Pe e , Manuel; E zko n, Nadine
Bildung konzep ualisie en. Eine assismusk i isch-dekoloniale
Pe spek i ie ung
Zei sch i ü e ziehungswissenscha liche Mig a ions o schung : ZeM 2 (2023) 2, S. 208-221
Quellenangabe/ Re e ence:
Pe e , Manuel; E zko n, Nadine: Bildung konzep ualisie en. Eine assismusk i isch-dekoloniale
Pe spek i ie ung - In: Zei sch i ü e ziehungswissenscha liche Mig a ions o schung : ZeM 2 (2023) 2,
S. 208-221 - URN: u n:nbn:de:0111-pedocs-344716 - DOI: 10.25656/01:34471; 10.3224/zem. 2i2.07
h ps://nbn- esol ing.o g/u n:nbn:de:0111-pedocs-344716
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Bildung konzep ualisie en: Eine assismusk i isch-dekoloniale
Pe spek i ie ung1
Manuel Pe e s &Nadine E zko n
Zusammen assung: Im o liegendenBei ag nehmen wi die K i ik an eine häu ig ehlenden
Explika ion de (minimal‐)no ma i en Ziele eine gegenwä ig dominie enden Konzep uali-
sie ung on Bildung, die diese als T ans o ma ion o dem Hin e g und on K ise beg ei ,
zum Ausgangspunk unse e Übe legungen. Aus eine assismusk i isch-dekolonialen Pe -
spek i e e läu e n wi , wann bildungs heo e ische Konzep ualisie ungen Ge ah lau en, Ko-
loniali ä o zusch eiben. Hie bei be ach en wi diekons i u i e Einsch eibung on Ras-
sismus in na io-e hno-kul u elle Zugehö igkei so dnungen sowie in Konzep e on Bildung
und s ellen de en Bedeu ung ü Selbs -, F emd-und Wel e häl nisse he aus. In einem
Ausblick se zen wi diese Übe legungen in Bezug zueinande und plädie en ü eine assis-
musk i isch in o mie e Aus ich ung des Bezugs au Konzep e de Bildung, ü ein pos -
no ma i -no ma i es Ve s ändnis dessen, was es heiß , ein Leben au ‚wü dige( e) und si-
che e( e) A ‘zu üh en.
Schlüsselwö e : Bildung als T ans o ma ionsp ozess, Koloniali ä , (Pos -no ma i e) No -
ma i i ä , Konzep e de Bildung, Rassismus, Zugehö igkei
Ti le: Concep ualizing „Bildung“:A„Racism-C i ical“and Decolonial Reading
Summa y: The s a ing poin o his pape is ac i icaldiscussion o amissing explica ion o
he (minimal) no ma i i y wi hin cu en ly dominan concep ualiza ions o „Bildung“.F om
he an age poin o „Rassismusk i ik“,weexplain in wha case heo e ical concep ualiza ions
o „Bildung“bea he isk o pe pe ua ing coloniali y. In doing so, we a gue ha coloniali yis
cons i u i e o cu en na io-e hno-cul u al o de s o belonging and concep ualiza ions o
„Bildung“and he e o e also o concep ualiza ions o he ela ions o onesel , o he s and he
wo ld. Finally, and in summa izing, we a gue o e e ences o Bildung ha a e in o med by
„Rassismusk i ik“,i.e. o apos -no ma i e-no ma i e unde s andingo wha i means o lead
ali e in mo e ’digni ied and sa e ways‘.
Keywo ds: „Bildung“as p ocess o ans o ma ion, coloniali y, (pos -no ma i e) no ma i i y,
concep s o „Bildung“, acism, belonging
1Einlei ung
In diesem Bei ag s ellen wi assismusk i isch-dekolonialin o mie e Übe legungen zu bil-
dungs heo e ischen Konzep ionalisie ungen an. Das bedeu e ü uns, in einem kolonialge-
schich lichsensiblen Bewuss sein die o lau ende Einsch eibung on Rassismus in Ve -
1Wi bedanken uns bei den Gu ach e :innen, dem He ausgebe :innen eam sowie den Mi gliede n de Fo -
schungswe ks a Mig a ion und Bildung an de Uni e si ä Biele eld ü ih e we ollen Kommen a e und
Anme kungen.
