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Arbeit als Konzept

Frevert, Ute,Kocka, Jürgen,Markschies, Christoph,Mau, Steffen

Abstract

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Full text

Frevert, Ute; Kocka, Jürgen; Markschies, Christoph; Mau, Steffen Book Part — Published Version Arbeit als Konzept Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Frevert, Ute; Kocka, Jürgen; Markschies, Christoph; Mau, Steffen (2024) : Arbeit als Konzept, In: Union der deutschen Akademien der Wissenschaften ; Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschafte (Ed.): Die Zukunft der Arbeit, ISBN 978-3-949-455-27-8, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, Halle (Saale), Mainz, pp. 18-26 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/312969 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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In der Lebens- und Wirtschaftsform des „ganzen Hauses“, die sich aus dem antiken oikos entwickelt hatte und in Landwirtschaft, Handel und Handwerk verbreitet war, griffen all diese Tätigkeiten räumlich, sozial und zeitlich ineinander. Zwar gab es Rangordnungen und Statusunterschiede. Aber jede und jeder leistete einen Beitrag, keine und keiner, außer Greisen und Kranken, blieb untätig. Ehepaare verstanden sich zuallererst als Arbeits-Paare, nicht als Liebes-Paare.22 Die Aufwertung mühevoller Arbeit als Gottesdienst im christlich geprägten Europa kam vor allem jenen Tätigkeiten zugute, die in der Antike sozial wenig geachtet gewesen waren. Sie spiegelte sich im Aufstieg der Handwerkerzünfte der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgesellschaften ebenso wie in der wachsenden Bedeutung des Nah- und Fernhandels und der Ausbreitung des 21 Dazu und zum Folgenden: Conze (1972); Finley (1993); Kocka (2011). 22 Brunner (1956); Opitz (1994); Wunder (1992). 2 Arbeit als Konzept 2.1 Arbeit in vormodernen Zeiten Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Die begrifflichen Entsprechungen von Arbeit decken sich nur teilweise mit dem, was wir heute unter Arbeit verstehen. Im antiken Griechenland galten vor allem handwerkliche Tätigkeiten und körperliche Anstrengungen als Arbeit, von der höhere Schichten sich auch deswegen fernhalten konnten, weil dafür Sklaven herangezogen wurden. Solche Arbeiten genossen kein Ansehen in der Gesellschaft, sondern galten als unvermeidliche Mühe einfacher Menschen. Im Römischen Reich war wie im antiken Griechenland ein großer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Neben Sklaven wirkten dort freie Kleinbauern und Kleinpächter, deren Arbeit (wie auch die von Freien im prosperierenden städtischen Handwerk) im Unterschied zu Griechenland gesellschaftliches Ansehen genoss. Die unfreien Handwerker jedoch standen wie die unfreien Sklaven auf den größeren Landgütern in schlechtem Ruf. Nach jüdisch-christlicher Auffassung galt – wie auch in der paganen Umwelt – manuelle Arbeit zunächst als Mühsal, und es gab sie weder im Paradies der Urzeit noch im Eschaton der Endzeit. Nach und nach wandelte sich dieses Bild. Denn in dem Maße, in dem Arbeit auch als Nachahmung der göttlichen Schöpferkraft und insofern als gute Gabe Gottes angesehen wurde, konnte man sie als probates Mittel zur Selbstvervollkommnung und zur Ableistung religiöser Pflichten neu bewerten. Die benediktinische Regel Ora et Labora, bete und arbeite, zeugt von dem hohen Stellenwert, den Arbeit nicht nur 192 Arbeit als Konzept Beiklang von Verpflichtung und Notwendigkeit. Arbeit war immer auch mühsam, musste Widerstände überwinden, erforderte Anstrengung und ein Minimum an Beharrlichkeit. Spiel, Muße, Nichtstun waren Gegenbegriffe.24 2.2 Erwerbsarbeit und die moderne Arbeitsgesellschaft Im Laufe des 19. Jahrhunderts verengte sich