Das heimische Geld- und Kreditangebot einer Euro-Währung
Abstract
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Full text
Fuhrmann, Wilfried Article Das heimische Geldund Kreditangebot einer EuroWährung Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Fuhrmann, Wilfried (1979) : Das heimische Geldund Kreditangebot einer EuroWährung, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 12, Iss. 1, pp. 56-72, https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292835 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung Von Wilfried Fuhrmann, Kiel* I. Einführung Die mit den Namen Brunner und Meitzer fest verbundene sogenannte moderne Geldangebotstheorie ist inzwischen nicht mehr neu. Ihre Übertragung auf offene Volkswirtschaften ist bereits ebenso vollzogen wie ihre Modifikation in Abhängigkeit von den jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen. Ein Anstoß zur Weiterentwicklung erfolgt — wie so häufig — u. a. aufgrund von Beobachtungen, die in einem etwas anderen Zusammenhang gemacht werden. So beobachtet Laffer z. B. bei der Erklärung des Phänomens einer weltweiten Inflation im Rahmen einer die Jahre 1958 -1974 umfassenden Analyse die Bedeutung der Wachstumsrate der Euro-Märkte1. Zu dem Komplex der Euro-Märkte existiert inzwischen eine sehr umfangreiche Literatur, die sich aber im wesentlichen auf eine ganz bestimmte Problemstellung bezieht. So sind schon oft die Hypothesen einer Kreditvermittlung und (oder auch versus) einer Kreditschöpfung bei der Erklärung des Wachstums dieses Marktes gegeneinander abgewogen worden. Zwar läßt sich die moderne (umfassende) Geldangebotstheorie auch auf den Euro-Geldund Kreditmarkt analog einem nationalen System anwenden; aber zumeist faszinieren Volumina, Lokalisation und „Eigenständigkeit" im Rahmen der internatio- * Für kritische Hinweise danke ich Prof. Dr. W. Ehrlicher, Prof. Dr. J. RohWedder und Dr. habil. Dr. W. Schäfer. 1 So konstatiert er „the insignificance of the U. S. money supply growth to the growth rate of the world's total. In the past five years the U. S. money supply growth has never accounted for as much as 25 percent of the total money supply growth. In each and every year for the past five years, money supply growth rates of countries other than the United States were well over twice as important as U. S. money supply growth. Save one year, Eurodollars were more important than U. S. money supply changes." Vgl. A. B. Laffer (9, S. 62). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung 57 nalen Geldund Kapitalmärkte2. Die Überbetonung der reinen Existenz bzw. die Erklärungsversuche für die „isolierten" Euro-Märkte sind bei einem von der BIZ3 für Ende Dezember 1975 geschätzten Volumen des Euro-Geldmarktes von 205 Mrd. US-Dollar zwar verständlich, sie verstellen aber z. T. den Blick auf die Interdependenz der nationalen Märkte. Erst in neueren Aufsätzen wird der Euro-Markt im Hinblick auf seine möglichen feed-backs auf das heimische Geldangebot analysiert4. Diese modifizierte Zielsetzung führt zu einer verfeinerten Beschreibung des Euro-Marktes, so daß er nicht mehr im Rahmen eines einstufigen Bankensystems analog einem nationalen einstufigen Mischgeld-System betrachtet werden kann. Vielmehr ist von einem umfassenden zwei-stufigen Mischgeldsystem bzw. einem sog. three-stagebanking system auszugehen, welches aus der Zentralbank, den inländischen Banken und den Euro-Banken besteht. Der bisher berücksichtigte Unterschied bei den Banken liegt in der Reservehaltung. Sie erfolgt von Seiten der inländischen Banken in Form von (freiwilligen und) gesetzlich festgelegten Reserven bei der heimischen Zentralbank und von seiten der Euro-Banken als freiwillige Reserve bei den heimischen Geschäftsbanken. Eine Berücksichtigung der gesetzlich fixierten Reservehaltung