Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel. Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert
Abstract
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Full text
Teuteberg, Hans-Jürgen (Ed.) Book Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel. Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 156 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Teuteberg, Hans-Jürgen (Ed.) (1986) : Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel. Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 156, ISBN 978-3-428-46043-4, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285584 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschafts· und Sozialwissenschaften Neue Folge Band 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
SCHRIFTEN DES VEREINS FtJR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Neue Folge Band 156 Stad twachstu m Industrialisierung, Sozialer Wandel DUNCKER & HUMBLOT I BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Stadtwachstum Industrialisierung, Sozialer Wandel Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert Von Peter Borscheid, Bruno Fritzsche, Friedrich-Wilhelm Henning, Dietmar Petzina, Günther Schulz, Hans-Jürgen Teuteberg, Richard H. Tilly und Clemens Wischermann Herausgegeben von Hans-Jürgen Teuteberg DUNCKER & HUMBLOT I BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek S&adtwachstum, Industrialisierung, sozialer Wandel: Beitr. zur Erforschung d. Urbanisierung im 19. u. 20. Jh. / von Peter Borscheid ... Hrsg. von Hans- Jürgen Teuteberg. - Berlin: Duncker und Humblot, 1986. (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften; N. F., Bd. 156) ISBN 3-428-06043-1 NE: Borscheid, Peter [Mitverf.]; Teuteberg, Hans- Jürgen [Hrsg.]; Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften: Schriften des Vereins ... Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten. @ 1986 Duncker & Humblot GmbH, Berlin 41 Gedruckt 1986 bei Berliner Buchdruckerei Union GmbH, Berlin 61 Printed in Germany ISBN 3-428-06043-1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Vorwort Dieser Sammelband enthält alle Referate, die ftir eine Sitzung des Wirtschaftshistorischen Ausschusses der Gesellschaft ftir Wirtschafts- und Sozialwissenschaften vom 21.-23. März 1985 in Zürich unter Leitung von Professor Dr. rer. pol. Hansjörg Siegenthaler vorgelegt wurden. Für die Drucklegung sind die Abhandlungen wie üblich überarbeitet und ergänzt worden. Die Tagung war einer Anregung des Herausgebers folgend unter das in diesem Kreis bisher noch nicht erörterte Rahmenthema "Urbanisierung" gestellt worden, um zunächst Teilergebnisse einiger inhaltlich wie methodisch eng verklammerter größerer Forschungsprojekte zu diskutieren, die seit einigen Jahren im Sonderforschungsbereich 164 ,;Vergleichende geschichtliche Städteforschung" der Universität Münster betrieben werden. Zugleich war es auch die Absicht, einige ähnliche, thematisch eng benachbarte Untersuchungen von Wirtschaftshistorikern in Bonn, Köln und Bochum, aber auch in der Schweiz, dazu in Beziehung zu setzen und sich über neue historische Quellen und methodische Zugriffe ftir ihre Auswertung auszutauschen. Wie die lebhafte Diskussion zeigte, besteht ein Konsens darüber, daß Ursachen, Umfang und Verlauf des modernen Verstädterungsprozesses seit dem 19. Jahrhundert im größeren Zusammenhang sowohl quantitativ wie qualitativ erst unbefriedigend erforscht sind. Bei Untersuchungen ist zwischen internen und externen Funktionen der Städte bzw. der inneren Stadtstruktur und ihrer äußeren Verflechtung im Rahmen der Gesamtwirtschaft und Gesamtgesellschaft zu unterscheiden. Eine umfassend angelegte Analyse der Urbanisierung muß daher sowohl die Stadt, die als separierte kleine Welt ftir sich gedacht werden kann, als auch ihre Beziehungen zur äußeren Umwelt gleichermaßen erfassen. Erkenntnisebenen können demgemäß die einzelnen Stadtbewohner (der Städter als Typus), städtische soziale Gruppen und Schichten oder kommunale Institutionen und deren Funktionsstandorte, aber auch die Städte insgesamt als historische Individuen sein. Nicht minder wichtig sind Untersuchungen über die innere Differenzierung und Entwicklungsprozesse der Städte bezogen auf unterschiedliche sozial- und funktionsräumliche Merkmale. Ferner interessieren Städte als Elemente regionaler und nationaler Städtesysteme sowie schließlich als Subsysteme und Innovationszentren einer jeweiligen Gesamtgesellschaft. Will man die Entwicklung der modernen Städte in den letzten hundertftinfzig Jahren genauer verfolgen, dann muß die spezielle Organisationsform des menschlichen Zusammenlebens wie auch ihre räumliche Ausbreitung und Auswirkung in den größeren Dimensionen verfolgt werden. Die moderne Verstädterung, die sich an einer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
6 Vorwort Fülle von Einzeldeterminanten festmachen läßt, hat offensichtlich das moderne, sich selbst erhaltende Wirtschaftswachstum mancherorts initiiert und beschleunigt, aber auch umgekehrt sind von daher entscheidende Impulse für den demographisch-sozialen Wandel ausgegangen. Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte hat sich, was aber auch für die Nachbardisziplinen historische Stadtgeographie, Stadtsoziologie, Stadtökonomie oder Raumwirtschaft gelten kann, bisher als relativ unfähig erwiesen, die gesamte Fülle des modernen verstädterten Daseins streng systematisierend zu durchdringen und generelle Erklärungen zu geben, worüber einzelne kluge Gedankenmodelle nicht hinwegtäuschen dürfen. Ein Hauptgrund für diesen mißlichen Stand der Forschung dürfte darin liegen, daß man in der herkömmlichen historischen Stadtforschung vielzuviel individuelle Stadtbeschreibung ohne abstrahierende Ansprüche und zu wenig zeitlich wie räumlich vergleichende Stadtanalysen inAnbindung an die größerenProzesse der Industrialisierung und Modernisierung als Formen des sozialen Wandels betrieben hat. Die Notwendigkeit einer umfassend angelegten Urbanisierungsforschung läßt sich anhand bekannter Einsichten demonstrieren: In den Städten konzentrierte sich frühzeitig nicht nur das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben, sondern von hier aus wurde auch ganz entscheidend der jeweilige gesamtwirtschaftliche und soziokulturelle Strukturwandel beeinflußt. Nahezu alle sozialen Innovationen im breiteren Sinne gingen vermutlich von den Städten aus. Der Prozentsatz der dort lebenden Menschen war aber jahrhundertelang sehr gering und ist erst seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sprunghaft und kontinuierlich gestiegen. Heute kann die Bundesrepublik, wie die anderen vergleichbaren Industriestaaten, als eine nahezu verstädterte Industriegesellschaft angesehen werden. Alle städtischen Probleme sind in Wahrheit gesamtgesellschaftliche Fragen; der traditionelle Stadt-Land-Gegensatz, der noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine prägende Rolle spielte, ist fast gänzlich geschwunden. Wie zu Beginn der modernen Urbanisierungsphase treten neue soziale Spannungen der postindustriellen Gesellschaft wiederum zuerst in den Städten auf und stellen nun die Frage, ob wir erneut vor einer großen Umbruchsituation stehen, die mit den herkömmlichen Begriffsapparaten nicht mehr hinreichend erfaßt werden kann und für die wir die bis jetzt nur unbefriedigende Stichworte "Desurbanisation", "Suburbanisierung", "Dekonzentration" oder "Regionalstadt" verwenden. Auf jeden Fall ist erst jetzt am Ende des 20. Jahrhunderts, was die beiden Weltkriege und die anomalen Jahrzehnte dazwischen nur allzulange verdeckt haben, die Tatsache voll ins wissenschaftliche Bewußtsein getreten, welche tiefgreifenden und manchmal geradezu revolutionären strukturellen Umwälzungen dieser langanhaltende Urbanisierungsprozeß in fast allen Lebensbereichen erzeugt hat. Die Befriedigung der Alltagsbedürfnisse wie auch Abläufe täglicher Daseinsformen haben sich im Kern durch den Prozeß der durchgehenden Verstädterung verändert, was das soziale Handeln wie das Rollenverhalten tief beeinflußt hat. Manche Probleme der Gegenwart hängen wahrscheinlich weniger mit der immer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Vorwort 7 wieder zitierten "Krise der Stadt" (Lewis Mumford, Jane Jacobs, Alexander Mitscherlich) als vielmehr mit der immer noch nicht überall gelungenen Anpassung an die total urbanisierte Lebensweise zusammen, für die es in der Geschichte bisher noch kein Vorbild gab. Wie immer man auch zu solchen Hypothesen stehen mag: Wissenschaftlichen Analysen über den Prozeß der Urbanisierung seit dem 19. Jahrhundert sowie seinen bisher ungeklärten Gesamtfolgen gebührt Priorität. Über die bisherigen Forschungen und ihre Methoden ist an dieser Stelle nicht zu referieren. Zusammengefaßt kann man lediglich feststellen, daß die angelsächsische Forschung im letzten Jahrzehnt hier unter dem Anstoß der "New Urban History" einen gewaltigen Vorsprung gewonnen hat, den man nur mit verstärkten Bemühungen aufholen kann. Die so deutlich hervorgetretene Vernachlässigung der Urbanisierungsforschung in der Bundesrepublik, die in letzter Zeit gleich mehrfach und unabhängig festgestellt worden ist, hängt offensichtlich mit der fast ausweglosen Vieldeutigkeit des Stadtbegriffes zusammen. Die Abgrenzung des Gegenstandsbereiches der Urbanisierung bzw. Verstädterung wird dadurch ungemein erschwert. In der wissenschaftlichen Debatte ist in letzter Zeit daraufhingewiesen, daß z. B. die zahlreichen Eingemeindungen seit dem 19. Jahrhundert wie auch dieneueren Gebietsreformen den traditionellen Stadtbegriff noch problematischer gemacht haben als vorher. In den Gemeindeordnungen tritt uns oft ein rein administrativer Stadtbegriff entgegen, der sich keineswegs mit dem Bewußtsein und dem Sprachgebrauch der in einer Stadt Lebenden deckt. Der Erfahrungsbegriff "Stadt" bezieht sich häufig nur auf die Kernstadt oder einen bestimmten Stadtteil. Durch die Entstehung von Industriedörfern oder "Schlafsiedlungen" für stadtbezogene Pendler ist, was heute auch für kleinere und mittlere Städte gilt, die überlieferte Vorstellung von der Stadt ebenfalls verändert worden. Eine richtig zupackende Urbanisierungsforschung muß daher auch den jeweiligen Charakter einer Stadt als deutlich unterscheidbare Siedlungsfunktion und Träger bestimmter Funktionen beachten. Es dürfen nicht nur Städte mit ihren Einzelbewohnern, Gruppen und Schichten sowie kommunalen Institutionen und der Stadt-Land- Gegensatz, sondern es müssen auch ganze Regionen und sogar der Einfluß städtischer Elemente auf das agrarische Dasein erforscht werden. Jürgen Reulecke hat gerade in einer Zusammenfassung des Forschungsstandes vorgeschlagen, folgende zeitliche Zäsuren zur besseren Systematisierung des umfänglichen Wandlungsprozesses zu setzen: 1. Vorgeschichte und erste Ansätze der Urbanisierung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts 2. Der eigentliche Durchbruch zur Urbanisierung 3. Verstädterung und Urbanisierung in der Phase der Hochindustrialisierung 4. Die Posturbanisierungsphase seit dem 1. Weltkrieg In diesem zeitlichen Rahmen erscheinen dann folgende Unterprobleme in der nächsten Zeit als besonders erforschenswert: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
14 Hans J. Teuteberg geschlossen vor Augen zu führen und sich in die kontroversen Standpunkte damaliger Wissenschaftler erneut zu vertiefen. Dabei wird man nicht ohne Überraschung feststellen, daß einige der damals ausgetauschten Argumente noch fast nichts von ihrer Aktualität eingebüßt und die dahinterstehenden Probleme bis heute keine befriedigende Lösung gefunden haben. Was hat den "Vereinjiir So cia/p 0 litik " bewogen, angesichts der damaligen Fülle von Zeit- und Streitfragen sich gerade diesem Problembereich vorrangig zuzuwenden und damit ihn als besonders lösungsbedürftig zu charakterisieren4? Die Antwort ergibt sich aus dem Gang der zeitgenössischen sozialen Reforrndebatte: Schon bei den ersten Anzeichen der zunehmenden Verstädterung und Industrialisierung um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten bekannte Persönlichkeiten des öffentlich-wissenschaftlichen Lebens wie Victor Aime Huber, Julius Faucher und Karl Knies, dann aber auch der unter Adolph Lettes Leitung stehende, mit Unterstützung der preußischen Regierung 1844 ins Leben gerufene "Centralvereinjiir das Wohl der arbeitenden Klassen" und der etwas später gegründete "Kongreß deutscher Volkswirthe" erstaunlich frühzeitig in den vierziger und fünfziger Jahren die Wohnungsfrage als einen Kernpunkt der neuen "Arbeiteifrage" diagnostiziert, was sofort eine Fülle von praktischen Lösungsvorschlägen wie auch erste Bemühungen um eine theoretische Durchdringung provozierte5• Wenngleich diese Entschließungen, Denkschriften und Abhandlungen noch sehr unbefriedigend blieben, so hatten sie doch das Verdienst, eine fortan nicht mehr verstummende Wohnungsreforrndebatte in Deutschland zu entfachen, die nun eine zunehmend größere öffentliche Resonanz fand. Zugleich traten erstmals kleine gemeinnützige Baugesellschaften sowohl auf der Basis von Aktienunternehmungen wie auch von Genossenschaften durch diese fortwährende Erörterung auf den Plan6. Zahlen- 4 Als andere Tagungsthemen waren ferner vorgeschlagen worden: Sparkassenwesen, landwirtschaftliche Genossenschaften, Heimgewerbe, der Einfluß der Agrarimporte auf die inländischen Fleisch- und Getreidepreise, das Verhältnis der Brotpreise zu den Löhnen, die Wirkung der Lohnhöhe auf die Produktionskosten, Warenpreise und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt, ferner das Verhältnis der Soziallasten zu den Steuern sowie die Altersversorgung. 5 Für eine ausführliche Darstellung dieser ersten Beschäftigungen mit der Wohnungsfrage in Deutschland vgl. Hans J. Teuteberg: Eigenheim oder Mietskaserne. Ein Zielkonflikt deutscher Wohnungsreformer 1850-1914, in: Heinz Heineberg (Hg.): Innerstädtische Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert. Geographische und historische Aspekte. (= Städteforschung Reihe A) Köln/Wien, (im Erscheinen). Vgl. Heinrich Bechtel; Die ersten Kämpfe für eine Wohnungsreform. Ein Beitrag zum Gegensatz von Theorie und Praxis der Wohnungsfrage, in: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik 122 (1924), H. 6, S. 813-826. - Hans H. Lechner: Wohnungsfrage, städtische Grundrente und Bodenspekulation. Ein theoriegeschichtlicher Abriß, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 92 (1972). 2. Halbb., S. 697-726. - Carl Johannes Fuchs: Die Wohnungsfrage, in: S. P. Altmann u. a., Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im neunzehnten Jahrhundert. Gustav Schmoller zur siebzigsten Wiederkehr seines Geburtstages, 24. Juni 1908, in Verehrung dargebracht, Bd. 2, Leipzig 1908, Abschnitt XXXIII, S.1-24. - Dorothea Berger-Thimme: Wohnungsfrage und Sozialstaat. Untersuchungen über die Anfänge staatlicher Wohnungspolitik in Deutschland (1873-1918) Frankfurt a. M.lBern 1976. - Jürgen Reulecke: Sozialer Frieden durch soziale Reform. Der Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen in der FfÜhindustrialisierung, Wuppertal1983. - Volker Hentschel: Die deutschen Freihändler und der Volkswirtschaftliche Kongreß 1858-1885, Stuttgart 1975. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 15 mäßig noch bedeutsamer erwies sich der bald danach einsetzende Werkswohnungsbau: Nach einer Enquete über die freiwilligen Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber in Preußen 1875 hatten von 4850 erfaßten Betrieben bereits 1655 irgendeine wohnungsfürsorgerische Maßnahme getroffen. In der Mehrzahl der Fälle waren relativ preiswerte Mietwohnungen für Belegschaftsangehörige geschaffen worden, insgesamt 8751 Häuser für 35538 Menschen. Aber auch andere deutsche Bundesstaaten, vor allem Bayern und Sachsen, zeigten bei entsprechenden Erhebungen ähnliche Bemühungen beim beginnenden Werkswohnungsbau, der sich auf bestimmte ältere Vorläufer sowohl auf dem Lande wie bei den Manufakturen stützen konnte 7. Ein gewisser Anstoß zur Wohnungsreform ging auch von der sich verschärfenden Landarbeiteifrageaus. Wegen der seit den vierziger Jahren steil anwachsenden Auswanderung, die dann später in eine ebenso starke Binnenwanderung in die entstehenden Industriestädte umschlug, begann man vor allem zunächst in den ostelbischen Gebieten erstmals über die gezielte Anlage moderner Landarbeiterwohnungen nachzudenken. Nachdem der Gutsbesitzer und bekannte nationalökonomische Schriftsteller Johann Heinrich von ]hünen auf seinem mecklenburgischen Gut Tellow bei Rostock und andere Reformer musterhafte Tagelöhnerbehausungen geschaffen hatten, schickte die preußische Regierung einen Fachmann nach England, um die dortigen Erfahrungen bei der ländlichen Cottage-Bauweise zu erkunden und deren Baupläne sowie Kosten näher zu studieren8• Ein ostpreußischer Landarzt, der aus seiner Praxis die Zusammenhänge zwischen Wohnen und Volkskrankheiten nur zu gut kennengelernt hatte, legte 1863 einen Plan zur Gründung ländlicher Baugenossenschaften vor, die sich speziell mit der Lösung 6 Walter Voßberg: Die deutsche Baugenossenschaftsbewegung, Berlin 1906. - Kai-Detlev Sievers: Anfange der Baugenossenschaftsbewegung in Norddeutschland zur Zeit des zweiten deutschen Kaiserreiches, in: Hans 1. Teuteberg (Hg.): Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit (= Studien zur Geschichte des Alltags Bd. 4) Münster 1985, S. 339-356. 7 Paul Mieck: Die Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen der industriellen Arbeitgeber in den preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen und ihre volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung, Berlin 1904. A. Günther-Rene Prevot: Die Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeitgeber in Deutschland und Frankreich, Leipzig 1905. - R. Hundt: Bergarbeiter-Wohnungen im Ruhrrevier, Berlin 1902. - A. Heinrichsbauer: Industrielle Siedlung im Ruhrgebiet in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Essen 1936. -Adolj F. Heinrich: Die Wohnungsnot und die Wohnungsfürsorge privater Arbeitgeber in Deutschland im 19. Jahrhundert, Phi!. Diss., Marburg 1970. - Günther Schutz: Der Wohnungsbau industrieller Arbeitgeber in Deutschland bis 1945, in: Teuteberg, Homo habitans (s. Anm. 6), S. 373-390, - Gertrud Milkereit: Betriebliches Wohnungswesen im Duisburger Norden 1880--1974, in: Ebenda, S. 391- 420. 8 Franz Wachenhausen: Der Bau vorbildlicher Landarbeiterwohnungen in Tellow durch Johann Heinrich von Thünen in den Jahren 1830--1840, Diss. Masch. Sehr., Schwerin 1945.- Leopold von Orlich: Uber einige Vereine zur Hebung des sittlichen und leiblichen Wohls des Volkes. Mit sieben Ansichten und Grundrissen von Wohnungen für Arbeiter auf dem Lande. Ein Wort der Nachfolge, Leipzig 1840. Vg!. lohn Bumett: A Social History ofHousing 1815-1970, London 1970, S. 30--53. - Ders.: Die Entwicklung englischer Arbeiterhäuserund ihre Raumnutzung im 19. Jahrhundert, in: Teuteberg: Homo habitans (s. Anm. 6), S. 227- 256. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
16 Hans J. Teuteberg der ländlichen Wohnungsfrage beschäftigen sollte9. Die Landwirtschaft war, wie die Berichte über die "Versammlungen Deutscher Landwirte" zeigen, wegen des damals steigenden Arbeitskräftemangels an diesem Problem nicht uninteressiert. Die Insten und Tagelöhner konnten nämlich auf die Dauer nur durch den Bau entsprechender Wohnungen auf den großen Gütern gehalten werden. Das größte Aufsehen erzielte das Buch des staatlichen Domäneninspektors Theodor Freiherr von der Goltz, der die Wohnungsfrage auf dem Lande zusammen mit einem Baumeister erstmals von allen Seiten her beleuchtete 10. Die Verfasser, die beide auch an einer Landwirtschaftlichen Akademie lehrten, beriefen sich bei ihren detaillierten Vorschlägen zur Schaffung von ländlichen Behausungen ausdrücklich auf Victor A ime Hubers Anregungen für eine genossenschaftliche Selbsthilfe, die in erster Linie von den Gutsbesitzern getragen werden sollte. Das Buch schloß mit der ernsten Mahnung, daß "ohne eine gründliche Reform der Wohnungsverhältnisse alle Anstrengungen der Kirche, der Schule, des Staates und der Gesellschaft zur sittlichen, geistigen, socialen und wirthschaftlichen Rettung von hunderttausenden von Familien vergeblich sind"ll. Der große Einfluß des "Landwirtschaftlichen Centralvereins" in Ostpreußen sicherte dem Buch eine relativ weite Verbreitung, doch kam es dort kaum zu Umsetzungen in der Praxis. Erst 1868 konnte Goltz von der Gründung einer einzigen neuen Landarbeiterkolonie berichten, bei der seine Grundsätze befolgt wurden, doch war selbst diesem Projekt wenig Erfolg beschieden 12 Goltz, der sich später als Agrarwissenschaftler einen bedeutenden Namen machte, gelang es offenbar nicht, der ländlichen Arbeiterwohnungsfrage die ihr gebührende Beachtung vor der Reichsgründung zu sichern. Die wenigen sonstigen Vorschläge auf diesem Gebiet beschäftigten sich nur mit speziellen technischen und hygienischen Fragen und versuchten nicht, die ökonomisch-sozialen Ursachen zu analysieren 13 . 9 Hugo Senjtleben: Über einen Plan zur Gründung von Baugesellschaften fUr die Herstellung zweckmässiger Wohnungen fUr ländliche Arbeiter, in: Ostpreußische landwirthschaftliehe Jahrbücher, Jg. 1863. - Ders.: Die Bedeutung und der Fortschritt der Wohnungsfrage. In: Der Arbeiterfreund 7 (1869), S. 385 ff. - Ders: Die gesundheitsmäßige Einrichtung von ländlichen Arbeiterwohnungen, in: Der Arbeiterfreund 3 (1865), S. 173-186. 10 Theodor Freiherr von der Goltz und W. Kienei: Ländliche Arbeiterwohnungen in Vorschlägen und Zeichnungen zu ihrer zweckmäßigen AusfUhrung, Königsberg-Tilsit 1865. llEbenda, S. 48. 12 Als der Rittergutsbesitzer Neumann auf seinem Gut Poseneck bei Gerbaum die Landarbeiterwohnungen errichtet hatte, erhielt ervom zuständigen Landrat die Auflage, weitere Siedlungsplätze einzustellen und die Häuser wieder abzureißen. Dies geschah auf Betreiben der benachbarten Landwirte, die Klage fUhrten, die Bewohner solcher neuer Landarbeiterwohnungen "würden leicht zu einem trägen, unordentlichen Lebenswandel gelangen und außerdem den benachbarten Besitzern Schaden zufUgen." Die Aulbebung dieses unsinnigen Verbots konnte erst nach einem langen Rechtsstreit erreicht werden und zeigt, auf welche Schwierigkeiten in der Praxis erste Versuch.~ zur Lösung der ländlichen Wohnungsfrage stießen. VgL Theodor Freiherr von der Goltz: Uber einige Einrichtungen zur Verbesserung der Lage der ländlichen Arbeiter, in: Der Arbeiterfreund 6 (1868), S. 149-161, besonders S. 159. I3 VgL F. Schubert: Bau und Einrichtung länd.1.icher Arbeiterwohnungen in gesundheitlicher Rücksicht, Bonn 1869. - Albrecht Thaer: Uber ländliche Arbeiterwohnungen, Berlin 1872. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 17 Zwar wurde von den wenigen Sachkennern übereinstimmend frühzeitig erkannt, daß sich die Wohnungsfrage nicht allein auf die Großstädte und Industriezentren beschränkte und sich gerade in ländlichen Gegenden die krassesten Mißstände bei den Behausungen zeigten, doch sind solche Hinweise immer wieder schnell von den massenhaft zusammengeballten Wohnungsproblemen Berlins und anderer Großstädte überschattet worden. Das sprunghaft steigende Interesse an den Wohnungsverhältnissen entzündete sich an mehr spektakulären Ereignissen, z. B. an dem Berliner Generalbebauungsplan von 1862. An den großen Straßendurchbrüchen in Paris sich orientierend wollte der Berliner Magistrat in ähnlicher Weise seine Stadt in den sechziger Jahren einem mehr großräumig angelegten Nahverkehr erschließen. Ohne daß die Mehrzahl der vorgesehenen Straßen zunächst angelegt wurde, gab der Plan Veranlassung, die Grundstückspreise in den zur Bebauung vorgesehenen Gebieten in die Höhe schnellen zu lassen. Eine der Folgen dieses Plans war es, daß die dichte Bebauung in einigen Berliner Randgebieten rasch zunahm, wo nun die bis heute bekannten Berliner Mietskasernen entstanden. Die Planung und Ausführung dieser mehrstöckigen Massenmietshäuser mit ihren Seitenflügeln und Hinterhöfen bildete eines der umstrittensten Projekte städtebaulicher Planung in Deutschland, dessen Auswirkungen das Bild Berlins vor allem nach außen hin prägten l4 . Als Folge dieser und anderer Diskussionen wurde die Wohnungsfrage seitdem zu einem Dauerthema publizistischer Berichterstattung und gesellschaftlicher Vorschläge. Von protestantischer Seite wurde die Wohnungsfrage erstmals in einem größeren Kreise auf der vom Stuttgarter Kirchentag initiierten Zweiten Industriekonferenz in Bonn am 14. und 15. Juni 1870 aufgegriffen. Die von dem Bonner Nationalökonomen Erwin Nasse einberufene Tagung stellte den ersten Versuch deutscher Industrieller dar, den Mißständen der Fabrikarbeit nachzugehen. In seinem Referat zu den Arbeiterwohnungsverhältnissen umriß der Baseler Fabrikant und Stadtrat Carl Sarasin seine Erfahrungen mit dem Bau von Werkswohnungen und verwies auf die seiner Meinung beispielhafte eite ouvriere in Mühlhausen. Die Ver- 14 fohann Friedrich Geist und Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1740-1862, München 1980, S. 464-524. -Ingrid Thienel: Städtewachstum im Industrialisierungsprozess. Das Berliner Beispiel, Berlin-New York 1973. -Dies.: Verstädterung, städtische Infrastruktur und Stadtplanung -Berlin zwischen 1850 und 1914, in: Die Alte Stadt. Zeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie und Denkmalpflege 4 (1977), S. 55-84. -Man/red Hecker: Die Berliner Mietskaserne, in: Ludwig Grothe (Hg.): Die deutsche Stadt im 19. Jahrhundert. Stadtplanung und Baugestaltung im industriellen Zeitalter, München 1974, S. 173-194 (hier besonders viele Abbildungen). - Werner Hegernann: Das steinerne Berlin. Geschichte der größten Kasernenstadt der Welt, Berlin 1930, S. 207-233. - Vgl. als wichtige zeitgenössische Schriften: farnes Hobrecht: Uber öffentliche Gesundheitspflege und die Bildung eines Central-Amtes für öffentliche Gesundheitspflege im Staate, Stettin 1868. -Gustav Rasch: Die dunklen Häuser von Berlin, 2. Aufl., Wittenberg 1863. -A. Gessler: Das deutsche Mietshaus, München 1909. - K. E. O. Fritsch: Wie kann die Baukunst wieder volkstümlich gemacht werden? In: Deutsche Bauzeitung, Jg.1876, S. 383 ff. - Ders.: Die Bedeutung der Gegenwart, in: Deutsche Bauzeitung, Jg. 1874. -Das Berliner Voigtland. Abdruck aus dem in Duisburg im Diakonissenhause erscheinenden Sonntagsblatt für innere Mission, Duisburg 1862. -Ernst Bruch: Berlins bauliche Zukunft und der Bebauungsplan, Berlin 1870. 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
18 Hans J. Teutebe:·g sammlung erkannte daraufhin an, daß besonders die Wohnungsverhältnisse grundlegend seien für "Familienleben, Stabilität und Patriotismus in der Arbeiterschaft"15. Der "Evangelische sociale Kongreß" und der katholische" Verein Arbeiterwohl" führten anschließend diese Reformbestrebungen weiter. Aber auch bei den Arbeitnehmern wurde unmittelbar nach Ende des Deutsch- Französischen Krieges in mehreren großen Versammlungen in Berlin erstmals ein eigener Standpunkt in der Wohnungsfrage deutlich. Eine von 6000 Menschen besuchte Massenveranstaltung der Berliner Sozialdemokraten faßte am 24. September 1871 folgende für Regierung und Öffentlichkeit bestimmte Resolution: "Die Versammlung erklärt die Wohnungsnoth und Steigerung der Miethen in großen Städten als Folge der heutigen socialen Zustände, welche es den Grundbesitzern ermöglichen, durch die Bodenrente das arbeitende Volk auszubeuten und nicht die Bedürfnisse des Volkes, sondern schwindelhafter Speculationen halber den Wohnungsbau zu betreiben ... Die Versammlung erklärt daher, daß nur durch den socialdemokratischen Staat, wo aller Grund und Boden Gemeingut ist und den Bedürfnissen des Volkes gemäß Arbeiter-Productivge- nossenschaften die Wohnungen herstellen, aber nicht nur Palliativmittel der heutigen Wohnungsnoth und den großartigen Krankheiten, welche sie in der Folge hat, ein Ende gemacht werden könne"16. Dieser Aufruf und die dahinter stehende allgemeine Unruhe veranlaßten Friedrich Engels, 1872 eine längere Artikelserie unter der Überschrift "Zur Wohnungsjrage" in dem Leipziger Organ" Volksstaat" zu veröffentlichen, die sowohl gegen den kleinbürgerlichen Sozialismus wie auch gegen die Wohnungsreformvorstellungen Christlich-Konservativer und Linksliberaler gerichtet war 17 . Darin wandte er sich zunächst dagegen, in der Wohnungsfrage eine wichtige Aufgabe der Sozialdemokratie zu sehen. Für Engels war die Wohnungsnot nur ein."sekundärer Übelstand", nämlich eine Folge der kapitalistischen Produktionsweise. Man müsse diese beseitigen, dann würde sich die Wohnungsfrage von selbst lösenl8. Die Hausbesitzer waren ihm insgesamt nur eine relativ harmlose "Unterart von Kapitalisten", weil sie keine Arbeitskraft kauften und keinen Mehrwert produzier- 15 Vgl. Verhandlungen der Bonner Konferenz rur die Arbeiterfrage im Juni 1870, Berlin 1870. Für die Förderung des Arbeiterwohnungsbaus setzten sich auch die von Unternehmern herausgegebenen Zeitschriften "Concordia" (1871 tT.) und "Arbeiterwohl" (1881 tT.) ein. Einzelne Unternehmer befaßten sich hier in Artikeln oder in gesonderten Schriften mit der Förderung der Werkswohnungen als Mittel der betrieblichen Sozialpolitik. Vgl. Julius Post u. Heinrich Albrecht: Musterstätten persönlicher Fürsorge von Arbeitgebern rur ihre Geschäftsangehörigen, 2 Bde., Berlin 1889-1893. 16 Zitiert nach Ernst Engel: Die moderne Wohnungsnoth, Leipzig 1873, S. 29. 17 Friedrich Engels: Zur Wohnungsfrage, in: Volksstaat Nr. 51 v. 26. 6.1872 -Nr. 16 v. 22. 2. 1873. 2. durchgesehene selbständige Aufl. Singen o. 1. (1887). Neudruck in: Karl Marx- Friedrich Engels: Werke (MEW) 18, Berlin(-Ost) 1973, S. 209-287. Engels Aufsätzen ging eine ebenfalls der Wohnungsnot gewidmete Serie des Arztes Arthur Mülberger aus Crailsheim in der gleichen Zeitschrift im Februar-März 1872 voraus, der sich gewisse Vorstellungen Proudhons zu eigen gemacht hatte. Engels wollte seine falschen kleinbürgerlichen Vorstellungen zurechtrücken, da sie auch bei anderen Sozialdemokraten grassierten. 18 Wörtlich bei Engels: "Solange die kapitalistische Produktionsweise besteht, solange ist es eine Torheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andere die Geschicke des Arbeiters betreffende Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt in der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise." Engels: Wohnungsfrage, MEW 18, S. 59. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 19 ten. Von einer Umwandlung der Mietwohnung in eine Eigentumswohnung hielt Engels ebenfalls nichts, weil die "Heimatlosigkeit des Proletariers" diesen immer wieder zwinge, den Arbeitsplatz und Wohnort zu wechseln. Die gescheitesten Führer der herrschenden Klassen hätten außerdem "stets ihre Anstrengungen darauf gerichtet, die Zahl der kleinen Eigenthümer zu vermehren, um sich eine Armee gegen das Proletariat zu erziehen"19a. Bei einer kommenden sozialen Revolution würde im übrigen der alte Gegensatz zwischen Stadt und Land aufgehoben und alle großen Städte beseitigt 19b . Wie ein Schlag ins Gesicht aller derer, die mit statistischem Material das städtische Wohnungselend zu untermauern trachteten, wirkte eine andere Passage seiner Ausführungen: "Soviel ist aber sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohngebäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben jeder wirklichen ,Wohnungsnot' sofort abzuhelfen,ao. Engels setzte sich dann insbesonders mit dem 1869 erschienenen Buch "Die Wohnungszustände der arbeitenden Classen und ihre Reform" von Emil Sax auseinander, weil dieser erstmals den Versuch gemacht habe, alle vorhandene Literatur auf dem Gebiet der Wohnungsfrage zusammenzufassen. Die dort vorhandenen Appelle an die Arbeiter zur Ordnung und Sauberkeit und an den Staat zum Erlaß von Wohnungsgesetzen nach englischem Beispiel wurden verständlicherweise völlig verworfen. Nochmals erneuerte er hier seine völlige Ablehnung der Eigenheimförderung, weil sie für den Arbeiter nur eine Fessel bedeute. Für den mobilen Teil der Arbeiterschaft könne man ohnehin keinen bedürfnisgerechten Wohnraum schaffen, der Eigenheimerwerb komme nur für den materiell besser gestellten Arbeiter in Frage. Die damit unter Umständen verbundene Preiserniedrigung bei den Wohnausgaben sei aber ein Scheinvorteil, da dies ein entsprechendes Fallen beim Lohn bewirke. Werkswohnungen der Kapitalisten seien nur rentierliche Kapitalanlagen und keine philanthropischen Taten. Die Proletarier müßten wegen fehlender Konkurrenz Monopolpreise an den Unternehmer zahlen und riskierten bei einem Streik Obdachlosigkeit. Weder die Selbstnoch die Staatshilfe fand vor seinen Augen eine Gnade 21 . Wie die Engelsehen Ausführungen, die 1887 als gesonderte Broschüre erschienen, vielfach erkennbar belegen, bezog sich der Autor fast ausschließlich auf seine in den vierziger Jahren in Manchester gesammelten Erfahrungen, die er dann in . seinem berühmten Buch "Die Lage der arbeitenden Klasse in England"niedergelegt 19. Ebenda, S. 23. 19b Wörtlich bei Engels: "Die Wohnungsfrage lösen zu wollen und die modernen großen Städte erhalten wollen, ist ein Widersinn". Ebenda, S. 41. 20 Ebenda S. 26. 21 Wörtlich bei Engels: "Daß der heutige Staat der Wohnungsfrage weder abhelfen kann noch will, ist sonnenklar. Der Staat ist nichts als eine organisierte Gesamtmacht der besitzenden Klassen, der Grundbesitzer und Kapitalisten, gegenüber den ausgebeuteten Klassen, den Bauern und Arbeitern. Was die einzelnen Kapitalisten nicht wollen, das will auch der Staat nicht". Ebenda, S. 53. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
