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Franz Kafka und der Kanon. Werkkonstitution als Konstruktion aus Theater, Text und Zeichnung. Grundriss einer Forschungsfrage

Abstract

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Franz Kafka und der Kanon. Werkkonstitution als Konstruktion aus Theater, Text und Zeichnung. Grundriss einer Forschungsfrage

Author: Küpper, Achim
Publisher: Univerzita Karlova, Filozofická fakulta,Praha
Year: 2024
Source: https://dspace.cuni.cz/bitstream/20.500.11956/197625/1/Achim_Kupper_25-46.pdf
F anz Ka ka und de Kanon. We kkons i u ion als
Kons uk ion aus Thea e , Tex und Zeichnung.
G und iss eine Fo schungs age
Achim Küppe – Ins i u ü Deu sche und Niede ländische Philologie,
F eie Uni e si ä Be lin
ABSTRACT
F anz Ka ka and he canon. Wo k cons i u ion as acons uc ion o hea e, ex
and d awing. Ou line o a esea ch ques ion
This a icle ocuses on an aspec ha has hus a a he been igno ed by schola ly discus-
sions on F anz Ka ka: in equen ly pu ing emphasis on aunique ‘small li e a u e’, in o-
king pa ly Ka ka’sown ema ks, pa ly hose o Gilles Deleuze and Félix Gua a i (1975),
Ka ka’s ela ionship o he ‘g and li e a u es’ has o en been neglec ed o e en comple ely
o e looked. Ye , how does Ka ka’swo k ela e o he canon? The pape p o ides an ou line
o his esea ch ques ion and seeks ini ial answe s o i by explo ing esidues o he li e-
a y and c ea i e canon ha a e e e ed o in he wo ks hemsel es and ha ange om
G eek an iqui y o Weima Classicism and beyond. Based on in e nal aces and obscu ed
laye s o such aconnec ion wi h he canon, he cons i u ion o Kaka’swo ks p o es o be
acons uc ion o hea e, ex and d awing.
KEYWORDS
F anz Ka ka, ‘small li e a u e’, li e a y and c ea i e canon, G eek an iqui y, Weima Clas-
sicism, Sophocles, Johann Wol gang Goe he, Hein ich on Kleis , hea e, ex , d awing
1. GRUNDRISS
So lo ie end die Fo schung zu F anz Ka ka auch is , so such man in de abundan en,
sich nunmeh übe ein olles Jah hunde sei seinem Tod e s eckenden Beschä -
igung mi Au o und We k dennoch nach einem bes imm en Schlüsselbeg i wei
und b ei e gebens: dem „Kanon“. In den sel enen Fällen, in denen dieses S ichwo
übe haup je mi Ka ka in Ve bindung geb ach wu de, geh es en wede um Ka kas
eigenen S a us als Klassike eines mode nen Kanons (Lamping 2012; Sche pe 2020),
um die Kanonisie ung seine Rezep ion (Win e 2014; Kim 2022) und T ansla ion
(Cade a 2022) ode um die Dekons uk ion des Kanons (Schi mache 1987, e ne
Wagne 1998), nich abe da um, in welche Beziehung Ka kas Scha en selbs zum
wel li e a ischen und -kul u ellen Kanon s eh .1 Ge ade das Konzep de Wel li e a u
1 Un e „Kanon“ wi d in de Folge ehe eine säkula e als eine sak ale We ksammlung beg i en. De
Ve such zen ie sich wenige um eine Bezugnahme au die Heilige Sch i e wa im Reku s au den
26 BRÜCKEN 31/1
bö e zwei elsohne lohnende Zugänge hie zu, doch liegen auch in diesem Be eich bis-
lang allein e s e Ansä ze o (Nagel 1983; Engel/Lamping 2006a), die ih e sei s o en
konzedie en, das Thema sei „noch längs nich ausgeschöp “ (Engel/Lamping 2006b:
7), und die sich „ o allem als An egung“ ohne jeden Ansp uch au Volls ändigkei
e s ehen (8). Was den spezi ischen Konnex zwischen F anz Ka ka und dem Kanon
be i , kann noch kaum on An egungen die Rede sein.
Wie e klä sich eine de a gewal ige, in ih e Ausdehnung gleiche maßen ek-
la an e wie e s aunliche Fo schungslücke? Die An wo äll zumindes doppel aus.
Zum einen mag die in neue e Zei au ge lamm e K i ik am Kanonkonzep als solchem
eine gewisse Rolle gespiel haben, das sei Länge em nich meh als unhin e ag
gül ig angesehen, sonde n o dem Hin e g und pos koloniale ebenso wie mediale
Re isionen des li e a ischen Kanons zunehmend in die Kon o e se kul u wissen-
scha liche Diskussionen ge a en is .2 Jedoch hä e ge ade diese e s ä k e Fokus
au F agen de Kanonbildung eigen lich wenige zu eine Ve minde ung als zu eine
Ve meh ung des In e esses ü Ka kas allemal zwiespäl ige S ellung zum Kanon üh-
en müssen. Deshalb ück – zum ande en– eine zwei e An wo in den Ho izon : Sie
be uh au de Dominanz on Aspek en des sogenann en Mino i ä en, des Rands än-
digen und des Pe iphe en inne halb de Ka ka -Fo schung bei gleichzei ige Emphase
au de Einziga igkei des Au o s, de so e was wie eine Singula i ä des Li e a u -
be iebs da s elle, de aus sich selbs und nu aus sich selbs he aus zu e s ehen sei,
ohne des Rückg i s au li e a ische G ößen ühe e Epochen zu bedü en. Bei de
häu igen Be onung solch eine singulä en ‚kleinen Li e a u ‘, die sich eils au Ka kas
eigene, wenngleich spo adische Beme kungen,
3
eils au die on Deleuze/Gua a i
biblischen Kanon des Ch is en- ode des Juden ums, au jenen eligiösen Bezi k also, au den sich die
Bezeichnung u sp ünglich zu ück üh en läss , als ielmeh um ih e wi kmäch ige Wiede au nahme
in den p o anen Regionen wel li e a ische und -kul u elle Ve mäch nisse. Ganz so simpel is die
Un e scheidung alle dings nich : Im ühen Al e um e schwimmen die Kon u en on Li e a u
und Ri us in ähnliche Weise, wie sich das Ri uelle in Ka kas li e a ische A bei an de Schwelle on
P o anem und Sak alem zule z e neu Bahn b ich . Eine allzu scha e T ennung zwischen beiden
Be eichen e lie sich in de Tie e ih es gemeinsamen U g unds.
2 Zu e weisen is au die Neubes immung des li e a ischen und kul u ellen bzw. medienkul u ellen
Kanons, die aus un e schiedlichen Pe spek i en in den le z en Jah en au den Weg geb ach wu de
(g undlegend in Hinblick au die Kanon age zu ö de s Assmann/Assmann 1987, Heydeb and 1998).
