F anz Ka ka in de na ionalen Li e a u geschich s-
sch eibung1
Ma ek Nekula– Bohemicum– Cen e o Czech S udies,
Uni e si ä Regensbu g
ABSTRACT
F anz Ka ka in he na ional his o iog aphy o li e a u e
The a icle deals wi h he ques ion o he p esen a ion o F anz Ka ka in his o iog aphies
o Ge man and Czech li e a u es o he 20 h cen u y, as i was p ac iced in he gen e o
syn he ic ep esen a ions o na ional li e a y his o y. The speci ic ques ion is o wha
ex en and how na ional his o iog aphies o li e a u e e lec anscul u al aspec s o
au ho s such as Ka ka. The p esen ex can hus be seen as acon ibu ion o anscul u al
his o iog aphy o li e a u e.
KEYWORDS
F anz Ka ka, his o iog aphy o li e a u e, Ge man li e a u e, Czech li e a u e, anscul-
u ali y
EINORDNUNG
Die F agens ellung dieses Bandes, wie man eine anskul u elle Li e a u geschich e
sch eib , is so komplex, dass ich dazu in meinem Tex nu einen seh kleinen Bei ag
leis en kann. Die Komplexi ä ha auch mi de F age zu un, was man un e Li e a u
e s eh und wie man in Bezug da au die T anskul u ali ä assen will. Geh es dabei
meh um die Rep äsen a ion und Poe ik des T anskul u ellen ode um die Au o en
und Ne zwe ke, die jeweils die enge Vo s ellung de Na ionalli e a u sp engen? Die-
selbe F age s ell sich de Bei ag dann noch einmal komplexe in Bezug au de en
li e a u his o ische Au a bei ung.
Die Ve engung des Konzep es de Li e a u au dem Weg ins 19. Jah hunde om
Sch i um zu Belle is ik wu de u.a. on S ephen G eenbla (1997) skizzie . Nimm
man Wol gang Welsch (1997) und sein Konzep de T anskul u ali ä beim Wo , sind
mode ne Gesellscha en jensei s de homogenen Na ionalkul u als E gebnis de
Ve schmelzung on Sp achgemeinscha en und -kul u en in eine meh sp achigen
Gesellscha zu denken. Dami können diese als he e ogen und hyb id gel en. Dies
1 Übe se zung dieses unged uck en O iginals is e schienen un e dem Ti el: F anz Ka ka ahis o iog a ie
ná odních li e a u .– In: Pe bok, Václa /Smyčka, Václa /Tu ek, Ma ouš/Fu e a, Ladisla (Hgg.), Jak
psá anskul u ní li e á ní dějiny? [Wie sch eib man eine anskul u elle Li e a u geschich e?] P aha:
Ak opolis, 2019, 55–77.
10 BRÜCKEN 31/1
implizie , dass es zu o sp achlich homogene Na ionalkul u en gegeben hä e, was
angesich s de sp achlichen, kul u ellen, eligiösen und e hnog aphischen Plu ali-
ä Böhmens und Mäh ens und de sp achlichen, kul u ellen, eligiösen und na io-
nalen Du chd ingungen in Böhmen und Mäh en im wei e en zen aleu opäischen
Kon ex nich zuzu e en schein . Vo allem im Hinblick au die Sp ache geh diese
Implika ion hie zulande– mi Hen i Le eb e (2006) gesp ochen– an den sp achlich
gep äg en Raum ep äsen a ionen und -p axen sowie de en Rep äsen a ions äumen
o bei. Denn die zu An ang des langen 19. Jah hunde s sp achlich und kul u ell
hyb ide Gesellscha schien zu Ende des 19. Jah hunde s du ch Homogenisie ungs-
disku se ielmeh du ch „eine absolu e T ennwand“ in eine „Isola ion“ de e hno-
na ional o ges ell en G uppen de „Deu schen“ und de „Tschechen“ (K olop 2005:
21; 2013: 17) ge ieben wo den zu sein, wobei de Na ionals aa dann nach 1945 e neu
Au wind bekam und wenigs ens zei weise in eine umgekeh e Rich ung als die on
Welsch gezeichne e wies.