20 Hans J. Teuteberg hatte 22 • Die hastig verfaßte Elendsreportage, die schon bei den Zeitgenossen wegen ihrer übertriebenen Schwarzweißmalerei und offensichtlichen Fehlurteile begründete Kritik gefunden hatte, diente ihm allein zur Beurteilung der Wohnungsfrage, nicht aber eine empirische Erforschung der deutschen Zustände 23 • Die auch von Emil Sax gerügte Ineffektivität englischer Gesetze und Erlasse im Bau- und Sanitätswesen, vor allem die Mängel der behördlichen Wohnungsinspektion waren ihm Beweis genug rur seine These, daß der Staat die Wohnungsnot gar nicht ernsthaft beheben wolle. Etwas glimpflicher in Engels Kritik kamen lediglich die Baugesellschaften (Building societies) weg, doch hielt er sie auch rur wenig geeignet, die Wohnungsfrage zu lösen 24 • Letztlich blieb Engels die Lösung der Wohnungsfrage gleichgültig; er verspürte wenig Lust, sich mit den Detailfragen einer Reform innerhalb des kapitalistischen Systems auseinanderzusetzen, was seiner Argumentation nach freilich logisch war 25 • Bezeichnenderweise war die Mehrheit der Sozialdemokraten nicht bereit, diesem rigiden Standpunkt von Friedrich Engels überall zu folgen. Eine Versammlung unter dem Vorsitz Hasenclevers am 8. Juni 1872 betonte ganz im Gegenteil die Pflicht der Gemeinden rur eine umfassende soziale Wohnungsrursorge rur ihre Beschäftigten und forderte ein kommunales Enteignungsrecht rur unbebaute Grundstücke. Der Vorschlag, eine entsprechende Petition an den Reichstag zu richten, wurde allerdings als "reactionär" abgelehnt, weil man vom Staat keine Almosen erflehe. Die Arbeiter Berlins wurden aufgefordert, dem "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein "beizutreten, "damit auf diesem Wege die Arbeiterfrage und mit ihr selbstverständlich die Wohnungsfrage gelöst werden"26. Ganz anderer Meinung war dagegen ein anderer Flügel der aufkommenden Arbeiterbewegung, nämlich die am 26. September 1871 ebenfalls in Berlin tagende 22 Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Leipzig 1845. 23 Zur zeitgenössischen und heutigen Kritik des Engelschen Buches vergl. Hans 1. Teuteberg: Zeitgenössische deutsche Reflexionen über die Rolle des Faktors Arbeit in den frühen Phasen der britischen Industrialisierung (1750-1850), in: Hermann Kellenbenz (Hg.): Wirtschaftspolitik und Arbeitsmarkt, Wien 1974, S. 238-270. Auch Marx hat sich bei der Kritik der Arbeiterwohnverhältnisse nur auf die Zustände der englischen Frühindustrialisierung bezogen. Vergl. Karl Marx; Das Kapital, in: Karl Marx - Friedrich Engels: Werke 23, Berlin (-Ost) 1962, wo er die Wohnverhältnisse der städtischen Arbeiter (S. 686-693), der Bergleute (S. 695--697) und der Landarbeiter (S. 710-721) zur "Illustration des allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation" (Kap. 23,5. Abschn.) beschreibt. Als Quelle diente wie zuvor Engels die "meisterhafte Arbeit" des Public Health Reports, der ftir das englische Parlament in den 1830er Jahren erstellt worden war. 24 Engels wies daraufhin, daß wegen der hohen Baustellenpreise dem normalen Arbeiter ein genossenschaftlicher Hausbau nur auf dem Lande möglich sei, was aber das von ihm abgelehnte Cottage-System voraussetzte. Letztlich sei allen diesen kleinen Baugesellschaften die spekulative Natur gemeinsam. Sie ständen nur den besser verdienenden Arbeitern offen, so daß die Masse nicht daran teilnehmen könne. 25 Bürgerliche Neo-Marxisten pflegen sich immer noch zuweilen auf Engels zu berufen: Vergl. Jörn Janssen: Sozialismus, Sozialpolitik und Wohnungsnot, in: Hans G. Helms und Jörn Janssen (Hg.): Kapitalistischer Städtebau, 2. Aufl., Neuwied-Berlin 1971, S. 53 ff. - Theo Rasehorn u. a.: Wohnen in der Demokratie. Soziales Mietrecht in der Bundesrepublik, Darmstadt-Neuwied 1976, S. 68. 26 Zitiert nach Engel: Wohnungsnoth (s. Anm. 16), S. 35. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 21 Versammlung Deutscher Gewerkvereine unter Leitung von Max Hirsch. Sie protestierte sowohl gegen einen Erlaß des Magistrates und Polizeipräsidiums von Berlin, worin eine Wohnungsnot in Abrede gestellt wurde, als auch gegen die Proklamation der Sozialdemokraten nach Überführung des Grundbesitzes in Gemeineigentum. Statt dessen wurde von den Unternehmen eine kürzere Arbeitszeit mit längeren Pausen gefordert, um auch ein entfernteres Wohnen zu ermöglichen, die Unterstützung der Baugenossenschaften durch verbilligte Darlehen und Beschaffung preisgünstiger Bauplätze sowie die verstärkte Einrichtung von Kleinwohnungen. Von den Arbeitern erwartete man vor allem Initiativen zur Gründung von eigenen Baugenossenschaften, die zum Erwerb von Wohneigentum führen sollten. Staat und Gemeinden wurden zu Reform der Baupolizeivorschriften und des Hypothekenwesens aufgefordert sowie zur Unterstützung der Baugenossenschaften und Erbverpachtung öffentlicher Ländereien sowie zur Gewährung von billigen Hypothekarkrediten. Unter dem Eindruck der zum Osterquartal1872 besonders wieder hervorgetretenen Wohnungsnot fand 1872 eine weitere Versammlung der liberalen Gewerkvereine statt, auf der Hermann Schulze-Delitzsch sein Konzept zur Abhilfe der Wohnungsnot vortrug, in dessen Mittelpunkt die Baugenossenschaften standen, die sowohl als Kapitalwie auch als Personalvereinigung fungieren sollten. Überblickt man das Spektrum der öffentlichen Diskussion zu Beginn der Reichsgründung, so zeichneten sich drei Hauptströmungen zur Bewältigung der Wohnungsfrage ab 27 : -Die Richtung der ausschließlichen Selbsthilfe. -Die Verbindung von Selbsthilfe, Kommunalhilfe und Staatshilfe. -Die Übernahme des gesamten Wohnungswesen in die alleinige Kompetenz des Staates. Vor dem Hintergrund dieser erregten öffentlichen Debatten trat nach vorbereitenden Gesprächen am 8. Juli 1872 in Halle eine aufsehenerregende" Versammlung zur Besprechung der socialen Frage" in Eisenach am 6. und 7. Oktober 1872 zusammen, aus der nur ein Jahr später ebenfalls in Eisenach der" Verein für Socialpolitik" hervorging 28 . 27 Engel: Wohnungsnoth (s. Anm. 16), S. 35. -Andere Wohnungsreformer wollten dagegen nur zwei Strömungen anerkennen: Die Vertreter der Selbsthilfe und die Staatshilfe. Vgl. Dtto Trüdinger: Die Arbeiterwohnungsfrage und ihre Bestrebungen zur Lösung derselben, Jena 1888, S. 158. 28 Auf die Vor- und Gründungsgeschichte dieser Vereinigung und ihre anderen bekannten Aktivitäten braucht an dieser Stelle nicht weiter eingegangen zu werden. Vgl. u. a. die bekannten Schriften von Else Conrad: Der Verein für Socialpolitik und seine Wirksamkeit auf dem Gebiet der gewerblichen Arbeiterfrage, Jena 1906. - Eugen von Philippovich: Das Vordringen der sozialpolitischen Ideen in der Literatur, in: S. P. Altmann u. a.: Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im neunzehnten Jahrhundert, Bd. 2, Leipzig 1908, Teil XXI. - Hans Gehrig: Die Begründung des Prinzips der Sozialreform. Eine literaturhistorische Untersuchung über Manchestertum und Kathedersozialismus, Jena 1914. - Adolph Wagner: Die Strömungen in der Sozialpolitik und der Katheder- und Staatssozialismus, Berlin 1912. - Hans Freiherr von Berlepsch: Sozialpolitische Erfahrungen und Erinnerungen, M. Gladbach 1925. Boese: Geschichte des Vereins für Sozialpolitik (s. Anm. 1). - OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
22 Hans J. Teuteberg Kein Wunder, daß Gustav Schmoller als einer der geistigen Initiatoren dieser Vereinigung schon in seiner Eröffnungsansprache auf das Wohnungsproblem besonders hinwies und auf der Gründungsversammlung der weithin bekannte Leiter des Preußischen Statistischen Bureaus und Berliner Staatswissenschaftlichen Seminars Ernst Engel (1821-1896) ein Referat über die Ursachen der modernen Wohnungsnot hielt 29 • Im Anschluß an die in den sechziger Jahren erschienenen Schriften von Julius Faucher und Emil Sax fUhrte Ernst Engel zunächst aus, daß die Wohnungsnot nicht nur als ein Problem der Arbeiterfrage zu sehen sei; sie habe auch höhere Schichten der Gesellschaft ergriffen und sei daher zu einer "allgemeinen" Wohnungsfrage geworden. Victor Aime Huber sei es zu danken, daß man die etwa um 1840 auftauchende moderne industrielle Wohnungsnot zum Gegenstand von öffentlichen Erörterungen gemacht habe, weshalb er als der Vater der deutschen Wohnungsreform anzusehen sei. Die Bestrebungen des englischen Prinzgemahls Albert und des französischen Kaisers Napoleon II/. zur Errichtung von Musterwohnungen fUr die "arbeitenden Klassen", die auf den Weltausstellungen 1851 in London und 1867 in Paris vorgefUhrt wurden,30 sowie die Tätigkeit des Werkswohnungsbau und der kleinen Baugenossenschaften nur kurz streifend sah Engel seine eigentliche Aufgabe zunächst darin, das Wesen der Wohnungsfrage zu charakterisieren. Auf die "Deutsche Gemeindezeitung" und ihren rührigen Redakteur Hermann Stolp sich stützend faßte Engel die Problematik wie folgt zusammen 3l : Dieter Lindenlaub: Richtungskämpfe im Verein ftir Sozialpolitik, Phi\. Diss., Wiesbaden 1967. - Marie-Louise Plessen: Die Wirksamkeit des Vereins ftir Sozialpolitik von 1872 bis 1890, Berlin 1975. 29 Ernst Engel: Die moderne Wohnungsnoth, in: Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Bureaus, Bd. 12 (1872), S. 379-402. Dann als erweiterter Separatdruck unter dem Titel: Die moderne Wohnungsnoth. Signatur, Ursachen und Abhülfe, Leipzig 1873. Engel hatte von 1850 bis 1860 die sächsische Statistik aufgebaut und geleitet und sich in Dresden wie dann in Berlin mehrfach mit Lohn- und Lebensstandardfragen quantitativ auseinandergesetzt, u. a. auch mit Miete und Einkommen. Als Verfasser des berühmten Engelschen Gesetzes hielt man ihn verständlicherweise ftir sehr kompetent, sich auch diesem Fragenkomplex wissenschaftlich zusammenfassend zu äußern. Vg\. Ders.: Der Preis der Arbeit, 2. Aufl., Leipzig 1872. 30 Der aus Coburg stammende Prinz Albert, Gemahl der englischen Königin Victoria, hatte ein nach seinem Plan konstruiertes Arbeiterwohnhaus ftir vier Familien auf der ersten Weltausstellung 1851 in London aufstellen lassen, um zu demonstrieren, daß man auch bei geringem Kostenaufwand eine den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Anforderungen entsprechende Wohnung errichten könne. Dieses Musterhaus erregte wegen der Person des Initiators auch in Deutschland beträchtliches Aufsehen. Auf der Pariser Weltausstellung 1867 wurden die Wohnungsreforrnbestrebungen verschiedener Länder vorgestellt, die in einer besonderen Abteilung über Lebens-, Erziehungs- und Arbeitsverhältnisse der arbeitenden Klassen vereinigt wurden. Hier wurden erstmals auch internatignal die unterschiedlichen Zielsetzungen von Architekten, Sozialpolitikern, Ingenieuren, Arzten und Volkswirten diskutiert. Der Publizist Julius Faucher, der diese Ausstellung besuchte und beschrieb, feierte dies "als Beginn eines ganz neuen Zweiges geistiger Thätigkeit im Schooße der europäischen Kulturwelt". Vgl. Julius Faucher: Die zehnte Gruppe auf der internationalen Ausstellung in Paris, in: Vierteljahrsschrift ftir Volkswirthschaft und Kulturgeschichte 5 (1867), S.153-181, bes. S.168. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 23 Die Wohnungsnot zeigt sich zunächst quantitativ in einem fast ununterbrochenen Mangel an Wohnungen überhaupt, besonders aber an solchen, die den individuellen und wirtschaftlichen Bedürfnissen entsprechen. Sie äußert sich aber auch qualitativ darin, daß die Wohnungen oftmals in räumlicher, gesundheitlicher und psychischer Beziehung selbst den Minimalanforderungen nicht genügen. Die Wohnungsfrage hat aber auch einen sozialen Aspekt: Die Wohnungsinhaber können durch die Willkür anderer aus der Behausung vertrieben werden und dadurch in ihrem Erwerb, wie auch in ihren familiären und nachbarlichen Beziehungen empfindlich behindert werden. Die Ungewißheit des Verbleibens in der Wohnung läßt kein großes Interesse an einer behaglichen Einrichtung aufkommen. Die Wohnungsinhaber sind oft der Willkür eines Hausherren oder der Rohheit ihrer Mitbewohner schutzlos preisgegeben. Beim Abschluß wie bei der Aufhebung eines Mietvertrages sind die Mieter Übervorteilungen ausgesetzt. Die willkürliche Steigerung der Mieten von im Laufe der Zeit nicht besser, sondern immer schlechter werdenden Wohnungen zerrütten die Familie und deren Erwerbsmöglichkeiten. Da sich wegen der fortgesetzt steigenden Mietpreise immer weniger Haushalte eine ausreichende Wohnung (Stube, Kammer und Küche) leisten können, werden sie zur Aufnahme fremder Untermieter und Schlafgänger gezwungen, was auf die sittlichen Zustände verheerend wirkt. Das enge Zusammendrängen von Familien und Untermietern in "Miethkasernen" geHihrdet nicht nur die Gesundheit, sondern auch das friedliche Miteinander. Die Bewohner eines solchen Massenmietshauses unter der Zuchtherrschaft eines "Hausherren "werden auf Dauer alle wahrhaft freien und sittlichen Beziehungen verlieren. Wie diese Zusammenstellung belegt, lag der Schwerpunkt dieser offensichtlich nur an Berlin orientierten Analyse nicht so sehr auf dem Wohnungsmangel und den qualitativen Mängeln einer Wohnungsausstattung, sondern auf der Abhängigkeit des Mieters vom Hauseigentümer, was Engels in Anlehnung an frühere Hörigkeit auf dem Lande einen" Wohnungifeudalisrnus" nannte. Es ging ihm mit anderen Worten weniger um die ökonomischen und technischen Probleme als vielmehr um die zwischenmenschlichen Beziehungen, die durch die rasche Urbanisierung unermeßlichen Schaden erleiden. Der Kern der Wohnungsfrage waren nicht nur die steigenden Preise rur das Gut Wohnung, sondern auch die neue Unsicherheit der darin wohnenden Menschen. An anderer Stelle legte er noch näher am Beispiel eines Berliner Mietskontraktes die Rechtlosigkeit des Mieters dar, die auf der Illusion eines funktionsfähigen freien Konkurrenzmodells beruhe 32 • Als sich der Verein rur Sozialpolitik später mit dem Wesen des liberalen 31 Ernst Engel: Über die moderne Wohnungsnoth. In: Verhandlungen der Eisenacher Versammlung zur Besprechung der socialen Frage am 6. und 7. Oktober 1872, Leipzig 1873, S. 165-177. Vgl. Hermann Stolp: Die Wohnungsfrage und ihre praktische Lösung, in: Berliner Städtisches Jahrbuch für Volkswirthschaft und Statistik Jg. 6 (1870). 32 Engel: Wohnungsnoth (s. Anm. 16) S. 95-102 (Kapitel "Berliner Mieths-Kontrakt als Beweisstück des Wohnungsfeudalismus und der Mieths-Tyrannei''). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
30 Hans J. Teuteberg Deutschland auf das Wohnungsproblem zu lenken und eine Diskussion über die zu ergreifenden gesetzlichen Maßnahmen anzuregen. In einem glänzend durchdachten längeren Grundsatzreferat faßte Miquel nicht nur die eingegangenen Befunde zusammen, sondern legte auch die Maßnahmen einer umgreifenden künftigen Wohnungsreform auf den verschiedenen Gebieten dar, die in einem zu verabschiedenden "Reichswohnungsgesetz" gipfeln sollten. In der sechsstündigen Debatte, die von drei Schriftführern stenographisch festgehalten wurde und an der sich unter anderem Gustav Schmoller, Envin Nasse, Gustav Schönbergund Kar! Flesch beteiligten, schälten sich folgende mehrheitlich vertretene Ansichten dazu heraus: Die Existenz einer ständigen, mehr oder weniger großen Wohnungsnot bei den einkommensschwächeren großstädtischen Bevölkerungsschichten, hervorgerufen durch den Mangel an Kleinwohnungen und relativ hohe Mietpreise sowie den dadurch bedingten Rückgriff auf schlechtere Wohnungen und die davon verursachten Überfüllungen und unhygienischen Zustände, wurde von keinem der Anwesenden bestritten und überwiegend als ein Versagen der bisherigen privaten Wohnungswirtschaft wie staatlichen Sozialpolitik hingestellt. Die Wohnungsfrage erschien als "größte Schattenseite der modernen Zeit" und Kern der Sozialen Frage. Die entscheidende Ursache erblickte man in der Tatsache, daß der Bau von neuen Wohnungen nicht der Nachfrage vorauseile, sondern erst durch einen bereits eingetretenen Mangel bewirkt werde, der die Mietpreise nach oben treibe. Eine solche relativ gleichartige Wohnungsnot war überall in den Großstädten zu beobachten, in denen die Bevölkerungszahl sich schneller als die vorhandenen bewohnten Grundstücke vermehrte. Die steigenden Grundstückspreise in den Ballungsräumen ließen dort die Bebauungsdichte in Form höherer Geschoßzahlen und Hinterhauswohnungen bzw. die Belegungsdichte und Zahl der Untermieter in die Höhe schnellen. Konsens bestand ferner darin, daß ein weiterer Kern der Wohnungsfrage in der schlechten Wohnqualität zu suchen sei, d. h. in zu niedrigen, schlecht belüfteten und feuchtkalten Räumen, in dem Mangel an Aborten, Wasseranschlüssen und zu geringen Hofräumen, an ausreichender Heizung und Beleuchtung, aber ebenso sehr in der fehlenden Reinlichkeit und Ordnungsliebe der Bewohner, die häufig an überholten ländlichen Lebensweisen noch festhielten. Als oberstes Ziel aller Reformmaßnahmen wurde die Belebung der Bautätigkeit bezeichnet, insbesonders die staatlich-kommunale Förderung gemeinnütziger Baugesellschaften und Baugenossenschaften. Diese allein seien in der Lage, den weniger kapitalrentierlichen Kleinwohnungsbau zu stimulieren 49 . Den priva- 49 Schmoller plädierte als einziger für die Einrichtung "humanitär geleiteter Aktiengesellschaften" zum Bau von Kleinwohnungen nach dem Vorbild der englischen "Benefit Building Societies", wobei Damen der besseren Gesellschaft (Ladies patronesses) die Mieten erheben und ehemalige verläßliche Unteroffiziere die Häuser verwalten sollten, um die vergiftete Atmosphäre zwischen kleinen überschuldeten Bauspekulanten und den von ihnen ausgebeuteten Mietern zu verbessern. Er mußte sich aber fast übereinstimmend von den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 31 ten Unternehmern wurde ein gewisses Lob zuteil, weil sie beim Bau billiger und qualitativ gut ausgestatteter Arbeiterwohnungen, die das investierte Kapital nur mäßig verzinsten, mit gutem Beispiel vorangeschritten seien, doch andererseits auch kritisiert, weil sie gerade in den großstädtischen Ballungsräumen hier noch so gut wie nichts getan hätten. Das Reich, die Bundesstaaten und Gemeinden wurden aufgefordert, durch den Bau von billigen Dienstwohnungen Hir ihre Beschäftigten den Ausbau der städtischen Nahverkehrsmittel (die ein Wohnen an der Stadtperipherie erleichterten) sowie durch Straßenbau und Kanalisation die WohnungsHirsorge zu verstärken. Einhellige Kritik fand das geltende Steuersystem, weil es die Förderung des sozialen Wohnungsbaus behindere. So wurde darauf hingewiesen, daß die Straßen- und Kanalisationsbeiträge der Anlieger in den Ortsstatuten preußischer Städte seit 1875 nach der Frontlänge der Gebäude und nicht nach der Grundstücksfläche oder dem umbauten Raum erhoben wurden, wodurch der gedrängte Massenmietsbau ungewollt befördert worden sei. Die kleinen, niedrigen Wohngebäude oder Hinterhofbebauung seien daher steuerlich viel schlechter gestellt. Auch die schematische Festlegung der Straßenbreiten (die sich auf die Geschoßzahl auswirkte) und die rechtliche Behandlung der Stadterweiterungen bzw. Erschließung von neuen Baugebieten empfand man als stark revisionsbedürftig. Eine generelle Entlastung des Haus- und Grundbesitzes bei der Gebäudesteuer und den Kommunalabgaben, wie sie ein Vorstandsmitglied des Zentralverbandes der Haus- und Grundbesitzervereine vorbrachte, fand keine Zustimmung, besonders nicht bei Geheimrat Thiel, dem Vertreter des Reichsamtes des Innern. Man hegte Zweifel, daß eine solche Steuersenkung die behauptete Miethöhenreduktion herbeiführen würde. Darüber hinaus wurden gesetzliche und administrative Maßnahmen gefordert, um Mindestanforderungen an Wohngebäude und Wohnungen in hygienisch-sitt- licher Hinsicht, Vorschriften über die Benutzung von Wohnungen festzulegen. Eine wesentliche Maßnahme erblickte man schließlich auch in einer durchgreifenden Änderung des bestehenden Mietrechts, das nach Ansicht des Vereins dem Mieter zu wenig Schutz bot. Auf die englische Wohnungsreformerin Octavia Hili sich berufend wurde eine Änderung der Mietzahlungsweise von postnumerando zu praenumerando verlangt, um das leidige Problem der Mietschulden und Pfändungen herabzumildern 5o • In einem später viel zitierten "Mahnruf in der Wohnungsfrage" machte 1887 Gustav Schmoller das Anliegen des "Vereins für Socialpolitik" einer größeren Öffentlichkeit noch einmal schlagwortartig ohne wissenschaftliches Beiwerk deutübrigen Diskussionsrednern sagen lassen, daß solche unrealistischen Konstruktionen kaum Kapitalgeber finden und die Mieten nicht senken würden. 50 Vgl. Octavia Hili: Aus der Londoiler Armenpflege (Hauses ofthe London Paar) Wiesbaden 1878. - Zum Problem des Mietvertrages äußerte sich besonders ausführlich der Frankfurter Stadtrat Karl Flesch, der von Haus aus Jurist war. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
32 Hans J. Teuteberg lieh: Historisch geschickt ausholend stellte er die allmähliche komplizierte Entwicklung der häuslichen Einrichtung zusammen mit der Heranbildung der Familie als ein Gradmesser aller Kulturentwicklung hin und malte aus Berichten der Berliner Stadtrnission zitierend mit kräftigen Strichen ein Bild der gegenwärtigen Wohnungsnot in Berlin. Es kam ihm hier weniger auf eine differenzierte wissenschaftliche Analyse als vielmehr auf "sozialpolitische Agitation" an, die er als Zweck des Vereins bezeichnet hatte. Man wollte ein Stoßtrupp ftir die Sozialreform sein und darauf hinweisen, was im Hinterhaus der wilhelminischen Gesellschaft vor sich ging. Zum Schluß hieß es bei ihm bezeichnenderweise 51 : "Die besitzenden Klassen müssen aus ihrem Schlummer aufgerüttelt werden, sie müssen endlich einsehen, daß selbst wenn sie große Opfer bringen, dies nur, wie es Chamberlain unlängst in London nannte, eine mäßige, bescheidene Versicherungssumme ist, mit der sie sich schützen gegen die Epidemien und gegen die sozialen Revolutionen, die kommen müssen, wenn wir nicht aufhören, die unteren Klassen in unseren Großstädten durch ihre Wohnungsverhältnisse zu Barbaren, zu thierischem Dasein herabzudrücken." In einer vorbereitenden Ausschußsitzung des "Vereins für Socialpolitik" im Frühjahr 1899 hatte der damals in Freiburg wirkende, erst 34 Jahre alte Nationalökonom earl Johannes Fuchs den Antrag auf eine erneute Befassung mit der Wohnungsfrage gestellt, was trotz der vielen anderen aktuellen wirtschafts- und sozialpolitischen Themen auf Zustimmung stieß52. Zur Vorbereitung der Gutachten und Berichte sowie der Referate ftir die Generalversammlung wurden ihm die erfahrenen Kollegen Heinrich Albrecht (Berlin) und Werner Sombart (Breslau) zur Seite gestellt. Die Kommission setzte sich generell zum Ziel, die in den letzten Jahrzehnten erreichten privaten und gesetzlichen Fortschritte zur Verbesserung des städtischen Wohnungswesens in Deutschland und Österreich, aber auch in den wichtigsten anderen Kulturnationen zu dokumentieren sowie die 1886 begonnene deutsche Wohnungsstatistik fortzuschreiben. Dazu wurde ein ausftihrlich gegliedertes Programm an die zu gewinnenden Referenten versandt. Es sollten diesmal nicht wie bei der ersten Enquete 1886 die Vertreter einzelner Städte berichten, sondern sich Experten insgesamt zu bestimmten Aspekten der Wohnungsfrage äußern, woftir den Usancen des Vereins folgend nicht nur Universitätsprofessoren, sondern auch anerkannte Vertreter der Wirtschafts- und Verwaltungspraxis 51 Gustav Schmoller: Ein Mahnruf in der Wohnungsfrage, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, 11, (1887), S. 448. 52 Der aus Nürnberg stammende Schmoller-Schüler Fuchs war schon mit 26 Jahren zum Professor an der Universität Straßburg ernannt worden, ehe er 1891 an die Universität Freiburg i. Br. und 1908 dann nach Tübingen berufen wurde. Er hatte sich mit einer Untersuchung über den "Untergang des Bauernstandes und das Aufkommen der Gutsherrschaften" (1888), die auf Anregung von Georg Friedrich Knapp entstanden war, durch seine Werke "Die Handelspolitik Englands und seiner Kolonien in den letzten Jahrzehnten" (1893), "Die Epochen der deutschen Agrargeschichte" (1898) sowie seine ,Yolkswirtschaftslehre" (1901) einen Namen als Angehöriger der jüngeren Gelehrtengeneration gemacht. Durch die Beauftragung mit der Vorbereitung dieser Tagung wurde er bald zu einem der bekanntesten Experten der Wohnungswirtschaft in Deutschland, so daß ihm zahlreiche Handbuchartikel später anvertraut wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 33 ausgewählt wurden. Auch hoffte man, die Wohnungsfrage insgesamt und nicht nur Probleme der unteren Einkommensschichten zu erfassen. Die Kommission war ferner der Ansicht, der Schwerpunkt sollte jetzt nicht mehr bei der Beschreibung von Wohnungszuständen, sondern bei den wohnungspolitischen Fragen liegen. Die einzufordernden Untersuchungen hatten vor allem zwei Themenkomplexe einheitlich zu behandeln: 1. Welche staatlichen Maßnahmen können zur Verbesserung der gesamten Wohnungsverhältnisse dienen? 2. Welche Maßnahmen können den Bau gesunder und billiger Kleinwohnungen fördern? Die Herausgabe der Bände war mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden, weil einige der Referenten eine Absage erteilten und nahezu alle Beträge ungleichmäßig und verspätet eintrafen, so daß zuerst eingesandte Berichte noch einmal ergänzt werden mußten, was den Druck erheblich behinderte 53 . Der Energie von Fuchs und der Mithilfe des österreichischen Ökonomen Eugen von Philippovieh (Wien) war es zu danken, daß dennoch rechtzeitig vier Materialienbände mit zusammen fast 1400 Seiten vor der Generalversammlung in München im September 1901 publiziert werden konnten 54 . Der Verein für Socialpolitik hatte damit eine Art Handbuch zur Wohnungsfrage im internationalen Maßstab geschaffen, für das es auch im Ausland noch keine Parallele gab. Bei den Untersuchungen ging es zunächst um Analysen der städtischen Grundrente und der Bodenbesitzverhältnisse, der Baukosten und der Wohnungsstatistik. Der Hauptteil beschäftigte sich dann wie vorgesehen mit den gesetzlichen und baupolizeilichen Maßregeln zur Verbesserung der großstädtischen Wohnungsverhältnisse, insbesondere mit der vorhandenen behördlichen Wohnungsinspektion und Sanierung ungesunder Wohngebiete, den Stadterweiterungsplänen und ihrer tatsächlichen Durchführung, den Bauordnungen und dem Mietrecht, zuletzt auch mit dem Einfluß der Baukosten auf die Miethöhe. Zum Vergleich wurden die Probleme der Wohnungsfrage und ihre Bekämpfung in Österreich (besonders ausführlich), der Schweiz, England, Belgien und Frankreich, aber auch in den USA und Rußland sowie in den skandinavischen Staaten geschildert. Ein ebenfalls vorgesehener Bericht über Italien mußte mangels eines geeigneten Bearbeiters entfallen, was aber als keine Lücke empfunden wurde, da dort die Wohnungspolitik noch so gut wie gar nicht entwickelt sei. In der nachfolgenden Generalversammlung des Vereins in München am 23. September 1901 unter dem Vorsitz des dort ansässigen LehrstuhlinhabersLl{jo Brentano behandelte earl Johannes Fuchs einleitend die Wohnungsfrage von allen 53 So blieb das zugesagte Referat von Werner Sombart aus, und anstelle des erkrankten Städtestatistikers M. Neefe (Breslau) trat der später als sozialdemokratischer Kommunalpolitiker bekannt gewordene Hugo Lindemann (Pseudonym C. Hugo) aus Degerloch bei Stuttgart, der dem Verein eine fertige Wohnungsstatistik anbot. 54 Verein filr Socialpolitik (Hg.): Neue Untersuchungen über die Wohnungsfrage in Deutschland und im Ausland, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik 94-97, Leipzig 1901. 3 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
34 Hans J. Teuteberg Seiten, während seine beiden Korreferenten Eugen von Philippovich mehr die theoretische und der Düsseldorfer LandesratMax Brandts, der fürAdolph Wagner eingesprungen war, vor allem die mehr praktischen Seiten des Problems beleuchteten 55 . Fuchs stellte zunächst fest, daß man im Gegensatz zu 1886 eine Wohnungsnot nicht erst beweisen müsse, sondern daß deren Existenz mit Ausnahme der Haus- und Grundbesitzervereine von niemand mehr bestritten werde. Zugleich müsse man aber bekümmert erkennen, daß man in Deutschland noch nicht sehr viel weiter gekommen sei. Die meisten Vorschläge für eine Reform seien Papier geblieben. Wie die aufgeführten internationalen Übersichten belegten, gab es Länder wie Rußland, Frankreich und Österreich-Ungarn, in denen die Wohnungsfrage noch so gut wie gar nicht angepackt worden sei, und solche, die hier eine kräftige Aktivität entfaltet hatten, wie England, die USA, Belgien und die Schweiz. Das Deutsche Reich gehöre ebenso wie Skandinavien zujenen Ländern, die hier in der Mitte stünden. Der Freiburger Ökonom unterschied ferner eine "allgemeine" Wohnungsfrage, bei der die Mieten infolge der steigenden städtischen Bodenwerte schneller wachsen wie die Einkommen und die sozialen Unterschichten nach demSchwabeschen Gesetz mehr als die oberen Einkommensklassen berührt würden, von einer "besonderen" Wohnungsfrage, die den Mangel an Kleinwohnungen und deren qualitative Mangelhaftigkeit betreffe. Während die allgemeine Wohnungsfrage eine rein städtische Angelegenheit sei, erstrecke sich die besondere Wohnungsfrage auch auf die ländlichen "arbeitenden Klassen". Deutschland werde vor allem aber von dem zuerst genannten generellen Wohnungsproblem betroffen; die Arbeiterwohnungsfrage sei ein, wenn auch ein wichtiger, Bestandteil davon. Wenngleich Fuchs alle wohnungspolitischen Elemente noch einmal sorgfaltig in ihrer bisherigen Wirksamkeit beleuchtete und in dieser Weise von seinem Nachredner Brandts aus der kommunalpolitischen Praxis eine ergänzende Unterstützung erfuhr, so legte er doch den Schwerpunkt deutlich auf die mehr theoretischen Erörterungen über die Rolle der städtischen Grundrenten. Wahrscheinlich beeindruckt durch die damals schon weitschichtig gewordene Literatur der Bodenreformer unter FührungAdowh Damaschkes wurde die "künstliche" Bodenspekulation zum großen Teil für den Mangel an Kleinwohnungen, das Steigen der Mietpreise und den Mietskasernenbau verantwortlich gemacht. Zwar könne man das hohe Etagenhaus im Stadtinneren nicht entbehren, und Privateigentum sowie Bodenspekulation seien nicht allein an der Wohnungsfrage schuld, doch müsse man den Hauptschlüssel der Wohnungsmisere doch darin suchen, daß beim Massenmietbau den Grundbesitzern die Möglichkeit eröffnet werde, ihre Verschuldung auf die Mieter in Form von hohen Mieten abzuwälzen. Im Gegensatz zum Lande wachse mit steigender Verschuldung dann der Bodenwert. Das Deutsche 55 Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik über die Wohnungsfrage und Handelspolitik, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik 98, Leipzig 1902, S.I-118. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 35 Reich wurde, auf Rudo/ph Eberstadts Forschungen sich berufend, als das Land mit dem höchsten Realkredit bzw. der fortgeschrittensten Kapitalisierung von Grund und Boden bezeichnet. Korreferent Eugen von Philippovich nahm, vor allem an Berechnungen der Wiener Sparkasse sich orientierend, anschließend genau die entgegengesetzte Position ein. Der Gedanke, daß dem Privateigentum an Grund und Boden in den Städten eine MonopolsteIlung zukomme und dies die eigentliche Ursache aller Wohnungsteuerung sei, wie dies auch so bedeutende Experten wie Ado/ph -Wagner und Franz Adickes vertreten hatten, wurden von ihm rundweg verworfen 56 . Dagegen wurde die These gestellt, daß nicht der Bodenwert den Mietzins bestimme, sondern gerade umgekehrt der Mietwert den Bodenwert. Der Boden erhalte nämlich seinen Wert durch die Art der Verbauung, was als ein Akt der Kapitalverwertung anzusehen sei. Der Bauunternehmer bzw. Kapitalgeber würde von dem zu zahlenden Baustellenpreis wie auch dem zu erwartenden Mieten-bzw. Hausverkaufsgewinn in seinen Renditeerwartungen determiniert. Die Mieten würden aber durch die gegebenen Einkommensverhältnisse wie durch Lebensgewohnheiten bestimmt. Die durch gegebene Umstände erzwungene Bereitschaft von Mietern, hohe Mieten eventuell zu zahlen, bilde erst die Grundlage für eine Bodenspekulation, so daß man sagen könne, der Bodenpreis sei eine Funktion der Mieten und nicht umgekehrt. Es komme auch nicht auf eine Untersuchung an, wie sich überhaupt Grundrenten bildeten, sondern welche Veränderungen an einem historisch bereits gebildeten Bodenwert von einem bestimmten Zeitpunkt an vor sich gingen. Wenn alles Land, wie z. B. in städtischen Cities, bereits verbaut sei und hier die größte Wertsteigerung stattfinde, so könne die Ursache nicht auf die Bodenbesitzer, sondern nur auf die Mieter zurückgeführt werden, die im Wettbewerb um einen günstigen Platz im Stadtzentrum die Mieten nach oben steigerten. Philippovich sah die Rolle der Bodenspekulation darin, daß sie nicht den Bodenpreis nach oben trieb, sondern einen tatsächlich schon vorhandenen Bodenwert antizipierte. Die Quelle alles steigenden Bodenwerts lag aber im Zentrum der Stadt, die sich dann auch auf die billigen Außenböden an der Peripherie auswirkte. Der Redner meinte ferner, daß die Bereitstellung von billigen Böden allein nicht genüge, es müsse auch entsprechend billig gebaut werden. Die Baukosten seien allein aber auf die Raumeinheit berechnet in den letzten 15 Jahren um 38 v. H. gestiegen und müßten sich entsprechend auf die Miethöhe ausgewirkt haben. Bei den fortgesetzten steigenden Baukosten würden natürlich die Altbaubesitzer einen unverdienten Gewinn einstreichen, da sie zu diesem Bodenwertzu- 56 Franz Adickes: Art. "Zusammenlegung städtischer Grundstücke und Zonenenteignung", in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften 3. Aufl., Bd. 8, Jena 1911. -Adolph Wagner: Art. "Grundbesitz (Bodenrechtsordnung)", in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Bd. 5, Jena 1910. - Ders.: Die Abschaffung des privaten Grundeigentums, Leipzig 1870. - Ders.: Wohnungsnoth und städtische Bodenfragen, Berlin 1901 (=Sociale Streitfragen H. 11). 3" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
36 Hans J. Teuteberg wachs nichts beitragen können. Auf der anderen Seite entstehe in den neu errichteten Häusern ihnen aber eine gefährliche Konkurrenz, da sie selbst bei weniger Komfort den Mietzins nicht in gleicher Höhe steigern könnten. Der österreichische Gelehrte schloß seine Betrachtungen mit dem Hinweis, daß Bodenwertsteigerungen an der Peripherie auf die Dauer den Neubau nicht behindern würden und eine Herabsetzung des dortigen Bodenwerts durch den Gesetzgeber keine wesentliche Erleichterung bringen würde, da er das Anwachsen der Bodenwerte im Stadtzentrum nicht hindern könne. Das Ansteigen der Mieten im Zentrum, was vor allem mit der dortigen Zusammenballung der Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe zusammenhänge, wie auch der dortigen Bodenwerte sei nicht aufzuhalten. In der nachfolgenden Debatte prallten in der theoretischen Begründung der Wohnungsmarksteuerung und des Wohnungsmangels die konkurrierenden Ansichten der damaligen Nationalökonomie so scharf wie nie zuvor aufeinander: Einerseits die mehr sozialpolitisch engagierte Richtung, allgemein vertreten durch Gustav Schmoller, Ado/ph Wagner und Lujo Brentano und in der Diskussion vor allem durch Rudo/ph Eberstadt, Carl Johannes Fuchs, Karl von Mangoldt und Max Hirsch, andererseits das mehr marktwirtschaftlich orientierte Lager, repräsentiert vor allem durch Eugen von Philippovich und Andreas Voigt als anwesenden Hauptexponenten, dann aber auch später durch Adolf Weber, Ludwig Pohle und Gustav Seibt 57. 57 Nicht alle der aufgezählten Ökonomen nahmen an dieser Sitzung des Vereins für Socialpolitik teil, doch lassen ihre etwa in diesem Zeitraum veröffentlichten Monographien eindeutig solche Zuordnung erkennen. Vgl. zusätzlich zu den bereits früher genannten Schriften von Schmoller und Wagner ferner Lujo Brentano: Wohnungs-Zustände und Wohnungs-Reform, München 1904. - Ders.: die Arbeiterwohnungsfragen in den Städten mit besonderer Berücksichtigung Münchens, München 1909. -Rudolf Eberstadt: Berliner Communalreform, in: Preußische Jahrbücher Jg. 1892. - Ders.: Städtische Bodenfragen, Berlin 1894. - Ders.: Rheinische Wohnverhältnisse in ihrer Bedeutung für das Wohnungswesen in Deutschland, Jena 1903. - Ders.: Die Spekulation im neuzeitlichen Städtebau, Jena 1907. - Ders.: Neue Studien über Städtebau und Wohnungswesen, Jena 1912. - Ders.: Zur Preisbildung der Bodenwerte, in: Bericht über den VI. Internationalen Wohnungskongress in Düsseldorfvom 15.-16. Juni 1902 Berlin 1902, S. 70-92. - Carl Johannes Fuchs: Die AbhänEigkeit der Wohnungsmieten von Bodenpreis und Baukosten, in: Ebd., S. 603--{j25.- Ders.: Uber städtische Bodenrente und Bodenspekulation, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 22/23 (1906), S. 631--{j63 und S. 712-747. Wiederabgedruckt in: Ders.: Zur Wohnungsfrage. Vorträge und Aufsätze, Leipzig 1904. - Ders.: Die Spekulation im modernen Städtebau, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 31 (1907), S.1339-1367. -Andreas Voigt: Die Bodenbesitzverhältnisse, das Bau- und Wohnungswesen in Berlin und seinen Vororten, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik 94, Leipzig 1901, S.149-260. - Ders.: Der Einfluß der Baukosten auf die Mietpreise, in: Ebenda 95, Leipzig 1901, S. 397 ff. - Ders. und Paul Geldner: Kleinhaus und Mietskaserne. Eine Untersuchung der Intensität der Bebauung vom wirtschaftlichen und hygienischen Standpunkte, Berlin 1905. - Ders.: Der Streit um Kleinhaus und Mietskaserne, Dresden 1907. - Eugen von Philippovich: Correferat, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik 98, Leipzig 1902, S. 43-56. - Paul Schwarz: Die Entwicklung der städtischen Grundrente in Wien, in: Ebenda, Bd.94 (1901), S. 93-148. -AdolfWeber: Bodenrente und Bodenspekulation in der modernen Stadt, Leipzig 1904. - Ders.: Der gegenwärtige Stand der Boden- und Wohnungs frage, in: Zeitschrift für Politik3 (1910) S. 384-396. - Ders.: Beiträge zur Frage der Bodenspekulation und ihrer Gewinne, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, 31 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 37 Die zuerst genannten Vertreter der sozialethischen Richtung fUhlten sich durchweg als prinzipielle Gegner der Mietskaserne, die gleichsam als böse Verkörperung der ganzen Wohnungsfrage angesehen wurde. Zu ihrem schärfsten literarischen Widersacher hatte sich der aus einer angesehenen jüdischen Familie in Frankfurt a. M. stammende und dann bei Gustav Schmollerin Berlin habilitierende junge Privatdozent Rudolph Eberstadt entwickelt. Hatten bis zum Beginn der neunziger Jahre Gegner wie BefUrworter des Massenmiethausbaus noch das Axiom akzeptiert, die naturgemäß wachsenden städtischen Bodenpreise wie auch die knapper werdenden Bauplätze würden auf die Dauer eine zunehmende Bauverdichtung in Form der höher werdenden Etagenhäuser erzwingen, weshalb am System des künftigen Städtebaues letztlich nicht viel zu ändern sei, so stellte Eberstadt in einer 1892 in den "Preußischen Jahrbüchern" zuerst vorgetragenen und dann in seinem Sammelband "Städtische Boderifragen" 1894 aufgenommenen Abhandlung eine Reihe überraschender Gegenthesen auf: 1. Ein Grundübel der Wohnungsfrage sind der zu starre Schematismus der Bebauungspläne und die fehlenden und ungenügenden Bauordnungen. Sie hatten in Berlin an manchen Stellen viel zu breite Straßen und zu große wie auch zu tiefe Baublöcke erzeugt. 2. Diese fUhrten notwendigerweise zur Errichtung der Mietskaserne. 3. Jene wiederum waren die Mutter der Bodenspekulation, welche ihrerseits die Bodenpreise nach oben trieb. 4. Diese erzeugten schließlich hohe Mietsteigerungen, woraus eine spezifische Form der Wohnungsnot fUr die ärmeren Volksschichten resultierte 58. Die Mietskaserne war nach Eberstadt kein Produkt einer historisch notwendigen Entwicklung, da man in einigen ausländischen Großstädten vergleichbar mit Berlin beim flachen Einfamilienhausbau geblieben sei. Das Mietskasernensystem treibe in Wahrheit die Bodenpreise und damit die Mieten "künstlich" nach oben. Dies ließe sich auch daran erkennen, daß die hohen Etagenhäuser zuerst in den Berliner Vororten gebaut wurden, wo an sich genug billiges Bauland zur VerfUgung stand. Wenn sie das Ergebnis der behaupteten natürlichen Bodenwertsteigerung gewesen wären, hätten sie zuerst in der Stadtmitte entstehen müssen. (1907), S.1833-1836. - Ders.: Boden und Wohnung, Leipzig 1908. - Ders.: Die Großstadt und ihre sozialen Probleme, Leipzig 1908 (2. Aufl., 1918). - Ders.: Die Wohnungsproduktion, in: Grundriß der Sozialökonomik, Bd. 6, 2. Abt!., 2. neubearb. Aufl., Tübingen 1923, S. 253-293. - Ludwig Pohle: Die tatsächliche Entwicklung der Wohnungsverhältnisse in Deutschland in den letzten Jahrzehnten, in: Berichte über den I. Allgemeinen deutschen Wohnungskongreß in Frankfurt a. M., Göttingen 1905, S.160--175. - Ders.: Der Kampf um die Wohnungsfrage, in: Zeitschrift ftir Sozialwissenschaft 8 (1905), S. 679-700 und S. 759- 781. - Ders.: Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Einkommen und Miete, in: Zeitschrift ftir Sozialwissenschaft 9 (1906), S. 22-47 und S. 88-196 sowie 550--579. - Ders.: Die neue re Entwicklung der Wohnungsfrage, 2 Bde., Leipzig 1910. - Gustav Seibt: Kleinhaus und Mietskaserne, in: Jahrbuch ftir Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 29 (1905), S. 1107-1125. 58 Eberstadt: Spekulation (s. Anm. 57), S. 142 ff. - Voigt/Geldner: Kleinhaus und Mietskaserne (s. Anm. 57), S. 35. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
