Studien zur Evolutorischen Ökonomik I
Abstract
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Full text
Witt, Ulrich (Ed.) Book Studien zur Evolutorischen Ökonomik I Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 195/I Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Witt, Ulrich (Ed.) (1990) : Studien zur Evolutorischen Ökonomik I, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 195/I, ISBN 978-3-428-46928-4, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285627 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 195/1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
SCHRIFTEN DES VEREINS FÜR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 195/1 Studien zur 00 Evolutorischen Okonomik I DUßcker & Humblot 0 Berliß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Studien zur 00 Evolutorischen Okonomik I Von Kurt Dopfer, Frank C. Englmann, Georg Erdmann, Ernst Helmstädter , Günter Hesse, Hans Mohr, Dieter Schmidtchen, Hermann Schnabi, Renate Schubert Herausgegeben von U1rich Witt Duncker & Humblot . Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Studien zur Evolutorischen Ökonomik / hrsg. von Ulrich Witt. -Berlin: Duncker u. Humblot (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften; N. F., Bd. 195) NE: Witt, Ulrich [Hrsg.]; Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften: Schriften des Vereins ... 1. Von Kurt Dopfer ... -1990 ISBN 3-428-06928-5 NE: Dopfer, Kurt [Mitverf.] Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 1990 Duncker & Humblot GmbH, Berlin 41 Fotoprint: Color-Druck Dorfi GmbH, Berlin 49 Printed in Germany ISSN 0505-2777 ISBN 3-428-06928-5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Vorwort des Herausgebers Mit diesem Band legt der im Sommer des vergangenen Jahr gebildete temporäre Arbeitskreis "Evolutorische Ökonomik" im Verein für Socialpolitik seine ersten Diskussionsbeiträge vor. Der Arbeitskreis ist hervorgegangen aus einer Gruppe von etwa vierzig Ökonomen, die sich erstmals im Sommer 1988 in einem von der Stiftung Volkswagenwerk gefordertem Symposium in Freiburg zusammengefunden hatten. Wegen des überraschend großen Interesses wurde noch im selben Jahr am Rande der Jahrestagung des Vereins in Freiburg ein weiterer Workshop organisiert. Bei diesen Treffen im Jahre 1988 war deutlich geworden, daß sich im deutschsprachigen Raum schon seit längerem eine beträchtliche Zahl von Ökonomen in recht unterschiedlichen Anwendungsgebieten mit einem Forschungsansatz beschäftigten, der evolutorische Phänomene in der Ökonomik in den Vordergrund rückt. Was fehlte, war ein Forum, um Gedanken über und Erfahrungen mit diesem Forschungsansatz auszutauschen. Mit dem temporären Arbeitskreis ist ein solches Forum nun geschaffen worden. Nachdem die ersten Treffen einen Einblick in die laufenden Arbeiten gegeben hatten, lag es nahe, die konstitutierende Sitzung im vergangenen Jahr zu nutzen, um einige grundsätzliche Klarstellungen anzustreben. Es schien angezeigt, herauszufinden, worin die beteiligten Fachkollegen die Gemeinsamkeiten in ihren Arbeiten sehen und welche Merkmale eines evolutorischen Ansatzes in der Ökonomik sich aus diesen herausdestillieren lassen könnten. Die Papiere und Diskussion~~ der vorangegangenen Treffen haben dabei naturgemäß Eingang in die Uberlegungen gefunden. In einigen in diesem Band vertretenen Beiträgen kommt dies zum Ausdruck. Für den interessierten Leser ist darüber hinaus im Anhang zum letzten Beitrag dieses Bandes, dem Diskussionsresümee, eine vollständige Liste der Beiträge abgedruckt, die in den Jahren 1988 und 1989 präsentiert wurden. Es ist eine angenehme herausgeberische Pflicht, allen jenen zu danken, die zum Zustandekommen dieses Bandes beigetragen haben. Dies sind zunächst einmal die Autoren selbst, die die Bürde des in der Mitgliederversammlung des temporären Arbeitskreises beschlossenen Begutachtungsverfahrens auf sich genommen und durch zügige Überarbeitung ihrer Manuskripte das rasche Erscheinen dieses Bandes ermöglicht haben. Dank für ihre hilfreichen Stellungsnahmen zu den Manuskripten gebührt W.Brandes, U.Fehl, A.Gerybadze, B.Meyer, W.Meyer, M.E.Streit, H.Ursprung, R.Veit und P.Weise. Zu danken ist ferner auch der Leitung des Verlags Duncker & Humblot, die dem Wunsch des temporären Arbeitskreises sehr entgegen gekommen ist, seine Diskussionsbeiträge möglichst schnell einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Für die Hilfe bei OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
6 Vorwort des Herausgebers der technischen Erstellung des Bandes gilt Dank schließlich den Herren cand.rer.pol. K.-H.Lin und T.Hakenberg. Es bleibt zu wünschen, daß der temporäre Arbeitskreis mit dem vorliegenden Band helfen kann, in der aufkeimenden internationalen Diskussion über evolutorische Phänomene in der Ökonomik eine "kritische Masse" an interessierten Forschern im deutsch-sprachigen Raum zusammenzubringen. Freiburg, im Februar 1990 Ulrich Witt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Inhaltsverzeichnis Einleitung: Warum evolutorische Ökonomik? Von Ulrich Witt, Freiburg .. .............. ...................... ............. ........ 9 Elemente einer Evolutionsökonomik: Prozeß, Struktur und Phasenübergänge Von Kurt Dopjer, St. Gallen ............... .......... ........................ ... .... 19 Evolutorische Ökonomik oder Kreativität in der Theorie Von Günter Hesse, Würzburg ....................................................... 49 Preise und spontane Ordnung -Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution Von Dieter Schmidtchen, Saarbrücken... ........ .... .............. .......... .... ... 75 Innovation als Strategie der bedingten Risikorninirnierung Von Renate Schubert, Darmstadt ....... ....... ... .... .......... ... ........... ....... 115 Evolutionäre Ökonomik als Theorie ungleichgewichtiger Phasenübergänge Von Georg Erdmann, Zürich ........................................................ 135 Ein makroökonomisches Rahmenmodell der Evolutorischen Ökonomik Von Ernst Helmstädter, Münster ........ ..... ............ .... ....................... 163 Evolutorische Makroökonomik: Differentialgewinn, Zeitpräferenz und Diffusion Von Frank C. Englmann, Tübingen ................................................. 183 Biologie und Ökonomik -Chancen für eine Interdisziplinarität Von Hans Mohr, Freiburg ........................................................... 209 Biologische Evolution vs. Evolution von Firmen und Märkten -Ein Vergleich Von Hermann Schnabl, Stuttgart ..................... :.............................. 221 Was sind die Essentials einer Evolutorischen Ökonomik? Ein Diskussionr6sum6 Von Reiner Hellbrück, Barbro Rönsch, Georg von Wangenheim, Freiburg ...... 243 Anhang ................................................................................ 253 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
14 Ulrich Witt das zentrale Element der evolutorischen Ökonomik - hat in diesem Modell keinen Platz. Als Grundbaustein für eine evolutorische Ökonomik schlägt Hesse konsequent ein "Prinzip der kognitiven Kreation" vor, das er, neben dem Rationalprinzip, in ein zeitlich strukturiertes Handlungsmodell zu integrieren sucht. Eine deutlich andere Akzentuierung kommt im Aufsatz von Dieter Schmidtchen zum Ausdruck. Schmidtchen identifiziert Evolution mit Selbstorganisation, die "spontane Ordnung" erzeugt. Spontane Ordnung ist für ihn ein Gleichgewichtszustand und er folgert deshalb, daß in einer evo lutorischen Ökonomik auf ein Gleichgewichtskonzept nicht verzichtet werden könne. Sein Plädoyer richtet sich weiter darauf, das Zustande kommen spontaner Ordnung als einen simultanen ;~.npassungsprozeß der beteiligten Agenten zu interpretieren, der sich als Ubergang zwischen Gleichgewichten (Attraktoren) modellieren lasse. Folgerichtig rückt Schmidtchen seinen Ansatz selbst nahe an die Auffassung heran, die neueren Beiträgen zur neoklassischen Preistheorie zugrundliegen. Eine ähnlich deutliche Annäherung an neoklassische Konzepte findet sich bezüglich des individuellen Handlungsmodells im Aufsatz von Renate Schubert. Ihr Beitrag hat das Verdienst, sehr konkret zu modellieren, wie ein Entscheider sich in einer Situation verhalten könnte, in der eine Innovation verfügbar ist. Das analytische Instrumentarium, das vorgeschlagen wird, ist das eines Extremwertkalküls. Neu ist die Konstruktion subjektiver Risikomaße, die als Grundlage für konsistente Entscheidungen eingeführt werden. Der Ausgangspunkt des Beitrags von Georg Erdmann ist ähnlich dem von Schmidtchen. Erdmann versucht evolutionäre Prozesse mit den Mitteln der nicht-linearen Dynamik, genauer der Hakenschen Synergetik zu erfassen. Die analytischen Konzepte werden dazu näher erläutert. Dem Auftreten von Neuerungen und -als Folge -der Offenheit von evolutionären Entwicklungsprozessen sucht Erdmann durch eine wahrscheinlichkeitstheoretische Modellierung Rechnung zu tragen. Die Relevanz seines Ansatzes sieht er insbesondere auf makroökonomischer Ebene gegeben. Zur Erläuterung wird ein einfaches Modell der Dynamik der aggregierten Investitionsnachfrage vorgestellt. Erdmann leitet damit bereits auf die aggregierte Ebene über, auf der sich für die evolutorische Ökonomik ebenso Ansatzpunkte bieten, wie auf der Ebene individuellen Verhaltens (auf der jedoch die von der neoklassischen Ökonomik abweichenden Vorstellungen ihren Ursprung haben mögen). Auf makroökonomischer Ebene sind Dynamik und Ungleichgewicht die naheliegenden Ansatzpunkte für eine evolutorische Modellierung. Genau darauf konzentriert sich auch der Beitrag von Ernst Helmstädter. Es gelingt ihm in einem einfachen statischen Modell mit dem Konzept des geOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Warum cvolutorischc Ökonomik? 15 samtwirtschaftlichen Gefä.lles der Differentialgewinne gewissermaßen die Momentaufnahme eines ungleichgewichtigen gesamtwirtschaftlichen Strukturwandels wiederzugeben, der durch Innovation und Diffusion vorangetrieben wird. Der statische Rahmen des Ausgangsmodellsmodells wird dann mit Hilfe einer Sequenz betrachtung erweitert und es werden einige interessante, wirtschaftspolitisch bedeutsame Einsichten abgeleitet. Direkten Bezug auf Helmstädters ursprüngliches Papier nimmt der daran anschließende Aufsatz von Frank C. Englmann. Englmann geht es darum, die Diffusionsprozesse, die Helmstädter voraussetzt, explizit zu modellieren. Auf der Basis seines Modells können einige Vermutungen von Helmstädter näher analysiert werden. Englmanns Beitrag macht dabei exemplarisch deutlich, wieviel an zusätzlichen Strukturannahmen eine Untersuchung der Diffusionsdynamik gegenüber statischen Modellierungen tatsächlich verlangt. Aus beiden Beiträgen ergibt sich als wirtschaftspolitisch relevante Implikation die Forderung, das gesamtwirtschaftliche Gewinngefälle als Indikator der Innovationstätigkeit in der Wirtschaft nicht aus· dem Auge zu verlieren. Den Abschluß der vorliegenden Aufsatzsammlung bilden zwei Beiträge, die sich mit der möglichen Analogie zwischen Ökonomik und Biologie näher beschäftigen, die schon im Eingangszitat von Marshall angesprochen worden ist. Der Aufsatz von Hans Mohr ist aus der Perspektive des Biologen ~.eschrieben. Er diskutiert verschiedene mögliche Beziehungen zwischen Okonomik und Biologie: Analogien, Isomorphien, direkte Reduktion ökonomischen Verhaltens auf (sozio-) biologische Grundlagen, aber schließlich auch die Hilfsfunktion der Biologie in der Bestimmung der Restriktionen, denen menschliches Wirtschaften unterworfen ist. Für Mohr sind die letzten drei Möglichkeiten ernsthafter interdisziplinärer Arbeit würdig und bedürftig. Der Beitrag von Hermann Schnabl konzentriert sich ganz auf eine Verfolgung möglicher Analogien, wobei Schnabl -von der geradezu paradigmatischen Rolle ausgehend, die die biologische Evolutionstheorie heute für evolutorische Ansätze in den Wissenschaften spielt -zunächst den Stand dieser Theorie darstellt. Den dort angetroffenen Konzepten stellt er in synoptischer Form mögliche Analoga im ökonomischen Bereich gegenüber. Dabei wird nicht nur deutlich, daß sich auf diesem Wege keine evolutorische ökonomische Theorie ableiten läßt, sondern daß solchen Analogien gegenüber auch eine gehörige Portion Skepsis angebracht ist. Am Ende dieses Bandes ist -anstelle eines Diskussionsprotokolls - ein Resümee der Diskussionen während der konstitutierenden Sitzung des temporären Arbeitskreises "Evolutorische Ökonomik" in Freiburg im Juli 1989 angefUgt. Der Vielschichtigkeit der Problematik entsprechend, ist die Diskussion keineswegs geradlinig auf klar umrissene Resultate zugelaufen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
16 Ulrich Witt Im Gegenteil war gelegentlich das Gefuhl vorhanden, daß die klarstellenden Schlußfolgerungen nicht gezogen, die Probleme gewissermaßen im Raum stehen gelassen worden sind. Rainer Hellbrück, Barbro Rönsch und Georg von Wangenheim haben dennoch den Versuch unternommen, fur den interessierten Leser die Ergebnisse der Referate, Thesenpapiere und Diskussionsäußerungen zusammenzufassen, soweit dies möglich war. Zumindest eine weitere Schlußfolgerung wird sich darüber hinaus ziehen lassen: der Gesprächsstoff über die Fragen, wie evolutorische Ökonomik sich selbst versteht, und ob und gegebenenfalls wie sie ihre Ziele verwirklichen kann, wird noch eine Weile nicht ausgehen. Literatur Arthur , W.B., Ermoliev, Y.M. und Kaniovd:y, Y.M. (1987): Pathdependent Processes and the Emergence of Macro-structure, European Journal oe Operational Research, Vol. 30, 29~303. Bowler , P.J. (1989): Evolution - The History of an Idea, Berkeley: University of California Press, revised edition. David , P. (1987): Some New Standards for the Economics of Standardization in the Information Age, in: Dasgupta, P. und Stoneman, P.L. (eds.), Economic Policy and Technological Perfonnance, Cambridge: Cambridge University Press. Day ,R.H. (1981): Dynamic Systems and Epochal Change, in: J.Sablov (ed.), Simulations in Archeology, Albuquerque: University of New Mexico Press. -(1984): Disequilibrium Economic Dynamics - A Post Schumpeterian Contribution, Journal of Economic Behavior and Organization, Vol. 5,57-76. Dosi ,G., Freeman, C., Nelson, R., Silverberg, G. und Soete, L., eds., (1988): Technical Change and Economic Theory, London: Pinter. Freeman , C. (1982): The Economics of Indistrial Innovation, London: Pinter, 2nd edition. Haag , G., Weidlich, W. und Mensch, G. (1987): The Schumpeter Clock, in: Batten, D., Casti, J., und Johansson, B. (eds.), Economic Evolution and Structural Adjustment, Berlin: Springer. Hayek ,F.A. (1937): Economics and Knowledge, Economica, Vol. 4, 33-54. -(1945): The Use of Knowledge in Society, American Economic Review, Vol. 35, 519-530. -(1969): Der Wettbewerb als Entdeckung5verfahren, in: dr5., Freiburger Studien, Tübingen: Mohr. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Warum cvolutorischc Ökonomik? 17 -(1988): Die fatale Täuschung, Tübingen: Mohr. Heup ,E. (1965): Allgemeine Markttheorie, Tübingen: Mohr. Hoppmann ,E. (1980): Gleichgewicht und Evolution - Voraussetzungen und Erkenntniswert der volkswirtschaftlichen Totalanalyse, in: Issing, O. (Hrg.), Festschrift für Erich Carell, Baden-Baden: Nomos. Kirzner , I.M. (1973): Competition and Entrepreneurship, Chicago: Chicago Uni versity Press. Lachmann , L.M. (1976): From Mises to Shackle: An Essay on Austrian Economics and the Kaleidic Society, Journal of Economic Literature, Vol. 14, 54-62. Levine ,A.L. (1983): Marshall's Principles and the "Biological Viewpoint": A Reconsideration, Manchester School of Economic and Socia! Studies, Vol. 51,276-293. March ,J.G. und Simon, H.A. (1958): Organizations, New York: Wiley. Marshall , A. (1961): Principles of Economics, London: McMillan, 9th edition. Mensch, G. (1979): Stalemate in Technology, Cambridge, Mass.: Ballinger. Nelson ,R.R. und Winter, S.G. (1982): An Evolutionary Theory of Economic Change, Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Röpke ,J. (1977): Strategie der hmovation, Tübingen: Mohr. Rosenberg ,N. (1982): Inside the Black Box, Cambridge: Cambridge University Press. Scherer, F.M. (1984): Innovation and Growth. Schumpeterian Perspectives, Cambridge, Mass.: MIT Press. Schmookler , J. (1966): Invention and Economic Growth, Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Schumpeter , J.A. (1912): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Leipzig: Duncker & Humblot. -(1935): The Analysis of Economic Change, Review of Economics and Statistics, Vol. 17, 2-10. -(1942): Capitalism, Socialism, and Democracy, New York: Harper. ShacHe ,G.L.S. (1958): Times in Economics, Amsterdam: North Holland. -(1972): Epistemics and Economics, Cambridge: Cambridge University Press. Winter, S.G. (1971): Satisficing, Selection, and the Innovating Remnant, Quarterly Journal of Economies, Vol.85, 237-261. Witt ,U. (1989): Bemerkungen zu Hayeks Theorie sozioökonomischer Evolution, Wirtschaftspolitische Blätter, 36.Jahrg., 140-148. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
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ELEMENTE EINER EVOLUTIONSÖKONOMIK: PROZESS, STRUKTUR UND PHASENÜBERGÄNGE Von Kurt Dopfer, St. Gallen A. Evolutionsmethodik Die Einladung, über "Essentials" einer Evolutionsökonomik zu sprechen, geht von der Vorstellung aus, dass es ein allgemeines System von Evolutionsprinzipicn gibt, wovon gültige Aussagen über den ökonomischen Prozess hergeleitet werden können. Ich will im folgenden die Herausforderung dieser Implikation annehmen und versuchen, Axiome über den Evolutionsprozess zu formulieren. Unter einem Axiom verstehen wir hier eine letzte Annahme über den Status der WirJcJichkeit, die "wert" (axio-) ist, für den Erkenntnisgegenstand gewählt und nicht mehr in Frage gestellt zu werden. Axiome sind also nicht deshalb als Absttaktionen "wertvoll", weil sie eine Konstruktion von konsistenten Systemen erlauben, sondern weil sie das Wesentliche eines Ausschnitts der Wirklichkeit -empirische Substanz - bezeichnen. Euklid hat seine Geometrie in Anschauung konkreter empirischer Phänomene aufgebaut. Die folgende Analyse ist vom Bestreben begleitet, das Konzept des Axioms wieder jenem Bereich zuzuführen, dem es entstammt: der abstrahierenden empirischen Anschauung. Der Rückgriff auf die Idee eines "Axiomensystems" könnte die Vermutung nahelegen, dass es erkenntnismässig angebracht wäre, axiomatische Aussagen sozusagen uno actu, von "oben" herab, zu postulieren. Auch die Tatsache, dass jedes System von Verallgemeinerungen letztlich die Konsistenzbcdingungen eines Deduktionssystems erfüllen muss (welche die Herleitung von Aussagen über Einzelereignisse erst zulassen), mag zur Vermutung führen, dass die Axiome doch -trotz aller methodischer Vergewisserungen -unveränderbare, apriori herleitbare Bausteine eines nicht mehr hinterfragbaren oder falsifIzierbaren Theoriegebäudes sind. Eine rigide Abgeschlossenheit bezüglich der Vorstellung von der Welt würde indessen nicht nur in Widerspruch zum Evolutionsgedanken geraten, sondern sie stellte auch die Gültigkeit des Evolutionsgedankens im 'Hinblick auf die menschlichen ErkenntnisfnÖglichkeiten, insbesondere auch mit Bezug auf den Status des wissenschaftlichen Beobachters, in Frage. Konsistenz zwiOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
20 Kurt Dopfer schen erkenntnistheoretischen und theoretischen Aussagen kann hergestellt werden, indem der Evolutionsidee sowohl auf der Seite des Beobachters als auch auf der Seite der beobachteten Wirklichkeit nachgelebt wird, und beide Bereiche in einen Gesamtrahmen integriert werden. Evolutionsmethodik ist dementsprechend immer in irgendeiner Fonn eine evolutionäre Erkenntnistheorie. Grundlegende Anforderung an eine evolutionäre ErkennmisLheorie ist, dass Erkennmis als ein Prozess verstanden wird. Prozessuale Erkennmis heisst nicht Anwendung einer Methode, beispielsweise der Deduktion (wobei der Prozess das logische Deduzieren wäre) oder Anwendung eines Induktionsverfahrens (wobei der Prozess das Lheoriegerichtete Auswerten von Daten wäre), sondern ein offener und andauernder Prozess der Erkenntnis. Der amerikanische Philosoph Peirce hat für einen Erkennmisprozess, der Deduktion und Induktion als Elemente eines zirkulär sich verstärkenden Prozesses versteht, den Begriff AbduJetion vorgeschlagen·. Die Anwendung der abduktiven Methode legt nahe, die im folgenden vorgeschlagenen Evolutionsaxiome als Zwischenergebnisse eines Erkennmisprozesses zu betrachten und ihren vorläufigen Charakter zu betonen. B. Das Ganze und seine Teile: Emergenz eines Themas Eine Evolutionsmethodik wird sich, neben einer evolutionären Erkennmistheorie einer entsprechend koevolutiven Präkonzeption des wissenschaftlichen Fortschritts bedienen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden in einem sozialen Kontext generiert, und der Abduktionsprozess ist immer auch ein kommunikativer Prozess. Wir haben also eine Subjekt-ObjektBeziehung nicht nur zwischen dem wissenschaftlichen Beobachter und seinem Erkenntnisobjekt, sondern auch zwischen diesem und seiner sozialkommunikativen Umwelt, d.h. seinen Kollegen, der wissenschaftlichen Literatur, den Diskussionen über Paradigmen, Forschungsprogramme, Theorien und Hypothesen. I Vgl. Peirce eh., 1958, Selected Writings. Values in a Universe of OJange, New York, S. 367. Peirce haue in der Ökonomie vor allem auf die amerikanischen Institutionalisten, wie Vllbilln, Dewey und Ayres, einco Einfluss. Über die Frage darüber, wie weit dieser Einfluss ging, bestehen jedoch unterschiedliche AuffasslDlgco. Im Sinne eines tiefgehenden Einflusses vgl. Bush Paul D., 1989, Institutionalist Methodology and Herrneneutics: A Comment on Mirowski, in: Journal of Economic Issues 23, Dcc. 1989, S. 1159 - 1172. Für eine kritische Auffassung vgl. Mirowslci Philip, 1987, The Philosophical Basis of Institutional Economics, in: Journal of Economic Issues 21, Sept 1987, S. 1001 -1038. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolulionsökonomik 21 Figur 1: Emergenz des Ganzen als "Thema" resultierend aus einem kommunikativen Prozess In Figur 1 bedeuten die fünf Kreise A, B, C, D, E die Auffassungen von verschiedenen Teilnehmern über die "Essentials" einer Evolutionsök0nomik. Der kommunikative Prozess wird durch die reziproken Pfeile, das kommunikative Ergebnis durch die sich überschneidenden Kreise dargestellt Die kommunikativ akzeptierten "Essentials", sozusagen die objektiven Essentials einer Evolutionsökonomik, sind durch die schraffierte Fläche n gegeben. n kann beispielsweise als das allgemein akzeptierte Thema einer Evolutionsökonomik verstanden werden2• Die Schnittmenge des Venndiagramms repräsentiert jenen Bereich unserer grundsätzlichen Evolutionsvorstellungen, der von allen Teilnehmern als "wert" empfunden wird, nicht mehr in Frage gestellt zu werden. n repräsentiert die auf der Grundlage UDseres gegenwärtigen Wissensstandes akzeptierten Axiome einer Evolutionsökonomik. Das Ganze generiert sich also aus dem kommunikativen Prozess der Teile, die ihrerseits durch das Ganze beeinflusst werden. Eine konzeptionell analoge Struktur liegt vielen wirtschaftlichen Prozessen zugrunde. So kann beispielsweise der Marktpreis als ein "Thema" begriffen werden, das aus einem kommunikativen Prozess zwischen Wirtschaftssubjekten resultiert. Analog können andere Variablen, die Gegenstand einer marklmässigen Kommunikation darstellen, in das konzeptionelle Selbstorganisationsschema eingeführt werden und zu einem "ökonomischen Thema" werden. 2 Für einen analogen Ansatz siehe Schnabl 11., 1988, Agenda-Diffusion und Evolutorische Oekonomik, Manuskript, ArbeitstreCfen der Evolutorischen Oekonomik, Freiburg. - Sodann zur Analyse der Ganzheitsemergenz /lUlter M., 1988, Die Produktion von RechL Eine Theorie und der Fall des Armeimittelrechts, Tübingen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