Will man dann das We k eines Au o s wie F anz Ka ka (1883–1924) in eine ans-
kul u elle Li e a u geschich e eino dnen, soll e man sich– denke ich– zunächs im
Kla en sein, dass dies nu eine de Möglichkei en is , wie man mi diesem Au o um-
gehen kann. Anne Hul sch (2014: 18 .) zeig in ih e ezep ionshis o ischen S udie,
wie Ka ka in de ühen Rezep ion om Exp essionis en übe den Su ealis en zum
Exis enzialis en umcodie wu de. Die Li e a u geschich e in de Nachk iegszei ging
einen umgekeh en Weg. So schä z e de Kompa a is Václa Če ný in den 1940e
Jah en Ka ka als einen de dich e ischen Vo läu e des Exis en ialismus ein (Če ný
1992: 25),2 wäh end Ku K olop (2005, 2013) ihn in seine bahnb echenden S udie in
den 1960e Jah en ins „exp essionis ische Jah zehn “ de P age deu schen Li e a u
zu ückhol e
3
und Wilhelm Bo enschlage (1978: 47 .) ihn ü den Su ealismus e-
klamie e. Solche Meh achzuo dnungen sind dabei in de Li e a u geschich e keine
Sel enhei selbs bei wenige enigma ischen Au o en.
Li e a u his o isch denkba wä e auch die Eino dnung in li e a u his o ische
Reihen in Bezug au die Tie geschich e/n, die Pa abel/n ode die Psychoanalyse in
de Li e a u . Le z e es u in de Deu schen Li e a u geschich e Inge S ephan (2008:
409 .) im Rahmen des Kapi els „Li e a u de Weima e Republik“, ohne dass sie mi
einem Wo au Ka kas ode B ods P age Kon ex eingehen wü de. Mi Bedach wi d
in diesem Abschni selbs Ka kas Gebu so ausgeblende , on anskul u elle Ve -
lech ung ode dem in e kul u ellen S aunen übe das F emde (Heimböckel/Weinbe g
2014), das zu de Psychoanalyse eigen lich gu passen wü de, ganz zu schweigen. Sie
b auch dies in dem gescha enen Weima e Kon ex ein ach nich . Dami gesell sie
sich zu Leiß und S adle (2003), die im Band Weima e Republik eine biog aphisch-
psychoanaly ische Deu ung des Romans Das Schloss anbie en.
In de Sozialgeschich e de deu schen Li e a u sieh man Ka ka mi „Mäch en de
Mode ne“ kon on ie und un e Be u ung au Gilles Deleuze und Félix Gua a i „aus
eine meh achen Ghe olage“ (Vogl 2000: 488) he o gehend, so dass in Bezug au
ihn die „Sch i als Re ung“ des „Einzelnen in de Massengesellscha “ e s anden
2 Als P äexis enzialis wi d Ka ka auch in de Schulbuchp oduk ion eingeo dne wie in Wuche p ennig
(1996: 231 .).
3 Die Zuo dnung Ka kas zum Exp essionismus hal en alle dings e wa Bah (1988: 264) ode Kanz (2008:
382) ü „wide sp üchlich“ ode ga „ums i en“.
11MAREK NEKULA
wi d (Weye g a /Le hen 1995). Die sozialhis o isch spannende F age de Ausblendung
F anz Ka kas in de Tschechoslowakei de spä en 1940e und de ühen 1950e Jah e,
in denen nich nu de Soz ealismus e bindlich wa , sonde n auch eine na ionale
En lech ung und kul u elle Homogenisie ung s a and, wi d zwa in den S udien
und Monog aphien zu Rezep ion F anz Ka kas um issen (Tucke o á 2012, Hul sch
2014, Nekula 2014), in den Übe blicksda s ellungen de ( schechischen) Li e a u ge-
schich e, selbs in de his o ischen Da s ellung de sozialen Regula ion de Li e a u
in de mode nen schechischen Kul u (Wöge baue e al. 2015/2), wi d sie dagegen
kaum be üh .