Zu Deba e ges ell wu de in dem Zusammenhang un e ande em ein pa iell medial „e wei e e
Li e a u beg i , de zu eine Einbeziehung bishe ausgeg enz e ode nich -sch i sp achliche Tex e
in den Kanon üh , inso e n sie Quali ä sk i e ien en sp echen“ (Neuhaus 2002: 153), genauso wie
eine s ä ke e „Kon on a ion mi emden Kul u en“ inne halb des Li e a u kanons (Ho mann 2006:
8, zu dem P oblem auch Holden ied 2022: bes. 265 .). Dass de adi ionelle ‚wes liche Kanon‘ e wa im
Sinne Ha old Blooms (1994, zudem Allan Bloom 1987) heu e nich meh ag ähig schein , is kaum
noch zu bes ei en (Lö le 2018, allgemeine Lö le 2003). Au ge issen we den diese Punk e be ei s
bei Küppe (2023: 25).
3 Zum Ve häl nis zwischen den Li e a u en kleine und g oße Na ionen siehe die Passage aus Ka kas
Tagebuchein ag om 25.Dezembe 1911: „Das Gedäch nis eine kleinen Na ion is nich kleine als das
Gedäch nis eine g oßen, es e a bei e dahe den o handenen S o g ündliche . Es we den zwa
wenige Li e a u geschich skundige beschä ig , abe die Li e a u is wenige eine Angelegenhei
de Li e a u geschich e als Angelegenhei des Volkes und da um is sie wenn auch nich ein so doch
siche au gehoben.“ (Ka ka 1990: 315) Un e dem 27.Dezembe 1911 e e ig Ka ka in seinem Tagebuch
sodann ein „Schema zu Cha ak e is ik kleine Li e a u en: / Wi kung im gu en Sinn hie wie do
au jeden Fall. / Hie sind im Einzelnen soga besse e Wi kungen. / 1Lebha igkei / aS ei b.Schulen
cZei sch i en / 2En las ung / aP incipienlosigkei bkleine Themen cleich e Symbolbildung dAb-
27ACHIM KÜPPER
(1975) be u , wu de das Ve häl nis Ka kas zu den ‚g oßen Li e a u en‘ iel ach e -
nachlässig ode soga ganz ausgespa . Im Besonde en wu de de gigan ische, im
wah s en Sinne monumen ale Zusammenhang mi de An ike bis da o kaum be ück-
sich ig . Von e einzel en Ausnahmen abgesehen,4 inde de Nexus mi dem an iken
Kanon des klassischen Al e ums in de Fo schung kaum eine Resonanz. Dem sollen
die nach olgenden Aus üh ungen en gegenwi ken.
Na ü lich is auch diese Bei ag nich s als eine Ma ginalie in Anbe ach des un-
geheu en Nachholbeda s, den die Ka ka -Philologie in de Hinsich zu leis en hä e:
ein An ang ielleich , eine Miszelle zum Zweck eine bloßen Vo übe legung und
Vo sondie ung, ein Au ak zu eine wei e üh enden Beschä igung, e schwindend
ge ing in Ausmaß und Ansp uch. De Au sa z beg ei sich lediglich als Ans oß zu
anschließenden Vo haben, als Impuls zu o gese z en Ans engungen, als Vo a bei
im bes en Sinne. Denn wede s eb die S udie Volls ändigkei noch Mus e gül igkei
an, ja noch nich einmal Rep äsen a i i ä kann au ich ig eklamie we den. Dazu
müss e ein um assende es Tex ko pus g ündliche un e such we den, als es in die-
sem Rahmen möglich is . S a dessen konzen ie sich die Analyse in un e hohlen
minimalis ische Manie au einen einzigen, ausgewähl en Tex Ka kas, um anhand
dieses Tex s gleichwie punk uelle Au schlüsse übe die we kimmanen e Auseinande -
se zung mi dem his o ischen Kanon im Sch eiben Ka kas zu gewinnen. Ungeach e all
diese Un ollkommenhei wi d hie alle dings e s mals au eine Lücke au me ksam
gemach , die allem Anschein nach so o ensich lich wa , dass sie übe sehen wu de.
Im Zen um diese Un e nehmung s eh ein Tex , de selbs längs zu den kano-
nischen Klassike n F anz Ka kas zähl : Es is seine ku ze, auch als ‚Tü hü e legende‘
bekann e E zählung Vo dem Gese z. Im Nachweis ih e in e ex uellen Kons uk ion
we den Reminiszenzen an den his o ischen Kanon om Thea e de g iechischen An-
ike übe die Zei um 1800 bis hin zu Ka kas Sch eibsi ua ion in de P age Mode ne
eigeleg . De Weg, de hie bei besch i en wi d, is konsequen e weise de jenige
eine inhä en en, in das We k selbs eingelassenen Beschä igung mi dem Kanon.
Die Be ach ung besch änk sich nich au eine Sammlung biog a ische Da en und
Zeugnisse. Sie begnüg sich nich dami , nach Hinweisen au den his o ischen Kanon
in Ka kas Leben und in seinem au obiog a ischen Sch i um zu suchen. Ih Haup -
anliegen is es, eine immanen en, dem Tex an sich eingesch iebenen Begegnung mi
kanonischen Bes änden nachzugehen, de en Spu en in de E zählung au zuspü en
sind. De B ennpunk wi d dami ins Inne e des We ks e lage , wo de Umgang
mi dem Kanon li e a isch p oduk i gemach wi d, s a sich nu in äuße lichen,
we k emden ode ex ali e a ischen Zeichen wie au obiog a ischen Indizien zu
a ikulie en. Le z e e we den e gänzend he angezogen, um die Tex be unde zu
lankie en. Sie dienen o allen Dingen dazu, die We kin e p e a ionen biog a isch
abzusiche n und zu un e maue n.
all de Un ähigen / 3Popula i ä / aZusammenhang mi Poli ik bLi e a u geschich e cGlaube an
die Li e a u , ih e Gese zgebung wi d ih übe lassen, / Es is schwe sich umzus immen, wenn man
dieses nü zliche öhliche Leben in allen Gliede n ge ühl ha // Wie wenig k ä ig is das obe e Bild.