der Euro-Banken bei den jeweiligen Zentralbanken (abhängig von den Bankengesetzen5 im Domizil-Land der jeweiligen Euro-Bank) fehlt ebenso wie die Berücksichtigung der Zinsabhängigkeit der freiwilligen Reservehaltung bei den inländischen Banken. Entsprechend fehlt die Darstellung der Zinsabhängigkeit des Multiplikators genauso wie die Ausdehnung der Analyse auf das gesamte Kreditangebot. Die „umfassende" Analyse eines derartigen zweistufigen Mischgeldsystems für eine Euro-Währung (eine 2 Als Ursachen sind im wesentlichen die nationalen Kapitalverkehrskontrollen/-behinderungen, die „Kosten"-Unterschiede (Steuern, Mindestreservebestimmungen etc.) und die Reduktion des Wechselkursrisikos anzusehen. Die Bedeutung des letzten Gesichtspunktes zeigt sich u. a. darin, daß Euro-Anleihen emittiert wurden in Europäischen Rechnungseinheiten, in Einheiten aus neun EG-Währungen (EURO) bzw. zwölf arabischen Währungen (EURCO) und auf der Basis der Sonderziehungsrechte. Daneben sind die Verfahrensstandardisierungen und institutionellen Neugründungen (EUROCLEAR; CEDEL; AIBO) zu nennen. Vgl. C. J. Emanuel (5). 3 Vgl. Geschäftsbericht für das Jahr 1975 der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, S. 86. 4 Vgl. u.a. J. Niehans, J. Hewson (10); M. Willms (13). 5 Zu derartigen Gesetzen gehören nicht nur Bestimmungen zur Mindestreserve, sondern auch Gesetze und Empfehlungen zur Bilanzstruktur, wie z. B. in Deutschland das Kreditwesengesetz und in den USA die sog. „Examiner's Criteria of the Board of Governors of the Federal Reserve System". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
58 Wilfried Fuhrmann dem Euro-Markt offene Volkswirtschaft) und die „Forcierung" einer Überwindung isolierter „mystery"-Untersuchungen ist das Anliegen dieses Aufsatzes. II. Ein zweistufiges Mischgeldsystem einer geschlossenen Volkswirtschaft Betrachten wir jetzt zunächst eine geschlossene Volkswirtschaft, deren Bankensystem institutionell durch die heimische Zentralbank, eine reservepflichtige Bank (B1) sowie eine nicht-reservepflichtige Bank (B 2) charakterisiert ist. Die Bank B 1 hält für die Sichteinlagen der Nichtbanken (Di), der Bank B 2 (Di) und die Termineinlagen der Nichtbanken (Ti) bei unterschiedlichen Mindestreservesätzen (rdi, m, rdl) freiwillige und gesetzliche Reserven ausschließlich in Form von Zentralbankgeld (Rdi, Rti)• Dabei besteht D^ aus den freiwilligen Reserven der Bank B 2 bei unterschiedlichen Reservesätzen für ihre Sichteinlagen der Nichtbanken D2 und Termineinlagen der Nichtbanken T2 (r^i, rm), die sie in Form von Sichteinlagen bei der Bank B 1 (Rd2h Rm) hält. Somit folgt: (la) D\ = Rd21 + Rm = rd21 D2 + rm T» (lb) Rdl = rdi Dt + r'dl DJ (lc) Rtl = rti Tx (ld) R1 = Rdl + Rtl = rx (Di + Di + = rdl Dt + r'dl D[ + rtl Tt Die Bank B 2 hält darüber hinaus für Dg und T2 (freiwillige) Reserven in Form von Zentralbankgeld, so daß für die Gesamtheit ihrer Reserven (R2) folgt: (le) R2 = (rd21 + rd22) D2 + (rm + rm) T2 (lf) R2 = r2 (Do + T2) Die freiwilligen und gesetzlichen Reservesätze sind dabei unterschiedlich. Die Unterscheidung der Verbindlichkeiten der Banken stellt somit eine Unterscheidung nach Art der reservepflichtigen Depositen dar. Da die Bank B 2 hier im wesentlichen durch das Fehlen einer Mindestreservepflicht charakterisiert ist und wir — wie in solchen Analysen üblich — das aggregierte Kreditvolumen unter Vernachlässigung einer expliziten Berücksichtigung der Fristigkeitsstruktur betrachten, erscheint OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung 59 eine weitere Differenzierung der Verbindlichkkeiten z. B. in Einlagen und Schuldverschreibungen nicht notwendig. Für die weitere Geldmengendefinition, wobei wir zur Vereinfachung statt M 2 nur M schreiben, und für die Geldbasis B gilt (C = Zentralbankgeld in Händen