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Die Theorie von den drei Kapitalarten

Ischboldin, Boris

Abstract

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Ischboldin, Boris Article Die Theorie von den drei Kapitalarten Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Ischboldin, Boris (1955) : Die Theorie von den drei Kapitalarten, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 75, Iss. 3, pp. 23-46, https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290823 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 279] 23 Die Theorie von den drei Kapitalarten Von Boris Ischboldin - Saint Louis, USA Als Kapital bezeichnet man den nicht ursprünglichen primären Produktionsfaktor, der mit der Arbeit und den Naturkräften zusammenwirkt. Es tritt entweder als regulärer Produktionsfaktor in materieller Form oder als eine gewisse produktive Kraft in einem monetären Gewand auf. Dieser komplexe Charakter des Kapitals ruft einige Verwicklungen hervor, die uns an eine in etwa verwandte Beziehung zwischen Realund Geldeinkommen erinnern. Außerdem wirkt nicht jedes Geldkapital als eine produktive Kraft im engeren Sinne; denn es ist manchmal so eng mit Realkapital verbunden, daß es eher als eine von der Buchhaltung benutzte reine Abstraktion erscheint. Es muß zwischen den drei folgenden Kapitalarten unterschieden werden. 1. Realkapital, welches bisweilen wegen seiner materiellen Substanz als „natürliches" oder produktives Kapital bezeichnet wird und eindeutig mit der Produktion materieller Güter verbunden ist. In gewissem Sinne ist dies eine statische Kapitalform, welche von fast allen Nationalökonomen behandelt wird, besonders aber von BöhmBawerk, Marshall, Cassel und Alfred Ammon, um nur einige zu nennen. 2. Formalkapital, welches häufig als „Betriebskapital" oder „reines Kapital" betrachtet wird. Nach unserer Auffassung sollte diese Kapitalart als Geldkapital abstrakter Natur definiert werden, welches eine aktive Investition symbolisiert. Dies ist eine kinetische oder in einem bestimmten Sinne semistatische Kapitalform, die für die Buchhaltung von großer Bedeutung ist. Vom Standpunkt der ökonomischen Theorie kann Formalkapital eventuell eine Inflation bewirken; daher ist ihm eine potentiell dynamische Natur zu eigen. Die Theorie des Formalkapitals wurde besonders von John B. Clark, Sombart, Vehlen, Cassel, Pigou und Frank Knight entwickelt. * Ubersetzung aus dem Englischen von Dr. Johannes Stemmler. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 24 Boris Ischboldin [280 3. Kapitaldisposition, welche als Investitionskraft dient, ist die rein dynamsiche Form des Geldkapitals. Sie kann in engen Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt gebracht werden, nämlich unter der Annahme, daß ihre Schaffung von dynamischen Unternehmern angeregt wurde. Die Theorie der Kapitaldisposition wurde besonders von Schumpeter, Cassel, Hicks, Frank Fetter, Oscar Lange, Bernard Dempsey und Fritz K. Mann entwickelt. Die oben angeführten drei Kapitalarten sind eng miteinander verbunden. Aus diesem Grunde werden sie in den Werken fast aller modernen Nationalökonomen behandelt. Dies gilt insbesondere von Cassel, von Wieser, Ammon und Hicks. Einige Volkswirtschaftler beschäftigen sich jedoch nicht mit jeder der drei Kapitalarten. So vernachlässigen Schumpeter und P a r e t o beispielsweise das Formalkapital, während sich Böhm-Bawerk fast ausschließlich dem Realkapital widmet. Fetter geht so weit, den Begriff des Realkapitals, H a y e k , den des Formalkapitals abzulehnen. Beide stellen jedoch Ausnahmefälle dar. Wenden wir uns erst der Diskussion des Realkapitals zu. Darunter verstehen wir ein System von Realkapitalgütern, d. h. von Menschen hergestellten oder veredelten wirtschaftlichen Gütern meist physischer Natur, welche zum Zwecke der Bereitstellung oder des Erwerbs materiellen Wohlstandes verwandt oder gehalten werden. Dieser Definition zufolge stellen alle unberührten natürlichen Kraftquellen, wie z. B. jungfräulicher Boden, keinen Bestandteil von Realkapital dar. Andererseits ist eine von Menschen durchgeführte Amelioration des Bodens ein Realkapitalgut, selbst wenn es mit dem Naturfaktor Boden so eng verbunden ist, daß es praktisch von ihm nicht getrennt werden kann. Dasselbe gilt auch von einem von Menschen geschaffenen semi-immateriellen Gut, dem „Recht", welches normalerweise in Ertrag bringende Wertpapiere gekleidet ist. P a r e t o betrachtet die Arbeit als ein „persönliches Kapital", welches ihm zufolge einen Teil des Realkapitals darstellt. Als Begründung führt er den Umstand an, daß die Arbeit zum Teil durch Erziehung und Selbstdisziplin „ von Menschen geschaffen" ist. Diesen Standpunkt können wir jedoch nicht teilen. Denn eine schöpferische Arbeit, ein Talent, ist ein freies Geschenk der Natur und daher niemals von Menschen gemacht. Natürlich kann man nicht leugnen, daß die Arbeit; im allgemeinen etwas mit dem Boden gemeinsam hat, vereinigt sie doch angeborene und eindeutig geerbte Eigenschaften mit einigen von Menschen geschaffenen Elementen. Doch besitzt der Träger all dieser Qualitäten eine Persönlichkeit, wogegen ein Stück Land keine solche hat. Allein aus diesem Grunde muß die Arbeit als OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 281] Die Theorie von den drei Kapitalarten 25 eine eigene Kategorie und nicht als Teil des Realkapitals aufgefaßt werden. Nur ein Sklave kann mit einem Realkapitalgut identifiziert werden, weil in diesem Falle die Arbeit von ihrem Träger (im Urteil des Sklavenhalters) nicht geschieden wird. H i c k s schließt ebenfalls die Arbeit aus dem Realkapital aus und führt einen ähnlichen Grund an. Er behauptet, daß die Arbeit keinen Kapitalwert hat. Dies ist gewiß