Zwischen a sächliches Ge ühl und e gleichende Besch eibung is wie ein B e eine zusammenhang-
lose Vo ausse zung eingeleg .“ (Ka ka 1990: 326 [Un e s eichungen im O iginal])
4 So z.B. Nagel (1983: zu „An ike“ 133–161 und 401–406 [Anm.]). Meh dazu wei e un en.
28 BRÜCKEN 31/1
Das bedeu e nich zwangsläu ig, dass alle de hie en wickel en E gebnisse au
di ek e Ein lussnahmen schließen lassen, im Gegen eil: Einige Ko espondenzen
ode Koinzidenzen basie en womöglich wenige au unmi elba en Bezugnahmen
als au mi elba en, übe zahl eiche Umwege zus ande gekommenen, gegebenen alls
übe haup nich du ch linea e Beein lussung, sonde n du ch gemeinsame Re e enz-
punk e ode geis ige Hin e g ünde en s andenen A ini ä en. In diesen Fällen kann
keineswegs on geziel en, geschweige denn on bewuss en Rückg i en gesp ochen
we den. Die auk o iale In en ion und das auk o iale Bewuss sein sind abe wede
ü eine e gleichende noch ü eine in e ex uelle Analyse on o angigem In e-
esse. Will sie nich zu eine schie en, posi i is isch mo i ie en Ein luss o schung
e gangene Jah zehn e e kommen, muss sich die Un e suchung au ex uelle und
kul u elle Mus e konzen ie en, die au P inzipien de Ve gleichba kei , de Ve -
wand scha ode de Ähnlichkei be uhen und, welche A sie auch imme seien,
neue E kenn nisse zum We k in Aussich s ellen. Häu ig lassen die Ve gleichungen
meh Kon as e als Übe eins immungen e kennen. Auch dies u dem Ansinnen
jedoch keinen Abb uch: Ve gleichen bedeu e nich Gleichse zen, Re e enz nich
Re e enz, Zi a ion nich De o ion. Selbs explizi e Reku se können sich als Gegen-
en wü e und Kon as bezüge ges al en. In jedem Fall e sp echen die un e such en
Phänomene wei e e Au schlüsse zu Bescha enhei des Ka ka’schen Œu es und zu
seine Ve bindung mi dem Kanon.
Die We kkons i u ion wi d en lang de zu en deckenden Rudimen e kanonische
Anlage ung buchs äblich als eine Kons uk ion aus Thea e , Tex und Zeichnung aus-
gewiesen. Bei den zeichne ischen Komponen en handel es sich wenige um Ka kas
eigene als ielmeh um die Zeichnungen einige seine li e a u geschich lichen,
de eh u ch gebie enden Epochenkonjunk u de Kuns pe iode en s ammenden
Vo gänge aus dem Umk eis Johann Wol gang Goe hes sowie Hein ich on Kleis s,
de en bildne ische Zeugnisse als Baus eine in den ex uellen Vo gang eingehen. De
schöp e ische P ozess en al e sich k a de An e wandlung on Sedimen a ionen
des his o ischen Kanons als ein zweischneidige und zweischich ige Ak de K ea ion
im Spannungs eld on T adi ion und Inno a ion, Al em und Neuem, F emdem und
Eigenem. Ka kas Scha en e s ahl dadu ch in einem neuen Lich , welches die Leis-
ung seines li e a ischen En wu s keineswegs schmäle , sonde n als o ge üh e
Ans engung küns le ische Aushandlung im Ringen mi den G ößen e gangene
Tage um das Bahnb echende seines We ks e scheinen läss .
Mi Nachd uck is noch einmal au die ein o be ei ende und o läu ige Na u
de hie un e b ei e en Vo schläge zu ückzukommen. Wenn im Un e i el dieses Bei-
ags de „G und iss eine Fo schungs age“ angekündig wi d, so is die Wendung
du chweg in einem zwei achen Sinne au zu assen. Au de einen Sei e e weis de
„G und iss“– im übe agenen Sinne– au die Skizzenha igkei de Da s ellung, die
keine lückenlose Rep äsen a ion des Gegens ands zu lie e n behaup e , sonde n
das P oblem ausschließlich in g oben, gewiss e ein ach en, schemenha en Zügen
andeu e . En sp echend e ns is die Fo mulie ung eine „Fo schungs age“ aus
dem Un e i el zu nehmen: Sie soll da au au me ksam machen, dass die hie o -
geb ach en Übe legungen wei ehe da au zielen, eine F age au zuwe en, als dass
sie e ige Lösungen und inale An wo en zu lie e n o gäben. Au de ande en Sei e
läss sich de „G und iss“ abe zugleich– im wö lichen Sinne– au den Be eich des
29ACHIM KÜPPER
Bauwesens beziehen, on dem sich die übe agene Bedeu ung e s ablei e . Diesem
zwei en, wö lichen Sinne gemäß is de „G und iss“ als Plan ode Zeichnung eines
Gebäudes zu e s ehen und au die kons i u i e Analogie zwischen Tex und Bauwe k
zu münzen, die im Folgenden iel ach zu Sp ache komm : Imme wiede k eis die
A gumen a ion um die Ve sch änkung on a chi ek onischen und li e a ischen P in-
zipien, um den Kons uk cha ak e des Tex s, um seine Bauweise, seine in e ex uelle
Anlage sowie auch um die Ve bindung zwischen bau- und geis esgeschich lichen
Schwellen äumen im Rückg i au den his o ischen Kanon sei den ühen Tagen
des eu opäischen Al e ums. In de spezi ischen Konzen a ion au das bauliche wie
ex liche P oblem des Eingangs e lek ie de Bei ag zugleich die o schwie ige
Posi ion de Rezipie enden, denen angesich s de Ka ka’schen Rä selkuns nich sel en
ein Schlüssel ode ein Zugang zum We k ehl .
2. KANONBESTÄNDE IN KAFKAS LEGENDE VOR DEM GESETZ:
EINE SPURENSUCHE5
Solch a chi ek onisches Gep äge äg die e mu lich zwischen Ok obe und Dezem-
be 1914 mi schwa ze Tin e gesch iebene, im Kon ex des P ozeß -Romans en s ande-
ne, in dessen „Dom“-Kapi el eingebe e e und e s mals 1915 eigens ändig e schienene
Legende Vo dem Gese z (Ka ka 1994: 267–269),6 die zu den meis besp ochenen Tex en
Ka kas gehö . Sie be ich e om e geblichen Ve such ode auch Nich e such eines
Mannes, „Ein i in das Gese z“ (Ka ka 1994: 267) zu e langen. Das Gese z e üg übe
ein „To “ (Ka ka 1994: 267); zuweilen wi d es auch „Tü “ (Ka ka 1994: 268) genann .
Da o „s eh ein Tü hü e “, de dem Mann „je z den Ein i nich gewäh en“ kann
(Ka ka 1994: 267). Obwohl „das To zum Gese z o ens eh wie imme “ und de „Mann
om Lande“ in dem Momen , wo „de Tü hü e beisei e i “, „du ch das To in das
Inne e“ sehen kann (Ka ka 1994: 267), geling es ihm zei lebens nich , ins Gebäude
hineinzugelangen. S a dessen e b ing e seine Tage o dem To . Zum Ende seines
Lebens hin nimm e mi schwäche we denden Augen „im Dunkel einen Glanz“ wah ,
„de un e löschlich aus de Tü e des Gese zes b ich “ (Ka ka 1994: 269). Be o e s i b ,
e äh e om Tü hü e , wa um e all die Jah e allein o dem Gese z gewa e ha :
„Hie konn e niemand sons Einlaß e hal en, denn diese Eingang wa nu ü dich
bes imm . Ich gehe je z und schließe ihn.“ (Ka ka 1994: 269)
Vo dem Gese z e zähl on einem Nich ein e en, on de Ve weige ung eines
Zugangs, die in eine du ch und du ch pa adoxe Kons ella ion eingebunden bleib .