Gegenübe solchen na ionalen Ve blendungen und Ve ze ungen F anz Ka kas
inne halb de deu schen (abe auch de schechischen) His o iog aphie de „Na-
ionalli e a u /en“, die mi biog aphischen Da en selek i umgehen, Tex e in Tex -
edi ionen endenziell e ände n und Tex in e p e a ionen p ägen, ging ich be ei s
in meinen ühe en Bei ägen mi dem Wunsch nach (Nekula 2003, 2014, 2016), das
sp achna ionale Pa adigma au zub echen. Die Be unde will ich an diese S elle nich
wiede holen. Mi Blick au die anskul u elle Li e a u geschich e is on In e esse,
dass F anz Ka ka– beding du ch solche Ausblendungen– mi un e schiedlichen
Akzen en un e such und in Hinblick au die Äs he ik und wei e e Rezep ion in
un e schiedliche, ja wide sp üchliche Reihen de na ionalen Li e a u geschich s-
sch eibung eingeo dne wu de und wi d, wäh end die Kompa a is ik diese pe se
au zub echen e such . Selbs die Eino dnung F anz Ka kas in die „Wel geschich e
de deu schsp achigen Li e a u “ bedeu e alle dings nich , dass man nich au dem
zen aleu opäischen Auge blind is . So e wähn Sand a Rich e (2017) Ka kas Wel -
uhm und am Beispiel des Romans Das Schloss (1922 gesch ieben, 1926 pos hum e -
ö en lich ) die ühe und in ensi e Rezep ion in F ank eich, die Ka ka -Rezep ion in
de a abisch- und englischsp achigen Wel sowie die Übe se zungen ins Schwedische,
Po ugiesische, I alienische, Heb äische, Chinesische ode Japanische. Die Eisne -
Übe se zung ins Tschechische aus dem Jah e 1935 wi d dagegen igno ie und die
schechische Rezep ion in den Kon ex des „Os blocks“ (Rich e 2017: 297) eingeo dne ,
wäh end das Kapi el „Li e a u de e i o ial, ansna ional und mul ilingual“ (Rich e
2017: 431–465) au die Zei nach 1989 eduzie wi d und diese ü Ka ka und die P age
Au o en dahe keine Ve wendung gib .
Die li e a u his o ische Re lexion und dami auch die Eino dnung eines Au o s
im Kon ex de zei genössischen Li e a u und de li e a ischen T adi ion e schöp
sich dabei bekann lich nich in den li e a u his o ischen Übe blicksda s ellungen.
Neben de Li e a u k i ik, die ein ge ade e schienenes Buch eines Au o s ode seine
Neuau lage besp ich und den Au o und/ode sein We k li e a u his o isch in de
En wicklung de na ional, exp essionis isch, psychoanaly isch ode ande s gedach en
Li e a u und e wa du ch die Rezension eine Übe se zung dieses We kes im Hinblick
au die meh sp achigen Übe se ze milieus auch anskul u ell eino dne ,
4
sind es
auch au eine Epoche, einen Au o ode die Rezep ionsgeschich e seine We ke aus-
ge ich e e Lexikonein äge, Au sä ze ode Monog aphien, die eine li e a u his o ische
4 Zu de en li e a u his o ischen Au a bei ung siehe e wa den Band übe Pa el Eisne ( sch. Fassung
Dudko áe al. 2009; d . Fassung Koel zsche al. 2011). Zu Zi kula ion de Li e a u jensei s des jewei-
ligen li e a ischen Feldes in Bezug au den schechischen Kon ex siehe e wa Me hau o á (2016) ode
Nekula (2019b).
12 BRÜCKEN 31/1
Eino dnung leis en. Diese Eino dnung kann dem Pa adigma de Na ionalli e a u en
olgen, die sich an de Li e a u sp ache und/ode an ausgewähl en Aspek en de Bio-
g aphie o ien ie , ode diese auch hin e agen, indem sie in Bezug au die Egodoku-
men e und/ode das We k die anskul u elle Ve lech ung ode das in e kul u elle
S auen okussie . Dies läss sich spä es ens sei den Nulle jah en siche lich auch in
de Sekundä li e a u zu F anz Ka ka (u.a. Nekula 2003, 2016), Jiří Mo dechai Lange
(Koschmal 2010) ode dem P age Zionismus (Shumsky 2013) inden.