ZeM –Zei sch i ü e z.wiss. Mig a ions o schung, Jg. 2, He 2/2023,208–221h ps://doi.o g/10.3224/zem. 2i2.07
s ändnisse na io-e hno-kul u elle Zugehö igkei und in Konzep e on Bildung zu hema i-
sie en. In einem e s en Sch i disku ie en wi die unhin e gehba e (implizi e) No ma i i ä
o he schende Konzep e de Bildung (nich nu ) in Ansä zen de bildungs heo e isch o i-
en ie en Biog aphie o schung, um an diesem Beispiel zu zeigen, wa um diese No ma i i ä
aus assismusk i ische Sich s ä ke zum Gegens and sowie zu (g undlagen‐) heo e ischen
Re lexion gemach we den soll e (Abschni 2). Zu genaue en Explika ion wesen liche
P oblema iken, die sich um die No ma i i ä de Bildung aus eine assismusk i isch-deko-
lonialen Pe spek i e en spinnen, beschä igen wi uns in einem zwei en Sch i mi de an-
daue nden Koloniali ä on Zugehö igkei so dnungen als kons i u i em Hin e g und de
Ausbildung on Selbs -, F emd- und Wel e häl nissen (Abschni 3). In einem d i en Sch i
e ö e n wi p oblema ische genealogische Aspek e de Koloniali ä on Bildung, die auch in
ak uellen Konzep ualisie ungen on Bildungzube ücksich igen sind (Abschni 4). Ab-
schließend we en wi einen Blick au P oblema iken und Möglichkei en des Bezugs au
Bildung in de Mig a ionsgesellscha und e en ü die O ien ie ung an einem pos no ma i -
no ma i en Ve s ändnis dessen ein, was es heiß , ein Leben au ‚wü dige und siche e A ‘zu
üh en (Abschni 5).
2Zum P oblem de (implizi en) No ma i i ä in bildungs heo e isch
o ien ie en Konzep en aus assismusk i isch-dekoloniale
Pe spek i e
Die „T ans o ma ion on Figu en des Selbs - und Wel e häl nisses in olge on K isene -
ah ungen“,soRucke und Anhal (2017:52), is mi le weile zu so e was wie eine „bil-
dungs heo e ischen Konsens o mel“(ebd.) ü empi isch ausge ich e e und bildungs heo e-
isch o ien ie e Fo schung gewo den ( gl. auch Yacek 2022). Das is beme kenswe , denn
wie Ricken (2019:109) aus subjek i ie ungs heo e ische Pe spek i e einwende und wie wi
im Folgenden wei e disku ie en we den, wi d du ch den in seinen Mach e ek en nich wei e
e lek ie en Fokus au T ans o ma ionsp ozesse des Wel - und Selbs e häl nisses die „we-
nige ‚ eine Sei e‘de Bildung, also ih Mach -, Un e we ungs- und inso e n Fo ma ions-
cha ak e […], ehe abgeblende “.2Lipkina (2017:140) a gumen ie , dass die Einnahme
eine bildungs heo e ischen Pe spek i e, wenn dabei die ih en zen alen Konzep en un e -
liegende No ma i i ä nich zum Gegens and de Diskussion gemach wi d, Mach - und
He scha s e häl nisse –die a sächliche No mie ung, die e wa im Gebo de Selbs ans-
o ma ionzu inden sei –ehe e schleie . In Riege -Ladichs (2020: 17) Wo en müssen
bildungs heo e ische In e en ionen zudem „als s a egische Spielzügeim o wäh enden
Ringen um Deu ungshohei eines disziplinä en Disku ses“ e s anden we den. Diese wü den
sich ba in den un e schiedlichenno ma i en Vo s ellungen, die e schiedenen Bildungs-
e s ändnissenzug unde liegen. Welche no ma i e Vo s ellung hin e de je eingenommenen
Pe spek i e s eh und wie sie sich dami gegenübe he schenden Ve häl nissen posi ionie ,
2Esgeh uns an diese S elle nich da um, die Theo ie ans o ma o ische Bildung an sich zu k i isie en, denn die
ekons uk i e und an sozialwissenscha lichen Theo ien o ien ie e Aus ich ung hal en wi g undsä zlich ü
bedeu end.Vielmeh dien uns die Diskussion als Ausgangspunk , die Bedeu ung eine s ä ke en Diskussion de
no ma i en Aus ich ung on Konzep en de Bildung ü eine assismusk i isch-dekoloniale Pe spek i enbe-
ücksich igende Bildungs o schung zu e deu lichen.
209M. Pe e s, N. E zko n: Bildung konzep ualisie en
is Riege -Ladich (2020) olgend eine eigene bedeu samebildungs heo e ische F ages ellung.
Auch Fuchs (2015: 25) heb in diesem Sinne he o , dass ein Nachdenken übe Konzep e de
Bildung imme auch mi F agen danach e bunden is , „was das menschlicheLeben gu ode
zumindes besse mach .“Inso e n läss sich in de Konzep ualisie ung on Bildung und ih e
empi ischen Un e suchung de F age nach no ma i en Ho izon en de O ien ie ung nich
en gehen, da diese no wendig angeleg sind.