Die Tü is nich e schlossen, sonde n sie s eh eigens ü den „Mann om Lande“
(Ka ka 1994: 267) o en; dennoch bleib de Weg e spe . Das Gebäude des Gese zes
5 Die in diesem Un e kapi el skizzie en Resul a e we den in um ängliche e Fo m en wickel bei
Küppe (2024: Kap.1.2). Die im o liegenden Bei ag p äsen ie e Ku z assung kann als Keimzelle de
monog a ischen Aus üh ung e s anden we den. Sie da nich als Gesam in e p e a ion on Ka kas
Legende miss e s anden we den; dazu sei au die Monog a ie e wiesen. Hie eduzie sich de Fokus
au die F age nach einem de E zählung inhä en en Kanon eku s.
6 Zu Übe lie e ung und En s ehung dieses Tex s siehe Ka ka (1996: 328 .). Die Bezeichnung „Legende“
läss sich au den Au o zu ück üh en: Am 13.Dezembe 1914 sp ich Ka ka in seinem Tagebuch on
eine „Exegese de Legende“ sowie om „Zu iedenhei s- und Glücksge ühl, wie ich es z.B. besonde s
de Legende gegenübe habe“ (Ka ka 1990: 707).

30 BRÜCKEN 31/1
is einsehba und nich einsehba zugleich: Zwa glück es dem Mann, „du ch das To
in das Inne e zu sehn“ (Ka ka 1994: 267) und on do he zule z „einen Glanz“ aus
dem „Dunkel“ he aus zu e haschen (Ka ka 1994: 269), doch bleiben Sinn und Zweck
de Ein ich ung ebenso e bo gen und undu chd inglich wie die S uk u de An-
lage. Zu e ah en is nu , dass es o enba eine hie a chisch o ganisie e Reihe on
Tü hü e n in en sp echend ges a el en Räumen gib : „Von Saal zu Saal s ehn abe
Tü hü e , eine mäch ige als de ande e.“ (Ka ka 1994: 267)7
2.1 DER PLATZ VOR DEM GESETZ: EIN ORT DES VERSTOSSENSEINS
In Ka kas ku zem Tex wi d de Schaupla z des Geschehens, de dem Gese z o ge-
lage is und on dem aus ein Wei e sch ei en in sein Inne es nich ges a e is , zu
einem O de Ve dammnis, des Ve s oßenseins und de Ve bannung, de Expa ia ion
und Exkommunika ion, an dessen Rand das ausgeg enz e Subjek e wiesen bleib ,
ohne je den Weg ins Gebäude zu inden. De Vo bau des Gese zes, on dem sich de
Mann nich lösen kann, is zugleich ein O de Einsamkei : Das Subjek bleib allein
und au sich selbs zu ückgewo en, eine a sächliche Kommunika ion mi dem
Tü hü e inde nich s a , zumindes keine, die diesen Namen e dien e, wäh end
selbs diese Tü hü e in eine plu alische Gemeinscha de „Tü hü e “ (Ka ka 1994:
267) einbezogen und mi „seinem Pelzman el“ (Ka ka 1994: 267) sowie seinem „langen,
dünnen, schwa zen a a ischen Ba “ (Ka ka 1994: 267 .) eine sonde ba a chaisch
ode ibalis isch wi kenden G uppe anzugehö en schein , die ihm Au gehobensein
im Zusammengehö igkei sge ühl eines Kollek i s e sp ich und o Ve einzelung
schü z .8 Das um Einlass bi ende Subjek o dem Gese z dagegen is e einzel und
on jede Fo m de Gemeinscha en emde , ausgeschlossen on eine Teilhabe an
P ozessen kollek i e Sinns i ung, En scheidungs indung, Zugehö igkei ode auch
nu wah en Aus auschs. Ka kas Vo bau is ein soli ä e Pla z.
Des o delika e wi d diese Kon igu a ion un e Rück e weis au die oben da geleg-
e Analogie zwischen Tex und Bauwe k. We den Geschich e und Gebäude als mi ein-
7 Diese Hie a chie de Hü e kann eine sei s, wie Ab aham (1994 [zue s 1983]) o schläg , au eine
jüdische Legende aus dem Mid asch Pesik a Rabba i übe Moses Gang zum Sinai bezogen we den, die
on eine Reihe imme mäch ige we dende Engel e zähl , welche den Himmel bewachen. Vgl. k i-
isch demgegenübe Binde (1993: 113–115). Ande e sei s läss sich de Bedeu ungsk eis des Tex s mi
Siche hei nich allein au diesen Ho izon besch änken. Zu mannig al ig sind da ü die Elemen e, die
e ungeach e alle Kü ze in sich äg , zu ielschich ig seine Fak u , zu he e ogen seine Ing edienzen.
So e inne de gesam e Komplex hie a chisch ges a el e Räume aus de Legende Vo dem Gese z, um
nu eine ela i beliebige Reminiszenz he auszug ei en, age an die Vo s ellung eine konzen isch
angeleg en Hölle als Pendan zu einem gleicha ig geschich e en Himmel, wie sie besonde s aus
Dan es Gö liche Komödie ( ühes 14.Jah hunde ) und de da in ausgeb ei e en Vision eines in neun
ineinande e schach el e K eise de Qualen un e eil es In e no bekann is (ausgiebige zu diese
Anspielungsmöglichkei Küppe 2024: Kap.1.2). Dass Ka ka mi Dan es We k e au wa , s eh auße
F age: E üh e ein Exempla in seine Biblio hek und ha das Buch meh ach in B ie en an Max B od
e wähn (Bo n 1990: 30).
8 Nach Quellen aus dem o ien alis ischen, speziell chinesischen Disku s um Ka kas Zei anlässlich de
a a ischen Ges al des Tü hü e s such Goebel (1994). Fü die Polysemie des Ta a ischen sensibilisie
Ku z (1987: 217): „De ‚ a a ische‘ Ba e ozie nomadische, ös liche Völke und den Ta a os, den
ie s en O des Todes“ (Re e enz da au bei Goebel 1994: 33, do Anm.2). Die Anspielung au den
Ta a os läss wiede um an die o hin angeklungene Hölle als Gegeno himmlische Imagina ion
denken.