FRANZ KAFKA IN DER NATIONALEN LITERATURGESCHICHTS-
SCHREIBUNG
De G und, wa um ich mich in diesem Sammelband mi F anz Ka ka in de na ionalen
Li e a u geschich ssch eibung be asse, lieg da in, dass diese mi dem A gumen de
on de Sp ache ge agenen Zi kula ion de Li e a u und dem A gumen de an die
Sp ache gebundenen li e a ischen T adi ion die Da s ellung on Zei äumen, G up-
pie ungen, Au o en und We ken, ü die die ak i e ode passi e li e a ische Meh -
sp achigkei cha ak e is isch is (zu Meh sp achigkei und den P age Mode ne/n
siehe Nekula 2017b), ganz ausblende ode massi e ze . Also agie sie sei dem
19. bis ins 21. Jah hunde gegenläu ig zum Anliegen eine anskul u ellen Li e a u -
geschich e. Diese Gegenläu igkei schä die F age, ob die in de na ionalen Li e a u -
geschich ssch eibung p äsen e Besch änkung des li e a ischen Feldes (Al e na i en
au gezeig in Holý 2009) und die da in p äsen e Kanonisie ung des Monolingualismus,
die zei lich mi de T adi ion und Kon inui ä und äumlich mi de Abg enzung zu
ande en Li e a u en und Sp achen ope ie , du ch eine Kanonisie ung des Mul ilin-
gualismus, de äumlich au de Koexis enz on Li e a u en und Sp achen basie und
zei lich sich du ch wechselnde Kon ex e und Kons ella ionen und Diskon inui ä en
auszeichne , wi klich e se zba is bzw. e se z we den soll (Nekula 2011).
Alle dings weis Michael Wöge baue (2007) da au hin, dass es be ei s in den
1880e Jah en li e a u his o ische A bei en on A noš K aus gab, die die sp achlichen
G enzen de na ional p ak izie en Li e a u geschich ssch eibung au zub echen
und wenigs ens in Ansä zen eine landespa io isch beg i ene Li e a u geschich e zu
denken wag en. Auch au de schechischen Sei e denk Jose Ji eček seine Ruko ěť
kdějinám li e a u y české [Hand eichung zu Geschich e de schechischen Li e a u ]
(1875/76) zunächs a eal und möch e sie auswei en
ina mimočeské spiso a els o e las ech našich, jelikož by se ím jen uza řel ok uh
dělníků , p aco a ších na li e á ním oz oji našem. (Ji eček 1875/1: VI)
[auch au die auße schechische Sch i s elle scha in unse en Heima lände n,
denn nu dami schlösse sich de K eis de A bei e , die an unse e li e a ischen
En wicklung gea bei e haben.]
Am Ende schließ e abe die deu schsp achigen Au o en doch aus. Das sind jedoch
ü das lange 19. Jah hunde und das ku ze 20. Jah hunde ehe Ausnahmen on
de Regel.
13MAREK NEKULA
In Bezug au die Zei , in de das li e a ische Feld in den böhmischen Lände n in
wei e en Kon ex en des uni e sal o ien ie en Hochmi elal e s, des Humanismus
ode de Au klä ung neben ode o Tschechisch du ch La ein und/ode Deu sch
mi gep äg wa , we den zwa ande ssp achige Au o en und We ke auch im Rahmen
de na ionalen Li e a u geschich ssch eibung mi behandel . Dies gil alle dings nich
ü das lange 19. Jah hunde s, in dem man in de Li e a u geschich ssch eibung
mi Ausnahme des Feldes de Fachli e a u die deu schsp achigen Leseho izon e
schechischsp achige Au o en und ih es Publikums übe ging ( ü das D ama zu-
ech ge ück on Tu eček 2001), die deu schsp achigen We ke schechischsp achige
Au o en ausblende e ode abwe e e sowie die Bedeu ung de Übe se zung igno ie e,
ein Ums and, dem in meinem Ve such um das Pan heon und den Kanon nich nu
anhand de Li e a u geschich e Jan und A ne No áks aus dem Jah e 1909 und dem
Ve band schechische Sch i s elle S a obo (1862) im De ail nachzugehen e such e
(Nekula 2017a).
