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Europäischer Tarifbericht des WSI - 2024/2025: Gewerkschaften streiken erfolgreich für reale Tariferhöhungen

Janssen, Thilo,Lübker, Malte

Abstract

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Full text

Janssen, Thilo; Lübker, Malte Research Report Europäischer Tarifbericht des WSI - 2024/2025: Gewerkschaften streiken erfolgreich für reale Tariferhöhungen WSI Report, No. 105 Provided in Cooperation with: The Institute of Economic and Social Research (WSI), Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Janssen, Thilo; Lübker, Malte (2025) : Europäischer Tarifbericht des WSI - 2024/2025: Gewerkschaften streiken erfolgreich für reale Tariferhöhungen, WSI Report, No. 105, Hans-Böckler-Stiftung, Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/320465 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Mai 2025), Berechnungen des WSI. vielen Ländern von Streiks geprägt – und zwar auch dort, wo diese sonst eher die Ausnahme sind. Trotzdem gibt es in den meisten Ländern der Europäischen Union weiterhin Aufholbedarf. Dies gilt auch für Deutschland, wo das reale Tarifniveau im vergangenen Jahr noch deutlich unterhalb des Vorkrisenniveaus lag. 2,2 3,2 1,4 2,9 4,5 0,0 -0,1 2,3 -0,8 1,0 -1,2 -5,0 -0,9 2,1 -6,0 -4,0 -2,0 0,0 2,0 4,0 6,0 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 nominal real Abb. 1: Entwicklung der Tariflöhne in der Eurozone, 2000-2024 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 19. Mai 2025), Berechnungen des WSI nominal real Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). INHALT AUTORENSCHAFT Thilo Janssen Wissenschaftler im Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-BöcklerStiftung und Korrespondent für die europäische Stiftung Eurofound. Forschungsschwerpunkte: Europäische Arbeitsbeziehungen und europäische Integration. [email protected] Malte Lübker, Dr. Wissenschaftler im Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-BöcklerStiftung. Forschungsschwerpunkte: Löhne, Tarifpolitik, personale und funktionale Einkommensverteilung und Umverteilung durch den Wohlfahrtsstaat. [email protected] 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2 Ökonomische Rahmenbedingungen der Tarifpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.1 Allgemeine Wirtschaftsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2 Die Lage auf dem Arbeitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2.3 Produktivitätsentwicklung, BIP-Deflator und Verteilungsspielraum . . . . . . . . . . . . . . 5 3 Die Entwicklung der Tariflöhne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.1 Der EZB-Tariflohnindikator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.2 Die Tariflohnentwicklung in ausgewählten EU-Staaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 4 Die Entwicklung der Effektivlöhne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12 4.1 Entwicklung von Löhnen und Verbraucherpreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 4.2 Verteilungsbilanz und funktionale Einkommensverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 5 Streik als letztes Mittel im Kampf gegen Kaufkraftverluste . . . . . . . . . . . . . .16 5.1 Deutlich erhöhtes Arbeitskampfvolumen als Reaktion auf den Preisschock . . . . . . . . . 16 5.2 Streikbewegungen in EU-Ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 5.3 Streikrecht beeinflusst Durchsetzungsfähigkeit der Beschäftigteninteressen . . . . . . . . .18 5.4 Angriffe auf das Streikrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 6 Bilanz: Aufholprozess bei Tariflöhnen noch nicht abgeschlossen . . . . . . . . . . .19 WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 3 1 EINLEITUNG Der Preisauftrieb der vergangenen Jahre hat für die Beschäftigten in Europa erhebliche Belastungen mit sich gebracht – in vielerlei Hinsicht waren sie die Inflationsverlierer (Janssen / Lübker 2023). Gleichzeitig haben steigende Gewinnmargen die Inflation weiter befeuert und zu einer Verschiebung in der funktionalen Einkommensverteilung zugunsten des Kapitals beigetragen. Dieses Jahr legt der Europäische Tarifbericht den Fokus auf die Gegenreaktionen: Arbeitskämpfe als letztes Mittel im Kampf um einen Ausgleich der Kaufkraftverluste. Zunächst werden das schwierige ökonomische Umfeld sowie die Trends auf den Arbeitsmärkten beleuchtet und die Entwicklung von Produktivität und Preisen analysiert (Abschnitt 2). Danach erfolgt eine detaillierte Betrachtung der Tariflöhne (3) sowie der Effektivlöhne (4). Abschnitt 5 widmet sich dem gestiegenen Arbeitskampfvolumen in verschiedenen EU-Ländern. Zudem wird untersucht, inwieweit Unterschiede im nationalen Streikrecht die Fähigkeit der Gewerkschaften beeinflussen, die Interessen der Beschäftigten durchzusetzen. In diesem Zusammenhang wird auch die Debatte über mögliche Einschränkungen des Streikrechts in Deutschland thematisiert. Abschließend wird der Aufholprozess der realen Tariflöhne bilanziert und der Frage nachgegangen, inwiefern hohe Lohnforderungen auch im laufenden Jahr gerechtfertigt sind (6). 