Erscheinungsftormen und Wesen des Imperialismus
Abstract
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Full text
Gumpert, Julius Article Erscheinungsftormen und Wesen des Imperialismus Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Gumpert, Julius (1954) : Erscheinungsftormen und Wesen des Imperialismus, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 74, Iss. 3, pp. 49-93, https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290801 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
305] 49 Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus von Julius Gumpert - Berlin 1. Erscheinungsformen des Imperialismus Der Imperialismus — diesen Begriff zunächst in seiner allgemeinsten Bedeutung als staatliches und volkliches Ausdehnungsbestreben verstanden — war im Altertum offenbar etwas anderes als in der Neuzeit. Und selbst hier äußert er sich bei den „Weltmächten" in so unterschiedlicher Weise, daß der Versuch gerechtfertigt erscheint — daß ein solcher notwendig ist, steht noch immer außer Frage —, sein Wesen aus der Gegenwart heraus zu erklären, die das Wort, seinem ursprünglichen Sinn (imperium = politische Oberherrschaft) den einen oder anderen hinzufügend, eigentlich erst hervorgebracht hat1. Wirft man einen Blick auf das Ganze, dann lassen sich unschwer einzelne Typen erkennen. Großbritannien ist ohne Zweifel der geschichtliche Grundtyp des Imperialismus. Wie selbstverständlich und völlig undoktrinär verband es den von ihm ins Leben gerufenen Liberalismus der Wirtschaft mit dem Machtstreben des Staates. Als die „friedliche Artillerie der wohlfeilen Preise", um ein Wort von K. Marx zu gebrauchen, an der Küste des Fernen Ostens versagte, erzwang die Artillerie seiner Schlachtschiffe im Opiumkrieg (1840/42) die Öffnung der chinesischen Häfen. Im Bunde mit Frankreich ebnete England in einem zweiten Kampfabschnitt (1857/60) dem europäischen Handel den Weg ins Innere des bisher verschlossenen Großreiches. Indien, ein Gebiet von ungleich größerer Bedeutung, wurde auf ähnliche Art zum wertvollsten Besitz der englischen Krone, was äußerlich dadurch zum Ausdruck kam, daß Königin Viktoria (1877) den Titel einer Kaiserin von Indien annahm. Um die Verbindungsstraße, das Mittelmeer, zu sichern, ließ die englische Regierung, im Besitze der Pforte von Gibraltar (1704) und der Stützpunkte Malta (1802) und Zypern (1878), 1882 Ägypten besetzen, nachdem sie einen großen Teil der franzö1 Vgl. S. 90 ff. Schmollers Jahrbuch LXXIV, 3 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
50 Julius Gumpert [306 sischen Suezkanal-Aktien erworben hatte. Auf die Kanadische Union von 1867 folgte 1901 die Zusammenfassung der australischen Kolonien zu einem einheitlichen Staatsgebilde mit dem Dominionstatus. In dem Bestreben, den Kolonialbesitz in Afrika „Vom Kap zum Nil" abzurunden, wurde das Land in schweren Kämpfen gegen die einheimische Bevölkerung und die europäischen Siedler (Burenkriege) erobert. In der Folge wurden die drei südafrikanischen Kolonien Kapland, Natal, Transval und der Oranjefreistaat 1910 zur Südafrikanischen Union vereinigt. Die Lücke in diesem „Großraum", die hauptsächlich durch Deutsch-Ostafrika gebildet wurde, konnte durch den Versailler Frieden (1919) geschlossen werden. Das Britische Imperium, das einer ganzen Epoche Namen und Ausdruck verlieh, war äußerlich vollendet. In welchem Tempo und in welchem Ausmaß sich dieses Wachstum vollzog, ist vergleichsweise ersichtlich aus der folgenden Übersicht über die Kolonialerwerbungen2 Großbritannien Frankreich Deutschland Jahr Häche Millionen Quadratmeilen Bevölkerg. Millionen Fläche Millionen Quadratmeilen Bevölkerg. Millionen Fläche Millionrn Quadratmeilen Bevölkerg. Millionen 1815—1830 1860 1880 1899 ? 2,5 7,7 9,3 126,4 145,1 267,9 309,0 0,02 0,2 0,7 3,7 0,5 3.4 7.5 56,4 1,0 14,7 Wie die Zahlen ausweisen, liegt der Schwerpunkt der imperialistischen Kolonialpolitik allgemein nach den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Genauer — da von allen Kolonialgebieten der Erde nur noch Afrika übrig bleibt, das 1876 erst zu etwa 10 vH besetzt ist — zwischen den 70er und 80er Jahren. Ein, zwei Jahrzehnte später, um 1900, ist die „Aufteilung der Welt" vollzogen. Will man die inneren Zusammenhänge einer Erscheinung ergründen, die wir, selbst heute noch unklar und höchst umstritten, als „Imperalismus" bezeichnen, so halten wir uns am besten an die englische Geschichte, die Anschauungsmaterial die Fülle und wie kein anderes Land liefert. Um den Faden in der Gegenwart aufzunehmen, könnten wir an das vor nicht allzu langer Zeit zu Ende gegangene „Festival of Britain", die Jahrhundertfeier der Londoner Weltausstellung von 1851 denken, die nicht nur eine gemeinsam veranstaltete Leistungs2 Nach: „The History of Colonisation", New York 1900. Zit. bei Lenin: Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus, 1915. Vgl. Fußnote 100. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
307] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 51 schau der Industriestaaten der Welt, sondern auch eine geraeinsame Manifestation gegen den Krieg war, der nur noch an den Randgebieten der Kultur möglich schien. Der damals vorherrschenden Neigung zu einer Verständigung und „Verbrüderung" der Nationen entsprach die allgemeine Abneigung gegen jede Art von Militarismus, die insbesondere der liberale Führer Cobden in nicht mißzuverstehender und zuweilen aufreizender Weise zum Ausdruck zu bringen pflegte. Nicht zuletzt deshalb fand der von ihm 1860 abgeschlossene richtungweisende englisch-französische Handelsvertrag, der unter seinem Namen in die Geschichte eingegangen ist, so allgemeine Zustimmung, hoffte man doch, durch Übereinkommen dieser Art den nationalen Egoismus endgültig bannen zu können, was bei bewußter Abkehr von der merkantilistischen Staatspraxis in der gegenseitigen Zusicherung zum Ausdruck kam, jedes Land an den natürlichen Vorteilen des anderen teilhaben zu lassen. Dieser Grundhaltung entsprechend, sahen die liberalen Regierungen der 50er, 60er Jahre ihre Aufgabe in einer möglichst großen Verselbständigung der Kolonien. Allerdings hatte sie ihre bestimmten Grenzen, wie sie in typischer Weise schon in dem Werke Ad. Smith' zum Ausdruck kamen. Kolonien, das war ein Ergebnis seiner Untersuchungen über den Volkswohlstand3, sind nichts als verlorenes Kapital, außer für jene „Monopolisten", „denen es zu Hause nicht wohl ging" und die deshalb ihr Geld lieber in diesem Geschäft anlegten. Wozu noch Kolonien unterhalten, wenn man die notwendigen Rohstoffe durch die handelsvertraglich gewährleistete „Offene Tür" eines (scheinbar) für alle Zeit befriedeten Weltraumes zu den denkbar günstigsten Preisen gegen Industriewaren, also bei doppelten Gewinnchancen, erhalten konnte? War zudem durch den Abfall Amerikas von England im Jahre 1776 (und späterhin Argentiniens von Spanien, 1816, Brasiliens von Portugal, 1822) nicht auch der Beweis ihrer politischen Unbeständigkeit erbracht? Nur eine Nation, „deren Regierung in den Händen von Krämern ist", werde unter solchen Umständen noch Kolonialpolitik treiben. „Nur solche Staatsmänner könnten sich einbilden, daß es vorteilhaft sei, Blut und Geld ihrer Mitbürger zu verschwenden, um solch ein Reich zu gründen und zu behaupten." An Stelle der politischen sollten seiner Ansicht nach nur noch vertragliche Bindungen bestehen. Und wenn man sich dieser Art trennte, „so könnte dieselbe mütterliche Liebe einerseits und die kindliche Achtung andererseits, die einst zwischen den griechischen Kolonien und ihren Mutterstädten bestand, zwischen Großbritannien und seinen Kolonien erwachen". Das war das Urteil des National8 Ad. Smith: „Weallth of Nations", 4. Buch, Kapitel 7. 4f OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
