ich möchte versuchen, Ihnen nachzuweisen, daß das Verhalten der Unternehmer hinsichtlich Preisstellung und Beschäftigungsangebot nicht so willkürlich ist, wie meist angenommen wird, und daß infolgedessen das zu untersuchende Modell weniger Freiheitsgrade hat, so daß wir Zu einfacher bestimmten Aussagen gelangen können. Das wird insbesondere dann der Fall sein, wenn wir uns beschränken auf die Frage, ob durch eine Lohnänderung ein anderer Beharrungszustand bedingt wird, das heißt, wenn wir alle diejenigen Reaktionen der Unternehmer und der Verbraucher aus der Betrachtung ausschalten, die nur auf der zeitlichen Veränderung VOn Daten oder auf der Erwartung solcher Änderungen beruhen und die infolgedessen zwar für den zeitlichen Verlauf des übergangsprozesses zur neuen Beharrungslage, nicht aber für diese selbst von Bedeutung sind. Keynes hat in se[ner allgemeinen Theorie gezeigt, daß ein solcher Beharrungszustand bei Unterbeschäftigung durch die Bedingung der .~' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
52 Diskussions bei träge Größengleichheit der einkommensabhängigen freiwilligen Ersparnisbildung und der zinsabhängigen beabsichtigten Investitionen bestimmt ist. Sie werden sich vielleicht erinnern, daß ich in meiner gleichzeitig entstandenen Arbeit "Geldschöpfung und Wirtschaftskreislauf" unabhängig von Keynes genau zu demselben Ergebnis gelangt bin. Ich habe damals darüber hinaus gezeigt, daß bei nach unten elastischem Lohn und marktbedingtem Zins diese "Beharrungsl,age" nicht end.gültig ist, sondern "automatisch" in den Zustand der Vollbeschäftigung übergeführt wird, wie die klassische Theorie dies behauptet hat. Es ergibt sich aus unserer ThemensteIlung, daß wir von diesem Prozeß in der heutigen Diskussion absehen müssen. Was nun die von uns zu wählenden Annahmen betreffend die Reaktion der Unternehmer auf eine Lohnänderung hinsichtlich ihrer Ver., brauchsausgaben, ihrer Investitionen und ihrer Preispolitik anbetrifft, so hat Keynes sich bedauerlicherweise selbst die Möglichkeit genommen, die Bedeutung der Zusammenhänge zwischen diesen Größen für den Beharrungszustand zu untersuchen, da er den Unternehmergewinn so definiert hat, daß er im Beharrungszustand gleich Null ist. Ich habe das nicht getan, sondern den Unternehmergewinn so definiert, daß er die Differentialgewinne und die Monopolgewinne enthält. Damit ist er bei mir auch im Beharrungszustand als eine be~ondere Einkommenskategorie unterschieden vom Faktoreneinkommen, Lohn und Zins. Ich habe damit nicht nur den Anschluß an die Klassische Verteilungslehre gewonnen, sondern mir auch die Möglichkeit offen gehalten, hinsichtlieh der Verwendung des Unternehmereinkommens und seines iEinflusses auf Preispolitik und Beschäftigungsangebot Annahmen zu machen, die· auch für den Beharrungszustand relevant sind. Nun lag freilich meiner Darstellung im Jahre 1937 die Annahme zugrunde, daß die Kapazität der Verbrauchsgüterindustrie immer voll ausgenutzt wird und daß! die Absatzpreise der Verbrauchsgüter sich aus der Division der an den Markt gelangenden K,aufkraft durch die erzeugte Gütermenge ergeben. Diese Annahmen waren wirklichkeitsfremd. Sie eliminierten das Problem der Preispolitik und der unbeabsichtigten Investition durch Lageraufstockung unabsetzbarer Gütermengen. In dieser Hinsicht glaube ich nun in letzter Zeit einen Schritt weitergekommen zu sein und diesen möchte ich Ihnen gerne vortragen, da er auch. für das heute zur Diskussion stehende Problem von Bedeutung ist. Ich bin ausgegangen von dem Ihnen allen bekannten (in Abb. 1 wiedergegebenen) Diagramm der Grenzkosten als Funktion der produzierten Gütermenge, das mit dem Ordinatenmaßstab Mk je Stück und dem Abszissenmaßstab Stück je Jahr zunächst für eine bestimmte OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
earl Föhl 53 Güterart gilt. Dieses Diagramm habe ich in zweifacher Hinsicht umgeformt. Ich habe es zunäcl1st auf die gesamte industrielle Güterproduktion bezogen, indem ich mir die verschiedenen Güterk,ategorien mit ihrem Tauscl1wert, also mit ihren Absatzpreisen bei einem bestimmten Preisspiegel (bzw. 1938) summiert denke. Ich erhalte dann als Abszisse die Gesamtproduktion mit dem Maßstab Mk je Jahr und als Ordinate die Kosten je Produktionseinheit (bzw. je 1000 Mk Absatzwert beim Preisspiegel 1938) mit dem Maßstab Mk je Mk. Ich habe ferner aus den Stückkosten bzw. nunmehr aus den Kosten je Produktionseinheit die Fremdkosten herausgenommen, so daß die Ordinaten nur noch Abschreibungen, Zins und Lohn, also Abschreibungen und Faktorenkosten enthalten. Entsprechend stellen dann die horizontalen Geraden, die im ursprünglichen Dia,gramm die Stückpreise angaben, jetzt den added value je Produktionseinheit dar. A B L..A-'---"--J.~...:1.-lL.J..