2 ÖKONOMISCHE RAHMENBEDINGUNGEN DER TARIFPOLITIK 2.1 Allgemeine Wirtschaftsentwicklung Nach einem halben Jahrzehnt der Krise wird die wirtschaftliche Erholung in der Europäischen Union von neuen Unsicherheiten überschattet, die auf die erratische Handelspolitik der Vereinigten Staaten zurückzuführen sind (Europäische Kommission 2025; IWF 2025; Dullien et al. 2025). Besonders exponiert ist das verarbeitende Gewerbe. Hier wirken derzeit die Unsicherheiten aufgrund des Weltmarktgeschehens und erhöhte Finanzierungskosten dämpfend auf die Investitionen. Dienstleistungen bleiben der wesentliche Treiber für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der EU (IWF 2025, S. 2f.). Das verhaltene BIP-Wachstum in der EU von durchschnittlich 1,0 % im Jahr 2024 und prognostizierten 1,1 % im Jahr 2025 wird von steigenden Staatsausgaben und dem privaten Konsum gestützt, der sich besser als erwartet entwickelt (Tabelle 1). Die Kaufkraft der Haushalte profitiert von einer positiven Beschäftigungsentwicklung und der Erholung der Reallöhne (Europäische Kommission 2025; EZB 2025b; Dullien et al. 2025). Stabilisierend wirkt auch die rückläufige Inflationsrate (EZB 2025a). Vor diesem Hintergrund entwickelte sich das BIP der EU-Mitgliedstaaten uneinheitlich, was auch auf die jeweils unterschiedliche Bedeutung von Industrie und Dienstleistungen zurückzuführen ist. Das kleine Malta ist derzeit das wachstumsstärkste EU-Land mit einem BIP-Wachstum von 6,0 % im Jahr 2024 und erwarteten 4,1 % im laufenden Jahr, gestützt auf Dienstleistungen in den Bereichen Tourismus, Finanzen und IT (Europäische Kommission 2025, S. 116). In Südeuropa verzeichneten im Jahr 2024 auch Länder wie Spanien (3,2 %), Griechenland (2,3 %) und Portugal (1,9 %) überdurchschnittliche Wachstumsraten. In Nordeuropa sticht Dänemark hervor, dessen BIP entgegen dem Trend bei den exportstarken Industrieländern um 3,7 % wuchs. Dänische Unternehmen konnten ihre Industrieproduktion im exportorientierten pharmazeutischen Sektor ausbauen (ebd., S. 136). Die meisten westeuropäischen Länder wiesen im Jahr 2024 ein verhaltenes Wachstum von rund einem Prozent auf. Nur in Deutschland (-0,2 %) und Österreich (-1,2 %) ging die Wirtschaftsleistung zurück. Die deutsche Konjunktur ist von einer negativen Entwicklung der Außenhandelsbilanz gezeichnet. Es wurden weniger Industrieprodukte wie Fahrzeuge, Maschinen und chemische Produkte ausgeführt. Auch der Automobilexport nach China ist stark rückläufig (Dullien et al. 2025, S. 11). Zur sinkenden Industrieproduktion trugen auch hohe Energiekosten, Defizite in der Infrastruktur und Unsicherheiten bezüglich der grünen Transformation bei (ebd., S. 6). In Osteuropa ist das Bild heterogen, wobei in den meisten Ökonomien das BIP-Wachstum 2024 über dem EU-Durchschnitt lag. In Bulgarien (2,8 %), Kroatien (3,9 %), Litauen (2,8 %) und Polen (2,9 %) lag das Wachstum in der Nähe der Drei-ProzentMarke. Das polnische BIP wurde getragen vom privaten Konsum, gestützt auf außerordentlich stark gestiegene Reallöhne und Sozialausgaben (ebd., S. 140). In Estland (-0,3 %) und Lettland (-0,4 %) ging die Wirtschaftsleistung hingegen leicht zurück. Dort hemmt auch die geopolitische Unsicherheit im Zuge des russischen Krieges gegen die Ukraine den privaten Konsum und Investitionen (ebd., S. 110, S. 94). WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 4 Tabelle 1 Wachstum und Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union, 2022 – 2025* Angaben in Prozent Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 19. Mai 2025). Anmerkungen: Bruttoinlandsprodukt = Veränderung des realen BIP in % gegenüber dem Vorjahr. Arbeitslosenquote = Anzahl der Arbeitslosen in % der zivilen Erwerbsbevölkerung (Eurostat-Definition). * Angaben für 2025: Prognose der Europäischen Kommission. Bruttoinlandsprodukt Arbeitslosigkeit 2022 2023 2024 2025 2022 2023 2024 2025 Nordeuropa  Dänemark 1,5 2,5 3,7 3,6 4,5 5,1 6,2 6,2 Finnland 0,8 -0,9 -0,1 1,0 6,8 7,2 8,4 8,6 Schweden 1,5 -0,1 1,0 1,1 7,5 7,7 8,4 8,7 Westeuropa         Belgien 4,3 1,2 1,0 0,8 5,6 5,5 5,7 6,1 Deutschland 1,4 -0,3 -0,2 0,0 3,2 3,1 3,4 3,5 Frankreich 2,6 0,9 1,2 0,6 7,3 7,3 7,4 7,8 Irland 8,6 -5,5 1,2 3,4 4,5 4,3 4,3 4,3 Luxemburg -1,1 -0,7 1,0 1,7 4,6 5,2 6,4 6,6 Niederlande 5,0 0,1 1,0 1,3 3,5 3,6 3,7 4,0 Österreich 5,3 -1,0 -1,2 -0,3 4,8 5,1 5,2 5,4 Südeuropa         Griechenland 5,7 2,3 2,3 2,3 12,5 11,1 10,1 9,4 Italien 4,8 0,7 0,7 0,7 8,1 7,7 6,5 6,0 Malta 4,3 6,8 6,0 4,1 3,5 3,5 3,1 3,0 Portugal 7,0 2,6 1,9 1,8 6,2 6,5 6,5 6,4 Spanien 6,2 2,7 3,2 2,6 13,0 12,2 11,4 10,5 Zypern 7,2 2,8 3,4 3,0 6,3 5,8 4,9 4,7 Osteuropa         Bulgarien 4,0 1,9 2,8 2,0 4,2 4,3 4,2 4,0 Estland 0,1 -3,0 -0,3 1,1 5,6 6,4 7,6 7,6 Kroatien 7,3 3,3 3,9 3,2 6,8 6,1 5,0 4,5 Lettland 1,8 2,9 -0,4 0,5 6,9 6,5 6,9 6,8 Litauen 2,5 0,3 2,8 2,8 6,0 6,9 7,1 6,7 Polen 5,3 0,2 2,9 3,3 2,9 2,8 2,9 2,8 Rumänien 4,0 2,4 0,8 1,4 5,6 5,6 5,4 5,2 Slowakei 0,4 2,2 2,1 1,5 6,1 5,8 5,3 5,3 Slowenien 2,7 2,1 1,6 2,0 4,0 3,7 3,7 3,8 Tschechien 2,8 -0,1 1,1 1,9 2,2 2,6 2,6 2,7 Ungarn 4,3 -0,8 0,5 0,8 3,6 4,1 4,5 4,5 EU-27 3,5 0,5 1,0 1,1 6,2 6,1 5,9 5,9 WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 5 Im laufenden Jahr 2025 stagniert das BIP laut Prognose der Kommission 1 in Deutschland (0,0 %) und Österreich (-0,3 %) weiterhin. Unter der Annahme, dass die neue Bundesregierung die angekündigten öffentlichen Investitionen schon im laufenden Jahr ausweitet, geht das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) davon aus, dass das deutsche BIP bereits im kommenden Jahr um 1,7 % zunehmen könnte (Dullien et al. 2025). Auch in Frankreich (0,6 %) schwächt sich die Konjunktur 2025 deutlich ab, gebremst durch geplante Sparmaßnahmen der Regierung und die Unsicherheit auf den Exportmärkten (ebd., S. 102; OECD 2024, S. 153). Italien (0,7 %) wächst verhalten und im dritten Jahr hintereinander stabil. Das für 2025 in der EU prognostizierte BIP-Wachstum von rund einem Prozent geht damit vor allem auf Länder im Süden und Osten Europas zurück. In Spanien (2,6 %), Griechenland (2,3 %) und Portugal (1,8 %) legt die Wirtschaftsleitung voraussichtlich überdurchschnittlich zu. Das gleiche gilt für Osteuropa, insbesondere für Polen (3,3 %). 