richtig, wenn man den Sklaven wieder unberücksichtigt läßt. Nahezu alle Nationalökonomen sind sich darin einig, daß das Realkapital nicht wie Arbeit und Boden als ursprünglicher Produktionsfaktor angesehen werden kann, da es viel eher von der auf die Naturkräfte angewandten menschlichen Arbeit abgeleitet ist. Insbesondere behaupten die meisten klassischen und sozialistischen Autoren, wie auch letzten Endes Schumpeter, daß das Realkapital lediglich aufgespeicherte Arbeit darstellt. Das zu einem bestimmten Grade ist diese Tatsache, daß sich das Realkapital von der Arbeit und dem Boden der Vergangenheit emanzipiert hat und in der Wirklichkeit als autonomer Produktionsfaktor wirkt, selbst wenn es die wirksamere Anwendung gegenwärtiger Arbeit auf die Materie nur als eine Art „Vermittler" herbeiführt, z. B. als System von Werkzeugen und Maschinen. Diese Emanzipation des Realkapitals ist dem Zeitelement zuzuschreiben, welches dann besonders auffallend ist, wenn die Produktion von Werkzeugen mit Hilfe vieler differenzierter Realkapitalgüter, deren Herstellung ihrerseits wiederum zeitkonsumierend ist, stattfindet. In dem oben dargestellten Falle meinen wir das Realkapital im engen technischen Sinne. Viele bedeutende Nationalökonomen, z. B. Adam Smith, Rodbertus und BöhmB a w e r k, erkannten jedoch, daß das Realkapital nicht nur als System produzierter Produktionsgüter im engen technischen Sinne, sondern auch als eine rein historische Kategorie erscheint. In letzterem Falle handelt es sich um privates Realkapital, welches sich aus verschiedenen Erwerbszwecken dienenden dauerhaften Konsumgütern, wie z. B. einem Miethaus, einem Boot oder einem Mietstuhl am Strande, zusammensetzt. Diese zwei sehr verschiedenen Erscheinungsformen des Realkapitals stiften in der Wirtschaftistheorie eine gewisse Verwirrung. So hat z. B. Rodbertus Recht, wenn er sagt, daß unter kapitalistischen Verhältnissen ein Miethaus in die Kategorie des privaten Erwerbskapitals fällt. Andererseits betont Wicksell zu Recht, daß ein Miethaus, da es „Raumnützlichkeit" (utility in place) und „Obdach als Ware" (commodity shelter) produziert, d. h. an der Produktion in weiterem Sinne teilnimmt, unter kapitalistischen Bedingungen auch eine gewisse produktive und soziale Färbung trägt, während es in einer sozialistischen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 26 Boris Ischboltlin [282 Ordnung eher einen Teil der produktiven, nicht erwerbsstrebigen Aktiva der Nation darstellt, was auch von Alfred A m m o n erkannt wurde. Realkapital im engen technischen Sinne ist jedoch von größerer Bedeutung, da sein produktiver Charakter in jeder sozio-ökonomischen Ordnung rein und augenfällig ist. Wie bereits erwähnt, ist das Realkapital ein System von Realkapitalgütern verschiedener Natur. In den folgenden Darlegungen soll gezeigt werden, was wir im einzelnen unter einem Realkapitalgut verstehen. 1. Zu dieser Kategorie gehört jedes von Menschen hergestellte oder veredelte Gut, welches an dem Produktionsprozeß im engen technischen Sinne teilnimmt und daher notwendigerweise ein Gut „abgeleiteter" Nachfrage darstellt, oder, wenn es nicht an einer solchen Produktion teilnimmt, dafür mehr oder weniger regelmäßig als eine eindeutige private Erwerbsquelle dient. So ist z. B. ein Abendkleid im Prinzip ein dauerhaftes Konsumgut, welches auch dann diesen Charakter nicht verliert, wenn seine Besitzerin es gelegentlich ihren Freundinnen vermietet. Sollte jedoch die betreffende Person weitere Abendkleider erwerben und alle geschäftsmäßig vermieten, (d. h. ohne Rücksicht auf die persönlichen Beziehungen), so stellen diese Kleider ein privates Erwerbskapital gesellschaftlicher Natur dar. Es ist klar, daß ein solches Erwerbsgut eine historische Kategorie ist, obwohl es nicht ausschließlich an kapitalistische Verhältnisse gebunden ist, sondern in jeder sozialökonomischen Ordnung, welche Privateigentum an Konsumgütern und ein unabhängiges Individualeinkommen zuläßt, in Erscheinung treten kann. Das ist z. Zt. selbst in der Sowjet-Union der Fall. 2. H a y e k zufolge hat man unter einem Realkapitalgut jedwede nichtdauerhafte Erwerbsquelle zu verstehen. In seiner eigenen Terminologie bedeutet Realkapital „die Anhäufung solcher nicht-dauerhafter Quellen (resources), die nur indirekt genützt werden können und zur ständigen Einkommenserhaltung auf verschiedenen Ebenen beitragen". Mit anderen Worten, wenn ein von Menschen hergestelltes dauerhaftes Gut ewig nützlich bleibt, gehört es nicht dem Realkapital an, wohingegen jede natürliche Hilfsquelle, die ein „schwindendes Aktivum" (wasting asset) darstellt, d. h. von begrenzter Dauer ist, dazugehört. Nach unserer Auffassung ist dieser Gedanke abzulehnen, weil es keinen von Menschen gemachten Produktionsfaktor gibt, der wortwörtlich „ewig" wirkt und nicht erneuerungsbedürftig wäre. Nehmen wir beispielsweise ein sehr dauerhaftes, von Menschen hergestelltes Gut wie einen Tunnel, so wird unser Standpunkt immer noch Gültigkeit besitzen, da ein Tunnel häufig repariert werden muß; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 283] Die Theorie von den drei Kapitalarten 27 allein die Lüftungsanlage bedarf ständiger Kontrolle. Selbst ein Damm aus Beton, vielleicht das dauerhafteste Gut, das Menschen schaffen, ist in unserer Zeit äußerst fortgeschrittener Kriegführung nicht mehr unzerstörbar. Andererseits wird fast jede „schwindende" Naturkraft nicht dadurch zu einem Realkapitalgut, daß sie nicht-dauerhaft ist (wie H a y e k annimmt), sondern deshalb, weil sie von Menschen „berührt" ist und daher einen Teil des zirkulierenden Realkapitals darstellt. 