~s~ .. ~/...J....:J C Prod. Güfermenge fuck Jahr Abbildung 1 Nunmehr habe ich über der gleichen Abszisse die integrierten Werte der Kosten je Produktionseinheit und des bei jedem Abszissenwert zur Deckung der Grenzkosten erforderlichen added valueaufgetra,gen, so daß iCh zwei Kurven erhalte. Im Integrationsdiagramm stellt also für jeden Abszissenwert die .ordinate der C-Kurve die im alten Diagramm unter der Stückkostenkurve liegende (senkrecht schraffierte) Fläche ABCD dar, während die Ordinate der oberen (mit cB bezeichneten) Kurve dem (schräg schraffierten) Rechteck EBCD entspricht. Der Ordinatenmaßstab des Integrationsdiagramms ist somit Mk/Mk x Mk/Jahr = Mk:lJahr. Die Ordinaten der beiden Kurven stellen die Gesamtkosten (ohne Fremdkosten) und die zur Deckung der Kosten des Grenzproduzenten erforderlichen Gesamterlöse (ohne Fremdkosten) dar. Wir wollen die letzteren als die erforderlichen Gesamt-Betriebserträge (eB) bezeichnen. Ich möchte darauf hinweisen, daß das Diagramm in dieser Form rein struktur-bedingt ist und in keiner Weise vom Verhalten der WirtOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
54 Diskussions bei träge schaftssubjekte abhängt. Es kann durch Ermittlung der Kosten je Pi"oduktionseinheit in .den vorhandenen Betrieben gemessen werden, so wie etwa die Siedekurve einer FLüssigkeit gemessen werden kann. Ein subjektiver Einfluß auf den Verlauf der Kurven ergibt sich nur dadurch, daß; bei sinkenden Preisen nicht nur die Grenzproduzenten ihre Produktion stillegen, sondern auch die mit ,günstigeren Kosten arbeitenden Produzenten ihre Produktion in gewissem Umfang einschränken. Diesen Einfluß, der durch betriebswirtsch'aftliche Überlegungen / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / / ProduktiOf) Abbildung 2 c Mk/Jahr einigermaßen objektiviert und dann berücksichtigt werden kann, will ich hier nur am Rande erwähnen. Mit Hilfe dieses Strukturdiagrammes lassen sich nun schon einige bemerkenswerte Feststellungen treffen. 1. Der vertikale Abstand zwischen der eB-Kurve der erforderlichen Betriebserträge und der C-Kurve der bei einer dem Abszissenwert entsprechenden Produktion entstehenden Kosten stellt den Unternehmergewinn dar. Ein Unternehmer,gewinn dieser Größe ist also erforderlich, damit der Grenzproduzent gerade noch seine Kosten decken kann. Ist der tatsächliche (resultierende) Gewinn kleiner, so schaltet der Grenzproduzent ab. Es wird also weniger produziert. Ist er größer, so nehmen auch die mit noch ungünstigeren Kosten arbeitenden Produzenten die Produktion auf. Zur Erhaltung einer bestimmten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
earl Föhl 55 Produktion und damit auch eines bestimmten Beschäftigungsgrades ist also eine ganz bestimmte Höhe der Summe der Differenti,algewinne erforderlich, dte man durch eine Manipulierung des Lohnes nicht beeinflussen kann. Es handelt sich um den gleichen Sachverhalt, welchen Joachim Rüstow bereits in seiner Theorie der Vollbeschäftigung in der Marktwirtschaft ,beschrieben hat. 2. Die Gerade, welche einen bestimmten Punkt der eB-Kurve mit dem Nullpunkt des Diagramms verbindet, entspricht einer Horizontalen im ursprünglichen Diagramm. Sie ist der geometrische Ort der Betriebserträge, welche erzielt werden, wenn die Teilmengen der Produktion zu einem Preis abgesetzt werden, der gerade noch die Grenzkosten des Unternehmers deckt, dessen Erzeugung zur Erreichung der betreffenden Gesamtproduktion erforderlich ist. Man kann also durch den Nullpunkt des Diagramms ein Strahlenbündel legen,. wobei jeder Strahl einem bestimmten Preisniveau entspricht. Der Parameter dieser Strahlen ~st der Preisindex gegenüber dem bei der Wahl des Abszissenmaßstabes zugrunde gelegten Preisniveau. Die Unternehmer haben also auch keine Möglichkeit der freien Wahl des Gleichgewichtspreises, da eine von den Grenzkosten abweichende Preisstellung Ausdehnung oder Kontraktion der Produktion hervorruft. Dies ist nur ,eine andere Art der Formulierung der Feststellung, die wir hinsichtlich einer Abweichung des Gewinnes vom erforderlichen Gewinn cQ getroffen haben. 3. Dem ursprünglichen Grenzkostendiagramm lag die Annahme einer bestimmten Lohnund Zinshöhe zugrunde. Das gleiche ist demgemäß auch bei den Integralkurven der Fall. Werden die Annahmen betreffend Lohn und Zins geändert, so ändern sich auch die Ordinaten der Integralkurven. Beispielsweise wachsen sie bei Lohnerhöhung, während sie bei Lohnsenkung schrumpfen. Proportional zu den zugrunde gelegten Vergütungen für die Leistungen der Produktionsfaktoren verändern sich auch d1e Werte für den zur Erhaltung einer bestimmten Produktion erforderlichen Unternehmergewinn und für das entsprechende Gleichgewichtspreisniveau. Trägt man als Ordinaten die Realwerte der Kosten und Betriebserlöse auf, so erhält man ein Diagramm, das vom Nominalwert der Vergütungen für die Leistungen der Produktionsfaktoren (Lohn und Zins) unabhängig ist. 4. Bestimmte Zahlungssitten und entsprechende Kassenhaltungswünsche der Unternehmer und Produktionsfaktoren vorausgesetzt, ist bei gegebener Nominalhöhe der Vergütungen für die Leistungen der Produktionsfaktoren für jede Höhe der Produktion eine ganz bestimmte Geldmenge erforderlich. Weicht die der Wirtschaft zur Verfügung stehende Geldmenge von dieser erforderlich·en Geldmenge ab, so sind OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