31ACHIM KÜPPER
ande ko espondie ende Einhei en e s anden, läss sich das ausgeg enz e Subjek
in gewisse Weise auch als eine Rep äsen a ion on Lesenden iden i izie en, die den
Zugang zum Tex nich inden: Die Gese ze, die in ihm obwal en, bleiben schleie ha
und un e s ändlich, ein Eins ieg geling nich , s a dessen bleiben diejenigen, die um
Ein i bi en, an den Saum des We ks e bann und au die Nich kommunika ion
mi einem Wäch e angewiesen, dessen Aussagen zu keine annehmba en Lösung
üh en.9 Allein au g und diese Iden i ika ion des um Einlass Bi enden mi den Le-
senden sind die Le z e en ims ande, die No und Ausweglosigkei , das Un e s ändnis
und die Ve zwei lung im Ak des Lesens mi zu ollziehen, das E s e e im Angesich
unaussp echliche F emdhei und Rä selha igkei e spü . Ein eindeu ige Plan is
de Ein ich ung nich zu en nehmen, eine kla e Absich hin e dem Gese z nich zu
e kennen, ein alles e lösende Sinn dem We k nich zu en locken. Die Anlage schein
ielmeh ih en eigenen Gese zen zu olgen. Das Bauwe k bleib ein Tempel ungelös e
Rä sel und undu chd ingliche Geheimnisse.
2.2 DIE ATTISCHE TRAGÖDIE: SCHWELLENRÄUME SEIT SOPHOKLES
Ausschlaggebend ü die im Wei e en o genommene Analyse is die lokale Bedeu-
ungsdimension des ü die E zählung i elgebenden Vo . P imä muss de Ti el ge-
mäß eine spa ialen Seman ik gelesen we den: Vo dem Gese z bes imm den O de
Handlung als einen dem Gese zesgebäude o gelage en Pla z.10
Die äumliche Si ua ion aus Ka kas Vo dem Gese z läss sich zugleich in eine lange
li e a u geschich liche Reihe einbeziehen, de en G und es en bis in die g iechische
An ike zu ück eichen. E inne sei an die a ische T agödie aus dem 5.Jah hunde
.u.Z., de en Vo bild zunächs Aischylos (525–456 .u.Z.) au s ell , be o sie du ch
die sophokleische Thea e adi ion wei e ausges al e und popula isie wi d. In den
T agödien des Sophokles (497/496–406/405 .u.Z.) wi d de Pla z o dem Palas ode
o dem Königshaus zu einem wesen lichen O des Schauspiels und de Handlung.
De „Schaupla z“ de An igone (442 .u.Z.) be inde sich „ o dem Königspalas in
Theben“ (Sophokles 1955: 3). „Vo dem Palas des Ödipus in Theben“ (Sophokles 2002: 5
[He o hebung im O iginal]) spiel das nach ihm benann e S ück (429–425 .u.Z.).
„Vo dem Königshaus in Mykene“ (Sophokles 1969: 5 [He o hebung im O iginal]) inde
schließlich das Geschehen de Elek a (ca.413 .u.Z.) s a , das namen lich au den
Choepho en (458 .u.Z.) des Aischylos uß .
Ka kas Vo dem Gese z muss no wendige weise o dem Hin e g und diese T a-
di ion be ach e we den. De Au o ha sich be ei s sei seinen Schul agen mi ih
auseinande gese z . Beleg is , dass Ka ka ab dem d i en Gymnasialjah (Schuljah
9 Dazu in nuce Mauz (2003: 56): „Wenn sich am Ende de Pa abel die Tü e schliess , wenn de Mann om
Lande ähnlich hil los o dem Gese z lieg , wie de Lese o dem Vo dem Gese z- bzw. P ocess -Tex si z ,
dann i de Lese au seinen Rep äsen an en im Tex “.
10 Das un e s eich auch De ida (1985: 106) in seine p ominen en Lek ü e des Tex s, de die opologische
Quali ä des Ti els sowie de gesam en E zählung okussie : „le sens du i e igu e une indica ion
opologique, de an la loi.“ Au die „u sp ünglich äumliche Seman ik des ‚ o ‘ aus ‚Vo dem Gese z‘“
deu e eben alls Be geng uen (2016: 424). Dass die P äposi ion „ o “ neben de p imä en (lokalen)
noch eine sekundä e ( empo ale) und e iä e (hie a chische) Lesa zuläss , wi d ausgea bei e bei
Küppe (2024: Kap.1.2). Do inde sich auße dem eine Auslegung des e s en Sa zes de E zählung im
Lich seine undamen alen Vieldeu igkei : „Vo dem Gese z s eh ein Tü hü e .“ (Ka ka 1994: 267)
32 BRÜCKEN 31/1
1895/1896) „5S unden G iechischun e ich “ ha e (He mes/John/Koch/Wide a 1999:
20). Von diesem Zei punk an wa an dem humanis ischen Al s äd e Deu schen
Gymnasium in P ag, das Ka ka besuch e, „ as die Häl e“ alle Un e ich ss unden
„den klassischen Sp achen o behal en“ (Wagenbach 2006 [zue s 1958]: 35).
11
An
die immensen An o de ungen in den Sp achen des klassischen Al e ums e inne
sich Ka kas Schul eund Hugo Be gmann (He mes/John/Koch/Wide a 1999: 22). In
de ach en und le z en Gymnasialklasse (Schuljah 1900/1901) s eh un e ande em
Sophokles’ An igone au dem P og amm (He mes/John/Koch/Wide a 1999: 25). Dass
Ka ka schon als Schüle „die im Leh plan o gesehenen We ke an ike Li e a u im
O iginal ex gelesen“ habe, s ell auch Nagel (1983: 133) es : „Doch ha “, so äh Nagel
(1983: 133) o , „diese Lek ü e in Ka kas We k kaum einen Niede schlag ge unden.“12
Demgegenübe soll hie zu zeigen e such we den, dass de klassische Kanon de
An ike seh wohl Eingang in Ka kas We k ge unden ha , und zwa in einem übe aus
wö lichen Sinn: jus übe die Tex kons i uen en des Eingangs und des Vo baus. Es
e geben sich alle dings einige e hebliche Un e schiede zum an iken Mus e .
Die sophokleische T agödie bes imm den Schaupla z o dem Palas als O eine
Ve mi lung zwischen den He schenden und de zumeis du ch den Cho ep ä-
sen ie en S ad . De Raum o dem Palas wi d zu S ä e de Begegnung zwischen
beiden Wel en, zu Zone eines unau hö lichen Wechsel auschs, eines wiede hol en
Hinauskommens und Hineingehens sowie eine o gese z en Kommunika ion zwi-
schen dem ö en lichen Raum und de geschlossenen Sphä e des He schendenhauses.
Beme kenswe is in diese Hinsich allem o an die A chi ek u des klassischen
g iechischen Thea e s. De Palas wi d on den Gebäuden de Skene im Bühnenhin e -
g und e kö pe . Das Volk inde seinen Pla z au den Publikums ängen des Koilon.