52 Julius Gumpert [308 Ökonomen; das Urteil des Psychologen und Politikers Smith, mit dem er seine Betrachtungen abschloß, lautete allerdings anders: „Noch nie gab ein Volk freiwillig die Herrschaft über eine Provinz auf. . . Kaum der schwärmerischste Enthusiast könnte daher eine solche Maßregel in der ernsten Hoffnung, sie angenommen zu sehen, vorschlagen." Die Richtigkeit dieser Bedenken erwies sich praktisch in den 40er Jahren. Zwar gelang es dem Manchester-Liberalismus, der bedingungslosen Freihandelsrichtung, nach langjährigen organisierten Kämpfen der 1839 gegründeten „Anti-corn-law-league" 1846 die Getreidezölle, wenn auch nicht kraft besserer Beweise, so durch Einwirkung höherer Gewalt, einer drohenden Hungersnot, zu Fall zu bringen. Als jedoch Cobden noch einen Schritt weiter ging und im Parlament die Aufgabe der Kolonien verlangte, wurde er von der gesamten Nation mit Einschluß der Arbeiterschaft im Stich gelassen. Vermochte man also die Idee nicht bis zur letzten Konsequenz durchzuführen, so ging man doch in der Gewährung des Selfgovernment und Responsible Government, in der Einräumung des Rechtes auf eigene Gesetzgebung und Verwaltung soweit wie nur möglich. Das hatte die Folge, daß auch die Kolonien das „Mutterland" wirtschaftlich wie jedes beliebige fremde Land behandelten und sich durch einseitige Zolltarife gegen „unerwünschte" Waren, aus welchem Lande sie auch kamen, sicherten. Eine neue Möglichkeit, von der Kanada erstmalig 1859 Gebrauch machte. Die Kehrseite bildete ein Beschluß des englischen Parlaments vom Jahre 1862, nach dem die Kolonien in Zukunft selbst für ihre Verteidigung zu sorgen hatten. In Verbindung damit wurden die Truppen zurückgezogen, die Kolonien 1865 zum Bau eigener Flotten ermächtigt. Grundsätzlich sollte überdies jede Neuerwerbung von Kolonien unterbleiben, wie eine mit Plänen zur Erschließung Zentralafrikas befaßte Unterhauskommission empfahl. Die Auflösung des Kolonialreiches schien sich nun doch von selbst zu vollziehen, wobei manche Politiker den Zeitpunkt kaum erwarten konnten, an dem sich der Staat der „Mühlsteine am Halse Englands" zu entledigen vermochte. Zu jenen, die so sprachen, gehörte auch der konservative Politiker Disraeli, der wenige Jahre später unter dem Namen eines Lord Beaconsfield zum Begründer eines „Greater Britain", eines größeren Englands, des Britischen Imperiums wurde. Wie erklärt sich dieser überraschende und bezeichnende Wandel der politischen Ansichten, der zugleich einen Umschwung der öffentlichen Meinung darstellte? Die Antwort hierauf führt uns unmittelbar an das Problem heran, das in den Zeitumständen und offenbar in einer Kreuzung der politischen und wirtschaftlichen Interessen begründet liegt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
309] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 53 Unter seinem liberalen Vorgänger Gladstone, der ihn selbst 1868 abgelöst hatte, rügte der erste Imperialist die Phantasielosigkeit der britischen Außenpolitik. Seiner Meinung nach hätten — das EmpireProgramm in der Nußschale — einheitliche Reichszolltarife, eine Reichsverteidigung und ein Reichsparlament geschaffen werden müssen, um den Zusammenhang zu stärken. Als er jedoch selbst wieder ans Ruder kam, wurde von diesen Reformplänen nicht mehr gesprochen, obwohl die außenpolitische Lage recht bedenklich war. Während England den tiefsten Stand seiner Weltgeltung erreicht zu haben schien4, festigte Deutschland im Siege über Frankreich und insbesondere durch den von der englischen Regierung mißbilligten Erwerb Elsaß-Lothringens seine Vormachtstellung auf dem Kontinent, drang Rußland weiter nach Südostasien vor, erzwang es die Öffnung der Dardanellen. Entscheidend für die Gesamtpolitik jener Zeit aber, die man als den Beginn des Imperialismus bezeichnen muß5, war wohl etwas anderes: nämlich die Fortdauer der Weltwirtschaftskrise von 1873. Zwar zogen 1880 die Großhandelspreise geringfügig an, sanken aber alsbald noch tiefer ab. In einer solchen Depression, in der auch der Außenhandel zu verlieren pflegt, erschien eine Kolonialpolitik, ganz im Sinne der nationalökonomischen „Klassiker", nicht nur nutzlos, sondern als unerlaubter Luxus. Und es war recht kennzeichnend, daß damals das Wort „Imperialismus" — bevor es bald darauf der englische Geschichtsschreiber Carlyle in die Wissenschaft übernahm — zur Verspottung eines scheinbar überlebten Weltmachtstrebens napoleonischer Art und als eine zugkräftige negative Wahllosung gebraucht wurde, die nicht unwesentlich zum Siege der Liberalen über die Konservativen beitrug. Da man jedoch auf Grund der gemachten Erfahrungen aus einer gefühlsmäßigen Einstellung heraus auch jetzt nicht bereit war, die Auflösung des Kolonialreiches bewußt zu vollziehen, trieben die Dinge mit eigener Kraft weiter. Um militärische Niederlagen, wie sie im Kampf gegen die Buren (1881) und in der Sudanexpedition eingetreten waren, zu vermeiden, wurden die Liberalen notgedrungen zu Verfechtern einer Kolonialpolitik, mußten sie auch gegen ihre Anschauungen und Lehrmeinungen der Besetzung Ägyptens zustimmen. Dazu kam nun das Auftreten Deutschlands in Afrika. Wie die in Berlin abgehaltene Kongokonferenz (1884/85) zeigte, begann sich sogar so etwas wie eine koloniale Einheitsfront zwischen Deutschland und Frankreich gegen England abzubilden. Das waren bedrohliche Zeichen, die sich in dem 1883 erschienenen Buche Seeleys 4 Vgl. S. 54. 5 Vgl. S. 91. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
54 Julius Gumpert [310 „The Expansion of England66 zu der Forderung eines engeren kolonialen Zusammenschlusses verdichteten, wobei die verflossenen merkantilistischen Vorstellungen eine gewisse Wiederbelebung erfuhren. Noch befindet sich dieses Streben sozusagen in seinem geistigen Urzustand. Aber nach einem kurzen Zwischenspiel des dritten Kabinetts Gladstone in der ersten Hälfte des Jahres 1886, das hauptsächlich innere Fragen, wie die irische Selbstverwaltung (Home Rule) auf die Tagesordnung setzt, bricht der Imperialismus nachhaltig durch. Sein Träger ist die zweite konservative Regierung Salisbury, die, in der zweiten Hälfte 1885 schon einmal am Ruder, im folgenden Jahre die Führung übernimmt. Ein scheinbar willkürlicher, von rein parteipolitischen und parlamentarischen Regeln und Rücksichten bestimmter Zeitpunkt, der jedoch dadurch gekennzeichnet ist, daß die schon ein Jahrzehnt andauernde Wirtschaftskrise der Welt nun ihren tiefsten Stand überwunden hat und die Entwicklung von neuem aufwärts treibt: Erhöhter Einfuhrbedarf löst verstärkten Ausfuhrzwang aus. Die Konkurrenz um die Weltmärkte setzt sprunghaft ein: Ausfuhr der Weltindustriemächte 1884 1890 1900 1913 1884/1913 Milliard en Mark v. H. Großbritannien 4,8 5,4 5,9 13,0 270 Verein. Staaten 3,1 3,6 5,8 10,4 340 Deutschland 3,2 3,3 4,6 10,1 320 Frankreich 2,6 3,0 3,3 5,5 210 Italien 0,9 0,7 U 2,0 220 Japan 0,1 0,2 0,4 1,3 1300 Allzu sicher in ihrem Besitz und ihrer Gläubigerstellung6, bemerkt die britische Nation mit wachsender Sorge, wie sich die Welt mit Konkurrenten füllt. Um ihren wirtschaftlichen Ansturm auf das eigene Land abzuwenden, erläßt die englische Regierung als erstes 1887 den „Merchandise Marks Act". Mit seiner Hilfe hofft der englische Kaufmann, glaubt die englische Wirtschaft, sich der als besonders lästig empfundenen deutschen Konkurrenz entledigen zu können. Hielt man bisher aus Gründen, die in der Kennzeichnung der deutschen Waren als „billig und schlecht" („cbeap and nasty") zum Ausdruck kam, einen solchen Selbstschutz für überflüssig, so geben die neuen Erzeugnisse davon Kenntnis, daß diese während der Krise aufgekommene Losung wieder fallen gelassen worden ist. Und so werden die für 6 1914 wurden die Auslandsanlagen Großbritanniens auf 70 Milliarden, Frankreichs auf 36 Milliarden, Deutschlands auf 24 Milliarden Mark geschätzt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
311] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 55 deutsche Exportgüter vorgeschriebenen Stempel „Made in Germany" zu einer Empfehlung und die englischen Verbraucher zu Deutschlands besten Kunden7. Aber nicht genug damit, beginnt die deutsche Industrie, organisatorisch und ideologisch gefördert durch den expansiven „Alldeutschen Verband" und von Übersee darin unterstützt, den Generalangriff auf die wirtschaftliche Schlüsselstellung des britischen Reiches: Entwicklung der Schwerindustrie der Welt Jahr Großbritannien Deutschland Vereinigte Staaten Frankreich Millionen Tonnen Kohle 1892 1902 1907 1913 1889 1900 1903 1913 184,7 230,7 272,1 292,0 8,5 9,1 9,1 10,4 92,6 150,6 205,8 277,3 R 4,5 8,5 10,0 19,3 162.7 273,6 435.8 517,1 o h e i s e n 7,7 14,0 18,3 31,5 26,2 30,0 36,7 40,9 1,7 2.7 2.8 5,2 Um die Jahrhundertwende wird die eisenschaffende Industrie Englands von Deutschland und den Vereinigten Staaten überholt, während dieses Land auch in der Kohlenförderung einen alle überragenden Vorsprung gewinnt. Lag bereits darin eine Beeinträchtigung der politischen Weltgeltung Englands, so wurde sie noch vergrößert durch den wachsenden Anteil der jungen Weltmächte an den Seerüstungen, besonders auch, was für die britischen Weltverbindungen nicht weniger ausschlaggebend war, an der Welthandelstonnage8 1890 1900 1914 1950 1951 1890 1900 1914 1950 1951 Milli o n e n BHT von Huni dert British Empire 11,60 14,26 21,05 22,35 22,41 54,9 49,2 42,8 26,2 25,5 Vereinigte Staaten 1,82 2,04 2,97 25,57 25,36 8,6 7,0 6,1 30,0 28,8 Deutschland 1,58 2,65 5,46 0,46 1,64 7,4 9/1 11,1 0,5 1,2 Norwegen 1,51 1,64 2,51 5,46 5,82 7,5 5,7 5,1 6,4 6,6 Frankreich 1,05 1,35 2,32 3,21 3,37 5,0 4,7 4,7 3,8 3,8 Japan •0,14 0,49 1,71 1,87 2,18 0,7 1,7 3,5 2.2 2,5 7 Von der deutschen Ausfuhr im Jahre 1913 (vgl. die Zahlenübersicht S. 54) gingen Waren im Werte von 1,4 Mrd. Mark nach Großbritannien; für den gleichen Betrag wurden in Rußland Rohstoffe gekauft, das dafür Fertigwaren zum Preise von 880 Mill. Mark aufnahm. 8 Nach „Nauticus" 1952/53. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