62 Diskussionsbeiträge rungen des Nominallohnes einen Einfluß: auf die Verbrauchsneigung der Unternehmer und der Faktoren und auf die Investition haben. Professor Haller hat beispielsweise als mö,glich bezeichnet, daßI die Unternehmer bei einer Lohnerhöhung in der Annahme, die Erlöse würden unverändert bleiben, größere Gewinne als bisher erwarten und infolgedessen größere Ver b rau c h sau s gab e n tätigen. Das ist als vorübergehende Folge einer Lohnsenkung durchaus denkbar. Der Beschäftigungsgrad wird dann vorübergehend ,ansteigen. Es darf aber als sicher angenommen werden, daß die Verbrauchsausgaben der Unternehmer wieder eingeschränkt werden, wenn es sich herausstellt, daß die Gewinne wesentlich hinter den erwarteten zurückbleiben. Dann schrumpft auch der Beschäftigungsgrad wieder. Im Gleichgewicht können die erwarteten Gewinne nur gleich den resultierenden und diese ihrerseits, wie wir gezeigt haben, nur gleich den zur Aufrechterhaltung der Beschäftigung in dieser Höhe erforderlichen sein. Da aber nichts für die Annahme spricht, daß sich die Verbrauchsfunktion der Unternehmer selbst, das heißt V u = f (cQ) als Folge der Lohnänderung verändert. so wird sich am Ende des vorübergehenden Anpassungsprozesses genau der gleiche Beschäftigungsgr.ad einstellen wie vorher. In der gleichen Weise wird eine Lohnerhöhung eine nur vorübergehende Schrumpfung des Beschäftigungsgrades und schließlich Rückkehr zum alten Gleichgewicht bewirken. Lohnerhöhungen und Lohnsenkungen werden mit umgekehrten Vorzeichen die gleichen Erscheinungen hervorrufen. In dieser Hinsicht weichen also meine Schlußfolgerungen von denen des Herrn Professor Haller ab. Bei den I n v e s t i t ion e n kann infollge des Substitutionseffektes ebenfalls nur eine vorübergehende Wirkung eintreten. Es ist durchaus einleuchtend, daß die Unternehmer bei sinkenden Löhnen weniger investieren, weil es zunächst so aussieht, als ob das Sachkapital im Verhältnis zum Lohn teurer geworden sei. Da es sich aber um produzierte Produktionsmittel handelt, deren Kosten ebenfalls lohn abhängig sind, so wird der Substitutionseffekt nach kurzer Zeit verschwinden und die Investition ihre durch Zins und Kapazitätsausnutzung gegebene Größe wieder annehmen. Ebenso werden Mehreinstellungen von Arbeitnehmern, die auf Grund des Substitutio'nseffektes an Stelle von Investitionen vorgenommen wurden, wieder rückgängig gemacht werden, wenn der auf einem Irrtum beruhende Substitutionseffekt abgeklungen ist. Auch hier ist eine bleibende Wirkung auf den Beschäftigungsgrad nicht zu erwarten. Wichtig ist, daß ein über das alte Gleichgewicht hinausgehobener Beschäftigungsgrad sich nicht etwa "von selbst" erhalten kann. Das OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
earl Fohl 1 "\ 'Cl wäre nur dann möglich, wenn die Verbrauchsund Investitionsfünk., ti 0 n e n sich geändert hätten, was anzunehmen aber kein Anlaß besteht. Was die Ren t n e r anbetrifft, so schlag,e ich vor, sie gemeinsam mit dem S t a a t s hau s haI t zu behandeln, da wir die Rentenleistungen ja auch durch Steuern oder steuerähnliche Abgaben finanzieren müssen. Ob bei einer Lohnänderung durch einen steigenden oder fallenden Anteil der Rentner und der vom Staat Besoldeten eine bleibende Wirkung auf den Beschäftigungsgrad ausgeübt wird, hängt davon ,ab, ob die Steuern und Abgaben vom Einkommen der Faktoren, alls Küsten von den Unternehm:ungen selbst oder vom Unternehmergewinn ,erhoben werden. Im ersteren F,aUe tritt eine merkbare Wirkung auf den Beschäftigungsgrad nicht ein, weil bei unveränderter Lage der cB-Kurve auch die rB-Kurve kaum v,erändert wird, da es sich hier nur um eine Einkommensübertragung von den Produktionsfaktoren auf die Rentner und Sta,atsbesoldeten handelt, und da die letzteren sich hinsichtlich ihrer KonSlUmund Sparneigung kaum Wiesentlich. von den Produktionsfakto'ren untersch'eiden dürften. Werden die Abgaben von den Unternehmungen erhöben, so steig,en die Grenzkosten, so daßi die Ordinaten der cB-Kurve wachsen. Da die erhobenen Beträge aber von den Empfängern zusätzlich zu den in diesem Falle ungeschJmälerten Ausgaben der Produktionsfaktoren, abg,esehen von den ,Ersparnissen, wieder ausgegeben werden, so steigt auch die rB-Kurve entsprechend. Die resultierende Einwirkung auf den Gleichgewichts-Beschäftigungsgrad kann also hierbei nur sehr geringfügig sein. Anders ist es, wenn die Abgaben vom Unternehmergewinnerhoben werden, wie dies durch die progressiv,e Einkommensbesteuerung in hohem Maße geschieht. In diesem FaHe bleibt die eB-Kurve ulliVerändert, während; die rB-Kurve durch den wieder verausgabten Betrag gehoben wird. Es tritt also eine sehr beträchtliche Verschiebung des Schnittpunktes nach rechts und damit eine Erh6hung des Beschäftigungsgrades ein. Schumacher und Kalecki hatfim also doch recht, wenn sie die Besteuerung der hohen Einkommen ais ein Mittel zur Erreichung hoher Beschäftigung empfahlen. Sie werden sich. erinnern, daß ich in einem i,m letzten . Jahr im Finanzarchiv erschienenen Aufsatz die parado:x klingende Behauptung aufg.esteUt habe, bei Besteuerung des Unternehm.erg,ewinnes würden die Gewinne um ebenso viel erhöht, wie man von ihnen wegsteuere. Abb. 6 zeigt, daß das zutreffend ist. Durch die Wiedervemusgabung der erhobenen Steuermittel wird rBI auf rB2und damit rQl a,uf rQ2 gehoben. Zugleich aber verschiebt sich das Gleichgewicht von PI OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