Aus assismusk i isch-dekoloniale Pe spek i e sind diese Einwände ü Übe legungen
zu Bildung besonde s bedeu sam,denn Rassismus wi d hie als Mach - und He scha s-
e häl nis e s anden, welches nich nu explizi in Gewal , Ausbeu ung und Un e d ückung
in E scheinung i , sonde n sich ielmeh „be ei s in scheinba al e na i losen Selbs - und
Wel wah nehmungsweisen de jenigenaus[d ück ],die sich in ein bes imm es He scha s-
e häl nis du ch implizi e Zus immung bzw. habi uelle Einpassung gewisse maßen ‚ eiwil-
lig‘un e o dnen (müssen)“(Füllek uss e al. 2022: 16). Rassis ische S uk u en o e ie en
dahe „eine O dnung und Leh e on de ich igen und na ü lichen O dnung de Menschen
und de Wel , die sinns i end wi k “(Kou abas 2020: 224) und de selbs „eine inne e
no ma i e Vo s ellung eine angemessenen,eine gu en und ich igen O dnung inhä en “
(ebd.) is . So e s anden zeig sich Rassismus sowohl au de Ebene de S uk u /O dnung als
auch in seinen subjek i ie enden E ek en, das heiß , „in Ges al eine P axis de Wel e -
schließung und Wel deu ung, da Rassismus als Schlüssel dien , ‚nich nu das zu in e p e-
ie en, wasdie Indi iduen e leben, sonde n auch das, was sie inne halb de gesellscha lichen
Wel sind‘(Baliba 1992: 26)“(Kou abas 2020: 224). Vo diesem Hin e g und is es ü eine
assismusk i isch ausge ich e e Pe spek i e bedeu sam, einen konsensuell gewo denen Fokus
wie T ans o ma ionauch da au hin zu be agen, inwie e n in und du ch diesen Rassismus
(unbeabsich ig ) o gesch iebenwi d.
Kolle (2016: 160), bedeu same Rep äsen an de Theo ie ans o ma o ische Bil-
dungsp ozesse,se z sich mi de K i ik auseinande , dass die Ve e e :innen des Ansa zes mi
nu einem „Minimum an e hischen Ka ego ien“auskommen und dass diese zudem meis au
eine implizi en Ebene e bleiben. E s imm de Rele anz de K i ik in de Folge zu und üh
zu Ve deu lichung Ma o zkis s uk u aleBildungs heo iean, dessen Konzep de T ans o -
ma ion no ma i au geladen sei,weil es da au ziele, indi iduelle Re lexi i ä zus eige n. Au
eine genaue e Auseinande se zung mi und Beg ündungdieses no ma i en Zieles e zich e
Ma o zki abe . Was ü das Beispiel Ma o zkis gel e, sei auch ü die ande enA bei en de
Theo ie ans o ma o ische Bildungsp ozesse gel end zu machen (Kolle 2016: 156 .). Das
bes ä ig auch Thomsen (2020), diesich dezidie und um änglich mi No ma i i ä in An-
sä zen de Theo ie ans o ma o ische Bildungsp ozesse auseinande se z 3und es s ell , dass
diese du chgehend on de o ges ell en e hisch-no ma i en Zu ückhal ung gekennzeichne
sind sowie das zug undeliegende Mo i de T ans o ma ion nich aus eichend e lek ie en
(Thomsen 2020: 83 .).4
Eine aus assismusk i ische Sich wesen liche P oblema ik diese Zu ückhal ung b ing
S ojano (2006: 74) au den Punk , wenn e a gumen ie , dass mi dem Fokusau T ans-
o ma ionsp ozesse, ohne eine wei e gehende no ma i e O ien ie ung, e wa eine Aus ich-
3Thomsen (2020) un e scheide zwischen e lexions heo e ischen, (z.B. Ma o zki 1990) disku s heo e ischen
(z.B. Kolle 1999; Lüde s 2007; Rose 2012) und p axeologischen Ansä zen (z.B. Nohl 2006; Rosenbe g 2011)
sowie dem T ans o ma i e Lea ning (z.B. Mezi ow 1978). Le z e e wi d alle dings on Kolle (2012) selbs
nich als Teil de Ansä ze de Theo ie ans o ma o ische Bildungsp ozesse genann .
4Die Ausnahme bilde ü sie das Konzep des T ans o ma i e Lea ning,welches zahl eiche Übe eins immungen
mi de Theo ie ans o ma o ische Bildungsp ozesse au weis , sich jedoch e hisch dezidie e posi ionie .