22 Kurt Dopfcr An diesem Punkt stellt sich eine für die Evolutionsökonomik grundsätzliche Frage: Sollen evolutionsökonomische Konzepte primär dazu dienen, bestehenden Theorien konzeptionell unter die Arme zu greifen, ihnen methodische Legitimität und ontologische Rückendeckung zu geben? So lassen sich beispielsweise das neoklassische Marktpreisbildungsmodell und das allgemeine GleichgewichLSmodell Walrasschen Ursprungs auf die skizzierte analytische Struktur projizieren, um ihren prozessualen Charakter (den sie aufgrund ihrer mechanistischen Sichtweise nicht haben) zu demonstrieren. Oder soll sich die junge Evolutionsökonomik nicht mit ihrer Rechtfertigungsfunktion begnügen, sondern vielmehr aus ihrem paradigmatischen Fundus heraus neue ökonomische Theorien formulieren, ökonomische Erklärungsvariablen überprüfen und bestehende Hypothesen in Frage stellen? Beide Wege sind gangbar. Die intellektuelle Dynamik, mit der gegenwärtig in der ökonomischen Theorie Paradigmenfragen diskutiert werden, lässt die Vermutung zu, dass man von der Evolutionsökonomik einen wesentlichen Beitrag zu den grundsätzlichen Fragen erwarten und ihre Bescheidung auf den Status quo von vielen als eher enttäuschend betrachtet werden dürfte. Eine intellektuell offene Evolutionsökonomik könnte einen wesentlichen Beitrag zur ReformuJierung des endogenen Kerns der Wirtschaftstheorie leisten. All jene Erklärungsvariablen, die in der neoklassischen Theorie in den exogenen Bereich relegiert wurden, und ihr theoretisches Dasein als ceteris-paribus-Annahmen fristen, könnten selbst zum "ökonomischen 'Thema" werden, indem sie beispielsweise als endogene Variablen in den skizzierten Kontext selbstorganisierender Prozesse eingeführt werden. Die Formation von Präferenzen oder die Evolution von Institutionen können beispielsweise auf der Grundlage der skizzierten analytischen Struktur diskutiert werden. Es wäre dabei indessen zu bedenken, dass der neoklassische Theoriekern nicht nur in sich konsistent und abgeschlossen ist (eine entscheidende Forderung an eine Theorie), sondern dass ihm auch eine "Vision" (wie es Schumperer nannte) und Werturteile zugrundeliegen. Die Öffnung des Theorierahmens durch den Einbezug von bisher als exogen behandelten Variablen kann also mitunter auch wissenschaftliche und ideologische Wellbilder infragestellen und dadurch im Diskurs Gegenkräfte mobilisieren, die nicht in der Stringenz der theoretischen Argumentation selbst begründet sind. Eine Evolutionsökonomik -die auf die Erfassung der Komplexität ökonomischer Prozesse gerichtet ist -wird ein doppeltes ErkeMtnisziel verfolgen: Erstens, sie wird Abläufe innerhalb einer Struktur mit einem temporär-invarianten Ordnungsparameter analysieren. Zweitens, sie wird sich zum Ziel setzen, theoretische Einsichten über die Bewahrung und Veränderung solcher Strukturen zu vermitteln. Der erste Erkenntniskomplex, wie er einleitend skizziert wurde, umfasst den Bereich der Selbstorganisation OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolutionsökonomik 23 von Strukturen und den in ihnen ablaufenden Prozessen. Der zweite umfasst den Aspekt der Evolutionsdynamik, der Mutation und Retention von Strukturen über längere Zeit hinweg. Im folgenden sollen vorerst die wesentlichen Aspekte einer sich selbst organisierenden Struktur vertiefend behandelt werden. Sodann soll aufgezeigt werden, wie sich temporär strukturelle Invarianzen über die Zeit ändern und in Form von sukzessiven Phasenübergängen eine Evolutionsdynamik begrilnden. c. Prozess und Struktur 8141 zentrale evolutionstheoretische Begriffe Eine zentrale Erkenntniseinsicht, die aus der modernen Physik herleitbar ist, führt uns zur grundsätzlichen Annahme, dass zwischen Struktur und Prozess eine untrennbare logische und reale Einheit besteht. Eine Diskussion struktureller und evolutionsdynamischer Aspekte ökonomischer Phänomene muss sich auf dem Hintergrund dieser Prämisse abspielen. Ich schlage zwei Axiome vor, welche diese Einheit berücksichtigen: Axiom 1: Axiom 2: Existenzen sind Prozesse. Existenzen haben die Neigung, sich zusammenzuschliessen. Axiom 1 besagt, dass sich alle materielle Existenz energetisch selbst erhält. Sie erhält sich als Selbstbewegung, Selbstaktivität und Selbstverursachung. Diese Prozessvorstellung der Materie steht in der philosophischen Tradition von Bruno, Spinoza, Leibniz, und vor allem Whitehead und Bergson'. Das Prozessaxiom trägt insbesondere den Ergebnissen der modernen Physik Rechnun(. Für die Ökonomie ergibt sich die Konsequenz, dass Bewegung und Veränderung nicht als exogen angenommen werden, sondern aus dem ökonomischen Prozess selbst erklärt werden müssen. Das gilt sowohl für den ökologisch-entropischen Aspekt, bei dem das ökonomische System als offenes System gegenüber dem ökologischen interpretiert werden muss, als auch bezüglich der endogenen Verhaltenskomponent.en des ökonomischen Systems. Ich werde auf letzteren Aspekt näher eingehen. Axiom 2 bedeutet, dass Prozesse die Neigung haben, sich zu grösseren Prozessen zusammenzuschliessen. Atome haben beispielsweise die Neigung, kovalente Bindungen in Form von Molekülen einzugehen. Mole- , Der in dieser Arbeit entwickelte Prozessgedanke wurde inspiriert von Whilehud A. N., 1978, Process and Reslily, New Yorlt/London, und Bergson H., 1911, Creative Evolution, New Yorlt. -ManclunaI wird der Prozessbegriff mit einem "postmodernen" Wissenschaftsverständnis in Zusammenhang gebrachL Zmn Beispiel GrijJill D. R. (Hrsg.), 1985, Physics and the Intimate Significance of Tune. Bohm, Prigogine, and Process Philosophy, New Yort. • Für einen Überblick über die Entwicklung der Kausalitätskonzeptionen z.B. BlUIge M., 1959, CausaIity and Modem Science, New York. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
30 Kurt Dopfcr einem neuen Gleichgewicht hinlI. Mit dieser Fixierung des Gleichgewichtsbegriffs auf Anfangsund Endzustand wird das Gleichgewicht zu einer bIossen Systemzustandsbeschreibung analog der Neoklassik. Damit wird die analytische Chance vergeben, den Gleichgewichtsbegriff als Prozessdeterminame zu fruktifIzieren und die Gleichgewichtigkeit bzw. Ungleichgewichtigkeit des Prozesses selbst als Kausalfaktor zu interpretieren. Die prozessual interessante Frage lautet, wie sich ein System jenseits des Gleichgewichts verhält, und wie es sein Verhalten ändert, wenn es auf ein Gleichgewicht hin tendiert Schumpeters Analyse hat indessen den Vorzug, dass sie den Wirtschaftsprozess als einen diskontinuierlichen Prozess versteht Sodann wird die Diskontinuität nicht nur als mechanistische Störung, sondern als Verhaltensänderung oder "Impuls" der beteiligten Akteure interpretiert, womit neben den Ressourcenbewegungen auch der ideell-geistige Aspekt in die Analyse gelangt. Eine verbesserte diachrone Prozessanalyse macht sich diese Vorzüge zunutze und ist zusätzlich um eine endogene Kausalanalyse des ökonomischen Prozesses bemüht G. Potential und Aktualisierung als Konstituanten des Evolutionsprozesses Der nachfolgende Versuch einer endogenen Erklärung diachroner Wirtschaftsprozesse berücksichtigt Ideen und materielle Faktoren als zwei integrale Prozesskonstituanten. Wir reinterpretieren erstere als ein Potential und letztere als Aktualisierung dieses Potentials. Diese Reinterpretation entspricht einer Anwendung der Prozessphilosophie von Whitehead, der den Prozess der Aktualisierung als "concrescence", und das resultierende Phänomen als "actual entity" oder "actual occasion" bezeichnet'2• Der diachrone Wirtschaftsprozess besteht also in der Aktualisierung eines Potentials, d.h. der Übergang von einem synchronen Regime zu einem anderen entspricht dem Übergang von einem Potential zu einem anderen durch Aktualisierung und damit einem Aufbrauchen des anfänglichen Potentials. Ein Potential kann in einem ökonomischen Prozess sowohl etwas Materielles, Ressourcenbezogenes, als auch Ideelles, auf Neuheit bezogenes, beinhalten. Wir sprechen von einem Potential beispielsweise, wenn ein neues Stück Land bebaut oder eine Innovation getätigt wird. Wir werden im folgenden 11 Hierzu elwa auch Schefold B., Schumpeter as a Walrasian Austrian and Keynes as a CIassica1 Marsballian, und Kalmbach P JKun H. D., Economic Dynamies and Innovation: Ricardo, Marx and Schumpeter on Teclmica1 Oiange and Unemployment, heide in: H . .J. Wage,..er U1Id J. W. Drukker, 1986, The Economic Law of Motion of Modem Society: A Marx-Keynes-Schumpeter Centennial, Cambridge, England. 12 Whilehead A. N., op.CiL, S. 208 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolutionsökonomik 31 den Begriff des Potentials spezifischer, im Sinne einer Idee, den der Aktualisierung im Sinne einer konkreten raum-zeitlichen Materialisierung dieser Idee verwenden. Das folgende Evolutionskonzept geht von zwei zentralen Theoremen im Hinblick auf die Begriffe Potential und Aktualisierung aus. Die Theoreme sind ökonomische SpezifIZierungen des eingangs erwähnten Prozessaxioms. Theorem 1: Potentiale sind endlich. Theorem 2: Die Summe der Probleme eines Subjekts ist konstant. Theorem 1 besagt, dass der diachrone Prozess eine Aktualisierung diskreter und erschöpfbarer Potentiale darstellt. Die Sequenz Sh S2 ... steht iür spezifische Potentiale einzelner synchroner Regimes. Das Charakteristische eines Potentials, beispielsweise einer ErfIndung, ist, dass es Möglichkeiten zu seiner Entwicklung bzw. zu seiner Variation bietet Wir können also ein synchrones Potential als Variations pool, der eine endliche Menge von nicht-wiederholbaren Aktivitäten zulässt, defmieren. Figur 2: Dreifach aktualisiertes POIe1ltial Ein wissenschaftliches Paradigma enthält beispielsweise eine begrenzte Menge interessanter theoretischer Aussagen. Jedes Phänomen, beispielsweise auch ein wissenschaftliches Erkenntnisziel, erlaubt verschiedene Beobachterstandpunkte und bietet in dieser Eigenschaft einen Variationspool, der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
32 Kurt Dopfcr durch geeignete Beobachtungen aktualisiert werden kann. Zur Illustration diene Hofstadters "trip-Iet". welches die drei Anfangsbuchstaben des Titels seines Buches "Gödel. Escher. Bach" enthält 13 • Betrachten wir. unter Anwendung einer Lichtprojektion. den Gegenstand von rechts. so sehen wir ein G. Die Variation des Potentials besteht also in der Aktualisierung von G. Analog können wir unseren Beobachterstandpunkt ändern und entweder E oder B beobachten. d.h. das "trip-Iet"-Potential aktualisieren. Die Menge der aktualisierbaren Variationen ist endlich und in diesem Falle genau definiert. Für eine Evolutionsökonomik stellt sich die zentrale Frage. wie Potentiale generiert werden. Die Entwicklung von Potentialen impliziert. dass ein evolutionärer ökonomischer Wandel nur dann staUfmdet. wenn laufend neue Potentiale zur Kompensation der degenerierenden geschaffen werden. Der ontische Ort der Aktivitäten liegt bei jedem realen Prozess bei den Teilen; das Ganze bildet einen Ordnungsparameter. der diese Aktivitäten koordiniert. Eine quantitative oder qualitative Verllnderung dieser Aktivitäten ist daher auf die Teile zurückzuführen. Der Interaktionsprozess zwischen den Teilen gewinnt mit wachsender Autonomie der Teile an KomplexitäL Aus der Logik dieser ontologischen Struktur folgt: Ein theoretisches Verständnis eines ökonomischen Gesamtphänomens kann nur aus einem Verständnis des wirtschaftenden Menschen selbst gewonnen werden. Es gibt verschiedene Fähigkeiten. die der Mensch bei seinen wirtschaftlichen Aktivitäten einsetzt. Im Kontext der skizzierten Evolutionsdynamik sind zwei Fähigkeiten besonders relevant: 1. Schaffen von Neuem 2. Lernen. und damit die Korrektur eines Verhaltens. Für eine Evolutionstheorie. die ökonomischen Wandel als Abfolge neu geschaffener und aktualisierter Potentiale interpretiert. ist die kreative Fähigkeit des Menschen. Neues zu schaffen. von besonderer Bedeutung. Der traditionelle homo oeconomicus ist in seinem Verhalten auf wenige. spezifische kognitive Fähigkeiten beanspruchende. Aspekte reduziert; er besitzt hervorragende mathematische und kalkulatorische Fähigkeiten. wenn es um die Wahl zwischen zwei oder mehreren bereits bestehenden Alternativen beziehungsweise Potentialen geht. Doch versagt seine Kreativität bei der Schaffung solcher Potentiale selbst. Es ist hier nicht der Ort. ein umfassendes Bild des schöpferisch-konstruktiven Wirtschaftsmenschen zu U lIofstadter D. R., 1979, Gödel-Escher-Bach, New York. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elernent.c einer Evolutionsökonornik 33 zeichnen '4 • Mit Sicherheit wird ein "subjektivistischer" Erkennbliszweig der Ökonomie interdisziplinär angelegt sein, d.h. Gebiete wie Kreativitätsforschung, Neurophysiologie und -psychologie, Vemaltenstheorie etc. berücksichtigen müssen. Wir hatten in dieser Arbeit die Ergebnisse solcher Analysen in einer einzigen These zusammengefasst, wonach das schöpferische Potential zur ständigen Entfaltung drängt. Da der wirtschaftende Mensch typischerweise Probleme löst, kann davon ausgegangen werden, dass er sein kreatives Potential beim Lösen wirtschaftlicher Probleme auslebt. Dementsprechend werden die Probleme des Wirtschaftsmenschen, ausgehend von seinem kreativen Impetus, nie abnehmen, auch wenn die Dringlichkeit der Bedürfnisse, zu deren Befriedigung Problemlösungen eingesetzt werden, abzunehmen scheint Für eine Evolutionsökonomik stellt sich die Frage, wie stark sie im Hinblick auf ökonomische Verhaltensannahmen abstrahieren darf und soll. Von einer Invarianz des Subjekts zu sprechen, mag als contradicto in adjecto empfunden werden, zumal wenn die theoretisch-methodische Richtung des Subjektivismus als Interpretationsgrundlage gewählt wird. Es versteht sich, dass wissenschaftliche Aussagen in irgendeiner Fonn immer Verallgemeinerungen bedeuten, und dass daher Subjektivismus keineswegs mit methodischer Willkür gleichgesetzt werden kann. Im Falle von Theorem 2 lassen sich ku.lturell-phänotypische Aspekte, und Akkulturationsund Lernprozesse als qualifizierende Variablen des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte einer Population berücksichtigen. Das Verhaltenstheorem kann sodann spezifiziert werden, indem genotypische Differentiale berücksichtigt werden. Es scheint, dass solche theoretische Spezifizierungen späterem Erkenntnisbemühen einer Evolutionsökonomik vorbehalten sein dürften. Dieser Schluss liegt nahe, wenn wir uns vor Augen führen, dass die traditionelle Ökonomie bei den Extensionen ihres Rationalitätsprinzips, beispielsweise der "bounded rationality", "selective rationality", etc. noch keine Differentiale, weder genonoch phänotypische, zwischen den Wirtschaftssubjekten berücksichtigt Es scheint in dieser Phase des Erkennblisbemühens zweckmässig zu sein, mit "globalen" VeIbaltensannahmen zu operieren, um so die 14 Die Notwendigkeit eines neuen Menschenbildes für die Ökonomie wird durch die Tatsache bewusst, dass Vertreter rivalisierender Doktrinen gleichermassen ein solches fordern. So schlägt beispielsweise 10M Fosler, der einer polilÖkonomischen oder institutionellen Richtung zugerechnet werden kann, vor, den "kreativen Wirtschaftsmenschen" in die Ökonomie einzuführen. Fosler, I., 1987, Evolutionary Macroeconomics, London. Traditionellerweise fordem auch Ökonomen, die sich von der österrcichischen Schule inspirieren lassen, ein neues Menschenbild und Verhaltensannahmen, die die Kreltivität des Menschen berücksichtigen. Z.B. Will, U., 1989, Emergence and Dissemination of Innovations. Some Problems and Principles of Evolution&ry Economics, Beitrag zur Tagung des Arbeitskreises "Evolutorische Ökonomik" im Verein für Socialpolitik, Freiburg. Ich habe den Versuch unternommen, den homo oeconomicus vor dem Hintergrund moderner neurophysiologischer Erkenntnisse zu interpretieren und neu m deuten. (Das vom Schweizerischen Nationalfond zur Förderung von Wissenschaft und Forschung 1979 -1982 gesponserte Projekt blieb ein 250 Seiten umfassendes Torso.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
34 Kurt Dopfer Diskussion überhaupt einmal erst vom traditionellen Menschenbild weg und in eine andere, der Evolutionsökonomik besser entsprechende Richtung zu lenken. Im folgenden sei kurz die Brauchbarkeit der beiden Theoreme für die Generierung von ökonomischen Hypothesen demonstriert Endlichkeit des Potentials bedeutet, dass es mit seiner Aktualisierung abnimmt und sich erschöpft. Eine Erfmdung führt beispielsweise zu einer unternehmerischen Innovation, die jedoch ihrerseits Nachahmer findet, die das Innovationspotential zum Erschöpfen bringen. Dieser Degenerierungsprozess entspricht ressourcenmässig einem sinkenden Preis oder einer sinkenden Surplusrate flir das entsprechende Gut. Die knapper werdenden Ressourcen führen indessen jedoch auch zu einem spezifischen ökonomischen Verhalten. Im statischen Kontext der traditionellen Ökonomie gelangen wir zur Aussage, dass die Aktoren bis zum Zeitpunkt der Erschöpfung der Ressourcen die beste relative Wahl zwischen den verfügbaren Ressourcen, bzw. Variationsmöglichkeiten dieses Potentials treffen werden. Betrachten wir nun den Pool nicht nur als eine zusehends knapper werdende Ressource, sondern als ein Potential, das schöpferische Entfaltung z.B. im Sinne Schumpeters, zulässt, so folgt daraus, dass die schöpferische Fähigkeit des Menschen, sich in Problemen anhaltend auszuleben - die Summe seiner zur Aktualisierung drängenden Probleme ist konstant in Anbetracht seines gegebenen kreativ-energetischen Potentials -immer weniger realisiert werden kann. Der Prozess der Erschöpfung eines Variationspotentials wird also von einem Prozess der Suche nach und der Generierung von neuen Variations potentialen begleitet. Theoretische Regelmässigkeit als Aktualisierungsdruck aufgrund schrumpfender Potentiale leitet sich nicht aus einem "Gesetz" her, wie es flir Ressourcenbewegungen der ökonomischen Dynamik typisch ist. sondern aus einer Annahme über ein subjektivistisches Element des Wirtschaftsmenschen: seine Kreativität. Die Annahme der Kreativität als theoretische Variable führt also nicht apriori zu willkürlichen und völlig unvorhersagbaren ökonomischen Abläufen, sondern lässt theoretisch explizierbare Ablaufmuster über die Zeit erkennen und eröffnet sich so der wissenschaftlichen Analyse. H. Ökonomische Prozesse jenseits des Gleichgewichts Die Berücksichtigung der in Theorem 1 und 2 beschriebenen Prozesseigenschaften führt zu einem neuen diachronen Prozessverständnis, das mittels eines Diagramms kurz erläuten werden soll. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolutionsökonomik 35 Figur 3: Aktualisierung eines Potentials mit Bifurkationen für Prozesse jenseiu des Gleichgewichu a = AnfangsbedinglDlgen a' = Bifurkation; neue AnfangsbedinglDlgen, a '> 0 o = Gleichgewicht Der Kreis repräsentiert ein Variationspotential, dessen Erschöpfung durch eine spiralfönnig zur Mitte gerichtete Linie beschrieben wird. Die Anfangsbcdingungen a sind nicht durch den Nullpunkt. sondern durch die Asymptote der Spirale defmiert. Der Prozess der Involution eines Potentials wird durch den Prozess einer zunehmenden Verengung der Spirale dargestellt Der absolute Endzustand des synchronen Regimes ist durch den Nullpunkt. beispielsweise das Schumpetecsche statische Gleichgewicht. gegeben. Nehmen wir als Beispiel eines Variationspotentials ein ökonomisches Paradigma. Das neoklassische Paradigma hat bei all seinen Vorzügen den Nachteil. dass es ein sehr erschöpftes Variationspotential darstellt und daher die Aktualisierung weiterer wissenschaftlicher Ergebnisse schwierig macht. Drei Prozessoptionen sind möglich. Eine erste besteht in der analytischen Differenzierung und Anwendung bestehender theoretischer Konzepte auf neue Problemstellungen. Eine zweite und grosse Domäne der neoklassischen Analyse begnügt sich mit Wiederholungen. Diese Fonn der Retention hat Vorteile in Fonn verbesserter Kommunikationsmöglichkeiten und einer vertieften Durchdringung des bestehenden Wissens. Das neoldassische Paradigma ist auch eine Verhaltensnorm. welche wissenschaftliches Arbeiten sozial belohnt oder bestraft. Trotz dieser Vorzüge steht dauernder Wiederholung die Tatsache gegenüber, dass Wiederholung langweilig und damit - OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
36 Kurt Dopfcr Whitehead folgend -der Feind allen Lebens ist: ein Korrolarium zu Theorem 2. Mit zunehmender Involution des neoklassischen Paradigmas nimmt daher auch der kreative Impetus zur Entwicklung eines neuen Paradigmas im Sinne einer Aktualisierung der dritten Prozessoption zu. KreativitlJt liegt jenseits der Wiederholung. Da das Potential des neoklassischen Paradigmas endlich ist und Theorem 2 von der Annahme der anhaltenden schöpferischen Kraft des Menschen ausgeht, ist der Prozess des Übergangs zu einem neuen Paradigma unausweichlich. Unter der Anwendung der beiden Theoreme wird der Prozess nicht bis zum absoluten entropischen Endzustand (Nullpunkt der Spirale) verlaufen, sondern die Annäherung dieses Zustandes wird Kräfte auslösen, welche den Prozess jenseits des Gleichgewichts ablaufen lassen. Es bedarf also keiner exogenen Störung des Gleichgewichts, um einen Prozess jenseits des Gleichgewichts aufrecht zu erhalten. I. Zum Unterschied zwischen Evolutionspotentialen und nicht-linearen Potentialfunktionen Die skizzierte theoretische Vorstellung ist konsistent mit der Theorie dissipativer StruktW'en, die heute in der Biophysik als ein akzeptierter Grundpfeiler für die Interpretation lebender Systeme giltI'. Bei der (vorwiegend präbiotischen) Theorie dissipativer Strukturen besteht ein endliches Variationspotential in Form von in die Umwelt dissipierbarer Energie; ein offenes System kann sich nur erhalten, wenn es genügend Kreativität besitzt, den Prozess zum entropischen Gleichgewicht hin aufrechtzuhalten. Der auf unserer Involutionsspirale skizzierte Prozess wird also nicht bis zum absoluten cntropischen GleiChgewicht verlaufen, sondern es wird eine vorzeitige Bifurkation, eine Transition, einen diachronen Phasenübergang zu einem neuen strukturellen Regime geben. Die Theorie dissipativer Strukturen ist aber auch geeignet, die Grenzen von Analogien oder Isomorphien von naturwissenschaftlichen Konzepten für die Ökonomie aufzuzeigen. Einerseits erlaubt die nicht-lineare Dynamik -mit der Theorie dissipativer Strukturen als Spezialfall -Einsichten in wesentliche Eigenschaften ökonomischer Prozesse, wie [rreversibilität, Historizität, ProzesserhallUng durch Surplusgenerierung Genseits des Gleichgewichts) sowie Bijurkationskonstellationen und diskontinuierliche Phasenübergänge als Konstituanten des evolutionären Prozesses. Andererseits ist die nicht-lineare Dynamik eben immer noch eine Dynamik, die ursprünglich zur theoretischen Beschreibung invarianter physikalischer Phänomene konzipiert wurde. Der Begriff des "Gesetzes" und damit zusammenhängend die wissenschaftstheoretische Konzeption des Determinismus sind aus der Disziplin der Dynamik nicht wegzudenken. Es ist also zu IS VgL hierzu die Arbeiten von Prigogiflll /., z.B. 1980, From Being 10 Becoming, San Francisco. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolutionsökonomik 37 unterscheiden zwischen einem Detenninismus linearer Gleichungen und einem Detenninismus nicht-linearer Gleichungen (z.B. "detenninistisches Chaos"). Eines der wesentlichen Charakteristika linearer Gleichungen der Dynamik ist, dass nicht nur gleiche, sondern auch ähnliche Anfangsbedingungen zu nicht nur gleichen, sondern auch ähnlichen deterministischen Abläufen führen. Bei nicht-linearen Gleichungen kann schon bei einfachsten Gleichungen durch geeignete Parameterwahl ein Ablaufmuster generiert werden, bei dem kleinste (infmitesimale) Unterschiede in den Anfangsbedingungen zu einem völlig unvorhersagbaren Ablauf fUhren, also von Toleranz bezüglich den Anfangsbedingungen keine Rede sein kann. Dieser dynamische Ablauf hat wegen der implizierten Ei.genschaften, wie Irreversibilität und Nicht-Vorhersagbarkeit, bei manchen Okonomen zur Vorstellung geführt, dass auch die deterministische Kernannahme der Dynamik tel quel in die ökonomische Analyse mit übernommen werden kann. Demgegenüber dürfte der entscheidende Vorzug einer EvolutiOllSÖkonomik von vielen Ökonomen gerade darin gesehen werden, dass sie die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Konzepte des Determinismus und des Gesetzesbegriffes überwindet und den -menschlichen Intentionen und kreativer Entfaltung immanenten -Freiheitsgraden bei der Formulierung ökonomischer Prozesse Rechnung trägt. Wenn nicht bereits am Anfang einer paradigmatischen Diskussion die konzeptionellen und weltanschaulichen Wurzeln der verschiedenen Ansätze offengelegt werden, besteht die Gefahr, dass Begriffe und Denkkategorien, die den Sozialwissenschaftler und Ökonomen intuitiv ansprechen, unkritisch übernommen werden, und damit die gesamte Erbschaft inadäquater Konzepte in die "neue" Ökonomie gelangt und durch sprachliche Gewöhnung einen festen Platz im weiteren Diskurs erhälL Die folgende Klärung des Begriffs "Potential", wie er in der nichtlinearen Dynamik und in der skizzierten Evolutionsökonomik verwendet wird, soll nicht nur dazu dienen, das evolutionllre Potential-Konzept von jenem der ökonomischen Dynamik abzugrenzen, sondern auch beispielhaft das erwähnte Sprachproblem zu demonstrieren. In der nicht-linearen Dynamik spricht man von einer "Potentialfunktion". Man kann sich diese als eine "mechanische Landschaft" vorstellen, wobei zwischen einem konvexen und nichtkonvexen Typ unterschieden wird. Die Konvexität bzw. die Nichtkonvexität ist nur für die Anfangsbedingungen, nicht jedoch für den Trajektorverlauf relevant (dieser ist ja bei gegebenem Bewegungsgesetz ein deterministisches Ergebnis der Anfangsbedingungen). Haben wir eine Potentialfunktion konvexen Typs, so ist der Endzustand des Systems eindeutig definiert. Die ökonomische Gleichgewichtstheorie kennt beispielsweise einen (einzigen) Gleichgewichtspreis, der, analog der klassischen Mechanik, den Ruhezustand des Systems definiert. In nicht-linearer Reformulierung kann der Endzustand des Trajektors bei konvexen Potentialfunktionen als Fixpunktattraktor beschrieben werden. Ist die Potentialfunktion nicht konvex, so haben wir zwei oder mehrere (deterministische) Abläufe und der Endzustand des Systems kann prinzipiell nicht vorhergesagt werden. Kleinste OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