64 biskussionsbeiträge nach P2, bei welcher Produktion rQ2 brutto gewissermaßen ehrlich verdient ist. Nach der Steuerzahlung verbleibt den Unternehmen der Gewinn rQ2netto, der durch den vertikalen Abstand zwischen rBi und der C-Kurve gegeben ist. , I MkjJahr P1 P2 Produktion Mk/Jahr Abbildung 6 Was nun endlich den Ex po r t angeht, so ist zu beachten, daß die infolge von Lohnänderungen eintretenden Veränderungen der Preise, wenn sie nicht durch eine gegenläufige Veränderung der Wechselkurse kompensiert werden, einen Überschuß oder ein Defizit der Handelsund damit der Zahlungsbilanz bewirken. Soweit die Handelsbilanz ausgeglichen ist, ersetzen die ausländischen Zahlungen nur den Teil der inländischen Kaufkraft, der für die Einfuhr aufgewendet wird, so daß ein mehr oder weniger großer Umfang des Außenhandels für den Beschäftigungsgrad ohne Bedeutlll1Jg ist. Ein Überschuß der Handelsbilanz bewirkt aber eine Vergrößerung der verfügbaren Geldmenge, wenn dem Exporteur der Gegenwert der Ausfuhr von der Notenbank in Inlandswährung zur Verfügung .gestellt wird. Umgekehrt bedeutet ein Defizit der Handelsbilanz eine Verminderung der verfügbaren Geldmenge. Haben diese Änderungen der verfügbaren Geldmenge eine Zinsänderung zur Folge, so wird auf dem Wege über eine Änderung des Ausmaßes der Investitionen eine entsprechende Veränderung des Beschäftigungsgrades bewirkt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Hanns-Joachim Rüstow 65 Diese Erscheinung gibt mir Veranlassung, zum Schluß noch auf einen von Professor HaUer nicht diskutierten Zusammenhang hinzuweisen. Eine Lohnänderung bedeutet bei einem bestimmten Beschäft1gungsgrad, wie eingangs bereits erwähnt, eine Ver ä n der u n g der erf 0 r der li c he n Gel d m eng e. Ist die verfügbare Geldmenge starr, so reagiert der Zins. Beispielsweise wird bei Lohnsenkung Geldflüssigkeit eintreten, so daß der Zins sinkt. Bei tieferem Zins wird infolge größerer Investitionen eine höhere Beschäftigungslage erreicht. Ist der entstehende Geldüberschuß so großt, daß der Zins auf den natürlichen Zins Zn sinkt, so wird Vollbeschäftigung erreicht. Ist er noch größer, so tritt durch Konkurrenz der Unternehmer um den letzten Arbeiter Lohnund Preisinflation ein. Umgekehrt wird bei einer Lohnerhöhung die erforderliche Geldmenge größer. Infolge der entstehenden Geldknappheit steigt der Zins, die Investitionen sinken, der Beschäftigungsgrad schrumpft, bis der bei höherem Lohn und kleinerer Beschäftigung vorliegende Geldbedarf der vorhandenen Geldmenge entspricht. Ist dagegen die verfügbare Geldmenge elastisch und wird der Zins von der Notenbank manipuliert, so kommt alles darauf an, in welcher Höhe der Zins festgesetzt wird. Die durch Lohnänderungen entstehenden Veränderungen des Geldbedarfs haben dann keinen unmittelbaren Einfluß auf den BeschäfHgungsgmd. Die oben beschriebenen Folgen treten aber dann auch bei elastischer Geldmenge ein, wenn die Notenbank sich bemüht, mit ihrer Diskontpolitik jeweils eine "marktkonforme" Höhe des Zinsfußes zu verwirklichen. Die Al\lswirkungen von Lohnänderungen auf den Beschäftigungsgrad hängen also in wesentlichem Maße von dem Verhalten des Banksystems ab. Dr. Hanns-Joachim Rüstow (Göttingen) Ich möchte an die Ausführungen Dr. Föhls anknüpfen; denn ich bin mit ihm der Überzeugung, daß sich aus dem von ihm dargestellten Grundproblem des wirtschaftlichen Gleichgewichts tatsächlich "einfache und bestimmte" Folgerungen für die von uns erörterte Frage ergeben. Die von Dr. Föhl gezeichneten Diagramme veranschaulichen, daß, wenn die Grenzkosten der Produktion, d. h. die Produktionskosten der ungünstigsten Betriebe (bzw. Arbeitsplätze), deren Aufrechterhaltung für einen bestimmten Beschäftigungsgrad notwendig ist, gedeckt werden, alle übrigen Betriebe bei vollständiger Konkurrenz einen ihre Kosten übersteigenden Produk- :; Krelle·llaller OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