3. Realkapitalgüter können stehende oder umlaufende sein. John St. M i 11 gab eine gute Definition dieser zwei Realkapitalgüterarten für den Fall, daß ihr System als eine logische Kategorie auftritt. Ihm zufolge besteht jedes stehende Realkapitalgut in einer dauerhaften Form, und seine Wirksamkeit ist durch Abschreibung seiner Nutzenminderung über eine entsprechende Zeitspanne verteilt. Mit anderen Worten, jedes fixe Realkapitalgut wird im Prinzip produktiv konsumiert; jedoch kann seine Teilnahme an der Produktion nicht sinnlich wahrgenommen, sondern nur mittels Amortisation bestimmt werden. Wenn zum Beispiel eine Maschine normalerweise fünf Jahre hält und am Ende des ersten Jahres ihrer produktiven Verwendung ihr Wert auf 4/s ihres ursprünglichen Wertes geschätzt wird, so impliziert dies, daß Vs dieser Maschine produktiv konsumiert wurde. Andererseits erfüllt jedes umlaufende Realkapitalgut nach John St. M i 11 seine Aufgabe in der Produktion, an der es teilnimmt, durch eine einmalige Verwendung oder aus einer kleinen Anzahl von Umsatzakten. Diese Definition ist wohl richtig, aber nicht vollständig, weil ein Realkapitalgut auch dann von einem Betrieb als Teil des Zirkulationskapitals betrachtet wird, wenn es in einem einzigen Umsatzakt verwandt werden kann. Zu dieser Kategorie gehören alle als Ware behandelten Fertigprodukte einschließlich der Verkaufsrechte (vendible rights). In letzterem Falle haben wir es jedoch mit privatem Erwerbsrealkapital von normalerweise sozialem Charakter zu tun, welches nicht produktiv konsumiert wird. Professor B o u 1 d i n g sagt, daß die Reifen eines Autos nach 100 Fahrmeilen fixes Kapital darstellen, nach 20 000 Meilen jedoch gleich wie das Benzin zirkulierendes Kapital sind, da sie in „Meilen*4 transformiert werden. Wir können dieser Behauptung nicht zustimmen, weil ein produktiver Reifenkonsum in beiden Fällen stattfand, wenn dies auch bei letzterem Beispiel wahrnehmbar geschah. Die Tatsache, daß der Verbrauch der Reifen lange Zeit in Anspruch nahm, bestätigt nur ihren fixen Charakter. Es ist klar, daß die Reifen unter allen Umständen durch allmählichen Verschleiß produktiv konsumiert werden. Selbstverständlich werden sie letztlich in Meilen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 28 Boris Ischboldin [284 überführt, aber auch eine Maschine wird in Fertigprodukte umgewandelt. Andererseits wird das Benzin schnell verbraucht, was für ein zirkulierendes Realkapitalgut typisch ist. Selbst wenn es im Tank des Wagens aufbewahrt wird, findet der Verbrauch in einer Anzahl kleiner Prozesse statt. Daher sind die Reifen eines Automobils nicht mit dem Benzin zu vergleichen, da sie nur ein fixes Realkapitalgut sein können; dies gilt in der Regel für den Fall, daß das Auto eine Erwerbsquelle darstellt, wie z. B. ein Taxi. Sonst sind sie nichts anderes als ein dauerhaftes Konsumgut und ein Teil des nicht erwerbsuchenden Realvermögens der Person. Es leuchtet ein, daß fixe und zirkulierende Realkapitalgüter eng miteinander verbunden sind. Hier sind zwei Fälle möglich: a) Dasselbe Realkapitalgut kann entweder fix oder zirkulierend sein. So ist z. B. eine von einer Fabrik betätigte Maschine ein stehendes Realkapitalgut, während eine von einem Maschinenbauer als Ware verkaufte Maschine ein zirkulierendes Realkapitalgut ist. In letzterem Falle wird es in einem einzigen Umsatzakt verbraucht. b) Ein zirkulierendes Realkapitalgut wird häufig von einem stehenden Realkapitalgut produktiv konsumiert. So verbraucht beispielsweise eine Maschine Kohle oder Schmieröl, also zirkulierende Realkapitalgüter. Eine Milchkuh ist häufig ein stehendes Realkapitalgut, da sie eine von Menschen berührte natürliche Kraftquelle darstellt, die als regelrechte private Erwerbsquelle dient. Sie konsumiert produktiv das Futter, d. h. ein zirkulierendes Realkapitalgut, das gleichzeitig eine von Menschen berührte natürliche Kraftquelle ist, wie z. B. Heu. Der Mensch vermag auf diese Weise von groben Gräsern zu zehren, die er selbst nicht essen kann. Er verwandelt sie in Milch oder gar Fleisch zahmer Tiere, die er dann als zirkulierendes Kapital, d. h. als Ware behandeln kann. In unserem Beispiel meinen wir eine Kuh, die zu einem Molkereibetrieb gehört; sonst handelt es sich um ein dauerhaftes Konsumgut. Man sollte deutlich zu unterscheiden trachten zwischen dauerhaften materiellen Gütern von einer augenscheinlich indirekten Natur (wie Werkzeuge, Maschinen, Rohmaterial), welche notwendigerweise Realkapitalgüter darstellen, und solchen dauerhaften Gütern, welche, wie ein Auto, ein Haus, ein Boot dann als Realkapitalgüter betrachtet werden können, wenn sie als eine Erwerbsquelle dienen. Unter normalen kapitalistischen Verhältnissen werden selbst die der ersten Kategorie angehörenden dauerhaften materiellen Güter (wie die Maschine), notwendig einen Erwerbscharakter annehmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 285] Die Theorie von den drei Kapitalarten 29 Die Verwendung von Produktivkapital im engeren Sinne formt die gegebene sozio-ökonomische Ordnung solange nicht in Kapitalismus um, als das Erwerbsprinzip nicht im Vordergrund steht. Sonst muß man, wie Prof. N. G r a s , zu dem seltsamen Schluß kommen, daß der moderne Kommunismus und die Wirtschaft eines Wilden, der einige Werkzeuge benutzt, „kapitalistische geschäftslose (none business) Wirtschaften" sind. Der Ausdruck „kapitalistisch" in einem nicht institutionellen Sinne sollte nur wie bei Böhm-Bawerk benutzt werden, nämlich als eine Bezeichnung für einen das Realkapital benutzenden Produktionsumweg, d. h. ohne Bezugnahme auf ein institutionelles Problem. 