Es is dahe keine Übe aschung, dass F anz Ka ka und die deu schsp achigen
Au o en P ags– ande s als die slowakischsp achigen Au o en– wede in den neu
bea bei en Ausgaben diese Li e a u geschich e (No ák 1946), die die schechischen
li e a ischen Op e des Zwei en Wel k iegs wü dig , noch in den neue en His o io-
g aphien de schechischen Na ionalli e a u au auchen bzw. da in lediglich pe iphe
e wähn we den. Ein gu es Beispiel da ü is de 4. Band de Dějiny české li e a u y
[Geschich e de schechischen Li e a u ], de nach den beiden Liblice -Kon e enzen
Ende de 1960e Jah en e ig gewo den is (das Vo wo is au das Jah 1969 da ie ),
alle dings e s 1995 e schien (Mukařo ský 1995). F anz Ka ka wi d da in jeweils in ei-
nem Halbsa z als deu schsp achige Ve gleichsau o ü Richa d Weine und Ja osla
Hašek e wähn , bzw. als Au o , de ins Tschechische übe se z wu de, ohne dass man
au seine Ve bindung zu P ag und den schechischsp achigen Au o en nähe eingeh .
Ähnliches kann man alle dings auch ü Jose Nadle s Li e a u geschich e de deu ‑
schen S ämme und Landscha en kons a ie en, die in den 1920e und 1930e Jah en in
meh e en Au lagen und schließlich in den Jah en 1938 bis 1941 als Li e a u geschich e
des deu schen Volkes in ie Bänden in Be lin e schien und in de die „sude endeu sche“
Li e a u in einen g öße en Kon ex de deu schen Li e a u eingeo dne wi d. Übe
die deu schjüdischen Au o en weiß man, abe au eine spezi isch e d eh e Weise,
so e n man da on übe haup e was wissen will. In de d i en Au lage de Li e a‑
u geschich e de deu schen S ämme und Landscha en inde F anz Ka ka im 4.Band
(1814–1914) aus dem Jah e 1932 keine E wähnung, wäh end P ag zunächs als „Juden-
s ad “ (Nadle 1932: 889) bezeichne wi d, in de Max B od „sich au die I wege des
Geschlech s iebes [begab] und […] seine Zunge an den ge ade Juden peinlichen
jüdischen Aba en [we z e]“ (Nadle 1932: 890), be o Nadle in „Rilkes We k die Ge-
wölbe ose“ e blick , „die [in P ag] jene ie Rippen Os en und Wes en, No den und
Süden zusammenschließ “ (Nadle 1932: 895 .). Nach de ideologisch, assis isch be-
ding en Ausblendung eines wesen lichen Teils de P age Li e a u in den 1930e und
1940e Jah en dis anzie sich Nadle zwa on dem explizi mi de Rasse a gumen-
ie enden Teil de Blu -und -Boden -Ideologie und ges eh zu, dass man in de „Rasse“
keine geis eswissenscha liche „E klä ungsmöglichkei “ inden kann (Nadle 1951: xi),
e zich e abe au die o he p ak izie e Ideologie nich ganz. S a dessen mach
e sich ü die Landscha bzw. den „Boden“ als E klä ungsansa z s a k und sp ich
14 BRÜCKEN 31/1
Ka ka mi einem bodenbe on en Vokabula indi ek die B illanz ab, indem e ledig-
lich es s ell , dass Ka ka „spu los du ch seine Zei “ gegangen sei (Nadle 1951: 763).