der Nichtbanken): (2) M = C -b + D2 + Tt + T2 (3) B = C + R^i + Rti + Ret*» + 2 Unter Verwendung der Quotienten-Symbole T2 D2 Di c folgt: l + ti+d + tgd + c (4) M = —— — ' B 1 ' c + rx (1 + d{ + t±) + r^ d + rm tg d Interessante Varianten dieses allgemeinen Multiplikators für ein heimisches zweistufiges Mischgeldsystem sind:6 1 + t1 + d + t2d + c (4a) r2 = 0 ma = % c + rdi + rtl tt 1 + ti + d + c (4b) ^22,10 = 0 mb = (4c) t2 = 0 (4d) D2, T2 = 0 md = c + rdl + ti + rdl rd21 d 1 + tj + d + c c + rdl + rtl tx + r'dl r^ d + rd%>d l + tt + c c + rdl + rtl tt Dabei stellt md den bekannten Geldangebotsmultiplikator m2 ohne Einlagen des Staates und Refinanzierungskredite der Banken bei der Zentralbank in einem einstufigen Mischgeldsystem bzw. two-stagesystem dar. Die Veränderung des Multiplikators aufgrund der Existenz einer nicht-reservepflichtigen Bank zeigt sich besonders durch den Vergleich von ma und md. Da md ein unechter Bruch ist und beide 6 Die Indices bei den Geldangebots-Multiplikatoren kennzeichnen bei der folgenden Analyse bestimmte Annahmen über den Euro-Markt und entsprechen den auch bei den Kreditangebots-Multiplikatoren verwendeten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
60 Wilfried Fuhrmann Multiplikatoren sich nur im Zähler [(1 + t¿) d > 0] unterscheiden, gilt: via > rnd bzw. allgemein ma > m& > mc > m¿.7 Die Erhöhung des Multiplikatorwertes durch Interbankbeziehungen resultiert letztlich natürlich aus der unterschiedlichen Mindestreservehaltung. Entsprechend verliert die Zentralbank zunehmend die Kontrolle über das Geldangebot, wenn die relative Bedeutung der Bank B 2 steigt. Die relative Bedeutung der Bank B 2 hängt dabei besonders über die (Relations-)Koeffizienten von den Verhaltensweisen der Nicht-Banken ab. Bei der im Rahmen einer (tautologischen) Durchschnitts-Multiplikatoranalyse zu unterstellenden Konstanz der Quotienten pflanzt sich somit die Geldschöpfimg seitens einer Bank z. B. durch B 2 nicht nur in ihrem Bereich fort. Steigt also z. B. D2, so müssen auch (t = ig) ebenso wie Di (d = d) und damit auch Ti (ti = ti) sowie Di und C (di = dj; c = c) gestiegen sein. III. Die Analogie zwischen diesem zweifstufigen System einer geschlossenen Volkswirtschaft und dem einer Euro-Währung Auf den ersten Blick scheint kaum ein derartiges Bankensystem, in dem die Bank B 2 über eine längere Zeit eine wesentliche Bedeutimg hat, zu existieren8. Die Relevanz unserer derart klassifizierten bisherigen Analyse ist dann gering. Charakterisieren wir jetzt aber einmal die Bank B 2 erneut9. Die Bank B 2 ist — in dem bisher diskutierten Modell der geschlossenen Volkswirtschaft — von der gesetzlichen Mindestreserve befreit und hält ihre freiwilligen Reserven in Form von Sichtdepositen bei der Bank B 1 und/oder Zentralbankgeld. Modifizieren wir jetzt das Modell der „geschlossenen" Volkswirtschaft und domizilieren die Bank B 1 im Inland sowie eine Bank im Ausland, so daß B 2 keine heimische Bank, sondern eine ausländische Bank, die mit derselben 7 Bei diesem Vergleich ist zu berücksichtigen, daß durch die Existenz von T2 und D2 sich die Größen und c verändern können. 8 So unterliegen z. B. in Deutschland domizilierte Kreditinstitute jeweils für ein Jahr keiner Mindestreservepflicht, die ständig langfristige Kredite gewähren und deren langfristig verfügbaren Mittel mindestens 90°/o des um die Wertberichtigungen verminderten Geschäftsvolumens betragen. Vgl. § 1 Abs. 2 e der „Anweisungen der Deutschen Bundesbank über Mindestreserve (AMR)", in: Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank (4). Aufgrund ihres relativ geringen Beitrages zur Geldschöpfung ist ihre Vernachlässigung in einer Analyse des heimischen Geldangebotes — angesichts der gewonnenen Übersichtlichkeit — vertretbar. 