38 Hans J. Teuteberg Die mit dem Massenmiethausbau einhergehende Bodenspekulation wurde von ihm und dieser Gruppe der "Kathedersozialisten "als eine qualitativ neue und beherrschende Erscheinung auf den Grundstücks- und Wohnungsmärkten bezeichnet, weil sie eine künstliche Verknappung des Angebots und damit ebenso künstliche Preissteigerungen hervorrufe 59 . Zu der durch die jeweilige Wohnlage bedingte alte "Hausplatzrente" infolge natürlicher Bodenwertsteigerungen habe sich eine neue unnatürliche "Kasernierungsrente" gesellt. Eberstadt faßte dies mit den Worten zusammen: ,,weil Etagenhäuser gebaut werden dürfen, werden die Grundstückspreise auch in den Außenbezirken so hoch, und weil die Grundstückspreise so hoch geworden sind, muß denn auch der Grund und Boden weiterhin stark ausgenutzt werden, d. h. so hoch gebaut werden, als baupolizeilich zulässig ist'<6O. Das Mietskasernensystem liefere damit teuere Wohnungen als jede andere Bauweise, was zu dem Motto verkürzt wurde: Je höher der Bau, desto höher die Mieten! Begünstigt durch die monopolartige Stellung der Bodeneigentümer und das geltende Hypothekar- und Kreditsystem, das eine ungedeckte und weit uberhöhte Bodenverschuldung in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern zuließ, würden die Bodenpreise so in die Höhe getrieben, daß eine spekulative Umklammerung des städtischen Peripherieringes stattfmde: Der Druck der Bodenspekulation würde nämlich generell von außen nach innen zunehmen und presse die Bevölkerung damit auf engsten Raum zusammen 61 . In den Münchner Verhandlungen des Vereins fi1r Socialpolitik konzentrierte sich Eberstadt als erster Diskussionsredner nach nochmaliger allgemeiner Skizzierung seiner bekannten Auffassung auf zwei Kritikpunkte bei Philippovich: Wenn dieser in Anlehnung von Carl Rodbertus behauptet hatte, der Preis eines Bodens werde vom Ertrag, den man daraus erwirtschaften könne und demjeweiligen Zinsfuß für Kredite bestimmt, so müßte man sagen, daß dies nur für ländliche Grundstücke gelte; das modeme städtische Wohnungswesen habe dieses Gesetz gänzlich umgeworfen -trotz steigendem Zinsfuß würden bekanntlich die Mieten und damit der Bodenwert erhöht 62 . Zum anderen wurde von ihm entschieden in 59 Wörtlich sagte Eberstadt: ,Yon der Bereitstellung und Aufteilung des Baulandes bis zum Besitz der fertigen Wohnung ist die Gestaltung des Städtebaues und der Verkehr der Bodenwerte der Spekulation übertragen worden." Eberstadt: Spekulation (s. Anm. 57), S. 1. 60 Eberstadt: Preisbildung der Bodenwerte (s. Anm. 57), S. 74 fI. - Vgl. Carl Johannes Fuchs: Art. Wohnungsfrage und Wohnungswesen. In: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Aufl., Erg.-Bd., Jena 1929, Sp.1098-1160. - Ders.: Bodenrente und Bodenspekulation (s. Anm. 57), S. 736. 61 Rudolph Eberstadt: Der deutsche Kapitalmarkt, Leipzig 1901, S. 264-74. - Ders.: Wohnverhältnisse (s. Anm. 57), S.104-107. - Carl Johannes Fuchs: Die Abhängigkeit der Wohnungsmiete von Bodenpreis, Baukosten und Besteuerung, in: Soziale Praxis, 11 (1902), Sp. 1142-1143. -Lujo Brentano brachte in diesem Zusammenhang den danach vielzitierten Vergleich, die mittelalterlichen Festungsmauem seien von den "ökonomischen Spekulationsmauem" abgelöst worden. Vgl. Brentano: Wohnungs-Zustände (1904), S.13-14. - Diese Vorstellung findet sich auch heute noch in der marxistischen Wohnungsliteratur wieder: Horant Faßbinder: Berliner Arbeiterviertel180o-1918, Berlin 1975, S.4-14. 62 Schriften des Vereins ftir Socialpolitik 98, Leipzig 1902, S.82. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 39 Abrede gestellt, daß die Wohnungsfrage als eine Baukostenfrage hingestellt werden könne: Das fertige Haus sei nicht das Ende, sondern im Gegenteil der Beginn der eigentlichen Wohnungsproblematik, denn erst nach seiner Errichtung begännen der Häuserhandel und die Versuche zu fortgesetzter Mietsteigerung, wobei es dann gleichgültig werde, was das Haus ursprünglich gekostet habe. Das moderne Massenmietshaus sei, was es von früheren Wohngebäuden im Kern unterscheide, vor allem eine res in commercio -es werde nicht gebaut, um selbst darin zu wohnen, sondern um einen möglichst hohen Gewinn daraus zu ziehen und es bei guter Gelegenheit wieder abzustoßen. Eberstadt und seine Anhänger wollten verständlicherweise die Bodenspekulation und das Mietskasernensystem mit allen gesetzlichen und administrativen Mitteln bekämpfen und eine möglichst offene und weiträumige Bebauung, wo nur eben möglich, durchsetzen 63 • Dieser Standpunkt hatte sich, wie Eberstadt mit gewissem Stolz hervorhob, seit dem Erscheinen seines Buches "Städtische Boden/ragen" in der wohnungsreformerischen Öffentlichkeit in Deutschland stark durchgesetzt. Demgegenüber hielten der aus Wien kommende österreichische Gelehrte Eugen von Philippovich und der junge Frankfurter Ökonom Andreas Voigt sowie ihre geistigen Mitstreiter nichts von solchen "agrarisch-mittelstandsretterischen Theorien'<64 Eberstadt-Fuchs'scher Prägung und wiesen demgegenüber noch einmal auf die explosivartige Bevölkerungsvermehrung und das ebenso rasche Städtewachstum hin, das die Gunstlage bestimmter städtischer Grundstücke und ihre Preise in erster Linie habe ansteigen lassen 65 . Das entscheidende Moment ihrer Argumentation war die Höhe des zu erwartenden Ertrages, wie z. B. die Miete, der seinerseits den Bodenpreis und seine obere erreichbare Grenze bestimme 66 • Zwar steige mit zunehmender Bebauungsintensität der absolute Bodenpreis, aber ausschlaggebend rur die Höhe der Mieten seien auch die proportional zur Zunahme der Stockwerke abnehmenden relativen Baukosten 67 • 63 Vgl. auch Rudolph Eberstadt: Der Entwurf eines preußischen Wohnungsgesetzes, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, N. F.1 (1904), S. 183-196. 64 Diese spöttische Kennzeichnung stammt bezeichnenderweise von einem sozialdemokratischen Kommunalpolitiker. Vgl. Hugo Lindemann: Zur Literatur über die Wohnungsfrage, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 25 (1907), S. 721. 65 Voigt/Geldner: Kleinhaus und Mietskaserne (s. Anm. 57), S.94-128. 66 Voigt hatte später über seinen Satz, der Bodenpreis sei eine Funktion der Mieten, noch einen heftigen Disput. Als ihn Brentano in einem Aufsatz in der Zeitschrift "Freistatt" (Jg. 6, H. 44 v. 29. 10. 1904) heftig angegriffen und das Gegenteil an Münchener Grundstücken nachzuweisen versucht hatte, antwortete Voigt mit dem Hinweis, daß er gemeint habe, natürlich ziehe der Mietertrag dem Bodenwert nur eine "obere Grenze". Wie sich ein Spekulationspreis darunter bewege, sei für die Wohnungsfrage ganz gleichgültig. Für sie sei nur der Preis des baureifen Bodens von Bedeutung. Es gebe keinen Bodenwert in der Stadt, der sich nicht durch den zu erwartenden Mietertrag rechtfertigen ließe. Natürlich gehe gelegentlich ein spekulativer Bodenpreis wie beijedem Marktgeschehen auch einmal über die obere durch die Mieten gesetzte Grenze, doch könne man ihn dann nicht realisieren; er falle dann wieder unter diese Grenze zurück. Ebenda S. 133. 67 Ebenda S. 139 und S. 162-175. Vgl. Philippovich: Correferat (s. Anm. 57) S. 48. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
46 Hans J. Teuteberg Adam Smith als Vater der Nationalökonomie hatte im elften Kapitel seines Hauptwerkes 1776 bereits im Zusammenhang mit der Bodenrente von einem Monopolpreis gesprochen, da die Kosten des Bodenbesitzers dazu in keinem Verhältnis stünden; dieser werde allein dadurch bestimmt, was ein Pächter dafUr zu zahlen gewillt sei. Sein Nachfolger David Ricardo widerlegte diese Bodenmonopolthese, indem er zeigte, daß der Preis, der fUr ein auf dem Boden erzieltes Produkt auf dem Markt erzielt wird, allein fUr die Bodenrente maßgeblich sei. Seit der Mitte der 1820er Jahre stand nach ihm fest: Bei der Bebauung eines Gebietes, wo fruchtbarer Boden reichlich zur Verfügung steht, wird noch keine Rente gezahlt. Diese entsteht erst, wenn bei steigender Bevölkerung Böden schlechterer Qualität oder schlechterer Lagen bebaut werden müssen. Die so entstehende Grundrente ist kein ,yerdienst des Bodenbesitzers", sondern ein ,;Verdienst der Gesellschaft" und ihrer allgemeinen Entwicklung. Die klassische Nationalökonomie hat im wesentlichen an dieser von Ricardo formulierten Theorie vom abnehmenden Bodenertrag festgehalten, wobei die entstehende Bodenreformbewegung (J. Mill, E. P. Thompson, H. Spencer, J. St. Mill, C. Rodbertus, K Arnd, H. Colins, A. Wagner, A. Damaschke) mit ihren Forderungen nach Verstaatlichung des Bodens bzw. Besteuerung der Grundrenten hieran anknüpfte. In ein ganz neues Fahrwasser geriet die Grundrententheorie durch die beginnende Verstädterung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hatte man sich zuvor fast nur mit der ländlichen Ackerrente beschäftigt, so rückte nun die städtische Grundrente, genauer gesagt die Baubodenrente, in den Mittelpunkt. Wie schon früher wurde ihr grundsätzlicher Monopolcharakter mit dem Privateigentum des Bodens, der Unvermehrbarkeit, der Unbeweglichkeit und mangelnden Fungibilität begründet. Im städtischen Bereich spielte natürlich nicht die Qualität des Bodens und die daraus entspringende Differentialrente, wohl aber die Lage der Grundstücke die entscheidende Rolle. Die Bodennachfrage in den städtischen Zentren, wo man am besten wohnen und die größten Umsätze tätigen kann, so sagte man, sind die in den Boden investierten Mengen von Kapital und Arbeitskraft sowie Spekulationen und Bodenwertsteigerungen am höchsten, aber auch die Konjunkturschwankungen und das damit verbundene Risiko einer Kapitalanlage. Das Verdienst dieser Debatten war es, daß der Begriff des städtischen Bodenmonopols nun begriffiich erheblich differenziert wurde. Der Streit, ob der Ausdruck "Monopol" auf eine Vereinigung von bestimmten Gütern in einer Hand beschränkt werden müsse (was beim Bodenmonopol nicht zuträfe) oder auch als wirtschaftliche und rechtliche Übermacht gedeutet werden könne und ob eine solche gelegentlich volkswirtschaftlich auch von großem Nutzen sei (z. B. beim Münz-, Spiritus-, Post- und Eisenbahnmonopol) wurde schnell als relativ unwichtig erkannt. Entscheidend blieb die Frage, ob die Preisbildung auf den städtischen Grundstücksmärkten in freier Konkurrenz erfolge, ob sie infolge eines Bodenmonopols durch Spekulation "künstlich" eingeengt werde oder aber ob durch die historische OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 47 Entwicklung der städtischen Bodenverhältnisse eine natürliche Einschränkung des freien Wettbewerbs stattfinde. Rudolf Eberstadt und Andreas Voigt haben in stark beachteten Monographien nach der Tagung des" Vereins für Socia/politik" ihre Standpunkte unter Beziehung von vielerlei neuen Quellen noch einmal ausführlich dargelegt und sind vor allem auf die Argumente ihrer Gegner eingegangen 75 . Der NationalökonomAdolfWeber, der oftmals ähnlich den Kommunalpraktikern eine vermittelnde Stellung zwischen beiden einnahm, setzte sich wenig später in seinem Buch" Über Bodenrente und Bodenspekulation in der modernen Stadt" (1904) noch.einmal zusammenfassend mit der ganzen Debatte um die Jahrhundertwende und besonders ihren Hauptexponenten kritisch abwägend auseinander. Hieraus seien einige seiner wichtigsten Gesichtspunkte -gleichsam Ergebnis der Debatte -hervorgehoben: 1. Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Grundrenten Während bei der ländlichen Bodenrente nach dem Gesetz vom abnehmenden Ertrag bei gleichbleibenden Preisen die Produktionskosten verschieden seien, leite umgekehrt der Profit beim Bauland sich von der Tatsache her, daß die Preise verschieden seien, während die Produktionskosten im wesentlichen dieselben bleiben. Der Unterschied wird darin gesehen, daß das Gebäude als Mittel der Grundrente nicht transportabel ist und Änderungen der Verkehrsverbindungen, Anlage von öffentlichen Anstalten usw. die Höhe der städtischen Renten sehr viel mehr als bei den ländlichen beeinflussen können. Während man auf dem Lande das in den Boden gesteckte Kapital je nach der Konjunkturlage verändern kann, macht der Baugrundstücksbesitzer eine einmalige in die Zukunft gerichtete Investition, die weder vermindert noch wesentlich vermehrt werden kann. Für das "Haus" gibt es daher einen weit weniger definierten Marktpreis als für Getreide. Dennoch bleibt nach Adolf Weber auch der städtische Bodengewinn wie der ländliche eine Differentialrente im Ricardoschen Sinne, woraus folge, daß die städtische Grundrente nicht auf Dauer auf die Preisbildung einwirken kann, sondern erst durch das Rentenmittel, d. h. die Mieten. Aber diese Einsicht wird durch die Realität stark modifiziert. Mit Philippovich übereinstimmend nimmt er an, daß der städtische Grundwert einerseits durch die Höhe der Erträge eines Gebäudes, andererseits durch den jeweilig geltenden Zinsfuß für Hypothekarkredite bestimmt werden. Aber hierin wird nur eine Zwischenantwort gesehen und weiter gefragt, wie sich die Rendite eines Gebäudes bestimmen läßt und wie hoch die Quote des Einkommens ist, die ein Mieter für seine Wohnung ausgeben kann und will. 75 Eberstadt: Spekulation (s. Anm. 59). - Voigt/Geldner: Kleinhaus und Mietskas.~rne (1905). Eine ausführliche Referierung beider Standpunkte bei Carl Johannes Fuchs: Uber städtische Bodenrente und Bodenspekulation, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 22 (N. F. Bd. 4), Tübingen 1906, S.631-747. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
48 Hans J. Tcutcbcrg 2. Miete und Grundrenten Im Gegensatz zur klassischen Nationalökonomie, die der Meinung war, die Mieter würden einen relativ feststehenden Anteil ihrer Einkommen fUr die Miete ausgeben, kommt AdolfWeber zu dem Ergebnis, daß die Miete nicht ausschließlich durch das Einkommen der Haushalte bzw. "die Produktivität der lokalen Arbeit" (Heinrich Dietze!) bestimmt wird, sondern auch durch -die Lage der Arbeitsstätte zur Wohnung -durch Scheu vor einem Umzug, lokale Gewohnheiten etc. -durch soziale Prestigegründe (z. B. man will sich durch die Wohnlage von anderen Schichten oder Gruppen abheben). Selbst die unteren Sozialschichten bleiben bei Umzügen innerhalb einer Stadt im verhältnismäßig kleinen Umkreis und nutzen keineswegs die Chancen des gesamten Wohnungsmarktes. Auch die höheren Einkommensschichten sind hier in der Bewegungsfreiheit vielfach gehemmt und geben, z. B. bei sinkendem lebensstandard, eher anderen Konsum als die teuere Wohnlage auf, die als ein gesellschaftliches Statussymbol gilt. Weber folgert daraus, daß die Quote, die anteilig vom Gesamteinkommen fUr Miete ausgegeben wird, sehr viel schwankender ist als die klassische Grundrententheorie annahm. Da hierfUr immer nur der Teil des Einkommens verwendet wird, der nach Befriedigung der wichtiger angesehenen Nahrungs- und Kleidungsbedürfnisse übrig bleibt, ist das Ausgabenmaximum bald erreicht, wenn die Nachfrage das Angebot auf dem Wohnungsmarkt erreicht. 3. Probleme der Citybildung Wie man um 1900 schon längst erkannte, drängen Gewerbe und besonders Dienstleistungsbetriebe in das Stadtzentrum, weil die Lage fUr diese Unternehmungen von entscheidender Bedeutung sein kann. Die Grundrentensteigerung ist hier sehr viel beträchtlicher als in den reinen Wohnvierteln, der Bauwert sinkt hier im Vergleich zu den Grundstückskosten. Der unverdiente Bodenwertzuwachs wird sehr viel größer als in anderen Stadtvierteln, aber auch das erzielte Einkommen pro Flächeneinheit. Die wachsende Bauverdichtung in den Stadtkernen fUhrt dazu, daß dort wegen der überproportional steigenden Mieten immer weniger Leute wohnen können. Adolj Weber ist mit Philippovich der Meinung, daß die Hauptquelle der raschen Bodenwertsteigerungen hier im Stadtzentrum gesucht werden muß und die Bodenspekulation in den Außenbezirken nur als eine Konsequenz dieser Preisbewegungen anzusehen ist. Allerdings waren er und viele andere Wohnungsreformer auf grund der empirischen Untersuchungen zu der Einsicht gelangt, daß die Wohnungsnachfrage infolge des Schwankens der Bevölkerungszunahme, der Eheschließungen und der Einkommenssteigerungen zeitlich wie räumlich als außerordentlich schwankend anzusehen ist. Abschließend stellte AdoljWeberfest76: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 49 "Es gibt kein volkswirtschaftlich relevantes menschliches Bedürfnis, dessen Quantität und Qualität so schwer vorauszuschätzen ist, wie das Wohnungsbedürfnis der modernen Stadt." Die Hassesehe Formel, wonach die Zahl der leerstehenden Wohnungen mindestens 3 v. H. des Wohnungsbestandes tragen müssen, erschien ihm als "eine fast unbegreifliche sozialökonomische Verirrung." 4. Angebot von städtischem Bauland Weber wendet sich hier entschieden gegen die damals häufig zu hörende Ansicht, die hohe städtische Grundrente, die hohe Mieten bewirke, werde durch eine künstliche Eindämmung des Angebots infolge der Bodenspekulation verursacht. Andreas Voigt hatte schon zuvor darauf hingewiesen, daß der Boden zwar unvermehrbar, aber auch dafür unverzehrbar sei. Der Boden bedürfe daher im Gegensatz zu anderen Gütern keiner Reproduktion. Die Nichtvermehrbarkeit des Bodens sei nicht mit der Knappheit von Gütern identisch, wie man auch am Beispiel der Luft sehen könne. In Wahrheit gehe es auch nur um die städtischen Baugrundstücke, aber auch diese ließen sich auf Kosten der ländlichen Umgebung jederzeit prinzipiell vermehren, so daß aus der physischen Unvermehrbarkeit des Bodens kein Bodenmonopol abgeleitet werden könne. Im Kern drehte sich alles um die nicht beliebige Vermehrbarkeit bestimmter städtischer Gunstlagen besonders im Stadtkern. Da aber nicht jeder Grundstücks- und Wohnungssuchende auf eine ganz bestimmte Lage angewiesen sei und solche bevorzugten Standorte durch Etagenbau zehn- bis zwanzigfach ihren Raum vergrößern könnten, müsse selbst hier der Monopolcharakter eingeschränkt werden 77 . Adolf Wagner nahm hier wiederum eine vermittelnde Stellung ein: Ein wirkliches Baubodenmonopol gebe es im Gegensatz zu Eberstadts Ansicht in der Tat nur dort, wo ein vollständiger Ausschluß der Konkurrenz bestehe. Er mußte freilich zugeben, daß hier eine scharfe Trennlinie nicht zu ziehen sei. Die Frage, ob man von einem Monopol städtischer Grundbesitzer sprechen könne, konnte er letztlich weder strikt bejahen wie Eberstadt, noch strikt verneinen wie Voigt. Er teilte nach englischem Vorbild die Baugrundrente in vier Typen nach Ortschaften ein: - Der Boden wirft überhaupt keine Rente ab, weil eine Fülle von billigem Bauland vorhanden ist und die Lage keine Rolle spielt (Beispiel Dörfer mit weit auseinanderliegenden Häusern). - Der Boden gibt keine Baubodenrente, weil der Ort verfällt und Wohnungen leer stehen. 76 Ado{f Weber: Über Bodenrente und Bodenspekulation in der modernen Stadt, Leipzig 1904, S. 72. 77 Voigt/Geldner: Kleinhaus und Mietskaserne (s. Anm. 57), S. 173 ff. Vergl. als Entgegnung, Eberstadt, Spekulation (s. Arun. 59), S. 21. 4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
50 Hans J. Teuteberg -Von aufstrebenden Städten wird eine "normale" Bodenrente erzielt von Null an der äußersten Peripherie bis zur Verzinsung des Kapitals um ein Mehrfaches im Stadtzentrum. - In der City schnell expandierender Städte entsteht zeitweise eine Monopolrente oder auch an den Stellen, wo große Neubauviertel entstehen. Ein Baubodenmonopol könne auch dort sich bilden, wo an sich genügend Bauland vorhanden ist, aber Bauunternehmer fehlen; bestimmte Arten von Wohnungen zu errichten, obwohl die Nachfrage besonders stark darauf gerichtet ist. Ob die durch Bebauungspläne und Bauordnungen erzwungenen Bauformen einen Einfluß auf die Monopolisierung der Baugrundstücke haben, ist schlecht belegbar und bleibt offen. Da gerade in Berlin die Mietskasernen zuerst an den Stadträndern entstanden, muß nach AdolfWeber dieser Zusammenhang mit der Bauform verneint werden. Der am Stadtrand meistens sehr zersplitterte Grundbesitz konnte ein einheitliches künstliches Zurückhalten von Bauland nicht durchführen. Anders war es dort, wo große Terraingesellschaften mit viel Kapitaleinsatz operierten und z. B. große Gutsareale mit einem Schlag aufkauften. Um die Jahrhundertwende war damit klar, daß es durchaus auch durch die Planung aufgeschlossene Baugrundstücke gab, die lange Jahre aus Spekulationsgründen zurückgehalten wurden; doch konnten gewerbsmäßige Grundstücksspekulationen nirgendwo festgestellt werden, es handelte sich vielmehr stets um bestimmte Einzelfälle. Die große Gefahr der Bodenspekulation wurde, Andreas Voigt zustimmend, darin gesehen, daß der notwendige Besitzerwechsel zu langsam vor sich ging und die Bebauung sich verzögerte. Der schnelle Ausbau von Nahverkehrsmitteln wurde von fast allen Wohnungsreformern als eines der wirksamsten Mittel angesehen, die Grundrente herabzudrücken und die Wohnungsfrage zu entschärfen. Daß die Anlage von Verkehrslinien aber umgekehrt die Bodenwerte auch wieder nach oben trieb, wurde allerdings noch zu wenig beachtet. Wenngleich die Spekulation mit fertigem Bauland in der Regel verneint wurde, so fand sie doch nach Ansicht mancher Wohnungs- und Bodenreformer ein um so reicheres Betätigungsfeld in dem "baureifen" Land (Bauerwartungsland). Die Debatte um 1900 hat aber die Frage nicht klären können, was darunter eigentlich zu verstehen sei. Einverständnis wurde darin erzielt, daß der subjektive Verkaufswunsch eines Bodeneigentümers allein nicht genüge, sondern daß eine quantitative wie qualitative Nachfrage dazutreten müsse, um eine solche Spekulation in Gang zu setzen. Wenn schon die Wohnungsnachfrage wegen der vielen Einflußfaktoren schwer abzuschätzen sei, so müsse dies noch mehr für die Nachfrage nach baureifem Land gelten. Dies hänge damit zusammen, daß man ohne eine konkrete Stadtplanung nicht wisse, in welche Richtungen eine Stadt sich entwikkeIn würde. Auch konnte eine Spekulation ohne die speziellen Auflagen einer Bauordnung und eines Flächennutzungsplanes nicht wissen, welche Gebäude- und Wohntypen bzw. Mieten in Frage kämen. Der Begriff der "Baureife "wurde als so relativ und veränderlich angesehen, daß er als ein ökonomischer Berechnungs- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsrnittel einer Wohnungsreforrn 51 faktor ausgeschlossen wurde. Aus der Schwierigkeit, den Zeitpunkt einer Baureife vorherzubestimmen, ergaben sich alle nachfolgenden Probleme einer künftigen Berechnung des Ertrags und Verkaufswertes sowie der damit wiederum zusammenhängenden Beleihung und Besteuerung. Viele Reformer traten für eine Novellierung des Hypothekenbankgesetzes ein, um die Beleihung von unbebautem Boden künftig zu verbieten. Die Stadtverwaltungen wurden in diesem Zusammenhang kritisiert, weil sie bei der Schaffung von Bauland viel zögerlicher als die private Bauspekulation vorgingen und so das Wohnraumangebot behinderten. Dies wurde im übrigen als Hauptargument gegen eine Überführung des Bodens in Gemeindeeigentum verwendet. Interessanterweise stellte man auch Vergleiche zwischen einer Boden- und Börsenspekulation an, wobei typische Unterschiede festgestellt wurden. Im Gegensatz zu Wertpapieren und Produkten ist der.Boden nicht transportabel, so daß bei einem Überangebot nicht an andere Plätze ausgewichen werden kann. Außerdem liegt er offen und allen bekannt-dä, so-daß bessere Informationen wie an den Börsen hier wenig zum Tragen kommen. Adolf Weber berechnete aus einer Gegenüberstellung von freihändigen Verkäufen und Zwangsversteigerungen von Häusern, daß die Verluste aller Terraingesellschaften zusammengerechnet höher waren als ihre Gesamtgewinne. Als Grund für die vielen Subhastationen wurde angegeben, daß den Grundstücks-, Häuser- und Wohnungsmärkten ein verläßliches Barometer für Angebot und Nachfrage fehle, über das die Börsen sonst verfügten. earl Ballod kam später allerdings zu der gegenteiligen Ansicht, die Terraingesellschaften hätten einen angemessenen normalen Gewinn erzielt. Ein wesentlicher Streitpunkt bei der Wohnungsreformdebatte hatte schließlich die Rolle der Baukosten gespielt. Als Einwand gegen die Vertreter der Marktwirtschaft wurde geltend gemacht, daß die Baukosten keineswegs im gleichen Tempo wie der Mietenspiegel gestiegen seien. Durch den technisch verbesserten Hausbau (z. B. Ersetzung des Fachwerkbaus durch den Massivbau) seien sie relativ in den letzten 30 Jahren sogar gesunken. Andreas Voigtwies demgegenüber daraufhin, die Wohnansprüche seien in diesem Zeitraum gewaltig gestiegen, insbesondere auf sanitärem Gebiet, so daß die Baukosten auch inhaltlich miteinander verglichen werden müßten. Auch seine Gegner gaben zu, daß im Vergleich zur Generation davor in Deutschland schöner, gesünder, bequemer und dauerhafter gebaut werde, was allerdings nicht für alle Gebäudekategorien gelte. Adolf Weber machte hier den wichtigen Hinweis, daß man überhaupt nicht die nominalen absoluten, sondern nur relative Baukosten historisch vergleichen könne. Voigt falsche Berechnungen vorwerfend meinte er,· man könne auch im ersteren Fall keine Steigerung in dieser Zeit feststellen. Selbst wenn die relativen Baukosten gestiegen wären, würde dies nur die Hausrendite im engeren Sinne, nicht die eigentliche Grundrente betreffen. Wenn ein Zusammen- 4' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
52 Hans J. Teuteberg hang zwischen Baukosten und Grundrente bestünde, dann müßte letztere fallen, weil das Steigen der relativen Baukosten die Nachfrage nach besseren Häusern eher herabsetzen würde. Weber wollte sich gegen die Überschätzung des Einflusses der Bauart, d. h. der Ausnutzungsmöglichkeit des Baubodens auf die Grundrente wenden, wenngleich er durchaus sah, daß der Eigentümer eines großen Etagenhauses eine größere Bodenrente erzielte als der Besitzer eines Kleinhauses. Als Ergebnis der ganzen Debatte stellte Ado{fWeberfest, seine sorgfältig vergleichenden Analysen von Angebot und Nachfrage ergeben, daß der theoretische Satz "die städtische Grundrente ist hoch, weil die Miete hoch ist und nicht umgekehrt", von wenigen Ausnahmen als richtig anzusehen ist. Das Angebot sei mit anderen Worten regelmäßig nicht in der Lage, einen entscheidenden Einfluß auf die Grundrente auszuüben, auch hier sei die Nachfrage letztlich die den volkswirtschaftlichen Prozeß bewegende Krafe8. Die wissenschaftliche Kontroverse über die Rolle der städtischen Grundrente für die Wohnungsfrage, bei der noch viele andere Aspekte diskutiert wurden (z. B. unverdienter Wertzuwachs und seine mögliche Sonderbesteuerung, Gewinne und Verluste der großen Baugesellschaften, Rolle der Kommunen bei Bodenleihe und Bodenkauf, Dezentralisierung der städtischen Industriebetriebe usw.) ist auch in den folgenden Jahren bis zum 1. Weltkrieg nicht abgeebbt19• Gustav Schmoller hat die mangelnde Annäherung der Standpunkte in seinem "Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre" später damit erklärt, daß die Verschiedenheit des Urteils der einzelnen Nationalökonomen in diesen Fragen damit erklärt werden könne, daß sie von verschiedenen lokalen Beobachtungen ausgegangen wären 8o . Es fehlte mit anderen Worten an einer umfassenden verläßlichen Statistik des Wohnungswesens sowie der Bewegungen an den Grundstücksmärkten. Nach seint<m Eindruck gab es in der Phase der raschen Verstädterung Städte und Gegenden mit stagnierender oder nur mäßiger Grundrentensteigerung ohne große Spekulation, wo der bei Bodenverkäufen erzielte Mehrwert allein mit den gestiegenen Straßen- und Hausbaukosten zusammenhing. Daneben konnten aber Kommunen beobachtet werden, wo ein starkes Mißverhältnis von Angebot und Nachfrage eine starke Monopolrentenbildung und künstliche Preistreibereien verursachte. Als historisch arbeitender Ökonom stellte er dazu fest, daß es so etwas aber wohl immer gegeben habe, "die Organisation des Grundstücksmarktes, der Baugeschäfte, die persönliche Qualität der beteiligten Perso- 78 Weber, Bodenrente (s. Anm. 76), S. 124. 79 Neben der schon früher genannten Literaturvgl. HugoJolles: Die allgemeine Monopolrente von städtischem Grundbesitz, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft Jg. 62 (1906) H. 3. S. 433-451, - W. Gmünd: Bodenfrage und Bodenpolitik in ihrer Bedeutung für das Wohnungswesen und die Hygiene der Städte, Berlin 1911. J. Stübben, Die Bedeutung der Bauordnungen und Bebauungspläne für das Wohnungswesen, Göttingen 1902. - Karl Bal- Iod: Die Terraingesellschaften, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 32 (1908), S.941-956. 80 Gustav Schmoller: Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Bd. 2, München! Leipzig 1919, S. 513. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 53 nen kann ganz verschiedene Zustände und Preise erzeugen". Er blieb bei seiner Meinung, die auch von den meisten Wohnungsreformern weiter geteilt wurde, daß Städte mit kleinen Einfamilienhäusern nur mäßige Bodenwertsteigerungen und geringe Bodenspekulation zeigten im Gegensatz zu solchen mit großen Mietskasernen. Hier würden nur hohe Umsatzsteuern bzw. Wegsteuerung des unverdienten Wertzuwachses auf die Monopolgrundrente die Spekulation und das künstliche Zurückhalten von baureifem Gelände erschweren. Irgendeine gesetzmäßige Regelmäßigkeit vermochte aber auch er nicht in dem ganzen Marktgeschehen zu erkennen. Andreas Voigt zustimmend meinte er, gerade die Unberechenbarkeit sei hier die Signatur. Es liege wohl im Wesen aller Großstädte, daß sie zu einer gewissen monopolartigen Grundrentenbildung neigen und zu einer Verschlechterung der Stellung der Mieter führten, die als der schwächere Teil vom Staate geschätzt werden müßten. Während die Haus- und Grundbesitzer über feste Organisationen verfügten, fehle es noch an ebenso schlagkräftigen Mietervereinen. Von einer Verstaatlichung des Bodens hielt Schmollerwenig, weil deren Auswirkung bei weitem überschätzt würde. Ohne die "Prämie der steigenden Grundrente" wäre die rasche Ausdehnung und der Umbau der Städte nicht möglich gewesen. Die historische Bewertung der Aktivitäten des "Vereins für Socia/politik" ist rückschau end nicht einfach: Die hier debattierende, relativ bunte Schar von Volkswirtschaftlern, Ministerialbeamten, Verwaltungsjuristen, Seelsorgern, Verbandssyndici, Industriellen, Baumeistern und Publizisten hatte keine Battaillone von Anhängern hinter sich, und diese ließen sich oft überhaupt keiner bestimmten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Richtung eindeutig zuordnen. Die Fronten waren in dem Meinungsstreit daher nicht immer genau zu markieren. Sicher ist nur, daß die Wohnungsreform allein vom sozial engagierten Bildungsbürgertum vorwärts getrieben wurde. Die von der Wohnungsnot betroffenen Bevölkerungsmassen in den rasch anwachsenden Städten reagierten, sieht man von einigen wenigen Mieterrebellionen bei Zwangsexmittierungen und der polizeilichen Räumung einer ohne Genehmigung errichteten Barackensiedlung für Obdachlose in Berlin während der sechziger Jahre einmal ab, im ganzen Zeitraum überhaupt nicht und blieben auch literarisch stumm. Die zeitgenössischen Schilderungen der Wohnverhältnisse und die überlieferten Haushaltsrechnungen lassen eher eine manchmal erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber der Wohnumgebung erkennen. Die Ausgaben für Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak rangierten überall bei den Arbeiterfamilien weit vor den Wohnungsausgaben. Die aufkommende sozialistische Arbeiterbewegung hat im Gegensatz zu ihren kleineren christlichen und liberalen Flügeln zunächst aus dogmatisch-ideologi- schen Gründen der Wohnungsfrage bis 1890 literarisch nur wenig Beachtung geschenkt. So beschäftigte sich in dem 1883 von Kar! Kautsky gegründeten Parteiorgan "Neue Zeit" nur deren Mitbegründer Heinrich Braun 1886 einmal mit der Wohnungsfrage -sein kurzer Artikel behandelte bezeichnenderweise die erste Generalversammlung des "Vereins für Socia/politik" in Frankfurt a. M.8l. Sein OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