dieser breite, umfassende Arbeitsbegriff tendenziell in Richtung Erwerbsarbeit. In dieser Bedeutung fand er sich zunehmend in den Lexika, der öffentlichen Statistik, der Gesetzgebung und in der Alltagssprache wieder. Erwerbsarbeit meinte Arbeit, mit der Leistungen erbracht und Güter hergestellt werden, um diese auf dem Markt zu tauschen. Durch diese Arbeit erzielte man ein Einkommen, von ihr lebte man, sei es in abhängiger oder selbstständiger Stellung oder in einer der vielen Zwischenstufen.25 Diese begriffsgeschichtliche Verengung erfolgte parallel zu zwei realgeschichtlichen Entwicklungen: Der Kapitalismus, der Arbeit zunehmend zur Ware werden ließ, setzte sich durch, ebenso wie die Industrialisierung, wodurch Erwerbsarbeit weitgehend in Werkstätten, Fabriken, Verwaltungen usw. zentralisiert wurde.26 Damit begann das, was Karl Polanyi Entbettung nannte: Arbeit wurde aus ihrem umfassenden sozialen Zusammenhang herausgelöst, in dem kulturelle, religiöse, politische und im engeren Sinn wirtschaftliche Aspekte miteinander verwoben waren.27 Zusammen mit dem Aufstieg der Ökonomie als Wissenschaft vom marktförmigen Wirtschaften befreite sich das Wirtschaften von anderen Zweckbestimmungen. Das verstärkte die Neigung, 24 Thomas (1999), S. xiv. 25 Kocka (2015), S. 315 – 321. 26 Damit soll die Bedeutung von Heimarbeit während der frühen Industrialisierung nicht vernachlässigt werden; siehe Bettger (1985). 27 Polanyi (1978), S. 88 f. Kaufmanns- und Finanzkapitalismus, dem technologische Innovationen und Pro duk tions steigerungen vorausgegangen waren.23 Die evangelischen Reformationen des 16. Jahrhunderts verstärkten die Aufwertung von Arbeit, indem sie kategorial nicht mehr zwischen einer Berufung in eine geistliche Lebensform und einem weltlichen Leben unterschieden. Stattdessen entwarfen sie das einheitliche Konzept eines „Berufs“, in den Gott den Menschen unabhängig von seiner spezifischen Professionalität „beruft“. Wer sich dieser Berufung verweigerte und die Arbeit scheute, zog Kritik auf sich. Nicht zufällig entstanden die ersten Arbeits- und Zuchthäuser in calvinistischen Ländern, in denen die protestantische Arbeitslehre am radikalsten ausgeprägt war. Auch weltliche Autoritäten unterstützten diese Lehre, denn sie erwarteten sich davon fleißige, produktive Untertanen und eine Steigerung des allgemeinen Wohlstandes. Seit dem 18. Jahrhundert häuften sich Hinweise darauf, dass Arbeit nicht nur Dienst an und für Gott sei, sondern auch dem Staat oder dem „gemeinen Wesen“ nutze. Das ging einher mit einer weiteren Aufwertung: Arbeit wurde nicht mehr allein in ein religiöses Pflichtdenken, sondern auch in ein säkulares, politisches Bezugssystem eingebettet, begleitet von einer emphatischen Feier der Arbeit als Quelle von Anständigkeit und menschlicher Selbstverwirklichung, wie sie in den Texten der Aufklärung zu finden ist. Damit kristallisierte sich an der Schwelle zur Moderne ein allgemeiner Begriff von Arbeit heraus, der im antiken Sprachgebrauch noch gefehlt hatte und keineswegs in allen Sprachen zu finden ist. Arbeit besaß einen Zweck außerhalb ihrer selbst, der darin bestand, etwas herzustellen, zu leisten, zu erreichen. Sie diente einer von anderen gestellten oder selbst gesetzten Aufgabe, hatte einen 23 Kocka (2013), S. 31 – 55. 