9 Da es uns auf die Größen D2 und T2 mit ankommt, ist ein Analogieschluß zwischen B2 und den sog. financial intermediarles hier ohne Bedeutung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung 61 Währung wie B 1 handelt, ist. Üblicherweise interpretieren wir B 2 dann als Euro-Bank10 eines speziellen Euro-Marktes: z.B. des EuroDM-Marktes11. Die Existenz eines Euro-Marktes führt somit für die entsprechende Währung zu einem segmentierten Geschäftsbankensystem mit einem heimischen Teil und einem Teil, der außerhalb der direkten Kontrolle der heimischen Zentralbank liegt12. Der Einfluß der (inländischen und ausländischen) Nichtbanken auf das Geldangebot steigt. Eine Kontrolle des direkt inlandswirksamen und nicht nur des heimischen Geldangebotes durch die heimische Zentralbank ist dann nur noch über Instrumente zur Beeinflussung der Beziehung von B 2 mit B 1 (z. B. besondere Mindestreservebestimmungen für Einlagen von Gebietsfremden) und mit inländischen Nichtbanken (z. B. Bardepot) möglich. Dabei liegt dann der Ansatzpunkt bei allen inländischen Wirtschaftssubjekten, die mit B 2 (tatsächlich und/oder potentiell) ökonomische Transaktionen durchführen13. 10 Wir betrachten zur Vereinfachung alle Euro-Banken als eine Bank. Die leakages in Form von inländischem Zentralbankgeld an ausländische Nichtbanken erfassen wir mit der Größe c, solche in ausländischen Währungseinheiten können zu einer Variation der Währungsreserven und/oder des Wechselkurses führen. Die Erweiterung der Kassenhaltung der inländischen Banken und des Publikums um ausländische Währungseinheiten ist ohne weiteres möglich, führt aber zu einem komplizierteren Modell. 11 Entsprechend sind auch der hier abgeleitete Multiplikator mh (Gleichung (4b)) und der von Willms entwickelte total money multiplier (seine Gleichung 9) identisch. Vgl. M. Willms (13, S. 221). 12 Dieser Vergleich berücksichtigt die übliche Einbeziehung eines bestimmten Euro-Marktes. Vernachlässigt werden dabei Wechselkurseffekte und die Risikokomponenten bei der Euro-Bank. Diese Bank hat z. B. möglicherweise Mindestreserven bei ihrer heimischen Zentralbank zu halten — allerdings (wie z.B. in der BRD) nicht in der Euro-Währung, sondern in der jeweiligen Landeswährung. Entsprechend dem zu bestimmten Stichtagen errechneten Mindestreservesoll fragt die Bank eigene, d. h. aus unserer Sicht fremde Währung nach bzw. bietet die Euro-Währung auf dem Devisenmarkt an. Damit beeinflußt sie (abhängig von den Reservebestimmungen und der Geschäftspolitik) den Wechselkurs und verstärkt möglicherweise seine Schwankungen. Ein steigendes Euro-Depositen-Volumen (selbst bei konstanter Basis) führt dadurch tendenziell zur Abwertung dieser Währung. Läßt sich bei einer Reservehaltung für Termindepositen und allgemein herrschender Terminstrenge das Wechselkursrisiko dieser Reservehaltung auf ein vernachlässigbares Ausmaß über den Terminmarkt reduzieren, so erscheint dieses bezüglich der Reserven für Sichtdepositen kaum möglich zu sein. In dieser Reservehaltung mag somit ein Grund für kurzfristig eratisch schwankende Wechselkurse liegen. Wechselkursänderungserwartungen (Risikogröße aufgrund der Mindestreserven) beeinflussen ihrerseits die Profitabilität von Euro-Krediten bzw. die Angebots-Zinssätze. 13 Die Berücksichtigung von Euro-Krediten an ausländische Nichtbanken und deren Auswirkungen auf das Inland (erhöhte internationale Liquidität) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