Physisch ausge agen wi d das S ück in de O ches a, in de die Schauspielenden
und de Cho gemeinsam au e en und die sowohl im wö lichen als auch im übe -
agenen Sinn zwischen dem He schendenhaus (Skene) und dem Publikums aum
(Koilon) lieg . U sp ünglich aus i uellem Zusammenhang he s ammend und als
Ak ionsk eis ü kul ische, dem Dionysos geweih e Tänze und Gesänge dienend, kann
die O ches a auch wiede au einen i uellen Kon ex zu ückbezogen we den: Im
Thea e ha e was on seinem i uellen U sp ung übe leb , die Bühne läss sich in be-
11 Wagenbach eil da übe hinaus die K i ik des um einige Jah zehn e äl e en Sch i s elle s F i z
Mau hne an den P age Gymnasien mi , wie e sie in den 1918 e schienenen E inne ungen an seine
P age Jugendjah e zum Ausd uck b ach e. Mau hne monie do einen Hia us zwischen Ansp uch
und Wi klichkei , „eine o enba e Klu zwischen den Schulp og ammen und de Schulleis ung“: In
den E s e en „hieß es imme , man we de du ch das S udium des La einischen und des G iechischen
in den Geis de an iken Wel einge üh . […] In den an iken Geis d ingen ielleich die bes en Philo-
logen ein wenig wäh end ih e Uni e si ä sjah e. Von uns Schüle n– wi wa en unge äh ie zig in
de Klasse– wu den nu d ei ode ie sowei ge ö de , daß sie mi knappe No einen al en Klassike
silbenge eu übe se zen konn en“ (zi . nach Wagenbach 2006 [zue s 1958]: 38). Wagenbach üg hinzu:
„Auch Ka ka is de an ike Geis emd geblieben.“ (Wagenbach 2006 [zue s 1958]: 38) Nich sdes owe-
nige sind die Spu en de in- und ex ensi en Beschä igung mi dem an iken Kanon, un e welchem
Zwang sie auch imme ges anden haben mag, am spä e en We k des Au o s abzulesen.
12 Nagel (1983: 149) sieh in dem Mann om Lande aus Ka kas Legende Vo dem Gese z eine „ ypische
Ka kasche E scheinungs o m des Sisyphus“ sowie in dem „Nacheinande de imme g öße en und
sch eckliche en Tü hü e “ eine Anlehnung an „das an ike Mo i de Hyd a, de ü einen abgeschla-
genen Kop imme sogleich zwei g öße e und sch eckliche e Köp e nachwachsen“ (Nagel 1983: 150).
„T agisches Nich wissen“ e binde den Mann om Lande zudem mi Ödipus (Nagel 1983: 151).
33ACHIM KÜPPER
s imm e Weise als ein Schwellen aum au assen, in dem Übe gänge in symbolische
Ges al ollzogen we den können.
Bezeichnend sind bei Sophokles ge ade die Momen e de Ö nung und des Dialogs.
In An igone ö ne sich zum Ende hin de Bühnen aum, um den Blick ins Inne e des
Palas es eizugeben: „De Hin e g und ha sich geö ne , man sieh die Leiche de Eu y‑
dike.“ (Sophokles 1955: 56 [He o hebung im O iginal]) Da au hin mein de Bo e zu
K eon: „Du kanns es schaun, das Inn e bi g ’snich meh .“ (Sophokles 1955: 56) In
König Ödipus wi d denjenigen, die sich o dem Gebäude be inden, e schieden lich
on den Vo gängen im Palas be ich e .13 In Elek a d ingen meh mals S immen aus
dem Inne en des Hauses nach außen in den Thea e aum bzw. in die A ena.
14
Die inale
isuelle Ö nung aus An igone wi d in Elek a dami zu eine audi i en Ö nung hin
e schoben: Die Maue n des Königshauses bilden hie keine undu chlässige, sonde n
eine akus isch zumindes semipe meable G enze, die gelegen lich Ge äusche du ch-
d ingen läss und dami In o ma ionen in hö ba e Fo m aus dem Inne en übe mi el .
Au allend sind die Pa allelen zwischen Ka kas Tex und de To anlage in Sophokles’
Elek a. E schein Ch yso hemis im e s en Au i „am To “ des Königshauses (So-
phokles 1969: 16 [He o hebung im O iginal]), so wi d dieses am Schluss des S ücks–
ganz ähnlich wie bei Ka ka– in Anwesenhei des Todes explizi geschlossen: „O es es
und Pylades hin e Aigis hos ins Haus. Man äg die Bah e de Kly aimnes a hinein, de
Elek a olg . Sie schließ das To .“ (Sophokles 1969: 72 [He o hebung im O iginal])15
Ve gleich man Ka kas Vo dem Gese z mi dem g iechischen A che ypus, igu ie
de Tü hü e als eine Ve kö pe ung des Mach zen ums, de Mann om Lande als ein
Rep äsen an des Volks. Im Gegensa z zu sophokleischen T adi ion inde in Ka kas
Tex jedoch keine lei Ve mi lung s a . E s de Rückbezug au das an ike Mus e
gib die ganze Gewal des Ka ka’schen En wu s zu e kennen: Hie wi d de Raum
o dem Gese z zu einem Bezi k de Un e s ändlichkei und de Undu chschauba -
kei inne e Zusammenhänge, des Fehlschalgens in e p e a i e wie in eg a i e
Bemühungen, des Schei e ns eine Kommunika ion, die nich au Dialog, sonde n
au einem psychischen Kon lik au bau , aus dem es ü das Subjek kein En kommen
gib und de inne halb des pe iden Zwangsgebildes nich zu lösen is . De Schau-
pla z des Ka ka’schen Geschehens wi d zu eine Zone de Ve wo enhei und de
Ve eibung aus eine wie auch imme ge üg en Sinngemeinscha , einem A eal des
Ausges oßen- und Ausgeschlossenseins, das nu die eigene Ve lo enhei angesich s
des Undu chd inglichen o Augen üh . Wie bei Sophokles ep äsen ie das Ge-
bäude zwa eine ö en liche Ins i u ion auk o iale He scha , die bei Ka ka im Zei-
chen adminis a i e Mach agie und un e dem Namen „das Gese z“ s eh (Ka ka
1994: 267). Ande s als bei Sophokles abe en s eh aus dem Au einande e en beide
Sphä en wede ein e ns zu nehmende Aus ausch zwischen Innen und Außen noch
13 So beispielsweise mi els de Reden des Diene s im Exodos (Sophokles 2002: 57–60).
14 So e wa diejenige Elek as, die „im Haus mi lang hallendem Sch ei“ bis in die A ena hinein zu hö en
is (Sophokles 1969: 7 [He o hebung im O iginal]), diejenige des Al en, de „aus dem Haus“ he aus
e nommen we den kann (Sophokles 1969: 61 [He o hebung im O iginal]), ode diejenige Kly aim-
nes as, die sich on de A ena he „im Hause“ wah nehmen läss (Sophokles 1969: 65 [He o hebung
im O iginal]).