54 Hans J. Teuteberg Inhalt ist uninteressant, da er nur die bekannten Ansichten von Friedrich Engels wiederholte. Auch die nachfolgenden Schriften der Sozialdemokraten MaxSchippel, Paul Göhre und Adolf Braun folgten dieser Linie bloß anklagender Elendsbeschreibungen 82 . Interessanterweise waren alle drei aus dem Bürgerlager übergelaufene Intellektuelle, die sich später dem gemäßigten Revisionismus und der betonten Aktivierung von Sozialpolitik und Gewerkschaftsbewegung zuwandten 83 . Erst unter diesen Anstößen und nach Beginn einer eigenen sozialdemokratischen Kommunalpolitik, gewann nach der lahrhundertwende die Wohnungsfrage erstmals einen Platz in der Diskussion der Sozialdemokratie, wobei Hugo Lindemann, Paul Hirsch, Louis Cohn, Paul Kampffmeyer, Richard Calwer, Ludwig Sinzheimer und Albert Südekum als Hauptexponenten hier sich qualifizierten. Sie brachten Resolutionen auf den Parteitagen und Entschließungen zum preußischen Wohnungsgesetzentwurf ein und betätigten sich in den Gemeindeparlamenten sowie der sich entfaltenden Gartenstadtbewegung. Eine theoretische Auseinandersetzung mit Friedrich Engels und Karl Marxens Verelendungstheorie wurde nicht geführt, sondern man versuchte, die Wohnungsfrage nur praktisch zu überwinden. Hier unterschied man sich in den Lösungsversuchen so gut wie gar nicht von den meisten bürgerlichen Reformbestrebungen. Gemessen an der riesigen Fülle bürgerlicher Literatur zur Wohnungsfrage blieb der Beitrag insgesamt mehr als mager 84. Einen Schritt zur Lösung der Wohnungsfrage sah man beeinflußt durch den englischen Munizipalsozialismus in der Stärkung des sozialistischen Einflusses in den Kommunen und Landtagen. Die Wohnungsfrage wurde damit vor allem als eine Machtfrage aufgefaßt, wobei das preußische Dreiklassenwahlrecht und die Vorherrschaft der 81 Heinrich Braun: Zur Wohnungsnoth der arbeitenden Klassen, in: Neue Zeit 4 (1886), S. 311-319 und S. 338-347. 82 Max Schippei: Das moderne Elend und die moderne Überbevölkerung, Stuttgart 1888. -Paul Göhre: Drei Monate als Fabrikarbeiter und Handwerksbursche, Leipzig 1891. -Ado/j Braun: Berliner Wohnungsverhältnisse. Denkschrift der Berliner Arbeiter-Sanitätskommis- sion, Berlin 1893. 83 Max Schippel (1859-1928) arbeitete nach einem volks- und staatswissenschaftlichen Studium als Journalist bei verschiedenen sozialdemokratischen Blättern. Ab 1893 wandte er sich dem Bernsteinsehen Revisionismus zu. Der aus Sachsen stammende protestantische Theologe Paul Göhre hatte als 26jähriger Kandidat der Theologie in einer Fabrik aushilfsweise gearbeitet und trat dann dem "Evangelisch-Socialen Kongress" und später mit erheblichem Propagandaaufwand der Sozialdemokratie bei. Göhre wollte mit seinen Schilderungen über die Chemnitzer Arbeiterverhältnisse das Bürgertum bewußt schocken. Die wertvollste Schrift zur Wohnungsfrage stammt von AdolfBraun, einem Bruder des anderen Sozialdemokraten Heinrich Braun. Bei der Untersuchung über die Berliner Gesundheitszustände ging AdolfBraun, der Geschichte und Nationalökonomie studiert und dann bei verschiedenen Zeitungen gearbeitet hatte, auch auf die Ursachen der Wohnungsfrage ein, Hir die er die Grundrentenspekulation verantwortlich machte. Seine Schrift ist interessant wegen ihrer detaillierten Beschreibungen der sanitären Verhältnisse in den Wohnungen. 84 Wirklich bedeutsame Schriften sind Louis Cohn: Die Wohnungsfrage und die Sozialdemokratie. Ein Kapitel sozialdemokratischer Gemeindepolitik, München 1900. - Hugo Lindemann: Die deutsche Städteverwaltung -Ihre Aufgaben auf dem Gebiete der Volkshygiene, des Städtebaus und des Wohnungswesens, 2. Aufl., Stuttgart 1906. - Paul Hirsch (Hg.): Sozialdemokratische Gemeindepolitik, Berlin 1906. - Hugo Sinzheimer: Die Arbeiterwohnungsfrage, Stuttgart 1902. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Ursachen der "Wohnungsfrage" und Steuerungsmittel einer Wohnungsreform 55 Hausbesitzer in den Stadtverordnetenversammlungen die hauptsächlichen Feindbilder waren; ihnen wurde das Hauptverschulden an den jetzigen Zuständen zugeschrieben. Als Ausnahme versuchte Hugo Lindemann, der Wohnungsstatistiker des" Vereinsfür Socia/politik': auch die fmanzpolitischen Aspekte zu diskutieren; die meisten von der damaligen Nationalökonomie angeschnittenen Problemkreise blieben bei der Sozialdemokratie unerörtert. Eigene Erhebungen, z. B. über das für die Arbeiterschaft geradezu zentrale Untermieter- und Schlafgängerwesen, wurden nicht veranstaltet 85 . Ebenso irritierend erscheint es rückblickend, daß nicht darüber nachgedacht wurde, wie in dem angestrebten sozialistischen Zukunfts staat die Wohnungsfrage eigentlich gelöst werden sollte. Die wenigen Andeutungen über solidarische Wohngemeinschaften trugen eher frühsozialistisch-utopische Züge oder waren nur Anleihen bei der bürgerlichen Eigenheimideologie. Die Freien Gewerkschaften beschäftigten sich vor dem 1. Weltkrieg nur mit den Wohnverhältnissen von Handwerksgesellen und dem Werkswohnungsbau, wozu einige Enqueten veranstaltet und Resolutionen verfaßt wurden 86 . Sehr viel mehr Wirkung zeigten die Debatten des "Vereins für Socia/politik" beim "Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege". Als Fortsetzung der "Hygienischen Section" des "Kongresses deutscher Naturforscher und Ärzte" und einzelner provinzieller und örtlicher Vereine war er im September 1873 von dem Berliner Stadtbaurat fames Hobrecht, dem Münchener Professor und Liebig- Schüler Max Pettenkofer sowie anderen bekannten Bürgermeistern und Medizinern in Frankfurt am Main ins Leben gerufen wurden und hatte sich sofort auch mit Bebauungsplänen und Bauordnungen im Hinblick auf Luft, Licht und hygienisch einwandfreie Räume sowie sanitären Ausstattungen beschäftigt. In zahlreichen Generalversammlungen zwischen 1876 und 1914 traten Kommunalpolitiker, Architekten, Ärzte und Ingenieure mit detaillierten Vorschlägen auf den Plan, die sich nach der lahrhundertwende zu einem Reformprogramm und Forderungskatalog verdichteten 86a • Dabei wurde sich vielfach auf die Untersuchungen und Gutachten des" Vereins für Socia/politik" berufen. Dies war wenig verwunderlich, da die Verfasser hier wie dort als Referenten auftraten. Es wurde nicht nur eine ,,gesundheitsgemäße Beschaffenheit und gesundheitsgemäße Benutzung dervorhandenen Wohnungen" gefordert, sondern auch die Notwendigkeit betont, kleine Wohnungen in ausreichender Menge zu bauen, da sonst nicht verhindert werden könne, daß gesundheitswidrige Räume zu Wohnzwecken genutzt oder gesundheitsmäßige Wohnungen gesundheitswidrig überfüllt würden 87 . 85 Eine Ausnahme bildete: Albert Südekum: Großstädtisches Wohnungselend, Berlin 1908. 86 Richard Calwer: Das Kost- und Logiswesen im Handwerk. Ergebnisse einer von der Kommission zur Beseitigung des Kost- und Logiswesens im Handwerk veranstalteten Erhebung, Berlin 1908. Vgl. zu diesem Komplex Adelheid von Saldem: Sozialdemokratische Kommunalpolitik in Wilhelminischer Zeit, in: Karl Heinz Naßmacher(Hg.): Kommunalpolitik und Sozialdemokratie, Bonn-Bad Godesberg 1977, S. 18-62. 860 Vgl. Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege Jg. 1876 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
62 Richard H. Tilly Die Zeitgenossen waren mit dem Funktionieren dieser Märkte jedenfalls keineswegs zufrieden. Ihre Kritik richtete sich von allem gegen die Unterversorgung der Minderbemittelten mit preiswertem Wohnraum ("Kleinwohnungsjrage") sowie gegen die vermeintlich dafür verantwortliche Verknappung und Verteuerung des städtischen Bodens durch Privatspekulation ("Bodenmonopoltheorie"5). Ungeachtet ihrer heftigen Opposition blieb aber die städtische Wohnungsversorgung bis 1914 im wesentlichen dem Markt überlassen, teils wegen der politischen Macht der etablierten ökonomischen Interessen, teils wegen der im Laufe der Zeit deutlich werdenden Verbesserungen der städtischen Wohnverhältnisse selbst, schließlich aber auch wegen der Unsicherheit in diesem Bereich bedingt durch die Unvorhersehbarkeit konjunktureller Schwankungen, die jede Planung mit nicht unerheblichen Risiken behaftete. Das Fazit: Trotz der strategischen Rolle des städtischen Bevölkerungswachstums auj der einen Seite und ungeachtet wichtiger staatlicher und kommunaler Interventionsschritte auj der anderen Seite läßt sich die städtische Wohnungsversorgung bis 1914 weitgehend als eine Reaktion von Privatinvestoren auj Marktsignale darstellen. Daher scheint es angebracht, in den Gewinn- bzw. Renditeerwartungen von Investoren am Immobilienmarkt einen Schlüssel zur Erklärung der städtischen Wohnungsbauinvestition zu suchen. Deshalb beschäftigt sich der erste Teil des Aufsatzes mit der Konstruktion eines Modells der Renditeerwartungen von Investoren am Immobilienmarkt und insbesondere mit denen von Hausbesitzern. In dem darauf folgenden Teil werden dann die hier gewonnenen Ergebnisse zur Erklärung der Wohnungsbauinvestitionen herangezogen. I. Renditeerwartungen von Hausbesitzem 1. Vorstellung des theoretischen Modells Kenntnisse über die Renditeerwartungen anderer Marktteilnehmer, z. B. der Grundstücksgesellschaften oder Bauunternehmer, sind sicherlich zum Verständnis des Funktionierens eines Immobilienmarktes wichtig, aber letzten Endes hängen die Renditeerwartungen auch dieser Akteure von den Erwartungen der Hausbesitzer bzw. potentiellen Hausbesitzer ab 6• Es ist also berechtigt, sich zunächst mit Erwartungen der zuletzt genannten Gruppen auseinanderzusetzen. 4 Der Begriff der "Long Swings" (Lange Zyklen) bildete den Ausgangspunkt der o. a. Arbeit von Tilly und Wellenreuther, dort ist auch die dazugehörige Literatur angegeben. 5 Der Verfasser geht an anderer Stelle auf diese Kritik ein. Rudolf Eberstadt ist vielleicht der bekannteste Vertreter der "Bodenmonopoltheorie"; vgl. Rudo/j Eberstadt: Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage, 4. erw. Auflage, Jena 1920 (für eine Sammlung seiner Irrtümer). Eine laufende Kritik dies~! Kritik ist in der die "Marktwirtschaft" verteidigenden Wochenzeitschrift "Der Deutsche Okonomist" (1883-1913) zu lesen. Zu dieser Problematik vergleiche auch die o. a. Beiträge von Teuteberg und Wischennann in diesem Band. 6 Dieser Satz spricht die theoretisch angreifbare, aber empirisch bestätigte Annahme aus, daß Kauflust und Wohnungsbauinvestition nicht von den Baukosten negativ beeinflußt wurden. Allerdings hat der Hypothekenzinssatz eine solche dämpfende Rolle gespielt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 63 Der Grundgedanke ist recht einfach: Die Gewinnerwartungen von Kapitalanlegern im Immobilienrnarkt bauen auf Gewinn- bzw. Renditeindikatoren der jüngsten Vergangenheit auf. Was ist aber in diesem Markt die relevante Rendite? Wohl begründet scheint eine Definition der Profitrate bzw. der Rendite eines typischen Hausbesitzers zu sein, in der die Nettomieterträge einer Periode plus Differenz zwischen Hauspreis am Anfang und Hauspreis am Ende der Periode auf den Anfangspreis bezogen werden. Mathematisch verkürzt ausgedrückt ergibt das folgende Formel: (1) Rt= [Mt + (Hto-HLI)]/HLI Legende: R. = Rendite in Periode t, Mt = Nettornieterträge in Periode t, H to = Hauspreis am Ende der Periode t, H LI = Hauspreis zu Beginn der Periode t, t = Periode zwischen den Zeitpunkten to und LI In der sich rasch industialisierenden und urbanisierenden deutschen Volkswirtschaft des 19. Jahrhunderts hat ein Kapitalanlegervon dem Kauf eines Hauses vermutlich nicht nur positive Mieterträge pro Periode, sondern auch einen Wertzuwachs seiner Anlage insgesamt erwartet. Leider läßt sich diese Vermutung aber nicht exakt überprüfen. Selbst Angaben über Mieterträge -die im 19. Jahrhundert über die Steuer erfaßt werden können -fließen nur spärlich aus den historischen Quellen, während repräsentative, gut vergleichbare Angaben über Häuserpreise so gut wie gar nicht existieren? Für preußische sowie für einige andere deutsche Städte können zwar Angaben aus den Feuerversicherungskassen zur Schätzung der Herstellungskosten von Gebäuden herangezogen werden, aber damit wird über den Bodenpreis, der in Großstädten wie Berlin gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 70 v.H. des Marktpreises bebauter Grundstücke ausmachen konnte8- noch nichts ausgesagt. Daher stellen die Feuerversicherungsdaten, obwohl an und für sich nützlich und auch relevant für die hier ausgewählte Fragestellung, keine Lösung unseres Problems dar. Unser Ansatz baut daher auf der traditionellen Definition des Kapitalwertes einer Anlage als Quotient des daraus zu erwartenden Einkommenstroms einer Periode und des relevanten Zinssatzes auf. Auf Häuserpreise bezogen heißt das: P. Mieteinkommen reIS = Hypothekenzinssatz Für diese Formel spricht deren Einfachheit und die damit zusammenhängende Tatsache, daß im 19. Jahrhundert Beobachter des städtischen Immobilienrnarktes davon häufig Gebrauch machten 9. Theoretisch wird und würde dieses Vorgehen 7 Die Betonung gehört auf das Wort "vergleichbare", denn an Angaben zu Häuserpreisen fehlte es eigentlich nicht. S Hierzu Angaben bei Andreas Voigf: Die Bedeutung der Baukosten für die Wohnungspreise, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik 44, Leipzig 1901; siehe auch in der Tabel1e 4 weiter unten (bes. Spalte 8 u. 9). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
64 Richard H. Tilly durch das Argument gestützt, daß einerseits der Kapitalwert einer Immobilienanlage von deren erwarteten Nettoerträgen abhängt (und nicht umgekehrt, wie Vertreter der "Bodenmonopoltheorie" behaupteten) und andererseits, daß der Zinssatz sowohl einen Einkommens- oder Vermögens effekt hat, als auch einen Preiseffekt auf die Nachfrage nach Geld und anderen Anlagen lO • Es ist jedenfalls sicher, daß bei rationalen Kapitalanlegern die erwarteten Mieteinkünfte und Zinskosten einer Anlage wichtiger als Kriterien für ihre Kaufentscheidungen sein müßten als evtl. vorhandene Informationen über Häuserpreise allein; empirisch waren sie zudem leichter verwertbar (weil leichter vergleichbar). Allerdings wirft die Anwendung dieses Ansatzes Operationalisierungsprobleme auf, die letztlich nicht ganz zu bewältigen sind. Drei dieser Probleme verdienen besonderer Erwähnung: Erstens richtet sich unser Interesse auf das Nettomieteinkommen, so daß Mittel und Wege zur Schätzung der laufenden Kosten, wie z. B. Abschreibungen, Instandhaltungskosten und Steuern gefunden werden müssen. Im Folgenden wird unterstellt, daß der am Ende des 19. Jhs. häufig zitierte Satz von 1% des Kapitalwertes (bzw.l,5% des feuerversicherten Gebäudewertes) über den ganzen Zeitraum von 1870 bis 1913 galt ll . Zweitens muß über den zu verwendenden Zinssatz entschieden werden. Soweit die Daten erlauben, sollte man wahrscheinlich eines gewogenen Durchschnitt der Zinssätze für 1. und 2. Hypotheken nehmen, da diese zusammen schätzungsweise 75 bis 80% der Finanzierungslast in diesem Markt entsprachen 12 . Man kann dann für die verbleibende Restsumme - im Normalfall die Eigenbeteiligungentweder diesen gewogenen Satz oder den Satz irgendeiner anderen als Opportunitätskostenindikator in Frage kommenden Anlagemöglichkeit auswählen. Es wird behauptet, daß Berliner Hausbesitzer in der Regel eine noch geringere Eigenbeteiligung aufwiesen, was die Relevanz der Hypothekenzinsen erhöhen könnte. Es ist interessant, in diesem Zusammenhang festzustellen, daß Verkäufer am Berliner Immobilienmarkt zu Anfang des 20. Jhs. (1900 - 1913) offenbar von einer geringeren Zinsbelastung und damit von einem geringeren Opportunitäts- 9 Auch Emmy Reich: Der Wohnungsmarkt in Berlin von 1840-1910, München und Leipzig 1912, bes. S. 32-33. 10 Wie z. B. Eberstadt: Wohnungswesen (s. Anm. 5), bes. S. 155 fr. 11 Hierzu Voigt: Baukosten (s. Anm. 7), S. 345; V. Cartaus: Zur Geschichte und Theorie der Grundstückkrisen in deutschen Großstädten mit besonderer Berücksichtigung von Groß- Berlin, Jena 1917, S. 180-181 und 195. (Ich bin Hans 1. Teuteberg für den Hinweis auf dieses Buch sehr dankbar.) In Immobilienanzeigen der damaligen Tageszeitungen wird von einem Satz von 15-25 % der Bruttornieterträge gesprochen (z. B. in der [Berliner] ,,vossisehe Zeitung" Jg.1909 und 1910). Im Deutschen Baukalender stiegen die geschätzten Unkosten bei Rentabilitätsberechnungen von ca. 13 auf23 % der Bruttornieterträge. 1896 bis 1912-13 (oder von 1,3 auf 2,4 % der unterstellten konstanten Häuserpreise). Für unsere Berechnung ist aber die Konstanthaltung wichtiger als die Höhe. 12 Vgl. hierzuK E. Mößner: Das deutsche Bodenkreditsystem, in: Deutscher Bodenkredit, Hg. von W. Kalveram: Bd.l, Berlin 1934, S. 31; Cartaus (s. Anm.ll), S.170; Reich (s. Anm. 8), S.32fT. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 65 kostensatz ausgegangen sind, indem sie bei Angabe eines "Überschusses" offensichtlich nur den 1. Hypothekenzinsfuß zugrunde gelegt haben. Andererseits liegt der aus diesen Preis- und Mietangaben implizierte Kapitalisierungssatz sogar höher (bei 6-7%) 13. Unser Vorgehen kann vielleicht als Komprorniß zwischen diesen zwei Extremen ausgelegt werden. Schließlich müssen dann über die interne Verzinsung der Erträge Überlegungen angestellt werden. Bei einer einperiodigen Betrachtung wird der Einfachheit halber unterstellt, daß die Erträge am Schluß der Periode anfallen und daher nicht intern verzinst werden müssenl4. Drittens hängt die Plausibilität unseres Ansatzes von den mit ihm verbundenen Annahmen ab. Wir müssen nämlich unterstellen, daß Immobilienkäuferund -ver- käufer miteinander auf der Basis erwarteter und voneinander unabhängig determinierter Mieteinkommen und Zinssätze verhandeln und -legt man Mieten und Zinsen der laufenden Periode zugrunde -sich Miet- und Zinssatzveränderungen sofort in veränderte Häuserpreiserwartungen durchschlagen können. Ein solches Verfahren ist nicht ohne Risiken, z. B. können Mieten zeitweise von Hypothekenzinsen abhängen oder umgekehrt, oder Miet- und Zinsveränderungen können sich erst über mehrere Perioden auf die Preisbildung auswirken 15. Kurz gesagt, der hier vorgeschlagene Ansatz ist mit einigen Unsicherheiten behaftet. Für ihn spricht nur die Tatsache, daß ohne Inkaufnahme solcher Unsicherheiten allgemeine Aussagen über das Funktionieren des städtischen Immobilienmarktes in Deutschland im Betrachtungszeitraum bei der jetzigen Quellenlage sonst einen entscheidenden Punkt vernachlässigen würden. 2. Empirische Auffüllung des Modells Die folgenden Ausflihrungen bauen auf einem relativ schmalen Zahlenmaterial auf. Zunächst soll auf Grund einer Umrechnung und Bearbeitung der in W Hoffmann u. a. enthaltenen wohnungswirtschaftlichen Daten Aussagen über Renditeerwartungen aller nichtlandwirtschaftlichen Wohnhausbesitzer der deutschen Volkswirtschaft gemacht werden. Anschließend wird dann in modifizierter Form und auf detaillierterer Basis dieselbe Erwartung flir die Hausbesitzer der 13 Angaben in "Berliner Tageszeitung" und ,,Yossische Zeitung" (s. Anm.lO); vgl. auch Reich: Wohnungsmarkt, (s. Anm. 8), S. 32. 14 Bei einer mehr-periodigen Betrachtung müßte natürlich rur jede Periode eine Verzinsung der Erträge berechnet werden, und strenggenommen bei einem Vergleich zu anderen Anlagen mit evtl. anderen Liquidierungsfristen müßten auch die Erträge (einschließlich der Kapitalzuwächse) auf ihren Gegenwartswert herabdiskontiert werden nach der Formel: GW = E ((1- (1 + ztn)/Z) mit E = erwartete Nettoerträge pro Periode Z=Zinssatz n = Zahl der Perioden zwischen Kauf und Verkauf Bei einem Vergleich zwischen Anlagen mit identischen Fristigkeiten wird es aber nur auf die Wahl der Zinssätze ankommen. 15 Hierzu Mössner: Bodenkreditsystem (s. An.~. 11) und Cartaus: Grundstückskrisen (s. Anm.ll), S. 180 u. 204; sowie der "Deutsche Okonomist" (s. Anm. 5), Jg. 1886, S.393. 5 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
66 Richard H. Tilly wichtigen Großstädte Berlin und Hamburg rekonstruiert und interpretiert werden. a) Hoffmanns Daten Seit 1965 bieten sich die Langzeitstatistiken in Walther G. Hoffmanns Werk als potentielle Grundlage für wichtige wirtschaftshistorische Aussagen an 16. Unglücklicherweise sind gerade die wohnungswirtschaftlichen Daten dieses Buches sehr problematisch. Die uns interessierende Reihe über Investitionen in nichtlandwirtschaftlichen Wohnungen wird nämlich nicht nur als Residual einer Schätzung der Gesamtbauinvestition gewonnen, sondern die mit Hilfe der Bauinvestitionsdaten konstruierte Mietausgabemeihe bleibt ebenfalls völlig undurchsichtig und kaum nachvollziehbar. Dennoch besitzen die Hoffmannsehen wohnungswirtschaftlichen Schätzungen -sowohl des in nichtlandwirtschaftlichen Wohnungen irlvestierten Kapitals als auch der privaten Verbrauchsausgaben für das Wohnen -einen recht hohen Plausibilitätsgrad. Deshalb können wir hier nicht auf sie verzichten. Hoffmann selbst und seine Mitarbeiter schätzen eine jährliche Kapitalrendite von 3. 59%jür nichtlandwirtschaftliche Wohnungsinvestitionen im Zeitraum 1850 bis 1913 17 • Diese Schätzung berücksichtigt aber weder den Kapitalwertzuwachs, noch die Bedeutung der Eigenheimbesitzer, die noch 1913 nach denselben Autoren fast 50% mehr fiktives Mieteinkommen realisierten als die vermietenden Kapitalanleger bezogen; außerdem unterstellen sie eirle konstant bleibende Rendite. Daher gehen wir hier besser von den gesamtwirtschaftlichen Angaben zum jährlichen Wohnungsverbrauch aus. Diese Reihe stellt jährliche Mietausgaben -einschließ- lich der "flktiven" Selbstbelastung von Eigentümern -darl8. Sie wird mit dem bereits erwähnten Hypothekenzinssatz kapitalisiert; von dieser Reihe wird dann der Wert der landwirtschaftlichen Wohnungen abgezogen. Was bleibt, ist dann das gedankliche Äquivalent einer Zeitreihe über den Wert nichtlandwirtschaftlicher Häuser und Grundstücke zwischen 1870 und 1913. Um aus ihr nun eine Rendite zu berechnen, sind zusätzliche Daten und eirlige Manipulationen notwendig, die am besten mit Hilfe untenstehender Formel (2) erläutert werden können: ~ ~ ABK Rt o = (Mt-(M t· K, + K,o -(K,-1 + 1 t +« K,-1 . (1-BK,) o (2) (K,o -1 t -K,-I»»)/K.-l 16 Walther G. Hoffmann unter Mitarbeit von F. Grumbach und H. Hesse: Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin/Heidelberg/New York 1965. Vgl. hierzu auch den Beitrag von Wolfram Fischer: Walther G. Hoffmann als Wirtschaftshistoriker in: Die Bedingungen des Wirtschaftswachstums in Vergangenheit und Zukunft, herausgegeben von Erich Helmstädter, Tübingen 1984, S. 17-30. 17 Hoffmann u. a.:Wachstum (s. Anm.16), S.502. 18 Ebenda, S. 592-93 (mr Mietpreisentwicklung), S.659--668 (mr den Verbrauch bzw. Mietausgaben). Unnachvollziehbar bleiben die Mietpreisreihe (592-3), die verwendeten Zinssätze (S. 593) und eine allgemeine Endkorrektur (667--68). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 67 Legende: R. o = Renditeerwartungen eines Hausbesitzers am Ende der Periode t, M, = Nettomieteinkommen eines Hausbesitzers der Periode t, I, = Nettoinvestition in Wohngebäuden in Periode t, ~o = Kapitalwert des Wohngebäudebestandes plus Grundstücke am Ende der Periode t, ~_I = Dto. am Anfang der Periode t, BK = Baukostenindex, Ll BK, dessen Veränderung in Periode t, t, 10 und LI = Periodenbezeichnung; laufende Periode, Zeitpunkt am Ende und am Anfang der Periode. Entsprechend den bereits oben gemachten Ausführungen hängt die Renditeerwartung eines Hausbesitzers von den Nettornieteinnahmen und dem Kapitalwertzuwachs des Hauses (und Grundstücken) einer Periode ab. Wir tun so, als ob alle Häuser in einem Jahr zum Marktwert erworben werden, um im darauffolgenden Jahr zum Marktwert verkauft bzw. bewertet zu werden. Zwischen den zwei Zeitpunkten werden Mieteinkommen und Kapitalgewinn verdient. Drei Aspekte dieses Schätzverfahrens sind besonders zu beachten: Erstens unterstellen wir eine Anlagedauer von einem Jahr, was sicherlich historisch unrichtig, aber dennoch vertretbar ist, da Grundbesitzer, die sich nach dem Opportunitätskostenprinzip richten, auch dann die zwischenzeitliehe Rendite berechnen, wenn sie nicht verkaufen 19. Zweitens muß der geschätzte Kapitalwertzuwachs der Häuser über eine Periode um die während der Periode auf den Markt kommenden neuen Häuser korrigiert werden, da diese natürlich nicht als Ertrag der Kapitalanlage zum vorausgehenden Zeitpunkt angesehen oder verbucht werden dürfen. Eine doppelte Korrektur ist erforderlich: Einmal um den Wert der neuen Gebäude (zu Anschaffungspreisen) selbst (hier: IJ und zum anderen um die mit Neubauten verbundene Bodenwertsteigerung, hier: I, Ll BK (~_I·(O-B~) (~o -I'-~_I») Drittens aber muß der abzuziehende Wert der Neuinvestition wiederum um die Baukostensteigerung bereinigt werden, da diese nicht allein den neuen Gebäudewerten entsprechen, sondern auch den Marktpreis schon bestehender Häuser beeinflussen 2o . (Daher der in Klammer stehende Ausdruck O_Ll BK». B~_I Schließlich wird auch der Mietzuwachs von einer Periode auf die andere z. T. auf den in der laufenden Periode eben erstellten Wohnraum zurückzuführen sein. Dafür ist auch zu korrigieren I, «M,-(M,· ~») o 19 Problematisch, aber immerhin vertretbar, ist die Annahme, daß Erwartungen auf grund der Daten eines Jahres gebildet werden. Dadurch wird "Lernen aus der Geschichte" eingeschränkt. Eine einfache Alternativlösung gibt es jedoch, so weit ich sehe, nicht. 20 Wir gehen davon aus, daß Baukostensteigerungen Baupreissteigerungen sind und somit über den "Transmissionsriemen" der Relativpreise den Althäusern zugute kommen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
68 Richard H. Tilly Allerdings kann die Formel nicht die Mängel der zugrundegelegten Hoffmannschen Daten beseitigen, die an dieser Stelle erwähnt werden müssen: 1. Hoffmanns Mieteinkommenschätzung leitet sich aus seiner Gebäudekapitalreihe ab, verwendet jedoch auf nicht nachvollziehbare Weise einjährliche Schwankungen glättendes Verfahren, das sich in unserer Renditereihe widerspiegelt. 2. Zudem enthält die Reihe keine Korrektur rur leerstehende bzw. unverkäufliche Häuser. Daher kann sie die mutmaßlich gehegten Erwartungen kaum wiedergeben und muß korrigiert werden. Dies geschieht hier mittels a) einer Entglättung der Mietausgabenreihe und b) durch Daten über den Wert von zwangsversteigerten Häusern in preußischen Städten bzw. im Besitz der deutschen Hypothekenbanken 1870-1913 21 . Das Ergebnis steht in Spalte 1 der Tabelle 1. Die Tabelle 1 enthält sowohl die eben beschriebenen Dateninputs als auch die daraus geschätzte Rendite. Nominal ergibt sich hiennit eine Durchschnittsrendite von 7,1%, preisbereinigt ein Satz von 6,4%. Im Vergleich zu den entsprechenden Hypothekenzinssätzen von 4,9% und 4,2% stellte sich der Hausbesitz in dieser Periode als durchaus attraktive Kapitalanlage dar. Wenn diese Schätzung einigermaßen zutreffend wäre, könnte man daraus ein Bild positiver Renditeerwartungen bei Investoren ableiten, welche die gewaltigen Wohnungsbauinvestitionen im Kaiserreich erklären könnte. Die Plausibilität der Schätzung wird gestützt durch die ihr zu Grunde gelegte Relation zwischen dem Kapitalwert von Wohnhäusern und dem Gesamtwert von Häusern plus Grundstücken: Sie fällt in diesem Zeitraum von 70 auf ca. 64%, entspricht damit der Vorstellung eines relativ zunehmenden Bodenwertes. Eine vollständigere Rekonstruktion der Reihe wird rur nicht sinnvoll gehalten. Die Arbeiten von Hoffmann hierzu werden -abgesehen von den genannten Korrekturen -als Produkt eines Kenners der damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse akzeptiert. Tut man das, so liegt es nahe, die so konstruierte Reihe wirtschaftshistorisch bzw. konjunkturhistorisch nun zu interpretieren. Die ziemliche Konturlosigkeit der Reihe erschwert jedoch ein derartiges Unterfangen. Es fällt bei der Reihe jedoch auf, daß gegen Ende der Betrachtungsperiode die geschätzten Renditeerwartungen merklich sinken. Man könnte daraus die Interpretation ableiten, die relativ hohen Renditeerwartungen der 1870er und 1880er Jahre -letztlich getragen von den sinkenden Zinssätzen und von der rasanten Urbanisierung dieses Zeitraumes - hätten die städtischen Bauinvestitionen stark stimuliert, was sich dann nachdrücklich insbesonders seit etwa 1895 negativ auf diese Renditeerwartungen ausgewirkt hätte. Es ist nicht abwegig, in den gewaltigen Wohnungsbauinvestitionen des Deutschen Reiches auch ein Kapazitätswachstum zu erblicken, das über das Wachstum der Nachfrage noch hinausgestie- 21 Vgl. hierzu den Anhang A. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 69 gen ist. Dafür sprechen nicht nur die eben erwähnten Rendite~rwartungen von Kapitalanlegern, sondern auch die (auch aufgrund von Hoffmanns Daten) geschätzte relative Verbilligung des Gutes "Wohnen" in dieser Periode 22 . Auf die Beziehungen zwischen Renditeerwartungen und Wohnungsbauinvestition kommen wir noch später zurück. b) Berliner Daten Wir wenden uns nun der Entwicklung der Stadt Berlin zu. Nicht nur wegen Funktion und Größe, sondern auch wegen der hohen Bevölkerungs- und Bebauungsdichte sowie relativ hoher Mieten im Betrachtungszeitraum stellt Berlin ein für deutsche Städte wohl wenig repräsentatives Fallbeispiel dar. Doch darf der Vorteil der Verfligbarkeit relevanter wohnungswirtschaftlicher Daten über einen langen Zeitraum für Berlin nicht gering eingeschätzt werden. Letztlich bestimmt sie die Wahl dieser Stadt als Untersuchungsobjekt. Daß Berlin an sich große Bedeutung und in gewisser Weise "Modellcharaktd' hatte, außerdem eine für deutsche Großstädte im Zeitraum nicht untypische Wirtschaftsstruktur besaß23, mag eine zusätzliche Stütze für ihre Verwendung hier abgeben. Zur Bestimmung der Renditeerwartungen Berliner Immobilienbesitzer zwischen 1870 und 1913 soll mangels detaillierter Grundbuchforschungen der skizzierte Weg, mit Hilfe kühner Hypothesen und aggregierter Daten zu Aussagen zu gelangen, hier nun einmal ausprobiert werden. Folgende auf Berlin bezogene Daten lassen sich gewinnen: 1. Zahl der vorhandenen Gelasse 1870-1913 24 . 2. Mietwert aller Gelasse 1870-1913. 3. Leerstehende Gelasse als Prozentzahl aller Gelasse. 4. Zinssätze für 1. und 2. Hypotheken. 5. Feuerversicherungswert aller Gelasse, 1870-1913. 6. Kaufpreis pro Grundstück bzw. Quadratmeter für bebaute Grundstücke (1870 bis 1913) und für unbebaute Grundstücke (1882-1913). 7. Baukostenindex 1870-1913 25 . 22 Vgl. Rudi ReUig: Strukturverschiebungen der privaten Konsumnachfrage 1850 bis 1913, in: Vierteljahresschrift ftir Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 71 (1984), S.342-356. Diese Vermutung widerspricht keineswegs der Behauptung eines zu derselben Zeit in Großstädten vorhandenen Kleinwohnungsmangels. Hierzu vgl. Wo{fgang Krabbe: Die Anfange des "sozialen Wohnungsbaus" vor dem Ersten Weltkrieg, in: Vierteljahrsschrift ftir Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 71 (1984). 23 RolfDumke (Münster) kann ftir 45 preußische Großstädte um die Jahrhundertwende und unter Berücksichtigung von 12 gängigen sozioökonomischen Indikatoren (wie z. B. Anteil der in der Industrie beschäftigten Erwerbstätigen, Anteil der höchsten Einkommen an den Gesamteinkommen, etc.) zeigen, daß Berlin unter diesen Städten eine mittlere Position einnimmt. Eine Veröffentlichung Dumkes hierüber ist zu erwarten. 24 Diese Variable und die folgenden Indikatoren (bis auf den Baukostenindex) sind aus Reich: Wohnungsmarkt (s. Anm. 8), Cartaus: Grundstückskrisen (s. Anm.ll) und/oder aus dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin 1876 ff. entnommen worden. 25 Siehe S. 72. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Tabelle 1: Daten zur Renditeschätzung deutscher Wohnhausbesitzer 1870-1913 (1) (3) Mietausgaben (2) Wachstumsrate (4) Jahr (Mil!. Mark) Zinssatz der Baukosten N omina1rendite 1870 898 0.060 0.067 0.162 1871 959 0.062 0.088 0.091 1872 1006 0.060 0.080 0.138 1873 1024 0.057 0.074 0.086 1874 1133 0.056 0 0.129 1875 1264 0.057 -0.050 0.097 1876 1266 0.058 -0.094 0.004 1877 1337 0.056 -0.069 0.112 1878 1369 0.054 -0.062 0.099 1879 1360 0.055 -0.066 0.008 1880 1466 0.052 -0.042 0.184 1881 1395 0.052 -0.015 -0.015 1882 1397 0.049 +0.030 0.095 1883 1439 0.048 0 0.086 1884 1530 0.048 0.029 0.095 1885 1610 0.047 0.042 0.103 1886 1528 0.046 0.027 0.013 1887 1608 0.044 0.039 0.128 1888 1673 0.044 0.025 0.066 1889 1754 0.043 0.012 0.089 (5) Rea1rendite 0.134 0.046 0.065 0.032 0.124 0.151 0.012 0.134 0.124 0.048 0.140 0 0.089 0.112 0.105 0.126 0.020 0.123 0.045 0.058 -...l o :;:c g: ~ 0- ::r:: 2 -< OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
(1) (3) Mietausgaben (2) Wachstumsrate Jahr (MiI!. Mark) Zinssatz der Baukosten 1890 1923 0.044 -0.012 1891 2095 0.044 -0.037 1892 2151 0.044 -0.051 1893 2077 0.044 -0.027 1894 2243 0.042 -0.014 1895 2178 0.041 0.014 1896 2227 0.041 0.056 1897 2380 0.040 0.039 1898 2511 0.042 0.051 1899 2765 0.043 0.036 1900 3033 0.047 0.023 1901 3128 0.049 -0.011 1902 3086 0.046 -0.011 1903 3176 0.043 0 1904 3376 0.044 0.011 1905 3524 0.045 0.022 1906 3755 0.043 0.022 1907 4049 0.051 0.022 1908 4307 0.052 -0.011 1909 4265 0.048 +0.011 1910 4523 0.048 0.011 1911 4613 0.048 0.021 1912 4931 0.052 0.010 1913 5112 0.052 0.010 (4) (5) Nominalrendite Realrendite 0.098 0.072 0.104 0.111 0.053 0.047 -0.012 0.047 0.144 0.157 0.047 0.043 0.033 0.017 0.122 0.098 0.017 0.012 0.108 0.070 0.036 0.003 0.011 0.032 0.067 0.066 0.116 0.112 0.066 0.061 0.053 0.021 0.025 -0.025 0.034 0.028 0.077 0.092 0.092 0.069 0.081 0.045 0.048 0.051 0.035 0.010 0.071 0.065 ~ 5 § crq '" cr" 1>' ~ ~. '" g. o' i'i ::; ~ po, ::>" g 0. 0. (1) '" c::: dpo ::; tn· n:' ... § crq '" '0 Cl ~ '" '" (1) '" -..J ...... OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
78 Richard H. Tilly offenbaren; sie sind zum Verständnis der Investitionsentscheidungen wahrscheinlich sogar wichtiger als der langfristige Durchschnitt. Jedenfalls scheint es einen positiven Zusammenhang zwischen Rendite und Investition im Zeitraum gegeben zu haben (vgl. Abbildungen 4-5). 3. Es gab beträchtliche innerstädtische Differenzen hinsichtlich Renditeerwartungen in Berlin in dieser Periode. Auch hinter diesem Vergleich stand die Vorstellung, daß für Renditeerwartungen in Berlin nicht allein der Durchschnitt, sondern auch Extremwerte in besonders wachstumsträchtigen oder besonders riskanten Stadtteilen relevant sein könnten. Doch fallt hier eher das gemeinsame Konjunkturmuster auf (vgl. Tabelle 4). Interessanterweise zerfallen die Stadtteile mit relativ guten Renditen in zwei Kategorien: Einerseits sind das die Geschäftsgegenden im Stadtzentrum mit zunehmend gewerblich-kommerzieller Konzentration und hohem Bodenwertzuwachs, aber unterdurchschnittlichen Bauinvestitionen, andererseits gehören hierzu die Industrie- und Arbeiterwohnviertel (wie z. B. Moabit und Wedding) mit relativ geringen Gedoch wachsenden) Bodenwerten und überdurchschnittlicher Investitionstätigkeit. Diese Differenz ist in Tabelle 4 zu sehen (vgl. Sp. 1 und 8). Zu Bedenken ist, daß ein Zinsgefälle zugunsten des Zentrum wahrscheinlich bestanden hat; falls es im Laufe der Zeit abgebaut wurde, so reduziert sich der geschätzte Renditevorsprungl 31 . Dies zeigt noch einmal die ökonomische Kraft derStädtezentren und deutet auf die Unbestimmtheit des Verhältnisses zwischen Bauinvestition, Bodenwertzuwachs und Renditeerwartung hin. Allerdings muß schließlich in diesem Zusammenhang auf die hier verwendete Definition der Stadt Berlin hingewiesen werden, denn sie klammert funktionell mit der Stadt zusammenhängende Außengebiete (wie z. B. Charlottenburg, Rixdorf und Schöne berg) aus. 4. Unter den Determinanten der Renditeerwartungen spielen natürlich vom Ansatz her Zinssatz und Mietertrag die entscheidenden Rollen, zumindest unmittelbar. Faßt man die hier problematisierten Beziehungen aber stochastisch auf, so ergibt sich folgendes Resultat (mittels linearer Regression) für die Periode von 1870 bis 1913: (5) Legende: ~ = 0,1989 -,0003 In -1,5313 Z -,0016 T +,0008 M/G t-l t-l t-l (-1,9475) (-1,2791) (-2,9778)(3,3273) + ,0572 BK t-l (0,6949) R2 = 0,43 D-W= 1,90 R = Renditeerwartungen pro Jahr, In = Investition, Z = Zinssatz, T = Time (Zeit), M/G = Miete pro Gelaß und Bk = Baukostenindex (T-Werte in Klammem) 31 Hierzu Reich: Wohnungsmarkt (s. Anm. 8), S.38-39. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Tabelle 4: Kapitalgewinn und Wertangaben von Berliner Grundstücken nach Stadtteilen 1880-1913 (1) (2) (3) (4) I (5) (6) (7) Gebäude- Miet- Kapitalgewinn Stadtteila) wertb) werf) 1880 188O 1880-85") 1891-95 1895-1900 1902-03 1908-13 I. Berlin, Alt-Köln, etc. 195 425 ,019 (.078) ,028 -,005 ,063 .024 II. Friedrichstadt 191 425 .028 (.082) ,026 -,012 ,068 ,016 III. Frdr.- u. Schöneb. Vst. 349 507 .028 (,074) ,015 -,014 ,076 ,015 Iv. Frdr.- u. Tempelh. Vst. ,009 -,009 ,070 -,002 v: Luisenst. jens. d. K. 144 606 .021 (,070) ,009 -,009 ,077 ,002 VI. Luisenst. diess. d. K. 232 ,Oll -,015 ,072 ,001 VII. Stralauer Viertel 168 268 .024 (,073) ,012 -,019 ,067 -,006 VIII. Königs-Viertel 94 138 .019 (,064) ,013 -,001 ,036 -,001 IX. Spandauer Viertel 108 191 .019 (.066) ,013 -,012 ,059 ,012 X. Rosentaler Vrst. 139 314 .023 (.068) ,006 -,003 ,071 -,004 XI. Oranienburger Vorst. III ,006 -,008 ,075 -,004 XII. Frdr.-Wilhst., Moabit 103 109 .088 (,137) ,018 ,002 ,130 -,024 XIII. Wedding 70 59 .023 (,069) ,023 -,008 ,098 -,009 __ a) Die Gebietsaufteilung der städtischen Feuerkasse wurde hier übernommen b) In Millionen Mark. Mietwert = kapitalisierter Mietertrag c) Nach Formel (2) berechnet (ohne Miete), pro Jahr d) Rendite nach Formel (2) berechnet. (8) Gebäudewert 1913 390 396 450 457 326 396 657 276 186 577 259 566 451 (9) Mietwert 1913 916 1112 846 699 482 758 873 643 359 788 388 661 632 ~ 5 § OCI '" cr" I» ~ 5· < (1) ~. g. =' g ~ 1»' ::r ... g p.. ~ '" c::: & I» 2. '" C;;. § OCI '" '"d ... o ~ '" '" (1) '" -.) \0 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