ZeM –Zei sch i ü e z.wiss. Mig a ions o schung, Jg. 2, He 2/2023, 208–2212 10
ung an „eine[ ] uni e selle[n]Idee de Menschlichkei “,die Ge ah bes ehe, in de Konse-
quenz auch menschen e ach ende T ans o ma ionsp ozesse als Bildungsp ozesse beg ei en
zu müssen. Es schein uns dahe wich ig, diese Konzep ualisie ungen on Bildung au ih e
no ma i en Implika ionen hin zu be agen. Gleichwohl is anzume ken, dass es eine lange
T adi ion de k i ischenDiskussion de Bedeu ung des No ma i en de Bildung in de E -
ziehungswissenscha gib . Diese komm e wa in de ideal ypischen Un e scheidung zwischen
ma e ialenund o malen Bildungs heo ien zum Ausd uck.Wäh end e s e e ü an gesell-
scha lichen Ansp üchenausge ich e e Konzep ualisie ungen s ehen, sind zwei e e an de
„En wicklungindi iduelle K ä e und Fe igkei en“o ien ie ( gl. Thomsen 2020: 89, Zi a
nach Benne 2012:151). Fo male Ansä ze, zu denen auch die Ansä ze de Theo ie ans-
o ma o ische Bildung gezähl we den können, zeichne es aus, „auch dasjenige in den Blick
bekommen[zu können],was nich in e s e Linie de o ab an izipie en P oblemanalyse
en sp ich “(Thomsen 2020: 180). Sie eagie en dami mi un e auch au eine aus assis-
musk i ische Sich bedeu ende K i ik an no ma i en Konzep ualisie ungen on Bildung, die
diese als P axis de Dis ink ion p oblema isie , wie wi noch genaue beleuch en we den
(siehe Abschni 3).
Das in den Blick zu bekommen, was nich de o ab an izipie en P oblemanalyse en -
sp ich , is ein wich ige Aspek , den es zu be ücksich igen gil und de au die F age nach de
A de Ve mi lung zwischen Theo ie(bildung) und empi ische Fo schung e weis , welche
die aus assismusk i ische Sich no wendige mach heo e ische Re lexion abe nich obsole
mach . Dies is inso e n bedeu sam, als dass ein no ma i e S andpunk im Kon ex on
Bildungs heo ie und bildungs heo e isch o ien ie e Fo schung, wie wi in de bishe igen
Be ach ung e deu lich haben, imme –explizi ode implizi –eingenommen wi d, also
un e meidba is . Im Kon ex assismusk i ische Fo schung is diese Einsich ele an , denn
diese wende sich –no ma i –gegen das Fo bes ehen und dieWei e sch eibung on Ras-
sismus. He scha s e häl nisse zeichnensich dabei du ch eine „A Selbs e s ändlichkei “
(Meche il e al. 2013: 47) aus, He scha e schein also häu ig no malisie , „selbs e -
s ändlich, unabände lich ode ‚na ü lich‘“ (ebd.) und das bedeu e dann un hema isie no -
ma i . Ode ande s o mulie : Selbs e s ändlichkei legi imie und s abilisie He scha .
Hinzu komm , dass Bildung „poli isch“zu e s ehen is , d.h. als ein Konzep , das au die
Ges al ung de Gesellscha e weis bzw. mi de Ges al ungde bü ge lichen Gesellscha ,
als de en unk ionale Vo ausse zung, e woben is ( gl. Schä e 2011:114 .). Es is dahe –
so Ricken (2007:35) –bedeu sam, „sich in den S ei um die Bildung als einem S ei um die
Zukun unse e Gesellscha einzumischen und ‚Bildung‘als disku si e ‚S ei o mel‘zu
bewäh en.“Übe diese s ei en läss sich nun wede „im Namen des einen wah en Bil-
dungsbeg i snoch im Ve zich au jegliche no ma i e Posi ionie ung“(ebd.). Welche Vo -
s ellung on gesellscha lichenVe häl nissen bildungs heo e ischen Ansä zen zug unde lieg
und ob dies je angemessene Vo s ellungen bildungs heo e ische Fo schung aus assismus-
k i ische Sich sind, is in diese Lesa diskussionswü dig. Eine solche S ei o mel können
Bildungsbezüge heo e ische wie empi ische A nu dann sein, wenn auch die Auseinan-
de se zung um ge o ene Vo annahmen und dami ko espondie ende Konsequenzen ü die
je angeleg en Ve s ändnisse on Gesellscha wei e ge üh wi d und nich implizi bleib . In
bildungs heo e ischen Konzep ionen, e wa dem Fokusau T ans o ma ion, spiegeln sich
en sp echend auch Vo s ellungen (un‐)angemessene gesellscha liche Ve häl nisse wide .
Auch wenn es sich dabei nu um eine zu ällige Gegebenhei handeln mag, so zeig sich die in
pos mode nen kapi alis ischen gesellscha lichen Ve häl nissen an die Subjek e ges ell e
211M .Pe e s, N. E zko n: Bildung konzep ualisie en
Fo de ung de um assendenFlexibili ä ( gl. F ase 2003) doch äuße s kompa ibel mi dem
Mo i de T ans o ma ion ( gl. Pe e s 2022: 48).