62 Wilfried Fuhrmann IV. Der heimische Durchschnittsmultiplikator einer Euro-Währung Beim Fehlen einer fühlbaren Substitutionslücke zwischen dem EuroMarkt und dem heimischen Markt ist somit entweder die Betrachtung des gesamten Kreditangebotes14 oder die des heimischen (nicht zu verwechseln mit inlandswirksamen) Kreditangebotes unter Berücksichtigung des Euro-Marktes als potentielle „Refinanzierungsquelle" möglich. Der zweite Weg scheint besonders deswegen angebracht zu sein, da die Zentralbankpolitik sich auf die Beeinflussimg der Verhaltensweisen der national-domizilierten Banken konzentriert. Betrachten wir im folgenden somit besonders das heimische Kreditangebot. Dabei vernachlässigen wir zur Vereinfachung wiederum den Staat, so daß keine staatlichen Wertpapiere und Einlagen existieren. Die Bilanzen der inländischen Zentralbank (ZB)15, der heimischen Bank B l16, der Euro-Bank B 217, des Publikums P18 und des konsolidierten Bankensystems (ZB + B 1 + B 2) lauten dann: im Rahmen der inländischen Geldpolitik erfordert dann z. B. OffenmarktGeschäfte der heimischen Zentralbank auf dem Euro-Markt der entsprechenden Währung. 14 Willms ermittelt folglich das auf dem Euro-Markt direkt geschaffene Depositenvolumen sowie die induzierte Veränderung des gesamten Depositenvolumens bei einer Variation der Verfügbarkeit von Zentralbankgeld zwischen B1 und B2. Er definiert dabei — entsprechend seiner Zielsetzung — ,created' Euro-deposits as „the difference between the total amount of Eurodeposits and the domestic deposits which could have been created on the volume of reserves indirectly absorbed by Euro-banks." Vgl. M. Willms (13, S. 216). 15 Die Gleichung (5a) läßt sich sinnvoll derart variieren, daß R^ und Rt22 jeweils gleich Null gesetzt werden und unterstellt wird, daß die BankB2 die Mindestreserven bei der jeweiligen ausländischen Zentralbank in ausländischer Währung hält. Entsprechend sind dann in einer Analyse der Kontrollierbarkeit der Geldmenge die Währungsreserven als Nettogröße zu betrachten oder in die ,Uses of the Base' die Position „Reserves and Currency held by foreign central banks" aufzunehmen. Die Untersuchung hätte dann auf einer „net monetary base" unter Einschluß kurzfristig variierbarer Auslandspositionen der Geschäftsbanken und Nichtbanken zu beruhen. Zu derartigen Analysen vgl. J. Siebke (11) und M. Willms (12). 16 wir vernachlässigen nach wie vor die Sichtund Termineinlagen von B1 bei B2, d. h. die „Refinanzierung" von B2 bei Bl. 17 wir vernachlässigen in der Bilanz die Einlagen und Kredite in ausländischer Währung. Dadurch wird eine direkte Substitutionsbeziehung zwischen den Kreditmärkten zweier Währungen — deren Erklärung mittels eines Portfolio-Selektions-Ansatzes für B2 und entsprechend auch für Bl leicht möglich ist — mit ihren Auswirkungen auf die Wechselkursentwicklung, den internationalen Kapitalverkehr etc. ebenso unterdrückt. Aufgrund des Wechselkursrisikos halten die Euro-Banken ihre freiwilligen Reserven dann in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung 63 (5a) W + OS = Rdi -f Rt2 + Rd22 + Rt22 + C Rdl + Rtl +L1=D1 + D'1 + T1+K1 (5b) (5c) (5d) ^¿21 + Rd22 + Rt21 + Rf22 + L2 = D2 + T2 + K2 C + D1+D2 + T1 + T2 = Li + L2 + Kp (5e) W + OS+ L1+L2 = D1 + D2 + T1 + T2 + C + K1 + K2 Dabei bedeuten die neuen Symbole: W Goldund Währungsreserven der heimischen Zentralbank OS andere Aktiva bzw. Quellen der Basis Lx Kredite der Bank x an die Nichtbanken: x = 1 für B1 x = 2 für B2 Kx Nettokapital bzw. -vermögen der: x = 1 Bank B1 x = 2 Bank B2 x = P Publikum. Die von der Euro-Bank B 2 gehaltenen Reserven Rd22 und Rm beinhalten jetzt auch die gesetzlichen Mindestreserven, die B 2 bei der (ausländischen) Zentralbank ihres Domizillandes möglicherweise halten muß. Die gesetzlichen Mindestreservesätze im Inund Ausland, d. h. für die Banken B 1 und B 2 sind unterschiedlich. Gilt der bekannte Zusammenhang: (6a) E = (m - 1) B für das modifizierte gesamte (Netto-)Kreditangebot19 E (E = Li — Ki -f L2 — Kg), so folgt für das heimische Kreditangebot Ei (Ei = Li — Ki) unter Beachtung des Angebotes auf dem Euro-Markt E2 (E2 = L2 — K2) mit Hilfe des Quotienten e = E2!E\\ Form #¿21 und Wir treffen diese Einschränkung hier, um den Erklärungsansatz übersichtlich zu halten, werden aber versuchen, sie in einem zukünftigen umfassenden Modell aufzuheben. 