2.2 Die Lage auf dem Arbeitsmarkt Trotz der niedrigen Wachstumsraten setzt sich der positive Beschäftigungstrend in der EU fort. Die Erwerbstätigenquote erreichte mit 75,8 % im Jahr 2024 ein neues Allzeithoch (Eurostat 2025). Gleichzeitig geht die Arbeitskräfteknappheit nach ihrem Höchststand im 2. Quartal 2022 (3,2 %) schrittweise zurück. Im 4. Quartal 2024 waren noch 2,3 % der Stellen vakant (Europäische Kommission 2025, S. 41). Dies deutet auf ein Abflachen des Beschäftigungsaufbaus in der Zukunft hin. Die positive Entwicklung geht vorwiegend vom Dienstleistungssektor aus. Besonders bei privaten Dienstleistungen wie Handel, Beherbergungsgewerbe und Transport werden neue Jobs geschaffen (ebd., S. 40). Allein im vergangenen Jahr legte die Zahl der abhängig Beschäftigten im Dienstleistungssektor der EU um rund 1,6 Mio. zu, seit 2019 um insgesamt 8,2 Mio. Im verarbeitenden Gewerbe stagnierte die Zahl hingegen im vergangenen Jahr und ist verglichen mit 2019 um rund 460000 gefallen. Davon entfällt allein auf Deutschland ein Rückgang um 314000 Arbeitsplätze, während auch hierzulande die Zahl der abhängig Beschäftigten 1 Sofern nicht anders ausgewiesen beziehen sich die Daten im Europäischen Tarifbericht auf die aktuelle Prognose der Europäischen Kommission (2025), namentlich die AMECO-Datenbank (Version vom 19. Mai 2025). Die erratische Handelspolitik der USA macht wirtschaftliche Prognosen unsicherer. In ihrer Frühlingsprognose geht die Europäische Kommission in ihrem Basisszenario davon aus, dass die USA die allgemeinen Zölle von 10 % und 25 % auf Stahl, Aluminium und Automobile für den Projektionszeitraum nicht verändern (ebd., S. 2). im Dienstleistungsbereich über den gleichen FünfJahres-Zeitraum um 1,3 Mio. angestiegen ist. 2 Die gute Verfassung des Arbeitsmarktes lässt sich auch an der Arbeitslosenquote festmachen, die im Schnitt der EU mit 5,9 % im Jahr 2024 auf ein Rekordtief gefallen ist und im 1. Quartal 2025 bei 5,8 % lag (nicht tabellarisch ausgewiesen). Für das Gesamtjahr 2025 erwartet die Europäische Kommission (2025, S. 40) eine stabile Entwicklung (Tabelle 1). Dabei ist die Lage auf den nationalen Arbeitsmärkten heterogen. Spanien (11,4 %) und Griechenland (10,1 %) waren 2024 weiterhin die Länder mit den höchsten Arbeitslosenquoten. Sie konnten die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren jedoch kontinuierlich abbauen, sodass sie im Jahr 2025 nach Prognose der Kommission Werte von 10,5 % bzw. 9,4 % erreichen könnten. Mit dem Abbau der Arbeitslosigkeit findet auch hier eine weitere Verschiebung der Beschäftigung in den Dienstleistungssektor statt. 3 Im Norden und Westen wiesen im Jahr 2024 Finnland (8,4 %), Schweden (8,4 %) und Frankreich (7,4 %) überdurchschnittliche Arbeitslosenquoten auf. Die meisten Länder im Osten Europas haben weit unterdurchschnittliche Arbeitslosenquoten. Dies wird sich nach Prognose der Kommission auch 2025 nicht gravierend ändern. So werden etwa für Polen (2,8 %) und Tschechien (2,7 %) Werte unterhalb der Drei-Prozent-Marke vorausgesagt. In Deutschland ist in jüngster Zeit ein geringfügiger Anstieg der Arbeitslosenquote zu verzeichnen, die nach dem international maßgeblichen ILO-Konzept von 3,1 % (2023) auf 3,4 % (2024) zunahm. Obwohl im laufenden Jahr ein weiterer Anstieg auf 3,5 % erwartet wird, gehört Deutschland weiterhin zu den fünf Ländern mit den niedrigsten Arbeitslosenquoten in der EU. 2.3 Produktivitätsentwicklung, BIP-Deflator und Verteilungsspielraum Eine Richtschnur für Lohnabschlüsse ist der Verteilungsspielraum, der sich aus der Produktivitätsund Preisentwicklung berechnen lässt (DESTATIS 2025c; Lübker / Schulten 2017, S. 422). Wird er langfristig ausgeschöpft, stabilisiert dies die funktionale Einkommensverteilung zwischen Arbeit und Kapital. Die Beschäftigten können in diesem Fall durch Reallohnzuwächse in der Größenordnung der Produktivitätsfortschritte an den gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsgewinnen teilhaben. 2 Bezieht sich auf die Zahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung aus der AMECO-Datenbank (Version vom 19. Mai 2025), Seriencodes EU27.1.0.0.0.NWTM (verarbeitendes Gewerbe) und EU27.1.0.0.0.NWT5 (Dienstleistungen) sowie DEU.1.0.0.0.NWTM (verarbeitendes Gewerbe) und DEU.1.0.0.0.NWT5 (Dienstleistungen). 3 Vgl. AMECO ESP.1.0.0.0.NWTM (verarbeitendes Gewerbe) und ESP.1.0.0.0.NWT5 (Dienstleistungen). WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 6 Wertschöpfung misst. Anders als der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), der nachfolgend zur Preisbereinigung der Löhne verwendet wird, ist der BIP-Deflator weitgehend unabhängig von Veränderungen der Importpreise. Während sich HVPI und BIP-Deflator oft parallel zueinander entwickeln, hat sich der Zusammenhang im Zuge des Energiepreisschocks und des anschließenden Rückgangs der Importpreise für fossile Energieträger abgeschwächt. Die beiden Preisindizes haben eine komplementäre Funktion: Während mit dem BIP-Deflator das verteilungsneutrale Nominallohnwachstum berechnet wird, werden mit dem HVPI die Kaufkraftveränderungen aus Sicht der Beschäftigten dargestellt (Janssen / Lübker 2023, S. 282f.). Der BIP-Deflator hat sich in der Europäischen Union in den Jahren 2022 (5,8 %) und 2023 (6,1 %) deutlich oberhalb der historischen Norm entwickelt, was zu einem wesentlichen Teil auf steigende Gewinne zurückging (Janssen / Lübker 2023, S. 290ff.). Auch in Deutschland haben die Stückgewinne einen „deutlichen Beitrag zur Preissteigerung jenseits des Inflationsziels“ geleistet und sind zudem „früher und schneller angestiegen als die Lohnstückkosten, sodass man von einer gewinninduzierten Inflation sprechen kann“ (Dullien et al. 2023, S. 1). Entgegen Befürchtungen, dass sich die hohe Inflation durch eine Lohn-Preis-Spirale verfestigt (Obst / Stockhausen 2023), hat sich die Wachstumsrate des BIP-Deflators in Deutschland im Jahr 2024 (3,1 %) deutlich abgeschwächt und dürfte im laufenden Jahr (2,4 %) weiter rückläufig sein. Dies gilt ähnlich für die gesamte Europäische Union (2,7 %). Parallel zur Entwicklung des BIP-Deflators ist der rechnerische Verteilungsspielraum in der EU in den Jahren 2022 (7,1 %) und 2023 (5,4 %) sehr hoch ausgefallen und hat sich 2024 (3,4 %) wieder normalisiert. Für das laufende Jahr lässt sich aus den Prognosen der Europäischen Kommission