20 2 Arbeit als Konzept gerichtete, arbeitsteilige, meist abhängige, oft auch monotone und mühseligelende Wirklichkeit der (Erwerbs-)Arbeit entgegen, die Gegenstand grundsätzlicher Entfremdungs- und Gesellschaftskritik wurde. Aus diesem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit speisten sich wirkungsmächtige Protestbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts.28 Vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert gewann Arbeit – als Erwerbsarbeit – an sozialer, kultureller und auch politischer Bedeutung. So fußte die Arbeiterbewegung als die größte Protest- und Emanzipationsbewegung mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Richtungen auf abhängiger Erwerbsarbeit. Sie spiegelte zugleich die vergesellschaftende Kraft von Erwerbsarbeit, die Menschen miteinander verknüpft und ihnen als Grundlage für Ansprüche auf kulturelle Anerkennung, soziale Teilhabe und politischen Einfluss dienen kann. In diesem Sinn kämpfte die erste Frauenbewegung für neue Erwerbsmöglichkeiten und verband diese mit der Forderung nach weiblicher Emanzipation und Gleichberechtigung. Die diskursive wie praktische Aufwertung der Erwerbsarbeit fand auch in kolonialen Kontexten statt: Unterschiedliche Arbeitsvorstellungen und -praktiken definierten hier das asymmetrische Feld zwischen Kolonialmacht und Kolonisierten, in dem sich Disziplinierung und Resistenz, Belehrung, Ausbeutung und Unterwerfung, manchmal auch Lernen und Befreiung abspielten. Erwerbsarbeit und Staat rückten seit dem späten 19. Jahrhundert aufs Engste zusammen. Einerseits griff staatliche Politik durch gesetzliche und administrative Regulierung tief in die Arbeitsverhältnisse ein: normierend, gestaltend, Arbeitszeit verkürzend, die Macht des Marktes begrenzend, dabei die Definition der Arbeit als Erwerbsarbeit verfestigend. 28 Kocka & Offe (2000), S. 476 – 492. Arbeit zu entmoralisieren und zu vermarktlichen. Für viele verlor sie ihre Bedeutung als religiöse Pflicht und Tugend ebenso wie den Beigeschmack von Strafe und Zwang. Im Gegenzug gewann Arbeit einen gesamtgesellschaftlichen Stellenwert als Bedingung für den „Wohlstand der Nationen“, wie es 1776 bei Adam Smith hieß. Der Gemeinwohlbezug stellte sich vor allem indirekt über wirtschaftliches Wachstum und allgemeine Prosperität her. Auf der Erfahrungsebene kam es zu einer räumlichen, zeitlichen und sachlichen Trennung zwischen Familie / Haushalt und Erwerbsarbeit. Dadurch konnte sich das Verständnis der Familie als einer privaten, von Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit deutlich unterschiedenen und möglichst geschützten Lebenssphäre entwickeln. Dieses Verständnis wurde zunächst im Bürgertum, von dort aber ausgreifend zum Idealbild. Erwerbsarbeit fand fortan getrennt von anderen Lebensvollzügen statt: mit eigener Logik, grob messbar und entsprechend monetär entlohnt. In der Folge zählten bald viele nützliche und gemeinwohlorientierte Tätigkeiten nicht mehr zur Arbeit im Vollsinn des Wortes: die unbezahlte Arbeit im Haus und in der Familie, die vornehmlich von Frauen und vorgeblich aus Liebe erbracht wurde, aber auch das ebenfalls unbezahlte Engagement für philanthropische, soziale und kulturelle Zwecke oder allgemeine Belange, das später teilweise unter „Ehren amt“ subsumiert wurde. Diese Entwicklung wirkte sich tiefgreifend auf die Bewertung von Arbeit aus. Denn sie vergrößerte die Diskrepanz zwischen Theorie und praktischer Erfahrung. Nicht nur bei Diderot, Kant und Hegel, sondern auch bei Marx und den Sprechern der entstehenden Arbeiterbewegung wird deutlich, dass sie Arbeit als Menschenrecht und Kern von Humanität und Vergesellschaftung erachteten. Ihr stand die zunehmend kapitalistisch aus- 212 Arbeit als Konzept allem im ersten Drittel und dritten Viertel des 20. Jahrhunderts vollzog, hat diesen Prozess vorangetrieben und befestigt. Die nationalsozialistische Diktatur brach die Entwicklung nicht ab, sondern setzte sie fort, allerdings rassistisch überformt und tiefgreifend entliberalisiert. Insgesamt bildete sich eine gesellschaftliche Ordnung heraus, deren wirtschaftliche Leistungskraft, sozialer Zusammenhalt, kulturelle Orientierung und politische Steuerung ganz erheblich auf Erwerbsarbeit beruhten. Niemals zuvor war Arbeit – als Erwerbsarbeit – ein derart zentraler Pfeiler der Gesellschaftsarchitektur gewesen. Dies galt auch für die DDR, wenngleich hier der Erwerbsarbeit ein wesentlicher Teil ihrer Grundlage entzogen wurde, nämlich der Warencharakter und Marktbezug. 