56 Julius Gumpert [312 Nun selbst auf einem Gebiete bedroht, wo das „Rule Britannia" bisher unumschränkt gegolten hatte, aufs tiefste beunruhigt und als eine natürliche Reaktion, die in der Geschichte unter solchen Umständen immer wieder hervortritt9, zieht sich der angegriffene politische Körper zusammen, strafft sich das Empire für die Abwehr. Eine Abschlußpolitik, die „Splendid Isolation" genannt wird. Ein entsprechender Vorgang vollzieht sich auf wirtschaftlichem Gebiet: Der Losung „Trade follows the Flag" entsprechend, ordnet sich die Wirtschaft dem „Primat der Politik" unter, wobei das Hauptziel die Zusammenfassung aller Glieder des Reiches wird. x\uf Anregung der bereits seit einigen Jahren tätigen „Imperial Federation League", einer Gesellschaft zur Förderung der Reichsinteressen, wird 1887 in London eine große Kolonialausstellung eröffnet und die erste britische Kolonialkonferenz abgehalten (die 1907 zu einer ständigen Einrichtung wird). Im Mittelpunkt der Erörterungen steht, neben der Frage der gemeinsamen Verteidigung, die Wirtschaftseinheit des Empire, also die alte Autarkietendenz. Neuzeitlich aufgemacht, findet sie ihre Begründung in der neuen wirtschaftspolitischen Konzeption, daß nur „abhängige Gebiete" niemals in die Versuchung kommen würden, der englischen Industrie die Tore zu verschließen und damit der im rasdien Ansteigen begriffenen Bevölkerung10 die Existenzgrundlage zu entziehen. Daß sie in jeder Hinsicht als unzureichend empfunden wird, bezeugt der große Strom von Auswanderern, der sich kennzeichnenderweise zum weitaus größten Teil in die USA ergießt, während das Empire und die übrige Welt in den 80er, 90er Jahren zusammen nur etwa die Hälfte von ihnen aufnehmen11. Das hindert nicht, daß die koloniale Expansionspolitik verstärkt fortgesetzt wird, die jetzt sogar als eine Pflicht, als „des weißen Mannes Last" proklamiert wird, der dafür zu sorgen habe, daß den in Unwissenheit dahinlebenden farbigen Völkern endlich die Erleuchtung gebracht werde. Um die große Vision eines abgeschlossenen, in sich ruhenden Reichsverbandes zu verwirklichen, wird erwogen, von allen in das Empire eingeführten Waren einen Zollzuschlag zu erheben, Einfuhren aus dem Mutterlande dagegen Zollvergünstigungen zu gewähren. Da die Meistbegünstigungsklausel der laufenden Handelsverträge solche 9 Vgl. S. 65. 10 Vgl. die Zahlenübersicht S. 60. 11 Genaue Angaben über die englische Auswanderung im ganzen sind vor 1912 nicht möglich, da erst seit diesem Jahre eine genaue Statistik geführt wird. Für 1913 verzeichnet sie einen Auswanderungsüberschuß von 304 000 Menschen. Vgl. Artikel „Bevölkerungswesen" im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
319] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 63 bahnund Schiffbau heran; sie gründete Bergund Hüttenwerke und Textilfabriken. Da diese Unternehmungen hauptsächlich durch Geldschöpfung finanziert wurden, war der Staat 1883, indem er einen starken Währungsschnitt führte, gezwungen, einen Teil der Werke an private Unternehmer zu verkaufen. Die staatliche Einwirkung erlitt dadurch jedoch nur wenig Einbuße, weil sich aus den genannten Gründen die Unterstützung durch Subventionen (die noch heute in weitem Umfange üblich sind) nicht umgehen ließ. War dies bisher das einzige Mittel der Förderung und des „Schutzes" der Industrie, so ergab sich 1894, bei Beginn des zweiten wirtschaftspolitischen Abschnittes, der Japan mit Zuerkennung der Zolltarifautonomie — die unter ähnlichen Meinungsverschiedenheiten ausgesprochen wurde, wie sie heute innerhalb de« GATT hinsichtlich der Aufnahme Nippons bestehen — die volle Gleichberechtigung brachte, eine neue Möglichkeit. Um die Jahrhundertwende ging auch Japan zum Protektionismus über. Er erstreckte sich nicht nur auf die Industrie, sondern auch auf die Landwirtschaft, die 1913 noch etwa die Hälfte der Bevölkerung beschäftigte und zu deren Gunsten erstmalig die Lebensmittel mit Zöllen belastet wurden. In Verbindung mit diesen Maßnahmen und mehr oder weniger gezwungen, wandte sich Japan nun in entschiedener Weise nach außen: ein, zwei Menschenalter waren vergangen seit der Öffnung des Landes und der Verkündung der „Neuen Ära", und die japanische Industrie trat, von der Konkurrenz als „Gelbe Gefahr" bezeichnet, auf den Weltmärkten20 und als imperialistische Macht hervor. 1876 faßte Japan Fuß auf dem asiatischen Festlande, wo das geographisch und klimatisch günstig gelegene Korea die Aufmerksamkeit auf sich zog. Im Chinesisch-japanischen Kriege (1894/95) mußte das Reich der Mitte die „Unabhängigkeit" Koreas anerkennen und Formosa an Japan abtreten. Diese Bezeichnung Chinas erlangte dadurch eine gewisse weltpolitische Bedeutung, daß es gleichen Angriffen von Westen her ausgesetzt war, die 1900 zur Besetzung der Mandschurei durch Rußland führten. Diese Durchkreuzung der „Interessensphären" war der Grund zum Kriege (1904/05) und zu dem unter „wohlwollender Neutralität" Englands errungenen überraschenden Siege Japans über Rußland. Der Friedensschluß bestätigte seine vorherrschende Stellung in Korea. Die Mandschurei wurde russisch-japanisches Interessengebiet. Bei fehlgeschlagenen Kontributionsforderungen erhielt Japan ferner die Südhälfte von Sachalin und vor allem den wichtigen Hafen Port Arthur, um den es im Kriege gegen China infolge des Einspruchs Rußlands, Deutschlands und Frankreichs gekommen war. 1910 ging Japan einen 20 Vgl. die Zahlenübersicht S. 54. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
64 Julius Gumpert [320 Schritt weiter, indem es Korea, die Protektoratsverfassung aufhebend, annektierte. Die gleichzeitig aus Ost und West vorgetriebene „Pénétration pacifique", die „friedliche, handelsmäßige Durchdringung" Chinas, führte schließlich zu einer Aufteilung der Mandschurei in einen nördlichen, russischen und einen südlichen, japanischen Vorraum, wodurch sich beide Staaten, vor allem aber Japan, wichtige Rohstoffgebiete und Absatzmärkte sichern konnten, deren Bedeutung aus dem folgenden Gesamtüberblick ersichtlich ist: Japanischer Außenhandel21 1913 E i n f u h r Ausfuhr Millionen Mark Insgesamt 1526,0 1323,1 Asien 728,1 577,2 davon: China 128,1 323,5 Europa 460,9 308,0 davon: Großbritannien 256,8 68,8 Deutschland 143,1 27,5 Frankreich 12,2 126,0 Amerika 265,8 401,2 davon: Vereinigte Staaten 256,1 385,9 Weiterreichende Pläne, die im ersten Weltkriege unter der imperialistischen Losung „Asien den Asiaten" von Japan in Angriff genommen wurden und die Schließung der „Offenen Tür" in dieses Gebiet für die Verbündeten bezweckten, scheiterten jedoch und hatten nur vorübergehenden Erfolg. Nach dem Siege der Alliierten mußte Japan sein 21-Punkte-Programm, das es China in dieser Absicht 1915 auferlegt hatte, wieder rückgängig machen. Um so dringender stellte sich nun das bis heute noch nicht befriedigend gelöste japanische Bevölkerungsproblem. Einwanderungsländer wie Australien und die Vereinigten Staaten (Kalifornien) schlössen sich gegen die Japaner durch immer schärfer werdende Gesetze, die nach dem ersten Weltkriege die Form offener Verbote annahmen, mehr und mehr ab. Kein ge21 „Wirtschaft und Statistik" 1927, S. 586. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
321] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 65 ringer Anlaß zu dem erneuten Versuche der Aufrichtung eines „Japanischen Imperiums", das im zweiten Weltkriege zusammenbrach22. Deutschland, im Gegensatz zu der Randlage Japans den Mittelpunkt eines politischen Spannungsfeldes erster Ordnung bildend, bezeichnete sich nach dem Kriege gegen Frankreich als „saturierter" Staat. Es hatte, wie von Seiten der Regierung verkündet wurde, keinerlei räumliche Forderungen mehr. Ziel seiner Politik war ausschließlich die Sicherung des Erreichten und der Aufbau im Innern, der durch die endlich erreichte nationale Einigung möglich und erforderlich wurde. Das erwachte nationale Selbstbewußtsein, verstärkt durch die materiellen Erfolge, insbesondere den Erwerb des wichtigen Industrieund Rohstoffgebietes Elsaß-Lothringen sowie die Kontribution — Frankreich hatte fünf Milliarden Goldfranken Kriegsentschädigung zu zahlen, die es rasch aufbrachte —, gaben der deutschen Wirtschaft einen starken, allzustarken Auftrieb. So endete, beeinflußt durch ähnliche Vorgänge in der übrigen Welt, die „Gründerzeit"23 im Wirtschaftszusammenbruch des Jahres 1873. Wie üblich waren die Folgen der langanhaltenden Krise24 Konkurse, Arbeitslosigkeit und Verarmung. Aber auch die wirtschaftspolitischen Maßnahmen wiederholen sich seither in charakteristischer Weise: In der Krise besinnen sich die Industriemächte auf das alte Autarkieprinzip, ziehen sie sich nach Möglichkeit auf sich selbst zurück, um die vom Weltmarkte ausgehenden Störungen und Nachteile — seine Wohltaten sind in solchen Augenblicken vergessen — auf „souveräne44 Art abzuwehren. Auf Anregung und Hilfeersuchen aus der Industrie leitete Bismarck 1879, seine eigenen wirtschaftsliberalen Ansichten ändernd, eine Politik des „Schutzes der Wirtschaft" ein. Daß er dabei die Interessen des Staates keineswegs aus den Augen verlor, zeigte sich unter anderem darin, daß er den niedrigen Stand der Aktien der Verkehrsgesellschaften ausnutzte, um die preußischen Eisenbahnen zu verstaatlichen; wahrscheinlich kamen ihm auch die erhöhten Zölle als Mittel zur Stärkung der Reichsfinanzen nicht ungelegen. Diese autonome Zollpolitik, die die liberale Handelsund Vertragspolitik der vorimperialistischen 60er Jahre ablöste, hatte eine nicht unbedenkliche Kehrseite. Sie bedeutete für die meisten Verbraucher, 22 Gegenwärtig führt Japan eine amtlich geförderte einschneidende Geburtenkontrolle durch, die eine Entspannung erwarten läßt. 23 1872 wurden in Deutschland 500 Aktiengesellschaften mit 1,5 Mrd. Mark Kapital aufgemacht; 1874 betrug die Zahl der Gründungen nur noch 90 mit 0,1 Mrd. Mark Kapital. 24 Vgl. S. 54. Schmollers Jahrbuch LXXIV, 3 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