66 Diskussionsbeiträge tionSerlös, also einen ihren geringeren Kosten je Produktionseinheit entsprechenden Differentialgewinn erzielen müssen. Dementsprechend liegt in den Föhlschen Diagrammen die Kurve der erforderlichen Betriebserlöse eB über der "Kostenkurve" C, denn der vertikale Abstand der eB-Kurve von der C-Kurve gibt die für jeden Abszissenwert, und d. h. für jeden Beschäftigungslgrad, erfol1derliche Differentialgewinnsumme an. Ein bestimmter Beschäftigungsgrad kann also nur erreicht werden, wenn der tatsächlich entstehende Unternehmergewinn nicht hinter dem für diesen Beschäftigungsgrad erforderlichen Gewinn zurückbleibt. Daher muß auch die Kurve der tatsächlichen Betriebserlöse, die "Erlöskurve" rB über der Kostenkurve liegen. Ihr vertikaler Abstand von der C-Kurve gibt j.a den tatsächlichen Gewinn an, der mit dem erforderlichen Gewinn übereinstimmen muß" um den betreffenden Beschäftigungsgrad zu ermöglichen. Die Erlöskurve kann jedoch nur dann über der Kostenkurve liegen, wenn die gesamte "ausgeübte Kaufkraft" größer ist als die Summe der Produktionskosten. Da nun aber die Produktionskosten um die Abschreibungen größer sind als die aus den Kosten entstehenden "Kosteneinkoll1lmen" der Produktionsfaktoren, und da diese außerdem bei einem nicht allzu weit hinter Vollbeschäftigung zurückbleibenden Beschäftigungsgrad nicht ihr gesamtes Einkommen verbrauchen; da ferner der Unternehmerverbrauch zu gering ist, um die Ersparnis der Produktionsfaktoren auch nur zu kompensieren, so ist ein entsprechend hohes Ausmaß der Investition erforderlich, um die Erlöskuroe über die Kostenkurve zu heben. In dieser Hinsicht hat eine "unbeabsichtigte" Investition übrigens den gleichen Effekt wie die "beabsichtigte" Investition. Darin weiche ich also - mit anderen Schlußfolgerungen - von Herrn Föhls Auffassung ab. (Von zwei anderen weniger erheblichen Faktoren, die ebenfalls dazu beitragen können, die rB-Kurve über die C-Kurv·e zu heben, soll, da sie in den Föhlschen Diagrammen nicht enthalten sind, zunächst abgesehen werden. Von ihnen wird später noch die Rede sein.) Je größer der Überschuß der Investition und des Unternehmerverbrauchs über die Ersparnis aus Kosteneinkommen, desto größer der vertikale Abstand zwischen der Erlösund Kostenkurve, desto größer der Unternehmergewinn und desto höher der Beschäftigungsgrad. Denn ein großer vertikaler Abstand zwischen der rBund C-Kurve bedeutet, daß relativ hohe Grenzkosten noch gedeckt werden, daß verhältnismäßig ungünsUge und unrationelle Betriebe und Arbeitsplätze durchgehalten oder wieder in Betrieb genommen werden können - und umgekehrt. Vollbeschäftigun'g ist mithin nur bei einem entsprechend hohen Überschuß des Unternehmerverbrauchs und der Investition über die Ersparnis aus Kosteneinkommen möglich. Dieser überOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Hanns-J oachim Rüstow 67 schuß muß zur Erreichung von Vollbeschäftigung so hoch sein, daß der tatsächlich entstehende Gewinn der Unternehmerschaft - der "Wirkliche Gewinn" in der Terminologie meiner "Theorie der VoUbeschäftigung" - (vertikaler Abstand der rB-Kurve von der C-Kurve) die Höhe der zur Grenzkostendeckung bei Vollbeschäft1gung erforderlichen Differentialgewinnsumme - "virtueller Differentialgewinn" in meiner Terminologie - (vertikaler Abstand der eB-Kurve von der C-Kurve) erreicht. Jede Verminderung dieses Unternehmergewinnes durch allgemeine Kostensteigerung ohne kompensierende Preissteigerung würde einen Rückgang des Beschäftigungsgrades zur Folge haben. Für unsere Frage des Zusammenhanges zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung ergibt sich daraus folgendes: Da der Lohn zugleich Kostenund Kaufkraftelement ist, eine Steigerung oder Senkung des Lohnniveaus sich also nicht nur auf die Produktionskosten, sondern auch auf den Produktionserlös auswirkt, kann der unmittelbare Einfluß einer Lohnänderung auf den BeschäfHgungsgrad nur geringfügig sein. Infolge gewisser Kostenverschiebungen zwischen kapitalund lohnintensiven Betrieben brauchen sich die Ordinaten der Kurven C, eB und rB zwar nicht ganz verhältnisgleich zu verändern; diese Veränderung wird aber annähernd proportional erfolgen. Die Lohnhöhe übt an sich also kaum einen Einfluß auf das Verhältnis zwischen dem tatsächlichen und dem für einen bestimmten Beschäftigungsgrad erforderlichen Gewinn aus. Sie ist insofern - wenn man von ihrem Einfluß auf die Außenhandelsbilanz absieht und mit der eben angedeuteten unerheblich:enEinschränkung - beschäftigungspolitisch indifferent, wie das Herr Föhl schon feststellte. Nur wenn im Gefolge einer Lohnänderung eine der Vergrößerung ihres Abstandes von der Abszisse nicht entsprechende Verschiebung der drei Kurven C, eB und rB gegeneinander in größerem Ausmaße eintritt, ist damit eine ins Gewicht fallende Stei,gerung oder Minderung des Beschäftigungsgrades verbunden. Das aber ist nur dann der Fall, wenn die Lohnänderung eine Erhöhung oder Verminderung der Investition zur Folge hat. (Daß eine Lohnänderung den Unternehmerverbrauch auf die Dauer nicht verändert, hat Dr. Föhl bereits dargestellt). Die Frage des Einflusses einer Lohnerhöhung auf den Beschäftigungsgr:ad läuft letzten Endes also auf die Frage 'hinaus, ob Lohnänderungen das Ausmaß der Investition verändern. Um diese Frage beantworten zu können, muß man sich, vor Augen halten, daß sowohl Veränderungen der Lohnhöhe wie Veränderungen der Investition das Preisniveau beeinflussen. Ist die Kreditpolitik der Zentralbank an bestimmte Deckungsvorschriften gebunden oder darauf abgestellt, das Preisniveau stabil bzw. in Einklang mit der Preis5' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