38 Kurt Dopfcr Unterschiede bei den Anfangsbedingungen werden zu verschiedenen Endzuständen des Systems, z.B. zu qualitativ neuen strukturellen Regimes bei einem Phasenübergang, führen. Die nichtkonvexe Potentialfunktion kann als eine Formalisierung der realen Bifurkationsproblematik begriffen werden. (Die Problematik wird klar, wenn man beispielsweise die irrationale Zahl 1t in der Funktionsgleichung berücksichtigt) Die konvexe und nichtkonvexe Potentialfunktion unterscheidet sich lediglich dW'Ch die unterschiedliche Natur der Anfangsbedingungen und die schwerwiegenden Konsequenzen im Hinblick auf die Einmaligkeit und Vorhersagbarkeit der Abläufe". Wurde jedoch beim System die infinitesimal kleine Anfangsursache zur Wirkung gebracht, die als "historischer Zufall" eine Rolle spielen kann, so verhält sich das System während seines gesamten Ablaufes bis zum Endzustand völlig deterministisch 17. Der in dieser Arbeit vorgeschlagene Potentialbegriff nimmt einerseits Potentiale nicht als gegeben an, sondern lädt zur theoretischen Explizierung solcher Potentiale ein. Wie in Theorem 2 zum Ausdruck gebracht, ist die unerschöpfliche Kreativität des Menschen ein Charakteristikum des wirtschaftlichen HandeIns, das zur Schaffung immer neuer Kreativitätspotentiale, z.B. in Form verbesserter Problemlösungen, führt Dabei wird angenommen, dass der energetische Impetus nicht nur vom Menschen ausgeht (als "internes Motivationszentrum" im Kortex), sondern dass auch die Aktuali-. sierung eines bestehenden Potentials zu Knappheitsverhältnissen führt, die auf wirtschaftende Menschen einen Druck zur Entfaltung ihrer Kreativität zur Schaffung neuer Potentiale ausüben. Bei all diesen Prozessen spielt die Kreativität und die ihr immanente Entscheidungsfreiheit -Freiheit zu Neuem -eine zentrale Rolle. Aus dieser Verhaltensannahme resultiert ein Konzept von Potentialen, die durch ein dauerndes "Stirb und Werde" charakterisiert sind. Das Entstehen und das Vergehen sind konstitutive Merkmale eines evolutionären Potentialbegriffes. Er unterscheidet sich wesentlich vom Begriff eines "mechanistischen Potentials", bei dem das Potential durch eine ad hoc-Annahme über die Form einer Gleichung bzw. durch eine "eingefrorene Landschaft", die deterministische Verläufe vorgibt, definiert ist 16 Für eine weiterführende Diskussion z.B. Dopfer K., The Complexity cf Economic Phenomena, Reply to Tmbergen and Beyond, in: Journal cf Ecomxnic Issues, erscheint SepLI990. 11 Zur Rolle des historischen Zufalls und der kumulativen Verengung der Optionen z.B. Ar/hUT W. B., 1985, Competing Technologies and Locked-in by Historical Srnall Events: The Dynamies cf Allocation Under Increasing Returns, CEPR publication No. 43, Palo Alto. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolut.ionsökonomik J. Schlussfolgerungen bezüglich einer zukünftigen EvolutioDSÖkonomik 39 Eine Evolutionsökonomik hat zwei zentrale Erkennblisbereiche. Sie analysiert zum einen ökonomische Strukturen, die sie nicht lediglich als Aggregat einzelner Entscheide, sondern als ein Ergebnis eines kommunikativ-interaktiven Prozesses verstehL Im Zuge dieses Prozesses entsteht Struktur unter der Annahme, dass die Teile einer Klasse von Phänomenen, z.B. Wirtschaftssubjekte oder institutionelle Einheiten wie Firmen oder Haushalte, eine prinzipielle Assoziationsneigung haben, und dass diese im Zuge des Strukturierungsprozesses zu einem Ordnungs parameter führt, in dem minimale kommunikativ-interaktive Inhalte akzeptiert und konsensual festgelegt sind. Es wurde eine ökonomische SpezifIZierung dieses Selbsorganisationsmodelles vorgeschlagen, die weniger die ausschliessliche Relevanz des Preises als "Thema" des ökonomischen Prozesses betont (beispielsweise deshalb, weil dies Ökonomen seit der "marginalistischen Revolution" tun); vielmehr wurde in einer evolutionsökonomischen Diskussion auch die Chance gesehen, bisher vernachlässigte, aber für das Verständnis der Marktprozesse wesentliche Aspekte der marktmässigen 'Themenbildung", welche Transaktionen, Austausch und Kooperation bestimmen, zu berücksichtigen. Der zweite Erkenntnisbereich einer Evolutionsökonomik -theoriegeschichtlich wohl ihr angestammter Kernbereich -ist die Analyse des evolutionären Wandels. Entscheidend scheint das Verständnis ökonomischer Pr0zesse als diskontinuierliche Entwicklung, als Phasenübergänge von einem qualitativen Zustand zu einem anderen. Die wesentlichen Charakteristika eines ökonomischen Prozesses als diskontinuierliche Phasenübergänge wurden mit dem Konzept des Potentials theoretisch zu erfassen versucht. Während bei der synchronen Analyse der Selbstorganisation und Strukturemergenz die Assoziationsneigung der Teile, der Wirtschaftssubjekte, herausgestellt wurde, spielte bei der Analyse evolutions-dynamischer Prozesse die Kreativität des Wirtschaftsmenschen die entscheidende Rolle. Generierung und Aktualisierung sind gleichennassen Ergebnis subjektiven Handelns, in dem sich Kreativität (in einem weitesten Sinne) entfaltel Eine "detenninistische" Komponente bekommt dieser sich selbst-erhaltende Prozess durch die Annahme, dass Potentiale endlich sind und dass die Kreativitätsentfaltung des Menschen (innerhalb einer phänotypisch-kulturell spezifizierten Population und unter Nichtberücksichtigung von genetischen Differentialen zwischen Wirtschaftssubjekten) konstant ist. Die paradigmatisch-analytische Struktur des skizzierten Wirtschaflsprozesses unterscheidet sich indessen von der des detenninistisch-deduktivistischen Ansatzes, wie er in der linearen und nicht-linearen ökonomischen Dynamik zur Anwendung kommt. Wirtschaftliche Evolution wird als eine diskontinuierliche Abfolge von -sich in Kreativität auslebenden Wirtschaftssubjekten geschaffenen -Potentialen und ihrer raum-zeitlichen Aktualisierung definiert. Ein Erkennblisfortschritt wird in der theoretischen SpezifIZierung dieses als Forschungsprogramm OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
46 Kurt Dopfcr Schmidtchen, D., 1989, Preise und spontane Ordnung -eine evolutionstheoretische Perspektive, Diskussionsbeiträge Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, Saarbrücken. Schnabl, H., 1988, Agenda-Diffusion und Evolutorische Ökonomik, Manuskript, Arbeitstreffen der Evolutorischen Ökonomik, Freiburg. Schnabl, H., 1989, Referat "Biologische vs. ökonomische Evolution -ein kritischer Vergleich", Temporärer Arbeitskreis Evolutorische Ökonomik, Verein für Socialpolitik, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg. Schumpeter, J., 1912, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Leipzig. Schütz, J., 1989, Über die Notwendigkeit von Normen in der ökonomischen Theorie, Dissertation, Köln. Schwaninger, M., 1989, Zur Zukunft der systemorientierten Managementforschung, Diskussionsbeitrag Nr. 13/89 des Instituts für Betriebswirtschaft an der Hochschule SL Gallen. Shackle, G. L. S., 1972, Epistemics and Economics, Cambridge. Simon, H. A., 1978, Rationality as Process and as Product of Thought, in: American Economic Review 68, S. 1-6. Stiglitz, J. E., 1984, Information and Economic Analysis: A Pcrspective, in: Supplement 10 the Economic Journal, Conference Papers, Vol. 95, S. 21-41. Vanberg, V., 1983, Der individualistische Ansatz zu einer Theorie der Entstehung und Entwicklung von Institutionen, in: Jahrbuch für Neue Politische Ökonomie, Bd. 2, S. 50-69. Veblen, T., 1898, "Why Economics is not an Evolutionary Science" ,in: Quarterly Journal of Economic Issues, July. Vollmer, G., 1981, Evolutionäre Erlcenntnisthcorie, 3. Aufl., StuttgarL Wagener, H.-J./Drukker, J. W. (Hrsg.), 1986, The Economic Law of Motion of Modern Society: A Marx-Keynes-Schumpeter Centennial, Cambridge, England. Wagner, A., 1984, Strukturbruch, Strukturwandel und Evolution in Volkswirtschaften. Zu den Methoden der Modellierung, in: Schiemenz, BJ Wagner, A. (Hrsg.), Angewandte Wirtschaftsund Sozialkybernetik. Neue Ansätze in Praxis und Wissenschaft, Berlin, S. 333-350. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Elemente einer Evolutionsökonomik 47 Wagner, A., 1989, Referat "Aufgaben und Methoden einer Evolutionsökonomik" , Temporärer Arbeitskreis Evolutorische Ökonomik, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg. Weissmahr, J. A., 1989, Thesenpapier "Universelle Grundlagen der evolutorischen Ökonomik", Temporärer Arbeitskreis Evolutorische Ökonomik, Verein für Socialpolitik, Albcrt-Ludwigs-Universität, Freiburg. Welfens, P J Balcerowicz, L. (Hrsg.), 1988, Innovationsdynamik im Systemvergleich, Berlin u.a. Whitehead, A. N., 1978, Process and Reality, New York/London. Witt, U., 1985, Coordination of Individual Economic Activities as an Evolving Process of Self-Organization, in: Economique appliqut, XXXVII, S. 569-595. Witt, U., 1989, Subjectivism in Economics - A Suggested Reorientation, in: Oelander, FJ Grunert, K. G. (Hrsg.), Understanding Economic Behavior, Dodrecht. Witt, U., 1989, Referat "Entstehung und Ausbreitung von Neuigkeit -über einige Probleme und Prinzipien evolutorischer Ökonomik", Temporärer Arbcitskreis Evolutorischer Ökonomik, Verein für Socialpolitik, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
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EVOLUTORISCHE ÖKONOMIK oder KREATIVITÄT IN DER THEORIE 1 von Günter Hesse, Würz burg Dieser Beitrag handelt über eine bestimmte Vorstellung von der "eigentlichen" Beschaffenheit (Ontologie) des Gegenstandes der Volkswirtschaftslehre und der damit konsistenten allgemeinen Methode der Theoriebildung. Er bewegt sich auf der Ebene der "Weltbilder", die die Ökonomen bei der Bearbeitung konkreter Problemstellungen im "Hinterkopf' haben. Diese Weltbilder beeinflussen nicht nur die Art der Problemstellung und die Bewertung vorgeschlagener Lösungen, sondern auch die Auswahl der behandelten Probleme. Es wird zum einen kurz angedeutet, daß sich die Vorstellung, nach der Kreativität oder endogener Wandel konstitutives Merkmal des vorgestellten Gegenstandes der Volkswirtschaftslehre ist, zwanglos aus der Veränderung der Vorstellungen von der eigentlichen Beschaffenheit der Welt ergibt, wie sie etwa vom Ende des 18. bis zur Mitte unseres Jahrhunderts stattgefunden haben -von Adam Smith bis Walter Eucken z.B.. Zum anderen wird gezeigt, daß schon die analytische Basiseinheit der ökonomischen Theorie, die reflektierte Handlung eines Subjekts, nicht ohne kreatives Element gedacht werden kann. Damit wird auch der "logische Ort" bestimmt, an dem die Kreativität in die ökonomische Welt kommt. Diese aus dem Gegenstand nicht mehr wegdenkbare Kreativität hat zur Folge, daß die evolutorische Ökonomik zur angemessenen allgemeinen Methode der Theoriebildung wird. Die Änderung der Vorstellungen von der "eigentlichen" Beschaffenheit des Gegenstandes der Theorie und die daraus folgende Änderung der Art 1 Dieser Beitrag ist aus den beiden Papieren "Handeln in der Zeit als analytische Basiseinheit der evolutorischen Ökonomik" und "Zmn Problem der Neuheit in der ökonomischen Theorie" entstanden, die am 30.6.1988 und Am 8.7.1989 in Freiburg vorgetragen wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
50 GOnter Hesse der wissenschaftlichen Erfassung df',s vorgestellten Gegenstandes, liegt auf einer anderen Ebene der "internen Struktur" der Wissenschaft2 als die Änderung von Theorienaussagen wie z.B. bei der Reformulierung des "Gesetzes" der (individuellen) Konsumgüternachfrage als Reaktion auf den Giffen-Fall. Zum Verständnis der Gründe und Folgen solcher Änderungen auf den höheren Ebenen der internen Struktur der Wissenschaft ist ein Maß an Reflexion über die Bedingungen und Möglichkeiten der eigenen wissenschaftlichen Arbeit erforderlich, das während der normalen wissenschaftlichen Arbeit nur selten erworben wird. Wer z.B. die Frage, "Sind Sie der Ansicht, daß Modelle die Realität in vereinfachter Form abbilden?" mit "Ja" beantwortet, dürfte mit weiteren Studien auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie3 hohe Grenzerträge erzielen können. A. Zur Gegenstandsvorstellung evolutorischer Theorie Das entscheidende Merkmal evolutorischer Theorie ist, daß sie ihren Gegenstand nicht als "Maschine" konstituiert. Als "Maschine" kann man in Anlehnung an H. v. Förster4 einen Zusammenhang zwischen einem bestimmten beschreibbaren5 Outputzustand Y(t) zur Zeit t, einem vermittelnden "internen Zustand" Z(t) zur Zeit t und einem Inputzustand X(t) zur Zeit t bezeichnen, bei dem Zentweder invariant gesetzt oder auf eine vorgegebene Weise verändert wird. Im ersten Fall ("triviale" Maschine) bleibt die "Vorschrift", nach der Inputzustände in Outputzustände transformiert werden, unverändert. Wir hoffen in der Regel, daß die meisten realen Maschinen, mit denen wir uns umgeben -wie z.B. Autos, Uhren, Lottozahlen-Ziehmaschinen -, triviale Maschinen bleiben mögen. Als Beispiel für formale, d.h. lediglich aus Rechenvorschriften bestehende, triviale Maschinen seien MultiplikatorAkzelerator-Konjunktur-Modelle genannt. Im zweiten Fall (nicht-triviale Maschine) wird die Outputsequenz nicht nur von der Inputsequenz und der Transformationsvorschrift /y(x -+ y) bestimmt, sondern auch von der Vorschrift (/z), nach der die Transformationsfunktion (/y) verändert wird. Als Beispiel können "lernende" Wesen angeführt werden, bei denen die Reaktion auf Reizvariationen systematisch mit z.B. der Zeit oder der Zahl bereits erfolgter Reiz-Reaktionsvorgänge 2 vg l. Heue G. (1979), S. 187. 3 Als Einstieg in die jüngere Diskussion vgl. z.B. die Beiträge in: Schmidt S.J. (Hrsg.) (1987); Riedl R. und Wuketit, F.M. (Hrsg.) (1987); Oe,er E. und BOßet E.M. (Hrsg.) (1988). 4 För,ter H. v. (1985), S. 177 H, S.12 H. 5Die Zustände können z.B. in Werten von Variablen angegeben werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Kreaüvitllt in dcr TI1COriC 51 variiert. Eine nicht-triviale Maschine könnte z.B. aus einer Produktionsfunktion und einer Vorschrift zur Änderung der Produktionsfunktion, z.B. Änderung des Effizienzparameters in Abhängigkeit von der Zeit ("technischer Fortschritt"), bestehen. Natürlich kann man auch andere Merkmale von Transformationsvorschriften systematisch ändern und auf diese Weise vielfältige "Entwicklungsgesetze" gewinnen. Man kann sich leicht vorstellen, daß insbesondere mit nicht-trivialen Maschinen (auch höherer Ordnung) äuBerst komplizierte und vielfältige (einschließlich irreversibler) Input-Output-Sequenzen modellierbar sind. Das alles ändert nichts an der Vorstellung vom so erfaßten Gegenstand als einer Maschine, in der, das ist das entscheidende Merkmal, endogener Wandel nicht zugelassen ist.6 Als endogener Wandel werden Änderungen des internen Zustandes bezeichnet, die nicht durch exogene Variation der Transformationsvorschriften bedingt sind. Endogener Wandel entsteht "spontan" oder "unverursacht" (Shackle). In einem als Maschine gedachten Gegenstand ist also endogener Wandel, oder etwas anders formuliert Kreativität, nicht zugelassen. Kreativität ist hier exogenisiert und bei dem "Schöpfer" der Transformationsvorschriften und Inputzustände angesiedelt. Evolutorische Theorie zeichnet sich gerade dadurch aus, daß in den von ihr untersuchten evolutorischen Prozessen Kreativität zugelassen ist; hier ist Kreativität endogenisiert. B. Benötigen wir eine Theorie evolutorischer Prozesse?, oder: Zur Evolution evolutorischer Theorie Diese Frage ist nicht durch die Diskussion technischer Details einzelner Theorien zu lösen. Sie zielt auf die grundlegenden Vorverständnisse oder "Weltbilder" , innerhalb derer Theorien entworfen und kritisiert werden. 7 Nähern wir uns einer Antwort auf einem Umweg, fragen wir zunächst: Unter welchen Bedingungen benötigen wir keine evolutorische Theorie? Offensichtlich benötigt man keine Theorie evolutorischer Prozesse, wenn man "die" Welt als eine Maschine betrachtet, die aus einer Schöpfung eines übergreifenden Wesens hervorgegangen ist. Die Vorstellung einer 6Mit dieser allgemeinen Formulierung wird die vielfältige Kritik an "statischen" oder "pseudo-dynamischen" Theorieansätzen auf einen Nenner gebram.t. Vgl. neben Arbeiten von Shad:le G.L.S. zum Beispiel Kriuelberg H.G. (1969), Rö,ke J. (1977), Heue G. (1979), Kühne K. (1982) und Witt U. (1987). 7 Zur internen Struktur der Wissenschaft und zur "Technik" der Kritik von grundlegenden Vorstrukturierungen vgl. Heue G. (1979), S. 187, S. 121-199. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
52 Güntcr Hesse "gegebenen"··Welt hielt sich als reflektierte WeItsicht in der europäischen Wissenschaft, sehr grob gesprochen, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.s Für Adam Smith 9 zum Beispiel war das Universum einschließlich der darin lebenden Menschen eine Maschine, erschaffen durch ein allweises Wesen, das alle Bewegungen durch "Naturgesetze"10 lenkt. Die Menschen sind Teil der Natur und ihre intellektuelle, motivati0nale usw. Ausstattung ist so gewählt, daß sie, wenn sie ihren Trieben - z.B. ihrem "natürlichen" Egoismus -folgen, die "Pläne der Vorsehung der Verwirklichung näher bringen".l1 Die Menschen mögen den Eindruck haben, frei nach eigenen Zwecken zu handeln, objektiv sind sie "Räder in einer Uhr" ,12 die von einem göttlichen Handwerker geschaffen worden ist. Die grundlegende, auch im Wealth of Nations angewandte Methode besteht in der Ableitung des zu Erklärenden -der historischen Abfolge der Handlungsgrundlagen der Menschen -aus dem "Plan der Natur" .13 Für den vorausgesetzten vollkommenen und allmächtigen Baumeister gibt es keine Überraschungen im (historischen) Ablauf seiner Uhr, es gibt nichts prinzipiell Neues im so vorgestellten Gegenstand -und in der Theorie des Gegenstandes. Wenn die Wissenschaft die von Gott "gegebenen" Natur-Gesetze und Anfangsbedingungen aufgedeckt hat, kann sie den historischen Ablauf logisch gültig deduzieren, d.h. mit einem Maschinenmodell abbilden. Der Wissenschaftler versucht dann auf irgendeine Weise (die in den Passagen seines Werkes erläutert wird, die der Erkenntnistheorie gewidmet sind), Einsicht in die Schöpfung zu nehmen -was natürlich die Erlaubnis oder sogar Mitwirkung des Schöpfers voraussetzt, womit sich die Wissenschaft als Instrument der Offenbarung verstehen kann. Das gibt der folgende Vers, der wohl auch Adam Smiths Überzeugung ausdrückt,14 auf einprägsame Weise wieder: "Nature and Nature's Laws laid hid in Night - God said 'Let Newton Be' and All was Light" 15 Diese Vorstellungswelt mag uns heute zwar etwas seltsam erscheinen, 8vgl differenzierter Heue G. (1979), S. 55-121, S. 201 ff, S. 261-378. 9vgl. Smith A. (1790), S. 250 f, S. 398 ff und Smith A. (1811),S. 226. 10 vgl. zu Vorstellung von Gesetzen, denen die Natur gehorchen muß, neben Smith A. (1790), z.B. S. 250 ff, besonders die Untersuchungen von Zililei E. (1942), S. 66-97. 11 Smith A. (1759), S. 25l. 12Ebenda, S. 129/130. 13 vg l. Stewart D. (1811/12), S. 490/491. 14 vg l. Smith A. (1811), S. 196, S. 206, S. 208, S.I87 ff i.V.m. S. 74f. 15Zitat nach Tenbruck F. (1975). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
KreativitAt in der Theorie 53 immerhin erhält man sich auf diese Weise -verbunden mit der Überzeugung, daß Nichtwissenschaftier im allgemeinen nur bruchstückhaft ("unvollkommen") über die wahren Zusammenhänge der "gegebenen" Welt informiert sind -die Möglichkeit, die eigene Existenz als Wissenschaftler konsistent zu denken. 16 Die "Annahme" , alle Akteure hätten "vollständige Information" über die "gegebene" Welt, würde die Rolle des Wissenschaftlers verschwinden lassen. Mit dem "Abbruch der metaphysischen Tradition"17 gegen Ende des· 19. Jhr. fiel für die Wissenschaft ein solcher exogener Kreator oder zumindest ein intersubjektiv verbindlich zu machender erkenntnistheoretischer Zugang zu dessen Bausteinen und Bauplänen weg. Für Teile der Naturwissenschaften wie z.B. die klassische Mechanik schien das nicht viel zu ändern. Zwar verliert die Vorstellung, das ganze "Universum, einschließlich der darin lebenden Menschen, ihrer Gedanken und Handlungen sei eine"Maschine (der physikalische Determinismus 18 ist eine Variante dieser Vorstellung) an Attraktivität, nachdem die Denkmöglichkeit eines Standpunktes außerhalb der einen Maschine weggefallen ist -sie wird z.B. für die wissenschaftliche Argumentation folgenlos, da sowohl die Annahme als auch die Ablehnung dieser Vorstellung durch Wissenschaftler physikalisch determiniert sein mag oder auch nicht -, aber aus dieser Änderung ergibt sich noch nicht die Folgerung, daß es in der ganzen Welt keine Maschinen gebe. So kann man das schwer zu kritisierende Argument vorbringen, daß es zumindest Teile der Realität (z.B. räumlich, zeitlich oder größenordnungsmäßig bestimmt) geben mag, die als triviale oder nicht-triviale Maschine erfaßt werden können, und man kann sich mit dem etwas weniger anspruchsvollen Ziel begnügen, nur solche Gegenstände untersuchen zu wollen. Nach H. v. Förster war das die Strategie der sogenannten "hard sciences". Sie haben sich vorwiegend mit "soft problems" beschäftigt,19 d.h. mit Gegenständen, die als Maschinen modelliert werden konnten oder wurden. 20 Mit der Figur 1 soll der Unterschied dieser Vorstellungen verdeutlicht werden. Figur 1.1 symbolisiert die Vorstellung von "der" Welt als einer Maschine "M" (die wiederum aus beliebig vielen Sub-Maschinen bestehen kann), die das Resultat eines kreativen Aktes "K" ist. Durch diesen Akt wurden erster Input, Transformationsvorschriften und Änderungen von Tr16 Außerdem wird deutlich, daß die Endogenisierung von Variablen, die von Kritikern der "Datenlcranzmethode" gefordert wird, nicht notwendigerweise zur evolutorischen Theorie führt. 17 vgl. Sckulz W. (1972). 18 vg l. Popper K.R. (1973). 19 v 9l. För,ter H.". (1985), S. 17 f. 20Ein Beispiel. für die Anwendung des Maschinenparadigmas in der Makroökonomie diskutiert Wulwick N.J. (1987), S. 836, S. 838, S. 841/842. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
54 GOnt.cr Hesse (0 I [;]-Q-[;]-0 I I Q Q (0-Q -Q-Q.-0-GI I Q Q I I [;]-Q-GJ-Q Figur 1.1 Figur 1.2 anformationsvorschriften festgelegt. Danach wird das Programm realisiert: Die Werte der Variablen, mit denen wir Outputzustände zu irgendwel.chen Zeitpunkten beschreiben, ändern sich. Figur 1.2 symbolisiert die Vorstellung, nach der zwar nicht "die" Welt eine Maschine ist, nach der sie aber auch aus Maschinen besteht. Diese sind eingebettet in Vorgänge, die nicht als Maschinen beschrieben werden können. Der in der Zeit ablaufende "Weltprozeß" ist zwar ein evolutorischer Prozeß - es gibt endogenen Wandel oder Kreativität in der so vorgestellten Welt -, doch ist der Gegenstand der Theorie kein evolutorischer Prozeß. Sie beschäftigt sich nur mit den als Maschine beschreibbaren Teilen bzw. grenzt ihr Objekt so ab, daß es als Maschine modellierbar ist. Das ist der Weg, den Walter Eucken, der in vieler Hinsicht auf der Höhe der philosophischen Reflexion seiner Zeit stand, bewußt (vielleicht im Gegensatz zu manchen heutigen Theoretikern, die "es so machen, weil es alle so machen") wählte, um in der Nationalökonomie -einer Wissenschaft, in der menschliche Wissenschaftler (und nicht Laplace'sche Dämonen) das Handeln von Menschen untersuchen -das Maschinenmodell ("exakte" Theorie) anwenden zu können. Seine Lösung ist die sogenannte "Datenmethode" . Diese Methode besteht darin, aus dem Gesamtzusammenhang der Veränderung der HandOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Kreativität in der Theorie 55 lungsgrundlagen der Wirtschaftssubjekte in der historischen Zeit -dem Explanandum der Volkswirtschaftslehre -gen au die Teile zu isolieren, auf die das "Maschinenmodell" angewandt werden kann (die der "exakten" Theorie zugänglich sind) und den Rest als "unerklärbar" bzw. zum Aufgabenbereich anderer "Wissenschaften" (mit entsprechend minderem Status) gehörend21 zu erklären. Die Eigenschaften des zu analysierenden Gegenstandes und die "Arbeitsteilung" mit anderen (Sozial-)Wissenschaften resultieren aus der gewünschten Methode der Analyse. Es ist wichtig festzuhalten, daß nicht von vornherein feststeht, welcher Sachverhalt Datum ist und welcher nicht. Auch dürfen die Daten nicht einfach "gesetzt" werden. "Alle Willkür hat bei ihrer Gewinnung auszuscheiden" .22 Datum ist, was nicht durch "exakte" Theorie erklärt werden kann. Was exakt erklärt werden kann, ist kein Datum. "Zu erfassen, was Daten sind, wo die Datengrenze verläuft, und die Fähigkeit mit Daten zu arbeiten, ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg aller theoretischen Forschung". 23 Das ist eine legitime Verfahrensweise, solange man sich der engen Grenzen der Gültigkeit der so gewonnenen Einsichten bewußt bleibt -also Erschleichungen vermeidet -und solange der Untersuchungsgegenstand faktisch (in einem Laborexperiment, einer Apparatur oder einem Computerprogramm) oder wenigstens gedanklich als Maschine konstituiert werden kann. Es wird aber zu zeigen sein, daß -genaugesehen - mit der Datenmethode oder dem Maschinenmodell lediglich ein Teil einer Handlung (das situationslogische Element) zutreffend erfaßt werden kann, nicht die ganze "Handlung in der Zeit". Betrachtet man die Handlung eines Subjektes als analytische Basiseinheit der Volkswirtschaftslehre -als "Elementarteilchen" ihrer Ontologie -, so hat die ökonomische Theorie demnach, sofern sie von realen Menschen betrieben wird und das Verhalten realer Menschen untersucht, Kreativität oder endogenen Wandel im Untersuchungsgegenstand. Es gibt keine intellektuell redliche Weise mehr, diese Kreativität zu exogenisieren. Anders formuliert: Nach dem Abbruch der metaphysischen Tradition kann die ökonomische Theorie, sofern sie sich als theoretische Realwissenschaft versteht, nur noch als evolutorische Ökonomik betrieben werden. Modelle der ökonomischen Theorie können Maschinenelemente enthalten, die Analyse des vorgestellten Gegenstandes ist, aber nicht auf diese Elemente reduzierbar oder lückenlos aus diesen aufzubauen. Die analyti21 vg L Schneider E. (1948), S. 27l. 22 Eucken W. (1939), S. 156. 23 e benda, S. 156. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