Insbesonde e dann,wenn sich E ziehungswissenscha in assismusk i ische Eins ellung
mi F agen on Bildung auseinande se z , kann sie unse es E ach ens aus mindes ens zwei
G ünden nich au eine (mach ‐) heo e ische Sensibilisie ung e zich en: E s enswe den in
ekons uk i en Fo schungen nu dann spezi ische Gegens ände hema isie ba , wenn Vo -
wissen übe diese Gegens ände angeleg wi d, das es e laub , ele an e Aspek e auch als
solche zu in e p e ie en. Vo dem Hin e g und de Einsch eibung on Rassismus in Selbs -
und Wel e häl nisse läu Theo ie und Fo schung ansons en Ge ah , Rassismen zu ep o-
duzie en. Zudem kann mi einem solchem Vo gehende K i ik de „Wel e gessenhei “
(Rosenbe g 2011) begegne we den, die gegenübe dem Fokus au die T ans o ma ion on
Selbs e häl nissen o geb ach wo den is . Wiewi a gumen ie haben, is au g und de
‚no malisie enden‘Einsch eibung on Rassismus in globale Selbs - und Wel e häl nisse
sowohl de Einbezug on Vo wissen übe ih e kons i u i en Ve lech ungen mi Rassismus als
auch O enhei ü je kon ex spezi ische Ausges al ungen und Aushandlungen on Bedeu ung
ü assismusk i isch ausge ich e e Bezüge au Bildung. Die Ansä ze de Theo ie ans o -
ma o ische Bildungsp ozesse sind dahe in ih em Ansp uch, keine uni e sellen No men
anzulegen, g undsä zlich zu beg üßen, inso e n sie also heo e ische Eins ellungen nich de
Empi ie übe zus ülpen e suchen, sonde n Bildungsp ozesse als kon ex ela i e und on
„ eldspezi ischen Deu ungsmus e n“(Ba h e al. 2020: [2]) abhängige Phänomene e s ehen
und un e suchen.
Au e s e es, diekons i u i e Einsch eibung on Rassismus in Selbs -, F emd- und
Wel e häl nisse, möch en wi im Folgenden anhand eines Blicks au die Koloniali ä on
Zugehö igkei so dnungen, und dami on Selbs -, F emd- und Wel e häl nissen, und die
Koloniali ä des Konzep s de Bildung eingehen, um im Anschluss einen Ausblick au as-
sismusk i isch-dekolonial in o mie e Ansp üche bildungs heo e ische Konzep ualisie un-
gen we en zu können. Diese E läu e ungen und diese Exku s sind on Bedeu ung, da
Zugehö igkei so dnungen wesen liche Rahmungen ü spezi ische Möglichkei en und Hin-
de nisse de „Bildung“abgeben, und zwa , weil aus ihnen ungleiche Möglichkei en de
Ausbildung on Selbs - und Wel e häl nissen olgen bzw. sich diese in ihnen ausbilden.
3Einsch eibung onRassismus in Selbs -, F emd- und
Wel e häl nisse –zu Koloniali ä onZugehö igkei so dnungen
Gegens and de hie disku ie en assismusk i isch ausge ich e en (nich nu ) e ziehungs-
wissenscha lichen Analysen sind gesellscha liche (Nich ‐)Zugehö igkei so dnungen, die
„jene mach ollen Zusammenhänge [bezeichnen],die du ch eine komplexe Fo m de E -
möglichung und Reglemen ie ung, de symbolischen, kul u ellen, poli ischenund biog a-
phischen Einbeziehung und Ausg enzung au Indi iduen p oduk i Ein luss nehmen“
(Meche il e al. 2013:28). Inne halb on Zugehö igkei so dnungen we den un e schiedlich
na io-e hno-kul u ell ( assi izie ) posi ionie e mig a ionsgesellscha liche Subjek e he o -
geb ach , indem diese le nen „(sich) als mig a ionsgesellscha liche spezi ische Subjek e zu
denken, als solche zu handeln und sich au gesellscha liche Bedingungen zu beziehen“(ebd.:
ZeM –Zei sch i ü e z.wiss. Mig a ions o schung, Jg. 2, He 2/2023, 208–2212 12
17). In assismusk i ische Lesa sind Zugehö igkei so dnungen global e o e und die
Bewe ung on Zugehö igkei mi de Geschich e des Kolonialismusund de in diesem
Zusammenhange ablie enUngleichhei s e häl nissen e woben.Indiesem Sinne heben
pos - und dekoloniale Theo ien5Koloniali ä als kons i u i enBes and eil de eu opäischen
Mode ne he o ( gl. Mignolo 2012), ein Aspek , den die eu opäische E zählung de Mo-
de ne lange Zei ausgeblende ha ( gl. Dussel 1993) und dies iel ach auch wei e hin u ( gl.