66 Julius Gumpert [322 also auch die Industrie selbst und vor allem für den Arbeiter, eine gewisse Verteuerung der Produktion bzw. der Lebenshaltung, die in der Krise auf sinkende Löhne und steigende Arbeitslosigkeit25 traf. Dadurch wuchs die Unzufriedenheit, schwoll die „soziale Bewegung" an. Ihrer politischen Organisation trat die Regierung 1878 mit dem „Sozialistengesetz" entgegen, während sie die Arbeiter durch eine Sozialversicherung (Krankenversicherungsgesetz 1883, Unfallversicherungsgesetz 1884, Altersund Invaliditätsgesetz 1889) zu versöhnen und für den Staat zu gewinnen hoffte. Was das Zeitproblem, die durch die Umstände bedingte „Desintegration", wie wir heute sagen, die tendenzielle weltwirtschaftliche Entflechtung betrifft, so wird man den „Schutz der heimischen Landwirtschaft", die von einer „Überschwemmung" durch überseeisches Getreide bedroht schien26, unter staatspolitischen, insbesondere kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten — die damals allerdings noch kaum erkannt wurden und in den Reichstagsdebatten auch keine Rolle spielten — dem Grunde nach gelten lassen müssen. Anders bei der Industrie. Was hier ein hochgradiges „Schutzbedürfnis" entstehen ließ, war, wie sich bald ziemlich einwandfrei zeigte, weniger die Unterlegenheit auf den Weltmärkten als vor allem die Folge der Krise selbst, der die Industrie, und vor allem die Schwerindustrie, mit der Verteilung der schrumpfenden nationalen und internal.'onalen Marktchancen unter die „Monopole", Kartelle und Trusts, zu begegnen suchte. Während dieser Kämpfe, in denen die Interessengegensätze quer durch alle gesellschaftlichen Schichtungen und „Klassen" verliefen — 1895, als die Krise schon vergessen war, sonderte sich aus jenen Gründen der an dem Gedanken der Konkurrenzwirtschaft festhaltende „Bund der Industriellen" von dem durch die Schwerindustrie geführten „Zentralverband" ab —, erreichte die in Umwandlung begriffene deutsche Volkswirtschaft ein entscheidendes Stadium: Bei starkem Wachstum der Bevölkerung und ihrer Zusammenballung in den Industriezentren27 war Deutschland in seinem vereinheitlichten Wirtschafts25 Vgl. S. 71. 26 1872 betrug die nordamerikanische Getreideausfuhr etwa sieben Mill. da, 1880 das Sechsfache. 27 Lebten 1871 in Deutschland von der 41 Millionen zählenden Bevölkerung noch 26 Millionen oder 64 vH auf dem Lande, so waren es 1910 nur noch 40 vH; 60 vH der 65 Millionen Menschen wohnten in den Städten (über 2000 Einwohner). In ähnlicher Weise vollzog sich die Entwicklung in den anderen Industrieländern, am raschesten in den USA, wo sich die Stadtbevölkerung (von 2500 Menschen und mehr) in der genannten Zeit vervierfachte, von 10 Millionen auf 42 Millionen, bei einer Gesamtbevölkerung von 39 bzw. 92 Millionen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
323] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 67 gebiet aus einem Landwirtschaftsstaat zu einem überwiegenden Indstriestaat geworden. Ein Vorgang, der sich auch in der Handelsbilanz ausdrückte. Während 1870 noch größere Mengen Getreide ausgeführt wurden, besonders nach England, bestand seit der Mitte der 70er Jahre die Einfuhr hauptsächlich aus Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Aber nicht nur die Zusammensetzung, auch das Gewicht der Handelsbilanz verschob sich. Das war eine Erscheinung, die sich in England bereits seit der Mitte der 50er Jahre und in Deutschland nachhaltig um die 80er Jahre bemerkbar machte: die Handelsbilanz wurde dauernd und zunehmend passiv. D. h., der Einfuhrbedarf ist so groß geworden, daß die Industrieerzeugnisse nicht mehr ausreichen, um ihn zu decken und zu bezahlen. Die Industrieländer müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, weitere nationale Kräfte in Gestalt einer „unsichtbaren Ausfuhr" in den Dienst des Auslandes stellen: Kapital-, Transportund Vermittlungsleistungen aller Art sowie der Austausch von Kulturgütern sind die Zeichen wachsenden Reichtums der Nationen, aber auch einer immer enger werdenden Verflechtung in die Weltwirtschaft, die ihr Schicksal entscheidend bestimmt. Das gilt — und diese Erkenntnis ist wichtig — nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Denn in den letzten beiden Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende erreichte die weltwirtschaftliche „Integration" einen Grad, der selbst die Notautarkie des Staates „im Ernstfall" und damit seine Souveränität an der Wurzel bedrohte. Die Sorge um die politische „Unabhängigkeit" und gewisse gleichzeitig zu beobachtende Isolierungund Absperrungstendenzen imperialer Märkte28 lösten sowohl auf militärischer Seite29 wie auf wirtschaftlicher Seite Warnrufe aus, unter deren Einwirkung Bismarck, nach dem Vorbilde anderer die Machtmittel des Staates in den Dienst der „Außenwirtschaft" stellend, nach langem Zögern dem Erwerb von „Schutzgebieten" (1884 Südwestafrika, Togo, Kamerun, Südseeinseln, 1885 Ostafrika) zustimmte. Daß es sich dabei nur um völlig unzureichende Notbehelfe handeln konnte, war auch die Ansicht seines Nachfolgers im Kanzleramte, des Generals Caprivi, dem gelegentlich einer Diskussion die Äußerung entschlüpfte, ihm könnte nichts Schlimmeres passieren, als daß ihm ganz Afrika geschenkt würde. Hingegen hielten seine zahlreichen Kritiker einen solchen Erwerb selbst unter großen Opfern für durchaus erwünscht, 28 Vgl. S. 55 f., 63, 73. 29 Seit Beginn der 80er Jahre forderte der deutsche Große Generalstab in immer dringender werdenden Berichten an die zuständigen Reichsministerien eine Uberprüfung der nationalen Versorgungslage unter kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten. 5* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
68 Julius Gumpert [324 während sie jene „manchesterliberale Haltung" als Ursache anprangerten, weshalb Deutschland nur eine Welt-„Anschauung", die anderen Großmächte aber die Welt gewannen30. Unter dem Eindruck des nahen Endes der Kolonialpolitik vermögen wir heute mit Sicherheit zu sagen, daß Bismarck die Zusammenhänge instinktiv richtig erfaßte, wenn er, weit davon entfernt, das Ganze als eine Tragödie der verpaßten Gelegenheiten aufzufassen, in der das Ziel verfehlenden „Volk ohne Raum"-Politik des „Neuen Kurses44 keinen Ausweg, sondern nur politische Schwierigkeiten sah und die Meinung vertrat, daß sich das Schicksal Deutschlands nicht auf dem weiten Felde der „Weltpolitik44 entscheiden werde. Tatsächlich gingen bei der Überlegenheit Englands zur See die deutschen Kolonien, die überdies mit Rücksicht auf die internationalen Verträge (Kongoabkommen 1884/85) zur Verteidigung nicht eingerichtet und vorbereitet waren, bereits in den ersten Monaten des Krieges verloren. Und was die wirtschaftlichen Vorteile einer Kolonialpolitik betraf (auf ihre volkhafte Bedeutung kommen wir sogleich zu sprechen), so sind sie aus dem Anteil der deutschen Afrikakolonien am Gesamthandel des Reiches ablesbar, der 1913 knapp eine halbe Milliarde Mark, also zwei Prozent betrug31. Es war schon so: Europa bildete das Feld, auf dem sich Deutschland politisch zu bewähren hatte. Aber dazu gehörte unbedingt — und das war das eigentlich Problematische an der Lage —, daß ihm die Versorgungsmöglichkeiten des Weltmarktes offen blieben. Wer aber hätte dafür garantieren mögen? Heute wissen wir, daß eine solche friedensmäßige Garantie — unter „wehrwirtschaftlichen44 Gesichtspunkten sahen die Dinge wieder etwas anders aus32 — in dem HandelsbilanzAutomatismus des Weltmarktes selbst lag, der ein Land wie Deutschland einfach nicht entbehren oder ausschalten konnte, ohne daß dadurch das ganze „System44 zusammengebrochen wäre. Damals ließen jedoch die allseitig wachsenden Spannungen diese Gewißheit keineswegs als gegeben erscheinen, wohl aber das Gegenteil33. Und so sehr wir geneigt sind, den sprunghaften „Imperialismus des deutschen Geistes44, wie ihn der junge Kaiser nannte, zu mißbilligen, so hatte er doch zum mindesten wirtschaftlich — und heute auch 80 Das Wortspiel stammt von dem Kommunisten L. Trotzkij. 31 Vgl. S. 59 u. 73. 32 Vgl. S. 78 ff. 33 Selbst Schmoller, ein so entschiedener Gegner jedes Chauvinismus, äußerte die Uberzeugung (vgl. Fußnote 36), daß die Überseemärkte nur im Schutze einer Kriegsflotte offen bleiben würden. Eine allgemein verbreitete Ansicht, zu der die erwähnten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Besitzenden (vgl. S. 56 ff., 73 und 74) entscheidend beitrugen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
325] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 69 politisch — nicht unrecht, wenn er die Meinung verfocht: „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser46. Daß diese Losung, zuweilen überspannt, ihre Wirkung auf die breiten Massen dennoch nicht verfehlte, zeigte sich besonders deutlich im August 191434. Hatte man bis dahin unentwegt an dem Glauben festgehalten, daß es nicht bis zum Äußersten kommen würde, so ließen es doch die unsicheren überseeischen Verbindungen geraten erscheinen, die Stellung in Europa nicht zu vernachlässigen, sondern auszubauen und zu festigen. Diesem Ziele diente in gewisser Hinsicht auch das Anfang der 90er Jahre geschaffene „System der mitteleuropäischen Handelsverträge", an das 1894 Rußland angeschlossen wurde. Was diese Verträge besonders wertvoll machte, war ihre Langfristigkeit (wegen ihrer zwölfjährigen Laufzeit sprach man von einem handelspolitischen „Kometenjahr"), die der Wirtschaft eine sichere Rechnungsgrundlage gab35). Um ein Gleiches auch auf dem Gebiete der Politik zu erreichen, richtete Deutschland seine Blicke besonders auf den Südostraum, den man auf der Landbrücke auch im Kriegsfalle beherrschen konnte. Eingeleitet wurde dieser neue Abschnitt einer deutschen „Weltpolitik" durch eine Rede des Kaisers, die er 1898 in Damaskus hielt, wo er sich als „Beschützer der mohammedanischen Welt" einführte. An der auf deutsche Anregung und zum Teil mit deutschen Mitteln erbauten Bahn „Berlin-Bagdad" entlang, die zugleich das Leitwort für diese Politik abgab und den gedachten Radius eines „Deutschen Wirtschaftsgroßraumes" bildete, sollte sich dieses neue „Einflußgebiet" schließlich bis zum Persischen Golf und wenn möglich noch darüber hinaus erstrecken. Was an diesem Räume neben seiner strategischen Lage besonders verlockend erschien, war außer seinen Bodenschätzen und reichen Landwirtschaftsgebieten vor allem die Möglichkeit der Siedelung, hatte doch ein Nationalökonom vom Range Fr. Lists das Land im Südosten als „das ideale Siedelungsland" bezeichnet36. In Wirklichkeit war es 34 Vgl. Fußnote 16. 35 Welche Verschlechterung der Lage seither eingetreten ist, ermessen wir daraus, daß heute die Handelsverträge auf ein, zwei, höchstens drei Jahre abgeschlossen zu werden pflegen. 36 Andere führende Nationalökonomen, wie Schmoller, sahen das ideale Siedelungsland in Südamerika. „Wir müssen um jeden Preis wünschen", so schrieb er („Zwanzig Jahre deutscher Politik", 1899), „daß in Südbrasilien ein deutsches Land von 20 bis 30 Millionen Deutschen im folgenden Jahrhundert entstehe [ihre Zahl beträgt heute bei einer Gesamtbevölkerung von rund 50 Millionen etwa eine Million]; einerlei, ob es ein Teil Brasiliens bleibt, ob es ein selbständiges Staatsgebilde wird . . OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
70 Julius Gumpert [326 jedoch kaum mehr als eine Hoffnung, und keine ganz ungefährliche, womit Bismarck wiederum recht behielt, wenn er meinte, daß die ganze Orientpolitik „nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert" wäre. Tatsache war, daß Deutschland besonders auf dieser Linie immer mehr in die britische „Interessenzone" hineingeriet — ohne, und das war das Entscheidende, das ersehnte Ziel zu erreichen. Denn um Gebiete zu „erschließen", dazu gehörte viel Kapital und nicht zuletzt auch ein fester Wille, der bereit war, auf vieles zu verzichten, was bei der materiellen Bereicherung des Lebens gern angenommene Bequemlichkeit und Gewohnheit geworden war. Ähnlich wie in anderen Staaten37 fehlte es auch bei uns bald an diesem, bald an jenem. Und so zählte Deutschland (1913) in seinen gesamten überseeischen Besitzungen von der vierfachen Größe des Mutterlandes und einem Viertel seiner Einwohnerzahl 24 000 Deutsche38/39 (im Südosten ging die Siedlung über Ansätze nicht hinaus) — bei einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von fast einer Million Menschen (1906 = 910 000)! „Wir müssen Waren exportieren oder Menschen", so bezeichnete der Nachfolger Bismarcks in treffender Form das Kernproblem des „Neuen Kurses" und der gesamten imperialistischen Politik. Tatsächlich mußte man beides tun, und hätte es, wie ein Blick auf die Vorgänge im Auslande bewies40, auch bei wertvollerem Kolonialbesitz tun müssen. Fünf Millionen Menschen verlor Deutschland seit den 40er Jahren bis zum ersten Weltkriege auf diese Weise an das Ausland. Den Höhepunkt erreichte die Auswanderungswelle in den krisenhaften 80er Jahren. Unter der Losung „Mein Feld die Welt", oder auch weniger hoffnungsvoll, wanderten 200 000 Menschen im Jahresdurchschnitt aus, kehrten um diese Zeit Massen „politisch Unzuverlässiger", wie sie von amtlicher Seite genannt zu werden pflegten, der zu eng gewordenen Heimat den Rücken, um den jungen überseeischen Kulturstaatcn als wertvolle Bereicherung für immer zu gehören. Stärkster Einsatz auf dem Weltmarkte verwandelt jedoch allmählich diese Ströme von Menschen in zusätzliche Ströme von Waren und Kapital, die sich in derselben Richtung bewegen, so daß große Teile des deutschen Volkes von dem gleichen Schicksal verschont bleiben. 37 Vgl. S. 56. 88 Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1914. 39 Davon 6000 Wehrmächteund Polizeiangehörige. 40 Vgl. die Zahlenübersicht S. 50. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
327] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 71 Damit ist ein entscheidender Schritt zum Besseren getan, zumal dadurch auch die Lebenshaltung gehoben wird41, ein Erfolg, der nicht zuletzt der liberalen Wirtschaft zu danken ist. Allerdings sind außer den wachsenden politischen Spannungen als Folge der Verschärfung der Konkurrenz auf den Weltmärkten auch gewisse wirtschaftliche Unzulänglichkeiten nicht zu übersehen. Eine im Jahre 1895 am Ende einer leichten Depression erstmalig von der Reichsregierung durchgeführte Untersuchung der Arbeitslosigkeit ergibt, daß im Sommer dieses Jahres 1,89 vH, im Winter 4,88 vH der Masse der Arbeiter und Angestellten ohne Beschäftigung sind. Was diese Zahlen, die die Arbeitsunfähigen wie üblich einschließen, bedeuten, erkennt man vielleicht am besten daraus, daß in der „sozialen Marktwirtschaft" der durch den zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten und wesentlich stärker übervölkerten Deutschen Bundesrepublik (im Monatsdurchschnitt 1953) rund 7,5 vH arbeitslos sind. Beidemal geht jedoch die Aufwärtsentwicklung weiterhin rasch voran. Um die Jahrhundertwende ist die deutsche Wirtschaft so erstarkt, daß sie die unter Zwang Entwichenen, soweit sie dazu bereit sind und nicht statt ihrer fremde Arbeitskräfte aufgenommen werden müssen, zurückholen kann: die deutsche Wanderungsbilanz wird aktiv. Im Gegensatz zu dieser soeben besprochenen Staatengruppe stellen die übrigen Großmächte Sondertypen dar. Von ihnen kann Frankreich als der machtpolitisch-koloniale Typ angesprochen werden. Infolge seiner Geburtenschwäche42 wies der Wirtschaftsraum in seiner natürlichen Ausgeglichenheit nicht die Spannungen und vor allem nicht die große Bevölkerungsdichte (73 je qkm) und Verstädterung auf, die den imperialistischen Mächten allgemein eigen war. Während 1910 in Deutschland etwa 60 vH der Bevölkerung in Städten (über 2000 Einwohner) lebten, waren es in Frankreich (1911) nur 44 vH der Gesamtbevölkerung von 40 Millionen. Allerdings nahm auch die Volkswirtschaft aus dem gleichen Grunde nicht denselben Aufschwung. Wie die Natur, so hielten sich Industrie und Landwirtschaft, was unter anderen Umständen als glücklich zu bezeichnen gewesen wäre, annähernd die Waage, wobei letztere als ungewöhnlicher Fall sogar noch ein leichtes Übergewicht verzeichnete; 1911 betrug die Zahl der beschäftigten Personen in der Landwirtschaft 41 Zwischen 1850 und 1914 erzielten die Industrieländer annähernd übereinstimmend eine Verdoppelung der Reallöhne. Eine Leistung, die erst dann richtig gewürdigt wird, wenn man das 6tarke Bevölkerungswachstum berücksichtigt, besonders in Deutschland und England. Für dieses Land lauten, nach Sombart, die Ziffern der Vorkriegsbasis 1850 = 49, 1913 = 100. 42 1901/10 betrug der durchschnittliche Geburtenüberschuß Frankreichs 1,2 auf 1000 Einwohner. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