62 GÜnt.cr Hesse von Immanuel Kant ab, dann kann man -sehr grob -sagen, daß diese Vorstellung sich bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielt. Führende Ökonomen dieser Zeit fUhrten nicht einfach per "Annahme" eine "gegebene" Welt ein,36 die fUr den beobachtenden Theoretiker und die handelnden Akteure identisch ist, sondern boten "Erkenntnistheorien" an, in denen dargelegt wurde, wie die Einsicht in diese "gegebene" Welt möglich ist. Das kann hier nicht im Detail belegt werden. 37 Hier sei lediglich auf Vilfredo Pareto hingewiesen. Mit ihm bricht diese Phase ab. Von größter Bedeutung für seine Theorie war die Unterscheidung eines "subjektiven Phänomens" (die Vorstellung eines Subjektes über einen Gegenstand oder ein Ereignis) und eines "objektiven Phänomens" (das wirkliche Ding oder Ereignis).38 Als junger Mann glaubte er, es sei möglich, die Vorstellung approximativ mit dem objektiven Phänomen deckungsgleich werden zu lassen. 39 Die ökonomische Analyse setzt dann in dem Moment ein, in dem dieser Erkenntnisprozeß zum Abschluß gekommen ist und die Subjekte wahre Erkenntnis erlangt haben. 4o Als Pareto älter wurde, kam er zu der Einsicht, daß diese Erkenntnisoder Lerntheorie falsch ist und daß es deshalb ein schwerer Fehler war, die ökonomische Analyse mit der Annahme der Koinzidenz des subjektiven und objektiven Phänomens ( wahrer Erkenntnis oder vollständiger Information ) fortzuführen. Er schrieb dann ein neues Buch über "politische Ökonomie", in dem er versuchte, diesen schweren Fehler zu vermeiden und gleichzeitig die Methoden der von ihm hoch geschätzten Naturwissenschaftler anzuwenden. Unglücklicherweise nannte er dieses Buch "Versuch über Soziologie".41 Das mag mit dazu beigetragen haben, daß die heutige "paretianische Wohlfahrtsökon0mik" keine Spuren der Ideen und Probleme zeigt, mit denen sich Pareto als reifer Mann in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens intensiv beschäftigte. Pareto scheint der letzte "große" Ökonom gewesen zu sein, der explizit die Frage der Erkennbarkeit der objektiven Wahrheit ( Wahrnehmung der "gegebenen" Welt) aufgeworfen hat und als reifer Mann zu einem negativen Ergebnis kam. Ohne erkenntnisund wahrnehmungstheoretische Begründung einfach "anzunehmen", daß Wirtschaftssubjekte wahre Erkenntnis ("zutreffende Information") über eine gegebene Realität haben, ist so sinnvoll wie die "Annahme" von Engeln zum Planetenschieben durch 36 Debre. G. (1959). 37 vgl. aber Heue G. (1979). 38 vg l. Po.reto V. (1975), S. 239. 39 vg l. Po.reto V. (1896), S. 18, Po.reto V. (1906), S. 11. 4o vg l. Po.reto V. (1896), S. 146. 41 vgl. zu Paretos Werdegang und zu den Ideen, die er mit diesem Buch verfolgte, Paretos Vortrag anläßlidt des 25. Jahrestages seiner Berufung nach Lausanne, in: Po.reto V. (1975), S. 247-254. Dieser Vortrag sollte Pfiichtlektüre iür Ökonomen sein. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Kreativität in der Theorie 63 Astronomen, die nicht mehr an Gott glauben. Nach Abbruch der metaphysischen Tradition ist diese Vorstellung vom passiven Verhalten des wahrnehmenden Menschen, dessen Vorstellungen an eine gegebene Struktur der Welt angenähert werden, eine Vorstellung, die auch allen induktivistischen Erkenntnistheorien zugrunde liegt, mehr und mehr ersetzt worden durch die Einsicht, daß Menschen eine sehr aktive Rolle bei der Bildung ihrer Wahrnehmungen und Theorien spielen. Max: Weber hat das -in neukantianischer Tradition stehend - um die Jahrhundertwende für Theoriensysteme betont. 42 Karl R. Popper hat die Theoriengeleitetheit der Wahrnehmung seit langem und je länger umso heftiger betont und spricht heute davon, daß "alles Wissen seinem Inhalt nach apriori" sei. 43 Friedrich August von Hayek hat wohl als erster Ök<r nom diese aktive Rolle des menschlichen Wahrnehmungsapparates auch auf der elementaren Ebene der sinnlichen Wahrnehmung nachgewiesen. Es gibt keine bewußte Wahrnehmung ohne aktive Interpretation. 44 Die menschliche Wahrnehmung ist demnach Resultat aktiver kognitiver Systembildung: Konstitution von kognitiven Elementen und Relationen. Und dieser Prozeß der Systembildung findet nach dem Ende der metaphysischeIrOntologie nicht mehr ein quasi natürliches Ende in der dort vorausgesetzten einen Struktur der Welt. Anders formuliert: Nach dem Abbruch der metaphysischen Tradition hat der Ausdruck "vollkommmene Information" über eine irgendwie "vorgegebene" Menge von (alternativen) Handlungsmöglichkeiten keinen Kontext mehr in dem sein Sinn eindeutig festgelegt werden könnte. Mit der Vorstellbarkeit der Möglichkeit dieser "vollkommmenen Information" fällt genau genommen auch der Sinn des Ausdrucks "unvollkommene Information" -die nur zum Teil bekannte vollkommene Information - weg ( Wie sollte sie identifiziert werden? ). Man kann lediglich von unterschiedlicher Information verschiedener Individuen und des gleichen Subjektes zu verschiedenen Zeitpunkten sprechen, d.h. angebbar bleibt die Veränderung von Information. Nach Ergebnissen der jüngeren Wahrnehmungsphysiologie 45 können wir neben der Systembildung noch zwei weitere Merkmale des menschlichen Wahrnehmungsapparates angeben: -Der Apparat scheint in einem zeitlichen Rhythmus zu arbeiten. Das Gehirn integriert physiologische Ereignisse, die 42 vg l. ausfiihrlidJ. Heue G. (1979), S. 79-105. 43 vgl. Popper K.R. (1987), S. 30. uvgl. v. Hayek F.A., (1952), S. 42. 45 vgl. detailliert Pöppel E. (1985), S. 57 ffi vgl. darüber hinaus Oe6er E. (1987), Riede! R. (1987). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Güntcr Hesse während eines Zeitraumes geschehen, zu einer bewußten Wahrnehmung und ersetzt diese dann durch eine andere. Dabei scheint es Unterund Obergrenzen für die Dauer einer bewußten Wahrnehmung zu geben. 46 -Es gibt eine Art autonome oder spontane Tätigkeit des Gehirns, die sich darin äußert, daß der Inhalt der folgenden Wahrnehmung auch dann geändert wird, wenn in den Sinnesdaten keine Änderung eintritt. Wahrnehmungsphysiologen verdeutlichen diese spontane Tätigkeit des Gehirns gern anhand sogenannter Kipp-Figuren wie dem Neckerschen Würfe1. 47 Wir können zusammenfassen: Wahrnehmung besteht aus Systembildung. Wahrnehmungen sind Vermutungen über Zusammenhänge -Popper nennt Wahrnehmungen "Momentanhypothesen" _,48 und das menschliche Gehirn bietet selbsttätig alternative Systembildungen an. Es gibt in diesem Sinne eine Kreativität des menschlichen Gehirns. Das ist das, was mit dem Prinzip der kognitiven Kreativität angedeutet werden soll. Diese elementare Kreativität ist die Quelle alternativer Handlungsmöglichkeiten. Diese Alternativen sind nicht irgend wie in der Welt, sondern resultieren aus Vorstellungen über Möglichkeiten. Alternativen werden in diesem Sinne kreiert durch das wählende Subjektwas u.a. von F.A. von Hayek, L.M. Lachmann und besonders G.L.S. Shackle betont wurde. Diese Kreativität ist die Quelle endogenen Wandels, und das Prinzip der kognitiven Kreation gibt, wie schon erwähnt, gewissermaßen den logischen Ort an, an dem die Kreativität in die ökonomische Welt kommt. Es ist zu betonen, daß die analytische Basiseinheit zwei Prinzipien enthält: Kognitive Kreation und Rationalprinzip (Schöpfung und Auswahl). Das Rationalprinzip -Wahl eines maximalen Elementes aus einer gegebenen Alternativenmenge -ist der Kern der Allokation. Wir können deshalb sagen, daß diese analytische Basiseinheit beide Beine enthält, die die ökonomische Entwicklung zum Laufen benötigt: kognitive Kreation und Allokation. Wir können auch sagen, daß in jedem ökonomischen System, in dem reale Menschen handeln, beide Elemente enthalten sind und wirksam sind und daß ein System, in dem nur Allokation zugelassen ist, nach dem Abbruch der metaphysischen Tradition zu einem rein gedanklichen Grenzfall wird. Anders formuliert: Die sogenannte "reine" ökonomische Theorie, die t6 vg l. Poppel E. (1985), S. 63. H vgl. ebenda, S. 57 ff. t8 vgl. Popper K.R. (1987), S. 40; Poppel E. (1985), S. 67. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
KreativitAt in der 'nlCOriC 65 innerhalb ihrer Modelle lediglich Allokation (Subjekte ordnen, gegebene Zielfunktionen maximierend, knappe gegebene Ressourcen bekannten gegenwärtigen und zukünftigen Verwendungen zu; zwischen Subjekten gibt es lediglich wohldefinierte Tauschakte) zuläßt (Änderung der modellexogenen Daten kann auch durch andere Mechanismen erfolgen), behandelt demnach nicht einen empirisch isolierbaren Teil des Handeins realer Menschen, sondern nur einen Teil des Modells, das zur Analyse des Handeins realer Menschen eingesetzt wird49• Das ist zum Beispiel ein Unterschied zu Joseph Schumpeter, der zwar die gedachte ökonomische Realität als Prozeß kontinuierlichen Wandels sieht,SO in seiner theoretischen Erfassung aber einen diskontinuierlichen Wechsel von statischen und dynamischen Phasen konstruiert. Es ist noch eine Bemerkung zur Folge diskreter Handlungen anzuschließen, d.h. zur Frage: Warum wird von einer "Handlung in der Zeit" in tn gesprochen, der eine weitere "Handlung in der Zeit" in tn +1 folgt und der eine andere in tn -l voranging? Warum wird nicht alles in einer Handlung zusammengefaßt, die den Zeitraum tn-m bis tn+m überspannt? Das ist keine müßige Frage. In Gerard Debreus ''Theorie des Wertes" zum Beispiel führen alle Wirtschaftssubjekte in einem Zeitraum, der sich über beliebig (abzählbar unendlich) viele '.'elementare Zeit intervalle oder Perioden" erstreckt, nur eine Aktion durch. Diese Aktion wird "zu Beginn" für den gesamten Zeitraum festgelegt. 51 Das ist möglich, weil sich hier die "Situation" für das vorteilsmaximierende Subjekt auch über eine abzählbar unendliche Zahl von "Perioden" nicht ändert. 52 Anders formuliert: Kreativität ist hier völlig exogenisiert und beim Weltoder Modellschöpfer angesiedelt. Endogener Wandel im Modell und diskret aufeinanderfolgende "Handlungen in der Zeit" entstehen durch diskrete kreative Akte bei der Situationskonstitution, d.h. letztlich durch die rhythmische Tätigkeit des Wahrnehmungsapparates -Integration von physiologischen Ereignissen zu einer bewußten Walllnehmung, begrenzte Dauer der Wahrnehmung, Ersetzung einer Wahrnehmung durch eine andere. Wenn man von diskret aufeinanderfolgenden "Handlungen in der Zeit" 49Verschiedene Sozialwissenschaften beschäftigen sich nicht mit verschiedenen Teilen der gedachten Realität, sondern mit verschiedenen Teilen der Modelle (Theorien) zu ihrer Analyse. 50 vgl. Schumpeter (1961), S. 23711'. 51 vg l. Debreu G. (1976), S. 91, S. 121. 521m "Unsicherheitsmodell" (vgl. ebd., Kap. 7) ist das Ereignisfeld fixiert, nicht das Eintreten eines bestimmten Ereignisses. Unvorhergesehene Ereignisse sind nicht zugelassen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
66 Güntcr Hesse spricht, muß man auch etwas über die Dauer53 einer solchen Handlung sagen -oder sollte es zumindest versuchen. Als Untergrenze für die Dauer kann man die Zeit ansetzen, die fur die Bildung eines Bewußtseinsinhaltes -aus externen oder internen (Gedächtnis-) Quellen -benötigt wird. Hinzu kommt die Zeit, die benötigt wird, die bewußt gewordene Möglichkeit in Ziel -MittelHierarchien einzuordnen und vergleichend zu bewerten. Als Obergrenze ergibt sich die Dauer, fur die die Möglichkeit, sich anders zu verhalten54 ( als aufgrund der vorangehenden "Handlung in der Zeit" festgelegt wurde ), aus Gründen der Physiologie der Wahrnehmung oder "Informationsverarbeitung" oder eines unbeeinflußbaren technischen Ablaufes nicht gegeben ist. Die Frage der Dauer der "Handlung in der Zeit" muß hier nicht weiter diskutiert werden.55 Es kam hier lediglich darauf an, diesen Punkt anzusprechen und einen Eindruck von der Größenordnung der Dauer ( i. d. R. höchstens einige Sekunden) zu vermitteln. Größere "Aktionen" wie die Entscheidungsfindung über den Bau einer Fabrikanlage ( Investitionsentscheidung ) oder die Niederschrift eines Buches 56 sind dann ein Resultat einer langen Kette von "Handlungen in der Zeit". Schließlich ist daran zu erinnern, daß mit jedem Bewußtseinsinhalt (und jeder Handlung) nur ein kleiner Teil dessen verbalisiert (vor sich gebracht) wird, was aus anderer (Zeitpunkte, Individuen) Sicht thematisiert werden könnte. Die Aufmerksamkeit ist unvermeidbarerweise begrenzt und damit selektiv. Selektivität und Dauer der bewußten Entscheidung haben zur Folge , daß in jedem Moment ein großer Teil des Verhaltens in der Zeit über Routinen unterschiedlicher Niveaus gesteuert wird. Mit der Einfuhrung von Routinen wird die oben angesprochene einfache Zweiteilung der Handlungen in reflektierte und reflexartige praktisch in ein Kontinuum verwandelt. Am oberen Ende stehen die reflektierten "Handlungen in der Zeit". Darunter liegen Routinen, die relativ leicht thematisiert und anders 53hn Rahmen einer theoretischen Realwissenschaft sollte diese Dauer in Zeiteinheiten angegeben werden, die mit einer Uhr meßbar sind. Bei Debreu z. B. ist die Periodenlänge nicht in meßbaren Zeiteinheiten angegeben, so daß offen bleibt, ob die abzählbar unendlich vielen Perioden zusammen gerade eine Nanosekunde ergeben oder die Zeit vom Urknall bis zum Wärmetod des Universums umfassen. 54Vgl. als Einstieg in die Did:uuion Chi6holm R.M. (1978). Die Handlungstheorien von Lenk umfassen mittlerweile 6 Bände und können als genereller Hintergrund dieser Überlegungen gelesen werden. 55Hierzu müßten Ergebnisse der kognitiven Psychologie und der empirischen Entscheidungsforschung herangezogen werden. . 56 Die hier vorgetragene Handlungstheorie ist auf sich selbst, genauer: den Prozeß der Theoriebildung, anwendbar. Bei Debreu ist das nicht der Fall. Für ihn war - nach seiner Theorie -alles, was er jemals denken und schreiben würde, "von Anfang an" bekannt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Krcativität in der '111COriC 67 entschieden werden können. Es folgen relativ fest eingefahrene Routinen. Den Sockel dieser Hierarchie von Verhaltensregulierungen würden biologisch bedingte Verhaltensrepertoires und Reflexe bilden. 57 D. Ketten oder Netze von "Handlungen in der Zeit" Wenden wir uns nun Ketten von "Handlungen in der Zeit" zu und dabei zunächst der Frage nach der wechselseitigen Abhängigkeit der in der Zeit aufeinanderfolgenden "Handlungen in der Zeit". In welchem Ausmaß sind Veränderungen der "Handlungsgrundlagen" (Teil I in Fig. 3 ) eines Subjektes, also Veränderungen seines Vermögens, seines Wissens, seiner Theorien, seiner Präferenzen und der angewandten Ordnungstechniken von reflektierten Handlungen des Subjektes abhängig? Die extremen Positionen sind seit langer Zeit bekannt -und irrelevant. Das absolut souveräne Subjekt (vgl. J.G. Fichte (1800» ist -abgesehen von seiner biologischen Existenz und der Anfangsausstattung mit "Gütern" und ( bei Gary Becker 58 ) gewissen fundamentalen Präferenzen - gewissermaßen sein eigener Schöpfer. Seine Beziehungen zu anderen Subjekten sind durch wohldefinierte Tauschbeziehungen geregelt ( es gibt keine ungewollten Einflüsse anderer Menschen) und seine Beziehungen zu sich selbst durch vollständige Kontrolle, es gibt keine unwillkürlichen Vorgänge bei der Ausdifferenzierung der Präferenzen oder bei der Wissensänderung. Im anderen Extrem hat das Subjekt gar keinen Einfluß auf die Veränderung seiner Handlungsgrundlagen, es ist dann gewissermaßen der Spielball gesellschaftlicher oder psychischer Mechanismen. Bei der Erklärung der Veränderung der Handlungsgrundlagen werden hier zwei Einflußgruppen berücksichtigt. Die erste Gruppe besteht aus intendierten Konsequenzen der reflektierten Handlungen des Subjekts. Hier sind zum einen Handlungen zu nennen, die das Wissen und die faktischen Handlungsmöglichkeiten des Subjektes in der Zukunft gestalten sollen -z.B. Investitionen in Humanoder Sachkapital. Die Aufmerksamkeit "rein ökonomischer" Theorien ist i.d.R. auf diese Handlungen beschränkt. Zum anderen gibt es Handlungen, die die (erwarteten) rechtlichen Handlungsmöglichkeiten in der Zukunft beeinflussen sollen (Rechtfertigungen). Die zweite Gruppe von Einflußfaktoren löst Veränderungen der Handlungsgrundlagen aus, die nicht als intendierte Konsequenzen reflektierter Handlungen des Subjektes aufgefaßt werden können. 57Vgl. als Hintergrund We.tmeyer H. Wld Lenk H. (1981). 58 Becker G.S. (1982). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
68 Günter Hesse Betrachten wir zunächst einige intra personale Vorgänge. Man kann, wenn man sein Wissen und seine Theorien verändern (verbessern) will, nach reiflicher Überlegung einen Teil der begrenzten Zeit z.B. fUr die Lektüre eines bestimmten Buches oder die Realisierung einer bestimmten Reise aufwenden (Investitionen in Humankapital). Die daraus resultierende Änderung des Wissens und/oder der Theorie ist damit nicht determiniert. Die Eigenständigkeit des kognitiven Apparates läßt keine eindeutige Beziehung zwischen der Wahrnehmung (bewußter Akt) und den Sinnesreizen (denen man sich aussetzen kann) zu. Diese spontane Tätigkeit des kognitiven Appamtes ändert Wissen und Theorien des denkenden und erkennenden Subjektes in einer Weise, die weder von ihm selbst noch von seinen Mitmenschen vollständig antizipiert 59 und geplant werden kann. Auch die Bewertung von Alternativen ist spontanen oder unwillkürlichen Veränderungen unterworfen. Zunächst ist an Folgen der Wissensoder Theorieänderung zu erinnern. Neue Handlungsmöglichkeiten ändern die bisherigen relativen Bewertungen. Veränderungen von Theorien über Wirkungen und Zusammenhänge ändern ZielMittelHierarchien (abgeleitete Bewertungen). Ein weiterer Effekt ist die anscheinend spontan erfolgende relative Abwertung des Erreichten,60 die dazu führt, daß die Bewertungsfunktion, die der Handlung Hl zugrunde lag, unwillkürlich verändert wird, wenn Hl zum Ziel fUhrt. 6l Auch Zielverfehlungen führen zu Änderungen von Zielsetzungen. 62 Mehr sozialpsychologischen Charakter hat die Veränderung der Bewertung des eigenen ökonomischen Vermögens durch Veränderungen der relativen Position (Verbesserung -Verschlechterung) in einer sozialen Hierarchie ("Rankhappiness"). 63 Weitere nicht intendierte Änderungen der eigenen wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten können erfolgen durch nicht antizipierte Folgen eigener und fremder vergangener Handlungen, die nun in der Gegenwart die eigenen Handlungsgrundlagen mitgestaIten. 64 59Die dadurch entstehende prinzipielle Möglidlkeit des "Vorstoßens" bedingt die eine Seite des "Wechselspiels von Vorstoßen und Nachziehen" , das die "Essenz des Wettbewerbs" ausmacht. Vgl. Heup E. (1980), S. 681. 60 Sie resultieren möglicherweise aus einer systematischen Diskrepanz zwischen der Antizipation eines Zustandes im Bewußtsein und den Wahrnehmungen nach dem Eintreten von Umständen, durch die er - partiell -definiert wurde. 61 Das ist etwas anderes als das Sinken des GrenzIDltzens der konsumierten Gütereinheit bei zunehmender Zahl der konsumierten Einheiten bei "gegebener" Nutzenfunktion, die über einen gegebenen, in jeder Hinsicht bekannten Güterraum definiert ist. 62Zu Anspruchstheorien, vgl. Witt U. (1987). 63 Zur Rankhappiness, vgl. Stroe6e W. '!md Frey B.S. (1981). 64 Handlungen haben prinzipiell auch nicht-antizipierte Folgen, weil die nach dem Kausalschema interpretierte Wirklichkeit von unendlicher Komplexität ist und jede Hervorhebung bestimmter Wirkungen selektiv ist und irgendwo abbrechen muß. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Kreativität in der Theorie 69 Es sind auch Änderungen der eigenen Handlungsgrundlagen zu nennen, die durch antizipiertes Verhalten anderer ausgelöst werden. Dabei können auch, da wir uns nicht mehr im reinen Tauschmodell bewegen, erhebliche negative, unabwendbare Beeinträchtigungen der Handlungsmöglichkeiten des betrachteten Subjektes vorkommen.65 Schließlich ist an die schon erwähnten Routinen zu erinnern, die den jeweils nicht thematisierten (und nicht biologisch bedingten) Teil des Verhaltens mitgestalten. Sie sind in Fig. 3 als unterbrochene Linie eingetragen, gewissermaßen als Hintergrund der Kette reflektierter Handlungen. Zuletzt sind die Veränderungen von Handlungsgrundlagen zu nennen, die durch exogene Faktoren wie z.B. Erdbeben oder durch veränderte Sonnenfleckentätigkeit hervorgerufenen Klimaänderungen oder exogen verursachte Epidemien usw. entstehen. Diese exogenen, durch "die Natur" verursachten Veränderungen der Handlungsmöglichkeiten spielen für die Systematik der evolutorischen Ökonomik keine Rolle, sie sind allerdings bei der Erklärung der konkreten historischen Entwicklung mit zu bedenken. Die aus einer Kette bzw. aus einem Netz von "Handlungen in der Zeit" resultierenden jeweiligen Handlungsgrundlagen der Akteure sind dann "Resultat menschlichen Handeins, aber nicht menschlichen Entwurfs" (F.A.v. Hayek). Es ist noch eine kurze Bemerkung zum Problem Wahrnehmung der "Handlungsgrundlagen des Subjektes A durch andere Subjekte" anzufügen, u.a. weil unter den anderen Subjekten auch Sozialwissenschaftler sein können, die versuchen, Handlungen von A zu erklären. N ach allem, was über kognitive Kreativität gesagt wurde, ist nicht zu erwarten, daß Handlungsgrundlagen, die von einem dritten Subjekt C als identisch eingeschätzt werden, von A und B als identische wahrgenommen werden. Damit sind auch der Erklärung oder Prognose von Handlungen eines Subjektes A durch andere Subjekte prinzipielle Grenzen gesetzt. Auf der anderen Seite gibt es aber die Möglichkeit der K ommunikation zwischen den Subjekten. In dieser Kommunikation kann man etwas über die Wahrnehmungen anderer erfahren,66 und man kann dann Erwar650as kann Folge der Ausübung von Handlungsrechten sein, kann aber auch aus offenen oder verdeckten Rechtsbrüchen resultieren oder aus neuen Handlungsmöglichkeiten, die rechtlich noch nicht themAtisiert sind; vgl. zu diesen "externen Effekten" Heue G. (1983), S. 93. 66Z ur Bedeutung der Kommunikation im Rahmen der Fixierung von "Handlungsrechten" vgl. Heue G. (1983). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
70 Güntcr Hcssc tungen über die Situationskonstitution und daraus folgender Handlungen bilden. Durch Kommunikation werden begründete EnJ.Iartungen möglich, aber Kommunikation führt nicht zur Exogenisierung von Kreativität durch Trivialisierung der Zusammenhänge. Kommunikation schafft eine partiell überlappende "gemeinsame Wirklichkeit" der Kommunizierenden,67 aber keine "gegebene Welt" . E. Ausblick Nach dem Abbruch der metaphysischen Tradition besteht für Sozialwissenschaftler, die sich als reale Menschen verstehen und das Verhalten realer "Menschen untersuchen, keine intellektuell redliche Möglichkeit mehr, ihren Gegenstand gedanklich so zu konstituieren, daß Kreativität oder endogener Wandel ausgeschlossen ist. Es fuhrt -mit anderen Worten -kein Weg an evolutorischer Ökonomik vorbei. Wenn dennoch viele Theoretiker meinen, nach einem solchen Weg suchen zu müssen, dann geschieht das oft aus der Befürchtung heraus, mit der Übernahme des evolutorischen Ansatzes die Möglichkeit der gehaltvollen -Denkmöglichkeit ausschließenden -Erklärung zu verlieren. Diese Befürchtung besteht zu Recht, wenn die in das Erklärungsmodell zu ·endogenisierende Kreativität als außerordentlich wirksam gedacht wird - manchmal grenzt das, was man ihr zutraut, an Zauberei 68 -und wenn man glaubt, keine Bedingungen angeben zu können, unter denen Kreativität auftritt. Beide Vorbehalte können ausgeräumt werden: Die hier eingeführte Kreativität ist begrenzt auf kognitive Kreativität, d.h. auf die Schöpfung von Wahrnehmungsinhalten oder elementar gesprochen von kognitiven Systemen. Substanzschöpfung ist ausgeschlossen, und damit gibt es prinzipiell Restriktionen, die Denkmöglichkeiten ausschließen und so eine Voraussetzung für gehaltvolle Erklärungen schaffen. 69 Als Bedingung für das Auftreten dieser kognitiven Kreativität genügt ein homo sapiens sapiens, d.h. diese Kreativität ist eine "anthropologische Konstante". Kognitive Kreativität ist etwas ganz Alltägliches,7o und eine andere gibt es nicht. Gehaltvolle Erklärung wirtschaftlicher Entwicklung mit dem Ansatz evolutorischer Ökonomik ist möglich. Wie das mit Hilfe des aus kognitiver Kreativität und Restriktionen resultierenden Prozesses der "innova61 vgl. Berger P.L. und Luckmann Th. (1966); Heue G. (1979), Heil P.M. (1987). 68 vg l. zum "wunderbaren" technischen Fortschritt He.,e G. (1986), S. 86 f. 69 vg l. ausführlich Heue G. (1987). 10 "Wir müssen" , schreibt Schumpeter (1961), S. 99, "versuchen, von der Vorstellung loszukommen, daß Innovation notwendig etwas aufsehenerregend Wichtiges ist." . OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