18 wir vernachlässigen hier sowohl die Zweiteilung des Publikums in die Gruppen inländische und ausländische Wirtschaftssubjekte als auch die Einlagen und Kredite in ausländischer Währung. Die Annahmen bezüglich der Struktur und unterschiedlichen Verhaltensweisen der inund ausländischen Nichtbanken auf dem Euro-Markt bestimmen die Ergebnisse theoretischer Überlegungen zur Frage der Kreditschöpfung versus -Vermittlung auf dem Euro-Markt. 10 Vgl. A. E. Burg er (3). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
70 Wilfried Fuhrmann Literatur (1) Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Geschäftsberichte, versch. Jgg. — (2) Brunner, K. und Meitzer, A. H.: Some Further Investigations of Demand and Supply Functions for Money, in: The Journal of Finance, Vol. 19, 1964, S. 240-283. — (3) Burger, A. E.: The Money Supply Process, Belmont (Cal.) 1971. — (4) Deutsche Bundesbank, Geschäftsberichte, versch. Jgg. — (5) Emanuel, C. J.: Der expandierende Euro-Kapitalmarkt, in: Finanzierung und Entwicklung, 13 Jg., 1976, Nr. 3, S. 33 - 41. — (6) Friedman, M.: The Eurodollar Market: Some First Principles, in: Review of the Federal Reserve Bank of St. Louis, Vol.53, Nr. 7, 1971, S. 16 - 24. — (7) Fuhrmann, W.: Die Aktivastruktur deutscher Banken, in: F. Voigt (Hrsg.), Untersuchungen über das Spar-, Giround Kreditwesen, Bd. 95, Berlin 1978. — (8) Hewson, J. und Sakakibara, E.: The Euro-Dollar Deposit Multiplier: A Portfolio Approach, in: International Monetary Staff Papers, Vol. 21, Nr. 2, 1974, S. 307 - 328. — (9) Laffer, A.B.: Global Money Growth and Inflation, in: economic Impact, A quarterly review of world economics, 1976/2 (Nr. 14), S. 60 - 62. — (10) Niehans, J. und Hewson, J.: The Eurodollar Market and Monetary Theory, in: The Journal of Money, Credit and Banking, Vol. 8, Nr. 1, 1976, S. 1 - 27. — (11) Siebke, J.: An Analysis of the German Monetary Supply Process: The Multiplier Approach, in: K. Brunner (Ed.), Proceedings of the First Konstanzer Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy, in: Beihefte zu Kredit und Kapital, Heft 1, 1972, S. 243 - 272. — (12) Willms, M.: Controlling Money in an Open Economy: The German Case, in: Review of the Federal Reserve Bank of St. Louis, Vol.53, Nr. 4, 1971, S. 10 - 27. — (13) Willms, M.: MoneyCreation in the Euro-Currency Market, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 112, Heft 2, 1976, S. 201 -230. Zusammenfassung Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung In dieser Arbeit wurde versucht zu zeigen, daß das Kreditangebot eines Landes, dessen Währung auf dem Euro-Markt gehandelt wird, mit Hilfe eines zweistufigen Mischgeldsystems zu analysleren ist. Die heimische Zentralbank hat wie bei der Existenz von heimischen Banken, die von der Mindestreservepflicht befreit sind, nur auf einen Teil des gesamten Kreditangebotes in dieser Währung bzw. des anbietenden Bankensystems Einfluß. Der andere Teil dieses Kreditmarktes unterliegt der Kontrolle fremder Zentralbanken. Die Existenz des Euro-Marktes erhöht den inländischen Kreditschöpfungsmultiplikator bzw. die direkte Zinselastizität des inländischen Kreditangebotes und damit den Einfluß der Nichtbanken und privaten Banken auf das Geldund Kreditvolumen. Eine damit entsprechend verbundene Schwächung der direkten Wirksamkeit geldund kreditpolitischer Instrumente wie z.B. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