mit 3,3 % ein ähnlicher Wert ableiten. Dies liegt in der Nähe des Richtwerts von 3 %, den die EZB nach der Faustformel „2 % Inflationsziel der EZB plus 1 % Trendwachstum der Produktivität“ als mit einer stabilen Preisentwicklung vereinbar erachtet (Lane 2024). Während dies für geringere Lohnabschlüsse spricht, gibt es jedoch aufgrund der Unterausschöpfung des Verteilungsspielraums im Zuge der Inflationskrise in vielen Ländern weiterhin Nachholbedarf (Janssen / Lübker 2024, S. 282ff.), sodass auch aus geldpolitischer Sicht ein Überschreiten des Verteilungsspielraums unproblematisch ist. In diesem Sinne stellt auch die Europäische Mindestlohnrichtlinie auf „langfristige nationale Produktivitätsniveaus und entwicklungen“ als ein verbindliches Kriterium für die Festlegung von Mindestlöhnen ab (Europäisches Parlament / Rat 2022, Art. 5 Abs. (2) d). Der Zusatz „langfristig“ ist dabei mit Bedacht gewählt, da die Arbeitsproduktivität typischerweise im Konjunkturverlauf schwankt. Eine Kopplung der Lohnerhöhungen an kurzfristige Veränderungen würde prozyklisch und damit destabilisierend wirken (s. a. Lübker / Schulten / Herzog-Stein 2025, S. 30). Abhängig vom gesamtwirtschaftlichen Kontext kann auch ein gezieltes Überoder Unterschreiten des Verteilungsspielraums sinnvoll sein, um Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu korrigieren (Herr / Horn 2012). Da die Verteilungsbilanz im Zuge der Inflationskrise deutlich zu Ungunsten des Faktors Arbeit ausgefallen ist, bedingt dies in den meisten EU-Ländern entsprechenden Nachholbedarf seitens der Löhne (Janssen / Lübker 2024, S. 282f.). Die positive Beschäftigungsentwicklung bei verhaltenem BIP-Wachstum spiegelt sich in einer schwachen Entwicklung der Arbeitsproduktivität wider. Da der Beschäftigungsaufbau im Jahr 2023 das BIP-Wachstum übertroffen hat, ergibt sich EUweit ein leichter Rückgang um 0,7%, gefolgt von weitgehender Stagnation im Jahr 2024 (0,2 %). Für das laufende Jahr rechnet die Europäische Kommission (2025, S. 43) wieder mit einem leichten Anstieg des Produktivitätswachstums auf 0,6 %. Auch in Deutschland belastet die schwache wirtschaftliche Lage die Entwicklung der Arbeitsproduktivität. Nach Rückgängen in den Jahren 2023 (-1,0 %) und 2024 (-0,4 %) dürfte sie im laufenden Jahr stagnieren (0,1 %). Eine Umfrage der Bundesbank (2025a) legt nahe, dass 2024 rund ein Viertel der Unternehmen trotz geringer Auslastung betriebsbedingte Entlassungen vermieden haben und Arbeitskräfte „horteten“. Ausschlaggebend hierfür war die „Hoffnung auf eine bessere Geschäftstätigkeit und die Sorge vor Arbeitskräfteknappheit“ in der Zukunft (ebd.). Für das Jahr 2026 erwartet das IMK eine wirtschaftliche Erholung für Deutschland und eine Zunahme der Arbeitsproduktivität um 1,0 %, in erster Linie bedingt durch das Investitionspaket der Bundesregierung (Dullien et al. 2025, S. 20). Der rechnerische Verteilungsspielraum geht deshalb vor allem auf die Preisentwicklung zurück. Diese wird in Tabelle2 anhand des BIP-Deflators dargestellt, der die Preisentwicklung der inländischen WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 7 Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 19. Mai 2025), Berechnungen des WSI. Tabelle 2 Arbeitsproduktivität, Preisentwickung der inländischen Wertschöpfung und Verteilungsspielraum in der Europäischen Union, 2022 – 2025* Angaben in Prozent Anmerkungen: BIP-Deflator = aus dem Unterschied zwischen nominaler und realer Entwicklung des BIPs abgeleiteter Preisindex. Verteilungsspielraum = Produkt aus Preisund Arbeitsproduktivitätsentwicklung (basierend auf dem BIP-Deflator). * Angaben für 2025: Prognose der Europäischen Kommission. Arbeitsproduktivität BIP Deflator Verteilungsspielraum 2022 2023 2024 2025 2022 2023 2024 2025 2022 2023 2024 2025 Nordeuropa             Dänemark -2,4 1,1 2,8 3,1 9,1 -3,8 1,8 1,7 6,5 -2,7 4,7 4,9 Finnland -2,7 -1,8 0,4 0,8 6,2 3,5 1,4 1,8 3,4 1,6 1,8 2,6 Schweden -2,0 -1,3 1,3 0,9 5,8 6,0 2,8 1,7 3,7 4,7 4,1 2,6 Westeuropa             Belgien 2,3 0,4 0,7 0,4 6,8 4,5 1,9 2,8 9,3 4,9 2,6 3,3 Deutschland 0,0 -1,0 -0,4 0,1 6,1 6,1 3,1 2,4 6,1 5,1 2,7 2,6 Frankreich 0,2 -0,1 0,6 0,7 3,2 5,3 2,3 1,7 3,4 5,2 2,9 2,5 Irland 1,6 -8,7 -1,4 1,6 6,8 3,6 3,3 2,7 8,5 -5,4 1,9 4,4 Luxemburg -4,3 -2,8 -0,1 0,4 6,2 6,3 5,2 2,5 1,7 3,3 5,1 2,9 Niederlande 1,1 -1,5 -0,1 0,9 6,2 7,3 5,2 3,7 7,3 5,7 5,1 4,7 Österreich 2,6 -1,8 -1,2 -0,4 4,8 6,6 3,1 3,5 7,5 4,8 1,8 3,1 Südeuropa             Griechenland 3,2 1,1 1,0 1,1 6,5 5,9 3,2 3,4 9,9 7,0 4,2 4,6 Italien 2,8 -1,2 -0,9 -0,3 3,5 5,9 2,1 2,2 6,4 4,7 1,2 2,0 Malta -0,6 0,0 0,8 1,0 5,1 5,3 3,2 2,5 4,4 5,2 4,0 3,5 Portugal 3,1 1,5 0,3 0,7 5,3 7,0 4,4 3,1 8,6 8,7 4,8 3,9 Spanien 2,6 -0,3 0,9 0,4 4,7 6,2 3,0 2,3 7,4 5,9 3,9 2,7 Zypern 3,0 1,3 1,4 1,7 6,7 3,8 3,5 2,6 9,9 5,2 5,0 4,3 Osteuropa             Bulgarien 3,0 0,8 1,7 1,7 15,9 8,0 6,5 5,4 19,3 8,9 8,4 7,1 Estland -4,3 -6,0 -0,5 1,2 15,8 8,1 3,7 3,9 10,8 1,5 3,3 5,1 Kroatien 5,0 1,1 -2,0 0,6 8,0 11,7 5,5 4,3 13,4 12,9 3,4 4,9 Lettland 1,6 2,7 0,5 0,9 9,8 6,0 2,6 3,9 11,6 8,9 3,1 4,9 Litauen -2,3 -1,1 1,0 2,4 16,1 9,0 3,4 3,6 13,4 7,9 4,4 6,1 Polen 4,1 0,2 3,7 3,2 10,7 9,9 3,6 4,2 15,2 10,0 7,4 7,5 Rumänien 3,2 4,0 -1,0 0,8 12,1 12,8 8,8 6,5 15,7 17,2 7,7 7,3 Slowakei -1,3 1,9 2,2 1,6 7,5 10,1 3,6 3,9 6,1 12,2 5,9 5,5 Slowenien -0,2 0,5 1,4 1,4 6,5 10,1 3,1 2,8 6,3 10,6 4,6 4,2 Tschechien 1,8 -1,1 0,8 1,5 8,7 8,1 4,0 2,9 10,6 7,0 4,8 4,5 Ungarn 2,7 -1,1 0,4 0,8 14,2 15,2 7,3 4,9 17,3 13,9 7,7 5,7 EU-27 1,2 -0,7 0,2 0,6 5,8 6,1 3,1 2,7 7,1 5,4 3,4 3,3 WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 8 erst nach konfliktreichen Auseinandersetzungen mit den Arbeitgebern. Aufgrund der weiterhin hohen Inflation bedeutete dies im Jahr 2023 im Aggregat des Euroraums trotzdem noch einen realen Rückgang um 0,9 %. Erst das Jahr 2024 brachte positive Nachrichten für die Beschäftigten: Inflationsbereinigt