68 Diskussionsbeiträge entwicklun.g des Auslandes zu halten, so sind im Hinblick· darauf unter Umständen Lohnstei,gerungen über ein gewisses Maß hinaus unvereinbar mit der für Vollbeschäftigung erforderlichen Höhe der Investition. D. h. es kann sein, daß eine Erhöhung der Löhne und eine Aufrechterhalturug bzw. Steigerung der Investition nicht gleichzeitig, sondern nur alternativ möglich ist. In diesem Falle würde eine Lohnerhöhung die Steigerung oder Aufrechterhaltung der Investition (die u. U.für Vollbeschäfti,gung oder für eine Erhöhung desBeschäftigungsgrades erforderlich ist) dadurch unmöglich mach,en, daß die Zentralbank in Rücksicht auf das Preisniveau zu einer Krediteinschränkung und Drosselung der Investitionstätigkeit gezwungen ist. Ferner ist zu berücksichtigen, daß eine etwaige Verschlechterung der Handelsbilanz durch Lohnerhöhungen sich auf die Lage der rBund C-Kurve zueinander im gleichen Sinne auswirkt wie eine Minderung der Investition, während eine Verbesserung der Handelsbilanz den gleichen Einfluß wie eine Steigerung der Investition hat. Wenn die Stabilerhaltung des Preisniveaus das Ziel der Zentralbankpolitik bildet, wird eine laufende Erhöhung des Lohnniveaus, die das Ausmaß der durchschnittlichen Produktivitätsentwicklung nicht übersteigt, im allgemeinen mit dem für Vollbeschäftigung erforderlichen Umfang der Investition vereinbar sein. Es wird also nur darauf ankommen, eine Hypertrophie der Lohnentwicklung zu verhindern. Im Falle einer vorangegangenen Übersteigerung der Löhne kann es allerdings möglich, sein, daß erst eine Lohnsenkung den für eine Investitionssteigerung notwendigen Spielraum schafft. Aber auch in die3em Falle wäre eine Lohn s tag n a t ion und eine entsprechend langsamere Kreditausweitung zugunsten der Investition (oder zugunsten erhöhter Staatsausgaben, die die gleiche Wirkung auf die Preiskostenrelation a'usüben können wie private Investitionen) einer Lohnsen k u n g vorzuziehen. Denn jede Lohnsenkung ist mit der Gefahr eines depressiv wirkenden Preisriickganges verbunden. Es ist infolgedessen möglich, daß der durch eine Lohnsenkung gewonnene Spielraum für eine Kreditausweitung gar nicht zugunsten zusätzlicher Investitionen ausgenutzt wird, daß die depressive Wirkung der Lohnsenkung vielmehr eine Einschränkung der Investitionstätigkeit zur Folge hat. Der Hinweis Professor Hallers, daß die Unternehmer im Falle einer Lohnsenkung Mittel für Investitionen "über haben", berechügt meiner Meinung nach nicht zu den Schlußfolgerungen, die Herr Haller daraus zieht. Der Minderbedarf an Lohnmitteln bedeutet im allgemeinen nichts anderes, als daß die Unternehmer in Zukunft Bargeldkredite für Lohnzahlungen in geringerem Umfange in Anspruch nehmen müssen. Aber auch in den Fällen, in denen es sich bei den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Herbert Giersch 69 Lohngeldern um Eigenmittel handelt, besagt die Verfügungsmöglichkeit über solche Mittel nicht, daß man sie für Investitionszwecke verwendet; denn die Verwendung von Ei,genmitteln wird bei richtiger Kalkulation gen au so wie die Inanspruchnahme von Kreditmitteln durch Rentabilitätsberechnungen, -schätzungen und -erwartungen bestimmt. Aus allen diesen Gründen sollten Lohnsenkungen nach Möglichkeit ebenso vermieden werden wie übersteigerte Lohnerhöhungen. Krisen und Depressionen sollten, soweit das in Rücksicht auf das Preisniveau irgend möglich ist, durch Kreditexpansion und Steigerung der privaten Investitionstätigkeit -bzw. der StaatsausIgaben - bei stagnierendem oder langsam steigendem Lohnniveau überwunden werden. Der These von Schumacher und Kalecki, daß die Besteuerung der hohen Einkommen ein Mittel zur Erreichung hoher Beschäftigung sei, kann ich nicht zustimmen. Denn wenn den zusätzlichen, mit Gewinnsteuern finanzierten Aus.gaben des Staates keine preisund währungspolitischen Bedenken entgegenstehen, würde die Zentralbank ihre Aufgabe und Pflicht versäumen, wenn sie diesen Spielraum nicht schon durch eine entsprechende Kreditpolitik zugunsten der Investition (oder zugunsten erhöhter Staatsausgaben) ausnutzte. Man muß also normalerweise damit rechnen, daß solche Gewinnsteuern auf Kosten der Investition gehen, die in Rücksicht auf das Preisniveau von der Zentralbank um so stärker gedrosselt werden muß, je höher die Gewinnsteuern sind. In einer Depression aber, in der die kreditpolitischen Mittel der Zentralbank für die notwendige und :m sich mögliche Steigerung der Investition nicht ausreichen, ist eine Steuererhöhung ein bedenkliches Mittel - ein zweischneidiges Schwert. Dozent Dr. Herbert Giersch (Münster i. W.) Ich möchte die bisherige Diskussion nur durch zwei Bemerkungen ergänzen: 1. Herr Prof. Haller hat zwischen dem Substitutions effekt und dem Einkommenseffekt einer Lohnänderung unterschieden. Wenn der Substitutionseffekt nicht vernachlässigbar ist und wenn im Falle einer Lohnerhöhung zu kapitalintensiveren Produktionsmethoden übergegangen wird, so sind hierfür u. U. Investitionen erforderlich, die einen Einkommenseffekt haben. Die Trennung von Substitutionseffekt und Einkommenseffekt, die sich für die Analyse zunächst als zweckmäßig erweist, muß daher in der Synthese wieder aufgegeben werden. 