4. Das als Produktivkapital im engen Sinne aufgefaßte stehende Realkapital erscheint, wenn es von einem Betrieb verwandt wird, in zwei verschiedenen Formen. Es tritt besonders deutlich dann als Realkapital auf, wenn es sich aus dauerhaften Gütern zusammensetzt, welche andere materielle Güter hervorbringen. Zu dieser Kategorie von Realkapitalgütern gehören beispielsweise Maschinen, Fabrikgebäude, Kraftanlagen usw. Eine Maschine bringt ein anderes Gut hervor, bleibt jedoch selbst ein Gut „indirekter Nachfrage", weil es keine direkte Verbindung zum Konsumenten hat. Es kann sich aber auch eine andere Art von stehenden Realkapitalgütern im Besitze eines Betriebes befinden. Wir meinen damit solche dauerhaften materiellen Güter, die ihre Dienste in einem engen (organischen) Zusammenhang mit dem Produktionsprozeß im technischen Sinne leisten, obwohl ihre Produktivität sonst weniger klar wäre. In diese Kategorie gehören beispielsweise Straßenbahnwagen, die von einem Betrieb ausschließlich für den Gebrauch seiner Arbeiter betrieben werden, oder betriebseigene Wohnhäuser, die den Reallohn ihrer Angestellten erhöhen. Dieser Fall wurde von Cassel gut erklärt. Das von einem Betrieb benutzte umlaufende Produktivkapital im engeren Sinne besteht aus materiellen Gütern, die sich noch im Produktionsprozeß befinden: wie Rohmaterialien, Halbfertigprodukte, Hilfsmaterial, und manchmal auch aus einem Vorrat an Konsumgütern, die den direkten Lebensunterhalt der Arbeiter sichern und daher als ein gewisser „Lohnfond" oder als ein Mittel zur Steigerung des Realeinkommens der Betriebsbelegschaft dienen. Das stehende Realkapital muß selbst in einer stationären Wirtschaft regelmäßig reproduziert werden. Amortisation impliziert die Schaffung eines gewissen Ersatzfonds, der auch unter sozialistischen Bedingungen das Anliegen jeder Einzelwirtschaft sein muß. Das Problem des Ersatzfonds kann vom Standpunkte der Wirtschaftstheorie auf folgende Sätze zurückgeführt werden: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 30 Boris Ischboldin [286 1. Wenn ein Unternehmer die Erneuerung des Realkapitals auf der Basis seines Anschaffungswertes (ausgedrückt in neutralem Geld) außer acht läßt, so mißversteht er den eigentlichen Sinn der Abschreibung als Ausdruck produktiven Konsums und gibt seinen materiellen Wohlstand preis. Dasselbe gilt dann, wenn die Kapitalerneuerung mittels geliehener Fonds finanziert wird, da es in einem solchen Falle kaum zur Bildung eines Ersatzfonds kommen wird. 2. Wenn eine Unternehmung ihr stehendes Realkapital dadurch an Wert verlieren läßt, daß sie nicht genug von ihrem Bruttoeinkommen für die Erhaltung ihrer Ausstattung ausgibt, zahlt sie eine unverdiente Dividende aus und hat einen Pseudowohlstand. Dieser Fall kommt häufig bei rückläufiger Konjunktur vor, wenn die Amortisation oft vernachlässigt wird, da sie als Supplementärkosten (im Sinne von Marshall) auf die kurze Sicht nicht berücksichtigt zu werden braucht. Während einer größeren Inflation ist die übliche Amortisation äußerst unzureichend. Andererseits wäre es wissenschaftlich falsch, wenn die Unternehmung unter normalen Verhältnissen den abgeschriebenen Wertverlust (d. h. die Amortisation) den sich verändernden Reproduktionskosten des Realkapitalgutes anpassen würde. Die Amortisation muß nur die ursprünglichen Kosten des produktiv konsumierten Produktionsfaktors ersetzen. Mit anderen Worten, wenn die betreffende Maschine 5000 Dollar kostet und normalerweise in fünf Jahren abgenutzt ist, sollte sie bis zu dem Betrag von 5000 Dollar in Geldeinheiten von derselben Kaufkraft abgeschrieben werden. Wenn nach 5 Jahren eine ähnliche Maschine auf Grund relativer Knappheit 6000 Dollar kostet, so bedeuten die fehlenden 1000 Dollar einen besonderen Verlust. Ein derartiger Verlust sollte aus einem besonderen Reservefond gedeckt werden, nicht jedoch durch Amortisation, welche den regulären produktiven Konsum der betreffenden Maschine symbolisiert. Kann andererseits der Ersatz der Maschine unter den abgeschriebenen ursprünglichen Kosten erfolgen, so kommt dies einem Zufallsgewinn gleich, welcher für uns in diesem Zusammenhang irrelevant ist. 3. Wenn eine ganze Reihe von Großbetrieben ihr stehendes Realkapital nicht regelmäßig, sondern nur sprungweise ersetzt oder reproduziert, so führt dies zu einer Akzentuierung des Konjunkturverlaufes, was zu Recht von Karl Marx und Tugan-Baranowski betont wurde. Wird die Amortisation vernachlässigt, so nimmt das Realkapital des betreffenden Landes notwendigerweise ab. 4. Fließt Geldkapital von einer Industrie zu einer anderen, so handelt es sich hierbei oft um die akkumulierten Ersatzfonds. Aus der Wirtschaftsgeschichte kennen wir einige Fälle, wo zum Beispiel OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 293] Die Theorie von den drei Kapitalarten 37 b) Kapitalgüter (in der Buchhaltung: Aktiva), die gewöhnlich nur vorübergehend das betreffende Reinkapital verkörpern. In Wirklichkeit treten diese in das Gütersystem ein und verlassen es wieder, wie die einzelnen Wassertropfen den Wasserfall durchlaufen. 3. Formalkapital erscheint im Rahmen einer Geld-Tauschwirtschaft als eine historische Kategorie und als ein Mittel zur Berechnung des in Geld ausgedrückten Erwerbsvermögens. Da ein solches Kapital in einem Einkommen schaffenden Realvermögen verkörpert ist, hat es notwendig einen Erwerbscharakter, und manchmal wird es als „Geschäftskapital" oder gar „lohnendes Kapital" (remuneratives Kapital) definiert, z. B. von Vehlen und Cassel. Wenn ein Wirtschaftshistoriker behauptet, daß sich der Kapitalismus in einem bestimmten Lande ausdehnt, so meint er normalerweise damit, daß einige neue Arten materieller Güter und gewöhnlich das Realvermögen einer rückständigen Region von der erwerbsstrebenden GeldTauschwirtschaft verschlungen werden, so daß sie zur Verkörperung eines Teiles des nationalen Formalkapitals werden. 