stiegen die Tariflöhne im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 % und sorgten so für die erste Kaufkraftsteigerung seit 2020. Trotzdem lagen die realen Tariflöhne auch im Jahr 2024 in der Eurozone noch 5,1 % unterhalb des Jahres 2020 (nicht tabellarisch ausgewiesen), sodass der Aufholprozess noch nicht abgeschlossen ist. Auch dies erklärt die weiterhin hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften. Die Analyse der vierteljährlichen Daten (Abbildung2) bestätigt, dass die Tariflöhne deutlich verzögert auf den Preisschock reagiert haben: Über alle Quartale des Jahres 2022 lag das nominale Tariflohnwachstum bei rund 3 %, erst ab dem 1.Quartal 2023 sind Steigerungsraten von mehr als 4 % zu beobachten. Da die Effektivlöhne, also die tatsächlich gezahlten Löhne inklusive außertariflicher Leistungen, in diesem Zeitraum deutlich stärker anzogen, kam es bis ins 3. Quartal 2023 zu einer 3 DIE ENTWICKLUNG DER TARIFLÖHNE 3.1 Der EZB-Tariflohnindikator Der Tariflohnindikator der EZB 4 bestätigt, dass die Tariflöhne in der Eurozone noch im Jahr 2022 – am Höhepunkt der Inflationskrise – mit 2,9 % sehr moderat gewachsen sind. Sie blieben deutlich unter dem rechnerischen Verteilungsspielraum und fielen hinter die Inflationsrate zurück, was in einem historisch hohen Kaufkraftverlust der Tariflöhne von 5,0 % mündete (Abbildung1). Bedingt durch die langen Laufzeiten von Tarifverträgen konnten die Gewerkschaften erst 2023 (4,4 %) und 2024 (4,5 %) höhere nominale Abschlüsse durchsetzen, häufig 4 Der Tariflohnindikator der EZB bildet die Ergebnisse von Tarifverhandlungen in der Euro-Währungsunion ab. Er greift auf nicht-harmonisierte Daten aus neun Ländern zurück, die zusammen 94 % des Arbeitnehmerentgelts im Euro-Raum repräsentieren (Górnicka / Koester 2024, S. 9ff.). Abbildung 1 Entwicklung der Tariflöhne in der Euro-Zone, 2000 – 2024 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent nominal real Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 19. Mai 2025); Berechnungen des WSI. 2,2 2,6 2,7 2,5 2,0 1,6 2,2 2,1 3,2 2,6 1,6 1,9 2,1 1,8 1,6 1,4 1,4 1,5 2,0 2,2 1,8 1,4 2,9 4,4 4,5 0,0 0,2 0,4 0,3 -0,1 -0,6 0,0 0,0 -0,1 2,3 0,0 -0,8 -0,4 0,4 1,1 1,2 1,1 -0,1 0,3 1,0 1,5 -1,2 -5,0 -0,9 2,1 -6,0 -4,0 -2,0 0,0 2,0 4,0 6,0 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 nominal real Abb. 1: Entwicklung der Tariflöhne in der Eurozone, 2000-2024 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 19. Mai 2025), Berechnungen des WSI WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 15 Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2024), Berechnungen des WSI. Tabelle 4 Verteilungsbilanz und Entwicklung der funktionalen Einkommensverteilung, 2022 – 2025* Angaben in Prozentpunkten (Verteilungsbilanz) bzw. Prozent (Lohnquote) Anmerkungen: Verteilungsbilanz = Saldo des jährlichen Nominallohnzuwachses und des Verteilungsspielraums auf Basis des BIP-Deflators, in Prozentpunkten. Lohnquote (bereinigt) = Arbeitnehmerentgelte pro Arbeitnehmer*in, in % des BIP pro Erwerbstätigem (jeweils zu laufenden Marktpreisen, Personenkonzept, nicht arbeitszeitbereinigt). * Angaben für 2025: Prognose der Europäischen Kommission. Verteilungsbilanz Lohnquote (bereinigt) 2022 2023 2024 2025 2022 2023 2024 2025 Nordeuropa  Dänemark -4,0 5,8 -0,3 -1,0 50,9 53,9 53,8 53,3 Finnland -0,8 1,8 -1,3 -0,3 53,1 54,0 53,3 53,2 Schweden -1,6 0,7 0,6 1,1 49,7 50,0 50,3 50,8 Westeuropa         Belgien -1,8 3,0 0,2 0,4 57,8 59,4 59,6 59,8 Deutschland -1,8 0,8 2,5 0,9 57,6 58,0 59,4 59,9 Frankreich 1,4 -1,0 0,3 0,0 58,2 57,7 57,8 57,8 Irland -6,0 12,2 1,6 -1,0 28,7 32,4 32,9 32,6 Luxemburg 2,8 -0,9 -3,0 0,9 52,2 51,7 50,3 50,7 Niederlande -3,6 0,6 1,3 0,3 55,2 55,5 56,2 56,4 Österreich -2,6 2,0 6,6 0,1 55,2 56,2 59,9 60,0 Südeuropa         Griechenland -8,2 -3,4 1,8 -0,8 48,4 46,9 47,7 47,3 Italien -2,7 -1,7 2,2 1,4 51,1 50,3 51,4 52,1 Malta 0,6 -3,0 1,8 0,5 48,7 47,4 48,2 48,4 Portugal -3,1 -0,6 3,2 1,0 55,2 54,9 56,6 57,1 Spanien -2,5 0,0 1,1 0,7 55,9 55,9 56,5 56,8 Zypern -2,7 -0,1 -0,4 -0,7 48,9 48,8 48,6 48,3 Osteuropa         Bulgarien -5,2 4,6 2,0 2,4 55,1 57,5 58,5 59,9 Estland -2,6 6,7 2,3 -0,6 52,5 56,0 57,2 56,9 Kroatien -1,1 2,9 7,9 3,9 51,4 52,7 56,8 58,9 Lettland 1,5 6,7 6,0 0,7 57,3 60,9 64,4 64,8 Litauen -1,8 4,0 4,6 1,5 52,9 54,9 57,4 58,2 Polen -2,9 4,3 4,9 -1,4 47,2 49,0 51,3 50,6 Rumänien -2,0 0,9 8,9 1,5 48,0 48,3 52,3 53,1 Slowakei -0,2 -1,9 1,4 -0,6 49,4 48,6 49,2 48,9 Slowenien -1,3 -1,1 1,7 1,4 64,4 63,8 64,8 65,6 Tschechien -3,8 -0,2 1,1 2,0 50,1 50,0 50,5 51,5 Ungarn -0,2 1,0 4,9 3,0 44,4 44,8 46,8 48,2 EU-27 -2,3 0,5 1,9 0,6 54,7 54,9 55,9 56,1 WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 16 und einen wesentlichen Beitrag zum BIP-Deflator geleistet (Janssen / Lübker 2023, S. 290). Dies spiegelt sich für das Jahr 2022 in einer negativen Verteilungsbilanz in der EU (-2,3 Prozentpunkte) wider. Nach einem praktisch ausgeglichenen Saldo im Jahr 2023 (+0,5 Prozentpunkte) setzt die Gegenbewegung erst 2024 (+1,9 Prozentpunkte) ein. Während ein starkes Überschreiten des Verteilungsspielraums durch eine Erhöhung der Lohnstückkosten inflationstreibend sein kann, können die erhöhten Gewinnmargen diesen Effekt nach Analyse der EZB teilweise abfedern (EZB 2025a, S. 20). Die negative Verteilungsbilanz bedingte, dass die bereinigte Lohnquote in der EU im Jahr 2022 (54,7 %) gegenüber dem Durchschnitt der 2010er Jahre (55,5 %, nicht tabellarisch ausgewiesen) rückläufig war. Die positive Verteilungsbilanz des Jahres 2024 korrespondiert mit einem Anstieg der bereinigten Lohnquote auf 55,9 %. Auch 2025 (56,1 %) dürfte die Lohnquote stabil bleiben. Eine ausgeprägte Aufwärtsbewegung gab es in den baltischen Ländern und in Südosteuropa. Besonders hohe Lohnquoten finden sich in Lettland (64,8 %) und Slowenien (65,6 %); Ausreißer nach unten ist Irland (32,6 %). Zu berücksichtigen ist, dass die bereinigte Lohnquote sowohl zwischen den Ländern als auch über die Zeit nicht uneingeschränkt vergleichbar ist. So ist in Irland die Wertschöpfung – der Nenner der Lohnquote – davon geprägt, dass das Land Sitz vieler multinationaler Unternehmen ist (O’Grady 2024). Zudem beruht das Bereinigungsverfahren auf der Hilfsannahme, dass die Wertschöpfung von Selbstständigen denen von abhängig Beschäftigten entspricht (Freeman 2011). Wenn dies in der Realität nicht der Fall ist, kann es zu systematischen Verzerrungen kommen. Da der Anteil der abhängig Beschäftigten an der Gesamtbeschäftigtenzahl in der EU erheblich schwankt und sich auch über die Zeit verändert hat, beeinträchtigt dies die Vergleichbarkeit. 