2. Der Einfluß der Lohnänderung auf die Investitionsneigung erscheint mir überhaupt als das Kernproblem. Bei seiner Analyse wird OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
70 Diskussions bei träge man nicht umhin können, den Einfluß der Lohnänderung auf die Erwartungen der Unternehmer in Betr,acht zu ziehen und dabei zwei eng miteinander verknüpfte Faktoren zu berücksichtigen: a) die allgemeine sozialpsychologische Situation (d. h. den Grad des herrschenden Optimismus oder Pessimismus) und ihre Stabilität, und b) den Einfluß der herrschenden Lohnideologien. Zu diesem ideologischen Faktor nur eine erläuternde Bemerkung: Wenn sich die Unternehmer in der lohnpolitischen Diskussion vor und während einer Lohnerhöhung in starkem Maße von der "KaufkraftTheorie" der Gewerkschaften beeindrucken lassen, so werden sie vermutlich den Einkommenseffekt der Lohnerhöhung in größerem Umfange antizipieren, als wenn sie in erster Linie oder ausschließlich unter dem Einfluß überkommener unternehmerischer Ideologien stehen, die den Kos,teneffekt der Lohnerhöihung in den Vordergrund stellen und den Einkommenseffekt vernachlässigen. Prof. Dr. W. A. Jöhr (St. Gallen) Ich möchte anknüpfen a.n ein Wort von Goethe, das in der gestrigen Diskussion zitiert wurde: "Es verdrießt die Leute, daß die Wahrheit so einfach ist." Im Hinblick auf das heuUge 'Dhema ließe sich allerdings das Gegenteil sagen. Es verdrießt sowohl die Interessenvertreter, welche gerne eine eindeutige Antwort nach Hause tragen möchten, wie die Diskussionsredner, welche sich heute äußern müssen, daß die Wahrheit in dieser Frage so kompliziert ist. Das ausgezeichnete Referat von Prof. Haller hat dies überaus deutlich gezeigt. Bevor ich mich zum Referat von Kollegen Haller äußere, möchte ich mit zwei Worten auf das eintreten, was von den beiden Vorrednern ausgeführt wurde. Es hat mich gefreut, daß Prof. Haberler, der sich diesen Sommer in St. Gallen recht kritisch über die Keynessche Nationalökonomie geäußert hat, heute seine Überlegungen in den Rahmen des Keynesschen Systems gestellt hat, wenngleich ich den Eindruck gewonnen habe, daß, seine Ableitung zwar theoretisch interessant ist, jedoch auf die WiI'lklichkeit nicht übertragen werden kann. Auch Dr. Föhl hat uns ein sehr interessantes Modell entwickelt, mit dem sich zwei· fellos u. a. die Frage der Auswirkungen einer Lohnveränderung studieren läßt. Doch darf man bei der von ihm entwickelten statischen Analyse nicht stehen bleiben, sondern muß zur S e q u e n z a n al y c; e übergehen, was z. B. dadurch geschehen könnte, daß man verschiedene Kurvenbilder nebeneinander stellt, wobei jedes Bild eine gewisse Periode verkörpern würde und die Ergebnisse der Konstellation eines OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
W. A. Jähr il Bildes die Lage einzelner Kurven des nächstfolgendes Bildes bestimmen würden. Bei der Stellungnahme zum Referat von Prof. Haller möchte ich von einer Vorfrage ausgehen. Es wird nämlich aus dem Referat nicht ganz klar, in welcher Weise die Lohnveränderung, deren Auswirkung studiert wird, zustande kommt. In dem ökonomischen System, das der Untersuchung zugrunde liegt, hat der Loh n doch zweifellos den Charakter einer ab h ä n gig e n Va r i abI e n. Würde der Lohn die Stellung eines wirtschaftspolitisch gesetzten Datums haben, so würde ein nicht-konformer Eingriff vorliegen; es wäre aber sicher unzweckmäßig, dies in unserem Ausgangsmodell vorauszusetzen. (Zwischenbemerkung von Prof. Haller: Im dritten Teil meiner Arbeit wurde bemerkt, daß, die Lohnveränderungen von den Parteien des Ar.beitsmarktes vereinbart werden.) Gewiß, aber auch dann müßten sie, falls sie nicht eine Verschiebung innerhalb der Zone der Indeterminiertheit darstellen, das Ergebnis einer Veränderung der Angebotskurve, der Nachfragekurve oder beider Kurven sein. Eine solche Veränderung müßte jedoch erklärt werden, wobei die Veränderung der Nachfragekurve auch auf monetäre Einflüsse zurückgehen könnte. Um die Frage der Auswirkungen von Lohnänderungen zu studieren, schiene es mir zweckmäßig zu sein, wenn man vom M 0 d~e 11 der voll kom m e n e n K 0 n kur ren z ausginge, zu dessen Voraussetzungen u. a. die völlige Markttransparenz und ein Zeitbedarf der Anpassung vom Werte null gehören würden. Unter diesen Voraussetzungen würde sich bei einer Lohnsenk'llng, die das Ergebnis einer Senkung der Ansprüche der Arbeiterschaft darstellt, der Substitutionseffekt einstellen und zu einer entsprechenden Ausdehnung der Investition führen. Zwar würde das nominelle Gesamteinkommen sinken; da jedoch die Anpassungsgeschwindi,gkeit unendlich ist, würde sich der Konsum in dem Ausmaß reduzieren, wie die Investition gewinnt: eine Veränderung des Beschäftigungsgrades träte nicht ein. Wählen wir nun Voraussetzungen, die der Wirklichkeit angenähert sind, so ergibt sich, wie in dem Referat von Prof. Haller dal'gelegt ist, eine Reihe von Auswirkungen, die für den Beschäftigungsgrad bedeutsam sind: 1. Der Sub s t i tut ion s e f f e k t, der m. E. von Prof. HaLLer zu unrecht als praktisch ohne Bedeutung außer Betracht gelassen wurde. 