KroativitAt in der Theorie 71 tiven Anpassung" geschieht, kann hier allerdings nicht mehr demonstriert werden. 71 LITERATUR BECKER, G.S. (1982), Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichenVerhaltens, Tübingen. BERGER, P.L., LUCKMANN, TH. (1966), Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 6.Aufl., 1980. BLASEIO, H. (1986), Das Kognos-Prinzip, Berlin. CHISHOLM, R.M. (1918), Er hätte etwas anderes tun können, in: Lenk H. (Hrsg.), Handl1Dlgstheorien interdisziplinÄr, Bd.II, München. DEBREU, G. (1959), Theory ofvalue, Kap. 2, New York, 1959 oder deutsche Fassung: Theorie des Wertes, Berlin, 1916. EUCKEN, W. (1939), Die Grundlagen der Nationalökonomie, 8. Auft., Berlln, 1965. FÖRSTER, H.v. (1985), Sicht und Einsicht, Braunschweig. HAYEK, von F.A. (1948), Wahrer und falscher Individualismus, in: ORDO, Bd. I. HAYEK, von F.A. (1952), The sensory order, 2. Aufl., London, 1916. HA YEK, von F.A. (1969), Der Wettbewerb als Entdeclrungsverfahren, in: ders., Freiburger Studien, Tübingen. HEJL, P.M. (1981), Konstruktion der sozialen Konstruktion, in: Schmidt S.J. (Hrsg.), Der Diskurs des Radilcalen Konstruktivisnms, Frankfurt. HESSE, G. (1979), Staatsaufgaben, Baden-Baden. HESSE, G. (1983), Zur Erklärung der Änderung von Handlungsrechten mit Hilfe ökonomischer Theorie, in: Schüller A. (Hrsg.), Der Property-Rights-Ansatz in der ökonomischen Theorie, München. HESSE, G. (1986), Liberale Wirtschaftspolitik im evolutorischen Prozeß, in: Liberalismus im Kreuzfeuer von Nutzinger H.G., Frankfurt a.M .. HESSE, G. (1981), Innovationen und Restriktionen in: Borchert M., Fehl U., Oberender P. (Hrsg.), Markt und Wettbewerb. Festschrift für Ernst Heuß, Bem. 71 vgl. z.B. Heue G. (1988). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
78 Dict.cr Schmidt.chcn B. Was ist eine spontane Ordnung? Der Ausdruck "spontane Ordnung" bezeichnet nicht nur einen Zustand, in dem sich die Elemente eines Systems befmden, sondern er betont die Art und Weise, wie dieser Ordnungszustand erreicht wird. Zu fokussieren ist also der Prozeß des Ordnens. Spontanes Ordnen wird auch als Selbstorganisation von Elementen eines Systems bezeichnet Gerhard Roth hat solche selbstorganisierenden Prozesse begrifllich sehr schön beschrieben: Selbstorganisierende Prozesse "sind solche ... Prozesse, die innerhalb eines mehr oder weniger breiten Bereiches von Anfangsund Randbedingungen einen ganz bestimmten geordneten Zustand oder eine geordnete Zustandsfolge (Grenzzyklus) einnehmen. Ein solcher Zustand bzw. eine solche Zustandsfolge läßt sich als Attraktor im mathematischen Sinne verstehen. Das Erreichen des bestimmten Ordnungszustands wird dabei nicht oder nicht wesentlich von außen aufgezwungen, sondern resultiert aus den spezifIschen Eigenschaften der an dem Prozeß beteiligten Komponenten. DerOrdnungszustand wird 'spontan' erreicht." (Roth (1986): 154) Es gibt eine Fülle von Beispielen aus dem sozialen Bereich, die Roths Defmition genügen. Schelling (1978) hat sich in seinem Buch "Micromotives and Macrobehavior" ausführlich mit solchen Fällen befaßt Die Agglomeration von Weißen und Schwarzen in bestimmten Wohngebieten, der Prozeß, in dem sich ein leerer Hörsaal füllt, der Prozeß, in dem in der Dämmerung Autofahrer das Licht anschalten -all dies sind Fälle spontanen Ordnens. Wir werden später bei der Behandlung der Koordinationsfunktion von Preisen sehen, daß auch die Allgemeine Gleichgewichtstheorie sich mit einer spontanen Ordnung befaßt Das im Zitat Gemeinte läßt sich (unter Rückgriff auf Faber/Proops (1989» graphisch wie folgt verdeutlichen. Das System bestehe aus den Variablen 1,2. Abb. 1 zeigt, wie bei gegebenen Anfangsund Randbedingungen "ein ganz OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 79 bestimmter geordneter Zustand" erreicht wird (hier bezeichnet als Punkt A). Im Konzept des Kräftepotentials entspricht dieser Punkt dem Minimwn der Potentialfunktion (siehe Erdmann (l989a), (1989b».1 Abb. 2 zeigt, wie sich bei gegebenen Anfangsund Randbedinungungen eine "geordnete Zustandsfolge (Grenzzyklus)" einstellt Abb. 1 Variable 1 " '" / .:J...,J<.- /'K D 71)..." / I .... I I Variable 2 lErdmann (1989a), (1989b) sieht im Konzept des Kriftepotential ein besonders gut geeignetes Instnunent evolutorischer Ökonomik. Das Konzept aelbst ist aber ein Meta-Konzept und keine materielle ökoncxnische Theorie. Sein Vorteil liegt in einerprizisen Formulienmg dessen, was in der Graphik abgebildet ist. Aber wddle Erkennblisse liefen es über die tatsächlichen ökonomischen Zusammenhinge? Erst wenn eine andere Sprache zu besseren Erkennblissen fiihn, als es bei der traditione1len Sprache der Fall ist, soßte man uneingeschränkt zur neuen Sprache überwechseln. In Erdmann (1989b) wird im Grunde gezeigt, daß man in der NeokJassik behandelte und handhabban: Dinge in das Konzept des Kriftepotentials abbilden kann. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
80 Dieter Schmidt.chen Abb. 2 Variable 2 Das spontane Erreichen des Ordnungszustandes kann -je nach Erkennblisinteresse -auf zweierlei Weise modellien werden: a) Als Prozeß, der in der Zeit abläuft (siehe die Zeitpfade der Werte der beiden Variablen, die alle zu Punkt A führen). b) Ist man mehr am Ergebnis des Prozesses interessiert, kann die Zeitdimension vernachlässigt werden. Der Prozeß filhngleichsam "sofon" den Ordnungszustand herbei. Nur wenn der Prozeß des Erreichens des Ordnungszustandes als zeit-verbrauchend modellien wird, ist er mit Wandel verbunden. Es ist dieser Fall, an den Faber/Proops denken, wenn sie das Phänomen der Evolution folgendermaßen beschreiben: "In our view the key characteristics of evolution are (1) change, and (2) time; we consider them also to suffice as elements for the following starting point: Evolution is the changing of something into something eise over time." (Faber/PrOOps (1989): 3; siehe auch die drei Kriterien evolutorischer Theorie in Witt (1987):9.) Vom Standpunkt eines Konzepts der Selbstorganisation allerdings erscheint diese Sehweise zu eng. Selbstorganisation umfaßt sowohl das von Faber/Proops Gemeinte als auch -möglicherweise als Grenzfall aus der Sicht von Faber/PrOOps -den Fall, in dem die Elemente des Systems "sofon" den Ordnungszustand erreichen. Ob man das Erreichen eines Cournot-Gleichgewichts im Oligopol als Irrtumslösung modellien oder als Nash-Gleichgewicht - beide Male modellien OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 81 man eine spontane Ordnung. Es wird hier also die Auffassung vertreten, daß man Prozesse der Selbstorganisation auch mit Gleichgewichtskonzepten der Theorie simultaner Spiele modellieren kann. Das ist in vollkommener Übereinstimmung mit der Position, die Hirshleifer in seinem Artikel ''Evolutionary Models in Economics and Law: Cooperation Versus Conflict Strategies" (Hirshleifer (1982» vertritt (siehe auch Sugden (1986». Aus ökonomischer Sicht erfordert Roths oben zitierte Definition einer spontanen Ordnung noch einige Erläuterungen: l. Die Behauptung, daß ein Zustand der Ordnung sich spontan einstellt, ist . gleichbedeutend mit der Aussage, daß dieser Zustand weder Ziel eines Planes eines der am Zustandekommen beteiligten Elemente ist noch Ergebnis eines Planes eines "master mind". Dieser Zustand ist Ergebnis des Handelns von Menschen, aber nicht Ergebnis menschlichen Entwmfs. Es sei noch einmal betont, daß auch der Zustand eines Nash-Gleichgewichts (etwa in einem "one-shot prisoner's-dilemma-game") spontan entsteht Gleiches gilt für Superspiele. 2. Die spezifISChe Eigenschaft der am Prozeß des Ordnens beteiligten Komponenten (Elemente), auf die es in der Ökonomie ankommt, ist die Fähigkeit zum zielsuchenden Verhalten (Handeln im Sinne von Mises'). In der Ökonomie wird dieses Handeln als das Bestreben eines Wirtschaftssubjekts bezeichnet, das für sich Beste aus einer gegebenen Situation zu machen. Man nennt dies auch Eigennutzstreben, wobei Gewinnerzielung als eine Form des Eigennutzstrebens angesehen wird Modelliert wird die individuelle Handlungssituation überwiegend als Maximierungsproblem unter Nebenbedingungen. Dem liegt die -unzweifelhaft richtige - Idee zugrunde, daß jede Entscheidung eines Wutschaftssubjektes zweierlei erfordert: l. Die Aufstellung eines Entscheidungsmodells, in dem sich die WeItsicht des Entscheidungsträgers niederschlägt und damit auch die von ihm selbst als relevant erachtete Menge an Handelnsbeschränkungen. 2. Die Lösung des Modells -die (End-) Entscheidung. Die Ausfllhrung der EntscheidlDlg stellt demgemäß zielorientiertes an das entworfene Weltbild angepaßtes Handeln dar. In diesem Zusammenhang spielt das von Hesse (1988) vertretene Konzept vom "Handeln in der Zeit" eine besondere Rolle (siehe auch Holland (1988». 3. Die Verknüpfung der Definition von Roth mit der Leitidee einer Gleichsetzung von "Theorie einer spontanen Ordnung = Selbstorganisationstheorie = OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
82 Dieter Schmidtchen evolutorische Ökonomik" führt - wie ein Kritiker mit Recht schreibt -zu einem reinen Anpassungsund Konvergenzdenken. Im Grenzfall der Grenzzyklen habe man sogar einen harmonischen Oszillator, also einen Fall, in dem die Richtung des Zeitvektors keine Rolle spiele. Und der Kritiker fährt fort: "Ich glaube kaum, daß irgendein Evolutionstheoretiker bereit wäre, einen solchen Prozeß mit reversibler Zeit mit dem Gedanken der Evolution in Verbindung zu bringen." Hierzu ist folgendes zu sagen: a) Worauf es in diesem Zusammenhang ankommt ist, daß zwar eine Tendenz zur Annäherung an den Attraktor existiert, aber keine weg vom AttIaktor, wenn dieser einmal erreicht ist. Der Prozeß ist tatsächlich nicht mehr umkehrbar, und zwar weil dem die Interessen der Akteure entgegenstehen. b) Ein und derselbe Grenzzyklus kann von verschiedenen "Startpunkten" erreicht werden. "Bewegt" sich das System aber einmal in Form eines Grenzzyklus', kann dem Grenzzyklus als solchem der Startpunkt nicht mehr entnommen werden. Dieser Gedanke zeigt, daß auch bei einem harmonischen Oszillator die Vorgeschichte und damit das Problem der Zeitirreversibilität eine Rolle spielt Zu fragen wäre, nach welchem Kriterium die Zeitperiode der Betrachtung bestimmt werden soll. c) Der Prozeß der Anpassung oder Konvergenz muß keineswegs als ein Prozeß mit reversibler Zeit interpretiert werden. Man kann das Konzept der spontanen Ordnung um pfadabhängige Auraktoren erweitern, womit das Phänomen des endogenen Wandels von Attraktoren erfaßt wäre. (Die Idee, daß in der Anpassung an ein Gleichgewicht die Ursache der Verschiebung desselben liegen kann ("Hund-Katze-Interaktion"), findet man bereits bei Amdt (1986): 28.) d) Außerdem muß der AttIaktor kein harmonischer Oszillator sein. Man kann sich ganz andere Sequenzen als AttIaktoren vorstellen. Beispielsweise solche, die zwar dynamisch lokal instabil, aber gleichwohl global stabil sind, und die durch eine "irregular, almost-periodic, chaotic sequence" (Goodwin/Punzo (1987): 62f.) gekennzeichnet sind. Außerdem wäre an sogenannte "strange attractors" zu denken. (Siehe Ruelle (1988).) Die zitierte Kritik gibt gleichwohl Anlaß, das Konzept der spontanen Ordnung um die Idee der Veränderung von Atttaktoren in der Zeit zu erweitern. Aus der Sicht der Rothschen Definition könnte man das eine super-spontane Ordnung oder eine "spontane Ordnung" höherer Ordnung nennen. Der Begriff des "Zustands der Ordnung" erfährt dadurch eine Erweiterung. Er bezieht sich nicht mehr nur auf das Beziehungsgeflecht der Systemelemente in einem Attraktor, sondern auf den Prozeß der Änderung von Attraktoren selbst, der mit einer Änderung des Beziehungsgeflechts (der Sttuktur) zwischen Elementen verbunden ist (so auch die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 83 Definition von Evolution bei Wagner (1989a): 1). Zu fragen wäre, ob dieser Prozeß selbst eine Ordnung aufweist, und wie man diese wissenschaftlich erkennen kann (siehe dazu Schmidtchen (1978), Kap. C: Zur praktischen Relevanz der Theorie komplexer Phänomene).2 In der Tat ist es genau das, was wir anhand von Abb. 1 später erläutern werden. 4. Was als Zustand der Ordnung zu verstehen ist, hängt von der wissenschaftlichen Fragestellung ab. In der Ökonomie geht es in erster Linie um die Kompatibilität von einzelwirtschaftlichen Plänen, und zwar nicht nur bei gegebenen oder ve.rlill<bten Anfangsund Randbedingungen, sondern ganz wesentlich auch um die Kompatibilität detjenigen Pläne, die sich auf die Änderung der Anfangsund Randbedingungen selbst, also Neuerungen, beziehen (Meta-Kompabbilität). Kompabbilität ist dabei defmiert als Abwesenheit von Entscheidungsirrtümem, die sich ex post entweder als Enttäuschung (nicht erfüllte Erwartungen) oder als Bedauern (nicht genutzte bessere Gelegenheiten) von Entscheidungen niedem:hlagen. Der Zustand kompatibler einzel wirtschaftlicher Pläne wird auch als Gleichgewichtszustand bezeichnet. Da die Theorie der Selbstorganisation ohne die Idee eines Zustands der Ordnung nicht sinnvoll betrieben werden kann, folgt fiir die Theorie der Selbstorganisation ökonomischer Systeme, daß diese aus theoretischen Gründen auf ein Gleichgewichtskonzept niehl verzichten kann.3 2zur Verdeutlichung des Gemeinten sei auf ein ualoges Problem in der Naturwissenschaft vom Menschen hingewiesen. Zu jedem ZeilpUllkt müssen alle Aktivititen eines menschlichen Körpers geordnet taufeinuder abgestimmt) ablaufen, wenn sein Gesundheitsmstand nicht leiden soll S(Statische Sicht). Aber es muß auch der WachSlUmsprozeß geordnet sein (dynamische Sicht). "Unbalanced growth" (nicht proportionales WachslUm der Glieder) kann das Leben zerstÖl'al. ÖkOllomen intemlsieren sich für das Ordnungsprograrnm einer Gesellschaft in statischer wie in dynamischer Siebt. 3Diese Schlußfolgerung ergibt sich auch aus dem Konzept des Kriftepotentia1s (siehe Erdmann (1989a) (1989b). Gleicher Ansicht ist auch Amdt: "In einer Realität, in deralles vergänglich und damit relativ ist, kann ein Gleichgewichtspreis nicht mehr als ein theoretisches Hilfsmittel sein -ein Kunstprodukt menschlichen Geistes." (Amdt (1986): 28.) Es sei ausdrücklich danuf hingewiesen, daß das Plädoyer für die theoretische NotwendigkeiteinerGleichgewichtskonzeption "ichl impliziert, daß die Ergebnisse derGleicbgewichtstheorie auf ökOllomische Prozesse angewendet werdenkÖllllten. Das wäre unzulässig (siehe auch Amdt (1986): 49). In der Einschätzung der tMoretiscM" Notwendigkeit der Gleichgewichtsidee liegen auch die Unterschiede zu der VOll Witt (1987) vertretenen Konzeption evolutorischerÖkOllomik. Witt scheint mir in der Ablehnung herkömmlicher Konzepte etwas zu weit zu gehen. Aber wir sollten nicht vergessen, daß auch der Forschungsprozeß als evolutorischer Prozeß begreifbar ist. Vielleicht bildet sich ein evolutiooär stabiles Gleichgewicht heraus. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
84 Dieter Schmidtchen c. Das Erkenntnisprogramm einer ökonomischen Theorie spontaner Ordnung Die ökonomische Theorie spontaner Ordnung, sie kann Evolutionstheorie im weiteren Sinne genannt werden, läßt sich in drei Abteilungen untergliedern: die Theorie des Zustandes ökonomischer Ordnung, die Prozeßtheorie (Theorie der Anpassung an den Zustand ökonomischer Ordnung) und die Theorie super-spontaner Ordnungen. Alle drei Abteilungen sollen im folgenden hinsichtlich ihres Erkenntnisgegenstandes, ihrer Leitfragen und Methoden beschrieben werden. I. Erkenntnisgegenstand, Leitfragen, Methode Erkenntnisgegenstand AbL I: AbL 11: AbL III: Leitfragen AbL I: AbL 11: Zustand der Ordnung (Attraktor) Anpassungspfade an den Zustand der Ordnung Anpassungspfade an den Zustand der Ordnung bei "gleichzeitiger" Veränderung desselben Existiert ein Zustand der Ordnung (Gleichgewicht)? Wie sieht er aus? Wie ist er zu bewerten? Existieren Anpassungspfade, und wie sehen sie aus? Welche Bedeutung haben innere Institutionen für den Anpassungsprozeß, und wie sind sie zu bewerten? OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Abt III: Methode Abt I: Abt 11: Abt III: Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution Wie kommt es zu Änderungen des Zustandes der Ordnung? Ist der Prozeß der Änderung geordnet? Wird jemals ein Attraletor erreicht? Suwoc,kompm3tiveSuwoc Lineare oder nicht-lineare Dynamik Nicht-lineare Dynamik; allgemeine Systemtheorie 85 Auf die jeweiligen Unterabteilungen und die Rolle der Preise in ihnen sei im folgenden etwas ausführlicher eingegangen. ll. Die Funktion der Preise 1. Theorie des Ordnungszustandes Diese Abteilung I in der Theorie spontaner Ordnung operiert mit der Annahme gegebener Anfangsund Randbedingungen. In ihr lassen sich drei Unterabteilungen unterscheiden: die allgemeine Gleichgewichtstheorie, die Theorie asymmetrischer Information und die Neue Institutionenökonomik. In der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie gelten als Anfangsund Randbedingungen - und damit ökonomischer ErkUtrung nicht weiter bedürftig : Zahl der Haushalte und Unternehmen; Zahl der Güter und Ressourcen; Präferenzen; Technologien; Gewinnanteile; Anfangsausstattungen und externe Institutionen in Form einer elementaren Rechtsordnung (bestehend aus Eigentumsund Veruagsrecht). Implizit wird ferner angenommen, daß die Transaktionskosten Null sind. Als Bewertungskriterium dient überwiegend das Pareto-Kriterium. Wenn in dieser Abteilung nach der Rolle der Preise gefragt wird, dann werden jene lediglich in ihrer Eigenschaft als Koordinationsinstrument untersucht Die Frage lautet: Existiert ein Preisvektor, dessen Aufnahme in die Randbedingungen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
86 Dieter SchmidLchen notwendig und hinreichend ist, um die Existenz eines Attraktors wie z. B. A zu erzeugen? Daneben hat sich eine Unterabteilung der Gleichgewichtstheorie etabliert, die ebenfalls Preise als Koordinationsinstrument untersucht, aber die restriktiven Annahmen der Arrow/DebreuWelt vermeidet. Zugelassen werden hier insbesondere asymmetrische Information und Transaktionskosten von größer Null (als Stichworte seien lediglich genannt: temporäre Gleichgewichtstheorie (sequential economies), Suchtheorie; Konzept der "aggregate-relative confusion" und der "permanent-tran si tory confusion"). Schließlich zählt zu dieser Gleichgewichtsbranche als dritte Unterabteilung die Neue Institutionenökonomik, die sich mit der Frage befaßt, wann und warum Preise als Koordinationsinstrument versagen, und welche alternativen Koordinationsinstrumente, sogenannte interne Institutionen, existieren. Untersucht werden Hierarchien, relationale Verträge, Prinzipal-Agent-Beziehungen usw. Der Stil ist gleichgewichtsökonomisch: Gefragt wird, ob für interne Institutionen ein Gleichgewicht existiert, wie es aussieht, und wie es zu bewerten ist Daneben kommt es zum Institutionenvergleich. Preise treten hier als Koordinationsinstrument in den Hintergrund. Ihre wesentliche Rolle ist die eines Aufteilungsschlüssels der Kooperationsrente, m. a. W.: Sie reflektieren die "Lösung" des Konfliktes, der mit jeder Kooperation verbunden ist, wenn letztere nicht anonym über den Preisvektor gesteuert wird, sondern Gegenstand von Verhandlungen ist 4 Zum institutionenökonomischen Forschungsprogramm zählt schließlich auch noch das Studium von Auktionen (siehe McAfee/McMillan, (1987». Dieses hat sich insbesondere als sehr nützlich bei der Prüfung der Behauptung erwiesen, daß das Preissystem ein effIZientes Informationsübermittlungssystem ("sufficient statistic") sei. Wenn man an Akerlof-Prozesse denkt, wird man dem insbesondere von v. Hayek vertretenen diesbezüglichen Optimismus mit Vorbehalten begegnen. 4m einem gewissen Sinne koordiniert der Auftei1ungsschlüssel aber auch das Verhalten der Kooperationspanner. Denn es hängt von ihm ab, ob a) die Kooperation überhaupt zustandekommt und ob b) die Kooperationspanner tatsächlich das tun, was sie wechselseitig voneinander erwarten. Der Verteihmgsschlüsse1 muß also sowohl dem "participation constraint" als auch dem "incentive compatibility constraint" lilenülilen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 87 2. Prozeßtheorie Die zweite Abteilung der Theorie der spontanen Ordnung befaßt sich mit dem (den) Anpassungspfad(en) an den Zustand der Ordnung (siehe z. B. Witt (1980». Die Anfangsund Randbedingungen lauten wie in Abteilung I. Gefragt wird nun aber nicht nach der Möglichkeit, unter gegebenen Anfangsund Randbedingungen den Zustand der Ordnung durch Rückgriff aufPreise als Koordinationsinstrument herzustellen, sondern ob und wie es dazu kommt, daß aus der Menge möglicher Preisvektoren im Zeitablauf der "richtige" sich herausbildeL Mit anderen Worten: Es wird von einem Zustand der Ökonomie ausgegangen, in dem das Koordinationsinstrument Preisvektor schlecht justiert ist Dies läßt sich anband von Abb. 1 erläutern. In Abb. 1 befmde sich das System auf einem der Zeitpfade in Richtung A. Man untersucht jetzt den Wandel des Systems im Zeitablauf (Preisund Mengendynamik). Die Preise kOnnen hier in einer gegenüber der ersten Abteilung neuen Perspektive betrachtet werden, nämlich als Entdeckungsinstrument fUr EntscheidungsiIrtUmer (Koordinationsmängel). Auch hier erfüllen zu jedem Zeitpunkt die Preise die Rolle eines Koordinationsinstruments. Sie im Wandel des Systerns als Entdeckungsinstrument untersuchen zu wollen, bedeutet die Frage zu stellen, ob und wie man dem Preissystem selbst entnehmen kann, wie gut oder schlecht es seine Koordinationsfunktion erfüllt, und wie man sich die Korrektur eines fehlerhaften Koordinationsinstruments vorstellen kann. Gleichgewichtsökonomik kann auf diese Fragen keine befriedigenden Antworten liefern. Aufgerufen ist die Marlctprozeßtheorie. S Auch wird man von der Untersuchung der Preise allein keine befriedigende Antworten erwarten dürfen. Zumindest zwei weitere Institutionen müssen in die Untersuchung einbezogen werden. Es sind dies der dynamische Wettbewerb einerseits und das Unternehmertum andererseits. Als Beispiele für die Untersuchung solcher Marlctprozesse seien genannt: die Marktprozeßtheorie der Neo-Austrians (siehe etwa Kirzner,(1973» und die Theorie der kooperativen Spiele (siehe etwa Teiser, (1989), Hildenbrand/Kirman, (1989». Die Leitfragen dieser Abteilung sind: Wie werden Entscheidungsirrtümer (nichtkompatible Pläne) entdeckt? Was bewirkt die Entdeckung von Entscheidungsirrtümern? Wie werden sie korrigiert? Verändert im Wettbewerb stehendes Unternehmertum die SAuf das für solche Fragen von Grossekettler entwickelte "Koordinationsminge1konzcpt" sei hier nachdrücklich hingewiesen (siehe Grossekewer (1985), (1989». OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
94 Dieter Schmidtchen enables individual producers 10 watch merely the movement of a few pointers, as an engineer might watch the hands of a few dials, in order 10 adjust their activities 10 changes of which they may never know more than is reflected in the price movement" (p. A. v. Hayek (1945): 524.) Man kann die These, daß die Kennblis von Preisen allein ausreiche, um autonom entscheidende Wirtschaftssubjekte zu Handlungen zu veranlassen, aus denen sich eine koordinationseffIziente Handelnsordnung bildet, die These der perfekten Infonnationsmächtigkeit des Preissystems ("sufficient statistic") nennen. Diese Ansicht stellt jedoch solange ein Glaubensbekenntnis dar, als kein Beweis geliefert ist - und Hayek hat keinen geliefert! -, der nach den heute geltenden Regeln der Kunst als solcher anerkannt wird. Es war die allgemeine Gleichgewichtstheorie, die diesen Beweis lieferte und damit zeigte, daß in einer "abstrakten Ökonomie" die Benutzung von Preisen alsSignalsystem nicht zum Chaos, wie die Marxisten glaubten, sondern zu einem Zustand der Ordnung führt Es waren Arrow und Debreu, die im Jahre 1954 mit Hilfe des Konzepts des Nash-Gleichgewichts für nichtkooperative n-Personen-Spiele diesen Beweis führten (siehe ArrowlDebreu (1954». An das für eine Beweisführung zu bildende Modell lassen sich aus dem anfänglich definierten Konzept der spontanen Ordnung die folgenden vier Anforderungen ableiten: • Fraktionierung des Wissensbestandes (Privatheit des Wissens), d. h. Verteilung des für eine koordinationseffIziente Handelnsordnung zu nutzenden Wissens auf Millionen von Köpfen. Dieses Wissen ist nicht nur wissenschaftliches Wissen, sondern auch Wissen über Produktionsmöglichkeiten und Präferenzen, das Personen an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten eigentümlich ist Dieses einzigartige, idiosynkratische WISSen, das jede Person besitzt, und das sich von Person zu Person unterscheidet, umfaßt Wissen über die Grenzraten der Transformation -soweit wir Produzenten betrachten -, über die Grenzraten der Substitution und die Erstausstattungen -soweit wir Konsumenten betrachten. • Abwesenheit exogener Aufprägung der Ordnung. Diese Anforderung an das Modell resultiert aus dem anfänglich dargestellten Konzept der Selbs1organisation (spontane Ordnung). Bekannt geworden ist sie auch als Prinzip des OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 95 methodologischen Individualismus. Die Ordnung bildet sich dmch autonome Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte. • Parametrische Vorgabe des Preissystems für alle Wirtschaftssubjekte. Wenn man die Funktionsfähigkeit eines Signalsystems beweisen will, muß man die Möglichkeit der Manipulation desselben dmch die Teilnehmer am dW'Ch dieses Signalsystem gesteuerten Spiel, nämlich Preissetzerverhalten, ausschließen. • Zusammenfassung allen Wissens im Preissystem. Damit wird gefordert, daß sich das gesamte fraktionierte WISSen der Wirtschaftssubjekte im Preissystem widerspiegelt, und daß die Kenntnis des Preissystems allein genügt, um eine koordinationsefl-'ziente Handelnsordnung zu erzeugen. Wie an anderer SteDe gezeigt wurde (siehe Schmidtchen (1989b» und sich leicht dmch einen Blick in Arrow/Debreu (1954) verifizieren läßt, genügt das Vorgehen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie diesen vier Anforderungen. Die allgemeine Gleichgewichtstheorie weist deshalb die Charakteristika einer Theorie einer spontanen Ordnung auf. Wem dieser Schluß nicht gefiUlt, ist aufgerufen zu zeigen, daß die Welt des ArrowlDebreu-ModeDs dem Konzept der Selbstorganisation und den daraus abgeleiteten vier Postulaten nicht genügt Auf keinen Fall wäre der Beweis dadmch geführt, daß man darauf verweist, daß der implizierte Gleichgewichtsbegriff der der Mechanik sei. Das ist er nämlich nicht, weil sich der Zustand der Ordnung dadmch einstellt, daß sich die Spieler -einschließlich des "market participant", der seine"pay offs" aus dem Setzen der Preisveletoren bezieht -den Spielregeln gemäß verhalten. Der Beweis ist auch nicht dadmch geführt, daß behauptet wird, der Preisbildungsprozeß selbst sei modellexogen. Das ist er nämlich nicht Und im übrigen ist zu betonen, daß angesichts des meT herausgestellten Erkenntniszieles der allgemeinen Gleichgewichtstheorie die Entwicklung einer Theorie der Preisbildung nicht erforderlich ist Es geht nämlich um die Möglichkeit der Herbeiführung eines Zustands der Ordnung dmch alleinige Orientierung an parametrisch vorgegebenen Preisen. Dazu braucht nicht die institutionenökonomische Frage beantwortet zu werden, wie dieser Preisvektor entsteht. Im übrigen wäre auf die Theorie der kooperativen Spiele hinzuweisen, die die Annahme der parametrisch vorgegebenen Preise nicht mehr macht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