80 Richard H. Tilly In allen bisherigen Formulierungen bleibt sehr viel Varianz unerklärt; in allen Formulierungen bleibt die Miete statistisch signifikant und der gewichtigste Faktor, Zins und Baukosten spielen eine geringe Rolle. Bemerkenswert ist der hohe Erklärungswert der Investition des Vorjahres: Daß sie negativ auf die Renditeerwartungen einwirkt, ist jedoch verständlich und entspricht der Logik unseres Modells. Dabei ist zu beachten, daß der eingebaute Risikofaktor leerstehender Gelasse auf die Miete einwirkt. Anzumerken ist ferner, daß die Baukosten hier wohl zweischneidig wirken können - zum einen positiv auf bereits erstellte Häuser, zum anderen aber negativ auf Renditeerwartungen einer Kapitalanlage in Neubauten. Daraufist zurückzukommen. Überhaupt sind die Baukosten wichtig, weil sie u. U. Qualitätsverbesserungen verbergen können: Der Hauptunterschied zwischen einem billigen und einem teueren Haus liegt ja in den angefallenen Arbeitskosten. Deshalb ist es interessant festzustellen, daß nach der hier vorgenommenen Neuberechnung der Berliner Baukosten die Inputpreise stärker steigen im Zeitraum 1870 bis 1913 als die Baukosten insgesamt. Hier ist eine Produktivitätssteigerung von etwa 27% oder 0,6% pro Jahr zu konstatieren (118%-91% = 27%/43). Dieser Produktivitätsfortschritt wird allerdings an einem normierten Gebäudetyp gemessen (im "Deutschen Baukalender'~ und schließt somit Qualitätsverbesserungen aus. Fazit: Der venvendete Index kann als Baupreisindex verstanden werden 32 • 5. Schließlich ist erneut auf eine Einschränkung des hier verwendeten Datensatzes aufmerksam zu machen: Er umfaßt als Untersuchungsobjekt Gebäude bzw. Gelasse insgesamt und nicht nur Wohnhäuser. Es ist denkbar, daß die Rendite von Wohnhausbesitzern geringer gelegen hat als die der Grundbesitzer insgesamt. Diese Möglichkeit kann im Rahmen des vorliegenden Ansatzes nicht ausgeschlossen werden. Ihr Gewicht wird etwas entkräftet durch das überwiegende Gewicht des Wohnungsbaus bei der Gesamtbautätigkeit (besonders, wenn man die gewerblich und wohnmäßig genutzten Gelasse als Einheit betrachtet), durch die Wahrscheinlichkeit (anhand der intrastädtischen Entwicklung gemessen), daß Wohngebäude dieselbe Renditekonjunktur hatten wie gewerblich mitgenutzte Gelasse und die damit zusammenhängende Tatsache, daß beide Gebäudearten meistens in demselben Besitz vereinigt waren. c) Datenjür Hamburg Als Vergleich zu den auf Berlin bezogenen Ergebnissen können aus der Großstadt Hamburg ähnliche Daten herangezogen werden. Wie Berlin war auch Hamburg in dieser Periode (1870-1913) durch einige Besonderheiten gekennzeichnet, die ihre Repräsentativität als Fallbeispiel mindern, z. B. ihre politische Verfassung, 32 Die sinkende Arbeitszeit im Berliner Baugewerbe bedeutet aber, daß die Jahresproduktivität 1870-1913, noch stärker zugenommen hat, denn die im Text zitierten Arbeitslöhne sind Stundenlöhne. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 81 ihr relativ hohes Einkommen pro Kopf und ihre Hafenfunktion 33 . Jedoch besitzt die Freie und Hansestadt auch wichtige Züge der Gemeinsamkeit mit Berlin und mit anderen deutschen Großstädten im Betrachtungszeitraum (z. B. Industrialisierung, Wachstum durch Bevölkerungswanderung, und -nicht zuletzt für unseren Zusammenhang -eine "soziale Frage" mit einer ausgesprochenen wohnungswirtschaftlichen Komponente). Aber vor allem bietet uns Hamburg wie Berlin eine günstige Quellenlage an: Wesentliche Elemente des Immobilienmarktes lassen sich hier erfassen: 34 1. Zahl der Gelasse 1870-1913 2. Ab 1890 bis 1913 Zahl der Wohnungen 3. Zahl der leerstehenden Gelasse 1870-1913 4. Mietpreis pro Gelaß (pro Jahr) 1870-1913 5. Feuerversicherungswert aller Gelasse 1870-1913 6. Baukostenindex 1870-1913 7. Zinssatz 1870-1913. Aus diesen Elementen können wir eine Schätzung der in Hamburg von Hausbesitzern realisierten bzw. erwarteten Rendite über die Periode von 1870 bis 1913 konstruieren. Dies geschieht wie im Berliner und im makroökonomischen Fall mit Hilfe vereinfachender Annahmen, wie die Annahme einer Anlagedauer von einem Jahr, die Verwendbarkeit des Hypothekenzinssatzes als Kapitalisierungsfaktor etc. Für die Stadt Hamburg besteht aber für die Periode 1890 bis 1913 der zusätzliche Vorteil, daß zwischen Wohnungen und gewerblich genutzten Gebäuden unterschieden werden kann, was uns wiederum den Vorteil verschafft, hier auch einen Alternativweg zur Schätzung der Rendite sinnvoll auszuprobieren. Tabelle 5 präsentiert Dateninputs und Ergebnisse, die mit den Berliner Daten vergleichbar sind. Das Hauptergebnis ist eine wesentlich niedrigere Rendite als in Berlin: 5,7 % pro Jahr statt 7,0 %. Vordergründig scheint dies einem geringeren Bodenwertzuwachs in Relation zum Gebäudewertzuwachs zuzuschreiben sein. Die stärkere Bodenwertsteigerung in Berlin läßt sich ihrerseits auf eine höhere, sicherlich z. T. durch raschere Zunahme der Bevölkerung bedingte Mietpreisstei- 33 Für Hamburgs Wohnverhältnisse vgl. die ausgezeichnete Arbeit von C. Wischermann: Wohnen in Hamburg vor dem ersten Weltkrieg, Münster 1983. Interessant sind auch die zeitgenössischen Studien von A. Schieiß: Die Gründe der Mietsteigerung der Wohnungen in Hamburg im letzten halben Jahrhundert. Diss. Univ. Erlangen 1906, und von dem englischen Board 0/ Trade: Cost of Living in German Towns, His Majesty's Stationary Office, London 1908. Vgl. auch J. J. Lee: Aspects of Urbanization and Economic Development in Germany 1815-1914, in: P. Abrams und E. A. Wrighley (Hg.): Towns in Societies. Essays in Economic History and Historical Sociology, Cambridge 1978. 34 Die Indikatoren 1 bis 5 sind z. T. dem statistischen Handbuch für den Hamburgischen Staat, Jg. 1880 ff., entnommen worden; z. T. aus Wischermann: Wohnen (s. Anm. 28). Der Baukostenindex wurde auf grund von Angaben beiR. Kuczynski und dem Deutschen Baukalender entsprechend dem Vorgehen für Berlin (s. Anm. 22).!Jerechnet. Der Zinssatz wurde aufgrund der Angaben bei Hecht und in dem Deutschen Okonomist über den effektiven Hypothekenzins der Hamburger Hypothekenbank, 1870-1913, ergänzt durch Daten für die 2. Hypothek für Berlin bei Cartaus (s. Anm. 10). Vgl. F. Hecht: Die deutschen Hypothekenbanken, Bd. 1: Die Statistik der deutschen Hypothekenbanken, Leipzig 1903. 6 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
82 Richard H. Tilly Tabelle 5: Renditeschätzung für Hamburg 1870-1913 Korrigierter Zins- Gebäude- Baukosten- Index der Renditen Jahre Mietwerta) satz b) wert<) index") Qualität") 11) Hg) 1870 1 2 71 100 3 783 ,056 415 82 99 4 816 ,059 450 109 99 ,064 ,370 5 897 ,059 520 110 99 ,052 ,122 6 939 ,060 593 100 98 -,022 -,026 7 924 ,064 657 69 98 -,051 -,321 8 941 ,064 706 68 98 -,019 ,013 9 985 ,062 737 66 98 ,072 ,039 1880 1161 ,054 769 65 98 ,196 ,195 1 1193 ,053 799 65 98 ,052 ,047 2 1252 ,052 833 65 98 ,070 ,078 3 1310 ,051 865 65 98 ,070 ,099 4 1387 ,050 873 65 98 ,105 ,111 5 1519 ,048 895 65 99 ,128 ,087 6 1691 ,044 911 65 100 ,149 ,146 7 1857 ,042 950 66 103 ,114 ,128 8 2058 ,041 999 75 108 ,122 ,210 9 2234 ,041 1070 78 113 ,087 ,049 1890 2364 ,041 1162 80 119 ,051 ,001 1 2461 ,041 1255 77 120 ,036 -,014 2 2534 ,041 1366 77 122 ,019 ,007 3 2450 ,042 1454 72 123 ,030 -,098 4 2504 ,042 1513 71 125 ,038 ,007 5 2578 ,041 1550 70 128 ,055 ,014 6 2732 ,040 1596 69 129 ,068 ,063 7 2788 ,040 1636 69 130 ,057 ,046 8 3009 ,038 1683 72 132 ,100 ,143 9 2878 ,041 1725 75 132 -,019 ,011 1900 2913 ,042 1772 76 134 ,038 ,024 1 2825 ,045 1816 78 135 -,002 ,017 2 3126 ,042 1875 81 136 ,127 ,168 3 3040 ,045 1958 81 137 -,012 -,029 4 3043 ,047 2063 88 139 ,012 ,064 5 3425 ,044 2160 91 141 ,135 ,142 6 3371 ,047 2293 92 143 -,012 -,020 7 3669 ,046 2409 92 145 ,093 ,083 8 3333 ,046 2518 92 147 ,062 ,047 9 4009 ,046 2637 97 149 ,058 ,093 1910 4265 ,046 2795 91 151 ,063 ,045 11 4449 ,046 2961 93 - ,047 ,023 12 4532 ,048 3104 98 - ,034 - 13 - ,048 - 100 --- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 83 Anlage zu Tabelle 5 a) Mietwert pro Gelaß x Zahl der Gelasse korrigiert um die Differenz zwischen jährlicher leerstehender Gelaßquote und Periodendurchschnitt (4,5%). Daten aus Schleiß (1872 bis 1904) und Wischermann (1905-13). b) Zinssatz, 1872-1899 = ([Pfandbriefrendite der Hamburger Hypothekenbank X 2] + Berliner Zinssatz Hir 1. Hypotheken / Berliner Zinssatz Hir 2. Hypotheken) /3; Zinssatz Hif 1900-12 = ([Effektiver Zins der Hamburger Hypothekenbank x 2] + Berliner Zinssatz Hir 1. Hypotheken/ Berliner Zinssatz Hir 2. Hypotheken) /3. Berliner Zinssatz aus Cartaus. c) Feuerversicherungswert Hir Hamburg, Stadt, Vorstadt und Vororte. d) Eigene Berechnung aus Kuczynski und Daten im Deutschen Baukalender, 1873-1913. e) Index (1 x [1-% Hinterhaus Wohnungen]) + (1 x [1-% Kellerwohnungen]) + (1 x % Wohnungen mit Küche) + (1 x % Wohnungen mit heizbaren Zimmern) x (1 x Raumzahl pro Wohnungen / Raumzahl pro Wohnungen x 100)+ (1 x % Wohnungen mit Bad) + 100. Zwischenjahre wurden interpoliert. Die Daten sind aus Wischermann. . f) Rendite nach der Formel (2) berechnet. g) Rendite = [([Mt (1- fl. 1..) (1- fl. IQtjIQt-l)] + ~o - (~-l (1 + fl. IQ.tIQt-1) (1- fl. B~/B~-d)J/ ~-l Legende: Mt = Mietpreis pro Gelaß in Periode t 1.. = Anteil leerstehender Gelasse an alten Gelassen IQ = Index der Qualität der durchschnittlichen Gelasse K = Kapitalwert pro Gelaß (Mietwert/Zins) BK = Index der Baukosten t = Periode, 10 = Periodenende, t-l = vorherige Periode gerung (pro Gelaß) im Zeitraum zurückftihren 35 • An der Zinsfuß- und Baukostenentwicklung wird der Unterschied wahrscheinlich nicht gelegen haben. Zu der festgestellten Differenz können allerdings unterschiedliche Stadtgrenzen beigetragen haben, da in den Hamburger Daten von Anfang an die Außenbezirke mit erfaßt werden. Für acht Jahre, nämlich zwischen 1874 und 1889, sind Vergleiche zwischen "Innere Stadt und Vorstadt" einerseits und Hamburg insgesamt andererseits möglich: Sie zeigen eine Relation von 1,1 : 1,0 zugunsten der "Inneren Stadt und Vorstadt", ihre Anwendung würde die Rendite für Hamburg auf einen Satz von 6,27 % anheben (im Vergleich zu 7,1 % für Berlin). Konjunkturelle Gemeinsamkeiten zwischen Hamburg und Berlin sind bei Anwendung eines groben Maßstabes erkennbar (Vergl. hierzu die Abb. 1 und 2). Für Hamburg läßt sich ein Boom der frühen 1870er Jahre wie in Berlin zwar vermuten, aber nicht gut erfassen; der Rückgang der späten 1870er Jahre und die Erholung in den späten 1880er Jahren dafür um so deutlicher. 35 Setzt man den Vergleich allerdings 1875 an, so ist der Unterschied im Zuwachs der Miete pro Gelaß bis 1910 gering. Aber hier stellt sich die Frage, ob nicht die Qualitätsverbesserungen in Berlin pro Gelaß insgesamt doch schwächer waren als in Hamburg 1875 bis 1913. Aus dem englischen Bericht (zitiert in Anm. 28) geht hervor, daß Hamburger wesentlich weniger (1906) Hir qualitativ vergleichbare Wohnungen an Miete zahlen mußten als Berliner (in: "Cost of Living", S. XIV). Aus einem Vergleich der Daten bei Reich (s. Anm.8), Tabelle IV und Schleiß, Mietsteigerung (s. Anrn. 28), Tabelle XIX, geht die relative Verschlechterung in Berlin bis 1895 hervor. 6' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
84 Richard H. Tilly Für die zweite Hälfte der Betrachtungsperiode ist ferner eine hohe Übereinstimmung zwischen den Wendepunkten Hamburgs (to) und Berlins (t-1) bei einem Unterschied von einem Jahr zu beobachten. Wie auch bei den Investitionsdaten könnte man behaupten, daß es sich hier wohl um Varianten derselben Gattungin diesem Fall Renditeerwartungen von Hausbesitzern -handeln muß. Für Hamburg ist es außerdem möglich, mit Hilfe von Angaben über Ausstattung (oder Qualität) der Wohnung, Baukosten und Mietwert pro Wohnung eine Alternativschätzung zu versuchen. Sie baut auf die umstehende Formel (6) auf: (6) ~ = (((Mt (1 - ~)) (1 -A IQ,IIQt-J)) + kt - (kt-I (1 + A IQ/IQt_l) (1- A BKlB~_I)))/kt_1 Legende: ~ = Rendite eines Hausbesitzers in Periode t Mt = Nettomietertrag pro Gelaß in Periode t ~ = Differenz zwischen Anteil leerstehender Gelasse an allen Gelassen in Periode t und langfristiger Norm (= 4,8%) IQ = Index der Qualität eines Wohnhauses K = Kapitalwert eines durchschnittlichen Gelasses BK = Index der Baukosten t, t" und LI = Bezeichnung für laufende Periode, Anfang und Ende der laufenden Periode. Danach wirkt sich eine Qualitätsverbesserung auf schon bestehende Anlagen dämpfend, auf die Baukostensteigerung aber verstärkend aus. Methodisch unsauber scheint die Anwendung dieser auf Wohnqualität ausgerichteten Renditeformel auf alle Gelasse zu sein. Daher wird für die Periode 1890-1913 allein die Rendite der Wohngebäude bzw. der Wohnhausbesitzer geschätzt. Sie hat einen Mittelwert von 3,8% mit einer Standardabweichung von 6% (pro Jahr). Interessanterweise sind diese Werte identisch mit den für alle Gelasse imselben Zeitraum berechneten Größen. Das bestätigt den hier beschrittenen methodischen Weg. Daten und Schätzungsergebnisse stehen in Tabelle 5. Es ist interessant, wenn vielleicht auch nur Zufall, daß die geschätzte Rendite fast identisch ist mit den auf grund von Gesamtmietwerten und Gebäudeinvestitionsdaten gewonnenen Ergebnissen. Erwähnenswert ist auch der geringere Anstieg der Hamburger Baukosten, der etwas zu den geringeren Renditeerwartungen beigetragen haben kann. Auch für Hamburg läßt sich ein an normalen Gebäuden zu beobachtender Produktivitätsanstieg (gemessen an der Differenz zwischen der Zuwachsrate der Löhne - 2,5 % - und Baukostenindex - 1,1 % - 1871-1913 = 1,4 % pro Jahr) feststellen. Dennoch stiegen die Baukosten stärker als die Wohnungsqualität im Zeitraum, somit trugen diese positiv zu den Renditeerwartungen der Althausbesitzer bei. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 85 11. Wohnungsbauinvestitionen Der Hauptgrund unseres Interesses an dieser Renditeentwicklung liegt nun in der Vermutung, die städtische Wohnungsbauinvestition müßte unter den damals relativ liberalen Marktbedingungen von solchen Renditeerwartungen, d. h. von Gewinnerwartungen, abhängig gewesen sein. Die Renditeschätzung gilt also als Vorstufe der Investitionsanalyse. Obwohl wir einen positiven Zusammenhang zwischen unserem Indikator der Renditeerwartungen und Bauinvestition vermutet haben, wird man keineswegs davon ausgehen, daß Investitionen allein durch jene Variable zu erklären wären. Dafür ist und war der städtische Immobilienmarkt zu komplex und unser Indikator der Renditeerwartungen zu grob. Es ist dabei zu bedenken, daß Kapitalanleger selten mit den Bauunternehmern - d. h. mit den unmittelbaren Entscheidungsträgern der städtischen Bauinvestition -identisch waren und es Übersetzungsschwierigkeiten hinsichtlich der Erwartungsindikatoren geben konnte. Man muß ferner sehen, daß unsere Indikatoren zwar die unmittelbare Vergangenheit anzeigen können, aber nicht unbedingt die nächste Zukunft, die ja von mittelbar wirkenden Faktoren, wie Bevölkerungswanderung oder Einkommen, stark abhängen konnten 36 . Deshalb orientieren wir uns an dem eingeschränkten Ziel, dem Ökonomen z. Zt. den modischen Namen "Granger Causality" geben. Bei der empirischen Speziftkation eines "Modells" zur Erklärung der Bauinvestition haben wir daher die Renditeschätzung für Deutschland insgesamt auf grund der erwähnten Hoffmannschen Daten und für Berlin mit zusätzlichen Indikatoren bzw. möglichen Erklärungsvariablen ergänzt. Sie sind dann zusammen schrittweise mittels der Methode der multiplen linearen Regression überprüft worden. Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1. Zunächst allgemein: Wie viele ökonomische Größen, so sind auch Investitionsreihen mit sich selbst über die Zeit hochkorreliert. Üblicherweise wird der Versuch, den Einfluß irgendeiner Variablen, wie z. B. Renditeerwartungen, zu identiftzieren, durch das Vorhandensein von Autokorrelation erschwert. Um den Einfluß anderer Erklärungsvariablen auf die Investition zu identiftzieren, muß diese Autokorrelation durch Transformierung der Variablen oder Neuspeziftzierung des Erklärungsmodells (z. B. Hinzufügung neuer bzw. Austausch unter alten Erklärungsvariablen) ausgeschaltet werden. In unserem Fall wurde die Bauinvestition selbst, verzögert um ein Jahr, zu den Erklärungsvariablen hinzugenommen. Sie hat in beiden geprüften Fällen (Deutschland insgesamt und Berlin) eine hohe Erklärungskraft, ihr Vorhandensein im Modell eliminiert auch die Autokorrelation, allerdings auf Kosten der Kausalitätserklärung im herkömmlichen Sinne, 36 Würde man unter "Renditeerwartungen" nicht nur die unmittelbare quantitative Reaktion von Hausbesitzern auf Schlüsselgröße, wie Zins oder Mieteinkommen (entsprechend unserer Formel [2]), sondern auch die Interpretation der gesamtwirtschaftlichen "Großwetterlage" einschließlich geplanten oder angedrohten politischen Veränderungen verstehen, so wäre damit eine vollständige Erklärung der Investitionstätigkeit zu bewerkstelligen - könnte man einen solchen Indikator wirklich konstruieren. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
86 Richard H. Tilly weil ja Investition durch sich selbst auf diese Weise "erklärt" wird, nicht durch unabhängig von ihr bestimmte Faktoren. Was für die noch mitwirkenden Variablen bleibt, ist wohl die Rolle als Träger der "inkrementellen Kausalität", die o. a. "Granger Causality"37. 2. In diesem Sinne sind die Ergebnisse für Deutschland (auf der Grundlage von Hoffmanns Daten) und für Berlin zu verstehen. Mit den Hoffmannschen Daten sind die besten Ergebnisse mit folgender Modellspezifikation erreicht worden: RI to = f (RIt-1> B"Kt-2' T, ~-I> ~-l) Legende: RI = Realinvestition, BK = Baukostenindex, T = Zeit, RZ = Realzinsfuß und RR = Realrendite (hierzu auch Tabelle 6, Sp. III). T stellt einen Trendindikator dar, der die positive Wirkung der langfristigen Einkommens- und Bevölkerungsentwicklung auf Investition erfassen soll. Hervorzuheben ist die statistische Bedeutungslosigkeit der Variable Renditeerwartungen. Wird sie herausgelassen, so wird die Güte der Schätzung (an R2 und Durbin-Watson-Statistik gemessen) kaum beeinflußt (vgl. Sp.lV). Dies gibt möglicherweise einen Hinweis auf Probleme der Hoffmannschen Daten ab. Auch mit einer Korrektur für leerstehende Häuser, die konjunkturgeschichtiich ~erecht zu sein scheint, hat die aufgrund der Hoffmannschen Daten konstruierte Renditereihe kein klares temporales Muster. Dagegen ist die Variable Zins durchweg signifikant; sie ist ja die einzige signifikante Variable. Es ist natürlich denkbar, daß das gesamtwirtschaftliche Entwicklungsbild für Renditeerwartungen der Hausbesitzer wesentlich stärker von Eigenheimbesitzern geprägt und damit zusammenhängend stärker von Gewinnerwartungen isoliert blieb als das der großstädtischen Hausbesitzer. Infolgedessen könnte die städtische Wohnungsbauinvestition insgesamt auch stärker vom Zinsfuß abhänig gewesen sein als in den größeren Städten -wo möglicherweise Zinskosten nur als marginaler Faktor -zwar wichtig, aber eben von anderen Gewinnfaktoren überschattet -aufgetreten sind. In einer zweiten Spezifikation des Modells wurden Nominalgrößen eingesetzt: Nl"t o = f (Nl"t-I> B"Kt-2' T, NZt-1> N~-l) . Legende: N = Nominal und allen anderen Variablen wie bei der ersten Spezifikation Bei der Analyse der Nominalwerte ergibt sich insofern eine Verschiebung der Ergebnisse, als die Autokorrelation nun auftaucht, vermutlich bedingt durch die 37 Gemeint ist ein Beitrag des amerikanischen Ökonometrikers C. W 1. Granger: Investigating Causal Relations by Econometric Models and Cross-Spectral Methods, in Econometrica, 37 (1969). Für eine deutschsprachige Anwendung vgl. G. Kirchgässner und J. Wolters: Der Zusammenhang zwischen der Zins entwicklung in den Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz, Beitrag zur Jahrestagung der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Travemünde, September 1984. Von diesem unveröffentlichten Beitrag stammt die Bezeichnung "inkrementelle Kausalität". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 87 Beziehungen zwischen Baukosten und Investition. Die Variable Baukosten scheint hier einen signifikanten Beitrag zur Klärung der Investition zu leisten, aber abgesehen von der bereits erwähnten Autokorrelation ist das Vorzeichen positiv, eine Tatsache, die sich theoretisch schlecht begründen läßt, zumal es sich bei dem Baukostenindex um Niveauunterschiede und Investition handelte. Bemerkenswert ist wieder einmal die Signiftkanz der Variable Zins (obwohl auch mit Autokorrelation belastet). Setzt man nun anstelle der Indexwerte die Baukostenzuwächse (pro Jahr) in der Regressionsgleichung ein, so ergibt sich (mit T-Werten in Klammern) ein anderes Resultat (s. hierzu auch Tabelle 6, Spalte 11). Tabelle 6: Regressionsanalyse der Wohnungsbauinvestition in Deutschland 1870-1913 (T-Statistik in Klammem) Variablen Absolutes Glied Nominalinvestition Lag Realinvestition Lag Nominalrendite Lag Realrendite Lag Nominalzins Lag Realzins Lag Time Baukostenindex Lag Wachstumsraten der Baukosten Lag R2 D-W Nominalinvestitionen I 11 1073,535 259,058 0,170 (1,005) 0,990 (11,180) 1 1 13892,604(-2,193) 3068,608(-3,581) 1 1 Realinvestitionen III IV 22,053 22,190 0,792 (6,231) 1 212,745 (0,479) 1 0,789 (6,279) 1 -3844,478(-4,061) -3599,336(-4,568) 1 1 20,821 (3,584) 26,128 (4,635) 2 -3,860 (-0,985) 3,324 (0,684) 3,337 (0,694) 0,939 1,082 15,086 (1,865) 2 0,945 2,294 4,096 (1,257) 4,190 (1,362) 2 2 0,941 2,044 0,942 2,036 Auf dem flinfprozentigen Niveau ist die Variable "Baukosten" statistisch signiftkant; bei dieser Formulierung kann Investition z. T. als Reaktion auf die Erwartung weiterer Baukostensteigerungen interpretiert werden. Auf diese Weise ließe sich also die Hypothese der Bedeutung der Renditeerwartungen gerade noch halten. Jedoch muß auch hier die Bedeutung der Variable Zins betont werden. Fazit: Im Sinne der "Granger-Kausalität" bleibt der Zinssatz als taugliche Variable zur Erklärung der Wohnungsbauinvestition übrig; die Renditeerwartungen im Sinne unserer Formel 2 sind als Erklärungsfaktor ausgeschieden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
15 10 5 -2 /\ ( \ , \ I , \ ' . , \ J • I \,/ / --\ . . / \. 1870 Hamburg - - - - Berlin 1880 - . - . - Daten nach Walther G. Hoffmann 1900 AM. 2: Reale Renditen der Hausbesitzer in Berlin, Hamburg und im Deutschen Reich, 1870--1913 (Gleitende Dreijahresdurchschnittswerte) 1,0 .,. :;tl (=i' [ ~ ;1 -< OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 95 v.R. Mark 4,6 4,4 4,2 4,0 3,8 3,6 3,4 2600 2200 1800 1400 1000 600 200 , , ° I; ~ If i i ,. . i I , \ . 1:/ :\\ 'i ~ ,,' \, , ,..... ...... \: I ' \ 0-'.'.,., "\ I I \ J , \.1' \ \ , , I , I l.l 1870 74 7.8 82 86 90 94 98 1902 06 10 14 Abb. 3: Obligationsrendite und jährliche Wohnungsbauinvestitionen 1870-1913 Die erste Spalte auf der linken Seite bedeutet Obligationsrendite und Pfandbriefverzinsung in v. H., die zweite Spalte die Höhe der Wohnungsbauinvestitionen in Mark. Quellen des zugrundeliegenden Zahlenmaterials: 1 Entwicklung der durchschnittlichen Obligationsrendite im Deutschen Reich 1870-1913 (gestrichelte Linie): S. Homer, A History ofInterest Rates, New Brunswick 1963, S. 260 f., Tab. 32, Spalte "Computed Average of Bond Yields, %" und rur die Werte ab 1901 S. 461, Tab. 66, Spalte "High Grade Bond Yields". 2 Verzinsung der am Jahresende umlaufenden Pfandbriefe der deutschen Hypothekenbanken (gepunktete Linie): V. Carthaus, Zur Geschichte und Theorie der Grundstückskrisen in deutschen Großstädten mit besonderer Berücksichtigung von Groß-Berlin, Jena 1917, S. 221 f., Tab. III. 3 Investitionen in nichtlandwirtschaftliche Wohnungen im Deutschen Reich 1870-1913, in Preisen von 1913 (durchgezogene Linie): W. G. Hoffmann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin/Heidelberg/New York 1965, S. 257 f., Tab. 41, Spalte 3. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
.0.,1n-1 Ro"- vestitio rendite 2,0 0,2 1,8 0,18 1'61°,16 1,4 0,14 1,2 0,12 1,0 0,1 0,8 0,08 0,6 0,06 0,4 0,04 0,2 0,02 "'.1 8~0 ,02 1'\'\ \ J\ V " /. '\ I \, \.., I \ I"' \ " ~ I \ ~ " I \ / \ I \ I \ I \ Abb. 4: Realinvestitionen mit Realrendite in Berlin 1870-1913 \0 0\ ~ ö' \ 1\ [ \.,../ \Realinvesti tion ~ ;] ealrend i te -< Jahr OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Investi- + Nominal- & tion rendite g; (in Mio. " " c. ~ Cii fi' ,..., Vl 0 D. a '0 ~ ~ ::;: '" 200 0,2 t, I , 180 0,18 I , I 160 0,16 , , I \ 0,14 140 I \ 120 0,12 I , , ~\ ~ 'n I " .... tltl~ , 100 0,1 \ , \ 1\ I \ 1\ \ ~ 1 \ / \ I~ .- " \ 1 \ 'I 1\/ \t \ I" ~ I 80 .L 0,08 \ ~ v 'v/'\ I 1"" , ',\ I.~'n.'r.n.~ 60 + 0,06 .... \ " \ I I ~ I \ 1 \ te 40 1 0,04 J \ I \ , I \ \ 1 ~ \1 \I , I '/ \1 \ I ~ 20 0,02 ~ 'I \ '( \ , .'" . • Jahr 1870 72 74 76 -0,02 78, '0 \ I \I 11 82 84 86 88 90 92 94 96 98 1900 02 04 Ob 08 10 12 1:; -0,04 -0,06 " -0,08 i 0,1 Abb. 5: Nominale Rendite der Hausbesitzer und Nominalinvestition in Häuser in Berlin, 1870-1913 ~ 5 ~ ::s (!CI '" 0- I>' E. ::s ;ii g. ö' ~ ::s :E 1>': ::r ;:: ::s 0.. 0.. o '" c::: ... 0- I>' 2. '" G' a ::s (!CI '" '0 (3 ~ CI> '" o '" '-0 -.J OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
98 Richard H. Tilly Anhang A Schätzung der Mieteinkommen deutscher Wohnhausbesitzer von Daten in WaltherG. Hof!- mann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Berlinl Heidelberg/New York 1965; Tab. 171-172 (vgl. Anm. 17). Die Schätzung beruht auf folgenden Schritten: 1 Landwirtschaftliche Wohnungen werden von der Mietausgabereihe (Tabelle 172) entsprechend den Kapitalstockdaten aus Tabellen 30 und 40 abgezogen: Annahme: 50 % des landwirtschaftlichen Gebäudebestandes diente als Wohnraum. 2 Die so modifizierte Reihe wurde durch eine geglättete Reihe der Obligationenrendite, 1870-1913 (gleitende Siebenjahresdurchschnitte der Reihe bei S. Homer) dividiert und dieses Ergebnis wiederum mit derselben jährlichen (ungeglätteten) Obligationenrendite multipliziert. 3 Die so modifizierte Reihe wurde mit einem konstruierten Index der leerstehenden Wohnhäuser multipliziert. Dieser Index ist folgendermaßen konstruiert worden: (a) 1870-82: Trendabweichungen der jährlichen Zuwächse des Nettofinanzierungsbeitrages der Hypothekenbanken entsprechend den Angaben bei HotTmann, u. a., Tab. 205 (Gewicht = 1) (b) 1883-1913: Trendabweichungen des jährlichen Werts der notleidenden Hypotheken als Prozent aller Hypothekenrenditen der deutschen Hypothekenbanken entsprechend Angaben in: Der Deutsche Okonomist, 1883-1913 (Gewicht=l) (c) 1889-1913: Trendabweichungen des jährlichen Werts der Löschungen städtischer Hypotheken infolge Zwangsversteigerungen, Preußen (Gewicht = 1) (d) Für den Zeitraum 1889-1913 werden die Indexwerte von (b) und (c) addiert und dividiert durch 2 (e) Der Index: 1870 .976 1 1.028 2 1.050 3 1.023 4 1.048 1875 1.062 6 .976 7 1.007 8 .970 9 .947 1880 1.021 1 .972 2 .950 3 .950 4 .984 1885 1.016 6 .955 7 .975 8 .990 9 1.007 1890 1.020 1 1.045 2 1.025 3 1.070 4 1.005 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsbauinvestitionen während des Urbanisierungsprozesses 99 Fortsetzung Index: 1895 .994 6 .979 7 1.006 8 1.010 9 1.018 1900 1.036 1 1.033 2 1.015 3 1.000 4 1.007 1905 1.008 6 1.010 7 1.007 8 1.008 9 .990 1910 .991 11 .972 12 .963 1913 .958 Quellen: Hoffmann: Wachstum (s. Anm. 16); Sidney Horne: A History ofInterest Rates, New Brunswick 1963; Preußisches Statistisches Landesamt (lfg.): Statistisches Jahrbuch rur den preußischen Staat, 1-13 (Berlin 1908-15); Deutscher Okonomist (Berlin), 1883-1913. 7' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
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Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität in deutschen Großstädten 1870-1913* Von Clemens Wischermann, Münster/Westf. I. Im ArgumentationsgefUge der deutschen Wohnungsreformer des 19. Jahrhunderts nahm die Hypothese einer anhaltenden Verelendung der Wohnverhältnisse unter dem Einfluß von Industrialisierung und Verstädterung einen festen Platz ein. In diesem Punkte gab es keine Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Sozialreformern im " Verein für Sodalpolitik": Beide Seiten glaubten auf die Verelendungsthese schon aus agitatorischen Gründen nicht verzichten zu können. Die Motive fUr die Furcht der Reformer vor einer optimistischen Einschätzung der Entwicklung der deutschen Wohnverhältnisse hat niemand geringerer als Gustav Schmoller bereits vor den ersten Enqueten des" Vereins für Socialpolitik" über die "Wohnungsnot der ärmeren Klassen in deutschen Großstädten" 1 im Vorwort zu der Arbeit eines seiner Schüler offen ausgesprochen. Er fUrchte, so Schmoller 1878, die "optimistische Färbung einzelner Stellen", der "an sich unzweifelhaft richtige Hinweis auf die nothwendige Steigerung der wirthschaftlichen Gesamtproduktion" könne möglicherweise nicht "als ein et et, sondern als ein aut aut" verstanden und "damit als eine Abweisung aller socialen Reformbestrebungen aufgefaßt werden"2. Zwei Jahrzehnte später schrieb der in der Behandlung der Wohnungsfrage durch seine Partei fUhrende Sozialdemokrat Hugo Lindemann, daß es jedem Wohnungsreformer auf die Feststellung einer Verschärfung des Verhältnisses zwischen Einkommen und Miete ankommen müsse, denn wenn die private Unternehmung das Wohnbedürfnis der untersten Einkommensklassen nur gegen Erhebung eines wachsenden Teils des Einkommens als Miete zu befriedigen vermöge, so folge vom Standpunkte der Allgemeinheit, daß die Bauwirtschaft ihre Aufgabe * Dieser Aufsatz beruht auf Ergebnissen des Forschungsprojekts ,,wohnungsnot und Soziale Frage im 19. Jahrhundert" des Sonderforschungsbereichs 164 ,;vergleichende geschichtliche Städteforschung" der Universität Münster. 1 Vgl. Die Wohnungsnoth der ärmeren Klassen in deutschen Großstädten und Vorschläge zu deren Abhülfe. Gutachten und Berichte, hrsg. vom Verein für Socialpolitik, 2 Bde., leipzig 1886 (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 30, 31). 2 Vorwort zu Richard Michaelis: Die Gliederung der Gesellschaft nach dem Wohlstande, auf Grund derneueren amtlichen deutschen Einkommens- und Wohnungsstatistik, Leipzig 1878, S.VII (Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen, 1. Bd., 5. H). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
102 Clemens Wischennann nicht erfüllt habe und daß daher die öffentlichen Körperschaften, in erster Linie die Gemeinden, einzugreifen hätten3• Rückblickend haben sozialpolitisch motivierte Prämissen wie diejenigen Schmollers und Lindemanns für lange Zeit den Blickwinkel der Beurteilung der Wohnungsverhältnisse des 19. Jahrhunderts vorgegeben und auf eine Perspektive festgelegt, die schon damals eine Scheinkontroverse zwischen sozial engagierten Reformern und einigen wenigen empirisch arbeitenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern war. Letztere standen aber in der zeitgenössischen Debatte auf verlorenem Posten (was sich am Beispiel zahlreicher Wohnungsreformkongresse zeigen ließe4 ), während die Thesen einiger Sozialpolitiker und Sozialreformer das öffentliche Feld beherrschten. In ihrer Tradition ist die Geschichte des Wohnens im Zeichen der Urbanisierung durch die anhaltend unkritische Rezeption zeitgenössischer Reformliteratur bis heute eine Geschichte voll von propagandistischen Halbwahrheiten und wenig statistisch gesichertem Wissen ge blie ben. Das beginnt bereits mit dem für die Standortbestimmung des Betrachters wichtigen Blick zurück auf die vorindustriellen Wohnverhältnisse, der nur zu oft auf einige wenige, immer wieder aufgelegte Klischees verengt ist, die vermeintlich die Ausgangslage des städtischen Wohnungswesens in Deutschland vor Eintritt in die Urbanisierung charakterisieren sollen. In immer neuen Variationen werden auch heute noch die angeblich "malerischen" Lebensverhältnisse in der vorindustriellen "alten" Stadt beschrieben. Wie so viele der heutigen Einstellungen zur Stadt haben auch solche Ansichten ihre Wurzeln in der im späten 19. Jahrhundert weit verbreiteten Großstadifeindschaft 5. Diese entwickelte als Gegenpol zur ungeliebten, häßlichen und anonymen Großstadt jener Jahre eine Verklärung der vorindustriellen Zeit, wie sie in Kunst und Literatur aus der Wiederentdeckung der "Biedermeierzeit" bekannt ist. Die Idyllisierung der vorindustriellen Wohnungszustände war ein Trugbild, dem nicht wenige der deutschen Wohnungsreformer aufgesessen sind. Geschönte, nostalgische Rückblicke verstellen noch heute oft den Blick auf die realen Daseinsverhältnisse in der vorindustriellen Stadt, auf die viel eher die mittelalterliche Allegorie von der "Frau Welt" paßt, von der die Dichtung berichtet, daß sie von vorne betrachtet die reizvollste der Frauen sei, von rückwärts betrachtet aber sich voller Schwächen und greulichen Gewürms zeige. In manchen deutschen Städten konnte man noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein angesichts erhaltener Reste vorindustrieller Mietsbehausungen eine Vor- 3 Vgl. Hugo Lindemann: Die deutsche StädteverwaItung -Ihre Aufgaben auf den Gebie~ ten der Volkshygiene, des Städtebaus und des Wohnungswesens, Stuttgart 1901, 2. Aufl., Stuttgart 1906. Vgl. auch die Reaktion Lindemanns auf die Thesen Ludwig Pohles auf dem 1. Allgemeinen Deutschen Wohnungskongreß von 1904: Hugo Lindemann: Zur Literatur über die Wohnungsfrage, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 25 (1907), S. 714-761, bes. S.715-718. 4 Vgl. insbesondere den Bericht über den 1. Allgemeinen Deutschen Wohnungskongreß in Frankfurt a. M., 16.-19. Oktober 1904, Göttingen 1905. 5 Vgl. Klaus Bergmann: Agrarromantik und Großstadtfeindschaft, Meisenheim 1970. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnrnobilität 103 stellung davon gewinnen, unter welchen unzureichenden Wohnverhältnissen sich das Leben der städtischen Unterschichten vor dem 19. Jahrhundert abgespielt haben muß. Das bekannteste Beispiel bilden wohl die "Gängeviertel" vieler norddeutscher Städte, wo sich auf denkbar knappstem Raum die engen, fast luft- und lichtlosen ,;Wohnbuden" und ,;Wohnsäle" aneinanderreihten. Neuere Untersuchungen zum städtischen Kleinwohnungsbau seit der frühen Neuzeit lassen es als gesichert erscheinen, daß die Einzimmer-Wohnung mit einer Grundfläche von 20 bis 25 qm rur eine ganze Familie zumindest in den größeren Handelsstädten die Normalwohnung der sozialen Unterschichten gewesen ist6• In der Literatur zur Wohnungsfrage des 19. Jahrhunderts dominierte dagegen ein ganz anderes Bild der Vergangenheit, das der Außenseiter der deutschen Reformdebatte nach der Jahrhundertwende, Ludwig Pohle, einmal etwas bissig so skizzierte: "Hier taucht die Vorstellung von einem verlorengegangenen Zeitalter des Wohnungswesens ... auf. Man scheint ohne sie in der politischen Agitation gar nicht auskommen zu können. So oft sie auch widerlegt wird, immer erhebt sie von neuem ihr Haupt gleich der Schlange in der Herkulessage. Das goldene Zeitalter des Wohnungswesens ... hat es niemals gegeben. Wenigstens weiß die Wissenschaft von seiner Existenz nichts"? Das vermeintlich verlorene "goldene Zeitalter des Wohnungswesens"klingt ebenfalls in einer zweiten, lange verbreiteten Vorstellung an: der so oft beschworenen Idylle vom gesunden, natürlichen Wohnen auf dem Lande. Dabei wurde übersehen, daß nach allen bisherigen Erkenntnissen (insbesondere aus der englischen ForschungB) die Wohnbedingungen auf dem Lande sowohl in der vorindustriellen Zeit wie dann auch in der Urbanisierungsphase keinesfalls besser waren als in der Enge der Städte. Roman Sandgrubers kürzlich geäußerte Überzeugung, "die Vorstellung von einer Landbevölkerung, die ein Leben in luftigen und behaglichen Landhäusern gegen feuchte und finstere Keller in Industriestädten vertauschte, entspricht mehr agrarromantischem Wunschdenken als tatsächlichen Gegebenheiten" 9, erscheint zutreffend. Sicherlich vervielfachten sich manche sozialen oder auch hygienischen Probleme in den Großstädten, und andere wie Fragen der sozialen Einbindung traten neu hinzu. Doch rur die Land-Stadt-Wanderer dürften die Wohnungsverhältnisse in der Stadt, so beengt und schlecht sie vor allem zu Beginn der Urbanisierung auch waren, immer noch besser gewesen sein, als das, was die meisten vom Lande her gewohnt waren 10. 6 Vgl. Peter Hans Roperlz: Kleinbürgerlicher Wohnungsbau vom 14. bis 17. Jahrhundert in Dentschland und im benachbarten Ausland, Diss. Aachen 1976. 7 Ludwig Pohle: Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Einkommen und Miete, in: Zeitschrift rur Socialwissenschaft, IX. Jg. (1906), S. 22-47 und 88-106, hier S. 95. 8 Vgl. z. B. Enid Gauldie: Cruel Habitations: A History ofWorking-Class Housing 1780 bis 1918, London 1974. 9 Vgl. Roman Sandgruber: Gesindestuben, Klei'1p.äuser und Arbeiterkasemen. Ländliche Wohnverhältnisse im 18. und 19. Jahrhundert in Osterreich, in: Wohnen im Wandel, hrsg. von Lutz Niethammer, Wuppertal1979, S.107-131, hier 107; vgl. auch ders.: Ländliche Wohnverhältnisse seit der frühen Neuzeit, in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 9 (1979), S.45-51. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