2.3 Wandel der Arbeitsgesellschaft: Neuaushandlung, Entgrenzung, Restrukturierung Sehr viel von dieser erwerbsgesellschaftlichen Prägung besteht in der Bundesrepublik bis heute weiter. Der Erwerbsarbeitsgesellschaft geht die Arbeit nicht aus, eine Abwendung von der Erwerbsarbeit findet nicht statt. Vielmehr nimmt die Erwerbsquote erheblich zu, vor allem durch den Eintritt von immer mehr Frauen in den Arbeitsmarkt, bei unveränderter Erwerbsquote von Männern. Das fordert nicht nur die alte Rollenteilung zwischen männlicher Erwerbsarbeit und weiblicher Reproduktionsarbeit grundlegend heraus, die in Kapitel 6 im Mittelpunkt steht. Es führt auch zur Vermarktlichung vormals privater, unbezahlter Dienstleistungen, wodurch die Erwerbsquote wiederum weiter steigt. Nach wie vor privilegieren Markt und Staat Erwerbsarbeit, nach wie vor beeinflusst die Stellung im Arbeitsprozess entscheidend die Lebenschancen und Zugehörigkeiten der Menschen. Erst damit kam die moderne Unterscheidung zwischen (Erwerbs-)Arbeit und Arbeitslosigkeit auf. Andererseits bildete Erwerbsarbeit die Basis für den modernen Sozialstaat. Die Arbeitenden, nicht die Armen, waren die Adressaten der staatlichen Sozialversicherungen, die Bismarck initiierte. Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nicht aber Steuern oder Ersparnisse finanzierten das System, das im 20. Jahrhundert ausgebaut wurde. Zugleich wurden auch Steuern und andere Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit sowie sozialpolitische Anrechte gegenüber dem Staat an den Status der Erwerbstätigkeit geknüpft. Andere Hilfe- und Transfersysteme blieben zunächst nachrangig. So rückte, vor allem seit den 1950er Jahren, die arbeitsvertragliche und sozialstaatlich gesicherte Erwerbsarbeit in den Mittelpunkt, und damit das Idealbild des männlichen Vollzeitbeschäftigten, der Ernährer einer Familie sein sollte. Verheiratete Frau- en waren aus der Welt des Erwerbs zwar nicht ausgeschlossen, doch meist auf die Rolle von Zuverdienerinnen beschränkt. Entsprechend stark waren die Unterschiede im Verdienst und in den Karrieremöglichkeiten zwischen Männern und Frauen sowie in der Übernahme unbezahlter Haus- und Familienarbeit.29 Erwerbsarbeit avancierte damit zum Schlüsselfaktor, der über die Inklusion oder Exklusion in das System der sozialen Rechte und Pflichten und damit über gesellschaftliche Zugehörigkeit, Randstellung und Außenseitertum entschied. Der rasante Ausbau des Arbeitsrechts und des Sozialstaats, der sich in Deutschland vor 29 Zu den sich verändernden Strukturen weiblicher Erwerbsarbeit seit 1945 siehe: Frevert (1986), S. 253 – 260. Bei einer insgesamt steigenden weiblichen Erwerbsquote arbeitete auch in den 2000er Jahren fast jede zweite Erwerbstätige in Teilzeit. Neuere Studien weisen zudem aus, dass sich weibliche Erwerbstätige mit und ohne Migrationshintergrund im Hinblick auf sog. atypische Beschäftigungen (Teilzeit, Minijob, Solo-Selbstständigkeit) einander angleichen. Das gilt für die zweite Generation der aus der Türkei zugewanderten Frauen noch stärker als für die erste (Höhne 2016). 