Das heimische Geldund Kreditangebot einer Euro-Währung 71 der Mindestreserve-Niveaupolitik ist nur teilweise durch diese besondere Angebotsstruktur beachtende Maßnahmen wie z. B. die Variation der Mindestreservesatzstruktur für Einlagen von Gebietsansässigen und Gebietsfremden zu beseitigen. Konjunkturpolitische Maßnahmen sind somit durch weitere Instrumente (wie z. B. Bardepot, institutionalisierte Beeinflussung der anderen Zentralbanken bezüglich der Mindestreservesätze für sog. Fremdwährungskonten, Offenmarkt-Politik auf dem Euro-Markt etc.) zu flankieren. Summary The Domestic Money and Credit Supply of a Euro-Currency This article shows that the moneyand credit supply of a country, the currency of which is traded on the Euro-market (Euro-currency) may be analysed by means of a two-tier multiple-expansion system ("three-stagesystem"). As in the case of domestic banks which are relieved of the (legal) minimum reserve requirements, the domestic central bank directly influences only a part of the total credit supply in this currency or of the tendering banking system. The other part of the supply-side of this credit market is subject to the control of foreign central banks. The existence of the Euro-market strengthens the role of the behavioral multiplier-ratios for the (domestic) creation of credits, specially the direct interest elasticity of the domestic credit supply and, consequently, the influence of non-banks and private banks on the volume of money and credit respectively. A correspondingly connected weakening in the direct effectivity of monetary instruments (e. g. the level of minimum reserve requirements) can only partly be eliminated by means of specific actions regarding supply structure (e. g. variation within the structure of the minimum reserve requirements for deposits by residents and non-residents). Economic stabilization measures should therefore be accompanied by the application of additional instruments (e. g. special reserve-requirements for credits provided by foreigners to non-banks i. e. cash deposits (Bardepot), institutionalised direct influences of foreign central banks with regard to minimum reserve requirements for so-called foreign currency accounts, open market operations on the Euro-market etc.). Résumé L'offre intérieure de monnaie et de crédit d'une euro-monnaie L'auteur tente ici de montrer que l'offre de crédit d'un pays, dont la monnaie se négocie sur l'euro-marché, doit s'analyser à l'aide d'un système monétaire mixte à deux degrés. Comme lorsqu'elle a affaire à des banques intérieures dégagées des obligations de réserves minimales, la banque centrale du pays concerné n'exerce d'influence que sur une fraction de OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00
72 Wilfried Fuhrmann l'offre globale de crédit dans la monnaie de ce pays ou du système bancaire offrant. L'autre partie de ce marché du crédit est assujettie au contrôle de banques centrales étrangères. L'existence de l'euro-marché accroît le multiplicateur interne de création de crédit ou l'élasticité directe des taux d'intérêt de l'offre interne de crédit et, partant, l'influence des non-banquiers et des banques privées sur le volume monétaire et du crédit. L'affaiblissement en résultant au détriment de l'efficacité directe des instruments de politique monétaire et du crédit tels que les politiques de niveau des réserves minimales ne pourra que partiellement être compensé par les mesures exigées par cette structure particulière de l'offre, mesures du genre de la variation de la structure des taux de réserves minimales pour les dépôts des résidents et des non-résidents. Les actions de politique conjoncturelle doivent donc s'accompagner de l'intervention d'autres instruments (p. ex.: dépôts en espèces, emprise institutionnalisée sur les autres banques centrales relativement aux taux de réserves minimales pour les comptes en devises, politique d'open market sur l'euro-marché, etc. ...). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.12.1.56 | Generated on 2023-01-16 12:44:00