12 5 STREIK ALS LETZTES MITTEL IM KAMPF GEGEN KAUFKRAFTVERLUSTE Seit dem Beginn des plötzlichen Preisauftriebs versuchen die Gewerkschaften in den EU-Mitgliedstaaten, in Tarifverhandlungen verlorene Kaufkraft zurückzugewinnen. Dies lässt sich auch als Gegenbewegung zur einseitigen Belastung der Reallöhne zugunsten der Unternehmensgewinne verstehen (Janssen / Lübker 2024, S. 17f.; Cipollone 2024). Im Verteilungskonflikt zwischen Arbeit und Kapital 12 Alle Angaben basieren auf der AMECO-Datenbank (Version vom 19. Mai 2025, Seriencode xxx.1.0.0.0.NWTD und xxx.1.0.0.0.NETD). lässt sich sowohl in Deutschland als auch in anderen europäischen Ländern eine Intensivierung der Arbeitskämpfe beobachten (vgl. Eurofound 2024; Schulten 2024; Dribbusch et al. 2024; Lesch / Eckle 2025). Bereits 2022 nahmen die Streikaktivitäten in Europa zu (Müller et al. 2024, S. 105f.), und insbesondere 2023 wurde zu einem streikreichen Jahr (Eurofound 2024). 5.1 Deutlich erhöhtes Arbeitskampfvolumen als Reaktion auf den Preisschock Um das Arbeitskampfvolumen zu messen, ist in der internationalen Streikforschung die Zahl der streikbedingten Ausfalltage pro Jahr und 1000 Beschäftigte das übliche Maß (vgl. IAO 2025; ETUI 2024). Zusätzlich zum Arbeitskampfvolumen wird häufig auch die Anzahl der Arbeitsniederlegungen und der Streikteilnehmenden angegeben. Für die vergleichende Darstellung wird rückwirkend der Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre betrachtet, wie in der Strike Map des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI 2024) oder der Arbeitskampfbilanz des WSI (Dribbusch et al. 2024). Der längere Vergleichszeitraum wird gewählt, um die teilweise erheblichen jährlichen Schwankungen auszugleichen (Dribbusch 2025). Grundsätzlich ist zu beachten, dass die internationale Streikstatistik erheblichen Einschränkungen bezüglich der Vergleichbarkeit unterliegt (Dribbusch / Vandale 2016). Im Zeitraum zwischen 2014 und 2023 ist Belgien mit jährlich 107 streikbedingten Ausfalltagen pro 1000 Beschäftigte innerhalb der EU Spitzenreiter, gefolgt von Frankreich (102) und Finnland (93) (Abbildung6). In Deutschland fielen im Vergleichszeitraum durchschnittlich 21 Arbeitstage pro Jahr und 1000 Beschäftigte aus. Im jüngsten verfügbaren Zehnjahresschnitt schlagen sich die Arbeitskämpfe des Jahres 2023 bereits deutlich nieder – im Mittel der Jahre 2013 bis 2022 waren es hierzulande noch 18 Ausfalltage. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. In allen genannten Ländern hat das Streikjahr 2023 den Zehnjahresdurchschnitt angehoben (ebd.; Dribbusch et al. 2024, S. 16). Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass trotz der jüngsten Mobilisierungen der Beschäftigten quer durch alle EU-Länder das durchschnittliche Arbeitskampfvolumen seit Jahrzehnten rückläufig ist (Müller et al. 2024, S. 104). Auch absolut gesehen ist das Streikvolumen gering: Rechnet man die übliche Statistik auf eine ProKopf-Basis um, so ergibt sich selbst für Belgien nur eine durchschnittliche Streikdauer von 51 Minuten pro Beschäftigtem und Jahr. Deutsche Arbeitnehmer*innen streiken durchschnittlich 10 Minuten pro Jahr. WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 17 Abbildung 6 Streikaufkommen in ausgewählten Ländern der Europäischen Union, Jahresdurchschnitt 2014 – 2023* Streikbedingte Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte Anmerkung: Frankreich nur Privatsektor; Spanien ohne Generalstreiks; Ungarn ohne 2020; Portugal ohne öffentliche Verwaltung. Quelle: Dribbusch 2025; eigene Bearbeitung. 107 102 93 72 41 21 21 16 15 15 10 4 4 1 0 020 40 60 80 100 120 Belgien Frankreich Finnland Zypern Spanien Deutschland Niederlande Polen Dänemark Irland Portugal Ungarn Österreich Schweden Slowakei Abbildung 6: Streikaufkommen in ausgewählten Ländern der Europäischen Union, Jahresdurchschnitt 2014-2023* Streikbedingte Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte *Anmerkungen: Frankreich nur Privatsektor; Spanien ohne Generalstreiks; Ungarn ohne 2020; Portugal ohne öffentliche Verwaltung Quelle: Dribbusch 2025; eigene Bearbeitung 5.2 Streikbewegungen in EU-Ländern In Deutschland, wo die Laufzeit von Tarifverträgen im langjährigen Mittel bei etwa zwei Jahren liegt (Schulten / WSI-Tarifarchiv 2025, S. 123), konnten die Tarifvertragsparteien wegen der damit einhergehenden Friedenspflicht erst mit erheblicher Verzögerung auf den Preisschock reagieren. Hier wurde 2023 so viel gestreikt wie seit 2015 nicht mehr. Laut WSI-Arbeitskampfbilanz (Dribbusch et al. 2024) stieg die Zahl der streikbedingten Ausfalltage 2023 auf 1,5 Mio. und verdoppelte sich damit gegenüber dem Vorjahr. Nach der Streikstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) 13, die auf Meldungen von Arbeitge13 Die Streikdaten der BA unterliegen einigen Einschränkungen. Zum einen werden nur Streiks und Aussperrungen erfasst, an denen mindestens zehn Beschäftigte mindestens einen Tag die Arbeit niedergelegt haben oder durch die mindestens 100 Arbeitstage ausgefallen sind. Zum anderen weist die BA darauf hin, dass die ausgewiesenen Zahlen über betroffene Personen, Betriebe und ausgefallene Arbeitstage untererfasst sind (BA 2025). bern basiert, war auch das Jahr 2024 überdurchschnittlich arbeitskampfintensiv (BA 2025; s. a. Lesch / Eckle 2025). Viele im Jahr 2023 begonnene Arbeitskonflikte zogen sich, wie im Einzelhandel, weit in das Jahr 2024 hinein. Hinzu kamen größere Streiks in der Metallund Elektroindustrie, bei Volkswagen, im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und im Öffentlichen Dienst. Im Bausektor fand der erste Streik seit über 20 Jahren statt (Dribbusch et al. 2024; BA 2025). Auch in anderen Ländern mussten Gewerkschaften verstärkt auf Arbeitsniederlegungen setzen: Spanien verzeichnete im Jahr 2023 mit fast einer Million streikbedingter Ausfalltage den höchsten Wert seit zehn Jahren. Im Jahr 2024 waren die Aktivitäten wieder rückläufig, lagen jedoch weiterhin über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre (MITES 2024). Bemerkenswert ist, dass es 2023 / 24 selbst in EU-Ländern, in denen traditionell kaum gestreikt wird, vermehrt zu Arbeitskämpfen gekommen ist: In Österreich, das durch seine korporatistischen Arbeitsbeziehungen geprägt ist, machten Specht-Prebanda und Pernicka (2024) eine „neue WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 18 Streikfreudigkeit“ aus: Für 2023 weisen die vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) veröffentlichten Daten 788836 Streikstunden aus – der höchste Wert seit 20 Jahren und ein Anstieg um beinahe das Siebenfache im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings normalisierten sich die gemessenen Streikwerte bereits im Jahr 2024 wieder (ÖGB 2024). Auch in den Niederlanden war 2023 ein Jahr der Streik-Rekorde: Mit 52 vom niederländischen Zentralamt für Statistik (CBS) gezählten kollektiven Arbeitsniederlegungen wurde 2023 mehr gestreikt als in jedem Jahr der vergangenen 50 Jahre. Insgesamt gingen 1421000 Arbeitstage durch Streiks verloren (CBS 2025). Das hohe Streikaufkommen in Frankreich ergibt sich zum einen aus tarifbezogenen Auseinandersetzungen, zum anderen aus Protesten gegen Regierungsvorhaben, insbesondere im Bereich der Sozialund Rentenpolitik. Die Steigerung der streikbedingten Ausfalltage um rund 71 % zwischen 2022 und 2023 war nach Angaben des französischen Arbeitsministeriums zu einem wesentlichen Teil auf Streiks im Zuge der Proteste gegen die geplante Rentenreform zurückzuführen (DARES 2025; vgl. auch Dribbusch et al. 2024, S. 29). Für viele EU-Länder liegen keine zuverlässigen Streikdaten vor. So veröffentlicht Italien seit der Finanzkrise 2008 keine Streikstatistik mehr (ETUI 2024). Jedoch legen bei Eurofound veröffentlichte qualitative Berichte nahe, dass auch in Tschechien, Finnland, Luxemburg, Norwegen, Portugal und Schweden mehr gestreikt wurde als gewöhnlich (Eurofound 2024). 5.3 Streikrecht beeinflusst Durchsetzungsfähigkeit der Beschäftigteninteressen Dass Gewerkschaften Streiks – oder die Drohung mit Streiks – in Tarifverhandlungen als Druckmittel einsetzen können, ist eine zentrale Funktion des Streikrechts. Innerhalb der EU gibt es jedoch große Unterschiede, wie das nationale Streikrecht ausgeformt ist. Dies prägt die Art, Häufigkeit und Intensität von Streiks. Dazu kommen Faktoren wie die Haltung der Arbeitgeber, Traditionen der nationalen Arbeitsbeziehungen, der gewerkschaftliche Organisationsgrad, die Ausgestaltung der Tariflandschaft und die Arbeitsmarktsituation (vgl. Warneck 2008; Schulten 2024). Teilweise führen auch Auseinandersetzen über das Streikrecht zu Streiks. So kamen in Finnland in den vergangenen Jahren zu den intensiven Tarifauseinandersetzungen in verschiedenen Branchen zahlreiche politische Streikaktionen hinzu. Die Arbeitsniederlegungen richteten sich gegen die Pläne der finnischen Regierung, das Streikrecht einzuschränken und den Sozialstaat zu beschneiden (Dribbusch et al. 2024, S. 30; Liukkunen 2024; Rühle 2024). In Frankreich sind politische Streiks ein bewährtes Mittel der Gewerkschaften, um in Auseinandersetzungen mit der Regierung Druck auszuüben. Das Recht zu streiken ist dort ein in der Verfassung verankertes individuelles Grundrecht, das jedoch kollektiv ausgeübt werden muss. Das bedeutet, dass Gruppen von mindestens zwei Beschäftigten die Arbeit niederlegen können, um beschäftigungsbezogene Forderungen gegenüber dem Arbeitgeber durchzusetzen. Auch ist das Streikrecht durch seinen konstitutionellen Status nicht an Tarifverträge und eine etwaige Friedenspflicht gebunden (vgl. Warneck 2008, S. 27ff.). In Schweden und anderen nordischen Ländern ermöglicht das Streikrecht vergleichsweise umfassende Solidaritätsstreiks (Warneck 2008). Ein bekanntes Beispiel ist der Konflikt zwischen der schwedischen Gewerkschaft IF Metall und Tesla: Da der amerikanische Konzern sich weigert, mit seinen schwedischen Niederlassungen Tarifverhandlungen aufzunehmen, hat IF Metall im Oktober 2023 zu einem Streik gegen Tesla aufgerufen, an dem sich inzwischen zwölf andere Gewerkschaften beteiligen. Auch in den Nachbarländern Finnland, Dänemark und Norwegen führten Gewerkschaften inzwischen Sympathieaktionen gegen Tesla durch, sodass sich länderübergreifend rund 20 Gewerkschaften aus verschiedenen Branchen am Arbeitskampf gegen Tesla beteiligen. Der Arbeitskampf ist inzwischen der längste in der schwedischen Geschichte (Nyström / Kutlu Mutluer 2025). Hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen fällt Deutschland eher durch ein restriktives Streikrecht auf. Als Teil der Koalitionsfreiheit ist es in Artikel 9 Absatz 3 des Grundgesetzes (GG) verankert. Nach ständiger Rechtsprechung können nur Gewerkschaften zum Streik aufrufen, um tarifvertragsfähige Forderungen durchzusetzen. Ein individuelles Recht auf Streik gibt es nicht. Politische Streiks sind unzulässig, Sympathiestreiks nur in sehr engen Grenzen möglich (Nyström / Kutlu Mutluer 2025). Außerdem verletzt das generelle Streikverbot für Beamte, die keine unmittelbare staatliche Autorität ausüben, nach Ansicht der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) das IAOÜbereinkommen Nr. 87 14, d. h. international bindendes Recht (IAO 1994). 