96 Dieter SchmidtcheD Bevor an einige Einschränkungen bezüglich der perfekten Infonnationsmächtigkeit des Preissystems erinnert wird, soll noch auf ein weitverbreitetes Mißverständnis hingewiesen werden, das bei system theoretisch argumentierenden Theoretikern häufig anzutreffen ist (siehe z. B. Weissmahr (1988), (1989». Man meint, die allgemeine Gleichgewichtstheorie sei eine Theorie geschlossener Systeme. Aber das kann man auch anders sehen, wofür allein schon der Umstand spricht, daß ein allgemeines Gleichgewicht -system theoretisch gesprochen -ein äußerst unwahrscheinlicher Zustand ist (und nicht etwa der ''Tod" eines Systems). DaßdieallgemeineGleichgewichtslheorie sich durchausals TheOOeoffooer Systeme begreifen läßt,zeigtfolgende Argmnentatioo: Die \blkswirtschaftimpcxtiertInfonnation in Form der Präfermzen und Technologioo sowie des Preisvekrors, lIDd sie imp<rtiert Energie/Materie in Foon dez Erstausstatbmgen. Und die VoJ.kswirtg;haft expcxtiezt (umgewandelte) Energie/Materie in Fonn von Gütern. Aus der Sicht autopoietischer Systeme alleroings stellt die \blkswirtschaft einfunktional geschlO&'leßes System dar. Funktionieren Preise stets als perfektes Koordinationsinstrument? Wir haben es bei der allgemeinen Gleichgewichtstheorie mit einer Theorie zu tun, die richtigerweise behauptet, daß auch bei "zersplitterter" Information Preise ein perfektes Koordinationsinstrument sein können. Ob Preise eine "sufficient statistic" sind. hängt von den Umständen ab. In vielen Fällen heterogener Produkte haben Käufer und Verkäufer unterschiedliche Infonnationen -und Preise allein versagen als Koordinationsinstrument Das gilt u. a. für Arbeitsleistungen, Versicherungen und Kreditgeschäfte, aber auch für materielle Güter, wie Akerlof (1970) gezeigt hat Es ist heute unbestritten, daß Hayeks Ansicht bezüglich der EfTlZienz des Preissystems als Infonnationsvermittler zu optimistisch war (siehe u. a. McAfee{McMillan, (1987): 700, 733). Aber genau diese Erkenntnis stellte den Ausgangspunkt für die institutionenökonomische Weiterentwicklung der Theorie OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 97 spontaner Ordnung dar? Hingewiesen sei auf Literatur zu den Stichworten "signaling" und "screening" (siehe Cukierman (1984): 14 ff.). Auch die Literatur, die sich mit Anreizmechanismen befaßt, die bewirken, daß private Informationen öffentlich zugänglich wexden, gehört hierzu. (Siehe McAfee/McMillan; Grossman,( 1976), (1977), (1981), Cukierman (1985): 20 ff.) ll. Preise als Entdeckungsinstrument Was man untex Preisen als Koordinationsinstrument zu verstehen hat, weiß jeder. Was soll man sich aber unter Preisen als einem Entdeckungsinstrument vorstellen? Zum Zwecke dex Erläuterung stelle man sich eine Welt vor, in der ein Signalsystem falsch justiert ist (siehe Kirzner (1985». Man unteLstelle nun, daß das Signalsystem -natürlich über das 'ßltigwerden von Konttolleuren -die Eigenschaft besitze, auf der Grundlage seiner Koordinationsergebnisse in dex Vergangenheit die Justiexung zu verbessern. WIr haben es dann mit einem Signalsystem zu tun, das nach dem Prinzip der (negativen) Rückkoppelung arbeitet Damit aber wird der Proze8 der Selbstorganisation sehr viel komplexex als der vorher behandelte. Nicht nur passen sich jetzt die Marlctteilnehmer an die Preise an, sondern das Preissystem paßt sich jetzt auch an seine eigene Koordinationsleistung in der Vergangenheit an. "Wandel" und "Zeit" spielen nun eine bedeutende Rolle: Es geht um die Preisund Mengendynamik und um die Existenz von Anpassungspfaden zum Zustand dex Ordnung. Es ist nützlich, mehrere Szenarien zu unterscheiden, in denen die Entdeckungsfunktion von Preisen ins Spiel kommt Die Szenarien seien folgendermaßen 7Man sollte aber nicht vergessen, daßdas Preissystem selbsteineInstitutioodarstellL Die allgemeine Gleichgewichtstheorie gehört insofern selbst zur Institutiooenökooomik (siehe Schrnidtchen, (1989». Das Preissystem als Institutioo zu betrachten, bedeutet, einem Grundgedanken der Synergctik zu folgen: nach diesern entwickeln sich Institutionen wie Sprache, Märkte, Preise, Geld, Finnen, Qualitätsgarantien usw. im Verfolg voo Eigennutz -sie sind Ergebnis menschlichen Handelns (endogene Variable). Nach einiger Zeit verfestigen sich diese uBriuche"und bilden darm den Rahmen, in dem die Wirtschaftssubjelcte handeln (Wechsel zu exogenen Variablen). Es üt zentrale Edtenntnis der Synergetik, daß das Verhahen der Systeme1emente Systemeigenschaften erzeugt, die dann die Elemente Kyersklaven" (siehe Schlicht, (1986». Gcnau in diesem Sime Kyersklavt" das Preissystem die Wirtschaftssubjekte, wenn und insofern sie den Markt benutzen und sich dessen Regeln gemiß vc:rbalten müssen, wenn sie ihm Ziele verfolgen wollen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
98 Dieter Schmidtchen bezeichnet: der Marktmacher als Auktionator; der Marktmacher, der nicht Auktionator ist; Preisanpassung ohne reine Markunacher (posted prices); die Theorie des Kerns. Aus Platzgründen können diese Szenarien nur in groben Zügen behandelt werden (eine ausführlichere Darstellung fmdet man bei Schmidtchen (1989b». 1. Der MarkbDacher als Auktionator Das Thema ineffIZientes Signalsystem und Lernen ist in der Ökonomie nicht völlig unbekannL Es wird behandelt beispielsweise im Arrow/Debreu-Modell als Interaktion z~ischen den Haushalten und Unternehmen (jeweils mit dem Aktionsparameter Menge) auf der einen Seite und dem "market participant" mit dem Aktionsparameter Preis auf der anderen. Es gibt Wandel in der Zeit, und dieser läßt sich darstellen als sequentielles Spiel (siehe auch Weintraub (1989): 153): Preisvektor -+ Angebot - Nachfrage -+ neuer Preisvektor -+ Angebot - Nachfrage. Führt dieser Prozeß einmal zu dem Ergebnis: Preisvektor -+ Angebot -Nachfrage -+ derselbe Preisvektor, dann ist ein Gleichgewicht erreichL Der Preisvektor wird zum Entdecktmgsinstrument für den Marktmacher. Wenn er den Preisvektor gefunden hat, der dmch die rückgemeldeten Mengen bestätigt wird, dann weiß er, daß unter den gegebenen Umständen seine Auszahlung maximiert ist Im anderen Fall wird er darüber informiert, daß er sein Optimum noch nicht gefunden hat De facto haben wir es hier mit einer Auktion zu tun. Daß Preise in diesem Zusammenhang ein Entdeckungsinstrument darstellen können, ist wohlbekannt. Weniger gut bekannt und auch weniger gut untersucht ist, wo Preise sonst noch als Entdeckungsinstrument dienen. Das ist ein überraschender Befund, denn eine Ökonomik, die sich als Erfahrungswissenschaft versteht, also Realität erklären will, hätte sich längst einmal fragen müssen, welche Rolle Preise in dynamischen Anpassungsprozessen spielen, bei denen kein Auktionator mitWirkL 2. Der Marktmacher, der nicht Auktionator ist Mit Markunachern, die nicht Auktionatoren sind, hat sich Kirzner intensiv beschäftigt (siehe Kirzner (1973), siehe auch Clower/Friedman (1986». Er nennt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 99 sie Unternehmer. Unternehmer sind Leute, die die Fähigkeit (Findigkeit) besitzen, Koordinationsmängel zu entdecken und zu korrigieren. Von diesen Unternehmern wird im letzten Abschnitt noch im einzelnen zu reden sein. Hier gilt es, ihre Rolle in demjenigen Rückkoppelungsprozeß darzustellen, in dem die Koordinationsmängel des Preissystems korrigiert werden. Um das Operieren des Unternehmertums in reiner Form darzustellen, muß man den Preisbildungsprozeß in einer Volkswirtschaft als bereits irgendwie vollzogen unterstellen. Ferner mögen sich die Wirtschaftssubjekte auch bereits an die ihnen bekannten Preisvektoren optimal angepaßt haben. Wenn unvollkommene Information herrscht, sind die Preisvektoren (Relativpreise), mit denen die einzelnen Entscheidungseinheiten konfrontiert sind, unterschiedlich. Optimale Anpassung unterstellt,impliziert dies, daß z. B. die Grenzraten der Substitution zweier Haushalte nicht gleich sind Ähnliches gilt für die Grenzraten der Transfonnation. Ein solcher Zustand ist Ausdruck eines Koordinationsmangels -die Möglichkeiten wechselseitig vorteilhaften Tauschs sind noch nicht erschöpft (was die Wirtschaftssubjekte aber nicht wissen). Dieser Koordinationsmangel wird reflektiert in nicht übereinstimmenden Preisvektoren. Immer dann jedoch, wenn Preisvektoren nicht übereinstimmen, existieren Gewinnmöglichkeiten. Wer diese fehlende Übereinstimmung entdeckt, entdeckt nicht nur diese Gewinnmöglichkeiten, sondern implizit auch den Koordinationsmangel Und wer diese Gewinnmöglichkeiten nutzt, d. h. die Gewinne realisiert, beseitigt zugleich den Koordinationsmangel. Dies können selbständige Marktmacher sein, die reinen Arbitrageure. Das können aber auch die Haushalte oder Unternehmen selbst sein. Kirzner unterstellt - ohne dies für die gesamte Volkswirtschaft gezeigt zu haben -, daß die TIltigkeit des Unternehmertums die Dispersion der Preisvektoren reduziert und letztendlich zur Herausbildung eines für alle gemeinsamen Gleichgewichtspreisvektors führt. (Zu einer kritischen Diskussion dieser Idee Kirzners siehe Schmidtchen, (l988b).) Preise fungieren in diesem Zusammenhang in folgender Weise als ein Entdeckungsinstrumenc Man kann dem Preissystem (niemals allerdings einem einzelnen Preis) sowohl entnehmen, wie gut es als Signalsystem funktioniert, als auch erkennen, in welcher Weise es umgestaltet werden muß, damit es seine Koordinationsleistung verbessert. Als solches nützte dies jedoch wenig, wenn nicht zugleich das unternehmerische Element auf den Plan träte - und die Folgen einer gewissen Form der Informationsasymmelrie beseitigte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
100 Dieter Schmid\.chcn 3. Posted prices Wie bildet sich der Marktgleichgewichtspreis auf einem nicht organisierten Konkurrenzmarkt, einem Markt, auf dem es keine spezialisierten Marktmacher gibt? 1972 schrieb Schmidbauer, daß bis in die jüngste Zeit die Theorie das Problem nahezu völlig ignoriert habe (siehe Schmidbauer (1972): 315f. und die dortigen Nachweise). Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. 8 Nachwievor gilt - man schaue in die einschlägigen Lehrbücher -, daß "(t)he invisible band is a Httle 100 invisible in trus, the center of its activities." (Fisher, F. M. (1970): 196.) Im folgenden soll die Entdeckungsfunktion von Preisen in einer Welt untersucht werden, die a) nicht im Gleichgewicht ist und die b) keine Marktmacher-Spezialisten kennt. Während in den bisherigen Betrachtungen die Preise den Wirtschaftssubjekten parametrisch vorgegeben waren, setzt jedes Wl11SChaftssubjekt in der Rolle, in der es betrachtet wird, nunmehr die Preise selbst. WIC haben ein System von "posted prices" vor uns (siehe de Vany, (1987». Zu Beginn eines Markttages setzen z. B. die Anbieter jeweils unabhängig voneinander ihren Preis fest, zu dem sie bereit sind zu tauschen. In diesen Preisen manifestieren sich die jeweiligen subjektiven Weltsichten über die verfügbaren TauschmögHchkeiten, d. h.: Sie werden so gesetzt, wie man es zur Realisierung der individuellen Pläne erwartet. Am Ende des Markttages weiß jeder, ob seine Erwartungen richtig waren oder falsch. Am Beginn des nächsten Markttages werden wieder Preise gesetzt, in denen sich wieder Erwartungen niederschlagen - und zwar gebildet unter Berücksichtigung der Erfahrungen des vergangenen Markttages. Man beachte, daß hier nicht an Modelle der temporären Gleichgewichtstheorie gedacht wird, bei denen es an jedem Markttag zu einem Marktgleichgewicht kommt (dafür sorgt dort der Marlctmacher) -wenngleich damit Erwartungsenttäuschungen verbunden sind. Wie Preise als Entdeckungsinstrument in diesem Zusammenhang funktionieren, ist wissenschaftlich noch wenig untersucht worden. In der Diskussion um das 8Siehe z. B. die Äußerungen von E1iasson (1986): 484: "on1y wben individuals, finns or Iraden ... set Ibe prices IIld the quantities individually IIld on Ibe basis of an individually perceived marltet simation that is regularly wrong, can we talk about a theory of marltets. Stmdard microeconomic Ibeory has little to say on Ibis." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 101 sogenannte Anpassungsproblem (siehe Schmidbauer, (1972» sind jedoch bereits die zentralen Punkte zu finden. Beim Anpassungsproblem geht es um die spontane Anpassung der endogenen Variablen, in Sonderheit der Preise, an veränderte Umweltbedingungen. Gefragt wird, in welcher Form der Anpassungsprozeß (als spontaner Prozeß!) verläuft (siehe z. B. Arrow, (1959); Witt, (1980); Fehl/Oberender, (1989», ob er stabil ist, und wieviel Zeit er in Anspruch nimmt Diese Fragen können hier im einzelnen nicht behandelt werden.9 Welche Funktion erfüllt der Preis in diesem Szenario? Betrachtet sei der Preisanpassungsprozeß nach einer Erhöhung der Nachfrage auf einem polypolistisch strukturierten nicht organisierten Markt (siehe Schmidbauer (1972): 316ff., der auf Arrow (1959) aufbaut). Der Preis ist ein Fühler, der ausgestteckt wird, um die Erwarblßg über die zu diesem Preis absetzbare Menge zu testen. Herrscht Oberbzw. Untemachfiage, dann wird der Anbieter Anlaß haben, seine Erwartungen zu revidieren. Es läßt sich zeigen, daß bei unveränderten Preisen der anderen Anbieter ein Anbieter nach einem ''trial and error" Prozeß einen Preis setzt, bei dem seine Erwartungen bezüglich der Absatzmenge bestätigt werden. Die Preisänderungen hören auf. Der Gewinn ist maximal. Die Kapazität ist voll ausgelastet Preise erfüllen in diesem Szenario eine Funktion, die im Gleichgewicht obsolet wird Im Gleichgewicht kennt jeder Produzent seine individuelle Preis-Absatz-Funktion, im Ungleichgewicht aber nicht Da muß sie erst entdeckt, erforscht werden. "Posted prices" werden dazu als Marktfühler eingesetzt; getestet weIden Angebotspläne, in denen sich die in Entscheidungsmodellen geronnenen Weltsichten unseres Anbieters niederschlagen. In der Anpassung des Entscheidungsmodells an die "wahre" Welt vollzieht sich ein Aspekt des Unternehmertums im Sinne Kirzners. Unser Anbieter war ein aus der Menge aller Anbieter beliebig herausgegriffener. Was für ihn gilt, gilt für alle, d. h. die Annahme, daß die jeweils übrigen Anbieter ihren Preis unverändert lassen, erweist sich als falsch. Das hat nun aber schwerwiegende Konsequenzen. Während jeder einzelne dabei ist, seine PreisAbsatz-Funktion zu entdecken, verschiebt sich diese. Die EntscheidungsinteIde9Über Anpassungsprozesse auf kurze und lange Sicht siehe ausführlicher Schmidbauer (I m): 313ff.; Hayek und Kirmer haben dazu einige Geschichlen erzählt; Littlechild/Owen, (1980) haben ein Modell entwiclcelt, das aber mathematisch sehr aufwendig ist; Okun. (1980), hat ebenfalls einige Aspekte -in ihnlicher Weise wie Anow, (1959), -diskutien; auch Helmstidter, (1989), hat sich in letzter Zeit mit dieser Frage bei&&. Siehe auch Grosseltettler (I98S), (1989). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
102 Dieter Schmidtchen pendenz, die es nicht nur im Oligopol, sondern auch im Polypol gibt, bewirkt einen marktmäßigen externen Effekt, über dessen konkrete Ausprägung sich allgemein nichts sagen läßt Eine systematische Schätzung der individuellen Nachfragefunktion beruht auf Erwartungen und letztere auf Informationen. Die hier relevanten Infonnationen beziehen sich auf die Gesamtnachfragefunktion sowie auf die geplante Preispolitik der Konkurrenten und damit auf Erwartungen, die jene über die Gesamtnachfragefunktion und die Preispolitik der anderen hegen. Wrr haben es mit einem Marktprozeß zu tun, in dem alle auf grund ihrer Teilnahme am Markt lernen. Richtiges Lernen setzt voraus, daß man weiß, was andere gelernt haben. Daß der Übergangsprozeß von einem Marktgleichgewicht zu einem anderen reibungslos verläuft, können nur Optimisten glauben. Zweifelhaft ist auch, ob man stets im neuen Gleichgewicht landet Dieses Ergebnis wird dwch die Untersuchung von Wiu bestätigt, nach der man bestenfalls mit der Möglichkeit einer Mustervoraussage der Art rechnen kann, daß eine Tendenz zum Gleichgewicht besteht. 10 4. Theorie des Kerns In organisierten Märkten werden Preise von einem "reinen" Marktmacher gesetzt; die übrigen Wirtschaftssubjekte passen sich an diese an. In nicht organisierten Märkten gibt es keine reinen Marktmacher; die Preisbildung ist den einzelnen Wirtschaftssubjekten überlassen. Wir hatten gesehen, wie der Anpassungsprozeß verläuft, wenn eine Marktseite den Preis setzt. Die Möglichkeit, daß weder ein organisierter Markt existiert, noch eine Marktseite den Preis setzt, bleibt noch zu untersuchen. Wenn ein Preis weder exogen gesetzt, noch von einer Marktseite "endogen" gesetzt wird (posted prices), dann kann er nur dwch Verhandlung zustandekommen. Wie man sich dies vorstellen kann, hat Edgeworth vor über 100 Jahren gezeigt, als er die Idee des "contracting" und "recontracting" entwickelte. lOSiebe Will (1980): 7, 10, 246: "Statt der starken Aussagen bleiben nur relativ unscharfe Theoreme (Musterhypothesen) über die Beschrinktheit möglicher Marklprozcs$C im Preis-Menlten-Raum." (S. 246.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Prinzipien einer Theorie ökonomischer Evolution 103 In der Spiel theorie entspricht dem das Bilden und Auflösen von Koalitionen. Voraussetzungen, Ablauf undErgebnisse dieses Prozesses sind Gegenstand dez Theorie des Kerns (siehe Telser, (1989); Hildenbrand/Kirman, (1989); Rasmusen, (1988». Auch in der Theorie des Kerns haben Preise eine Entdeckungsfunktion (neben der, Verteilungsschlüssel für die Kooperationsrente zu sein). Die Preise, die in den Verhandlungsrunden der Vergangenheit gebildet wurden, liefern Infonnationen für ihre eigene Veränderung, bis schließlich -unter gewissen Voraussetzungen - ihre Werte stationär werden. Die Anwendungsbreite und die theoretische Fruchtbarkeit der Theorie des Kerns kann hier nicht im einzelnen erörtert werden. Vielmehr soll der Zusammenhang zur Theorie spontaner Ordnung fokussiert werden: a) Der Prozeß des Bildens und Auflösens von Tauschkoalitionen stellt einen Prozeß spontanen Ordnens dar, wenn der Kern nicht leer ist b) Im Prozeß des Bildens und Auflösens von Tauschkoalitionen zeigt sich Wettbewerb als Marktprozeß. Ein für die Wettbewerbspolitik wichtiges Ergebnis besteht darin, daß die dem Konzept der Wettbewerbsfreiheit eigentümliche Vorstellung vom Wettbewerb als Marktprozeß (siehe Schmidtchen, (1989a» genau die ist, die auch in der Theorie des Kerns impliziert wird. c) Wettbewerb als Marktprozeß dauert solange, wie diesez Prozeß andauert. Er ist das, was man in der Wettbewerbsthe<rie Parallelprozeß nennt Wenn dieser erlischt, hat der Markt einen Kern. Wenn der Parallelprozeß erlischt, ist der endgültige Austauschprozeß vereinbart. Es ergeben sich die jeweiligen EndAllokationen. ModifIZiert man das Modell und läßt nach jeder Verhandlungsrunde auch Tausch zu, dann ergibt sich das, was man "false trading" nennL d) Der Prozeß des Bildens und Auflösens von Koalitionen ist evolutorisch. Die Evolution zeigt sich in der ständigen Veränderung der Zahl, Größe und Zusammensetzung der Koalitionen. e) Preise, undzwar die in Koolitionen geltenden Preise. erfilllen eineEntdeckungsfunktion ftirjedeneinzelnen. Erentdecktim ~rgleichdieserPreise, welches die aus seinel' Sicht günstigste Koalition ist. Indem jeder dieses WISSen nUlZt, verändern sich die Preise inden Koalitionen. Untezbestimmten \bI'ausselZUßgengiltdiließlichinallen Koalitionen ein einheitlicher Preis. Die Preisbildung im Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage kann als Spezialfall der Theorie des Kerns interpretiert weIden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
110 Dieter Schmidt.chen Fehl, U. 1981: WeubeweIbsprozesse in walrasianischer Perspektive. Gedanken zwn Gleichgewicht und zur Evolution im Rahmen des Gesamtmarktsystems, Marburger Habilitationsschrift. -1983: Die Theorie dissipativer Strukturen als Ansatzpunkt für die Analyse von Inoovationsproblemen in alternativen WIrtSChaftsordnungen, in: Schüller, A. u. a. (Hrsg.): Innovationsprobleme in Ost und West, Stuttgart, S. 65 - 89. -1989: Ökonomie als dissipative Struktur, Thesenpapier für die AIbeitstagung Evolutorische Ökonomik in Freiburg. Fehl, U., Oberender, P. 1985: Grundlagen der Mikroökonomik, 2. Aufl. München. Fisher, F. M. 1970: Quasi-competitive Price Adjustment by Individual Firms; in: Journal ofEcooomic Theory, S. 195 - 206. Fox, K., Miles D. 1987: Systems Economics, IOWAState University Press, Ames, Iowa. Gabisch, G. 1989: Konjunktur und Chaos, in: WISU 10, S. 577 - 582. Goodwin, R, Punzo, L. 1987: The Dynamies of a Capitalist Economy, Basil Blackwell. Grossekeuler, H. 1989: Stand und Entwicklung des Koordinationsmängelkonzepts. Ein Kurzüberblick, Volkswirtschaftliche Diskussionsbeiträge, Nr. 102, Westfälische Wilhelms-UniversiUlt Münster. Grossekeuler, H. (zus. mit Borchert, M.) 1985: Preisund Wettbewerbstheorie, Stuttgart u. a. Grossman, S. J. 1976: On the efficiency of competitive stock markets where baders have diverse information, in: The Journal of Finance, S. 573 - 585. -1977: The existence of future markets, noisy rational expectations and informational externalities, in: The Review ofEconomic Studies 44, S. 431449. -1981: An introduction to the theory of rational expectations under asymmetrie information, in: The Review ofEcooomic Studies 48, S. 541 - 559. Hayek, F. A. 1945: The Use of Knowledge in Society, in: American Ecooomic Review, S. 519 - 530. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
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Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung Von Renate Schuhert, Darrnstadt A. Einleitung Wesentliches Kennzeichen der Evolutionsdynamik marktwirtschaftlicher Systeme ist das Vorhandensein von Innovationen.l Die Evolutionsdynamik eines Wirtschaftssystems ist als Prozeß definiert, der "zeitlich nicht umkehrbare" Entwicklungen enthält, und zwar insbesondere Entwicklungen, die "Neuerungen"2 im Sinne von Innovationen einschließen. 3 In diesem Beitrag werden Innovationen als technische Neuerungen, die neue Prozesse und neue Produkte umfassen, verstanden.4 Anders als bei Schumpeter soll der Begriff der Innovation so weit gefa{Jt sein, daß er die Entstehung oder Konzeption von Neuerungen, auch als Invention bezeichnet, und deren Realisation umfaPl Andererseits soll der Begriff der Innovation aber auch so eng gefa{Jt sein, daß er nicht den Prozeß der Ausbreitung von Neuerungen umfaPt, sondern lediglich die erstmalige Konzeption und Realisierung von Neuerungen. Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit Bedingungen für das erstmalige Zustandekommen von Neuerungen. Die bisherige Analyse solcher Bedingungen liefert -im Unterschied zur Analyse von Bedingungen für die Ausbreitung von Neuerungen relativ unbefriedigende Ergebnisse.5 Es mu{J daher nicht nur als reizvoller sondern auch als wichtiger angesehen werden, sich mit den "Anomalien"~ erstmaliger Neuerungen zu beschäftigen, die von der normalen 1 Vgl. etwa Spmnann, 1976; Ramser, 1986; Kromphardt(l'eschner, 1986. 2 Wut, 1987, S.19. 3 Cyert/March, 1963, S.287 C.; Kaufer, 1980, S.158-174, 594-600; Nelson/Wl1IIer, 1982, S.I28 C.; Elster, 1983, S.145 C. 4 Kromphardt(l'eschner, 1986, S.236. 5 Vgl. dazu Kuhn, 1976, S.49-56; Wut, 1987, S.17-21. 6 Kuhn, 1976, S.65-89. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