Len in 2008). Dabei ko espondie emi dem Kolonialismus6,wie Quijano(2007:171)
aus üh , die P oduk ion on Wissen übe die Regionen und Menschen de Wel , de assi-
alisie enden Klassi izie ung de Wel be ölke ung, e nenn dies auch „Koloniali ä de
Mach “(„coloniali y o powe “). Quijano (2016) a gumen ie , dass kapi alis ische Fo men
des Ausbeu ens sei dem 15. Jah hunde kons i u i mi P ozessen de Rassialisie ung sowie
wei e en Fo men de sozialen Hie a chisie ung e bunden sindund sich au nachhal ige
Weiseindie e schiedenen sozio-ökonomischen Kon igu a ionen de Mode ne einge-
sch ieben haben ( gl. auch Bhamb a 2022; Walle s ein 1987). „Die Gegenwa als du ch
Koloniali ä s uk u ie zu pe spek i ie en, bedeu e […]“,soheb Kleinschmid (2021:4)
en sp echend he o , „[…]die Ungleichhei ss uk u en de Gegenwa als zei genössische
Fo men koloniale Ungleichhei und Di e enz anzusehen.“
Die Koloniali ä spiegel sich beispielsweise in Vo s ellungen on –und P ak iken de –
na ionals aa lichen Zugehö igkei , weshalb Boa căund Ro h (2016) auch on de Koloniali ä
de S aa sbü ge scha sp echen. Die Au o innen (Ro h/Boa că2016: 203) e inne n in ih e
globalen Pe spek i e au S aa sbü ge scha da an, dass diese au „kolonial assis ischen und
-e hnischen Kons uk en basie “und „dass die Ins i u ionalisie ung on S aa s-
bu
ge scha s ech en in wes lichen Na ionals aa en mi dem legalen (und physischen) Aus-
schluss nich -eu opäische , nich -weiße und nich -wes liche Be ölke ungen on zi ilen,
sozialen und kul u ellen Rech en einhe ging“(ebd.: 193). Diese Kons uk e p ägenden
Au o innen zu olge auch den heu igen Umgang mi Mig a ion: „Dabei e weis de heu ige
Umgang mi Mig a ion und S aa sbü ge scha inde EU au eine lange T adi ion de
Selbs e zählung Wes eu opasals U sp ung on Mode ni ä , Fo sch i und zi ilisa o ische
Übe legenhei “(ebd.: 189 .). Die Legi ima ion na io-e hno-kul u elle G enzziehungen s eh ,
wie Meche il sch eib , mi symbolischen O dnungen de Zugehö igkei in Zusammenhang
( gl. Meche il 2016: 15 u. 2003: 25). Vonbesonde e Bedeu ung in de He o b ingung und
Legi ima ion on Ein- und Ausschluss on na io-e hno-kul u elle Zugehö igkei is also
his o isch spezi isches disku si es Wissen übe Zugehö igkei . Amelina (2021:3)kons a ie
en sp echend, dass dieungleiche Ve eilung on Zugehö igkei un e in e sek ionalem
5Bhamb a (2014) zeig , dass zwa bedeu sameDi e enzen zwischen pos kolonialen und dekolonialen Ansä zen
bes ehen – o allem in Hinsich au ih e disziplinä e Ve o ung sowie geog aphische He kun und Aus ich ung.
Eine Gemeinsamkei bes ehe abe da in, die andaue ndenE ek e und Dynamiken des Kolonialismus und die
Bedeu ung „epis emologische Dominanz“(ebd.: 120) ü diese zu analysie en. Pos koloniale S udien sind, wie
Bhamb a aus üh , o nehmlich in den Cul u al S udies e o e und wu den on diaspo ischenIn ellek uellen
aus dem asia ischen und a abischenRaum en wickel . Dekoloniale Theo ien sind demgegenübe s ä ke in de
Wel sys em heo ie beheima e und wu den on la einame ikanischen In ellek uellen konzipie . De Schwe -
punk au dekoloniale Ansä ze e möglich es uns, die Ve lech ung on P oduk ions e häl nissen, Fo men des
Wissens und Rassialisie ungsp ozessens ä ke he o zuheben, weshalb wi die Einnahme eine dekolonialen
Pe spek i e be o zugen.Alle dings sp echen auch p agma ischeG ünde (wie Lesba kei ) da ü , nich kon i-
nuie lich on pos - und dekolonialenAnsä zen zu sch eiben.