22 2 Arbeit als Konzept Zweitens verändern sich die Voraussetzungen, Inhalte und Rahmenbedingungen von Erwerbsarbeit. Berufsbilder und Qualifizierungsinhalte wandeln sich fortwährend, nicht zuletzt aufgrund von Digitalisierung. Das heißt nicht, dass die starke Ausrichtung auf Beruflichkeit, wie sie im deutschen Ausbildungssystem zu finden ist, ein Auslaufmodell ist. Es stellen sich aber neue Herausforderungen: Bildung, Weiterbildung und berufliche Anpassung werden über den einmal erlernten Beruf hinaus notwendig. Dies kann nicht nur berufsbegleitend geschehen und erfordert Zeit und finanzielle Absicherung für eine zweite und dritte Ausbildung während des Erwerbslebens. Die institutionalisierte Dreiteilung des Lebensverlaufs – Vorbereitung auf die Erwerbsarbeit, Erwerbsarbeit und Rente30 – wird abgelöst durch hybride und gestaffelte Formen von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Weiterbildung und Erwerbstätigkeit, Rentenbezug und Erwerbstätigkeit, Pflege und Erwerbstätigkeit könnten, ebenso wie andere Mischformen, nebeneinander bestehen (siehe Kapitel 3 und 5). Innerhalb der Erwerbsarbeit ist eine Verdichtung der Aufgaben zu beobachten, die psychische und mentale Belastung steigt. Dass sich tätigkeitsbezogene Kommunikation beschleunigt, vervielfältigt und über die unmittelbare Arbeitszeit hinausreicht, ist eine weithin geteilte soziale Erfahrung. Besonders stark zeigen sich diese Tendenzen bei der fortschreitenden Tertiarisierung und der Entstehung postindustrieller Arbeitsmärkte. Digitalisierung und technologische Innovationen sind Treiber des Wandels, bei dem sich neue Geschäftsmodelle, Berufsfelder und Tätigkeitsprofile herausbilden (z. B. die in Kapitel 4 diskutierte Plattformökonomie) und neue Formen der Bewertung von Tätigkeiten (Monitoring, Output-Orien- tierung) an Bedeutung gewinnen. Weiterhin zeigt sich gerade im expandierenden 30 Kohli (1994). In den letzten Jahren aber beginnt das Muster des lange dominanten, männlich geprägten Normalerwerbsverhältnisses in Vollzeit zu bröckeln. Das liegt an mindestens sechs Entwicklungen. Erstens erodiert das Konzept des männlichen Familienernährers angesichts einer zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen. Dass die unbezahlte und oft wenig anerkannte Sorge- und Familienarbeit von Frauen eine wesentliche Voraussetzung der männlichen „Freisetzung zur Erwerbsarbeit“ ist, hat bereits der neue Feminismus der 1970er und 1980er Jahre deutlich gemacht. Je mehr Frauen einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, desto stärker wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu einem gesellschaftlichen Konfliktfeld, das längst nicht mehr nur privat (und auf dem Rücken von Frauen) bearbeitet wird. Unklar bleibt, wie diese Entwicklung weitergehen wird. Unwidersprochen ist, dass die Lücken zwischen Männern und Frauen in der Erwerbsbeteiligung und in der Sorgearbeit zu schließen sind, ebenso die vielen sich daraus ableitenden Lücken im Stundenlohn, Einkommen und in den Rentenzahlungen. Doch was folgt daraus für das gängige Beschäftigungs- und Familienmodell? Lücken schließen sich, wenn Frauen ihre Erwerbstätigkeit weiter erhöhen. Sie schließen sich aber auch, wenn Männer ihre Erwerbstätigkeit reduzieren. Streben wir eine Vollzeitbeschäftigung für alle an? Wie wird dann die Reproduktions- und Pflegearbeit in ihrer gesamten Breite organisiert? Wo liegen die Grenzen der Vermarktlichung? Oder setzen wir auf eine „niedrige Vollzeit“ für alle? Gesamtwirtschaftlich betrachtet würden dadurch im Vergleich zum gegenwärtigen Stand weder das Arbeitsvolumen noch die Produktivität zwingend zurückgehen. Das Arbeitsvolumen würde zwischen Männern und Frauen umverteilt, und die Produktivität würde bei leicht verkürzten Arbeitszeiten steigen (siehe Kapitel 6). 