110 "H, Hamburg 4 0 f5 -1 -2 -3 -4 -5 -6 "H, 10 Berlin Q 8 6 , 4 , '. 2 0 /05 -1 -2 -3 -4 -5 -6 -7 -8 -9 -10 , I -', , , , , , , , , , , , , , , I ' , ,I " " " 11 • I Clemens Wischermann , I , I , ' .' ,'I , " I, I , leerstehenae Gelasse --- jährliche Veränderung der Miethöhe(Gelasse,- - - -- jährliche Veränderung - der M;el höhe , Wohnungen, 15 Die 0,- Achse der Kurve der leerstehenden Gelasse entspricht dem langjährigen Mittel I/on 4.6 Y. H. des Leerbestandes - -- L_st_ Gelasse JäMiche Veränderung der Miethöhe In v.H. :' , ' , " 1915 DIe 0 - Achse der Kurve der 'eerstehEmden Gelasse -oonlspf'1cht dem ~anQ;ahngen MIttel I Ion 3,4 v. H. jes leerbestal"ldes , , , , :: " " " l Abb. 3: Mietenbewegung und Wohnungsmarkt in Berlin und Hamburg 1861-1913 (v.H.) Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach den Angaben zu Abb. 1 und Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin in den Jahren 1861-1876, I. Heft, Berlin 1879, S. 59; ... in den Jahren 1877-1881, l. Teil, Berlin 1883, S. 103; ... in den Jahren 1882-1888, l. Teil, Berlin 1889, S. 133; ... in den Jahren 1889-1895, 1. Teil, Berlin 1898, S. 216; Verwaltungsbericht des Magistrats zu Berlin ftir das Etatjahr 1895/96, Berlin o. J., 1895/96 ff.; Statistik des Hamburgischen Staats, H. XlI, Hamburg 1882, S. 38, H. xv, Hamburg 1890, S. 31, H. XVI, Hamburg 1894, S. 61, H. XIX, Hamburg 1900, S. 120, H. XXI, Hamburg 1903, S. 181, H. XXIX, Hamburg 1919, S. 60; Statistisches Handbuch ftir den Hamburgischen Staat, 2. Ausgabe, Hamburg 1880, S. 72 f., Dritte Ausgabe, Hamburg 1885, S. 82 f., 4. Ausgabe, Hamburg 1891, S. 93 und Ausgabe 1920, Hamburg 1921, S. 137 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität 111 der Wohnungsmarkt im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg trotz lebhafter Bautätigkeit und einem tendenziellen Rückgang der Zuwanderung diese Mietsteigerungen aufnahm. Dies kann nur mit dem vielfach festgestellten allgemeinen Anstieg des Lebensstandards in Verbindung gebracht werden. Trotz einer zahlenmäßig enormen Wohnungsproduktion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb die großstädtische Kleinwohnungsfrage bis zum Ersten Weltkrieg immer von akuter Bedeutung. Bei jedem Rückschlag der Wohnungskonjunktur rückte sie wieder ins öffentliche Bewußtsein. Wenn Obdachlosigkeitserscheinungen drohten oder die private Bauwirtschaft in den Überangebotsphasen wieder einmal unter einer Kette von Bauskandalen und Konkursen litt, wurde immer erneut die Frage diskutiert, warum die private Wohnungswirtschaft nicht in der Lage sei, eine stetige Versorgung insbesondere auf dem sozialpolitisch besonders kritischen Gebiet der Kleinwohnungen zu sichern. Entgegen verbreiteten Anschauungen muß manjedoch zunächst einmal generell feststellen, daß es vom Angebot her keinen langfristigen und vor allem kontinuierlichen Kleinwohnungsmangel gegeben hat. Der Indikator Leerwohnungen ist insofern nicht mehrdeutig, als in Zeiten nennenswerter Leerwohnungsbestände auch ein erhebliches Kleinwohnungsangebot bereitstand. Eine weitere Aufschlüsselung der leerstehenden Wohnungen nach Mietpreisklassen vermöchte zu zeigen, daß es zu Zeiten mittlerer bis hoher Leerziffern nur relativ geringe Abweichungen zwischen den einzelnen Klassen von 1-2 v. H. gegeben hat 21 . Bei jedem Rückgang der Wohnungsproduktion kam esjedoch bei den Kleinwohnungen zu einem überproportional tiefen Absturz des Neuzugangs bis hinein in die zahlenmäßige Bedeutungslosigkeit, während der Bau von größeren Wohnungen geringeren Schwankungen unterworfen war. Die Zeit des beschleunigten Städtewachstums und des Übergangs zum "modernen" Massenmietshaus ist in den meisten größeren deutschen Städten in die späten 1860er und frühen 1870er Jahre zu datieren. Es war gleichzeitig der Beginn des Aufbaus einer modernen Baupolizeigesetzgebung und speziell ihrer bautechnischen und wohnungshygienischen Vorschriften. Der in den Städten dringend benötigte Massenwohnungsbau stand also neben der rein quantitativen Bewältigung der Wohnungsnachfrage vor dem zusätzlichen Problem, neue z. T. gesetzlich festgelegte, immer weiter steigende qualitative Standards im Wohnungsneubau zu erfüllen. Es gelang zwar, vor allem die hygienisch orientierten Bauvorschriften relativ rasch durchzusetzen, allerdings in den Krisenjahren nur auf Kosten einer ausreichenden und funktionsfähigen Kleinwohnungsproduktion. Die Bauwirtschaft ging dann überwiegend zum Bau mittlerer und großer Wohnungen über, da hier die Auflagen leichter zu erfüllen waren und ein rentabler Wohnungsbau möglich blieb. Es trat hinzu, daß bei einem vollen Markt die Verwaltung von Kleinwohnungen besondere Schwierig- 21 Vgl. Wischermann, Wohnen in Hamburg (s. Anm. 14), S.166 ff. Die eigentlichen Diskrepanzen der Leerwohnungsziffern lagen in ihrer Verteilung im innerstädtischen Raum, vgl. ebd. S. 386 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
112 Kleinwohnungen 15000 _. _.- Frankfurt 10000 ...... Hamburg 5000 4000 3000 2000 1000 500 100 Clemens Wischermann ",'", r \~······ .... ····i ..................... i I /"', , 1880 82 84 86 88' 1890 92 94 96 98 1900 02 04 06 08 1910 12 1914 Abb. 4: Kleinwohnungsproduktion (Wohnungen bis drei Zimmer) in Frankfurt und Hamburg 1880-1913 (absolut) Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach Jahresberichte der Verwaltungsbehörden der freien und Hansestadt Hamburg für das Jahr 1908, Baupolizeibehörde, S. 75, (1909) ebd., S. 68, (1910) ebd., S. 67 f., (1911) ebd., S. 70 f., (1912) ebd., S. 67; Beiträge zur Statistik der Stadt Frankfurt am Main, 11. Heft (1919), S. 179 t1 Kleinwohnungen 100 v.H. 90 80 70 60 50 40 30 20 10 \ \. " - v \. \ .i -- Berlin - - - - Frankfurt .' ..... ....... Hamburg 1880 82 84 86 88 90 92 94 96 98 1900 02 04 06 08 10 12 1914 Abb. 5: Kleinwohnungsproduktion (Wohnungen bis drei Zimmer) in Berlin, Frankfurt und Hamburg 1880-1913 (in v. H. der gesamten Wohnungsproduktion) Quelle: Vgl. Angaben zu Abb. 4 und Siegfried Ascher: Die Wohnungsmiethen in Berlin 1880-1910, Berlin 1918, S. 121 (Wohnungen mit 0-2 heizbaren Zimmern) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnrnobilität 113 keiten bereitete, die in erster Linie aus dem hohen Risiko von Mietausfällen als Folge der damaligen "Postnumerando"-Mietzahlungen 22 resultierte. Nachdem die Wohnungskrise um 1900 in manchen Städten noch einmal fast zum Zusammenbruch der Kleinwohnungsproduktion geführt hatte, setzte dann im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg ein stark erhöhter Kleinwohnungsbau ein. Er zehrte zum einen von dem allgemeinen konjunkturellen Wiederaufschwung der Bauwirtschaft nach der Jahrhundertwende. Mit dem Umschwung der Konjunktur war wie schon in früheren Perioden eine Umorientierung in den gebauten Wohnungstypen verbunden. Je stärker sich die Belebung der Wohnungsbautätigkeit auswirkte, in desto größerem Maß ging die Wohnungswirtschaft auch wieder zum zuvor abgelehnten Ba.u von Kleinwohnungen über. In dem am Hamburger Beispiel besonders gut zu dokumentierenden Zeitraum seit 1896 kam es dabei zu einer vollständigen Umkehrung der gebauten Wohnungsgrößen zwischen Krise und Hochkonjunktur (vgl. Abb. 6). Darüber hinaus aber setzte die Wohnungskrise von 1900 zum ersten Mal kommunale Unterstützung für den Kleinwohnungsbau in nennenswertem Umfang in Form direkter Subventionen frei. Drittens traten Erleichterungen oder anders ausgedrückt Rücknahmen baupolizeilicher Vorschriften für den Kleinwohnupgsbau hinzu, die kommunalpolitisch außerordentlich umstritten waren, da sie als sozialpolitischer Rückschritt interpretiert werden konnten 23 • Der Kleinwohnungsbau konnte sich nun auf einem Niveau von ca. 70-80 v.H. der gesamten Wohnungsproduktion stabilisieren, was wesentlich zur Entspannung des Wohnungsmarktes vor dem Ersten Weltkrieg beigetragen hat. An der Verstetigung der Kleinwohnungsproduktion des späten 19. Jahrhunderts haben gemeinnützige, genossenschaftliche und philanthropische Bestrebungen mitgewirkt, die in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, aber erst seit den 1890er Jahren einen nennenswerten Umfang erreicht haben, weil seit 1889 eine neue Finanzierungsquelle ihre charakteristische Kapitalschwäche ausglich. Seit dem Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz dieses Jahres war den Versicherungsanstalten gestattet, bis zu einem Viertel, später bis zur Hälfte ihrer Gelder in ersten Hypotheken auf Kleinwohnungen anzulegen. Diese Darlehen wurden unter den am Kapitalmarkt üblichen Sätzen verzinst und in der Regel außer an Kommunen nur an gemeinnützige Bauträger vergeben 24 • So groß indes die individuellen oder genossenschaftlichen Leistungen man- 22 Vgl. hierzu ausführlich Abschnitt V. 2) Vgl. dazu auch Wolfgang R. Krabbe: Die Anfange des "sozialen Wohnungsbaus" vor dem Ersten Weltkrieg. Kommunalpolitische Bemühungen um eine Lösung des Wohnungsproblems, in: VSWG 7l (1984), S. 30-58; Walter Steitz: Kommunale Wohnungspoltik im Kaiserreich am Beispiel der Stadt Frankfurt am Main, in: Hans 1. Teuteberg (Hg.): Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, Köln-Wien 1983, S. 393-428; ders. unterMitwirkungvon Wolfgang R. Krabbe: Kommunale Wohnungspolitik deutscher Großstädte 187l-1914, in: Hans 1. Teuteberg (Hg.): Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, Münster 1985, S. 421-446; Wischermann, Wohnen in Hamburg (1983), S. 117 ff. 8 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
114 Wohnungen (absolut) 15000 10000 500 1896 1900 Clemens Wischermann , I A i \ I \ Wohnungen ges. --- 4 und mehr Zimmer --------- 3 Zimmer ----.---- 1-2 Zimmer ...... . \ \ 1905 1910 Abb. 6: Bautätigkeit nach Wohnungsgrößen in Hamburg 1896-1912. Quelle: Jahresberichte der Verwaltungsbehörden der freien und Hansestadt Hamburg, Abt. Baupolizeibehörde, Jg. 1896 ff. cher Organisationen auch gewesen sein mögen, bis zum Ersten Weltkrieg blieb die gemeinnützige und genossenschaftliche Bautätigkeit rur den gesamten Wohnungsneubau wie auch die allgemeine Wohnungskonjunktur noch ohne größere Bedeutung. In Hamburg erreichte die Quote des genossenschaftlichen und 24 Vgl. Alwin Bosse: Die Förderung des Arbeiterwohnungswesens durch die Landesversicherungsanstalten, Jena 1907. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität 115 gemeinnützigen Wohnungsbaus am gesamten Wohnungszugang in den Jahren 1895 bis 1912 etwa 3-3,5 v. H. 25. In Frankfurt, der Stadt zahlreicher Wohnungsrefonnvereinigungen und Refonnansätze, erreichte dieser Anteil von 1880 bis 1913 als Ausnahme 9,5 v. H. (1900 bis 1913 sogar 13,2 v. H.)26. Das Gesamtvolumen des "sozialen" Wohnungsbaus machte hier etwa das Zweifache einer mittleren Jahresproduktion des Frankfurter Wohnungsbaus aus. Frankfurt war jedoch wie gesagt ein positives Extrem. In der Regel lagen die Zahlen weit darunter. Diese Tätigkeit der genossenschaftlichen und gemeinnützigen Bauträger war jedoch insofern symptomatisch für die Lage der Kleinwohnungsversorgung, als ihr Wohnungsbau sich bei Vorzügen in der Wohnqualität und vor allem einer der Zeit weit vorausgreifenden Wohnsicherheit in Größe und Mietpreis kaum vom "freien" Wohnungsbau unterschied. Bei Beachtung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen war man auch hier nicht in der Lage, akzeptablen neuen Wohnraum für sehr niedrige Einkommen bereitzustellen. Trotz einer zumindest phasenweise hohen und zahlenmäßig ausreichenden Kleinwohnungsproduktion lag das Preisniveau des Wohnungsneubaus über der Nachfragefähigkeit zumindest von Teilen der großstädtischen Bevölkerung. Nicht nur Phasen quantitativen Wohnraummangels, sondern auch Zeiten hoher Kleinwohnungsbestände gingen daher die längste Zeit einher mit dem Weiterherrschen partieller Wohnungsnot. Die Folge war dann ein Ausweichen in Untervennietungspraktiken und in die Überfüllung des Wohnraums. Die Leistungen des gemeinnützigen und genossenschaftlichen Wohnungsbaus sind in diesem Zusammenhang aber sicherlich höher einzustufen, als dies ihr bloßes Bauvolumen ausdrückt. Zur Erreichung sozialer Ziele führte im Kleinwohnungsbau kaum ein Weg an den gemeinnützigen Organisationen vorbei, die sich zugleich für die Kommunen als die wirtschaftlichste Fonn eigenen finanziellen Engagements erwiesen, wenigstens solange der Staat noch nicht in die unmittelbare eigene Verantwortung für die Kleinwohnungsversorgung eingetreten war. Erst in der Weimarer Republik sollte die Verbindung von staatlicher Wohnungspolitik und gemeinnütziger Wohnungsbautätigkeit prägend für das Wohnungswesen werden. III. Eine Beurteilung der Leistungen und Defizite der liberalen Wohnungswirtschaft des 19. Jahrhunderts muß der Frage nach dem Ausmaß der quantitativen Befriedigung der Wohnungsnachfrage unter den Bedingungen eines hohen und zudem starken Schwankungen unterworfenen Bevölkerungswachstums einen vorrangigen Stellenwert einräumen. Einen ersten Eindruck des Versorgungsniveaus mit Wohnungen vennittelt die Belegungsdichte. Sie weist eine fallende Zahl von Personen pro Wohnung bis zum Ersten Weltkrieg nach. Diese Ziffern könnte man jedoch sowohl als Ausdruck einer sich bessernden Wohnungsversorgung als 25Vgl. Wischermann, Wohnen in Hamburg (s. Anm. 14), S. 180. 26 Vgl. Henriette Kramer: Die Anfänge des sozialen Wohnungsbaus in Frankfurt am Main 1860-1914, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, H.56 (1978), S.123-190. 8' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
116 BeNohner/ bew. Wohnung 3.5 1860 '. 1865 1870 Clemens Wischermann --Ber1in - - - - München , 0- _. _. _. Frankfurt ...... "_ru .... -. -- -: .. -:-:.-. .....; .:...::::..:..: ' .....• " ," ...... - .:...: .. ...:. .. _ .. ':"": -- _ ........... . . - ........ . . " .. > .... :- - ---_ .............. -------0-- ..... ' ... ",. 1875 1880 1885 18Ij5 lQ05 11110 Abb. 7: Versorgungsniveau mit Wohnungen in deutschen Großstädten. 1861-1910 (Bewohner/bewohnte Wohnungen) Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach Beiträge zur Statistik der Stadt Frankfurt am Main, H. 2, Frankfurt 1874ff.; Statistik des Hamburgischen Staats, H. I, Hamburg 1867 ff.; Mittheilungen des Statistischen Bureaus der Stadt München, Bd. 2, München 1877 ff.; Veröffentlichungen der Resultate der Berliner Bevölkerungs-, Gewerbe- und Wohnungsaufnahrnen seit 1861, Berlin 1863 ff. unter wechselnden Titeln. auch der Verkleinerung der Familien und Haushalte interpretieren. Die augenfälligste Abnahme vollzog sich in Berlin, das 1910 den niedrigsten Stand der untersuchten Großstädte aufwies. Es wäre jedoch ein fataler Irrtum, hieraus Rückschlüsse auf die Wohndichte zu ziehen, da bei diesem Indikator jegliche Berücksichtigung der Wohnungsgröße unterbleibt. Bei Einbeziehung der Wohnungsgrößen, also der Berechnung der heute so bezeichneten "internen Wohndichte" erkennt man sofort, daß Berlin eben nicht die Stadt mit der besten, sondern ganz im Gegenteil die Stadt mit der bei weitem ungünstigsten quantitativen Wohnungsversorgung unter den deutschen Großstädten war. Hamburg nahm eine mittlere Stellung ein, während München bereits eine deutliche und Frankfurt stellvertretend für zahlreiche west- und süddeutsche Städte im ganzen Urbanisierungszeitraum eine erheblich bessere interne Wohnungsversorgung als Berlin aufwies. Während sich die Hamburger Verhältnisse im späten 19. Jahrhundert nachhaltig verbesserten und die interne Dichte kurz vor dem Ersten Weltkrieg in etwa das Niveau der anderen Großstädte erreichte, blieb Berlin ein weiter hinter der übrigen Entwicklung im Wohnungswesen zurückbleibender Sonderfall. Die durchschnittliche interne Wohndichte der Stadt blieb weiterhin auf einem derart hohen Niveau, wie es in anderen Großstädten kaum in den allerschlechtesten Wohnquartieren erreicht wurde 27 • 27 Bei Berliner Daten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist allerdings zu beachten, daß es sich immer nur um den zum offiziellen Berliner Stadtgebiet zählenden Kern des Berliner OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität 117 Der bis zum Ersten Weltkrieg angetroffene Stand der internen Wohndichte wird besser vorstellbar, wenn man ihn in Vergleich zur Wohnsituation in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg setzt. Im Jahre 1950 lag die interne Dichte nachkriegsbedingt bei 1,59 Personen pro Wohnraum (ohne Küchen); von 1,37 Personen im Jahre 1956 sank die Dichte dann bis 1968 auf 0,96 und 1972 auf 0,93 unter den heute geltenden Minimalstandard von mindestens einem Raum pro Person 28 . Es wird deutlich, daß -mit der großen Ausnahme Berlins -die Versorgung mit Wohnraum gegen Ende der Urbanisierungszeit in den Großstädten im allgemeinen ein Niveau erreicht hatte, das im Durchschnitt der Bundesrepublik Deutschland erst in den 1960er Jahren allgemein erreicht und in den 1970er Jahren unterschritten worden ist. Tabelle 1: Interne Wohndichte in deutschen Großstlidten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Personen pro Wohnraum, ohne Küchen) Jahr Berlin München Frankfurt Hamburg 1875 1,90 -- - 1890 1,91 1,15 1,04 1,39 1900 1,88 1,21 - 1,28 1910 1,83 -- 1,17 Quelle: Vgl. Angaben zu Abb. 7 Das Gesamtbild der internen Versorgung mit Wohnraum bleibt vor dem Ersten Weltkrieg nicht zuletzt aus kaum zu füllenden Datenlücken uneinheitlich. Noch schwieriger wird es, versucht man die Versorgung im Wohnbereich an der Wohnfläche zu messen. Für die Jahre um die Jahrhundertwende läßt sich anhand einer außergewöhnlich günsten Quellenlage für Hamburg und München eine durchschnittliche Versorgung der Stadtbevölkerung mit Wohnfläche von 10 bis 15 qm pro Kopf schätzen 29 • Heute (1980) geht man in den Großstädten der Bundesrepublik von einer Wohnfläche von 25-30 qm pro Kopf aus. Obwohl außerhalb Berlins nach etwa 1890 Entspannungstendenzen anzunehmen sind, besserte sich die interne Wohndichte in bezug auf die durchschnittliche Versorgung mit Wohnfläche nur langsam. Agglomerationsraumes handelt, dessen Gebiet seit den 1860er Jahren fast unverändert blieb, während die außerhalb wachsenden Vororte (z. B. Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf etc.) selbständige Kommunen bildeten. 28 Vgl. Wo{fgang Glatzer: Ziele, Standards und soziale Indikatoren der Wohnungsversorgung, in: Wo{fgang Zapj(Hg.): Lebensbedingungen in der Bundesrepublik, Frankfurt/New York 1978, S. 575-fJ76, hier S. 628. 29 Vgl. Clemens Wischermann: Wohnen und soziale Lage in der Urbanisierung. Die Wohnverhältnisse hamburgischer Unter- und Mittelschichten um die Jahrhundertwende, in: Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Hans J. Teuteberg, Köln/Wien 1983, S. 309-337, bes. 318 ff.; ders.: "Familiengerechtes Wohnen": Anspruch und Wirklichkeit in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, in: Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, hrsg. von Hans J. Teuteberg, Münster 1985, S.169-198, bes. 177 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
118 Clemens Wischermann Der entscheidende Durchbruch in der Wohnungsversorgung der Urbanisierungszeit gelang noch weniger im Bereich der Wohnfläche als der Ausstattungsstandards. Die Verbesserung der Wohnverhältnisse war in der Sicht der Reformer des 19. Jahrhunderts nie nur eine Wohnraumfrage gewesen, sondern immer auch (zeitweise unter dem Druck schwerer Epidemien in erster Linie) eine Frage der Stadt- und Wohnungshygiene. Im Zusammenhang mit dem Aufbau moderner zentraler Wasserversorgungsanstalten und einer systematischen Kanaiisation 30 wurden die angesichts des massierten Städtewachstums zwingend notwendigen Erfolge bei der Verbesserung der Wohnbedingungen erzielt. Fließendes Wasser in der Wohnung und das Wasserklosett schufen den Beginn einer eigentlichen Körper- und Wohnungshygiene im heutigen Sinn. Die in den Baupolizeigesetzen relativ früh erfolgte gesetzliche Feststellung hygienischer Mindeststandards und damit ihre Durchsetzung im Wohnungsneubau können aus gesundheitlicher Sicht kaum überschätzt werden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts näherte man sich auf dem Gebiet des Wasseranschlusses einer nahezu vollständigen Versorgung; die Ausstattung jeder Wohnung mit einem nur von einer Partei zu nutzenden Wasserklosett umfaßte etwa die Hälfte des Wohnungsbestands mit noch weiten Lücken im Altbau der Städte, während sich ein Bad erst im Wohnungsneubau fUr die obere Mittelschicht als üblicher Wohnkomfort durchzusetzen begann. Berücksichtigt man darüber hinaus weitere Aspekte wie die zunehmende Heizbarkeit aller Räume, die Ausstattung mit Küchen etc., so zeigen die wichtigsten qualitativen Indikatoren der Wohnungsversorgung langfristig eine nachhaltige Verbesserung der Wohnstandards an. Stark vereinfacht könnte man die Lage der großstädtischen Wohnungsversorgung gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf die These bringen, daß die zentrale Problematik sich immer mehr vom Problem ihrer rein quantitativen Befriedigung weg auf das weiterbestehende Ausmaß der sozialen Disparitäten hin bewegte. Gesamtstädtische Indikatoren ermöglichen in den seltensten Fällen Aufschlüsse über soziale Ungleichheiten. Im Gesamtrahmen wohnungshistorischer Forschung müssen daher noch weitere methodische Ansätze zur Ergänzung und Erweiterung unserer Ergebnisse verfolgt werden. Zu nennen wären schichten- und gruppenspezifische Untersuchungen oder sozialräumlich angelegte, vergleichende Stadtviertelanalysen. In diesem Rahmen kann auf den sozialen Befund nicht im einzelnen eingegangen werden 3l • Es soll daher hier nur die Frage geprüft werden, ob die beobachtete langfristige Verbesserung der Versorgungs standards auch auf die Wohnsituation extrem unterversorgter städtischer Schichten durchschlug. In fast allen deutschen Städten schloß man sich zur statistischen Erfassung der gesundheits- und sozialpolitisch schlimmsten Mißstände im Wohnungswesen 30 Vgl. lohn von Simson: Kanalisation und Städtehygiene im 19. Jahrhundert, Düsseldorf 1983. 31 Vgl. dazu Wischermann, "Familiengerechtes Wohnen" (S. Anm. 29), ders. Wohnen und soziale Lage (s. Anm. 29), ders., Wohnen in Hamburg (s. Anm. 14), S. 251 ff. und 266 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobi1ität 119 v.H. 100 90 80 70 60 50 40 ---Berlin 30 - - - - München _._. _.- Frank~urt 20 10 1861 64 67 71 75 80 85 90 95 1900 05 1910 Abb. 8: Wohnungen mit eigenem Wasseranschluß in Berlin, München a) und Frankfurt a. M. 1871-1905 (in v. H.) a) München bewohnte Grundstücke. Quelle: Vgl. Angaben zu Abb. 7. v.H. 55 50 45 40 35 30 25 10 5 1880 Bad Wasserklosetts Gas zum Kochen Gas zur Beleuchtung 1885 1890 Elektr. licht Zentralheizung . _ . _ . _ . - . -fII~~""""'" 1895 1900 1905 1910 v.H. 55 45 40 25 20 15 10 5 Abb.9: Wandel der Wohnungsausstattung in Berlin von 1880--1910 (in v. H., nur Wohnungen ohne Gewerberäume) Quelle: Nach Siegfried Ascher: Die Wohnungsmiethen in Berlin von 1880--1910, Berlin 1918, S.109. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
126 Clemens Wischermann großen Mehrheit der Bevölkerung dürfe nach den bisherigen Erkenntnissen geurteilt werden, daß die Steigerung der Einkommen diejenige des Wohnbereichs weit übertroffen habe. Für die deutsche wohnungspolitische und wohnungsreformerische Diskussion haben diese Ergebnisse allerdings wegen des 1. Weltkrieges keine Bedeutung mehr gewinnen können. Tabelle 2: Die Schwabesehe Regel" des Verhältnisses von Einkommen und Miete, Originaldaten der frühesten Erhebung in Berlin 1867 Zahl der in jeder Einkommensklasse beobachteten Fälle 1861 1137 1070 1232 1024 702 475 456 232 422 288 271 210 128 94 36 43 40 Wenn der Durchschnittsbetrag des den Steuerstufen entsprechenden Einkommens beträgt Taler 1100 1300 1500 1800 2200 2600 3000 3400 3800 4400 5400 6600 8400 10800 14000 18000 26000 über 32000 so nehmen die Ausgaben für Miete davon in Anspruch Prozent 27,55 24,63 23,92 21,46 20,49 19,63 17,15 17,48 15,04 16,43 14,33 12,65 11,64 9,09 8,73 7,57 7,32 8,57 Quelle: Hermann Schwabe: Das Verhältnis von Miethe und Einkommen in Berlin, in: Berlin und seine Entwickelung. Gemeindekalender und Städtisches Jahrbuch 2 (1868), S. 264 bis 267, hier S. 266. v. "Die Großstadt mit ihrem ewigen Wechsel und lockeren Gefüge der Gesellschaft nimmt auch der Wohnung den stabilen Charakter, der ihr unter normalen Verhältnissen eigentümlich ist; sie gewöhnt den Menschen allgemach an das Umziehen, an jene schreckliche Quartalswanderung, bei der sich das Hab und Gut von durchschnittlich 20 000 Berliner Familien auf dem Möbelwagen herumtreibt, mit allen jenen Schrecknissen von verschabten und beschädigten Wandflächen, die man verläßt und die man vorfmdet, von abgestoßenen Möbelfüßen, schadhaften Haushaltsgegenständen, von tagelanger chaotischer Wirthschaft, gegen welche ein wandernder Zigeunerhaushalt ein Muster von Ordnung und Behaglichkeit genannt werden kann" 42. Dieser Ausspruch des Berliner Statistikers Her- 42 Hermann Schwabe: Das Nomadenthum in der Berliner Bevölkerung, in: Berliner städtisches Jahrbuch für Volkswirthschaft und Statistik 1 (1874), S. 29-37, hier S. 32. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität 127 mann Schwabeaus seinem berühmten Aufsatz von 1874 steht am Anfang des so oft wiederholten Bildes eines neuen Nomadenturns der städtischen Bevölkerung, der die moderne Großstadt zu einem "steinernen Zelt" geworden sei. Das rasche Bevölkerungswachstum der Städte und ein hohes Arbeitsplatzrisiko, der Wechsel des Wohnortes und des Arbeitsplatzes sowie fehlende soziale Sicherungen erforderten eine hohe Mobilität als Resultat einer instabilen Lebenslage. Schärfer noch als in den üblicherweise in den Blick genommenen Ziffern regionaler Wanderungsströme fand die neue städtische Gesellschaft ihren Ausdruck in der quantitativ umfangreichsten Form räumlicher Mobilität, dem innerstädtischen Wohnungswechsel. Der Wanderungsgewinn (d. h. die Differenz zwischen Zuwanderung und Abwanderung) läßt nur einen Bruchteil aller Mobilitätserscheinungen erkennen. Der tatsächliche Mobilitätsgrad der Großstädte wird auch im Wanderungsvolumen (also der Summe der Zu- und Abwanderungen) nur unvollkommen sichtbar. Denn die innerörtliche Mobilität, d. h. die innerstädtischen Umzüge, erreichten zahlenmäßig in etwa das gleiche Ausmaß wie der gesamte Wanderungsumschlag, ja sie übertrafen zeitweilig dessen Höhe 43 • Die Höhe der Umzugsbewegungen wurde primär von den konjunkturellen Bewegungen des Wohnungsmarktes gesteuert. Schwabe erkannte in Berlin bereits zu Beginn der 1870er Jahre, daß es die Bewegungen des Wohnungsangebotes waren, die in erster Linie die langfristige Wohnmobilität beeinflußten. Die saisonalen Umzugsbewegungen wurden hingegen von gewohnheitsmäßigen bzw. immer mehr gesetzlich fIxierten Kündigungs- und Mietzahlungsfristen gesteuert. Vor 1900 galten in den deutschen Großstädten allgemein für herrschaftliche Wohnungen halbjährliche Fristen, während für mittlere Wohnungen (von etwa 3-5 Zimmern) und ursprünglich auch für kleinere Wohnungen vierteljährliche Fristen üblich waren. Monatliche Kündigungs- und Mietzahlungsfristen waren zunächst nur in der Untervermietung (möblierter Zimmer) verbreitet. Erst nach der Einführung des BGB setzten sich die sog. "Monatswohnungen" in zunehmendem Maße im Kleinwohnungswesen der deutschen Großstädte durch. Angesichts der Schwäche der frühen Mieterorganisationen 44 beherrschten die Vereinigungen der Haus- und Grundeigentümer 45 mit von ihnen aufgestellten Vertragsformularen den Mietwohnungsmarkt. In ihnen wurden in weitem Umfang die gesetzlich möglichen Rechte der Mieter beschränkt. In Hamburg wurden beispielsweise in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg bei ansteigender Tendenz schätzungsweise 80-90 v. H. aller Vermietungen auf der 43 Vgl. Dieter Langewiesche: Wanderungsbewegungen in der Hochindustrialisierungsperiode: regionale, interstädtische und innerstädtische Mobilität in Deutschland 1880-1914, in: VSWG, 64 (1977), S. 1-40. 44 Vgl. P. G. Müller: Die deutschen Mietervereine, Diss. Leipzig, Stolp i. Porno 1908; 1. Herrmann: Geschichte der deutschen Mieterbewegung, Dresden 1925. 45 Vgl. Kurt Baschwitz: Die Organisation der städtischen Haus- und Grundbesitzer in Deutschland, Stuttgart und Berlin 1909; Alfred Baron: Der Haus- und Grundbesitzer in Preußens Städten einst und jetzt, Jena 1911. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
128 Clemens Wischermann Grundlage der Musterverträge des Grundeigentümer-Vereins abgeschlossen 46 . Anders als heute waren bis zum Ersten Weltkrieg in Deutschland zeitlich befristete, kurzfristige Mietverträge die allgemeine Regel. (Nur bei herrschaftlichen Wohnungen wurden zuweilen mehrjährige Mietverträge abgeschlossen.) Ebenfalls im Gegensatz zu heute zahlte man die Miete nicht am Anfang rur den folgenden Mietzeitraum ("praenumerando "), sondern in der Regel nach Ablauf des Mietzeitraums ("postnumerando"). Diese wenig beachtete Tatsache erklärt die Häufigkeit der zeitgenössischen Klagen von Vermietern und Hauswirten über sonst je 1000 der mitII. Jahresbevölkerung 4ror---~-----------------------------r420 400 350 300 250 " : \ " :' ,,' , , ". , \ \ A r, : \ '/. \ V V Ir ... \ , ... J \ I', \ ~ " \ " .' \ I, ' \ , ' ..... ,' , I \ \ ,,, ..... ,' \ \ I ..... wo' .~..,..~, •.. -.- Berlin ..... Hamburg - - -- Städte über 50000 Einwohner '-- 1888 90 92 94 96 98 1900 02 04 06 08 10 1912 400 350 300 25C Abb. 13: Umzüge in deutschen Großstädten 1888 bis 1912 (in v. Tds.) Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach Clemens Wischermann; Wohnen in Hamburg vor dem Ersten Weltkrieg, Münster 1983, S. 226; Dieter Langewiesche: Mobilität in deutschen Mittel- und Großstädten, in: Arbeiter im Industrialisierungsprozeß, hrsg. von Werner Conze und Ulrich Engelhardt, Stuttgart 1979, S. 77; Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin, Jg. 30 (1907), S. 82, Jg. 32 (1913), S. 4. kaum glaubhafte Mietverlustsummen, denn aus der Postnumerando-Zahlung resultierte das erhöhte Risiko bei der Vermietung an vermögenslose kleine Mieter, die kaum etwas besaßen, was einen Gegenwert darstellte. Erst seit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches 1900 wurde als Ersatz rur den Verlust des Kahlpfändungsrechts die Vorauszahlung der Miete allgemein üblich. Die Zahlung der Miete "praenumerando" reduzierte das Mietverlustrisiko des Vermieters erheblich, sie brachte aber rur den kleinen Mieter eine neue Belastung, da er nun vorab eine größere Summe rur Wohnzwecke ansparen mußte 47 • 46Vgl. Wischermann, Wohnen in Hamburg (s. Anm. 14), S. 222. 47 Vgl. Fritz Stier-Somlo: Unser Mietrechtsverhältnis und seine Reform, Göttingen 1902 (Die Wohnungsfrage und das Reich, H. 4). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität 129 2Ov.H. ::::::.::< ------------ :::: .... ---- ---------- ---- Beltin 1Ov.H. über 10 2Ov.H. 1Ov.H. 2Ov.H. 1Ov.H. . ......... ". ":':: .. ::: ---: . .. --- ......... --- ............. _- bis 1 1-2 2-5 5-10 über 10 2Ov.H. - ~ ......... - - - - - - - - --- Frankfurt .......... . ....... . .......... . ......... . .... . ..... . ....... . .......... . .... .. 10 v.H. _: .... - - - ... .......... . .. . - - -. :::::.:::: - -- :. bis 1 1-2 2-5 5-10 über 10 Abb. 14: Bezugsdauer der Wohnungen in deutschen Großstädten 1885 Quelle: Nach Statistisches Jahrbuch deutscher Städte, 1. Jg. (1890), S. 78. 9 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
130 Clemens Wischermann Am höchsten war die Wohnungsfluktuation innerhalb des ersten Jahres nach Bezug der Wohnung. Bei den 1885 erstmals in mehreren deutschen Städten in vergleichbarer Form durchgeftihrten Erhebungen der Wohndauer zeigte sich, daß zwischen einem Viertel und einem Drittel aller Wohnungen von ihren Mietern weniger als ein Jahr bewohnt wurden. Dennoch war das seit Schwabes Schilderungen aus dem gründerzeitlichen Berlin so gern gezeichnete Bild einer vierteljährlich umherirrenden städtischen Gesellschaft auch ftir weite Teile der Unterschichten irreftihrend. Dieter Langewiesches noch kürzlich im Anschluß an Schwabe und dessen Schilderung des Extremfalls Berlin in den extremen frühen 1870er Jahren aufgestellte These, vor allem die Mieter von Kleinwohnungen hätten ein "noma- Jahre ---1895 10 ------.-- 1910 8 6 4 2 Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach Statistik des Hamburgischen Staats, H. XIX, Hamburg 1900, S. 146 und H. XXIX, Hamburg 1919, S. 68. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnrnobilität 131 denhaftes" Dasein geführt 48 , muß mit Blick auf die Gesamtentwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts modifiziert werden. Ähnlich den Verhältnissen in Hamburg läßt sich in den von uns untersuchten Großstädten für das späte 19. Jahrhundert im Durchschnitt eine Wohndauervon rund vier Jahren annehmen; auch im Kleinwohnungsbereich hat die durchschnittliche Wohndauer zwischen drei und vier Jahren gelegen. Diese Zahlen sprechen insgesamt ftir eine höhere Wohnstabilität der großstädtischen Bevölkerung als man bisher angenommen hat. Vor allem nach der Jahrhundertwende zeigten auch im Kleinwohnungsbereich die Wohnmobilitätsziffern Anzeichen einer Stabilisierung und Beruhigung. Natürlich verdecken solche Durchschnittsziffern die große Streuung im einzelnen. Damals wie heute wird man feststellen, daß mit aufsteigender sozialer Schicht die durchschnittliche Wohndauer höher und die Wohnmobilität geringer wurde. Heute wird die Anpassung der Wohnungsgröße an die jeweilige Veränderung der Familiengröße im Laufe des Lebenszyklus als der wichtigste Umzugsgrund angesehen. Im späten 19. Jahrhundert ist als Ergebnis von Schichtungsanalysen davon auszugehen, daß erst in der oberen Mittelschicht die Wohnung nicht mehr an dem zur Verftigung stehenden Einkommen ausgerichtet werden mußte, sondern daß Wohnungsgröße und Ausgaben für die Wohnung sich am Wohnbedürfnis und an der Größe der Familie orientieren konnten. Die überproportional von den Unterschichten getragenen Umzugsbewegungen waren Ausdruck mangelhafter Wohnbedingungen, deren Verbesserung erstrebt wurde, mangelnder Rechtssicherheit, die keinen längerfristigen Kündigungsschutz kannte und großstädtischer Arbeitsverhältnisse, die vom Zwang zur räumlichen Nähe von Wohnung und Arbeitsplatz geprägt wurden 49 . VI. Der steigende Lebensstandard vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg verursachte im Wohnbereich vorrangig einen Abbau unzureichender Wohnungsversorgung im Zusammenhang mit einer Verkleinerung der Haushaltungsgemeinschaften bei gleichzeitigem Anstieg von Wohnkomfort und Wohnungsausstattung. Er ftihrte in seiner Gesamtheit aber noch nicht zu einer derartigen Höherbewertung des Gutes Wohnung im Einkommensbudget, daß eine Erhöhung der Mietausgaben über den Einkommenszuwachs hinaus zugunsten von mehr Quantität und Qualität erfolgt wäre, wie dies im 20. Jahrhundert zumindest partiell der Fall war. Dies hat in der Bundesrepublik teilweise dazu geführt, daß das "Schwabesehe Gesetz" im Längsschnitt auf den Kopf gestellt wurde und man in den neuesten Untersuchungen der 1960er und 1970er Jahre feststellte: 48 Dieter Langewiesche: Politische Orientierung und soziales Verhalten, in: Wohnen im Wandel, hrsg. von Lutz Niethammer, Wuppertal1979, S. 171-187, hier S. 172. 49 Vgl. Clemens Wischermann: Wohnquartier und Lebensverhältnisse in der Urbanisierung, in: Arno Herzig, Dieter Langewiesche, Arnold Sywottek (Hg.): Arbeiter in Hamburg. Unterschichten, Arbeiter und Arbeiterbewegung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, Hamburg 1983, S. 339-358, bes. 352 ff. 9" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