15 Zu o ha e Elek a das To lau eine die spä e e Tex s elle symme isch spiegelnden Regieanweisung
geö ne : „Sie ö ne das To . He aus e en O es es und Pylades mi Diene n, die die e hüll e Bah e de Kly‑
aimnes a agen.“ (Sophokles 1969: 69 [He o hebung im O iginal])
40 BRÜCKEN 31/1
Dami is implizi eine in e mediale Kon igu a ion angesp ochen, die de bildha -
en Da s ellung im „Kup e “ die Funk ion zuweis , „eine schnelle, allgemeine, sinn-
liche Anschauung“ dessen zu e möglichen, was im Medium de „Sp ache“ o mulie
wi d. Was Goe he in diese unscheinba en No iz be eib , is nich s Ge inge es als
eine medienkompa a is ische Re lexion übe die G undbedingungen sch i - und
bildmediale Kommunika ionssys eme bzw. sk ip u ale und pik o ale Codes: Im
Un e schied zu de s e s nu mi elba en sp achlichen Schilde ung e laub die ikoni-
sche Rep äsen a ion im Medium des Bilds eine „Anschauung on Gegens änden“– mi
Emphase au dem isuellen Elemen des Schauens, das de „Anschauung“ inhä en
is –, die unmi elba e wi k und dahe „eine schnelle, allgemeine, sinnliche“ A
des Zugangs o e ie . Au de ande en Sei e bleiben die „beige üg en“ Bilde an den
ausd ücklichen „Zweck“ gebunden, die Tex e ausschließlich un e bes imm en Vo-
ausse zungen zu beglei en, welche o enba so e klä ungsbedü ig sind, dass zu
Rech e igung des Abd ucks on Bildma e ialien ein eigene Zusa z „Uebe die bei-
ge üg en Kup e “ onnö en is . So e scheinen die Bilde als ein de „Sp ache“ un e -
geo dne es, sekundä es Medium, das nich um seine selbs willen in eg ie wi d,
sonde n lediglich eine lankie ende ode un e s ü zende Rolle beansp uchen kann.
Die du ch die Besch eibung und die Abbildung des To s zuwege geb ach e in e -
mediale Tex -Bild -Kon igu a ion schein in meh ache Hinsich beach enswe . Zu-
nächs einmal lie e sie ein konk e es Pendan zum Ti el de Zei sch i P opyläen und
zum P og amm des Pe iodikums, das in de Einlei ung des He ausgebe s um issen
wi d. So e schein das gleiche maßen s a k e schü e e wie gu e hal ene „S ad ho “
als symbol äch iges Inbild eine p og amma ischen Beschä igung mi de An ike,
wie sie die Zei sch i P opyläen ö de . Sie s eh un e de P ämisse eine Wiede -
en deckung und Wiede belebung an ike Kul u bes ände, die his o isch übe lage
sein mögen, die jedoch in ih em Ke n wei hin unbeschade sind und in de Gegen-
wa zu eine nu wenig e minde en ode e ände en Wi kung geb ach we den
können. Dami wi d de im A ikel besch iebene und in de Zeichnung abgebilde e
Abb. 3: Zeichnung des e schü e en S ad o s on Fiesole (Goe he 1798a: nach 127)

41ACHIM KÜPPER
an ike To bau zu einem O de Ve mi lung zwischen Ve gangenhei und Gegen-
wa : Das S ad o wi d zu eine A Zei po al, du ch das Blicke in eine längs e -
gangene und e schü e e an ike Wel möglich scheinen, die sich in ih e sich ba en
Unsich ba kei zugleich e hüll und o enba . Hie läss sich g undsä zlich an die
Kommunika ions heo ie on Ha old Innis denken, de Medien nach dem K i e ium
un e scheide , ob sie ehe eine Ve mi lung im Raum ode in de Zei dienen: Schwe e,
bes ändige und nich anspo able Medien eignen sich lau Innis (2008 [zue s 1951]:
33) besse ü eine Dissemina ion on Wissen in de Zei als im Raum. Die „S eine“ aus
dem A ikel ex sowie de ange üg en Abbildung können du chweg als ein solches
Medium zei liche Kommunika ion e s anden we den: Sie bilden eine B ücke in
die Ve gangenhei und e möglichen au diese Weise so e was wie einen medialen
Aus ausch in de Zei , einen Dialog zwischen An ike und Gegenwa . Es beda kaum
de E gänzung, dass Ka kas Tex mi Bezug au eine solche Fo m de Ve mi lung
seh iel skep ische aus äll . Dessen ungeach e e mag eine k i ische Rezep ion
Ka kas anhand de Rekons uk ion kanonische We kbezüge ih e sei s wiede um
genau dies zu leis en: die halb e schü e en, halb e bo genen Rückg i e au an ike
und ande e klassische Kul u bes ände in Ka kas Scha en au zudecken, um so eine
neue A epochenübe g ei enden Dialogs zu ö nen, ein wei e üh endes Gesp äch
zwischen Ve gangenhei und Gegenwa zu beg ünden.
2.5 HEINRICH VON KLEIST: BRIEFWECHSEL
Einen ande en Zusammenhang ö ne Lo ha Jo dan in dem be ei s he angezogenen
A bei spapie . E e binde den To bogen aus Goe hes Zei sch i zwa nich mi Ka ka,
da ü abe mi einem nich minde aszinie enden Ve e e de li e a ischen Mode -
ne, nämlich mi Goe hes Zei genossen Hein ich on Kleis (Jo dan 2010: 2–5). Kleis
läss sich eilich wenige zu Klassischen als ielmeh zu eine ühe en, be ei s um
1800 anse zenden Aus o mung de Mode ne echnen. Umso in e essan e schein in
de Ta ein Sei enblick au diesen Konnex. Die Ve knüp ung geh on einem wei e en
Aspek aus, nämlich on dem im zi ie en Zei sch i ena ikel e zeichne en Ku io-
sum, dass sich de al e ümliche To bogen „me kwü dige weise noch ganz e hal en“
habe, „ob schon e keine Wide lagen ha , und die S eine nich mi Eisen zusammen
e bunden zu seyn scheinen.“ Dieses a chi ek onische und physikalische Phänomen
ge ä bei Kleis zum Anlass eine ebenso einschneidenden wie nachhal igen pe sön-
lichen Übe legung exis enziellen Ausmaßes.