232 Arbeit als Konzept Lebenserwartung mit der Annahme konfrontiert, dass sie Eltern und Schwiegereltern im Alter betreuen und ihre Erwerbstätigkeit dafür reduzieren (siehe Kapitel 6). Werden Sorgearbeit und Erwerbstätigkeit gegeneinander aufgestellt, wirkt sich das auch auf die Geburtenrate aus, was – ohne Zuwanderung – die Alterung der Gesellschaft weiter beschleunigt.33 Die Alterung der Bevölkerung und der demografische Wandel führen auch zu Engpässen bei der Stellenbesetzung. Die Verhandlungsposition von Fachkräften wird damit erhöht und die Marktmacht von den Betrieben hin zu den Arbeitskräften verschoben. Migration stellt einen wesentlichen Baustein zur Sicherung des Fachkräftebedarfs dar, bei der Anwerbung und Integration ausländischer Fachkräfte bestehen jedoch Herausforderungen. Dennoch kann Migration unter bestimmten Bedingungen dazu beitragen, den Arbeitskräftebedarf zu decken, und den Menschen über die Erwerbsarbeit Teilhabechancen in der Aufnahmegesellschaft eröffnen. Fünftens werden veränderte Werte und Erwartungen an Erwerbsarbeit sichtbar. Das lässt sich vor allem bei jenen Beschäftigten feststellen, die gut qualifiziert sind und besser bezahlt werden. Ein wachsender Anteil der Beschäftigten folgt biografisch flexibleren und zeitlich diskontinuierlichen Modellen der Lebensgestaltung. Aus ihrer Sicht dient Erwerbsarbeit nicht bloß dem Broterwerb, sondern ist auch Quelle von Sinn. Sie soll Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bereithalten und Autonomiewünsche erfüllen. Diese Erwartung beschränkt sich also nicht mehr allein auf das expandierende Feld der DIY-Tätigkeiten nach Feierabend, sondern ist zunehmend auch mit Erwerbsarbeit verknüpft und dem Anspruch „eigenständiger biografischer 33 Das statistische Bundesamt weist 2022 einen Geburtenquote von 1,46 Kinder je Frau aus, ein Rückgang von 7 Prozent im Vergleich zu 2021. Damit die Bevölkerung – ohne Zuwanderung – nicht schrumpft, müssten etwa 2,1 Kinder pro Frau geboren werden (Statistisches Bundesamt 2023a). Dienstleistungssektor eine Spaltung des Arbeitsmarktes in kognitiv anspruchsvolle und wissensbasierte Tätigkeiten einerseits und einfache Beschäftigungen (haushaltsnahe Dienstleistungen, Gastronomie, Tourismus) andererseits.31 In diesem „Dienstleistungsproletariat“ häufen sich belastende, sozial prekäre und schlecht entlohnte Beschäftigungsformen, die eher Jobs als Berufen ähneln. Erwerbsarbeit bedeutet hier nicht automatisch ein materiell auskömmliches Leben. Schließlich zeigen sich neue Ungleichheiten entlang der Möglichkeit, mobil zu arbeiten. In Unternehmen, die einigen Beschäftigten das mobile Arbeiten gestatten, anderen aber versagen, wird dieses Konfliktfeld besonders deutlich (siehe Kapitel 4). Drittens verändert die Defossilisierung und insgesamt die ökologische Transformation die Arbeitswelt. Es geht dabei nicht allein um die Frage, wie ressourcenschonend ein Produkt erstellt oder eine Dienstleistung erbracht wird, sondern zunehmend darum, was überhaupt als Wertschöpfung innerhalb der „planetarischen Grenzen“ 32 akzeptabel ist. Der Klimawandel, das Abschmelzen der Gletscher oder der Verlust an Biodiversität werden in der Regel nicht unmittelbar mit der Arbeitstätigkeit verbunden. Dennoch wird künftig stärker diskutiert werden, wie ein neues Verhältnis zur Natur zu entwickeln und in der Arbeitswelt – als einem zentralen Ort der Transformation – umzusetzen ist. Regulatorische Vorgaben können hier eine Welle an Innovationen auslösen und damit verbundene Tätigkeiten aufwerten. Viertens spielt die demografische Entwicklung eine große Rolle. In dem Maße, wie die Gesellschaft altert, entstehen Zielkonflikte zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit. So sehen sich insbesondere Frauen aufgrund der gestiegenen 31 Goos & Manning (2007). 32 Dixson-Declève et al. (2022). 