72 Julius Gumpert [328 41,0 vH, in der Industrie rd. 36 vH43. Andererseits machte sich auf beiden Gebieten ein wachsender Arbeitermangel bemerkbar, der auch durch eine großzügige Einwanderungspolitik nur teilweise behoben werden konnte. Im letzten halben Jahrhundert vor dem ersten Weltkriege wies Frankreich, mit Ausnahme des Jahrfünfts von 1901 bis 1905, eine dauernde Mehreinwanderung auf. 1891—1905 belief sie sich auf 379 000 Menschen44. Welche Bedeutung diesem Faktor im Wirtschaftsleben Frankreichs insgesamt zukam, erweist die Bevölkerungsstatistik, die nach 1918 die Zahl der Ausländer mit 4,5 vH aller Beschäftigten angab. Die Bevölkerungsfrage spielte auch in der französischen Außenpolitik eine bedeutsame Rolle, wenn auch in einem anderen Sinne als bei den übrigen Großmächten. Denn während es diesen darum ging, ihren Bevölkerungsüberschuß möglichst in eigenen Gebieten unterzubringen, erstrebte Frankreich, wie der Aufbau seines Besitztums erkennen läßt, die Herrschaft über volkreiche Länder. Ein Beweis besonderer Art dürfte auch darin zu sehen sein, daß selbst das franzöische Friedensheer etwa zur Hälfte aus Farbigen bestand. Dadurch wurde Frankreich eine imperialistische Politik, die ähnlich wie in England auf einer jahrhundertealten Tradition beruhte, eigentlich erst möglich. Ihr Schwerpunkt lag seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Nordafrika, und ein „Nouvelle France" ein „Großfrankreich von der Nordsee bis zum Äquator" war das Ziel. Mit Einschluß der ehemaligen deutschen Kolonien Kamerun und Togo als Mandatsgebieten umfaßte es schließlich über 12 Millionen qkm und an die 60 Millionen farbige Einwohner, wodurch Frankreich zur zweitgrößten Kolonialmacht aufrückte. Da jedoch die eigene Volksgrundlage schmal blieb (von der Gesamtbevölkerung der Kolonien waren nur 2,5 vH Franzosen), während sich die der anderen Großmächte ständig vergrößerte, entschloß sich Frankreich nach dem unglücklichen Faschodakonflikt um den Sudan (1898) und angesichts der allgemeinen Zuspitzung der Weltlage, mit Großbritannien die bereits erwähnte Entente cordiale (1904) einzugehen. Ursprünglich als Ausgleich gedacht, richtete sie sich zugleich gegen das erstarkende Deutschland, obwohl dieses, in der Absicht, dadurch den „Revanche"-Gedanken in Vergessenheit zu bringen, Frankreich zum Kolonialerwerb geradezu ermuntert halte (1911 erhielt Deutschland dafür Neu-Kamerun, gegen Anerkennung der französischen Oberhoheit über Marokko). 43 Lt. „Recensement général de la population", 1921. 44 Vgl. Artikel „Auswanderung" im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
335] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 79 durchgesetzt hatte. Da um jene Zeit das imperialistische Vertragsnetz noch nicht geschlossen war und England mit mehreren Seemächten als Gegner rechnen mußte, wurde daraus der sogenannte „Two power Standard", der Zweimächtestandard, d. h. die englische Flotte sollte so stark sein wie die beiden nächststarken zusammen. Schien es zunächst, als ob Deutschland mit Hilfe der modernsten Technik dieses Übergewicht auszugleichen vermöchte — das bei Kriegsbeginn erstmals zum Einsatz gebrachte halbe Dutzend U-Boote legte durch sein Erscheinen mehr als die Hälfte des britischen Überseeverkehrs lahm —, so kehrte sich in demselben Maße wie diese gefürchtete Angriffswaffe abstumpfte (eine Erfahrung, die in der Kriegsgeschichte immer wiederkehrt) das Verhältnis um: die Wirtschaftsblockade brachte Deutschland zum Erliegen. Aber das war nicht, wie später zur Rechtfertigung einer Autarkiepolitik gesagt wurde, die Folge einer verkehrten Weltmarktpolitik. Im Gegenteil: Nur die Weltmarktpolitik ermöglichte den Unterhalt des stark wachsenden Volkes und auch — die Rüstung. Im Zeichen der „Vierjahrespläne" konnten diese weltwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht gründlich erörtert werden6*. Heute haben sie nur noch historische Bedeutung, doch scheinen sie wegen ihrer grundsätzlichen Wichtigkeit, besonders auch im Rahmen unseres Themas, der kurzen Erwähnung wert. Daß sich während des ersten Weltkrieges schwere Versorgungsmängel zeigten, war allein oder hauptsächlich die Folge davon, daß das Problem der Kriegswirtschaft, das sich in dieser Form noch niemals gestellt hatte, nicht erkannt wurde. In der Laisser-faire-Ideologie befangen, war man ratlos, wie bei einer so hochgradigen Abhängigkeit vom Auslande die Notautarkie und damit die Sicherheit des Staates hätte gewährleistet werden sollen. Zu spät erkannte man, daß das Ganze im wesentlichen eine Organisationsfrage war und ist. Dazu kam eine Überschätzung der Technik im allgemeinen, die einen langen Krieg unmöglich erscheinen ließ. Infolgedessen unterließ man jede kriegswirtschaftliche Vorratspolitik. Ein Umstand, der die Wirtschaftspolitik vieler kriegführender Staaten kennzeichnete, und der als Beweis ihrer unbedingten Friedensliebe gelten könnte, wenn er nicht von anderen schweren Fehlern geleitet gewesen wäre. So erfolgten im ersten Kriegsmonat aus Ostdeutschland noch umfangreiche Getreideverschiffungen im Rahmen des damaligen Ausfuhrscheinsystems. Vor 68 Verfasser schrieb darüber — mit durchaus negativem persönlichen Erfolg — im „österreichischen Volkswirt" unter der Schlagzeile „Volkswirtschaft — Wehrwirtschaft — Weltwirtschaft" (November/Dezember 1937). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
80 Julius Gumpert [336 allem aber wurden die vom Großhandel aus den Weltmärkten zusammengeholten Bestände, wie wir uns erinnern, in einer, man muß schon sagen leichtfertigen Weise verwirtschaftet. Bei 80 bis 85 vH (heute sind es bis 65 vH) landwirtschaftlicher Eigenversorgung Deutschlands, war das Bestimmende der Einsatz der Arbeitskräfte und das Problem, wie man zwischen den eigentlichen Verteidigungsaufgaben und der Wirtschaft zu wählen hatte. Einige wenige, wirklich gefährliche „Engpässe", wie der für die Munitionsherstellung und die Landwirtschaft gleich wichtige Bedarf an Stickstoff, der im Frieden aus Übersee gedeckt worden war, wurden durch die Wissenschaft (Stickstoffgewinnung aus der Luft) vorzüglich, nämlich durch die Schaffung einer ganz neuen Friedensindustrie, überbrückt, so daß kein Mangel bestand. Auch an den kriegsnotwendigen Buntmetallen fehlte es nicht in entscheidender Weise. Durch Verwertung der großen Altkupferbestände zum Beispiel, an Kesseln und Gebrauchsgegenstände aller Art, die sich als Zeichen eines wachsenden Wohlstandes und als sinnfälliger Ausdruck der Vorteile einer Weltwirtschaft überall angehäuft hatten, konnten von den militärischen Erfassungsbehörden sogar noch große Vorräte zusammengebracht werden69, die bei Kriegsende auf 31 000 t geschätzt wurden. Das entsprach beinahe der jährlichen Friedensproduktion Deutschlands an Reinkupfer (1913 = 49 500 t), so daß wir in der ersten Nachkriegszeit als Käufer auf dem Weltkupfermarkt überhaupt nicht in Erscheinung traten. Ein entscheidender Mangel zeigte sich dagegen — und das kennzeichnet das Problem der Wehrund Kriegswirtschaft mit aller Deutlichkeit — in den Grundstoffen, mit denen man völlig ausreichend versorgt zu sein glaubte, nämlich Kohle und Stahl. Tatsächlich waren auch die Kohlenvorräte in fast allen kriegführenden Staaten ausreichend vorhanden, aber unter der Erde. Um sie zu heben, waren Menschenkräfte erforderlich — die die Front anforderte. Aus diesem Widerstreit der kriegsmäßig veränderten Grundinteressen von Staat und Wirtschaft erklärt sich, daß die Kohlenförderung, zum Teil auch als Folge der schlechten Ernährungsweise und der abgenutzten Anlagen, in allen Staaten (nur die USA mit ihren reichen Reserven machten eine Ausnahme) beträchtlich zurückging. Wenn im folgenden einige Ziffern wiedergegeben werden70, dann ist dabei weiterhin zu berücksichtigen, daß sich die streng rationierte Kohle auch der Beschaffenheit nach stark verschlechterte: 69 „Wirtschaft und Statistik", 1922, S. 694. 70 „Wirtschaft und Statistik" 1921, S. 251. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
Erscheinungsformen und Wesen de« Imperialismus 81 Kohlenförderung im ersten Weltkriege Jahr Vereinigte Staaten Großbritannien Frankreich Deutschland Jahr M i 1 1 i o n e n Tonnen 1913 517,1 292,0 40,1 191,5 1913 = 100 1914 93 92 74 84 1915 90 88 47 77 1916 104 89 51 83 1917 115 86 69 88 1918 119 79 66 84 Die unmittelbare Folge dieser verminderten Schichtleistungen und des in gleicher Weise sich geltend machenden Arbeitermangels (und Rohstoffmangels) war ein unverhältnismäßig größeres Absinken der Eisenund Stahlerzeugung, der ein erhöhter, durch die „Materialschlachten" bedingter Rüstungsbedarf gegenüberstand. Während Frankreich den Verlust wichtiger Erzeugungsgebiete im Verlauf des Krieges durch Einfuhren aus den Vereinigten Staaten mehr und mehr ausgleichen konnte, mußte Deutschland auch noch seine Verbündeten mit dem Nötigsten versorgen71. Roheisenerzeugung im ersten Weltkriege72 Jahr Vereinigte Staaten Großbritannien Frankreich Deutschland Jahr M i 1 1 i o n e n Tonnen 1913 31,5 10,4 5,2 19,3 1914 23,7 9,1 2,7 12,6 1915 30,4 8,9 0,6 10,2 1916 40,1 9,2 1,3 11 3 1917 39,3 9,6 1.4 11.6 1918 39,7 9,2 1.3 10,7 Da Kohle nicht nur die Grundlage der Eisenindustrie, sondern der gesamten Wirtschaft bildet, ergaben sich besonders vom dritten Kriegsjahr ab, durch die fast lückenlos gewordene Blockade verschärft, Versorgungsschwierigkeiten, die bei ständig wachsender Materialüberlegenheit der Alliierten die militärische Niederlage Deutschlands unvermeidlich machten. 71 Die Roheisenerzeugung Österreich-Ungarns, 1913 = 2,4 Mill. t, fiel nur wenig ins Gewicht, dagegen war sein Bedarf an Steinkohle um so größer. 72 „Wirtschaft und Statistik" 1921, S. 448. Schmollers Jahrbuch LXXIV, 3 6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