2. Der E f f e k t der Ver s chi e b u n g der K 0 s t e n kur v e i m Ver g 1 e ich z u de n P r eis e n, dem wegen seiner Auswirkung auf die Gewinne und die Gewinnerwartungen zentrale Bedeutung zukommt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
78 Diskussionsbei träge ihrerseits nicht fest gegeben, sondern in ihrer Lage abhängig von den Expansionsund Kontraktionswirkungen, d. h. je nachdem, welche Wirkungen die Lohnänderungauf die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage hat, je nachdem ob also die Gesamtnachfrage stei.gt oder sinkt, wird sich auch die Nachfrage nach Arbeit in gleicher Richtung bewegen. Nehmen wir vereinfachend an, daß die durch eine Lohnerhöhung bewirkte Veränderung der Gesamtnachfrage zu keiner Verschiebung der Nachfragekurve nach Arbeit führt. In diesem Falle wird eine Lohnsteigerung zu keiner nennenswerten Veränderung des Beschäftigungsstandes führen, da die Nachfra,ge nach Arbeit als sehr starr unterstellt werden muß. Anders aber im Substitutionsbereich, die Substitution ist überhaupt nur als langfristige Anpassung der Unternehmer denkbar, das bedeutet gleichzeitig, daß die Nachfrage nach Arbeit hinsichtlich dieser langfristigen Anpassung viel· elastischer ist, es ergeben sich bei Lohnsteigerungen bestimmte Tendenzen der Realinvestitionssteigerung, und die Beschäftigung verringert sich. Der Expansionsund Kontraktionsprozeß wirkt alson in Richtung auf eine Verschiebung der Nachfragekurve nach Arbeit, der Substitutionsprozeß auf die Elastizität. Unter Einschluß der überlegungen von Prof. Haller zeigt sich demnach, daß eine gewisse Kontinuität in der theoretischen Forschung durchaus vorhanden ist, daß wir zwar keine generellen Aussagen mehr machen können, daß aber gerade der Vortrag Hallers dazu beigetragen hat, die Aussagefähigkeit unseres Arbeitsmarktmodelles zu erweitern. Professor Dr. Karl Schiller (Hamburg) Ich will zum Schluß der Debatte nur ganz kurz zwei Gedanken äußern: Herr Kollege Haller hat in seinem Referat sehr schön die Frage der Lohnveränderung.en in einer vollbeschäftigten Wirtschaft erörtert. Ich muß hierzu zweierlei ergänzen: a) Wir dürfen nicht von einem einzigen Modell der vollbeschäftigten Wirtschaft ausgehen. Nehmen wir etw.a das Modell einer vollbeschäftigten Wirtschaft mit Gleichgewicht sowohl der Binnenwirtschaft wie der Außenwirtsch,aft, dann können selbstverständlich Lohnerhöhungen gefährlich werden, da sie das außenwirtschaftliche Gleichgewicht in Frage stellen. Wir können aber ebensogut ausgehen von dem Modell einer vollbeschäft1gten Wirtschaft mit zahlungsbilanzmäßigem Ungleichgewicht. Wenn hierbei etwa der Ausgangsfall einer überschußsituation gegeben ist, kann eine Lohnerhöhung sogar eine Bewegung der Zahlungsbilanz zum Gleichgewicht hin fördern. Es gibt also verOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49
Karl Schiller 79 schiedene Typen des Modells der vüUbeschäfHgten Wirtschaft. Und mein Appell geht an die Theürie, in Zukunft vün einer Mehrzahl vün sülchen Vüllbeschäftigungsmüdellen auszugehen. b) Ganz allgemein könnte aus· dem letzten Teil des Referates von Herrn Küllegen Haller der Schluß g,ezogen werden, daß in einer vüllbeschäftigten Wirtschaft Reallohnerhöhung,en nur dadurch erreicht werden, daß bei k 0. n s ta n t e m Nominallohn der Lebenshaltungsküstenindex mit der steigenden Arbeitsproduktivität absinkt. Das würde die üft vertretene These der reinen Mengenkünjunktur bei sinkendem Preisniveau und konstanten Nüminallöhnen bedeuten. Hier beginnt aber das Dilemma, daß iün langs,am im Gleichschritt mit der steigenden Arbeitsprüduktivität absinkendes allgemeines Preisniveau bei künstanten Nüminallöhnen die "Erwartungen" der Unternehmer negativ beeinflußt. Die bessere Lösung wäre doch dann wühl die, die Reallohnerhöhung durch laufende Steigerung der Nominallöhne im Gleichschritt mit der steigenden ArbeItsprüduktivität zu bewerkstelligen, wobei der Lebenshaltungsküstenindex also. nicht abfällt, sündern künstant gehalten wird, zusammen mit dem allgemeinen Preisniveau. Wenn Herr Küllege Haller mit dIe se r Schlußfülgerung einverstanden ist, dann si:pd wir uns einig. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40845-0 | Generated on 2023-01-16 13:06:49