14 Übereinkommen Nr. 87 der Internationalen Arbeitsorganisation über die Vereinigungsfreiheit und den Schutz des Vereinigungsrechts. Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG 2018) und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR 2024) haben zuletzt geurteilt, dass das Streikverbot für verbeamtete Lehrer*innen nicht im Widerspruch zum Grundgesetz und zur Europäischen Menschenrechtskonvention steht. WSI Report Nr. 105, Juni 2025 Seite 19 5.4 Angriffe auf das Streikrecht Trotz des vergleichsweise restriktiven Streikrechts und des im europäischen Vergleich moderaten Arbeitskampfvolumens steht das Streikrecht in Deutschland von Seiten der Arbeitgeberverbände immer wieder unter Beschuss (Klengel / Brandt 2025; Dribbusch 2025; ETUI 2024). Zuletzt hat der Arbeitgeberverband Gesamtmetall einen erneuten Vorstoß zur Einschränkung des Streikrechts gemacht. Kern ist die Einführung eines gesetzlichen Schlichtungsverfahrens, mit dem das Streikrecht der Gewerkschaften ausgehebelt werden kann. Darüber hinaus werden weitergehende Einschränkungen des Streikrechts in der sogenannten Daseinsvorsorge vorgeschlagen (Giesen / Höpfner 2025; Klengel / Brandt 2025). Arbeitgeber versuchen zudem vermehrt, Streiks durch einstweilige Verfügungen gerichtlich zu unterbinden. Da Gewerkschaften bei rechtswidrigen Streiks ein Risiko tragen, Schadenersatz leisten zu müssen, übt allein schon die Einreichung einer Klage erheblichen Druck aus (Klengel / Brandt 2025). Die aktuelle Debatte um eine weitere Einschränkung des Streikrechts in Deutschland geht daher an der Realität vorbei. Weder ist das Streikvolumen ausufernd noch ist das Streikrecht besonders liberal. Öffentliche Aufmerksamkeit bekommen Arbeitskämpfe vor allem dann, wenn auch Dritte betroffen sind, etwa von Streiks bei der Deutschen Bahn oder im ÖPNV. Die große Mehrzahl der Arbeitskämpfe findet jedoch außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung statt. Auch wenn die weitreichendsten Vorschläge aus dem jüngsten Vorstoß der Metallarbeitgeber nur auf die Daseinsvorsorge abzielen, beträfen auch diese Einschränkungen bis zu 50 % der Beschäftigten (Schulten 2025, S. 15). Gleichzeitig wird die Verantwortung der Arbeitgeber weitgehend ausgeblendet, die durch Tarifflucht für eine seit Jahren sinkende Tarifbindung sorgen (Hohendanner / Kohaut 2025). Für Beschäftigte und ihre Gewerkschaften bleibt der kollektive Streik das letzte Mittel, um besonders in Zeiten hoher Reallohneinbußen zumindest einen gewissen Interessensausgleich mit den Arbeitgebern zu erzwingen. 6 BILANZ: AUFHOLPROZESS BEI TARIFLÖHNEN NOCH NICHT ABGESCHLOSSEN Tarifverträge bringen Planungssicherheit. Dies ist eine ihrer wesentlichen Funktionen, die in Deutschland insbesondere von den Arbeitgebern – von der Metallund Elektroindustrie bis hin zu den Kommunen – immer wieder hervorgehoben wird (Lesch / Winter 2021, S. 11; VKA 2019, S. 1 und 5). Die oft langen Laufzeiten von Tarifverträgen bedingen aber auch, dass die Tarifvertragsparteien erst mit Verzögerung auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren können. Dies wird anhand der jüngsten Inflationskrise überdeutlich, während der die Tarifsteigerungen zunächst drastisch hinter die Inflationsrate zurückfielen. Die damit einhergehenden Kaufkraftverluste für die Beschäftigten – und die Verschiebung in der funktionalen Einkommensverteilung zu Lasten des Faktors Arbeit – hat der Europäische Tarifbericht bereits in den Vorjahren dokumentiert (Janssen / Lübker 2023, 2024). In diesem Jahr können wir konstatieren, dass die Gewerkschaften im Kampf um den Ausgleich der Inflationsverluste Fortschritte gemacht haben: Die Tarifabschlüsse überstiegen 2024 erstmals seit vier Jahren wieder auf breiter Front die Teuerungsrate. Für die Eurozone verbleibt von der nominalen Tarifsteigerung von 4,5 % ein realer Zugewinn von 2,1 %. Unter anderem in Österreich (reales Wachstum: +5,4 %), Portugal (+4,5 %) und Deutschland (+2,8 %) fällt die tarifpolitische Bilanz des vergangenen Jahres noch positiver aus. Die Erfolge wurden von den Gewerkschaften teilweise hart erkämpft: Die vergangenen beiden Jahre waren in Europa ausgesprochen streikreich. Durchsetzungsstarke Gewerkschaften, die die Mittel des Arbeitskampfes im Notfall ausschöpfen können, sind aus Sicht der Beschäftigten auch weiterhin erforderlich. Denn die Aufholbewegung ist bei den Tariflöhnen nicht abgeschlossen: In der Eurozone lagen die realen Tariflöhne im vergangenen Jahr noch rund 5 % unterhalb des Ausgangsniveaus des Jahres 2020. Insofern ist das Abflachen des Tariflohnwachstums, das die EZB erwartet, bedenklich. Mit der Ausnahme Portugals (+6,7 %) besteht auch in allen anderen Ländern, für die Daten zur Verfügung stehen, weiter Aufholbedarf – wenngleich in sehr unterschiedlichem Ausmaß. So hat das reale Tarifniveau in Österreich (-1,1 %) und Frankreich (-3,3 %) bereits wieder annähernd das Ausgangsniveau erreicht, während die Lücke in Italien (-9,1 %) und Tschechien (-11,4 %) besonders groß ist. Deutschland liegt nach den Daten des WSI-Tarifarchivs mit einem realen Rückgang des Tarifniveaus von 4,7 % im Mittelfeld. Wenn stattdessen der Tarifindex des Statistischen Bundesamtes verwendet wird, ergibt sich aufgrund methodischer Unterschiede gegenüber 2020 ein realer Verlust von 7,9 %. Diese Zahl beinhaltet Sonderzahlungen; ohne Sonderzahlungen beträgt der Verlust sogar fast 10 %. Selbst wenn es gelingt, die im vergangenen Jahr ausgelaufenen Inflationsausgleichprämien vollständig in tabellenwirksame Erhöhungen zu überführen (vgl. Schulten / WSI-Tarifarchiv 2025, S. 125), ist der Aufholprozess noch unvollständig. Hohe Tarifforderungen haben weiterhin ihre Berechtigung. 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