24 2 Arbeit als Konzept eigene Selbstwertgefühl nicht ausschließlich auf der Anerkennung beruflicher Leistungen beruht. Mit dem Wandel der Arbeitsgesellschaft entstehen neue soziale Risiken. Wenn die zeitlichen, sachlichen und räumlichen Klammern der Erwerbsarbeit gelockert werden oder die Trennung von Erwerbsarbeit und Freizeit/Nicht-Arbeit im Homeoffice aufgehoben wird, sind unternehmerische und betriebliche Interessen im Alltag präsenter. Wenn sich die Tätigkeitssphären verändern oder erweitern, stellen sich auch Fragen nach der sozialstaatlichen Absicherung neu. Da Erwerbsarbeit immer noch maßgeblich über den Zugang zu Sozialleistungen entscheidet, lassen sich durch Sorgearbeit oder gemeinnützige Tätigkeit kaum Ansprüche erwerben. Sozialpolitische Sicherungsmodelle wie in den skandinavischen Ländern, die erkennbar am Bürgerstatus ansetzen, könnten hier Abhilfe schaffen. Ihre Finanzierung fußt stärker auf Steuern als auf Versicherungsbeiträgen. Dies würde auch erlauben, Kapitaleinkünfte und höhere Einkommen maßgeblich an der Finanzierung sozialstaatlicher Absicherungsmodelle zu beteiligen. 2.4 Perspektiven für die Gestaltung der Tätigkeitsgesellschaft Die sechs Entwicklungen geben Anlass, neu über das historisch gewachsene und wandelbare Konzept der Arbeit nachzudenken und es für die Zukunft anders zu positionieren. Das bedeutet, Arbeit nicht mehr mit Erwerbsarbeit gleichzusetzen und sie darauf zu beschränken. Stattdessen sollte man den Arbeitsbegriff ausdrücklich breiter fassen und nicht-markt- bezogene Tätigkeiten wie Bürgerarbeit, Sorgearbeit, Erziehungs-, Familien- und Hausarbeit einbeziehen. Das eröffnet, erstens, ein inhaltsreicheres Verständnis der Arbeitsgesell- Orientierung“.34 Ähnlich relativiert wird Erwerbsarbeit auch auf dem wachsenden Feld der freiwilligen, unbezahlten, zivilgesellschaftlichen Tätigkeiten in Ver - einen, Bürgerinitiativen, Stiftungen, Selbsthilfegruppen und NGOs.35 Diese Tätigkeiten gewinnen identitätsbildende, vergesellschaftende, sinngebende Funktionen, entziehen sich den Gesetzen des Marktes und weisen über Erwerbsarbeit hinaus. Sechstens verlangt die diverse und pluralisierte Gesellschaft als solche mehr Zeit für ein Miteinander. Diversität meint ein Mehr an Haltungen, Einstellungen und Identitäten, ein Mehr an kulturellen und religiösen Verankerungen, ein Mehr an beruflichen Zuordnungen. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft braucht das gegenseitige Vertrauen, das seinerseits Begegnungen und die Überschneidung sozialer Kreise voraussetzt. Dabei können vor allem die vielfältigen Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements und die Vereine eine wichtige Rolle spielen, wenn in ihnen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenkommen. Alle Entwicklungen haben gemeinsam, dass sich leitende Orientierungen und mit Erwerbsarbeit verknüpfte Werte und Auffassungen verschieben. Wer eine Work-Life-Balance einfordert, wirft einen kritischen Blick auf das, was als übermäßiges berufliches Engagement erscheint. Wer sich entscheidet (und es sich leisten kann), seine Wochenarbeitszeit zu reduzieren, schafft sich damit mehr Raum für andere Tätigkeiten in der Familie oder im zivilgesellschaftlichen Bereich – und gibt zu erkennen, dass man sich auch dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt und das 34 Kohli (1994). 35 Nach Daten des Freiwilligensurvey engagierten sich 2019 fast 40 Prozent aller Befragten ab 14 Jahren, im Jahr 1999 waren es noch 30,9 Prozent. Zwischen 2014 und 2010 ist der Anteil auf diesem hohen Niveau allerdings stabil geblieben. (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/ aktuelles/presse/pressemitteilungen/zahlen-daten- fakten-zur-entwicklung-des-freiwilligen-engagements- in-deutschland--176840, Zugriff 2.5.2023). 