In einem am 16.No embe 1800 begonnenen B ie an Wilhelmine on Zenge (Kleis
2001: 591–598) be ich e de Au o on einem besonde en Abend in Wü zbu g und
einem ü ihn p ägenden E lebnis do :
Da ging ich, in mich gekeh , du ch das gewölb e To , sinnend zu ück in die S ad .
Wa um, dach e ich, sink wohl das Gewölbe nich ein, da es doch keine S ü ze ha ?
Es s eh , an wo e e ich, weil alle S eine au einmal eins ü zen wollen– und ich zog
aus diesem Gedanken einen unbesch eiblich e quickenden T os , de mi bis zu
dem en scheidenden Augenblicke imme mi de Ho nung zu Sei e s and, daß
auch ich mich hal en wü de, wenn alles mich sinken läß .
42 BRÜCKEN 31/1
Das, mein liebes Minchen, wü de mi kein Buch gesag haben, und das nenne
ich ech eigen lich le nen on de Na u . (Kleis 2001: 593 [He o hebungen im
O iginal])22
In einem Zusa z om 30.Dezembe 1800 üg Kleis seine Besch eibung schließlich
die nach olgende Zeichnung des besag en To bogens an (Abb.4).
Abb.4: Zeichnung des To bogens Hein ich on Kleis s (Kleis o.J. [ca.1904]: 456)23
Zwischen Tex und Zeichnung, zwischen de sch i medialen und de bildmedialen
Da s ellung des To bogens u sich eine Klu on ande halb Mona en au . Kleis s
Zeichnung en s eh seinen eigenen Wo en zu olge ausd ücklich „am o le z en
Tage im al en Jah hunde .“ (Kleis 2001: 598) Dadu ch wi d de B ie zusa z nich
allein zum Signum eine zei lich ze dehn en epis ola en Kommunika ion, e üh
auch seine sei s eine A Zei po al o , das am Scheideweg de Jah hunde e, an de
B uchlinie zwischen dem ausgehenden 18. und dem an angenden 19.Jah hunde
au Momen e des Übe gangs und des e ho en Neubeginns deu en mag, das abe
o allen Dingen du ch seine Eigenscha au äll , sich du ch das gleichmäßige und
gleichzei ige D ängen alle seine Teile in die Tie e selbs au ech zue hal en. De
Gedanke, den de B ie esch eibe da aus ablei e , „daß auch ich mich hal en wü de,
wenn alles mich sinken läß “, e weis au eine p o unde Einsamkei des Ichs. Wie
das Ka ka’sche is auch das Kleis ’sche Subjek allein. Das läss sich bis in die Sp ache
des B ie s hinein e olgen. Das epis ola e Ich üh zwa ein Gesp äch, doch es is
in e s e Linie ein Selbs gesp äch, bei dem dieses Ich explizi au seine eigene F age
an wo e : „Wa um, dach e ich, sink wohl das Gewölbe nich ein, da es doch keine
S ü ze ha ? Es s eh , an wo e e ich, weil alle S eine au einmal eins ü zen wollen“.
22 Zu eine ex k i ischen Edi ion mi Abd uck de Faksimiles dieses B ie s siehe auße dem Kleis (1996:
379–397).
23 Ein Abd uck de Zeichnung inde sich gleich alls in Kleis (2001: 598). Aus u hebe ech lichen G ünden
wu de ü die oben wiede gegebene Abbildung au die äl e e Rep oduk ion zu ückgeg i en.
43ACHIM KÜPPER
Dami ähnel die Kommunika ionssi ua ion aus Kleis s B ie de jenigen aus Ka -
kas Tex Vo dem Gese z, die keinen Dialog im eigen lichen Sinn bie e , sonde n eine
monologisch gep äg e, bei Ka ka allein du ch die Absu di ä en kleine Ve hö e und
ande e Un e s ändlichkei en un e b ochene Rede. Jensei s de E zählung Vo dem
Gese z e gib sich alle dings noch ein ande e Be üh ungspunk zwischen Kleis und
Ka ka, da beide gleiche maßen als epis ola e Au o en in E scheinung e en. Denn wie
so häu ig bei Ka ka, dem Ve asse zahl eiche Sch eiben an di e se B ie pa ne innen,
wi d zu gu e Le z auch bei Kleis eine Kommunika ion au eine höhe en Ebene
anges eb : au de jenigen de b ie lichen Ko espondenz mi den o nehmlich weib-
lichen Ad essa innen, die als Emp änge innen de Bo scha en beide B ie esch eibe
(d.h. sowohl Kleis s als auch Ka kas) ungie en, wobei die pos alische Ko espondenz
jedoch ih e sei s nu eine mi elba e, zei lich iel ach e zöge e und ze dehn e Fo m
des Aus auschs im Medium des B ie s be ei s ell .
In de Ta s eh Kleis s En wu demjenigen Ka kas ungleich nähe als Goe hes
Konzep ion.24 Die Un e schiede zwischen Goe he und Kleis ha Lo ha Jo dan be ei s
he ausges ell : „Tex und Abbildung in den P opyläen üh en au die An ike hin und
au die Gemeinscha . Bei Kleis wi d die Lösung des To bogen ä sels zu An wo
au exis enzielle heu ige F agen eines Indi iduums.“ (Jo dan 2010: 4) Diese Be und
kann um den Hinweis au Ka ka e gänz we den, de ähnlich exis enzielle F agen
wie Kleis s ell , bei dem die F agen un e dessen keine An wo inden, das Rä sel
ohne Lösung bleib und das To nich einmal meh zu Ho nung des Selbs e hal s
ge eich , sonde n sich zu einem Monumen e spe e Wege und unzugängliche
Bedeu ungen e es ig . Ohne in diesem Fall eine konk e e Bezugnahme Ka kas au
Kleis s nahelegen zu wollen, da Ka kas Kenn nis des Kleis ’schen B ie wechsels nich
unbeding o auszuse zen is 25 und da die jeweilige Akzen uie ung de To anlagen
doch auch ech un e schiedlich aus äll , lohn ein Ve gleich zwischen beiden dennoch
inso e n, als e eine e bo gene, die Zei en und Epochen übe daue nde his o ische
Kons an e exis enziellen Denkens im Ho izon li e a ische sowie in e mediale
Vo - und To bau en e kennen läss , die in Kleis einen gewissen Vo läu e Ka kas
ausmach , auch wenn Le z e e bei de Ab assung seine Legende wah scheinlich
nich Kleis s B ie o Augen ha e.
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24 Zu g undsä zlichen Ve wand scha zwischen Kleis und Ka ka bes eh eine eiche Fo schung. Dazu
übe blicksa ig Hinde e (2006), do auch ielzählige Li e a u hinweise.
25 Imme hin wa de besp ochene B ie zu Ka kas Zei be ei s edie und e ö en lich wo den. E is
en hal en in Kleis (o.J. [ca.1904]: 157–165 und 456 . [Anm.]). Dazu die Anme kung on Helmu Sembdne
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