132 Clemens Wischermann "Je höher das Einkommen, desto höher dessen relative Mietbelastung" 50. Dies setzte einen Wandel in der Struktur des Haushaltungsbudgets voraus, in erster Linie ein Sinken des vorrangigen Anteils für die Ernährung, der vor dem Ersten Weltkrieg zwar schon einsetzte, sich aber erst später voll auswirkte. Der durch den Einkommenszuwachs entstehende zusätzliche Spielraum im Haushaltungsbudget scheint in erster Linie nicht von der Wohnung selbst, sondern von sekundären Wohnungsmerkmalen wie der Wohnungseinrichtung, von der besseren Befriedigung anderer Bedürfnisse wie der Kleidung und von neu entstehenden, zusätzlich hinzutretenden Ausgaben wie den Verkehrskosten aufgenommen worden zu sein. Hinter Fortschritten in der quantitativen und qualitativ-materiellen Wohnungsversorgung blieb die wohnungsrechtliche Verankerung eines Mehrs an Wohnsicherheit deutlich zurück. Die Rechtsstellung des Mieters blieb auch nach der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900, das u. a. mit der Beseitigung des verhaßten Kahlpfandungsrechts den Mietschuldner im Besitz lebensnotwendiger Dinge schützte, schwach. Die Härten der am Eigentum orientierten römischen Rechtstradition wurden zwar eingeschränkt und abgemildert, doch faktisch herrschte auch noch nach dem Inkrafttreten des BGB in Deutschland in der Beziehung zwischen Vermieter und Mieter eine fast unbeschränkte Vertragsfreiheit. Denn fast alle Vorschriften des BGB waren nur dispositiver Art, d. h. sie traten nur in Kraft, falls die vertragsschließenden Parteien nichts Abweichendes vereinbart hatten. Begünstigt durch die zunehmende Benutzung von Mietvertragsformularen waren von gesetzlichen Regelungen abweichende Vereinbarungen in der Praxis angesichts der Schwäche der frühen Mieterorganisationen wohl die Regel. Trotz der offenkundigen .8enachteiligung des Mieters war das Mietrecht auch nach Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches von der Fiktion beherrscht, daß hier Verträge zwischen zwei gleichberechtigten und gleichrangigen Partnern ausgehandelt und abgeschlossen würden. Es lag natürlich nahe, daß man bei der Untersuchung der Rechtsungleichheit im Mietrecht auf die deutlichen Parallelen zum liberalen Arbeitsvertrag stieß. Während die Probleme des modernen Arbeitsvertrages jedoch eines der Hauptthemen der Sozialpolitik des Kaiserreichs bildeten und schon vor dem Ersten Weltkrieg zu gesetzlichen Schutzvorschriften für die Arbeitnehmer führten, blieb die Diskussion um das liberale Mietrecht erstaunlicherweise sehr lange ein ausgesprochener Nebenschauplatz der deutschen Wohnungsreformbestrebungen und erhielt seine wesentlichen Impulse von den großen Tagungen des" Vereins für Socialpolitik" zur Wohnungsfrage 1872, 1886 und 1901. Hier konstatierte man, wie beim Arbeitsvertrag handele es sich darum, eine "durch die wirtschaftliche Ungleichheit drohende Rechtsungleichheit im Wege öffentlich recht1i~her Beschränkung der Vertragsfreiheit zu verhüten, oder, wenn sie eingetreten ist, auszugleichen" 5~ Korrektive gesetzlicher 50 Glatzer (s. Anm. 28), S. 644. 51 Vgl. (Karf) Flesch und Zirndorjer: Das Mietrecht in Deutschland, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik, Bd. 95, München/Leipzig 1901, S. 275-319, hier S. 283. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Wohnungsmarkt, Wohnungsversorgung und Wohnmobilität 133 Art oder als Resultat der Organisation von Mieterinteressen wurden aber bis zum Ersten Weltkrieg im Mietrecht noch kaum wirksam. Auf kommunaler Ebene, dem Hauptaktionsfeld der Wohnungspolitik bis zur Weimarer Republik, konnten sich Mietinteressen aufgrund eines den Haus- und Grundbesitz privilegierenden Wahlrechts kaum artikulieren, geschweige denn politischen Einfluß gewinnen. Eine positive Vorreiterrolle hat im Bereich der Wohnsicherheit aber sicherlich der gemeinnützige und genossenschaftliche Wohnungsbau gespielt. Die Entspannung im Kleinwohnungsbereich vor allem seit der Jahrhundertwende wurde geprägt von dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren: Die längerfristige Belebung der Bautätigkeit wurde gestützt durch mehr oder minder direkte kommunale Förderungen, erleichtert durch die Rückstufung baupolizeilicher Vorschriften und abgesichert durch die Minderung des Mietausfallrisikos als Folge der Einführung von Praenumerando-Mietzahlungen. Obwohl in der Folge die langfristige Verbesserung der Wohnungsversorgung auch die Unterschichten erreicht hat und vor allem der Prozentsatz extrem unterversorgter Gruppen kleiner wurde, behielt dieser bis zum Ersten Weltkrieg eine Größenordnung, zu deren Bewältigung wirtschaftliche Konzepte fehlten und politische Initiativen noch kaum realisiert wurden. So ist im Wohnungswesen trotz aller kommunalpolitischen Ansätze bis ins späte 19. Jahrhundert hinein die private Wohltätigkeit der Hauptträger der Wohnungsfürsorge geblieben. Letztlich hat es in Deutschlandwie im übrigen auch in England 52 -im 19. Jahrhundert keine befriedigende Lösung der Wohnungsprobleme für die untersten Bevölkerungsschichten trotz aller privaten und öffentlichen Wohnungsreformansätze in beiden Ländern gegeben. Sowohl Leistungsfahigkeit wie auch soziale Unzulänglichkeit des Wohnungswesens des 19. Jahrhunderts waren in weiten Teilen Folgen einer hochliberalen Wohnungswirtschaft. Hier wäre allenfalls durch eine starke staatlich-kommunale Interventionsbereitschaft Wandel zu schaffen gewesen, wozu eine Reihe von Grundlagen vor allem im Bereich der Kommunen bereits vor dem Ersten Weltkrieg geschaffen wurden. Erst in der Weimarer Republik griff der Staat über die Errichtung von Rahmenbedingungen hinaus dann auch tatsäChlich in die Produktion und Verteilung des Wohnungswesens steuernd ein. 52 Vgl. zur Entwicklung der englischen Wohnungsverhältnisse zuletzt die sehr gegensätzlichen Ansätze von lohn Burnett: Die Entwicklung englischer Arbeiterhäuser und ihre Raumnutzung im 19. Jahrhundert, in: Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, hrsg. von Hans l. Teuteberg, Münster 1985, S. 227- 256 und Richard G. Rodger: Die Krise des britischen Wohnungswesens 183G--1920, in: ebd., S.301-331. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
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Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik von der Weimarer Zeit bis zur Bundesrepublik* Von Günther Schulz, Bonn Die zeithistorische Forschung ist gegenwärtig dabei, die Ursachen, Rahmenbedingungen und Konstellationen der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Konstitutionsphase der Bundesrepublik neu und vielfach genauer zu bestimmen. Dabei kommt es in vielen Fällen zur Revision älterer Ergebnisse. Positionen wie die einer "Stunde Null", eines völligen Neubeginns oder einer vollständigen Restauration werden dabei nicht mehr vertreten!. Vielmehr zeigen sich am Beginn der Bundesrepublik auf vielen Feldern von Politik, Recht, Wirtschaft und Gesellschaft eher modiflzierte Kontinuitätslinien als fundamentale Brüche2• In der Konstitutions- und Frühphase der Bundesrepublik knüpfte man in vielen Fällen bewußt an Verhältnisse der Weimarer Republik an. Dies galt vornehmlich für die Konzeption und technisch-organisatorische Ausgestaltung der obersten Bundesorgane, bei denen man sich an die Konzeption der entsprechenden Reichsorgane anlehnte 3. Auch auf zahlreichen Rechtsgebieten, etwa dem Ord- * Die Darstellung konzentriert sich hier auf die Zeit bis zur Frühphase der Bundesrepublik. Eine auch nur annähernd umfassende Geschichte der Wohnungspolitik seit dem Ersten Weltkrieg ist hier nicht möglich und nicht intendiert. Dafür sei verwiesen auf die Werke von Blumenroth und Pergande (s. Anm. 9) sowie auf Dieter Häring: Zur Geschichte und Wirkung staatlicher Interventionen im Wohnungs sektor. Gesellschaftliche und sozialpolitische Aspekte der Wohnungspolitik in Deutschland, Hamburg 1974 (mit umfangreichem Literaturteil). Hinweise auf das Reichsgesetzblatt (RGBl.) und das Bundesgesetzblatt (BGBl.) beziehen sich jeweils auf deren Teil I. 1 Siehe Klaus-Jörg Ruhl (Hg.): Neubeginn und Restauration. Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1949, München 1982; Eberhard Schmidt: Die verhinderte Neuordnung 1945-1952. Zur Auseinandersetzung um die Demokratisierung der Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik Deutschland, 8. Aufl., Frankfurt/M.-Köln 1981. Siehe die Auseinandersetzung mit Abelshauser bei Rainer Klump: Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zur Kritik neuerer wirtschaftshistorischer Interpretationen aus ordnungspolitischer Sicht (= Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 29), Stuttgart 1985. 2 So auch Jürgen Kocka: 1945: Neubeginn oder Restauration? In: Carola Stern/Heinrich August Winkler (Hg.): Wendepunkte deutscher Geschichte 1848-1945, Frankfurt/Main 1979, S.141-168. Für die Wirtschaftsgeschichte siehe Knut Borchardt: Die Bundesrepublik Deutschland in den säkularen Trends der wirtschaftlichen Entwicklung, in: Ders.: Wachstum, Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik. Studien zur Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 50), Göttingen 1982, S.125-150. 3 Siehe im einzelnen Udo Wengst: Staatsaufbau und Regierungspraxis 1948-1953. Zur Geschichte der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland (=Beiträge zur OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
142 Günther Schulz 3. Die öffentliche Wohnraumbewirtschajtungschließlich wurde seit 1923 schrittweise gelockert und, wie durch Notverordnung vorgesehen, tatsächlich zum 1. April 1933 be endet. Die Nationalsozialisten nahmen sie allerdings drei Jahre später wieder auf31. Die zwangswirtschaftlichen Maßnahmen waren nur ein Kurieren an Symptomen des Wohnungsmangels. Abhilfe konnte nur der Bau neuer Wohnungen schatTen. Doch dazu war die Förderung des Wohnungsbaus durch den Staat erforderlich. Das große Wohnungsdefizit, die Baukostensteigerungen und der mit fortschreitender Inflation zunehmende Mangel an Realkredit wirkten stark mietpreistreibend 32 . Indem der Staat die Altbaumieten fixierte und hohe Neubaumieten sozialpolitisch unerwünscht und vielfach auch sozial untragbar waren, entstand das Dilemma der "unrentierlichen Kosten", das seither die ötTentliche Wohnungsbauförderung bestimmt: Die Miete reicht nur aus, um einen Teil der Baukosten zu verzinsen. Den anderen, "unrentierlichen" Teil der Baukosten deckte, damit überhaupt weiterhin Neubauten errichtet wurden, in irgendeiner Form der Staat 33 . Dies konnte nur in der Form der Kapitalsubvention geschehen, nicht mit Hilfe der Zinssubvention; denn an langfristigem (Hypothekar-)Kredit herrschte Mangelnicht nur während der Inflation bis zur Währungssanierung 1923, sondern auch (aus je unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlicher Intensität) in den "goldenen Zwanzigern", in der Weltwirtschaftskrise und nach der Währungsreform 1948 34 . Die Einftihrung der Kapitalsubvention in der Form einer objektbezogenen, am Gedanken der sozial tragbaren Miete ausgerichteten Wohnungsbauförderung war die Geburtsstunde des mit ötTentlichen Mitteln subventionierten sozialen Wohnungsbaus"35. 30 Der stärkste, allerdings singuläre Eingriff war die Reduzierung der gesetzlichen Miete um 10 auf rund 125 % der Friedensrniete durch die vierte Notverordnung (wie Anm. 67). Vgl. Holtgrave (s. Anm. 12) S. 86-89, 95; Pergande (s. Anm. 9) S. 97 ff. 31 Das ,,wohnungsmangelgesetz" i. d. F. vom 26.7.1923, RGBI. S. 754-758 (die Fassung vom 11. 5. 1920, RGBI. S. 949-953, enthält diese Bestimmungen noch nicht) gestattete bei durch Ausbau oder Teilung gewonnenem Wohnraum dem Vermieter, sich aus der Liste der Wohnungssuchenden bei der Gemeinde selbst einen Mieter auszusuchen und nahm u. a. Neubauten, die keine Zuschüsse aus Mitteln zur Wiederherstellung kriegszerstörter Gebiete erhalten hatten, von der Wohnraumbewirtschaftung aus; §§ 4, 12. Die vierte Notverordnung nahm teure Wohnungen, Wohnungen der gemeinnützigen Unternehmen und Werkswohnungen von der öffentlichen Bewirtschaftung aus und bestimmte den 1.4. 1933 als Termin, zu dem das Wohnungsmangelgesetz außer Kraft treten sollte (s. Anm. 25), hier Kap. Iv, Art. I, IV, VIII, S. 708 f. Vgl. Holtgrave (s. Anm. 12) S. 79 ff., 89, 96 ff.; Hirtsiefer (s. Anm. 9) S. 126-137. 32 Wie Anm. 20. 33 Vgl. Pergande S. 80 f.; Blumenroth S. 168 f., 252 f. (beide s. Anm. 9). 34 Während vor dem Ersten Weltkrieg I. Hypotheken bis zur Höhe von etwa 60 % des Bau- und Bodenwerts gewährt wurden, lag diese Grenze in den ersten Jahren nach der Inflation bei nur 30, später 40 %; Julius Brecht: Beiträge zur Frage der 11. Hypothek (= Forschungsstelle für Siedlungs- und Wohnungswesen an der Universität Münster i.W., Materialien- Sammlung 16), Münster 1935, S.15 f., 19. Vgl. Hirtsiefer(s. Anm. 9) S. 347-357, 412. Siehe im folgenden unten, Text bei Anm. 44. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik 143 Bei der Form der Finanzierung wurde anfangs, zwischen 1919 und 1923, noch experimentiert: Beihilfen, vornehmlich in der Form von verlorenen Zuschüssen aus allgemeinen Steuermitteln, wurden bald mangels ausreichender Haushaltsmittel wieder aufgegeben; vorübergehend wurden eine Wohnungsbauabgabe von den Mietern der billigen Altbauwohnungen erhoben und Mittel der produktiven Erwerbslosenftirsorge eingesetzt. Dies wurde von der Hyperinflation überrollt. Der bürokratische Gang der Erhebung, Bewilligung und Verwendung der Gelder konnte mit der galoppierenden Geldentwertung nicht Schritt halten. Im übrigen war es während der Hyperinflation kaum möglich, Realkredite zu erhalten 36 • Zum Motor des Wohnungsbaus zwischen 1924 und 1931 wurde schließlich die als "Hauszinssteuer" bekannte Gebäudeentschuldungssteuer auf die Hypotheken, die bei der Währungsreform mit 25 % umgestellt worden waren. Es handelte sich um eine "Geldentwertungsausgleichssteuer auf die bebauten Grundstücke". Neubauten unterlagen ihr nicht3? Drei Kennzeichen der Hauszinssteuerära seien hier angeführt: 1. Die Steuer verschaffte der öffentlichen WohnungsbaufOrderung dank hoher Erträge -zwischen 1925 und 1931 durchschnittlich 1,52 Mrd. Reichsmark pro Jahr38 -ein breites Fundament. Aber dieses Fundament war nicht sicher. Die Steuer war von Anfang an auch für den allgemeinen Finanzbedarf der Länder und Gemeinden bestimmt. Nur knapp die Hälfte des Aufkommens - 1925 bis 1931 durchschnittlich 46 % - diente der WohnungsbaufOrderung, der Rest dem allgemeinen Finanzbedarf. Dieser verschlang 1930/31, in der Finanznot der Weltwirtschaftskrise, auch die andere Hälfte. Seit 1932 war die Hauszinssteuer für die WohnungsbaufOrderung praktisch bedeutungslos. Sie wurde mehrfach modifiziert und fiel schließlich 1942 39 . Die Rückflüsse der einmal gewährten Hauszinssteuerdarlehen hingegen blieben Wohnungsbauzwecken vorbehalten und wurden nach 1945 von der Ministerialbürokratie in ein Argument für zentralstaatliche Wohnungsbaupolitik gewendet 4o • 35 Pergande (s. Anm. 9) S. 82. 36 Eine Zusammenstellung der Maßnahmen des Reichs zur Förderung der Neubautätigkeit unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gibt die Denkschrift 1922 (s. Anm.12) S. 3401-3430. Siehe im übrigen HirtsiejerS.139-152; PrellerS. 287 f.; Pergande S. 80-83; Blumenroth S. 182-188, 253-262 (alle s. Anm. 9); Greven. Die Finanzierung des Wohnungsneubaus, in: Gut (s. Anm. 9) S. 98-118, hier S. 100 ff. 37 Hirtsiejer(s. Anm. 9) S. 368 (Zitat) -404. Brecht(s. Anm. 34) S. 52 ff. Preller(s. Anm. 9) S. 333 f. Zur Hauszinssteuer und übrigen öffentlichen Förderung zwischen den Weltkriegen siehe den sehr informativen Aufsatz von Wilt (s. Anm. 9). 38 Die Zahlen im einzelnen bei Fey S. 12 und Witt S. 401 (beide s. Anm. 9). 39 Prozentsatz berechnet nach Wilt S. 401. Pergande S. 85-91; Lubowski S. 17 (alle s. Anm.9); Greven (s. Anm. 36) S. 102. 40 Die Zweckbindung der Rückflüsse erfolgte durch das Gesetz vom 22. 3. 1930 zur Änderung des Gesetzes über den Geldentwertungsausgleich bei bebauten Grundstücken vom 1.6.1926, RGBI. S. 91 ("Lex Lipinski''). Dazu Hans-Günther Pergande: Die staatlichen und gemeindlichen Hauszinssteuerhypotheken und ihre künftige Verwendung im Wohnungsbau. In: Arbeitsblatt für die Britische Zone, 2, 1948, S.197-199. Die Zweckbindung wurde in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
144 Günther Schulz 2. Da die Weimarer Verfassung dem Reich nur die Rahmenkompetenz für das Wohnungswesen gab, waren die Erhebung und Verteilung der Gebäudeentschuldungssteuermittel unter Rahmenvorgabe des Reichs Sache der Länder und Kommunen 41 • Diese setzten die Steuer, die als Mietsteuer in der Form eines Zuschlags zur Friedensmiete erhoben wurde, unterschiedlich fest. Daraus resultierten länderweise unterschiedlich hohe Mietpreissteigerungen; das war sozialpolitisch bedenklich und bot Anlaß, dem Reich die Kompetenz zur Festsetzung der Mindesthöhe für die gesetzliche Miete zu geben. Dies geschah 1925 und führte im folgenden Jahr zu einheitlichen Mietanpassungen in Deutschland 42 • Die Buntschekkigkeit der Landesbestimmungen stärkte aus sozialpolitisch-praktischen Gründen Forderungen nach mehr Reichskompetenz. 3. Die Steuererträge gaben dem Staat ein sozialpolitisches Lenkungsinstrument von größter Bedeutung in die Hand. Der private Wohnungsbau war bei der herrschenden Kapitalknappheit ohne öffentliche Zuschüsse praktisch nicht möglich und angesichts der zwangswirtschaftlichen Bindungen auch nicht attraktiv. Die Hauszinssteuermittel wurden als zweitstellige Hypotheken mit 1 bis 3 % Zins und 1 % Tilgung vergeben; hingegen kosteten erststellige Hypotheken am Kapitalmarkt in der zweiten Hälfte der 20er Jahre netto zwischen 8,5 und 10,5 %43. Die Struktur der Wohnungsbaufinanzierung wies einen geringen Eigenkapitalanteil, niedrige erststellige Beleihungsgrenzen und hohe öffentliche nachrangige Mittel auf. Der Typus der Finanzierung in den ersten fünf Jahren nach der Währungssanierung hatte folgende Form: 10 % Eigenmittel maximal 30-40 % I. Hypothek mindestens 50-60 % Hauszinssteuerhypothek. Seit Ende der zwanziger Jahre wurden die Hauszinssteuermittel insofern gestreckt, als für den Bereich zwischen der Beleihungsgrenze in Höhe von 40 % für die I. Hypothek und die Grenze von 60 % der Baukosten I-b-Hypotheken eingeführt wurden: Hypotheken des Kapitalmarkts, für die die Kommunen selbstschuldnerisch bürgten und bei denen nur noch die höheren Zinsaufwendungen (zeitlich befristet) aus Hauszinssteuermitteln subventioniert wurden. Damit war Preußen 1934/35 nicht eingehalten; so Brecht (s. Anm. 34) S. 103; ähnlich Blumenroth (s. Anm. 9) S. 257. 41 Nach der Reichsverfassung von 1871 hingegen hatte das Reich beim Wohnungswesen gar keine Kompetenz besessen (Art. 4). Zahlen für die Verteilung des Aufkommens und die Verwendung der Mittel nach Ländern und Kommunen bei Witt (s. Anm. 9) S. 401. 42 Gesetz über Änderungen des Finanzausgleichs zwischen Reich, Ländern und Gemeinden vom lQ. 8.1925, RGBI. S. 254-260, hier§ 11, Abs. 4, S. 257. Vgl. Preller(s. Anm. 9) S. 333. Siehe die Ubersicht über die gesetzliche Miete nach Ländern 1924-1927 bei Gut(s. Anm. 9) S.34. 43 Fey S. 12; Preller S. 384 f.; Pergande S. 88 (alle s. Anm. 9). Zur Höhe, Verzinsung, Tilgung etc. der Hauszinssteuerhypotheken siehe Hirtsiefer (s. Anm. 9) S. 391-402. Zur Höhe des Hypothekenzinses ebda. S. 409; Greven (s. Anm. 36) S. 99; Knut Borchardt: Realkredit- und Pfandbriefmarkt im Wandel von 100 Jahren. In: 100 Jahre Rheinische Hypothekenbank, Frankfurt am Main 1971, S. 105-196, hier S. 134. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik 145 das Prinzip der Zinssubvention in die Wohnungsbauförderung eingeführt. Der Typus der Finanzierung hatte nun die Form: 10 % Eigenrnittel maximal 40 % I. Hypothek 20 % I-b-Hypothek mindestens 30 % Hauszinssteuerhypothek 44 • Neubauten, die ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel errichtet worden waren, unterlagen zwar weder dem Mieterschutz noch der Mietpreisbindung noch (seit 1923) der öffentlichen Bewirtschaftung 45 • Doch ohne öffentliche Förderung hätten die Neubaumieten bei mindestens 300% der entsprechenden Vorkriegsmieten gelegen. Der Einsatz öffentlicher Mittel drückte die Neubaumieten auf150 bis 170 % der entsprechenden Friedensmieten herab, doch das war immer noch nicht das Niveau der Altbaumieten, die zu dieser Zeit (1927) 120 % der Friedensmieten ausmachten 46 • Die Länder benutzten die Gebäudeentschuldungssteuer zur Durchsetzung ihrer wohnungspolitischen Ziele: Der Werkswohnungsbau wurde von der Förderung ausgeschlossen 47 • Hauptträger wurden die gemeinnützigen BaugeseIIschaften. Diese konnten dadurch ihren Anteil an der Neubautätigkeit im Reich insgesamt von 28 % (1927) auf 40 % (1931) steigern; in den Großstädten war er noch weit höher. Der Bau von Mietshäusern lag nun fast ausschließlich bei den Gemeinnützigen 48 • 44 Die Wohnungsbaufinanzierung vor dem Ersten Weltkrieg hatte etwa folgende Form: 60--65 % I. Hypothek (zu 4 %) durch Realkreditinstitut oder öffentliche oder private Körperschaft; 20-30% 11. Hypothek (zu 4,75%) von Sparkassen, Versicherungsanstalten etc. 10-15 % private Restfinanzierung. Hirtsiefer S. 350 f. Vgl. ebenda S. 359, 402; Fey S. 13; Blumenrath S. 258 ff. (alle s. Anm. 9); Heinrich Jaschinski/Magda Klein: Art. Finanzierung des Wohnungsbaues. In: HwbStWS (s. Anm. 17) S. 607-626, hier 610 f. 45 Vom Mieterschutz ausgenommen waren auch die Wohnungen des Fiskus und der gemeinnützigen Baugesellschaften; siehe etwa RMG (1922) § 16. Vgl. Hirtsiefer S. 115 f.; Preller S. 287 f.; Pergande S. 99 (alle s. Anm. 9). 46 Denkschrift 1922 (s. Anm. 12) S. 13; Hirtsiefer (s. Anm. 9) S. 84, 100, 124, 356 f. Die Verordnung über Festsetzung einer Mindesthöhe der gesetzlichen Miete vom 11. 3.1927, RGBI. S.72, legte die gesetzliche Miete ab 1. 4. 1927 auf mindestens 110 %, ab 1. 10. 1927 auf mindestens 120 % der Friedensrniete fest. 47 Aufgrund der Erwägung, daß allgemeine Förderungsmittel nicht für Angehörige eines einzelnen Unternehmens eingesetzt werden sollten. Hingegen war der im Verbund von mehreren Werken geförderte Wohnungsbau unter Einschaltung gemeinnütziger Bauvereine mit Hauszinssteuermitteln förderungswürdig. Vgl. Hirtsiefer (s. Anm. 9) S. 389 f., 536. Ralf Spörhase: Wohnungs-Unternehmungen im Wandel der Zeit, Hamburg 1947, S.101. 48 Fey S. 18 f. Zahlen für Preußen 1920-1928 bei Hirtsiefer S. 500 ff.; vgl. ebenda, S. 83 f. (beide s. Anm. 9). Zu den Gemeinnützigen insgesamt siehe Heinzgearg Stöcker: Die Entwicklungsphasen in der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft unter dem Einfluß der Unternehmungsformen (= Schriften des Instituts für Wohnungsrecht und Wohnungswirtschaft an der Universität zu Köln 45), Bonn 1976, S.261 et passim. 10 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
146 Günther Schulz Die Länder versuchten, mit Hilfe der Mittel aus der Gebäudeentschuldungssteuer auch wohnungsreformerische Vorstellungen durchzusetzen 49 , doch dies gelang nur unzureichend. Die Wohnungsbauförderung war nicht mit genügend Druck zu billiger Bauausführung verbunden. Die Wohnungen waren "vielfach zu groß und zu aufwendig gebaut", als daß Arbeiter die Mieten hätten bezahlen können, und kamen so eher der zahlungskräftigen Nachfrage zugute 50. Die Hauszinssteuer wurde als politisch heftig umstrittene Umverteilung vom Althausbestand aufWohnungsbaugesellschaften zum "Sinnbild gemeinwirtschaftlicher Führung des Wohnungsbaues". Das war für das Ende der Hauszinssteuerära -neben der staatlichen Finanznot -offenbar mitverantwortlich 51 • Ferner bildete die staatliche Wohnungspolitik in der Weimarer Zeit ein breit gefächertes System von Instrumenten staatlicher Förderung (und Intervention) aus. So engagierte sich der Staat unmittelbar bei Wohnungsfürsorgegesellschaften: In Preußen entstanden -auch dies Kontinuität vom Kaiserreich zur Weimarer Republik - auf der Grundlage des preußischen Wohnungsgesetzes vom 28. März 1918 (Art. 8) bis 1925 dreizehn provinzielle Wohnungsfürsorgegesellschaften, oft unter der Bezeichnung "Heimstätte", als Instrumente der staatlichen Wohnungsreformpolitik. Es waren gemeinnützige Gesellschaften, privatwirtschaftlich, doch unter fmanzieller Beteiligung des Staates. Sie sollten die technische Entwicklung des Wohnungsbaus fördern, die Beschaffung von Baugelände, -stoffen und -kapi- talien vermitteln und erleichtern sowie sich ihrerseits an örtlichen gemeinnützigen Baugesellschaften beteiligen, also der Baubetreuung und Beschaffung von Zwischenkrediten dienen. Hauptziel war dabei, gute, doch preiswerte Kleinwohnungen zu schaffen und damit ein Defizit des rein privatwirtschaftlichen Wohnungsbaus zu überwinden 52 . Ferner gründete das Land Preußen gemeinsam mit den genannten Heimstätten 1922 die "Preußische Landespfandbriefanstalt" und beteiligte sich an ihr. Mit dem Ziel, erst- und nachstellige Realkredite vornehmlich für den Kleinwohnungsbau zu beschaffen, war sie ein staatliches Instrument zur gemeinnützigen Beeinflussung des Realkreditgeschäfts. Sie dehnte, 1951 in "Deutsche Pfandbriefanstalt" umbenannt, ihre Tätigkeit auch auf andere deutsche Länder aus. Ähnliche Institute, vornehmlich zur Beschaffung nachstelliger Grundkredite, gründeten andere Länder: Die Württembergische Landeskreditanstalt entstand 1924, die Lippische Wohnungskreditanstalt 1930, die Hamburger Baubank 1933, die Badische Landeskreditanstalt 1934 53 • Vornehmlich zur Erleichterung der Zwischenfinanzierung 49 Vgl. Hirtsiefer S. 481 ff., 532-544, insbes. 538; Preller S. 385, 488 f (beide s. Anm. 9). 50 Joachim Fischer-Dieskau: Einführung in die Wohnungs- und Siedlungspolitik. Grundlagen und Hauptprobleme, Berlin/Leipzig 1938, S. 81 (Zitat). Vgl. Fey S. 19,21 f; Blumenroth S. 261 f. (beide s. Anm. 9). 51 Zitat bei Preller (s. Anm. 9) S. 493. 52 Hirtsiefer(s. Anm. 9) S. 523-531. Spörhase(s. Anm. 47) S. 89,91,94 ff., 124 f Zur Definition der Reichsheimstätte siehe Anm. 60. 53 Siehe im einzelnen Lubowski, insbes. S. 8-12,19 f., 30, 51; HirtsieferS. 413-416; Pelg'ande 86 f. (alle s. Anm. 9). Für die Einrichtung öffentlich-rechtlicher Institute zur Vergabe OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik 147 schließlich gründete das Reich gemeinsam mit dem Reichsverband der provinziellen Wohnungsfürsorgegesellschaften 1923 die "Deutsche Wohnstätten-Bank AG" (seit 1926: "Deutsche Bau- und Bodenbank AG'). Die Bank übernahm später auch die Weiterleitung öffentlicher Wohnungsbauförderungsmittel an einkommensschwache Bevölkerungskreise und die Verwaltung der Darlehen sowie die Betreuung von Reichsbürgschaften für zweite Hypotheken 54 • Zur Bereitstellung von staatlichen Zwischenkrediten für die landwirtschaftliche Siedlung, zur Beschaffung der Mittel und zur Vereinheitlichung ihres Einsatzes diente schließlich die Deutsche Landessiedlungsbank, eine gemeinnützige Gründung des Reichs und Preußens aus dem Jahre 1930. Es war der Sache nach jedoch kein neues Instrument, sondern lediglich eine dauerhafte institutionelle Form für die Beteiligung des Reichs an Aufgaben, die zuvor Preußen wahrgenommen hatte 55. Die Deutsche Pfandbriefanstalt wie die Deutsche Bau- und Bodenbank AG und die Deutsche Siedlungsbank setzten ihre Arbeit sowohl in der NS-Zeit als auch in der Bundesrepublik fort. Die Wohnungsproduktion (Neubauten) der Weimarer Epoche stieg seit Kriegsende an bis zum Höhepunkt 1922 mit 124 273 Neubauten; das war allerdings nur etwa die Hälfte der Vorkriegsproduktion. In der Hyperinflation sank sie um ein Viertel, stieg anschließend dauernd an und erreichte und überschritt 1927 erstmals das Vorkriegsvolumen. Der Höhepunkt der Weimarer Wohnungsbautätigkeit lag im Jahr 1929 (315703). Von dort sank sie in der Weltwirtschaftskrise rasch bis auf 131160 (1932)56. Öffentliche Hände waren in den einzelnen Jahren zwischen 1920 und 1931 an der Finanzierung von 71 % (1921) bis 99 % (1923) aller Wohnungs- (Neu- und Um-)bauten beteiligt. Die öffentlichen Mittel deckten dabei 46 % (1928) bis 71 % (1925) der Baukosten5 ? Einzelne Förderungsinstrumente der Weimarer Republik können hier nur genannt werden: der Land- und Bergarbeiterwohnungsbau 58 und die Wohnungsfürsorge für Staatsbedienstete, Kriegsbeschädigte, -hinterbliebene und Obdachlose 59 , die Reichsbürgschaften, Reichsheimstätten 60 , Kleinsiedlungen; ferner die 11. Hypotheken in den Ländern seit 1919 siehe Brecht (s. Anm. 34) S. 69-73; Blumenroth (s. Anm. 9) S. 171. 54 Hirtsiefer S. 425-430; Pergande S. 86 f.; Blumenroth S. 171 1T., 176-l8l, 316-320 (alle s. Anm.9). 55 Heuer/Scheele (s. Anm.16) S.l1, 42 f. Blumenroth (s. Anm. 9) S.I71 ff. Zur Förderung der ländlichen Siedlung allgemein siehe Wilhelm Friedrich Boyens: Die Geschichte der ländlichen Siedlung. 2 Bde., BerlinlBonn 1959; insbes. über die deutsche Siedlungsbank Bd. I, S.437-440. 56 Siehe die beigefügte Tabelle, Spalte C. 57 Witt (s. Anm. 9) S. 403. 58 Zum Bergarbeiterwohnungsbau der Treuhandstellen mit Hilfe von Kohlepreiszuschlägen ab 1920 vgl. Spörhase (s. Anm. 47) S. 97-102; Pergande S. 83-85; Preller S. 494 f. (beide s. Anm. 9); Günther Schulz: Der Wohnungsbau industrieller Arbeitgeber in Deutschland bis 1945, in: Hans Jürgen Teuteberg (Hg.): Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, Münster 1985, S. 373-389. 59 Siehe dazu Blumenroth (s. Anm. 9) S. 232-246. 10' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
148 Günther Schulz Bausparkassen, die nach der Währungsreform von 1923 in großer Zahl entstanden, rasch aufblühten und nach einigen Mißständen seit 1931 durch das Reichsaufsichtsamt für Privatversicherungen beaufsichtigt sowie 1938 neu geordnet wurden (Kreditgewährung nur im nachstelligen Raum)61. Insgesamt gelang es der staatlichen Wohnungsbauförderung, die Bautätigkeit erheblich zu steigern. Das war insofern ein vergleichsweise erfolgreiches Ergebnis 62 der Weimarer Wohnungspolitik, als der Mietindex bis 1927 unter dem Vorkriegsniveau und bis zur Weltwirtschaftskrise deutlich unter den lebenshaltungskosten blieb, so daß es wenig attraktiv war, Kapital im Mietwohnungsbau anzulegen. Auch erschwerte die genannte außerordentliche Höhe der Hypothekenzinsen am Ende der 20er Jahre die Kapitalbeschaffung. Dennoch wurden unter diesen Bedingungen in nennenswertem Umfang Wohnungen gebaut, und Kleinwohnungen (mit einem bis drei Wohnräumen einschließlich Küche) hatten daran seit 1929 stark wachsenden Anteildas Maximum lag bei 53,7 % aller Wohnungsneubauten 1931 63 . Dies war überwiegend den öffentlichen Händen zu verdanken, die durch die Beschaffung und die günstigen Konditionen ihrer Kredite ein Treibhausklima schufen, in dem der Wohnungsbau überhaupt nur gedeihen konnte. Dennoch gelang es nicht, die Unterversorgung überhaupt und insbesondere den Mangel an Kleinwohnungen zu beheben. Der Fehlbestand an Wohnungen stieg von etwa 700000 (1925) bis auf rund eine Million (1932)64. Die öffentliche Forcierung des Kleinwohnungsbaus richtete sich zwar gegen ein strukturelles Defizit des privaten renditeinteressierten Wohnungsbaus, doch mit übermäßiger Beschränkung: Wohnungen mit 32 bis 45 qm, für Kinderreiche mit maximal 60 qm, wurden der Familiengröße der Arbeiter, für die sie gebaut wurden, nicht gerecht 65 • Die Weltwirtschaftskrise war für die Wohnungspolitik ein Desaster. Nicht nur, weil die Neubautätigkeit auf Grund des Ausfalls an Förderungsmitteln absackte, sondern auch, weil auf Grund der verheerenden Arbeitslosigkeit die zahlungsfähige Mietnachfrage einbrach. So kam es zu der paradoxen Situation, daß trotz des 60 "Heimstätte" ist ein mehrdeutiger Begriff, weil er für die Wohnungsfürsorgegesellschaften wie auch für die Reichsheimstätten verwendet wurde. Die Reichsheimstätte umfaßte Wohn- und Wirtschaftsheimstätten: Wohnhaus bzw. landwirtschaftliches Anwesen mit Landzulage, das durch Vorkaufs- und Heimfallsrecht des Ausgebers (Reich, Länder, Gemeinde[-verbände); mit Genehmigung der obersten Landesbehörden auch andere öffentliche Verbände und gemeinnützige Unternehmen) vor Spekulation geschützt war, Stempel- und Gebührenfreiheit genoß und nicht der Zwangsvollstreckung wegen einer persönlichen Schuld unterlag. Siehe das Reichsheimstättengesetz vom 10. 5. 1920, RGBI. S.962-970. Siehe dazu auch Pergande (s. Anm. 9) S. 75-78,93 f. Siehe auch oben, Anm. 52. 61 Vgl. Preller S. 489 f., Blumenroth S. 194-201 (beide s. Anm. 9). 62 Vgl. auch Witt (s. Anm. 9) S. 406. 63 Fey S. 16 f.; vgl. Preller S. 489 (beide s. Anm. 9). 64 Vgl. Denkschrift 1922 (s. Anm. 12) S. 48, 51; Fey S. 20, 51; Blumenroth S. 161; Lubowski S. 17 f. Für 1932 Hirtsiefer (mit Diskussion von Ergebnissen der Reichswohnungszählung) S. 89 ff. (alle s. Anm. 9). 65 Vgl. Hirtsiefer S. 537 f., 546 f.; Preller S. 484 f., 493 (beide s. Anm. 9). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik 149 großen Wohnungsmangels Ende 1932150 000 Wohnungen leerstanden 66 • Die Brüningsche Deflationspolitik setzte dagegen das Mittel einerseits der Zinsreduktion rur Pfandbriefe und andere festverzinsliche Wertpapiere, andererseits das der Mietzinsreduktion ein: Reduzierung der Höhe der Friedensmiete um 10 %67. Der Baukostenindex (1913 = 100) fiel von 178 (1929) über 156 (1931) auf 126 (1933). Sowohl die Löhne als auch die Baustoffpreise und die Kosten im Baunebengewerbe brachen ein 68 • Der Rückgang war eine singuläre, exzeptionelle Erscheinung seit dem Ersten Weltkrieg, und auch die Mietreduktion sowie der, in diesem Umfang, armuts bedingte Nachfrageeinbruch waren außergewöhnlich. Das Fiasko der Weltwirtschaftskrise war zweifellos ein gravierender Einschnitt in der Wohnungspolitik, weit stärker als es die Regierungswechsel zuvor und später waren. Aber es war nicht eigentlich ein Bruch der Wohnungspolitik, sondern durch und durch eine Ausnahmesituation, eine Phase extremer Not, in deren dünner Luft vorübergehend eine verkehrte Welt bestand. * Der Nationalsozialismus entwickelte "keine grundlegend neuen" wohnungspolitischen Ideen, und er besaß kein geschlossenes Wohnungsbaukonzept. Er übernahm die vorhandenen Instrumente, modifizierte sie und stellte sie in den Dienst seiner familien-, boden- und rassepolitischen sowie, mehr noch, rüstungswirtschaftlichen Ziele. Das Programm der NSDAP von 1920 -eher taktisches Instrument denn politisches Bekenntnis -griff bodenreformerische Forderungen auf (unentgeltliche "Enteignung von Boden rur gemeinnützige Zwecke, Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation"; Punkt 17), münzte sie antisemitisch um, formulierte aber keine wohnungspolitischen Grundsätze 69 • Es liegt nahe, das wohnungspolitische Leitbild des Nationalsozialismus im Kontext seiner Boden- und Bevölkerungspolitik zu sehen: die große, rur die Bedürfnisse einer mehrköpfigen Familie ausreichende Wohnung mit Landzulage, die die Familie wenigstens durch partielle Selbstversorgung bzw. landwirtschaftlichen Nebenerwerb mit dem Boden verbinden sollte. Tatsächlich fanden sich im 66 Fey S. 22, 38; Lubowski S. 17 f. Vgl. Blumenroth S. 244 (alle s. Anm. 9). 67 Vierte Notverordnung vom 8. 12. 1931, Erster Teil, Kap. III, § 1 bzw. Zweiter Teil, Kap. II, § 1 (s. Anm. 25), hier S. 702 bzw. 707. Vgl. Lubowski (s. Anm. 9) S. 18 f. 68 Siehe Spalte F in der beigefügten Tabelle; Fey (s. Anm. 9) S. 23, 65. 69 Das Programm ist u. a. abgedruckt bei Wo(fgang Treue: Deutsche Parteiprogramme seit 1861 (= Quellensammlung zur Kulturgeschichte 3), Göttingen etc. 4. Aufl. 1968, S. 156-159, hier 158. Siehe dazu Erhard Forndran: Die Stadt- und Industriegründungen Wolfsburg und Salzgitter. Entscheidungsprozesse im nationalsozialistischen Herrschaftssystem (Campus Forschung 402), Frankfurt/M.-New York 1984, S. 65,68,71,84; Boelcke (s. Anm. 4) S. 30 f.; Pergande (s. Anm. 9) S.101-104. Zur antisemitisch-instrumentalen Funktion der Ablehnung des Bodenzinses vgl. Wolfram Fischer: Deutsche Wirtschaftspolitik 1918-1945, Opladen, 3. Aufl. 1968, S. 52-55; Ludo(fHerbst: Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Die Kriegswirtschaft im Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Propaganda 1939-1945 (= Studien zur Zeitgeschichte 21), Stuttgart 1982, S. 68. Einen Überblick über den frühen NS-Wohnungsbau gibt Franz Seldte: Sozialpolitik im Dritten Reich 1933-1938, München-Berlin 1939, S. 143-212; ferner Fey (s. Anm. 9). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