116 Rcnatc Schuben Wissenschaft im Sinne des vorherrschenden neoklassischen Paradigmas nicht erklärt werden können. Ein wesentlicher Grund für den unterschiedlichen "Nonnalitätsgrad" der beiden zuvor genannten Phänomene liegt darin, daß das Ausmaß der Unsicherheit, die mit dem erstmaligen Zustandekommen von Neuerungen und mit der Imitation solcher Neuerungen verbunden ist, entscheidend anders ausfällt Grundsätzlich sind beide Phänomene, dh. erstmalige Neuerungen und Imitationen, mit Unsicherheit behaftet 7 Damit ist gemeint, daß die künftigen Ergebnisse, also etwa die künftigen Unternehmensgewinne, die mit erstmaligen Neuerungen oder Neuerungs-Imitationen verbunden sind, nicht mit Sicherheit bekannt sind Künftige Ergebnisse resultieren aus dem Zusammentreffen von einer Handlungsalternative und dem künftig relevanten Umweltzustand Im Fall erstmaliger Neuerungen sind nun künftige Ergebnisse nicht mit Sicherheit bekannt, weil weder die genaue Ausprägung der ergriffenen Alternative noch der künftige Umweltzustand mit Sicherheit bekannt ist. Der Informationsstand des Entscheidungsträgers kann hier sinnvoll durch die Annahme qualitativer Wabrscheinlichkeitsinformation beschrieben werden. Mit qualitativer Wahrscheinlichkeitsinformation ist folgendes gemeint:8 Sie liegt vor, wenn der Entscheidungsträger über die ergriffene Handlungsalternative bzw. über den künftig relevanten Umweltzustand weder vollkommene Sicherheit," noch vollkommene Unsicherheit, noch die Kenntnis einer eindeutigen, präzisen, von der [0,1]- Verteilung (Fall der vollkommenen Sicherheit) bzw. Gleichverteilung (Fall der vollkommenen Unsicherheit) abweichenden Wahrscheinlichkeitsverteilung hat Statt dessen ist der Entscheidungsträger aber in der Lage, für je zwei Alternativen bzw. Umweltzustände anzugeben, welche Alternative bzw. welchen Umweltzustand er für wahrscheinlicher als die andere bzw. den anderen hält. Solche paarweisen Vergleiche können für alle vom Entscheidungsträger für relevant gehaltenen Alternativen bzw. Umweltzustände gemacht werden, so daß eine Wahrscheinlichkeitsrangordnung der Alternativen bzw. Umweltzustände resultiert. Derartige Wahrscheinlichkeitsrangordnungen, die jeweils mit einer Menge präziser 7 Vgl. hierzu etwa auch Fn:emann, 1982, S.148-150; Gcrybadze, 1982, S.43-49. 8 Vgl. Brachinger, 1989. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung 117 Wahrscheinlichkeitsverteilungen konsistent sind, können als qualitative Wahrscheinlichkeitsinformation bezeichnet werden. Im Falle der Imitation erstmaliger Neuerungen ist die Unsicherheit des Entscheidungsträgers entscheidend kleiner als im Fall der erstmaligen Neuerungen selbst Zum einen ist nämlich die ergriffene Alternative, dh. die zu imitierende Neuerung bekannt Zum anderen ist die Mächtigkeit der Menge von Wahrscheinlichkeitsverteilungen, die mit der qualitativen Wahrscheinlichkeitsinformation über die Umweltzustände vereinbar sind, deutlich kleiner als im Fall der erstmaligen Neuerungen. Der imitierende Entscheidungsträger kann nämlich aus den Erfahrungen des innovierenden Entscheidungsträgers lernen und somit die Wahrscheinlichkeitsinformation über das Eintreten künftiger Umweltzustände wesentlich präziser machen. Im Extremfall kann man sogar das Vorhandensein eindeutiger quantitativer Wahrscheinlichkeitsinformation unterstellen. Ökonomische Modelle, die mit einem solchen Informationsstand der Entscheidungsträger arbeiten, haben sich -im Unterschied zu Modellen mit qualitativer Wahrscheinlichkeitsinformation -in der Ökonomie inzwischen als "normal" durchgesetzt Somit wird der oben erwähnte unterschiedliche "Normalitätsgrad" erstmaliger und imitierender Neuerungen verständlich. Im folgenden geht es nun um die Erklärung des erstmaligen Zustandekommens von Neuerungen. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: i) Warum sind -unter Berücksichtigung der oben dargestellten Unsicherheit -erstmalige Neuerungen für Unternehmen überhaupt attraktiv? ü) Unter welchen Bedingungen ist diese Attraktivität gegeben? ili) Welche Möglichkeiten zur Beeinflußung des Auftretens erstmaliger Neuerungen sind vorhanden? Der Erörterung dieser drei Fragen sind die folgenden Abschnitte B. bis D. gewidmet OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
118 Renate Schubert B. Kriterium für die Attraktivität von Innovationen Die Attraktivität von Innovationen wird typischerweise anhand desjenigen Kriteriums beurteilt, das der Entscheidungsträger prinzipiell bei seiner Alternativenwahl anwendet. Im folgenden wird dieses Kriterium näher analysiert. Dabei wird auf eine Analyse des Zustandekommens von Entscheidungen in Organisationen verzichtet.9 Aus der Literatur sind Entscheidungskriterien für den Fall bekannt, daß der Entscheidungsträger seine Wahl bei Sicherheit oder bei Vorliegen quantitativer Wahrscheinlichkeitsinformation trifft.lO Beispiele sind das Kriterium der Maximierung des Gewinns oder des Gewinnerwartungswerts. Für den in diesem Beitrag betrachteten Fall qualitativer Wahrscheinlichkeitsinformation sind diese Kriterien nicht anwendbar. Ein Entscheidungskriterium für qualitative Wahrscheinlichkeitsinformation kann aber auf der Grundlage des Prinzips der robusten Entscheidungen entwickelt werden. 1 1 Das Prinzip der robusten Entscheidungen ist als Alternative zum von Neumann-Morgensternschen Prinzip der Erwartungsnutzenmaximierung aufzufassen. Eine Rechtfertigung für die Verwendung eines solchen alternativen Entscheidungsprinzips ergibt sich auf grund folgender Überlegung: Es sind sogenannte "Anomalien" im beobachtbaren Entscheidungsverhalten der Individuen feststellbar}2 Von Anomalien ist dann zu sprechen, wenn die tatsächlichen Entscheidungen von Wirtschaftssubjekten im Widerspruch zu denjenigen Entscheidungen stehen, die die Erwartungsnutzenmaximierung liefern würde. Eine mögliche Form des modellmäßigen Umgangs mit derartigen Anomalien besteht darin, zu unterstellen, das Prinzip der Erwartungsnutzenmaximierung sei im Hinblick auf das tatsächliche, zu erklärende Verhalten der Individuen ein "falsches" Entscheidungsprinzip. Ein alternatives Entscheidungsprinzip, das zur Erklärung von Entscheidungen geeignet ist, die auf der Basis der "reinen" Erwartungsnutzenmaximierung "anomal" sind, ist das Prinzip der robusten Entscheidungen. 13 Das Prinzip der robusten Entscheidungen ist folgendermaßen zu erläutern: 9 Vgl. dazu etwa Cym/March, 1963, S.I25 Cf. 10 Vgl. etwa Schneeweiß, 1967; Sinn, 1980. 11 Brachinger, 1982. 12 Frey/Eichenberger, 1989. 13 Für weitere alternative Entscheidungsprinzipien vgl. etwa Weber/Camerer, 1987. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung 119 Man kann zunächst davon ausgehen, daß der Entscheidungsträger mit seiner Alternativenwahl ein gewisses Mindestanspruchsniveau hinsichtlich des Ergebnisses oder Auszahlung der gewählten Alternative, also etwa hinsichtlich des Gewinns, erreichen möchte. 14 Beim Versuch, dieses, hier als exogen bestimmt angenommene Mindestanspruchsniveau zu erreichen, wird der Entscheidungsträger die Menge der für ihn relevanten Alternativen in zwei Gruppen aufteilen. Eine Gruppe enthält alle Alternativen, die geeignet sind, das Anspruchsniveau zu erfüllen. Die zweite Gruppe umfaIJt die restlichen Alternativen, die das Anspruchsniveau nicht erfüllen können. Weiter wird der Entscheidungsträger sogenannte quasi-sichere Umweltzustände als Hilfsmittel heranziehen, um trotz der Unsicherheit über die künftigen Ergebnisse eine derartige Aufteilung vornehmen zu können. Mit quasi-sicheren sind solche Umweltzustände gemeint, die der Entscheidungsträger unter allen künftigen Umweltzuständen für die jeweils höchst wahrscheinlichen hält Ein Entscheidungsträger wird sinnvollerweise eine Alternative wählen, die im quasi-sicheren Umweltzustand die Mindestanforderungen an das Ergebnis erfüllt Alle Alternativen, für die dies zutrifft, können als zulilssige Alternativen bezeichnet werden. Aus der Menge aller zulässigen Alternativen kann dann diejenige Alternative ausgewählt werden, die mit dem geringsten Risiko verbunden ist Was ist dabei unter "Risiko" zu verstehen? Ausgangspunkt für das Vorhanden sein von Risiko ist das oben erwähnte Fehlen von Sicherheit über die künftigen Ergebnisse von Alternativen. 15 Aufbauend auf dieser Grundlage ist der Begriff des Risikos in der Ökonomie nicht unumstritten. 16 Die Präzisierung von Risiken als mögliche künftige Verluste im Sinne von Abweichungen künftiger Ergebnisse von erwarteten oder erwünschten Ergebnissen nach unten ist allerdings von besonderer Bedeutung. 17 Im folgenden ist Risiko stets im Sinne dieser Präzisierung aufzufassen. 18 Als Referenzergebnis für Ergebnisabweichungen nach unten 14 Vgl. hierzu etwa Nelson/WlIIIer, ~982, S.211; Elster, 1983, S.139 f.; KromphardJfl'eschMr, 1986, S.241; Rahmeyer, 1989, S.277 f.; und speziell zur Bedeutung von Anspruchsniveaus Simon, 1986, S.58-60. 15 Krelle, 1968, S.119, Fn 2; Sinn, 1986, S.557. 16 Vgl. etwa Knight, 1921, S.233; Borch, 1969, S.41; Röpl«, 1977, S.128-13O. 17 Vgl. zu dieser Risikopräzisierung etwa Krelle, 1957, S.632-633; Schneider, 1980, S.65. 18 Im vorliegenden Beitrag werden nur individuelle, bei einzelnen Entscheidungsträgem originär anfallende, nicht jedoch soziale Risiken betrachtet; vgl. hierzu etwa, im Zusammenhang mit Innovationen, Stiglilz, 1986, S.405. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
126 Renate Schubert Fehlschläge vermieden werden können. Es ist daher sinnvoll, von einer relativ kleinen Wahrscheinlichkeit für hohe Verluste auszugehen. Neben der Risikowahmehmung beeinflußt die Risikoinzidenz, dh. die Aufteilung des mit Entscheidungen verbundenen, insgesamt zu tragenden Risikos auf verschiedene Wirtschaftssubjekte bzw. Institutionen die Risikoabschätzung. 29 Je niedriger der Anteil des vom Entscheidungsträger, hier also vom Unternehmer, selbst zu tragenden Risikos seiner Entscheidungen ist, je besser und umfassender also die Risikoabwälzung auf andere gelingt, desto niedriger wird das Risiko sein, das ein Entscheidungsträger der gerade betrachteten Handlungsalternative zuordnet Je niedriger das zugeordnete Risiko, desto höher werden die Chancen sein, daß die betrachtete Handlungsalternative als bedingt risikominimierende ausgewählt wird Im Zusammenhang mit dem Risiko von Innovationen ist nun zu klären, welche Möglichkeiten der Risikoabwälzung für innovierende Unternehmen bestehen. Grundsätzlich kann eine solche Überwälzung "nach vorne", dh. etwa durch Preiserhöhungen auf Konsumenten, "nach hinten", d.h. etwa durch Preissenkungen auf Lieferanten oder allgemein auf "Dritte" erfolgen. Die Überwälzungsmöglichkeiten für Risiken scheinen bei größeren Innovationen anders ausgeprägt zu sein als bei kleineren Innovationen oder beim Innovationsverzicht Bei der Alternative "Nicht-Innovation" wird, angesichts der oben genannten Risikoursachen, bei einer drohenden Verlustgefahr im oben beschriebenen Sinn, die ökonomische Machtposition typischerweise so schwach sein, daß in vielen Fällen die Überwälzung nach vorne oder nach hinten nicht möglich ist Damit bleibt vor allem die Überwälzung auf Dritte, beispielsweise in Form der Nutzung staatlicher Subventionen. Bei Innovationen ist eine solche Überwälzungsmöglichkeit prinzipiell ebenfalls gegeben. Man kann hier etwa an Gründungsdarlehen, Forschungszuschüsse, Vergünstigungen im Rahmen von TechnologieParks u.ä. denken. Weiterhin kann man aber davon ausgehen, daß Innovationskosten in vielen Fällen (man denke etwa an den Pharmabereich) zumindest teilweise nach vorne abgewälzt werden können. Dies kann durch unmittelbare Preiserhöhungen für neue Produkte, durch spätere überproportionale Preiserhöhungen für diese Produkte im Rahmen eines Reputationsaufbaus, oder durch die Nicht-Weitergabe von durch die technischen Neuerungen verursachten günstigeren Produktionskosten in niedrigeren Preisen geschehen. Schließlich ist auch eine Abwälzung nach 29 Vgl. dazu KamienISchwanz, 1982, S.25 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung 127 hinten, angesichts der mit vielen technischen Neuerungen verbundenen Möglichkeiten der Reduktion der Nachfrage nach gewissen Produktionsfaktoren nicht generell auszuschließen. Je größer nun eine Innovation ist, desto höher ist der Bedarf an RisikoÜberwälzung. Geht man davon aus, daß größere Innovationen hauptsächlich von "großen" Unternehmen getätigt werden, so ist zu vermuten, daß der Überwälzungs-Bedarf bei diesem Innovationstyp besonders gut gedeckt werden kann, weil nämlich die Überwälzungsmöglichkeiten großer Unternehmen besonders stark ausfallen. c.m. Konsequenzen der Risikoabschätzung Aus den Ausführungen der letzten beiden Abschnitte läßt sich folgendes Fazit ziehen: Angenommen, verschiedene Innovations-Alternativen, inklusive der Nicht-Innovation, würden als gleich riskant wahrgenommen. Dann ist unter Beachtung des Aspekts der Inzidenz das Risiko von Innovationen typischerweise kleiner als das Risiko der Nicht-Innovation. Beim Vergleich von Innovation und Nicht-Innovation resultiert also die Innnovation als bedingt risikominimierende und damit als die von Unternehmen bevorzugte Strategie. Dieses Ergebnis bleibt erhalten, wenn man dem Wahmehmungsaspekt explizit Rechnung trägt Oben wurde nämlich gezeigt, daß der Verzicht auf Innovation als besonders riskant wahrgenommen werden kann. Weiter ist bei kleinen und mittleren Firmen im Hinblick auf die Risikoinzidenz das Risiko kleiner Innovationen typischerweise kleiner als das Risiko größerer Innovationen. Auch diese Tendenz kann unter Beachtung der Risikowahrnehmung bekräftigt werden. Werden nämlich kleinere Innovationen als besonders einfach strukturiert wahrgenommen, kann ihnen -wie oben erläutert -ein kleineres Risiko zugeordnet werden. Schließlich lassen die guten Möglichkeiten der Überwälzung des Riskikos größerer Innovationen bei großen Unternehmen darauf SChließen, daß für diese Unternehmen größere Innovationen bedingt risikominimierend und daher besonders attraktiv sind Aus der oben erwähnten Möglichkeit, daß Risiken größerer Innovationen als klein wahrgenommen werden, weil sie nämlich mit sehr kleiner Wahrscheinlichkeit zu sehr hohen Verlusten führen, ergibt sich eine Bekräftigung dieser Vermutung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
128 Renate Schubert Konsequenz der Attraktivität von Innovationen ganz allgemein ist, daß die Evolutionsdynamik eines marktwirtschaftlichen Systems als vergleichsweise hoch eingeschätzt werden kann. Weiter ist aber zu beachten, daß das Innovationstempo geringer als gesamtwirtschaftlich erwünscht ausfallen kann, weil nämlich zu wenig große Innovationen durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang können Fusionen einen positiven Einfluß auf das Innovationspotential einer Volkswirschaft haben. Sie können nämlich die wahrgenommenen Risiken von größeren Innovationen verringern und die Risiken kleinerer Innovationen sowie die Möglichkeiten der Risikoüberwälzung erhöhen. Eine Verringerung der wahrgenommenen Risiken größerer Innovationen kann etwa zustandekommen, weil der finanzielle Spielraum fusionierter Unternehmen größer ist, weil verstärkte Möglichkeiten der Grundlagenund Marktforschung in solchen Unternehmen vorhanden sind oder weil eine größere Diversifizierung der Produkte in solchen Unternehmen existiert Eine Erhöhung der wahrgenommenen Risiken kleinerer Innovationen könnte etwa deswegen zustandekommen, weil die Innovationskonkurrenz zwischen wenigen großen Unternehmen möglicherweise besonders hoch ist Außerdem können die Nachfrager von größeren Unternehmen ganz besondere innovatorische Leistungen verlangen und bei deren Ausbleiben auch andere Produkte der betrachteten Firma weniger attraktiv finden. Bessere Möglichkeiten der Risikoüberwälzung bei größeren Firmen könnten im Hinblick auf größere Innovationen deswegen bestehen, weil die Machtposition fusionierter Firmen gegenüber Banken, Kunden, Lieferanten und dem Staat tendenziell stärker ist als die Position kleinerer Unternehmen. Es ist allerdings zu beachten, daß die Möglichkeit einer Erhöhung der Riskantheit großer Innovationen in fusionierten Unternehmen nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden kann. Man kann beispielsweise daran denken, daß durch stärkere Trennungen verschiedener Unternehmensbereiche in größeren Unternehmungen und durch die Vorgabe kurzfristiger Umsatz-Solls in diesen Bereichen Innovationen riskanter erscheinen mögen als der Verzicht auf Innovation bzw. größere Innovationen riskanter erscheinen mögen als kleinere. Weiter können große Firmen eine Tendenz aufweisen, überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer zu beschäftigen, für die das Arbeiten in eingefahrenen Wegen von besonderer Bedeutung ist und deswegen das Verlassen dieser Wege, etwa im Zuge großer Innovationen als besonders riskant OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung 129 wahrgenommen wird Durch geeignete organisatorische Ma,8nahmen könnte diesen Effekten jedoch entgegengewirkt werden. An dieser Stelle schließt sich die Frage an, ob bzw. in welcher Weise nicht nur durch firmeninterne Gestaltungsma,8nahmen, sondern auch durch eine externe, dh. staatliche Politik eine Beeinflussung von Innovationen möglich ist Diese Frage wird im folgenden Abschnitt behandelt D. Ansatzpunkte zur Beeinflussung von Innovationen Es werden hier Möglichkeiten zur Beeinflussung des Ausmaßes von Innovationen, nicht jedoch der Struktur, d.h. der inhaltlichen Ausrichtung von Innovationen untersucht 30 Ausgangspunkt einer Beeinflussung des Ausma,8es der Innovation ist das wirtschaftspolitische Bedürfnis danach, dh. der Wille nach Steigerung oder Abschwächung des Innovationstempos des betrachteten Wirtschaftssystems. 31 In einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland steht die Steigerung des Innovationstempos durch eine Steigerung der Anzahl großer Innovationen im Vordergrund Im folgenden wird dieser Aspekt näher betrachtet, ohne daß auf Gründe, die hinter der Forderung nach höherem Innovationstempo stehen, näher eingegangen wird 32 Die Forderung nach einer Steigerung des Innovationstempos impliziert, daß das tatsächliche Innovationstempo als zu gering empfunden wird Für ein niedriges Innovationstempo können vor allem zwei Gründe ausschlaggebend sein. Zum einen kann das Innovationstempo niedrig sein, weil Unternehmen Innovationen zwar als vorteilhaft ansehen, kleinere Innovationen jedoch gegenüber größeren Innovationen bevorzugen. Eine Anzahl kleinerer Innovationen wird nun aber ein geringeres Innovationstempo hervorbringen als dieselbe Anzahl größerer Innovationen. Zum anderen kann ein niedriges Innovationstempo auch resultieren, weil manche Unternehmen Innovationen als unvorteilhafte Strategie ansehen. 30 Vgl. dazu etwa Beclauts, 1986. 31 Vgl. hierzu und zUm folgenden auch Rahmeyer, 1989, 5.290 ff. 32 Vgl. dazu etwa KrompluudJrreschner, 1986. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
130 Renate Schubert Unterstellen wir weiterhin. daß Entscheidungsträger bedingt risikominimierende Strategien auswählen. Dann liegen die Ursachen für die Bevorzugung kleinerer Innovationen oder für das Fehlen von Innovationen, und damit die Ursachen für ein niedriges Innovationstempo bei der Risikowahrnehmung bzw. bei der Risikoinzidenz. Eine Förderung des Innovationstempos muß daher an diesen beiden Phänomenen ansetzen. Im Hinblick auf die Risikowahmehmung ließe sich eine Steigerung des Innovationstempos beispielsweise dadurch erreichen. daß das Risiko größerer Innovationen auch von kleineren Unternehmen als vergleichsweise klein wahrgenommen wird. Dies könnte etwa dadurch gelingen. daß von staatlicher Seite zusätzliche Kapazitäten zur Unterstützung der Forschung über bzw. Umsetzung von Innovationen bereitgestellt werden. Weiter könnte eine Verstärkung der Information von Unternehmen sowie eine Verstärkung der Kommunikationsbeziehungen zwischen Unternehmen einerseits und zwischen Unternehmen und Forschungsinstituten andererseits in die erwünschte Richtung wirken. Im Hinblick auf die Risikoinzidenz könnte eine Förderung größerer Innovationen dadurch bewirkt werden. daß die Möglichkeiten zur Risikoabwälzung nach vorne oder nach hinten verbessert werden. An dieser Stelle scheint allerdings eine direkte staatliche Einflußnahme kaum möglich zu sein. Die direkte staatliche Bereitstellung von risikotragenden Institutionen wie etwa Fonds oder Subventionen würde jedoch die Möglichkeiten der Risikoabwälzung auf "Dritte" verbessern. Damit könnten größere Innovationen auch für kleinere Unternehmen weniger riskant und damit vorteilhafter werden. Schließlich ist eine weitere Möglichkeit zur Steigerung des Innovationstempos als Folge der verstärkten Durchführung größerer Innovationen zu beachten. Diese Möglichkeit besteht darin, dß{3 die Wahrnehmung höherer Risiken bei größeren Innovationen durch eine geeignete Verschiebung in der Risikoinzidenz kompensiert oder überkompensiert wird. Auch kleinere Unternehmen könnten dann größere Innovationen für vorteilhaft halten. Die Zahl größerer Innovationen und damit das Innovationstempo könnten folglich steigen. Die erwähnte Kompensation kann dabei dann besonders gut gelingen. wenn die zuvor beschriebenen Ansätze zur Veränderung der Risikowahrnehmung oder zur Veränderung der Risikoinzidenz verfolgt werden. Es scheint in diesem Zusammenhang außerdem angemessen zu sein. externes Unternehmenswachstum nicht ausdrücklich zu verbieten. Wie oben ausgeführt wurde. kann nämlich damit gerechnet werden. daß größere Innovationen besonders von größeren Unternehmen bevorzugt werden. Eine höhere OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung 131 Zahl größerer Unternehmen könnte also das Innovationstempo einer Volkswirtschaft beschleunigen. E. Zusammenfassung Entscheidungen über Innovationen im Sinne von Erst-Innovationen sind typischerweise unter Unsicherheit zu treffen. Im Fall von Unsicherheit, modelliert durch qualitative Wahrscheinlichkeitsinformation, werden Entscheidungsträger bedingt risikominimierende Alternativen bevorzugen. ErstInnovationen werden also dann besonders attraktiv sein, wenn sie bedingt risikominimierend sind. Die Risiken von Innovationen werden maßgeblich durch die Wahrnehmung und durch die Inzidenz von Risiken determiniert. Risikowahrnehmung und Risikoinzidenz fallen für größere und kleinere Innovationen sowie für den Verzicht auf Innovation unterschiedlich aus. Risikowahrnehmung und Risikoinzidenz hängen dabei unter anderem von der Unternehmensgröße ab. Will man das Innovationstempo in einer Volkswirtschaft steigern, so ist vor allem die Anzahl größerer Innovationen zu erhöhen. Dies kann gelingen, wenn für größere Innovationen das wahrgenommene Risiko verringert wird, wenn die Möglichkeit zur Risikoüberwälzung erhöht wird oder wenn die Wahrnehmung hoher Risiken durch verbesserte Möglichkeiten der Risikoüberwälzung überkompensiert wird. Konkrete Ansatzpunkte einer derartigen Beeinflussung von Innovationen sind vorhanden. Ein Verzicht auf das Verbot von Fusionen könnte in die angestrebte Richtung wirken. Literatur Allais, M. (1953): Le Comportement de I'Homme Rationnel Devant le Risque: Critiques des Postulats et Axiomes de l'Ecole Americaine. Econometrica, 21, S.503-546. Arlces, H.RJ Garske, J.P. (1982): Psychological Theories of Motivation, Belmont/California. Arrow, KJ. (1962): Economic Welfare and the Allocation of Resources for Invention. In: Nelson, R.R. (ed.): The Rate and Direction of Inventive Activity. NBER, Special Conference Series, No. 13, Princelon, S.609-625. Asch, S.E. (1952): Social Psychology, Englewood Cliffs. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
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Evolutionäre Ökonomik als Theorie ungleichgewichtiger Phasenübergänge Von Georg Erdmann* 1. Einführung Das Wesen evolutionärer Prozesse besteht in der Offenheit von Entwicklungen, d.h. in der Eigenschaft, dass aus der vollständigen Kenntnis von Anfangsbedingungen, Bewegungsgesetzen, externen Variablen und Parametern eines Systems heraus dessen Zukunft nicht einmal im Groben vorausberechnet werden kann. Diese mit dem Konzept der spontanen Orc!.nung verwandte Charakerisierung trifft zweifellos für viele Prozesse in der Okonomie zu, insbesondere für die im Rahmen der Innovationstheorie untersuchten Sachverhalte. Man spricht in diesem Zusammenhang häufig von offener Zukunft oder, gleichbedeutend, von struktureller Ungewissheit. Ausgehend von der Konzeption offener Entwicklungen findet sich in der Literatur gelegentlich die Behauptung, man könne den Innovationsprozess und andere, ihrem Wesen nach offene Entwicklungen nicht mittels formaler Modelle abbilden, oder, wie Witt (1987, S. 27) es formuliert: "Eine sinnvolle formale Darstellung des Gesamtprozesses kann sich unter diesen Bedingungen nur auf das endliche Zeitintervall bis zum Eintritt einer Neuerung beziehen." Dieser Aussage möchten wir mit der vorliegenden Studie widersprechen, und zwar durch die Darstellung eines entsprechenden (Gegen-) Beispiels. Demnach sollte es durchaus mögli<:psein, evolutionäre, d.h. ihrem Wesen nach indeterminierte Prozesse der Okonomie (und anderswo) durch ein mathematisches Modell darzustellen, allerdings nicht mit dem traditionellen Methoden zur Formalisierung dynamischer Prozesse: Es erweist sich als notwendig, nichtlineare stochastische Differentialgleichungen heranzuziehen. Die Studie formuliert eine paradigmatische Analogie zwischen der prinzipiellen Offenheit eines Prozesses -darstellbar über Trajektorien, die um mehr als den Einfluss von externen Störvariablen und Rauschtermen indeterminiert sind -, und der Möglichkeit des Auftretens von Phasenübergängen. Mit dem Konzept der Mastergleichung lässt sich dann die Offenheit ökono- • Für Hinweise und Anregungen bin ich den Herren Prof. Dr. Schmidtchen, Prot: Dr. Witf sowie einem anonymen Referee zu Dank verpflichtet OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