82 Julius Gumpert [338 II. Wesen und Begriff des Imperialismus Überblickt man diese verwirrende geschichtliche Vielfalt, die, ohne auch nur annähernd vollständig zu sein, doch die wichtigsten Bestandteile der Erscheinung des Imperialismus, aus dem sich das Volk-StaatWirtsdiaft-Problem besonders klar herausgeschält hat, zum Ausdruck bringt, so wird man geneigt sein, 0. Spann73 zuzustimmen, der die Meinung vertrat, daß es sich um einen gesellschaftswissenschaftlichen Unbegriff handele. Und doch geht es zweifellos nicht nur um ein bloßes „parteipolitisches Schlagwort", sondern um weit mehr, um ein tatsächliches Geschehen. Es soll hier nicht der beinahe aussichtslose und zudem unlohnende Versuch unternommen werden, alle zu irgendeiner Zeit entstandenen Begriffsbildungen zusammenzutragen74. Vielmehr soll eine systematische Auslese getroffen werden derart, daß, von der weitesten Fassung ausgehend, das Problem so lange eingekreist wird, bis sein erfahrungsmäßiger Kern übrig bleibt. Beginnen wir also bei Schumpeter75, der den Imperialismus als „die objektlose Disposition eines Staates zu gewaltsamer Expansion ohne angebbare Grenzen" definiert76. Infolge seiner idealistischen Grundhaltung erscheint ihm der Imperialismus als Geist. Aber nur unter bestimmten Bedingungen erkennt er ihm Berechtigung zu. Geschichtlich weit ausholend, bezeichnet er den „typischen Imperialismus" der Ägypter und besonders der Assyrer als „selbstmörderisch und völlig sinnlos"77, während er ein entsprechendes Verhalten der iranischen Arier, die durch die „geographische Verumständung", also sozusagen notgedrungen zu Kriegern wurden, für berechtigt hält78. Späterhin habe jedoch eine solche „psychische Disposition", aus jener Lebenshaltung entstanden, aber zum „Dauertypus" geworden, nicht als Anlage der staatlichen Gemeinschaft als solcher, sondern einer Klasse79 „objektlos" weitergewirkt. Demgemäß kennzeichnet er den Imperialismus als ein „Uberlebsel" aus den vergangenen (nicht aus den gegenwärtigen) Produktionsverhältnissen, als einen „Atavismus der 73 Spann, 0.: Artikel „Imperalismus" im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften". 74 Eine reichhaltige Übersicht, namentlich über die ältere Literatur, bietet Hashagen, J.: „Der Imperialismus als Begriff." In: „Weltwirtschaftliches Archiv", Bd. 15 (1919/20), S. 157 ff. Vgl. auch Bd. 26. 75 Schumpeter, J.: Zur Soziologie der Imperialismen. Tübingen 1919. 70 Schumpeter, J.: a.a.O. S. 3. 77 Schumpeter, J.: a.a.O. S. 17. 78 Schumpeter, J.: a.a.O. S. 19. 79 Schumpeter, J.: a.a.O. S. 38. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
339] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 83 sozialen Struktur" und individualistisch-psychische GefühlsgewohnCaesars und Napoleons, über den „feudalen Karolingisch-deutschen Herrscherimperialismus" und den „Fürstenimperialismus" bis zu seiheit80, die vom „Individualimperialismus" Alexanders des Großen, nen gegenwärtigen Formen geführt habe. Auch hier wendet er strenge Maßstäbe an. So belegt er die Expansionspolitik eines Disraieli mit dem Ausdruck „Imperialismus der Phrase"81. Die Sprache der Tatsachen82 ist jedoch in ihrer Härte schwerlich zu überhören, hier so wenig wie anderswo. Was sie bereits bei flüchtiger Betrachtung lehren, ist zum mindesten dies, daß der Imperialismus nicht lediglich eine „Disposition", sondern eine — nicht selten blutige — Realität ist. Beschränken wir unsere Betrachtung, wofür der Berechtigungsnachweis noch zu erbringen sein wird, auf jene Zeit, die heute überwiegend als die eigentlich „imperialistische" bezeichnet wird83, so erscheint es weiterhin fraglich, ob die Charakterisierung dieser Expansion84, selbst im Falle des sogenannten „Kulturimperialismus", der regelmäßig nur Verbrämung ist85, als „objektlos" Gültigkeit besitzt. Denn es ist nicht zu verkennen, daß dieses Machtstreben, als das wir den Imperialismus vorläufig gekennzeichnet haben, auf bestimmte Objekte gerichtet ist, nämlich auf fremde Räume, um sich auf diese Weise machtpolitische, volkliche, handelspolitische oder sonstige Vorteile zu verschaffen und zu sichern. Da dieser Drang von innen her über den Staatsraum hinaus erfolgt, hat man geglaubt, von einem „inneren Imperialismus" sprechen zu sollen86. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch nur um zwei Seiten ein und derselben Sache. Aus Gründen, die ich im großen geschichtlichen Zusammenhange zu erfassen und darzustellen versucht habe87, entsteht bei den politischen Gemeinwesen in einem bestimmten Entwicklungsstadium hauptsächlich als Folge des Bevölkerungswachstums eine gesellschaftliche Konzentration von Kräften, die sich nach außen hin auswirken muß. Und zwar geschieht das mit Notwendigkeit. Die Folge sind Erscheinungen, wie sie ein englischer Historiker mit der Feststellung kennzeichnete, Großbritannien habe sein Weltreich „in einer Art geistiger Abwesenheit zusammen80 Schumpeter, J.: a.a.O. S. 283. 81 Schumpeter, J.: a.a.O. S. 21 ff. 82 Vgl. S. 50 ff. 83 Vgl. S. 90 ff. 84 „Gewaltsame Expansion66 dürfte im Zeitalter der „Aufteilung der Welt44 eine Tautologie sein. 85 Vgl. S. 58 ff. und 68. 86 Vgl. Hashagen, a.a.O. 87 Vgl. meinen Aufsatz in „Schmollers Jahrbuch44 a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
84 Julius Gumpert [340 gebracht", was mit dem Verhalten anderer „Weltmächte", die ähnlich planlos, vom Zufall bestimmt und ohne Rücksicht etwa auf wirtschaftliche Ertragsaussichten („Wüstensammlung") vorgingen, übereinstimmt. Das Begriffsmerkmal, „ohne angebbare Grenzen", das Schumpeter mit dem Imperalismus verbindet, erscheint also fürs erste bewiesen. Das ist denn auch die Linie, an die man sich vielfach hält, wobei der Imperialismus als Ausdehnungsstreben „über sich selbst", „über Europa hinaus", „über fremde Völker" oder ähnlich gefaßt wird88/89. Nur vereinzelt wird der Versuch unternommen, Richtung und Grenzen näher zu bestimmen. E. Schultze90 zum Beispiel sieht sie darin, die Herrschaft eines Volkes „weiter auszudehnen, als der sprachlichen Zugehörigkeit seiner Bestandteile oder seinen natürlichen Grenzen entspricht". Wenn diese „geopolitischen" Gesichtspunkte in Deutschland und Italien auch vor und während des zweiten Weltkrieges eine gewisse Rolle gespielt haben, so wird man sie doch nicht allgemein als entscheidend ansehen können. Allgemeinverbindlich waren hingegen jene Grenzen, die von den Umständen selbst gezogen wurden, und die sich in dem Zeitpunkt Geltung verschafften, als die „Aufteilung der Welt"91 abgeschlossen war. Da die Bewegung als solche damit nicht zum Stehen kam, sondern nur andere Formen, besonders solche außenhandelspolitischer Art (Protektionismus, Monopolbildung u. a.) bevorzugte, ergibt sich, daß Begriffsbildungen, die allein auf den Umstand der Bodenbesitzergreifung abstellen92, als einseitig zu betrachten sind. Das gilt insbesondere für jene, in denen die Bildung von „Weltreichen" — ein zu vager Begriff — als das Hauptmerkmal erscheint. Damit entfällt zugleich die Möglichkeit einer Unterscheidung von „altem" und „neuem" Imperialismus, die auf rein formalen Gesichtspunkten beruht. Denn was das „Imperium Romanum", zum Beispiel, vom „British Empire" unterscheidet, ist genau das, was den Imperialismus, wie wir ihn erleben, ausmacht, was ihn entstehen läßt, ihm Ziel und Richtung gibt Und das sind, worauf noch näher einzugehen ist, die weltwirtschaftlichen Spannungen, die jenem fremd waren. Nichts kennzeichnet diese Zusammenhänge besser als die Tatsache, daß das britische Weltreich zwar gleichfalls eine politische Einheit bildete (wenn es sich auch an 88 Vgl. Hashagen, a.a.O. 89 So neuerdings auch Sulzbach: Artikel „Imperialismus44 im „Handwörterbuch der Soziologie44, Stuttgart 1931. 90 Vgl. Hashagen, a.a.O. 91 Vgl. S. 50 f. 92 Vgl. die von Hashagen (a.a.O. S. 166) erwähnte Literatur. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
341] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 85 Geschlossenheit mit jenem nicht messen konnte), daß es aber im Gegensatz zur Antike zu keiner Zeit seit dem Ende des Merkantalismus eine geschlossene ökonomische Einheit verkörperte, daß derartige Versuche zur Schaffung eines britischen Weltwirtschaftsreiches im Bereiche der Weltwirtschaft vielmehr stets mißlangen93. Darin liegt zugleich der Beweis, daß der Imperialismus nicht, wie man oft sagen hört, so alt ist wie der Staat selbst, sondern daß er eine Erscheinung der Neuzeit mit ihrer Industriewirtschaft darstellt. Kann man heute wenigstens insoweit eine gewisse Übereinstimmung feststellen94, so gehen die Ansichten um so stärker auseinander, wenn es die Frage zu entscheiden gilt, zu wessen Nutzen, insbesondere in wessen wirtschaftlichem Interesse diese ausgreifende Politik erfolgt, mit deutlicheren Worten: wer die eigentlichen Träger des Imperalismus sind. Während die einen ein „Klasseninteresse" am Werke sehen, sind die anderen überzeugt, daß ein staatliches oder Gemeininteresse vorliege. Zur ersten Gruppe gehören, ihrer Denkweise entsprechend, die Vertreter des Marxismus95. Jedoch werden derartige Ansichten vereinzelt auch von Gegnern des historischen Materialismus verfochten. „Das Vaterland wird in Gefahr erklärt", so formuliert es Schumpeter in sehr eindringlicher Form96, „wenn die Klasseninteressen in Gefahr sind". In ähnlicher Weise bezeichnet v. Schulze-Gävernitz97 den Imperialismus als „diejenige Stufe des kapitalistischen Zeitalters, in welcher das Finanzkapital mittels politischer Gewalt sich übernationaler Gebiete bemächtigt zwecks monopolistischer Ausbeutung ihrer Naturschätze, Rohstoffe und Arbeitskräfte (letzteres vielfach mittels Be93 Daran haben auch die während der Weltwirtschaftskrise (1932) abgeschlossenen Verträge von Ottawa nichts Wesentliches zu ändern vermocht, denn das von ihnen geschaffene Empire-Präferenzsystem weist große Lücken und Schwächen auf (die jedoch stark genug sind, um eine zeitgemäße Integration zu belasten). 04 Anderer Meinung zum Beispiel Sulzbach (a.a.O.), der die Ausklammerung des „vorkapitalistischen Imperialismus64 für methodisch unzulässig hält. 95 In Marx' eigenem, ganz vom „Klassenkampf" erfüllten Geschichtsbild ist für die entscheidenden Nationalkämpfe, insonderheit für eine Erscheinung wie den Imperialismus kein Platz, und gerade hierin offenbart sich die Fehlerhaftigkeit seiner „Entwicklungsgesetzlichkeit44 vielleicht am deutlichsten. Aber auch sein geistiger Nachfahr Lenin wurde offenbar erst durch den Eintritt der Katastrophe des ersten Weltkrieges von der Notwendigkeit einer „Weiterentwicklung44 der Marxschen Theorie überzeugt (vgl. S. 45). 96 Schumpeter, a.a.O., S. 38. 97 v. Schulze-Gävernitz: „Amerikas Uberimperialismus.44 In: Die Wirtschaftswissenschaft nach dem Kriege, München und Leipzig 1925. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