150 Günther Schulz Nationalsozialismus agrarromantische und großstadtfeindliche Siedlungsvorstellungen; die Großstadtfeindlichkeit stützte sich u. a. auf die Befürchtung, daß die Enge der großstädtischen Mietskasernen Kinderarmut hervorbringe und daß die Anonymität und Bindungslosigkeit in der Großstadt soziale Unruhe begünstigen und soziale Kontrolle erschweren würden ?o. Der anfangs der dreißig er Jahre führende NS-Wirtschaftsideologe und Siedlungstheoretiker Gotifried Feder, bis 1934 Reichssiedlungskommissar, wollte "tausend entzückende kleine Städtchen" bauen mit Namen wie "Hitlerburg, Göringen, Frickhausen" und "Federfeld"71. Die von ihm propagierte, maximal 20000 Einwohner umfassende Kleinstadt sollte sowohl die Nachteile großstädtischen Lebens (als die er Kinderarmut, mangelnde Seßhaftigkeit sowie Unfallgefahren nannte) als auch die Nachteile des Dorfes (die er in zivilisatorischen Defiziten, fehlender Zentralität und Arbeitsmarktenge sah) vermeiden und die Vorzüge von Großstadt und Dorfverbinden. Die Kleinstadt sollte u. a. administrative und kulturelle Zentralität und partielle Eigenbedarfsdeckung sowie das "Heranwachsen einer erbgesunden Nachkommenschaft" sichern 72 • Doch Feder wurde schon 1934 politisch entmachtet; seine programmatischen Vorstellungen von 1934 über die "neuen Land- und Kleinstädte" wurden ebensowenig wie seine voluminöse Studie "Die neue Stadt" jemals zum offiziellen, verbindlichen Manifest der NS-Woh- nungspolitik. Die letztgenannte Studie, von Feder 1939, als Professor an der Technischen Hochschule Berlin, mit dem Untertitel "Versuch der Begründung einer neuen Stadtplanungskunst aus der sozialen Struktur der Bevölkerung" publiziert, stellte stadtplanerische Grundsätze für den Neubau von Städten mit etwa 20 000 Einwohnern auf; Feder wollte die totalitäre Präsenz von Partei und Staat mit den raumstrukturellen Prinzipien der Kernbildung und Durchgrünung und den Erfordernissen der gewerblichen Standortwahl, Verkehrs-, Versorgungs- und Freizeitleistungen und nicht zuletzt des Luftschutzes verbinden. In Feders Konzept der "Organischen Siedlung" schlug sich die nationalsozialistische Gemeinschaftsideologie nieder und spiegelten sich Reste berufsständischer Vorstellungen?3. 70 Vgl. Forndran (s. Anm. 69) S. 63-65, 71, 81; Christian Schneider: Stadtgründung im Dritten Reich. Wolfsburg und Salzgitter. Ideologie, Ressortpolitik, Repräsentation, München 1979, S. 113; Michael Wolffsohn: Industrie und Handwerk im Konflikt mit staatlicher Wirtschaftspolitik? Studien zur Politik der Arbeitsbeschaffung in Deutschland 1930-1934 (= Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 30), Berlin 1977, S. 130. 71 Joachim Fischer-Dieskau: Zum Problem der verwaltungsmäßigen Verankerung von Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung in den ministeriellen Instanzen des Reichs und der Bundesrepublik Deutschland -Rückblick und Ausblick. In: Victor-Emanuel Preusker (Hg.): Festschrift für Hermann Wandersleb zur Vollendung des 75. Lebensjahres, Bonn 1970, S. 113-143, hier S. 126 f. (Zitat). Vgl. Schneider (s. Anm. 70) S. 92. 72 Gott/ried Feder / Fritz Rechenberg: Die neue Stadt. Versuch der Begründung einer neuen Stadtplanungskunst aus der sozialen Struktur der Bevölkerung, Berlin 1939, S. 24-27 (Zitat S.26). 73 Vgl. ebenda, S. 22 et passim. Dazu auch Seldte (s. Anm. 69) S. 150-156. Zu Feder siehe auch Forndran (s. Anm. 69) S. 57-63, 80; Schneider (s. Anm. 70) S. 74 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik 151 Daß der Nationalsozialismus anfangs dem Bau von Einfamilienhäusern, vornehmlich einkommensschwacher (Arbeiter-)Familien, den Vorzug gab, war nicht Ausfluß Federscher Programmatik, sondern eine Fortführung entsprechender Projekte der Weimarer Regierungen bzw. resultierte aus beschäftigungspolitischen Überlegungen. Die Einfamilienhausförderung entsprach ebenso wohnungs-und bodenreformerischen Forderungen wie der Praxis einer Reihe anderer Staaten zur selben Zeit 74. Doch neben großstadtfeindlichen Strömungen wie denen Feders gab es im Nationalsozialismus von Anfang an auch Projekte zur Industrieförderung und zum großstädtischen Ausbau. Diese traten naturgemäß während der verstärkten Aufrüstung ab 1936 und der damit verbundenen Forderung der industriellen Entwicklung stark in den Vordergrund. Doch waren Agrarromantik und Massenwohnungsbau, Großstadtfeindlichkeit und Großstadterweiterung nicht die Stichworte für zeitlich aufeinanderfolgende Phasen. Diese Konzepte waren von Anfang an da, ungleichzeitig und konkurrierend 75 . Es gab keine geschlossene NS- Wohnungspolitik und -programmatik, sondern nur einzelne Planer, heterogene Planungen und individuelle Initiativen 76. In der praktischen Wohnungspolitik knüpfte der Nationalsozialismus an die Verhältnisse in der Weltwirtschaftskrise an und gestaltete sie in charakteristischer Weise um: Grundsätzlich privatwirtschaftlich 77, doch, insbesondere seit dem Zweiten Vierjahresplan von 1936, mit verstärkten Eingriffen zugunsten der staatlichen Wirtschafts- und Rüstungspolitik. In der Wohnungsbestandspolitik markierte das Jahr 1936 eine Wende: Die Wohnungszwangswirtschaft war bis 1933 aufgelockert und seitdem nicht mehr verändert worden. Mit Beginn des Zweiten Viedahresplans wurde die Zwangswirtschaft wieder ausgebaut: 1. Beim Mieterschutz wurden seit 1936 die Auflockerungen der Ära Brüning rückgängig gemacht. Er wurde bis 1943 mehrfach verstärkt und auffast alle Mietverhältnisse ausgedehnt 78. Eine interessante Neuerung war der "Deutsche Einheitsmietvertrag" von 1934. Er wurde auf Anregung des Reichsjustizministeriums vom Zentralverband der deutschen Haus- und Grundbesitzer und deIll Bund deutscher Mietervereine ausgearbeitet. Er war unverbindlich, doch von faktischer Wirkung. Darüber hinaus 74 Vgl. Schneider (s. Anm. 70) S. 23 f. 75 Vgl. ebenda, S. 113; Forndran (s. Anm. 69) S. 65, 71, 81. 76 Vgl. Forndran (s. Anm. 69) S. 80 f. 77 Vgl. Boelcke (s. Anm. 4) S. 30 f. Das galt auch für die NS-Nachkriegsplanungen von 1944. Vgl. Herbst (s. Anm. 69) S. 337 f. 78 Eine Ausnahme war die Verordnung über Änderungen des Mieterschutzrechts vom 7.11.1944 (RGBI. S. 319), die durch Lockerung des Mieterschutzes für kriegsbedingt vermietete Räume zum Abschluß solcher Mietverträge anreizen wollte. Siehe im einzelnen Holtgrave (s. Anm. 12) S. 90-94; Pergande (s. Anm. 9) S. 123 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
254 Dietmar Petzina 5. Die gesamtwirtschaftliche Wirkung kommunaler Finanzpolitik war prozyklisch. Ähnlich wie der Abbau der öffentlichen Ausgaben beim Reich und den Einzelstaaten bewirkte die Verringerung der kommunalen Ausgaben einen verstärkten inneren Krisendruck, ohne daß es freilich angesichts der gegebenen Finanzverteilung hierzu eine plausible Alternative gegeben hätte. 6. Die Vermutung erscheint gerechtfertigt, daß die politische Orientierung von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung in Bochum keine bedeutsame Rolle für die Gestaltung der Finanzpolitik gespielt hat. Die Aushöh/ung kommuna/politischer Zuständigkeiten seit 1930 degradierte die städtischen Entscheidungsträger und Verwaltungen zu nachgeordneten Instanzen von Reich und Einzelstaaten. Bedeutsamer wäre vermutlich die Frage, ob es angesichts des zentralisierenden Krisendrucks bedeutsame Unterschiede im Verhältnis der einzelnen Länder zu den Kommunen gegeben hat. Spätestens seit 1933 war allerdings auch diese Frage unwichtig geworden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Verdienst, Einkommen und Vermögen älterer städtischer Arbeiter während der Industrialisierung Von Peter Borscheid, MünsterlWestf. Die Urbanisierung des ausgehenden 19. Jahrhunderts kann, überspitzt formuliert, als ein Werk der Jugend angesehen werden. Die wichtigsten Träger des rapiden und jahrzehntelang anhaltenden Bevölkerungswachstums warenjunge Menschen. Die neue industrielle Gesellschaft, die zunächst fast vollständig mit den Bewohnern der Städte identisch war, erwuchs vor allem aus der permanenten Zuwanderung jüngerer Arbeitskräfte. Das Bild der schnell expandierenden Industriestädte kurz vor und nach der Jahrhundertwende muß von auffallend vielen jungen Menschen geprägt gewesen sein. Die Alten blieben hier noch mehr als auf dem Dorf eine kleine Minderheit, eine statistisch fast zu vernachlässigende Randgruppe, zudem von ökonomisch geringerer Bedeutung. In der Phase der beginnenden Hochindustrialisierung und Verstädterung war der alte Mensch darum auch kein Thema, das die öffentliche Diskussion sonderlich erregte. Zwar hatte der "Centralvereinjür das Wohl der arbeitenden Klassen" in Preußen angesichts der schwindenden Bedeutung der traditionellen patriarchalischen Fürsorge auf dem Land und der handwerklichen Zunftkassen bereits 1849 die Errichtung einer allgemeinen staatlichen Altersversorgungsanstalt ernstlich erwogen 1, und bald danach hatte es in den fünfziger und sechziger Jahren im Zuge der Knappschaftsgesetzgebung und der Neuregelung des gesamten Hilfskassenwesens sowie unter dem Anstoß der entsprechenden Reformen Napoleons III. in Frankreich weitere Diskussionen über neue Formen der Altersversorgung gegeben, doch wurde alles dies, so auch die Bemühungen des freikonservativen saarländischen Großindustriellen Carl Ferdinand Freihe" von Stumm-Halberg um Aufbau eines umfassenden Zwangskassensystems, noch unter dem Blickwinkel der alten Arrnenftirsorge gesehen. Ein großer Problemdruck war noch nicht vorhanden. Zahl und Anteil der alten Menschen waren auf Grund der geringen durchschnittlichen Lebenserwartung verglichen mit heute sehr gering und der Sinn der Familienhilfe zudem noch erheblich ausgeprägter. Lediglich 4,6 Prozent der Bevölkerung des Deutschen Reiches waren im Jahr 187165 Jahre und älter gegenüber 14,9 Prozent im Jahre 1982. Noch eindeutiger befand sich in denjungen Industriestädten die Altersgruppe der über 65jährigen in der Minderheit; ihr Anteil 1 Vgl. Jürgen Reulecke: Zur Entdeckung des Alters als eines sozialen Problems in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Gerontologie und Sozialgeschichte, hg. v. Christoph Conrad und Hans-Joachim von Kondratowitz, Berlin 1983, S. 417 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
256 Peter Borscheid schwankte hier zwischen einem und zwei Prozent2. Auf noch einen geringeren Anteil kamen auf Grund der bekannten sozialen" Ungleichheit vor dem Tod" die älteren Arbeiter. Dies ist die eigentliche Ursache, weshalb die neue Altersproblematik im 19. Jahrhundert nur vereinzelt klar erkannt wurde, obwohl bei steigender Lebenserwartung und rascher Ausformung der industriellen Gesellschaft seit Ende des Jahrhunderts die Zahl der alten Arbeiter, die ohne geregeltes Einkommen und ohne Schutz durch die Familie waren, in den Städten sprunghaft anwuchs und ihre soziale Absicherung nicht mehr mit den Mitteln der agrarischen Gesellschaft noch mit der Solidarität des Handwerks zu gewährleisten war. Ein bloßer Ausbau der alten Armenftirsorge verbot sich angesichts der wachsenden sozIalen und politischen Emanzipation der Arbeiterschaft. Wenn im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die Probleme der Altersversorgung der Arbeiter erörtert wurden, erfolgte die Diskussion dieser Frage nie isoliert, sondern war eingebettet in die breite Problematik der gesamten ,.Arbeiterfrage" mit ihren sozialen und politischen Komponenten, oder es standen ordnungspolitische Überlegungen im Vordergrund, wie bei Adolf Wagner, der in seiner aufsehenerregenden Schrift "Der Staat und das Versicherungswesen" aus dem Jahre 1881 rur eine Verstaatlichung des Versicherungswesens plädierte und damit rur eine Organisation der lebensversicherung durch den Staat. Die Altersfrage an sich galt noch immer als zweitrangig. Darauf hatte neben anderen bereits Max Hirsch, der Gründer der Deutschen Gewerkvereine, im Jahre 1874 hingewiesen, als er betonte: "Gewiß ist es höchst wünschenswert, daß der junge Mann und das junge Weib, die heute in eine Spinnerei oder in eine Glashütte eintreten, die Sicherheit erlangen, nach zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren, falls sie arbeitsunfahig werden, nicht Not leiden. Aber es ist noch unendlich wünschenswerter und wichtiger, daß diese jungen Leute nicht während der zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre ihrer Arbeitsfahigkeit Not leiden, nicht durch ungenügenden Lohn, übermäßige Arbeitszeit, schlechte und mangelhafte Nahrung, ungesunde Wohnung u. s. w. einem elenden Leben, einem frühen Siechtum und Tode verfallen"3. Ähnlich argumentierte 1879 Lujo Brentano, als er die rein rhetorische Frage stellte, was dem Arbeiter wohl eine Altersversicherung oder -kasse nütze, wenn er in Zeiten von Krankheit oder Arbeitslosigkeit seine Beiträge nicht entrichten könne und seine Ansprüche verlöre4• Noch Ende der achtziger Jahre erklärte Bismarcks langjähriger Berater Theodor Lohmann, nicht die materiellen Mißstände -u. a. im Alter -seien das zentrale Übel der Fabrikarbeit, sondern der mangelnde Arbeiterschutz und die Lücken des Arbeitsrechts 5. 2 Vgl. die Altersstatistik von Ruhrgebietsstädten bei Heinz Reif: Soziale Lage und Erfahrungen des alternden Fabrikarbeiters in der Schwerindustrie des westlichen Ruhrgebiets während der Hochindustrialisierung, in: Archiv für Sozialgeschichte 22 (1982), S. 6 f. 3 Zit. nach den Schriften des Vereins für Socialpolitik 9, Leipzig 1875, S. 79. 4 Lujo Brentano: Die Arbeiterversicherung gemäß der heutigen Wirtschaftsordnung, Leipzig 1879, S. 192. 5 Hans Rothfels: Theodor Lohmann und die Kampfjahre der staatlichen Sozialpolitik, Berlin 1927, S.75. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Verdienst, Einkommen und Vermögen älterer städtischer Arbeiter 257 Noch stärker tritt das Sekundäre der Altersproblematik bei Bismarck selbst zum Vorschein, den zwar auch religiös-ethische und humanitäre Impulse zum Aufbau der Sozialversicherung bewegten, der aber ähnlich wie Napoleon III. hoffte, durch "die Züchtung einer zahlreichen Schicht kleiner Staatsrentner"6 deren Loyalität erkaufen und sie gegenüber der "Lockpfeife" der Sozialisten immunisieren zu können. Das politische Kalkül überdeckte hier größtenteils die Erkenntnis der Altersproblematik. Zwar sah man, daß sich mit zunehmender Urbanisierung immer größere Arbeitermassen in den Städten zusammenballten, daß aber auch eine zunehmende Zahl dieser Arbeiter in der Stadt auch ihren Lebensabend verbringen würde, sah noch kaum jemand. Man war sich sicher, sie würden auf das Land mit seinen geringeren Lebenshaltungskosten zurückkehren und setzte die Renten entsprechend niedrig an. Als im Jahre 1885 eine umfassende Armenstatistik ftir das gesamte Deutsche Reich erstellt wurde, konnte der sachkundige Interpret aus diesen Zahlen bereits unschwer herauslesen, daß die Altersproblematik in den Industriestädten zwar noch immer kein vordringliches Problem darstellte, aber er mußte auch erkennen, daß sie rasch wachsend an Bedeutung gewann. Während in einem Agrarstaat wie Bayern nur 2,8 Prozent der Einwohner von der öfTentlichenArmenftirsorge unterstützt wurden, waren es in industriellen Zentren wie Berlin und Hamburg bereits 6,6 bzw. 9,7 Prozent 7bei überproportionalem Anstieg der unterstützten Personen in diesen und anderen Industriestädten. Diese Unterstützungsempfanger setzten sich erfahrungsgemäß in der Mehrzahl aus alten und alleinstehenden Personen zusammen. Als erster reagierte der" Vereinfiir SOda/politik" auf diese Zeichen und erwog im Jahre 1886, die Altersfrage gesondert zum Gegenstand einer ausgedehnten empirischen Enquete und einer Generalversammlung zu machen. Es dauerte dann aber doch bis zur Jahrhundertwende, bis der Verein die alten Menschen als Teil der ,,Arbeiterfrage" endgültig entdeckte und in seinen Untersuchungen über Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft in der modernen Großindustrie versuchte, Licht in die in mehrfacher Hinsicht dunklen Jahre des alten Arbeiters zu bringen. Über vage Aussagen zum Lebensstandard und zur Lage dieser Menschen ist man damals jedoch nur selten hinausgekommen. Aufbauend auf diesen ersten Pionieruntersuchungen des Vereins fiir Soda/- politik hat man erst wieder in den vergangenen Jahren mit Hilfe des lebenszyklischen Ansatzes versucht, die materielle Lage der industriellen Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts auch quantitativ genauer zu bestimmen. Die dabei entwickelten sogenannten "Lebensverdienstkurven" sehen fast durchgängig eine sehr ausgeprägte Altersarmut, die etwa mit dem 40. Lebensjahr eingesetzt haben soll undje 6 Klaus Saul: Hundert Jahre Sozialversicherung in Deutschland, in: Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft 1980, H.2/3, S.183. 7 Vgl. Gerhard A. Ritter: Staat, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Deutschland, Berlin, Bonn 1980, S. 54 f. 17 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 156 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
258 Peter Borscheid nach Beruf sehr schnell dramatische Formen annahm (Abb.l u. 2jB. Es sind jedoch erhebliche Zweifel an der Aussagekraft dieser ersten Berechnungen angebracht, weil nämlich nur Durchschnittslöhne einzelner Berufsgruppen zugrunde gelegt wurden. Sie werden dabei vielfach interpretiert, als handele es sich hierbei um Gesamteinkommen. Zudem werden mit diesen Berechnungen nur die in älteren Jahren noch weiter beschäftigten Arbeiter erfaßt, nicht jedoch die aus irgendeinem Grund aus der Industrie Ausgeschiedenen. Jahreslohn In Mk. 600 SOO 300 200 100 Alter: Schmiede /,,_._._. - - - - - '\ Dreher . .' ................... , ............ . /</-"~ Schl~s~e~ - - - - - - -"~.- - - -"', ,.1.-;;';' '. " i" '. \. J. ' , " I" ". , .,~' , , j;' , " /'/ Fabrikarbeiter \.', ". , , '. Jahreslohn in Mk. 600 SOO 400 300 200 100 ". ' . " .... , '. , '. 14 20 30 3S 40 4S so SS 60 Jahre Abb. 1: "Lebensverdienstkurven" von Arbeitern der Maschinenfabrik Eßlingen vor 1870 Tagesverdienst in Pfg 600 Schlosser ,-,,- ... Tagesverdienst in Pfg. ,., ... ",=---. --'--.--.::..:: .... . ~ .. ---. Ubrige Gelernte '-""'~ _ ~"," '\ 600 400 ~:.,-- '- .?~'~~" _--------.,.--------'-l,\...--l- 400 An- u. Ungelernte \ 200 \ 200 SI/60 60 u. mehr Abb. 2: Relative Verdienstaussichten von Arbeitern einer süddeutschen Lokomotivenfabrik 1891 8 Nach Heilwig Schomerus: Die Arbeiter der Maschinenfabrik Esslingen, Stuttgart 1977, S. 149; HermannSchäjer: Die Industriearbeiter, in: Sozialgeschichtliche Probleme in der Zeit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Verdienst, Einkommen und Vermögen älterer städtischer Arbeiter 259 Daran anknüpfend will der anschließende Beitrag folgende zentrale Fragen beantworten: War das Alter um die Jahrhundertwende in den Städten wirklich schon zu einer neuen "Sozialen Frage" geworden? Gingen die vielfach festgestellten Lohn- und Einkommenssteigerungen der Hochindustrialisierung am älteren Arbeiter spurlos vorbei? Und weiter: Wurden die alten Menschen von der Industrie nach Überschreiten einer bestimmten Jahresschwelle wirklich rücksichtslos abgestoßen, um anschließend in den Städten als Notleidende dahinzuvegetieren? Es soll versucht werden, durch einen Vergleich mit der vor- und frühindustriellen Zeit und über eine Gegenüberstellung mit den Selbständigen die bisherigen Aussagen relativierend zu überprüfen und anband neuer Quellen zu veranschaulichen. Alfred Weber hat als einer der ersten Sozialwissenschaftler das 40. Lebensjahr als den "entscheidenden Knick" im Berufsschicksal der Industriearbeiter erkannt, weil viele kurze Zeit später "zu den Taglöhnerarbeiten, zum Packen, Kehren, Fahren und ähnlichen Dingen" ab sanken, andere in einen neuen Berufüberwechselten, sich mit Handlangerarbeiten über Wasser hielten oder aufs Land zurückkehrten 9• Er faßte die Unterschiede zwischen Selbständigen und Lohnarbeitern in den Worten zusammen: "Der Unternehmer ist mit über 40 Jahren erst auf seiner Klimax, der Beamte rückt erst dann in die höchsten Posten ein, die man ihm geben will, und auch der alte Handwerker konnte, wenn der von 40 Jahren an vielleicht weniger mehr in der Werkstatt tat, sich von da an um so mehr in der Zunft und Ähnlichem betätigen. Der heutige Proletarier anders! Dann, wenn er auf der Höhe seiner geistigen Kräfte steht, dann bricht sein Berufsdasein plötzlich vor ihm zusammen, dann sieht er einen Abgrund, in den er hinabstürzt, oder wenn es besser steht, eine schiefe Ebene, die ihn hoffnungslos schließlich doch da hinabführt"lO. Eine dieser Untersuchungen des Vereins fiir Socialpolitik schließt Dora Lande mit der Feststellung, "daß die Berliner Maschinenindustrie ihre gelernten und ungelernten Arbeiter im allgemeinen in einem Alter aufgebraucht hat, in dem der Mann der bürgerlichen Berufe sich meist noch in der Fülle der Kraft befindet, und gerade das Beste und Reifste hervorbringen kann"ll. In der Regel mußte der Arbeiter in der Tat ab dem 40. Lebensjahr spürbare Lohneinbußen hinnehmen. Er konnte seine früheren Akkordleistungen nicht mehr halten oder wurde von der Werksleitung in eine niedrigere Lohngruppe eingestuft. In seiner Untersuchung über die Arbeiterschaft einer Berliner Kabelfabrik zeigt Bienkowski, daß die Leistungsfähigkeit der Drahtzieher und Schmelzer nach der Hochindustrialisierung (1870-1914), hg. von Hans Pohl, Paderborn 1979, S.186-202; Ders.: Arbeitsverdienst im Lebenszyklus, in: Archiv ftir Sozialgeschichte 21 (1981), S. 245 bis 255. 9 Alfred Weber: Das Berufsschicksal der Industriearbeiter, in: Archiv ftir Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 34 (1911), S.384. 10 Ebenda, S.388. 11 Dora Lande: Arbeits- und Lohnverhältnisse in der Berliner Maschinenindustrie zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Schriften des Vereins ftir Socialpolitik 134, Leipzig 1910, S.400. 17" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
260 Peter Borscheid dem 38. bzw. 42. Lebensjahr steil abfiel 12 (Abb. 3), und auch Günther Schulz zeichnet für die Drahtzieher bei FeIten & Guilleaume fast deckungsgleiche Leistungskurven, deren Spitzen zwischen dem 32. und 38. Lebensjahr lagen 13. [00 80 70 v.H. .-- , ,. /Spinner u. i Weber 20 30 .... , ',~ - --, ,Drahtzieher , , , , 50 , , , , , , Jahre Abb. 3: Akkordleistungen von Metall- und Textilarbeitern nach Lebensalter 1908 90 80 70 Diese Einbußen fielenje nach Beruf mehr oder minder hoch aus und setzten zu verschiedenen Zeitpunkten ein. Hohe körperliche Anforderungen und scharfe Akkordsysteme ließen die Arbeiter rascher an das Ende ihrer Leistungsfähigkeit gelangen als weniger anstrengende Arbeiten 14, und Spezialisten mit mehrjähriger Berufserfahrung konnten sich länger halten als schnell angelernte Arbeitskräfte. Die Untersuchung über die Arbeiter der Wiener Siemens-Schuckert-Werke kam unter anderem zu dem Schluß, daß Hilfsarbeiter zwar auf einen frühen Anstieg ihres Lohnniveaus hoffen konnten, im Vergleich zu den qualifizierten Arbeitern aber auch ein frühes Absinken hinnehmen mußten, da es bei ihnen "mehr auf die körperliche Kraft ... als auf die durch lange Übung erworbene Geschicklichkeit" ankam 15. Bienkowski fand in einer Berliner Kabelfabrik heraus, daß ,je höher gei- 12 Von Bienkowski: Untersuchungen über Arbeitseignung und Leistungsfähigkeit der Arbeiterschaft einer Kabelfabrik, in: Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft in der Elektroindustrie, Buchdruckerei, Feinmechanik und Maschinenindustrie, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik 134, Leipzig 1910, S. 24 f. - Weber: Berufsschicksal (s. Anm. 9), S. 385 t1 13 Günther Schutz: Die Arbeiter und Angestellten bei Felten & Guilleaume, Wiesbaden 1979, S.224. 14 Vgl. Marie Bernays: Berufswahl und Berufsschicksal des modemen Industriearbeiters, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 35 (1912), S.13l. 15 Julius Deutsch: Auslese und Anpassung der Arbeiter in den österreichischen Siemens- Schuckert-Werken in Wien, Leipzig 1910. Zit. nach Schäfer: Industriearbeiter (s. Anm. 8), S.189. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Verdienst, Einkommen und Vermögen älterer städtischer Arbeiter 261 stige Ansprüche an die Arbeiter gestellt werden, je mehr das Resultat der Arbeit von dem Maß der erlangten Erfahrung abhängt, desto weiter wird sich das Verdienstmaximum mit steigendem Lebensalter verschieben"16. So stiegen im Gegensatz zu den Löhnen die Gehälter der Meister bei FeIten & Guilleaume zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch nach dem 40. Lebensjahr weiter an und die über 60jährigen brachten ein höheres Gehalt mit nach Hause als ihre um zehn Jahre jüngeren Kollegen 17. Ein Großteil der Facharbeiter und erst recht der angelernten Arbeiter wurde als Folge ihres Leistungsverlustes nach dem 40. Lebensjahr entlassen, andere mußten mit weniger anstrengenden, aber auch schlechter entlohnten Arbeiten Vorlieb nehmen. Das Schicksal der ersten Gruppe veranlaßte 1913 einen Gewerkschafter zu dem negativen Resümee: "Industrie und Handel nehmen für sich die Altersklassen in Artspruch, in denen der Arbeiter die größte Leistungsfähigkeit besitzt. Wie in der Produktion die verbrauchten Stoffe aufgehäuft und als Abfall fortgeworfen werden, so merzt man auch das Arbeitermaterial aus, sobald sein Nutzwerk gesunken ist. Für den Rest seiner Tage muß dann der Arbeiter sein Leben kümmerlich mit Almosen oder der Armenpflege oder mit einer dürftigen Unterstützung aus der Arbeiterversicherung fristen. Während in den höheren Gesellschaftsklassen mit dem 30. Jahr erst der soziale Aufstieg beginnt, sinkt der Arbeiter um diese Lebenszeit bereits in seiner Schaffenskraft, um mit dem 40. Jahr in der Regel als verbraucht ausrangiert zu werden"18. Wie viele Arbeiter auf diesen Weg gezwungen wurden, vermag man heute auch nicht mehr annäherungsweise zu sagen. Heißt das aber nun, daß die Masse der alternden Fabrikarbeiter als ein Heervon Bettlern die Städte bevölkerte? Entgegen dieser pessimistischen Annahme machte Dora Lande unter den Berliner Maschinenarbeitern ganz andere Beobachtungen. Sie schreibt über die, welche aus Altersgründen aus der Industrie ausschieden: "Diejenigen, die imstande waren, ein kleines Kapitel zurückzulegen, machen sich in späterem Alter selbständig, d. h. sie richten eine kleine Werkstatt für Reparaturen, oft verbunden mit dem Verkauf von Werkzeugen usw. ein, oder ein anderes kleines Geschäft, bei dem die Frau mithelfen kann. Artdere, die noch kräftig genug sind, versuchen eine HausverwaltersteIle zu erlangen, in der sie ihre technischen Kenntnisse verwerten können. Diejenigenjedoch, die weder ökonomisch noch körperlich dazu befähigt sind, sich in dieser Weise weiter zu helfen, wandern schließlich als gewöhnliche Arbeiter von Betrieb zu Betrieb, halten bei der stark verbreiteten Überzeitarbeit nirgends lange aus, ohne zu erkranken, und gehen dann als Gelegenheitsarbeiter rasch ihrem Ende entgegen. Allerdings bietet ihnen in vielen Fällen die eigene Familie oder auch Verwandte einen Halt. So erwartet den alternden Arbeiter, meist schon vom 50. Lebensjahr an, ein unsäglich 16 Bienkowski: Untersuchungen (s. Anm.12), S.30. 17 Vgl. Schutz: Die Arbeiter (s. Anm.13), S. 310. 18 Robert Schmidt: Verbrauchte Arbeitskräfte, in: Sozialistische Monatshefte 1913, 11, S.910f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
262 Peter Borscheid trübes Dasein"19. Ähnlich holt sich der aus der Schuhindustrie ausgeschiedene "gelernte Schuhmacher ... dann seinen verlassenen Hammer und Knieriemen, und er nährt sich schlecht und recht als Flickschuster" oder hofft, daß ihn seine Söhne nicht verhungern lassen 2o • Über die Gruppe derer, die weiter in der Fabrik blieben, sagte 1911 Heinrich Herkner: Ist es dem Fabrikarbeiter "im 40. Jahre noch nicht gelungen emporzusteigen, so ist ein allmähliches Herabsinken schwer zu vermeiden. Hat ein Arbeiter längere Zeit in einem Unternehmen gearbeitet, darf er wohl darauf rechnen, einen noch relativ gut bezahlten Ruheposten als Portier, Nachtwächter oder ähnliches zu erhalten. Aber die Zahl dieser Stellen ist viel zu beschränkt, um die große Mehrzahl vor der ungünstigen Wendung im Berufsschicksal zu behüten'<21. Im Bergbau galten die Stellen als Zimmer- oder auch als Reparaturhauer als Auffangposition Hir ältere Hauer, die in noch höherem Alter als Badewärter, Putzer, Tor- oder Nachtwächter endeten 22 • Wie Heinz ReifHir das Ruhrgebiet nachgewiesen hat, hielten die Unternehmer sich zwar an das Prinzip, möglichst keinen über 40- bis 50jährigen Arbeiter mehr einzustellen, entließen aber wann immer möglich auch keinen der älteren Arbeiter und bemühten sich, diese bis zu ihrem Tod bzw. bis zum Eintritt der Invalidität weiter zu beschäftigen. Möglich wurden diese Bemühungen vor allem in der Schwerindustrie durch hohe Invaliditätsraten bzw. durch einen relativ frühzeitigen Tod 23 sowie infolge der länger- und mittelfristig sehr starken Expansion der Werke. Bei schlechter Auftragslage traf zuerst die Jüngeren und die erst kurze Zeit Eingestellten die Kündigung. Allerdings mußte dieser relative Kündigungsschutz der älteren Arbeiter mit striktem Wohlverhalten und harter Selbstdisziplin bezahlt werden. Die Mehrzahl der Unternehmen versuchte, eine Stammbelegschaft zu bilden, in der auch die älteren Arbeiter ihren Platz hatten. Wo dieses Ziel konsequent verfolgt worden ist, nahm auch der Anteil der älteren Arbeiter langfristig zu. Im Carlswerk der Firma Felten & Guilleaume waren während der Autbauphase im Jahre 1878, vier Jahre nach der Gründung, nur 10 Prozent aller Beschäftigten älter als 40 Jahre und 2 Prozent älter als 50. Bis zum Jahre 1912 hatten sich ihre Anteile auf 30 bzw. 12 Prozent kräftig erhöht, da trotz hoher Fluktuationsraten eine stetig größer werdende Gruppe kontinuierlich beschäftigt blieb 24 . Jedoch blieb dies eher die Ausnahme. In der rasch expandierenden Berliner Großindustrie waren zu Beginn dieses Jahrhunderts 17,9 Prozent der männlichen Arbeiterschaft älter als 40 und 5,8 Prozent älter als 50 Jahre2 5, wogegen in der Erfurter Bekleidungsindustrie, die weit weniger schnell wuchs und 19 Lande: Arbeits- und Lohnverhältnisse (s. Anm. 11), S. 400 f. 20 Richard Watteroth / Friedrich Syrup: Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft in der Schuhindustrie und einem oberschlesischen Walzwerke, München und Leipzig 1915, S. 120. 21 Zit. nach Schäfer: Industriearbeiter (s. Anm. 8), S.203. 22 Vgl. Reif: Soziale Lage (s. Anm. 2), S.35. 23 Ebenda, S.17. 24 Schulz: Die Arbeiter (s. Anm. 13), S. 227 u. 330 .. 25 Lande: Arbeits- und Lohnverhältnisse (s. Anm. 11), S.402. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
Verdienst, Einkommen und Vermögen älterer städtischer Arbeiter 263 mit jüngeren Arbeitskräften aufgefüllt wurde, die entsprechenden Prozentsätze 23,0 bzw. 10,9 betrugen 26 . Alterspyramiden von Belegschaften verdecken in der Regel die oben beschriebenen innerbetrieblichen Abstiegsprozesse, sie zeigen aber gleichwohl, daß die älteren Arbeiter in allen Industriezweigen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaße, unterrepräsentiert waren. Nur vereinzelt lassen sich solche "Siebungsvorgänge", dieses "Eingesogenwerden der jugendlichen Kräftigen in die hochbezahlten Stellen" und das "Herunterfallen der Verbrauchten in die schlechten Arbeitsreservoire", wie Alfred Weber sich ausdrückte 27 , in Zahlen fassen. In der von Marie Bernays untersuchten Gladbacher Spinnerei und Weberei entfielen auf die Arbeiterklassen der 40- bis 60jährigen rund 22 Prozent der Arbeitskräfte, während diese Altersgruppen in der gesamten arbeitsfähigen Bevölkerung des Reiches 26 Prozent stellten. Selbst in der Textilindustrie, in der die älteren Jahrgänge durchweg ein vergleichsweise hohes Kontingent innehatten, waren die Älteren immer noch deutlich unterrepräsentiert. Aufschlußreicher sindjedoch zwei weitere Zahlen: In dieser Altersklasse waren die am besten bezahlten und von der Leistung her am höchsten stehenden Stellen der Weber und Spinner nur zu 15 bzw. 19 Prozent besetzt, während die minderqualifizierten Berufe der Tagelöhner, Packer, Wächter usw. mit 35 Prozent weit über dem Durchschnitt lagen 28 . Die mit dieser Dequalifizierung verbundenen niedrigeren Einkommen mußten zum Teil durch längere Arbeitszeiten aufgefangen werden. Das Hinabgleiten der älteren Arbeiter von den Facharbeiterstellen zu Hilfsarbeiten läßt sich ebenfalls aus der Altersstruktur der organisierten Arbeiter im Jahre 1907 ablesen (Abb. 4)29. Daraus nur ein Beispiel: Während von den gelernten Kupferschmieden 15 Prozent älter als 40 Jahre waren, waren es unter den Hilfsarbeitern der Kupferschmiede 32 Prozent. Die bisher vorliegenden sog. "Lebensverdienstkurven" vermögen zwar den altersbedingten Rückgang von Akkordleistungen und die damit verbundenen Lohnminderungen zu messen, die wesentlich häufiger vorkommende Dequalifikation übergehen sie jedoch. Heißt das nun, daß es den alten Arbeitern noch schlechter ging, als diese Berechnungen glauben machen? Vieles spricht dagegen, da diese Kurven überdies noch zwei weitere Fehler enthalten, die gravierend sind. Zum einen hat Hermann Schäfer bereits daraufhingewiesen, daß ein Arbeiter, der in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in seiner Höchstverdienstphase stand, auf grund des längerfristigen Anstiegs der Reallöhne gegen Ende seiner Berufstätigkeit qber einen höheren Lohn verfügte als in seinem 30. oder 35. Lebensjahr, vorausgesetzt natürlich, daß er nicht entlassen worden war 30 • 26 WatterothlSyrup: Auslese (s. Anm. 20), S.29. 27 Weber: Berufsschicksal (s. Anm. 9), S. 387 f. 28 Ebenda. 29 Abb. nach den Tabellen bei Johannes Feig: Alter und Familienstand der organisierten Arbeiter, in: Festschrift für Lujo Brentano zum siebzigsten Geburtstag, München und leipzig 1916, S.154-187. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
270 Peter Borscheid tor, ihrer engen Verbindung zur Landwirtschaft sowie ihrem breiten Spektrum an handwerklichen Berufen bot sie den älteren Arbeitern die vielfältigsten Beschäftigungsmöglichkeiten, und diese Chancen wurden auch genutzr 6• Berechnungen der materiellen Lage einzelner Sozialgruppen für die verschiedenen Altersstufen sind auf zweierlei Art möglich: einmal als zeitlicher Querschnitt, zum anderen durch eine Kohortenanalyse. Im ersten Fall wird untersucht, in welcher Vermögenslage sich die einzelnen Altersgruppen zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt befanden; im zweiten Fall wird die Vermögensentwicklung einer Gruppe, deren Mitglieder im selben Zeitraum geboren wurden, während ihres weiteren Lebens weiterverfolgt. Beide Untersuchungsansätze werden im folgenden angewandt. Relativ unproblematisch ist es, Querschnitte für einzelne Zeiträume zu erstellen. Sie zeigen, wie die Zeitgenossen die Unterschiede in der materiellen Lage der einzelnen Lebensalter empfanden. Aus dieser Sicht (Abb. 8)47 führte für die Nürtinger Arbeiterschaft der Lebensweg ab dem 25. bis 30. Lebensjahr stetig bergab: Einem relativen Hoch zu Beginn der Ehe folgte während der "AuJzuchtphase" der Kinder bis ins Alter ein stetiger Rückgang der Vermögen. Dies gilt vor allem für die vor- und ffÜhindustrielle Zeit. Die Vermehrung der Zahl der industriellen Arbeitsplätze, der Eisenbahnbau seit Mitte der fünfziger Jahre und der allgemeine Anstieg der Löhne schlug sich in allen Lebensphasen während der zweiten Jahrhunderthälfte in einer Erhöhung des Vermögensniveaus nieder und führte zu einem Rückgang bzw. einer deutlichen Verzögerung der Altersverarmung. Mit den vielfältigen Verdienstmöglichkeiten der unverheirateten Kinder besserten sich nach den ersten 15 bis 20 Ehejahren die materiellen Verhältnisse der Eltern ganz merklich. Gegenüber der Zeit des Pauperismus konnte ein Teil der Arbeiterschaft zudem seit dem letzten Viertel des Jahrhunderts kleine Vermögen an die nachfolgende Generation weitervererben, die in der Regel in dieser Mitverdienstphase der Kinder anfielen. Natürlich verbergen sich hinter solchen Durchschnittswerten die unterschiedlichsten Schicksale. Neben den vielen, denen es im Alter spürbar besser ging als ihren Vorfahren, lebte ein kleiner Teil immer noch in äußerster Armut, vor allem wenn Krankheit, Gebrechlichkeit und ein langes Leben zusammenkamen, die Kinder gestorben waren oder -wie in vielen Testamenten als neues Schreckensgespenst beschworen -in Amerika ihr Auskommen suchten 48 • 46 Zu Nürtingen und zur Auswertung der Inventuren und Teilungen vgl. Peter Borscheid: Lebensstandard und Familie, in: Archiv für Sozialgeschichte 22 (1982), S. 229 f. Ders., Geld und Liebe, in: Peter Borscheid und Hans 1. Teuteberg, Ehe, Liebe, Tod. Zum Wandel der Familie, der Geschlechts- und Generationsbeziehungen in der Neuzeit (=Studien zur Geschichte des Alltags 1), Münster 1983, S. 121 ff. 47 Berechnung auf der Grundlage aller Nürtinger Inventuren und Teilungen (Stadtarchiv Nürtingen) im Rahmen des Forschungsprojekts des Verfassers am Sonderforschungsbereich 164 der Westfälischen Wilhelms-Universität. N = 409 (1820/55), 339 (1856173), 406 (1874/90), 519 (1891/1914) = insgesamt 1673 Vermögenserhebungen von Arbeitern mit Altersangaben im Zeitraum 1820 bis 1914. 48 Vgl. Peter Borscheid, Altem zwischen Wohlstand und Armut: Zur materiellen Lage alter Menschen während des 18. und 19. Jahrhunderts im deutschen Südwesten, in: Christoph OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46043-4 | Generated on 2023-01-16 12:49:46
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