142 Georg Erdmann mit jeweils unterschiedlichen Parametern a und b: Ist der Quotient alb> 0, so ergibt sich die linke Figur, andernfalls die rechte. Die Differentialgleichung des dazugehörenden dynamischen Systems lautet: (2.4) dX dt = -2aX - 4b~ Im Bild links gibt es nur ein einziges Gleichgewicht. Wie auch immer die exogenen Impulse auf die volkswirtschaftliche Variable sich gestalten, sie kehrt der Thndenz nach immer wieder zum ursprünglichen Gleichgewicht zurück. Rechts hingegen weist die Potentialkurve mehrere Gleichgewichte auf, zwischen denen die Variable wechseln kann. Als Kugel in einem Potentialgebirge dargestellt, befindet sich die Variable im Attraktionsgebiet des Gleichgewichtsxl und würde gegen diesen Punkt konvergieren, falls sie nicht durch einen (exogenen) Impuls über die Potentialschwelle Xo bewegt wird und anschliessend nachx2 zustrebt. Ein solches Umspringen zwischen mehreren Attraktoren lässt sich entsprechend der vorstehenden Ausführungen interpretieren als eine Neuerung. Aus Abb. 1 ist auch ersichtlich, auf welche Weise die Variable in die Nähe der Potentialschwelle Xo gelangen kann. Entweder ist dies auf entsprechend kräftige (exogen zufallsbedingte ) Impulse zurückzuführen, oder aber darauf, dass sich das Verhältnis der beiden Parameter a und b von alb> 0 nach alb< 0 ändert. Dies kann etwa durch die Veränderung der ökonomischen Rahmenbedingungen oder durch strukturelle Verhaltensänderungen der Akteure hervorgerufen sein. Der damit verbundene Wechsel der Struktur der Potentialkurven ist mathematisch isomorph zu einem Phasenübergang. In dessen Verlauf wird das ursprüngliche Marktgleichgewicht Xo instabil. Stattdessen gibt es drei Fixpunkte, von denen zwe~ nämlich Xl und X2' Attraktoren sind. Der Markt durchläuft eine echte Verzweigungssituation: Es bestehen mehrere Alternativen für die weitere Entwicklungsrichtung und es ist nicht antizipierbar, welche der Alternativen eingeschlagen wird. Dies entspricht der umgangssprachlichen Bedeutung der Offenheit einer Entwicklung.' d) Selbstorganisation und spontane Ordnung Es gibt mehrere Interpretationsmöglichkeiten des Begriffs offene Entwicklungen, die das Spektrum evolutionstheoretischer Ansätze weiter verdeutlichen können. So ist es beispielsweise naheliegend, das Prinzip offener Ent- ,. Das wohlklingende und in den Sozialwissenschaften oft gebrauchte Wortspiel Evolution statt Revolution ist unangemessen. Evolutionäre Entwicklungen können sowohl kontinuierlich als auch diskontinuierlich verlaufen. In ähnlicher Weise missverständlich ist der bekannte Spruch natura non facit saItum, den MarshaIl, einer der MitbegTÜnder der neoklassischen Wirtschaftstheorie, seinem Lehrbuch (MarslzaIl 1890) voranstellt Er stimmt weder für die Natur noch für die Gesellschaft OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Phasenübergänge 143 wicklungen informations theoretisch zu formulieren: Die Beobachtung einer Neuerung bedeutet für den Marktbeobachter einen echten Zugewinn an Information. Folglich kann man auch davon sprechen, durch das (gelegentliche) Auftreten von Neuerungen werde von Markt Information erzeugt, und zwar spontan, selbstorganisiert, d.h. ohne die Einwirkung entsprechend strukturierender Impulse von aussen (vgl. Haken 1988, S. 23). Damit hat man das Wesen evolutionärer Neuerungen implizit als Selbstorganisation im Sinne der Definition des Physikers Haken charakterisiert: "a system is self-organizing if it acquires a spatial, temporal or functional structure without specific interference from the outside. By 'specific' we mean that the structure or functioning is not impressed on the system, but that the system is acted upon from the outside in a nonspecific fashion." (Haken 1988, S. 11). Bezieht man st~tegisches Verhalten mit ein, so liegt ein Gesichtspunkt der evolutionären Okonomik in den "unbeabsichtigten sozialen Rückwirkungen absichtlicher menschlicher Handlungen" (Popper 1973, S. 121), deren Analyse nach Popper die Hauptaufgabe aller Sozialwissenschaften sein sollte. Schon 1942 formulierte Hayek diese Aufgabe folgendermassen: "If social phenomena showed no order except in so far as they were consciously designed, there would be no room for theoretical sciences of society [ ... ]. It is only in so far as some order arises as a result of individual action but without being designed by any individual that a problem is raised which demands a theoretical explanation" (von Hayek 1942, S.60). pieses Zitat beschreibt den Kern dessen, was im Rahmen der evolutionären Okonomik untermakroökonomischen Neuerungen oder, besser, offener Entwicklung resp. Selbstorganisation, zu verstehen ist: Es ist inhaltlich deckungsgleich mit Hayek's Konzeption der spontanen Ordnung. e) Offene Entwicklungen und offene Systeme Eine weitere Klärung ergibt sich bei Gegenüberstellung der Begriffe offene Entwicklung und offenes System. Bekanntlich ist ein System im Bereich der Naturwissenschaften geschlossen, wenn es keinerlei Austauschbeziehungen (Materie und Energie) mit der Umgebung unterliegt, andernfalls ist es offen. Geschlossene Systeme tendieren als Folge des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik dazu, ihre interne Struktur (Ordnung) so weit zu nivellieren, bis ein Gleichgewichtszustand erreicht ist, das thermodynamische Gleichgewicht. Der Prozess der Konvergenz gegen einen Attraktorwird auch als Dissipation bezeichnet. Eine dynamische Theorie geschlossener Systeme beschränkt sich auf eine Theorie der Dissipation. Damit ein System aus dem Bereich der Naturwissenschaften zwischen mehreren Attraktoren (Gleichgewichten) wechseln kann, muss Energie zugeführt werden, d.h. dieses System muss im physischen Sinne offen sein, es muss nicht-verschwindenen Flüssen mit seiner Umgebung ausgesetzt sein. In dieser geläufigen Interpretation hängt die Offenheit von der Art der Grenzziehung zwischen dem System selbst und seiner Umwelt ab. Für physikalische und chemische Systeme ist sie durch die Versuchsanordnung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
144 Georg Erdrnann bedingt. Auch für biologische Systeme bereitet diese Grenzziehung keine Schwierigkeiten, denn sie ist in F<~rm von Membranen gewissermassen objektiv vorgegeben.8 Im Bereich der Okonomik gibt es keine ähnlich zwingende Grenzziehung zwischen Binnenwelt und Aussenwelt. Die Art der Grenzziehung hängt ab von der jeweiligen Fragestellung und reflektiert historisch entstandene Denkmuster, z.B. die wissenschaftsgeschichtlich bedingte Ausdifferenzierung in die Thildisziplinen. Sie beruht damit auf letztlich willkürlichen Annahmen. Bei der formalen Modellbildung erfolgt die Grenzziehung zur Aussenwelt durch die Auswahl der endogenen Modellvariablen. Welche Beziehung besteht nun zwischen den Vorstellungen der offenen Zukunft im Sinne einer nicht-antizipierbaren Deterministik sowie der Vorstellung eines offenen Systems? Betrachten wir dazu das Differentialgleichungssystem: (2.5) dX dt = l1X, Y = a(t), t] Hier steht o:=o:(t) für die Parameter des Differentialgleichungsmodells. Mit der Festlegung des Vektors X - X(t) der endogenen Variablen ist die Grenzziehung zur Aussenwelt impliziert. Wenn o:(t) konstant gehalten wird, beschreibt (2.5) ein geschlossenes System, andernfalls handelt es sich um das Modell für ein offenes System. Ob ein solcherart offenes System auch offen ist im. Sinne der Indeterminiertheit der Zukunft, hängt ab von der inneren Struktur des zu untersuchenden Systems oder, gleichbedeutend, von der mathematischen Struktur des Differentialgleichungssystems (2.5): Es muss sich um ein nichtlineares Modell handeln. Bekanntlich besitzt das Phasenportrait eines homogenen linearen Differentialgleichungssystems mit konstanten Koeffizienten einen einzigen Fixpunkt(vgl. Hirsch und Smale 1974, S. 74 ff). Handelt es sich um einen Attraktor (stabiles Gleichgewicht), d.h. sind die Realteile aller Eigenwerte der zugehörenden Jacobi-Matrix negativ, so konvergiert der entsprechende Markt im Laufe der Zeit gegen diesen einen Fixpunkt. Wird Rauschen (stochastische Fluktuationen) zugelassen, kann man diese Konvergenz nur wahrscheinlichkeitstheoretisch beschreiben. Das stochastische Gleichgewicht ist eine eingipflige Wahrscheinlichkeitsverteilung, die ihr Maximum im Gleichgewicht X() annimmt und deren Varianz von der Stärke der exogen auf den Markt einwirkenden Fluktuationen und Schocks abhängt.9 Verändert man (exogen) die Parameter des Marktmodells (2.5), d.h. simuliert man den Markt als ein offenes System, könnte der Fixpunkt (Gleichgea. Membranen haben die (chemische) Eigenschaft, selektiv Austauschvorgänge zwischen der Zelle selbst und ihrer Umgebung zu ermöglichen. 9. Für inhomogene lineare Differentialgleichungen lauten die Aussagen völlig analog, sofern man an die Stelle des Gleichgewichtspunktes die Gleichgewichtstrajekt0rie setzt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Phasenübergänge 145 wichtstrajektorie ) die Eigenschaft eines Attraktors verlieren und ein Sattelpunkt oder ein Repeller werden, womit sich das Lösungsverhalten des Modells strukturell ändert. Doch ist dieses bei linearen Modellen nach wie vor eindeutig von der Höhe der Parameter bestimmt. Neuerungen, also Effekte, die auf die Offenheit der Marktentwicklung hinauslaufen, lassen sich mit einem linearen Differentialgleichungssystem nicht reproduzieren. 3. Ein Modellkonzept evolutionärer_ Prozesse Nachfolgend wird dargestellt, dass sich die makroökonomischen Effekte von Neuerungen paradigmatisch durch nichtlineare stochastische Differentialgleichungssysteme abbilden lassen. Die Ausführungen stützen sich auf einen im Rahmen der Theorie der Synergetik entwickelten Formalismus. Synergetik ist ein relativ junger Zweig der dynamischen Systemtheorie (vgl. Haken 1978, 1983, Weidlich und Haag 1983) und basiert auf der Beobachtung, dass das dynamische Verhalten evolutionärer resp. selbstorganisierender Systeme von der Dynamik weniger Ordnungsparameter beherrscht wird. Der systematische Grund dafür ist das von Haken als Versklavung (slaving principle, vgl. Haken 1983, S. 187 ff) bezeichnete Prinzip. Demnach wird die Dynamik der vielen mikroökonomischen Freiheitsgrade von Vielkomponentenmodellen schon durch einige wenige Parameter festgelegt. Die Mikrovariablen können deshalb eliminiert werden, sodass eine abgeschlossene Dynamik der Parameter entsteht. Diese kann als ein nichtlineares Differentialgleichungssystem formuliert werden, wobei die Parameter durch externe Randbedingungen festgelegt sind. Die wesentliche Eigenschaft solcher Gleichungssysteme besteht darin, dass sich die von ihnen beschriebene Dynamik global ändern kann, wenn ~.inzelne Parameter gewisse kritische Werte überschreiten. Solche globalen Anderungen des Charakters der Dynamik werden als Phasenübergang bezeichnet. Da die Natur der Lösungen jedoch nicht durch äussere Vorgaben erzwungen wird, sondern sich aufgrund der inneren (nichtlinearen) Struktur des Systems ergibt, hat man damit ein paradigmatisches Modell offener Entwicklungen oder, wenn man will, für "das zeitliche Verhalten von Systemen, in denen Neuerungen auftreten und sich ausbreiten" (Witt 1987, S. 9). a) Stochastische Differentialgleichungen (Mastergleichung) Wir beziehen uns im folgenden auf eine Darstellung, die von Weidlich und Haag (1988) gegeben wurde. Dazu sei X = (X 1, X2, ... , XIJ ein Vektor endogener ökonomischer Variable Xi i = 1, ... ,L, also etwa das Transaktionsvolumen auf verschiedenen Thilmärkten einer Volkswirtschaft. Nachfolgend ist jedoch nicht dieser Vektor X, sondern die Wahrscheinlichkeit: (3.1) P(X, t) = P(X b ••• , Xb t) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
146 Georg Erdmann zum Zeitpunkt t die Konfiguration X anzutreffen, die massgebende Variable für den makroökonomischen Zustand in einem stochastischen System.10 Einen Zugang zur Dynamik derartiger stochastischer Variablen erhält man mittels der bedingten Wahrscheinlichkeit: (3.2) P(X',t + MIX,t) Diese Grösse bringt die Wahrscheinlichkeit zum Ausdruck, zum Zeitpunkt t + I::.t den Zustand X' anzutreffen unter der Bedingung, dass zum Zeitpunkt t die Konfiguration X gegeben ist. Der Anfangswert der bedingten Wahrscheinlichkeit (3.2) für I::.t=O ist eine {O,l}- Verteilung: .1:.;'. __ { 1 falls x' = X (3.3) p(x', t I X, t) = 6ji mit u,. o falls x' ;IO! X und es gilt die Normalisierungseigenschaft für alle I::.t>O: (3.4) I P(X',t + MIX,t) = 1 x Aussage (3.3) impliziert, dass es sich um ein echtes dynamisches Modell handelt, in dem der Zeitfaktor ei!le explizite Rolle spielt: In einem Zeitintervall von Null kann es zu keinen Anderungen der Märkte kommen. Die Normalisierungseigenschaft (3.4) besagt, dass sich das System im Laufe der Zeit nicht in Luft auflöst, sondern sich irgendwohin weiterentwickeln muss, wobei dies auch die Beibehaltung des bestehenden Zustandes sein kann. Gemäss (3.5) P(X',t + M, X,t) = P(X',t + MIX,t) P(X,t) lässt sich die Wahrscheinlichkeitsverteilung P(X,t+ I::.t) wie folgt aufteilen: (3.6) P(X,t + M) = I P(X,t + M, X',t) x' 10. Der folglich als Zufallsvariable definierte Vektor X(t) ist hier als diskrete Variable aufzufassen, da ansonsten die mathematische Ableitung der Mastergleichung nicht gelten würde. Handelt es sich beim Vektor X(t) um eine kontinuierliche Zufallsvariable, läuft die Ableitung nicht auf die Mastergleichung (4.12~ sondern die inhaltlich äquivalente Fokker-Planck-Gleichung hinaus. Vgl. Weidlich und Haag 1983, S. 62ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
PhasenübergAnge 147 I P(X,t + ~IX',t) P(X',t) X· = P(X,t + ~1X,t)P(X,t) + I p(X,t + ~IX',t)P(X',t) wobei über alle Konfigurationen X' zu summieren ist. Wegen der Normalisierungsbedingung (3.4) ist die bedingte Wahrscheinlichkeit, zum Zeitpunkt t + At die Konfiguration X vorzufinden unter der Bedingung, dass zum Zeitpunkt t die gleiche Konfiguration X vorliegt, definiert als: (3.7) P(x,t + ~IX,t) = 1 - I p(X',t + ~IX,t) X· .. X Wird diese Beziehung in Gleichung (3.6) eingesetzt, so ergibt sich eine dynamische Beziehung, die man auch als Mastergleichung bezeichnet: (3.8) P(X, t +~) = P(X, t) -I P(X', t + ~ I x, t)p(X, t) x· .. x + I P(X,t + ~IX',t)P(X',t) x· .. x Gleichung (3.8) ist wie folgt zu interpretieren: Ausgehend von der Konfiguration X, die zum Zeitpunkt t mit der Wahrscheinlichkeit P(X,t) vorliegt, enthält der erste Summen term auf der rechten Seite all diejenigen Faktoren, welche das Erreichen der makroökonomischen Struktur X im Zeitintervall At unwahrscheinlich erscheinen lassen, während der zweite Summenterm diejenigen Effekte umfasst, welche das Erreichen dieses Zustandes X im gleichen Zeitintervall wahrscheinlich machen. Um von der Mastergleichung (3.8) für diskrete Zeitschritte At zu einer analogen Formulierung im Zeitkontinuum zu gelangen, muss der Grenzübergang At-+O vollzogen werden. Formal geschieht dies durch die ThylorEntwicklung der bedingten Wahrscheinlichkeiten (3.2) in Bezug auf die Variable At: (3.9) dP(X t' I X' t) p( x t + ~IX' t) = F(X tlX' t) + At ' , + O(~2) , , " dt' (zl ÖXX' + ~ dP(X, t' I X', t) + O(Af2) dt' (-I OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
148 Gcorg Erdmann d"". ist das verallgemeinerte Kronecker-Symbol, eine Grösse mit dem Wert Eins, wenn X = X' ist, ansonsten mit dem Wert Null. Geht man analog in Gleichung (3.8) zum Grenzwert t.l.t __ O über, so ergibt sich unter Berücksichtigung von Gleichung (3.9) bei Vernachlässigung der Thrme höherer Ordnung O(t.l.t2) folgendes Resultat: (3.10) dP~, t) lim p(x, t + !lt I X, t) -P(X, t) bl-O !lt = _ "" dP(X', t' I x, t) p(X t) + "" dP(X, t' I X', t) F(X t) L dt' (-I' L dt' I-I ' r.x r.x = - I w,(X' - X) P(X, t) + I w,(X -X') P(X', t) Bei der letzten Identität wurde zur Abkürzung (3.11) ,(X' _ X) .= dP(X',t' IX,t) w" . dt' (-I verwendet. Bei diesen Grössen handelt es sich um die momentanen Veränderungen der bedingten Wahrscheinlichkeit (3.2), die man auch als Raten makroökonomischer Wahrscheinlichkeitsübergänge (configurational probability transition rates, vgl. Weidlich und Haag 1988, S. 14) bezeichnet. Unabhängige Variable makroökonomischer Modelle sind in der Regel gesamtwirtschaftliche Grössen wie etwa das tatsächliche oder erwartete 'fransaktionsvolumen auf verschiedenen Thilmärkten einer Volkswirtschaft. Beim Übergang zum dualen Problem sind es Preise, Löhne, Zinssätze und Wechselkurse. Die Grössen w,(x' -X) sagen dann etwas aus über die Veränderung der Wahrscheinlichkeit, zum Zeitpunkt t eine bestimmte Konfiguration dieser Grössen zu beobachten. Die Ableitung der Mastergleichung lässt erkennen, dass -abgesehen von der Definition des Variablenvektors ~(t) -vorläufig noch keine inhaltliche Präzisierung der zu modellierenden Okonomie vorgenommen wurde. Die Mastergleichung stellt insofern ein universelles mathematisches Konzept dar, dessen Anwendung sich immer dann aufdrängt, wenn es um die Beschreibung dynamischer Strukturen bei einer nur beschränkten Kenntnis individueller Verhaltensmuster geht. Es wird in den Naturwissenschaften entsprechend überall dort eingesetzt, wo das Verhalten der individuellen Einheiten eines Systems (z.B. die Moleküle in einem gasförmigen Medium) nur statistisch beschrieben werden kann (wegen der hohen Zahl der mathematischen Freiheitsgrade eines solchen Systems). Dies ist ein Gesichtspunkt, der für die Anwendung dieses Konzepts auch in den Wirtschaftswissenschaften spricht, und zwar vor allem dort, wo man sich für das Wechselspiel zwischen der Mikroebene und der Makroebene interessiert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Phasenübergänge 149 b) Lösung stochastischer Differentialgleichungen bei Phasenübergängen Soll ein lineares Differentialgleichungssystem unter dem Einfluss von Rauschen (stochastische Fluktuationen) simuliert werden, so ist die Mastergleichung (4.12)11 der adäquate Ansatz. Deren Lösung -es handelt sich um die zeitliche Entwicklung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen -konvergiert unter relativ allgemeinen Bedingungen (vgl. Haken 1983, S. 97 ff, Weidlich und Haag 1983, S. 64) gegen eine stationäre, eingipflige Verteilungsfunktion. P(X,t) / Zeit t 10;.......:;:;;.. _________ --.,;:_--';..-... ___ • X(t) Abb. 2: Evolution der Wahrscheinlichkeitsdichte P(X,t) ohne Phasenübergang Abb. 2 zeigt einen zeitlichen Ausschnitt dieses Konvergenzprozesses. Die Zeitachse verläuft dabei von hinten nach vorne. Auf der horizontalen Achse ist die Zustandsvariable X(t) abgetragen, während in Richtung der Vertikalen 11. im Falle diskreter Zufallsvariable X(I), ansonsten muss zur Fokker-PlanckGleichung übergegangen werden, wie dies in den nachfolgenden Abbildungen geschehen ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
150 Gcorg Erdmann die Wahrscheinlichkeit P(X,I) aufgeführt ist, den jeweiligen Zustand X(t) zum Zeitpunkt t anzutreffen. Ein analoges Bild ergibt die Simulation eines nichtlinearen stochastischen Modells, dessen zeitliche Entwicklung keine Verzweigungssituation durchläuft. Steht jedoch ein nichtlineares Modell nach einem Phasenübergang vor einer Verzweigungssituation, zeigt die korrespondierende Lösung der Mastergleichung (4.12) ein strukturell anderes zeitliches Muster. Da in dieser Situation nicht antizipierbar ist, welche der Entwicklungsalternativen (Mehrfachlösungen) eingeschlagen wird (vgl. Abb. 1) wird die zugehörige Wahrscheinlichkeitsverteilung mehrgipflig. Man erkennt an der Darstellung in Abb. 3, wie die ursprünglich eingipflige Verteilungsfunktion P(X,t) sich auf kurze Frist mehr und mehr abflacht, was eine Zunahme der Varianz und damit der Unsicherheit bedeutet, den konkreten Verlauf der betreffenden Variablen zu prognostizieren. Langfristig konvergiert die WahrscheinlichkeitsverteilungP(X,t) gegen eine zweigipflige Verteilung, deren Maxima den Punkten Xl undX2 in Abb. 1 entsprechen. Dies ist die formale Isomorphie der Mehrwertigkeit der zukünftigen Entwicklung von diesem Zeitpunkt an. P(X,t) Zeit t / I I L.... ____________ -'- ___ .... X(t) Abb. 3: Evolution der Wahrscheinlichkeitsverteilung P(X,t) im Verlauf eines Phasenübergangs OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Phasenübergänge 151 Abb. 3 veranschaulicht noch einen weiteren Aspekt. Bei der Betrachtung des Mittelwertes der Wahrscheinlichkeitsverteilung P(X,t) stellt man fest, dass diese Grösse von der Verzweigungssituation an nicht einmal mehr approximativ den weiteren Verlauf der Variable X(t) beschreibt. Solange die Wahrscheinlichkeitsverteilung eingipflig bleibt, so ist der Mittelwert eine recht brauchbare Approximation für die Evolution X(t). Wird aber ein Phasenübergang durchlaufen, so wird die Varianz zunächst so gross, dass der Mittelwert keine Relevanz mehr besitzt. Im weiteren Verlauf entspricht der Mittelwert einer völlig unwahrscheinlichen Entwicklung, die vermutlich nicht mehr eintritt. Der Mittelwert ist somit keine geeignete Grösse zur Beschreibung von Systemen, die Verzweigungen und Phasenübergänge durchlaufen. Dies Beispiel zeigt, dass deterministische und stochastische Modelle zu völlig verschiedenen Lösungsmustern führen können, wenn die zugrundeliegende Modellstruktur nichtlinear ist. Es ist die mathematisch-formale Konsequenz der Offenheit einer Entwicklung: In bestimmten Situationen ist es vorab nicht möglich anzugeben, wohin eine Entwicklung nach dem Auftreten einer grundlegenden Neuerung konkret übergehen wird. Die Zukunft ist allenfalls durch Aussagen negativer Art (was wird vermutlich nicht oder sehr unwahrscheinlich passieren) eingrenzbar. Sofern man also bei einem ökonomischen Prozess berechtigten Anlass hat, die Annahme der Linearität fallen zu lassen, ist es notwendig, die stochastische Modellversion als Grundlage für dessen Analyse zu wählen, da man andernfalls der Gefahr gravierender Fehlurteile und Fehlschlüsse erliegt. 4. Mikro-Makro-Modellierung Mit dem Konzept der spontanen Ordnung resp. Selbstorganisation ist die Unterscheidung mehrerer Aggregationsebenen verbunden, ein Vorgehen, welches der gewohnten Abgrenzung zwischen Mikround Makroökonomik entspricht. Neben dem Markt als Ganzes umfasst der evolutionstheoretische Ansatz-so wie wir ihn hier verstehen -die Betrachtung der sich selbstorganisierenden individuellen Akteure. Es besteht die Vorstellung, dass jedes Handeln im sozialen Verbund einen Einfluss sowohl auf die Präferenzen wie die Restriktionen der Marktakteure ausübt. Das Zustandekommen einer spontanen Ordnung ist somit das Ergebnis des Zusammenwirkens der wie in einem Netzwerk verknüpften Akteure, die -etwa als Reaktion auf eine exogene Veränderung -nach geeigneten Verhaltensmustern suchen, deren gesamtwirtschaftliches Ergebnis sich nach der Etablierung einer gleichgewichtigen Struktur auf makroökonomischer Ebene zeigt. Bisweilen sind mehrere voneinander abweichende makroökonomische Strukturen (Gleichgewichtslösungen resp. Attraktoren) möglich, die makroökonomische Zukunft ist offen. Sobald einmal eine Alternative durch einen Symmetriebruch vorgezeichnet ist, beginnt ein irreversibler Prozess: Andere Gleichgewichtstrajektorien können unter vertretbarem Aufwand kaum mehr erreicht werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
254 Anhang Hesse, G. (Würzburg), "Zum Problem der Neuheit in der ökonomischen Theorie" (Juli 1989) Heuß, E. (Nürnberg), "Marktwirtschaftliche Entwicklung versus ParetoOptimum" (Juni 1988) Hutter, M. (Witten-Herdecke), "The Unit Which Evolves: Linking SelfReproduction and Self-Interest" (Juni 1988) Kieser, M. (Mannheim), "Population Ecology and Cultural Evolution Perspectives on the History of Organizations" (Juni 1988) Kunz, H. (Saarbrücken), "Zum Verhältnis der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts und der Evolutionstheorie" (Juli 1989) Mensch, G. (München), "Beschäftigungs Ungleichgewicht oder Unter beschäftigungs-Gleichgewicht: zur Verbindung von finanzieller und realer Sphäre" (Juni 1988) Meyer, B. (Osnabrück), "Eine evolutionstheoretische Interpretation der Barone-Kurve" (Oktober 1988) Mohr, H. (Freiburg), "Biologische und sozioökonomische Evolution" (aus der Sicht eines Biologen) (Juli 1989)+ Röpke, J. (Marburg), "Externes Unternehmenswachstum im ökonomischen Evolutionsprozeß" (Juni 1988) Röpke, J. (Marburg), "Evolution, Innovation, and Entrepreneurship" (Juli 1989) Schenck, K.-E. (Hamburg), "Essentials einer evolutorischen Ökonomik - Was kann die moderne . Institutionenökonomik beitragen?" (Juli 1989) Schmidtchen, D. (Saarbrücken), "Preise als Entdeckungsinstrument" (Juli 1989)+ Schnabl, H. (Stuttgart), "Agenda-Diffusion und evolutorische Ökonomik" (Oktober 1988) Schnabl, H. (Stuttgart), "Biologische vs. ökonomische Evolution -ein kritischer Vergleich" (Juli 1989)+ Schubert, R., "Innovation als Strategie der bedingten Risikominimierung" (Juni 1988)+ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38
Anhang 255 Streit, M. (jetzt Freiburg) und Wegner, G. (Mannheim), "Information, Transaction and Catallaxy -Reßections on Some Key Concepts of Evolutionary Market Theory" (Juni 1988)* van Damme, E. (Bonn), "Evolutionary vs. Strategie Stability in Games" (Juni 1988) Vanberg, V. (Fairfax, VA), "Carl Menger's Evolutionary vs. J.R. Commons' Collective Action Approach to Institutions: A Comparison" (Juni 1988) Wagner, A. (Tübingen), "Aufgaben und Methoden einer Evolutionsök0nomik" (Juli 1989) Weise, P. (Kassel), "Evolution of a Field of Socioeconomic Forces" (Juni 1988)· Weissmahr, J.A. (Zürich), "The Factors of Production of Evolutionary Eeonomics" (Oktober 1988)* Weissmahr, J.A. (Zürich), "Universelle Grundlagen der evolutorischen Ökonomik" (Juli 1989) Witt, U. (Freiburg), "The Endogenous Public Choice Theorist" (Juni 1988) Witt, U. (Freiburg), "Entstehung und Ausbreitung von Neuigkeit - über einige Probleme und Prinzipien evolutorischer Ökonomik" (Juli 1989) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46928-4 | Generated on 2023-01-16 12:45:38