86 Julius Gumpert [342 Steuerung) mit der Tendenz des autarken, alle Zonen umfassenden, alle Rohstoffe erzeugenden Weltreiches". Andererseits stehen nicht alle Sozialisten auf dem „Klassenstandpunkt". Für Kautsky98 beispielsweise ist Imperialismus „der Drang jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immeir größeres agrarisches Gebiet zu unterwerfen und anzugliedern . . .", zu dem Zwecke, wie er ergänzend bemerkt, „die überschüssigen Kapitalien des Mutterlandes aufzunehmen und in seinem Interesse zu verwenden", was schließlich zur Überwindung des Imperialismus durch seine Antithese, einen „Ultraimperialismus" führen würde. Eine Mittelstellung scheint K. Renner" einzunehmen mit seiner Definition: „Der politische Imperialismus ist die Außenpolitik von Staaten einer überreifen Bourgeoisie, die die rein politischen Machtmittel des Staates (Diplomatie, Heer, Kriegsflotte) zu ökonomischer Ausdehnung, zur Beherrschung oder Eroberung von Bezugsund Absatzgebieten ihrer Industrie sowie von Kapitalanlagesphären benutzen." Das „Finanzkapital" als das Entscheidende betrachtend, bezeichnet Lenin100, wieder ganz den „Klassenstandpunkt" hervorkehrend, den Imperialismus als „die Epoche des Finanzkapitals und der Monopole", „des Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausbildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Verteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist". Bevor die begriffliche Klärung weitergeführt wird, seien hier, der zunehmenden Wirklichkeitsnähe nach geordnet, noch einige Definitionen eingefügt, die auf einem ganzheitlichen Denken im Sinne 0. Spanns beruhen. „Unter Imperialismus versteht man", so sagt H. Friedjung101, „den Drang der Völker und der Machthaber nach einem wachsenden Anteil an der Weltherrschaft, zunächst durch überseeischen Besitz." Imperialismus bedeutet nach Kobatsch102, „daß eine 98 Zit. bei Hashagen, a.a.O. S. 179. 99 Renner: Marxismus, Krieg und Internationale. Stuttgart 1918, S. 135. 100 Lenin, W. J.: Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus, 1915. Die zweite, unmittelbar darauf folgende unveränderte Auflage trägt den Titel: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", was entwicklung&mäßig gesehen ein grundlegender Unterschied ist, worauf noch einzugehen sein wird. 101 Friedjung, H.: Das Zeitalter des Imperialismus 1884 bis 1914. Berlin 1919/22, Bd. I, S. 5. 102 Kobatsch: Internationale Wirtschaftspolitik, Wien 1907. Zit. bei Hashagen a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
343] Erscheinungsformen und Wesen des Imperialismus 87 große und hochentwickelte Nationalwirtschaft außer ihrem Stammlande mehr oder weniger zahlreiche andere Nationalwirtschaften in den Machtbereich der Internationalen Wirtschaftspolitik zu bringen strebt". Dix103 endlich sieht das Wesen des Imperalismus in einem „Weltmachtwachstumswillen", einem Streben nach Weltmacht, „die beseelt ist von dem Willen, sich auszuwachsen gemäß den Bedürfnissen ihres Volkstums und ihrer Volkswirtschaft". Gehen wir nun unserem Schema entsprechend an die Frage heran, ob es sich beim Imperialismus um ein „Klasseninteresse" handele oder nicht, so werden uns Betrachtungen, wie sie Sulzbach104 anstellt, von Nutzen sein. Ähnlich wie Schumpeter unterscheidet auch er einen „Fürstenimperialismus" als „Klassenimperialismus". Da hier nur einer oder wenige herrrchten, profitierten sie, so meint er, wenn der Staat erfolgreich expandierte, denn die Zahl der Herrschenden blieb die gleiche, während die Zahl der Unterworfenen zunahm. Zwar läßt sich denken, und die Erfahrung bestätigt es, daß Eroberungen, um ein anderes Wort zu gebraudien, auch dem Volke zugute kommen konnten, in Form von Verbesserungen der Lebenshaltung oder in Gestalt von Steuererleichterungen, die ein leistungsfähigerer Raum (wenn auch vielleicht erst kommenden Generationen) ermöglichte. Auf eine solche Politik hatten die Massen jedoch keinerlei Einfluß, und insofern mag diese Art von Imperialismus, wenn man sie begrifflich gelten lassen will105, „rational restlos verständlich" erscheinen. Dagegen ist es unbegreiflich und unerklärlich, und darin wird man Sulzbach unbedingt zustimmen, wie es in einem demokratisch regierten Staate, bei freien Wahlen, einer „Klasse" möglich sein sollte, selbst wenn sie die Propaganda weitgehend beherrschte, dem ganzen Volke oder bestimmten Teilen eine Auffassung einzureden und aufzuzwingen, die über die Selbstverleugnung der eigenen Interessen hinaus bis zur Selbstaufopferung für die Interessen der anderen im Kriege ginge106. Eine solche Interessenillusion wäre derart, daß man sie nicht einmal denken mag. Deshalb wird man den Gemeinschaftsund Volkscharakter des Imperialismus als unbedingt vorhanden ansehen. Aber Sulzbach hält den „nationalen Imperialismus" im Gegensatz zum „Fürstenimperialismus" auch noch aus einem anderen Grunde für widerspruchsvoll. Wenn, so folgert er, England Südafrika oder Deutschland Belgien annektierte — die Wahl dieses Beispiels zeigt 103 Dix: Deutscher Imperialismus. 2. Auflage, Leipzig 1914. 104 Sukbach, a.a.O. 105 Vgl. S. 92 f. 106 Vgl. S. 69. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20
88 Julius Gumpert [344 uns, wie weit sich die Welt in den letzten zehn Jahren vom imperialistischen Denken bereits entfernt hat, welcher politische Fortschritt seither tatsächlich erzielt worden ist, — so gehörten zu der bei den Siegern bestimmenden Schicht nicht einige wenige, sondern Millionen. Diese Millionen würden, wenn sie, im eigenen Interesse nach demokratischen Prinzipien verfahrend, den Besiegten Gleichberechtigung gewährten, weder reicher, noch (individuell) mächtiger, noch angesehener als früher sein. Und trotzdem glaubten sie an den wirtschaftlichen und politischen Wert des Inperialismus. Das sei, und hier befindet er sich wieder in Übereinstimmung mit Schumpeter, nur durch psychische Daten zu erklären, von denen er den „Willen zur Macht", die „Freude am Kampf", und die „Ehre der Nation" hervorhebt. Zusammengefaßt im nationalen Patriotismus, sei eine solche Haltung jedoch das gerade Gegenteil von wirtschaftlichem Interessenkalkül. Paradoxerweise glaube man dennoch an die gleiche Interessenlage, die wirklich für die Fürsten gegolten habe. Daher kommt er zu dem Schluß: „Die Außenpolitik der demokratischen Nationen ist monarchistisch, ohne daß ihre Träger es ahnen"107. Diese — scheinbaren — Widersprüche erklärt Friedjung108 durch eine idealistische Dialektik im Hegeischen Sinne: „Als der nationale Gedanke", so sagt er, „sich in der Hauptsadhe durchgesetzt hatte, schlug er in sein Gegenteil um. Die Völker begnügten sich nicht mit dem überkommenen oder neu errungenen Nationalstaat, sondern wollten sich zum Weltstaat ausweiten und damit einen möglichst großen Teil der Erde umspannen." Im Gegensatz zu derartigen Deutungsversuchen, die wir als konstruiert empfinden, wird heute ziemlich allgemein angenommen, daß eine der Hauptursachen der allgemeinen Expansion eine irgendwie geartete räumliche Beengung ist. Auf seinem Standpunkt verharrend, begegnet Sulzbach109 einer solchen Annahme mit dem Hinweis, daß 107 Sulzbach sieht ferner ein antidemokratisches Verhalten darin, daß kein Staat das Ausscheiden von Teilgebieten erlaube. Er nennt das „statischen" (im Gegensatz zu „dynamischem") Imperialismus. Damit wird in die Begriffsbildung ein Moment einbezogen, das zum Wesen des Staates selbst gehört. Andererseits bleibt die Tatsache unberücksichtigt, daß derartige Gebietslösungen tatsächlich vorgekommen sind (Großbritannien-Irland). Daß die Staatsverfassungen ein solches Recht nicht ausdrücklich verbriefen, ist dabei unwesentlich (soweit ich sehe, bildet die UdSSR mit ihrem Verfassungsiartikel 17, der den Unionsrepubliken „das Recht auf freien Austritt" garantiert, die einzige Ausnahme; aber gerade hier ist da« Sezessionsrecht, wie besonders auch die Berliner Konferenz von 1954 gezeigt hat, praktisch problematisch). Vgl. S. 4. 108 Friedjung, a.a.O. S. 5. 109 Sulzbach, a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.74.3.49 | Generated on 2023-04-04 11:10:20