6Kolonialismus ha in un e schiedlichen Regionen de Wel Un e schiedliches bedeu e ( gl. e wa Cli o d 2007:
19 .). In diesem Sinne müss e an diese S elle eigen lich on Kolonialismen die Rede sein. Wenn wi dennoch
om Kolonialismus sch eiben, dann weil wi au kolonial- assis ische Disku sehinweisen möch en, die, Ko-
lonialismen übe g ei end, eine g oße Gemeinsamkei au weisen ( gl. Pe e s 2022: 70).
213M .Pe e s, N. E zko n: Bildung konzep ualisie en
Ru
ckg i au „classi ica ions wi h espec o gende (male/ emale/ ansgende ), e hnici y/ ace
(‘Us’/‘Them’), class (p i ileged/subo dina ed), space (mobile/immobile, global/local/na io-
nal/ ansna ional) and o he ca ego ies o inequali y“he ges ell wi d.
Na io-e hno-kul u elle Zugehö igkei und dami (un‐)gleiche Rech e und Chancen, so das
A gumen und P oblem, wi d im Rückg i au assi izie e Ka ego ien in Ve bindung mi
wei e en Ka ego ien soziale Ungleichhei he ges ell , e eil und habi ualisie . E ablie e
Disku se übe e mein lich e hnisch und kul u ell „Ande e“als P ozesse des O he ing en lang
na io-e hno-kul u elle G enzziehungen sind in diesem Zusammenhang on besonde e Be-
deu ung, da sie geschich lich und ak uell mi de Legi ima ion on assis ischenS uk u en,
u.a. e wa poli isch- ech liche Ungleichbehandlung, in Ve bindung s ehen. Ve deu lichen
läss sich dies noch einmal an den jüngs he o geb ach en P ak ikende Un e scheidung
zwischen „eu opäischen“und „nich -eu opäischen“Ge lüch e en. Ramadan (2022) üh e wa
am Bsp. de Medienbe ich e s a ung übe den K ieg in de Uk aine o Augen: „Das sind
nich die Flüch linge, an die wi gewöhn sind. Es sindEu opäe , in elligen e, gebilde e
Menschen, einige on ihnen sind IT-P og ammie e (…)das is nich die übliche Flüch -
lingswelle on Menschen mi unbekann e Ve gangenhei . Kein eu opäisches Land ha Angs
o ihnen.“
Aus de engen Ve wobenhei on Zugehö igkei so dnungen, no malisie em Wissen übe
die (nich -so‐)zugehö igen „Eigenen“und „Ande en“und Rassismus sowie die sich da aus
e gebenden Mach e ek e –eine „illegi ime P axis, O dnung und S uk u “(Kou abas 2020:
225) – olg ü eine assismusk i isch-dekoloniale Pe spek i e die No wendigkei ,da übe
nachzudenken, inwie e n in Bezügen au Konzep e de Bildung diese assis ischen Mach -
und He scha s e häl nisse au geb ochen we den können. Dami is eine wich ige O ien-
ie ung ü die Diskussion on Konzep ualisie ungen on Bildung benann .Das Konzep de
Bildung, sowohl in seine ma e ialen als auch o malen Aus ich ung, e weis alle dings auch
selbs au eine Geschich e und Gegenwa de Koloniali ä , die es insbesonde e o dem
Hin e g und des hie e olg en A gumen s einzuholen gil . Diese möch en wi hema isie en,
be o wi zu einem zusammen assenden Ausblick übe gehen.
4Zu Koloniali ä des Konzep es de Bildung
Vonwesen liche Bedeu ung sowohl ü das koloniale P ojek als auch ü das wes liche
P ojek de Bildung wa und is dieKons i u ion de bü ge lichenSubjek o m, de en En -
s ehung im Lau e des spä en 18. und ühen 19. Jah hunde s e o e we den kann, eine
Zei spanne, in de (nich nu ) in Eu opa die Bildung on Na ionals aa en, das P ojek de
Au klä ung, Kolonialismus sowie die indus ielle Re olu ionp ägend wa en ( gl. He on
2007:29 .).7Wesen lich dien en zu Kons i u ion dieses bü ge lichen Subjek s P ak iken
kul u elle Disk ink ion in Abg enzung on ande enKlassenund Races8( gl. He on 2007;
7Vgl. zu diesem Absa z ähnlich Pe e s 2022: 84 .
8Khakpou e al. (2020) a gumen ie en unse es E ach ens übe zeugend, dass die Bezeichnung ‚Rasse‘du ch ih e
besonde e his o ische De ini ion im deu schenFaschismusbis heu e belas e is , wäh end Race im angelsäch-
sischen Raum wide sp üchliche bese z is . Race könne demnacheine sei s als Bes and eil assis ische Ideo-
logien und ande e sei sals Teil de Selbs de ini ion emanzipa o ische Bewegungen e s andenwe den. Im
deu schen Wo ‚Rasse‘,soa gumen ie en die Au o :innen, wu
de die Konno a ion mi schwingen, dass es
‚Rassen‘ a sächlich gäbe ( gl. auch Pe e s 2022: 11). Aus diesem G und e wenden wi den Te minus Race.