4. Formalkapital ist entweder stehend oder zirkulierend, je nachdem wie fest es durch die Realkapitalgüter verkörpert wird, d. h. wie leicht es desinvestiert werden kann. Kann ein gegebenes Formalkapital nicht leicht von einem anderen Kapitalgütersystem verkörpert werden, so ist es stehendes Kapital. Wenn andererseits seine Verkörperung käufigen Umwandlungsprozessen unterliegt, so handelt es sich um zirkulierendes Kapital. Da das Formalkapital eng mit den Realkapitalgütern verbunden ist, kann der hier entwickelte Gedanke vom Standpunkt des Realkapitals vorgebracht werden: Realkapital ist manchmal ein „freies" Kapital. Das bedeutet, daß die Kapitalgüter, aus denen es zusammengesetzt ist, ein loses System darstellen, welches mit nur geringem Verlust aufgelöst werden oder andererseits als eine Ganzheit leicht einer anderen Verwendung zugeführt werden kann. So kann z. B. ein Betrieb, der eine bestimmte Ware herstellt, mit unbedeutendem oder auch ganz ohne Verlust auf die Produktion eines anderen Gutes umgestellt werden. Jedes Realkapitalgut ist frei, wenn es beweglich ist, d. h. es gibt eine Reihe von alternativen Verwendungen, denen es zugeführt werden kann. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise viele nicht-spezifische Werk' zeuge und Hilfsmaterialien. Die Mobilität eines Realkapitalgutes hängl darüber hinaus auch von dem Mobilitätsgrad anderer Kraftquellen ab, mit denen es zusammenwirkt. Diesen Zusammenhang sieht H a - y e k sehr richtig. Im großen und ganzen kann jedes freie Realkapitalgut mit einem geringen, wenn überhaupt einem Verlust zu einer ertragreicheren Beschäftigung zurückgezogen werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 38 Boris Ischboldin [294 Realkapital sollte dann als „spezifisches Kapital" definiert werden, wenn es aus unbeweglichen Realkapitalgütern besteht und deshalb nur für einen Zweck verwendet werden kann. Jedes spezifische Realkapitalgut geht ein Risiko ein, nahezu wertlos, d. h. in den Zustand von Schrott versetzt zu werden. Aus diesem Grunde ist es gegenüber den Konjunkturschwankungen sehr empfindlich. Wenn ein dauerhaftes Gut dieser Art zum Teil veraltet, wird man die Tatsache zu berücksichtigen haben, daß es einen Ertrag liefert, der weit unter dem objektiv normalen Ertrag liegt; denn der Teil des Formalkapitals, den es verkörpert, ist festgelegt und kann daher nur mit einem größeren Verlust desinvestiert werden. Unter modernen kapitalistischen Verhältnissen wird das Realkapital hoch spezialisiert; deshalb entwickelt es einen beachtlichen Grad wirtschaftlicher Unbeweglichkeit. Dies ist ein Grund, warum eine Depression in unserer Zeit jede Erwerbswirtschaft schlimmer trifft als je zuvor. Andererseits, vom Standpunkt eines Individuums oder einer Unternehmung, ist das Realkapital heute freier als in der Vergangenheit, weil das Formalkapital, das es verkörpert, auf andere Personen oder auf eine andere Unternehmung durch verkäufliche Wertpapiere übertragen werden kann. Mit anderen Worten, die moderne Effektenbörse setzt objektiv unbewegliches Realkapital nominell frei, indem sie das entsprechende Formalkapital einem anderen Besitzer zuweist. Wegen der hochgradigen Mechanisierung und der häufigen Verwendung von spezifischen Realkapitalgütern haben wir in Wirklichkeit heute eine verhältnismäßig große Immobilität von Realkapital. Da das Realkapital spezialisiert ist, wird das Formalkapital notwendig feststehend. Betrachten wir jedoch das Problem wieder vom Standpunkte des Besitzes, so besteht eine größere Mobilität des Formalkapitals, da es in Wertpapiere gekleidet ist und daher wie eine gewisse Ware behandelt wird. Aus diesem Grunde schlägt Vehlen vor, Formalkapital als „verkäufliches Kapital" (vendible capital) zu bezeichnen. 6. In unserer Theorie des Formalkapitals unterstellten wir, daß das abstrakte Geldkapital nur von „Einkommen verursachenden" Realkapitalgütern verkörpert wird, von solchen von Menschen geschaffenen oder bearbeiteten wirtschaftlichen Gütern, die als eine zweckhafte Erwerbsquelle dienen. Daher ist jede Ware eine typische Verkörperung eines Teiles des Formalkapitals. Folglich können wir nicht zugeben, daß ein Teil dieses Kapitals eventuell von nichterwerbsstrebenden Gütern verkörpert wird. Wenn dies jedoch jemand tun sollte (was unserer Meinung nach nicht wünschenswert ist), so würde es notwendig, zwischen erwerbsstrebenden Realkapitalgütern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 295] Die Theorie von den drei Kapitalarten 39 und einfachen „Kapitalgütern" zu unterscheiden, wobei unter letzteren die Träger einer passiven Investition, die ebenfalls einen Teil des Formalkapitals verkörpern, zu verstehen wären. Im allgemeinen erscheint eine Investition vom Standpunkt der Einzelwirtschaft in folgenden Formen: A) Dynamische Investition, die als ein Prozeß aufgefaßt wird, der wiederum wie folgt unterteilt wird: a) Verwendung der verfügbaren Kaufkraft für den Erwerb von Realkapitalgütern. Gewöhnlich meint man mit diesem Falle die sogenannte „Netto-Investition" oder die Vergrößerung des Realkapitals, nicht nur ihre Erneuerung. Eine solche Handlung impliziert eine aktive Investition. b) Bildung zusätzlichen Realvermögens nicht-erwerbsstrebender Natur durch die Ausgabe von liquiden Fonds für dauerhafte Konsumgüter wie Wohnhäuser, Goldbarren, Schmuck usw. Im allgemeinen übersteigt das Realvermögen einer Einzelwirtschaft sein Realkapital, wenn sie Güter wie jungfräulichen Boden, Goldmünzen usw. besitzt. In allen diesen Fällen liegt eine passive Investition vor. B) Statische Investition oder Investition als ein gewisser Zustand. In diesem Falle muß ebenfalls eine Unterteilung getroffen werden, nämlich: a) Es ist mit Formalkapital identisch oder es ist eine aktive Investition, wenn seine Verkörperung aus