252 Arbeit als Konzept Tätigkeiten immer noch überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Langfristig könnte sich daraus eine weitere Angleichung von männlichen und weiblichen Tätigkeitsprofilen ergeben. Außerdem würde es eine flexiblere Verteilung von Arbeit zwischen Menschen verschiedenen Alters und in unterschiedlichen Lebensphasen erleichtern. Auch der bisher ausschließlich durch Mangel an Erwerbsarbeit definierte Begriff der Arbeitslosigkeit dürfte dadurch verändert und relativiert werden. Drittens lenkt ein breiteres Verständnis von Arbeit den Blick auch auf gesundheitliche Aspekte. Gesunde Arbeit soll zum körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden der Beschäftigten und zur Nachhaltigkeit des Arbeitsplatzes beitragen. Arbeitsbedingte gesundheitliche Störungen und Erkrankungen sollen vermieden und die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sie kontinuierliche Gesundheitsförderung, Gesundheitserhalt, Arbeitsschutz und Sicherheit am Arbeitsplatz gewährleisten. Dabei ist es auch angesichts der zunehmenden Diversität der Gesellschaft wichtig, die Perspektive und das Wissen der Beschäftigten partizipativ und diversitätssensibel einzubeziehen. Zugleich schärft ein breiterer Arbeitsbegriff, viertens, den Blick auf die Möglichkeiten, aber auch auf die Grenzen individueller Selbstverwirklichung angesichts gemeinsam zu bewältigender Aufgaben. Mit dieser Verschiebung hin zum Begriff der Tätigkeitsgesellschaft wird marktförmige Erwerbsarbeit nicht abgewertet. Sie bleibt ein zentrales und notwendiges Element, um gesellschaftlichen Wohlstand zu sichern und nicht-erwerbs- bezogene Tätigkeiten zu ermöglichen. Die Kapitel dieser Stellungnahme gehen ausführlich auf gegenwärtige Probleme und künftige Herausforderungen der Erwerbsarbeit in Deutschland ein und arbeiten schaft und erschließt mögliche Dimensionen des Sinns von Arbeit weit über ihren und ihrer Ergebnisse Marktwert hinaus. Ein so erweitertes Verständnis von Arbeit knüpft an praktische und gedankliche Entwicklungen einer Zeit an, in der der Arbeitsbegriff noch nicht durch den Industriekapitalismus überschrieben und begrenzt wurde. Es adressiert Arbeit als unersetzbares Medium der individuellen Erfüllung und Selbstverwirklichung, der Gemeinschaftsbildung über Kooperation und gegenseitige Anerkennung sowie der – wenn auch noch so indirekten – Teilhabe an einem größeren Ganzen, an der Hervorbringung des allgemeinen Wohls über den individuellen Nutzen und letztlich auch über den Dienst am Einzelnen hinaus. Man kann dies sprachlich verankern und die Überlegung Ralf Dahrendorfs aufgreifen, statt von „Arbeitsgesellschaft“ besser von „Tätigkeitsgesellschaft“ zu sprechen.36 Dies ist mehr als eine sprachpolitische oder symbolische Forderung. Denn Sprache bildet gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur ab, sondern prägt sie auch. In dem Maße, wie nicht-markt- förmige Arbeit als solche benannt und behandelt wird, werden diese Tätigkeiten – als notwendige Voraussetzung und Ergänzung von Erwerbsarbeit – sichtbar gemacht. Gleichzeitig wird erkennbar, welche Spannungen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Tätigkeiten derzeit vorliegen und welche Fragen zur arbeitsrechtlichen Regulierung und sozialstaatlichen Absicherung mit den verschiedenen Tätigkeitsformen verbunden sind. Mit dem Konzept einer Tätigkeitsgesellschaft geht, zweitens, eine kulturelle Aufwertung nicht-vermarktlichter Tätigkeiten einher. Sie sollte sich folgerichtig auch in der sozialen und politischen Kartografie abbilden sowie in volkswirtschaftliche Messwerte Eingang finden. Das wäre ein willkommener Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit, da nicht-vermarktlichte 36 Dahrendorf (1983); ders. (2001); Littig & Spita (2011). 110 Literatur Cook, Ian (2021). Who Is Driving the Great Resignation?. Harvard Business Review Online, September 15. https://hbr.org/2021/09/who-is-driving-the-great- resignation Corona Datenplattform (2021): Themenreport 02, Homeoffice im Verlauf der Corona-Pandemie, Ausgabe Juli, Bonn. Dahrendorf, Ralf (1983). 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