ZeM –Zei sch i ü e z.wiss. Mig a ions o schung, Jg. 2, He 2/2023, 208–2212 14
Knobloch 2020: 250). „Bildung“–„Zi ilisie hei “(ebd.) –als „Gegensa z zwischen Mo-
alischem und Amo alischem“(Reckwi z 2006: 249), wu de zum mo alischen Lei schema
bü ge liche Subjek i i ä . Vo dem Hin e g und eine zunehmend hegemonialen S ellung des
bü ge lichenSubjek s und de globalen Ausbeu ung im Kolonialismuswi d diese Vo s ellung
on Bildung auch zu einem legi ima o ischenMomen des Kolonialismus, die Bildung de
„ungebilde en“„Ande en“zum „Bu den o he whi e [wo]man“( gl. e wa Pille 2011).9
Gebilde sein wu de dann gleichsam zu kons i u i em Momen , Ausd uck und Legi ima ion
de bü ge lichen Subjek o m, die sich in eine P axis de ela ionalen kul u ellen Dis ink ion
on ande enKlassenund Races kons i uie . Ausdiese ela ionalen Kons i u ion des bü -
ge lichen Subjek es ge ie dann auch die Ve an wo ung („ he bu den“), den „Ungebilde en“
Bildung (bei)zub ingen( gl. He on 2007; Knobloch 2020: 250). Es zeigen sich deu liche
Pa allelen zum zu o disku ie en Zusammenhang zwischen P ozessen de Rassi izie ung und
de (Re‐)P oduk ion soziale Ungleichhei .
Es is an diese S elle bedeu sam, noch einmal da au hinzuweisen,dass sich die bü -
ge liche Vo s ellung des „au onomen“Subjek s in Wi klichkei inde ela ionalen Abg en-
zung on ande enKlassen kons i uie . WieE zko n und Meche il (2023) in ih e Ausein-
ande se zung mi de (pädagogischen) Idee eines au geklä en, mündigen und au onomen
Subjek es kons a ie en, spiel diede Koloniali ä eingesch iebene Au onomiep axis dem
kolonisie enden Subjek jene Mi el eine Subjek o m in die Hand, die es möglich und legi im
machen, Mach und He scha –physisch wie epis emisch –übe ande e auszuüben. Auch
de dekoloniale Theo e ike Quijano (2007) a gumen ie , dass die in de bü ge lichenSub-
jek o m o zu indende Nega ion de Rela ionali ä des Subjek s als ein wesen liches Momen
de He o b ingung on koloniale Di e enzanzusehen is . Die Wi kmäch igkei de kolo-
nialen Di e enz äuße sich da in, dass die Nich -A ikula ion on Subjek -Objek Bezie-
hungen die e an wo liche Ve bundenhei mi ande en und de Wel , ode , genaue , ü
Ausbeu ungs e häl nisse, negie we den kann und e wa die No ma i i ä on Bildungs-
konzep en nich disku ie we den muss. De phan asie e Au onomie ücks anddes koloni-
sie en Subjek s dien e und dien dann un e schiedlichen Fo men on Un e d ückung, Gewal
und Auslöschung und als Legi ima ionsg undlage selbige ( gl. E zko n/Meche il 2023).
En sp echend be onen assismusk i isch-dekoloniale Ansä ze die No wendigkei , die
globale Geschich e des Kolonialismusinih en Konsequenzen ü die Gegenwa in eine
gewal ollenVe bindung mi Fo men de Subjek kons i u ion zu e s ehen. So kons a ie
z.B. Be gold-Caldwell (2020: 164 .), dass Subjek e das „Gewo den-Sein de Wel “e ah en:
„[…]sie e ah en es als Geschich e, sie e ah en [sic] als Biog aphie, sie e ah en es in de
Genealogie ih e Ve ne zung mi de Wel “.InSelbs -, F emd- und Wel e häl nisse is aus
diese Sich Rassismus wei e hin kons i u i eingesch ieben.
9Die Ein ügung „woman“is hie bedeu sam, da sich, wie He on (2007:32) zeig , F auen in e heblichem Maße
am kolonialen P ojek , e wa in de missiona ischen A bei in den Kolonien be ä ig en. Sie soll alle dingsnich
die Bedeu ung de Ka ego ieGeschlech in diesem Zusammenhang e wischen.
215M .Pe e s, N. E zko n: Bildung konzep ualisie en