Realkapitalgütern besteht, die im Prinzip unter dem Kapitalismus erwerbsstrebend sind. b) Es ist eine passive Investition, wenn seine materielle Verkörperung aus nicht-erwerbsstrebenden Gütern besteht, die keinen Teil des Formalkapitals verkörpern. Es muß festgestellt werden, daß Ralph H a w t r e y den Terminus „passive Investition" in einem anderen Sinn gebraucht, da er eine derartige Investition mit dem nicht absetzbaren Teil „unkonsumierten Vermögens" oder mit der unfreiwilligen Anhäufung unverkaufter Güter identifiziert. Er glaubt, daß eine solche Investition einen großen Einfluß auf die Konjunkturschwankungen hat, weil das Gleichgewicht nur so laage anhält, als die Gesamtinvestition aktiver Natur und gleich dem Sparen ist. In unserer Auffassung ist auch der Vorrat unverkaufter Waren ein Teil der gesamten aktiven Investition. Folglich sollte von unserem Standpunkt aus das Formalkapital mit einer erwerbsstrebenden aktiven Investition identifiziert werden, während passive Investitionen nur einen nicht-erwerbsstrebenden Teil des OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 40 Boris Ischboldin [296 Realvermögens darstellen. Wenn man diese Theorie vertritt, muß man zugestehen, das das Formalkapital eine eindeutig historische Kategorie ist und daß nicht das gesamte in Geld ausgedrückte Realvermögen Formalkapital ist. Andernfalls wird man die Gesamtinvestition jeglicher Art mit Formalkapital identifizieren müssen und es gibt dann einen großen Unterschied zwischen Geschäftskapital und Formalkapital, welches größer sein wird. Beide Auffassungen sind im Prinzip möglich, aber die von uns vertretene erstere ist besser, da sie eine organische Verbindung herstellt zwischen Formalkapital und Realkapital, welches unter kapitalistischen Bedingungen normalerweise Erwerbscharakter trägt. 7. Formalkapital ist im Prinzip ein kinetisches Ganzes, weil es die Tendenz hat, sich selbst als eine gewisse abstrakte „produktive Kapazität" oder Ertragskraft, die in den Eigenschaften äußerlicher Dinge (in der Terminologie von K n i g h t) verkörpert ist, zu verewigen. Als Regel befinden sich die zirkulierenden Realkapitalgüter, die das Formalkapital zum Teil verkörpern, in ständigem Umsatz. Wie wir wissen, ist das Formalkapital im allgemeinen eine abstrakte Summe Geldes, die von zwei verschiedenen Realkapitalgütersystemen in zwei verschiedenen Perioden verkörpert sein kann. Nehmen wir zum Beispiel ein Formalkapital von 10 000 Dollars, so wird es dahin tendieren, eine aktive Investition von derselben Größe zu sein ohne Rücksicht auf die Art der Realkapitalgüter, auf denen es basiert. Natürlich läßt sich nicht leugnen, daß jede Unternehmung dazu neigt, ihr Formalkapital zu erhöhen; doch beseitigt diese Tatsache nicht den kinetischen Wesensgehalt dieser Kapitalart. So bleibt ein Wasserfall auch dann kinetisch, wenn sein Besitzer den Fluß erweitern sollte. Professor H a y e k lehnt jedoch nicht nur den kinetischen Charakter des Formalkapitals ab, sondern weist diese Auffassung des Kapitals überhaupt zurück. Er unterstellt nämlich, daß die Unternehmung, die ihre Realkapitalgüter regelmäßig erneuert, nicht dazu neigt, ihr abstraktes Geldkapital, das von diesen Gütern verkörpert wird, intakt zu halten, sondern ihr Einkommen. Nach unserer Auffassung ist es normalerweise unmöglich, anzunehmen, daß ein Erwerbsunternehmen, welches sein Realkapital ersetzt, jemals dazu neigen kann, sein Einkommen zu stabilisieren. Es wird vielmehr versuchen, bei gleicher Höhe der aktiven Investitionen sein Überschußeinkommen zu erhöhen. Es ist gewiß richtig, daß H a y e k s Prinzip die Erhaltung der Einkommen tatsächlich nach dem ersten Weltkrieg von den amerikanischen Bundesreservebanken angewandt wurde; denn sie bevorzugten stabilere Erträge der Staatsanleihen den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 297] Die Theorie von den drei Kapitalarten 41 veränderlichen Diskontsätzen. Dies war jedoch ein Ausnahmefall, den eine besondere nicht-erwerbsstrebende finanzielle Institution bildete. 8. Wir halten Cassels gebräuchlichen Ausdruck „Formalkapital" für besser als John B. Clar ks Terminus „reines Kapital", weil Realkapital viel „reiner" als Formalkapital ist, da es wesensgemäß eine logische Kategorie und ein unabhängiges Phänomen ist. Formalkapital hingegen basiert auf einem erwerbstrebenden Realkapital und kann infliert werden. Man sollte aber auch nicht einfach Formalkapital als „Geldkapital" definieren, denn es ist nicht die einzige Form dieses Kapitals. Der Ausdruck „formal" ist sehr einleuchtend! im Gegensatz zu dem Terminus „real", womit der natürliche (oder konkrete) Charakter der Erscheinung betont wird. 9. Formalkapital kann jederzeit in großem Ausmaße erschöpft werden, weil es seine frühere Größe in Wirklichkeit nur so lange behält, als es dem Marktwert der Realkapitalgüter entspricht, durch die es verkörpert wird. Wir meinen hier jedoch nur ein mehr oder weniger verlängertes Ungleichgewicht zwischen Formalkapital und seinem materiellen Gegenstück. Wenn die Amortisation von der betreffenden Unternehmung vernachlässigt und der entsprechende Fondbetrag als Überschußeinkommen zum Zwecke der Verausgabung für Konsumgüter verteilt wird, findet ein gewisses „Entsparen" statt, was praktisch bedeutet, daß ein Teil des Formalkapitals in einem gewissen Sinne konsumiert wird. In diesem Falle muß das Formalkapital eines Tages abnehmen, weil das stehende Realkapital, durch das es verkörpert wird, buchstäblich „einschrumpft", und das nicht nur in den Büchern. Im Gegensatz zum Realkapital als einem unabhängigen Produktionsfaktor und zum Formalkapital, dem dank der Tatsache, daß es Realkapital widerspiegelt, nur eine rein abgeleitete Produktivität zukommt, kann die dritte Kapitalart, die Kapitaldisposition, als eine besonders dynamische produktive Kraft angesehen werden, die entweder produktiv ist, weil sie Formalkapital schafft oder weil sie die produktive Tätigkeit dynamischer Unternehmer anregt. Daher muß jede Theorie der Kapitaldisposition notwendig eine dynamische Kapitaltheorie sein. Wir haben bereits festgestellt, daß die Kapitaldisposition eine aktive Investitionskraft darstellt. Es erhebt sich nun die Frage nach ihrer Entstehung. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß die Kapitaldisposition mehrere Quellen hat, nämlich: 1. Sie kann von einer Desinvestition des Formalkapitals abgeleitet werden, vorausgesetzt daß der von einem solchen Vorgang herrührende Geldbetrag reinvestiert wird. Ein Geldbetrag ist nur dann Kapitaldisposition, wenn er dazu erklärt wird. Mit andern Worten, eine Absichtserklärung, den betreffenden Geldbetrag zu investieren, formt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 42 Boris Ischboldin [298 das Anweisungsmittel in ein konkretes als Kapitaldispositon definiertes Geldkapital um. Dies wird besonders von F. K. M a n n betont. 2. Enthortete Kaufkraft in bar, welche investiert werden soll. 3. Der desinvestierte Teil der Kaufkraft, der vom passiven Realvermögen dargestellt wird, welches für die Reininvestition vorgesehen ist. So läßt z. B. der Verkauf von Schmuck, der nie wie eine Ware behandelt wurde, oder der Wiederverkauf eines Stückes jungfräulichen Bodens Kapitaldisposition entstehen. 4. Dynamisches Sparen, wenn ein Teil eines Geldeinkommens in Investitionskraft umgeformt wird, d. h. nicht für den Barkauf von Konsumgütern verwendet wird. 5. Wertsteigerung eines dauerhaften materiellen Gutes, besonders eines stehenden Realkapitalgutes, vorausgesetzt, daß das betreffende Gut gegen als Investitionskraft aufgefaßtes Bargeld verkauft wurde. 6. Kapitaldisposition kann mit Hilfe der sogenannten Kreditschöpfung durch ein elastisches Banksystem geschaffen werden. Wenn ein erwerbsstrebiges Realkapitalgut verkauft wird, wird ein Stück Formalkapital desinvestiert, d. h. es wird in eine gewisse flüssige Geldmenge umgewandelt, die, wenn sie für den Ankauf von Konsumgütern verwendet wird, kein Kapital darstellt, oder im Gegenteil wie eine eindeutige Investitionskraft behandelt wird. Daher kann jedes Realkapitalgut erwerbsstrebiger Natur über die Desinvestition des entsprechenden Formalkapitalteils in Kapitaldisposition umgeformt werden. Mit andern Worten, in der Wirklichkeit ist Kapitaldisposition sehr oft ein desinvestierter Formalkapitalteil, der sich im Prozeß der Reinvestition befindet. Das zeigt erneut sehr deutlich, daß Geld und Geldkapital, selbst wenn sie konkreten Charakter haben, verschiedenartige Erscheinungen sind und nicht verwechselt werden sollten, besonders wenn sie vom Standpunkt der gesamten Volkswirtschaft betrachtet werden. Es muß jedoch festgestellt werden, daß Geld und Geldkapital von einem Individuum, von einer Einzelwirtschaft und von der gesamten Volkswirtschaft verschieden behandelt werden. So betrachtet ein Individuum das Geld als eine konkrete und im Prinzip momentane Kaufkraft, die für den Kauf von Konsumgütern nichterwerbsstrebender Natur ausgegeben werden muß und normalerweise einen Teil seines laufenden Geldeinkommens darstellt. In diesem Falle ist Bargeld überhaupt kein Kapital. Sollte der Einzelne nun eine bestimmte Geldsumme als sein Geldkapital betrachten, so behandelt er sie wie eine Investitionskraft, d. h. wie Kapitaldisposition, die beispielsweise für den Kauf eines erwerbsstrebenden Konsumgutes ausgegeben wird. Ein privatwirtschaftliches Erwerbsunternehmen behandelt Bargeld wie ein inaktives Geldkapital, das ist KapitaldisposiOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 299] Die Theorie von den drei Kapitalarten 43 tion. Sie wird vorübergehend als ein Teil realer Aktiva aufgefaßt, was zu der interesssanten Schlußfolgerung führt, daß manchmal Kapitaldisposition einen Teil Formalkapital verkörpern kann, da sie im Prinzip erwerbsstrebig ist. Die Volkswirtschaft als Ganzes betrachtet das Geld als Anweisungsmittel, welches den Einzelnen und den Einzelwirtschaften das nationale Realeinkommen oder die verschiedenen Teile des gesamten Realvermögens anweist. In der Terminologie von Schumpeter ist das Geld hier ein gewisser „Sattelit der Güter". Folglich schafft eine einseitige Vermehrung des umlaufenden Geldes (einschließlich des Ersatzgeldvolumens) keine echte Kapitaldisposition vom Standpunkt der gesamten Volkswirtschaft, sondern verursacht eine sogenannte Geldoder Kreditinflation, die jedoch gleichzeitig das Geldkapital einiger Einzelwirtschaften auf Kosten anderer Wirtschaftssubjekte vergrößert. Die inflatorischen Auswirkungen einer solchen Politik hängen weitgehend von der Umlaufsgeschwindigkeit des „neuen Geldes64 ab, die andrerseits wiederum davon abhängt, ob dieses Geld durch Offenmarkt-Prozesse oder durch Defizitfinanzierung auftritt. Selbst ein Vorrat von Edelmetallen kann meistens nur dann zum Vorteil für ein Land wesentlich vergrößert werden, wenn er für den Ankauf benötigter Auslandsgüter und nicht als Geld im Inland verwendet wird. Daß diese Tatsache von den frühen Merkantilisten nicht verstanden wurde, war vielleicht der Hauptgrund für die schwere „Preisrevolution" im mittelalterlichen Europa. Letztlich zählt für die gesamte Volkswirtschaft nur Realkapital, das einen großen Teil nationaler Aktiva darstellt und ein nationales Formalkapital ziemlich theoretisch-instrumentaler Natur verkörpern kann, wenn die betreffende Nation ihre sozioökonomische Bilanz aufstellt. Andernfalls kann nur ein nationales Edelmetallager als eine eindeutige Verkörperung von Formalkapital, das von dem sozio-ökonomischen Überbau als solchem besessen wird, angesehen werden. Dieses Edelmetallager stellt normalerweise (wenn das betreffende Land nicht wirtschaftlich in der Welt führend ist) den einzigen Fall dar, wo man von einer potentiellen Kapitaldisposition sprechen kann, die von der kapitalistischen Volkswirtschaft als Ganzheit in ihrem eigenen Namen besessen wird. Denn vom Standpunkt der Weltwirtschaft ist ein solches Vorratslager im Prinzip die gängigste Ware. Sobald es vom Staat enthortet wird, erscheint eine Kapital' disposition internationaler Färbung. Zuweilen akkumuliert sich die Kapitaldisposition von Einzelwirtschaften in der betreffenden Volkswirtschaft auf eine negative Art. Dies geschieht, wenn die verfügbare Kapitaldisposition aus einem institutionellen Grunde unbeweglich bleibt und praktisch nur eine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 44 Boris Isdiboldin [300 latente Investitionskraft darstellt. Wenn zum Beispiel die Gewerkschaften hohe Löhne „festkleben44, kann die potentielle Kapitaldisposition als ein gewisser unstabiler Hort festgelegt werden, der enthortet werden wird, sobald sich die Situation vom Standpunkt des betreffenden Arbeitgebers günstig ändern wird. Kapitaldisposition kann physisch vernichtet werden, wenn z, B. ein als internationale Investitionskraft aufgefaßter enthorteter Vorrat an Edelmetallen ins Meer versenkt oder wenn eine enthortete Papiergeldmenge verbrannt wird. Sie kann aber auch in einem großen Ausmaß durch eine radikale Geldpolitik wirtschaftlich erschöpft werden, wie etwa im Falle der Inflation oder der Entwertung. Darüber hinaus bedeutet jede Abnahme regulären Sparens einen Rückgang der Investitionskraftmenge, die sonst in der Zukunft für die Schaffung neuer Kapitaldisposition zur Verfügung stünde. In diesem Falle können wir jedoch nicht von einer Entleerung der Kapitaldispositon im üblichen exakten Sinne sprechen. Da die Kapitaldispposition eine hochdynamische Investitionskraft darstellt, kann man sie als ein freies oder zirkulierendes Geldkapital betrachten, wie dies z. B. M a r s h a 11 tut. Andererseits sollte man die Neigung einiger moderner Nationlökonomen, wie z. B. Knut W i c k s e 11 und Dennis Robertson, ablehnen, welche flüssiges Geldkapital und leihbare Fonds (loanable funds) gleichsetzen; denn nicht das Verleihen, sondern die Investition ist dem Begriff der Kapitaldisposition innewohnend. Außerdem stellen leihbare Fonds nur einen Teil der betreffenden Kapitaldisposition zu einer bestimmten Zeit dar. Cassels Auffassung, wonach Realkapital ein abgeleiteter Produktionsfaktor, Kapitaldisposition jedoch ein ursprünglicher primärer Produktionsfaktor ist, weil sie das „Warten" verkörpert und deshalb eine weit wesentlichere Kapitalart darstellt, stimmt nur auf den ersten Blick. Sie überschätzt die Bedeutung der Kapitaldisposition aus folgenden Gründen: 1. Eine Investitionskraft ist nur indirekt produktiv, während Realkapital und Arbeit, die durch sie mobilisiert werden (wie Cassel selbst betont), in einem technischen Sinne und daher direkt produktiv sind. Mit andern Worten, die Produktivität der Kapitaldisposition ist abgeleiteter Art. 2. Kapitaldisposition ist nicht gleichbedeutend mit „Warten44, sondern sie ist das Ergebnis davon. Wenn sich jemand entschließt, das "Warten44 als ursprünglichen Pro* duktionsfaktor zu betrachten, weil es Kapitaldisposition schafft, könnte man die „Geduld46 ebenso behandeln, denn sie ist es, welche die Bemühungen des Menschen aufrecht erhältEs läßt sich jedoch kaum bezweifeln, daß das „Warten44 ebenso wie das „Wissen44 und die „Geduld44 wohl eine bedeutende produktive Kraft darstellt, aber nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.75.3.23 | Generated on 2023-04-04 11:11:34 301] Die Theorie von den drei Kapitalarten 45 als primärer Produktionsfaktor wie Realkapital oder Arbeit angesehen werden kann. Es steht hinter dem Kapital wie die Geduld hinter der Arbeit steht; es ist eine wesentliche produktive Kraft. Die oben besprochenen drei Hauptarten des Kapitals sind eng miteinander verbunden: 1. Kapitaldisposition schafft Formalkapital, während sie selbst entsteht, wenn Formalkapital desinvestiert wird. Ferner kann ein Teil des Formalkapitals durch eine latente Kapitaldisposition in Form von Bargeld verkörpert werden. 2. Formalkapital wird durch Realkapitalgüter verkörpert (einschließlich verkäuflicher immaterieller Aktiva), die in einem gewissen Sinne „Erwerbsenergie" anhäufen (um einen Ausdruck von S o m - bart zu gebrauchen). Werden einige dieser Güter verkauft, dann tritt die Investitionskraft (das ist Kapitaldisposition) wieder auf. Somit dient die Kapitaldisposition als eine gewisse organische Verbindung zwischen Realkapital und Formalkapital. Letztlich stellen alle drei Kapitalformen eine seltsame Dreiheit dar, welche in weitem Maß von dem immateriellen Kapitalgut „Wissen" abhängt. Die Tatsache, daß vom Standpunkte der kapitalistischen Volkswirtschaft als Ganzes das Realkapital eine Erwerbsquelle sein muß, wenn es am Produktionsprozeß jeglicher Art teilnimmt, vereinigt die Begriffe des sozio-ökonomischen Produktivkapitals (im engeren Sinne) und des privaten Erwerbskapitals unter einem Oberbegriff: Realkapital. Wenn wir den Kapitalbegriff noch mehr vereinheitlichen wollten, so könnten wir es als ein „von Menschen gemachtes Mittel" definieren, „welches letzlich einen indirekten Dienst leistet". Diese Definition paßt nicht nur auf das Realkapital, sondern auch auf jedwede Art von Geldkapital; denn Kapitaldisposition und Formalkapital sind nur auf Grund ihrer abgeleiteten Produktivität nützlich und stellen ein ganz bestimmtes, „von Menschen hergestelltes" Hilfsmittel dar. 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