In eine ideologisch ins Ex eme ges eige en Fo m wi d im Deu schen Reich de
1930e Jah e in diesem Sinne in den Biblio heken und im Ve lagswesen eine Neuso -
ie ung de Li e a u un e dem Gesich spunk de Gesinnung und angeblichen Rasse
des Au o s und de Ge- ode En a e hei seine We ke o genommen, die auch in de
Li e a u geschich ssch eibung ih en Ausd uck inde . Auch Ka kas We k und sein
Eingang in die Li e a u geschich ssch eibung sind da on be o en. Max B od s eh
au de „Schwa zen Lis e“ des Biblio heka s Wol gang He mann, nach de im Mai
und Juni 1933 im Rahmen de „Ak ion wide den undeu schen Geis “ an ielen O en
in Deu schland ö en liche Büche e b ennungen du chge üh we den, mi allen
We ken. So wu de die e s e on Max B od he ausgegebene Ausgabe seine siebenbän-
digen Gesammel en We ke F anz Ka kas zwa sei 1935 bei dem Schocken Ve lag in Be lin
e such , im selben Jah abe ges opp und ab dem 5. Band bei Hein ich Me cy Sohn
GmbH in P ag o gese z . Alle Sch i en F anz Ka kas sowie die Analyse on F anz
Ka kas In e no on Helmu h Kaise , die 1931 im In e na ionalen Psychoanaly ischen
Ve lag e schienen is , s ehen au de Lis e des schädlichen und une wünsch en Sch i ‑
ums, an de sich die Reichssch i umskamme und die Vo s ände on Buchhandel
und Biblio heken o ien ie en.5 Die jüdischen Au o en und ih e We ke we den abe
nich nu aus den Biblio heken ausso ie und aus de Li e a u geschich e ge ilg ,
sonde n auch physisch aus dem na ionalen Kö pe en e n und eliminie . Dahe
wä en in de anskul u ellen Li e a u geschich e neben den Pe ioden und Räumen
anskul u elle Ve lech ung, die in li e a ischen Tex en ep äsen ie wi d, m.E.
auch solche sowie ühe e und spä e e Pe ioden de na ionalen En lech ung zu e-
lek ie en, die eben alls ih en Weg in die Poe ik li e a ische We ke inden.
Pa adoxe weise u sich ge ade mi Jose Nadle eine B ücke zu de e s en Eino d-
nung F anz Ka kas in eine um assende li e a u his o ische Übe blicksda s ellung au .
Dami meine ich die S udie Paul Eisne s „Německá li e a u a na půdě ČSR od oku 1848
do našich dnů“ [Deu sche Li e a u au dem Boden de Tschechoslowakei sei 1848 bis
in unse e Tage]. Wie Geo g Esche (2011) im De ail nachzeichne e, wa Eisne – ähn-
lich wie Nadle – ein Schüle Augus Saue s und se z e sich dahe mi de on Augus
Saue angedach en und on Jose Nadle umgese z en „Li e a u his o ischen Raum-
kunde“ (Fische 1934: 10) auseinande , die den Beg i Sp achna ion zuguns en des
„na u gegebenen Ein lusses“ de heima lichen Landscha ela i ie e und Li e a u
mi Raum– abe auch mi Rasse– e knüp e. Diese ideologisch gewag en Gedanken
nu z Eisne in seine Da s ellung de P age deu schen Li e a u , die e als „insula “
(Insel), ex e i o ial e s eh – quasi ohne einen na ü lichen Näh boden– und die e
du ch die These des d ei achen (sp achlichen/na ionalen, eligiösen/ assischen und
sozialen) Ghe os aus de deu schen Li e a u – wohl ungewoll – ausgliede . Dieses
Ghe o sch eibe sich nach Eisne in die P age deu schen Au o en ein, so dass man
du ch ein „ghe o ce eb ální“ (ze eb ales, men ales Ghe o) die Eigena ih e Tex e
5 Siehe die Lis e de e bann en Büche (URL: < h ps://www.be lin.de/geschich e/na ionalsozialismus/
e bann e -bueche /> [10.10.2024]). Kaise s Buch, das um sechs Jah e B ods in e p e a o isch p ägende
Biog aphie o ausging, is im Üb igen li e a u his o isch so gu wie e gessen, was auch dami zu un
ha , dass dieses on den zen aleu opäischen Na ionalbiblio heken Wien, P ag, Leipzig und F ank u
am Main lediglich in Leipzig zu inden is .
15MAREK NEKULA
und de sog. P age deu schen Li e a u e klä en könne (Eisne 1938/39: 120). Die
Vo s ellung de Volkssp ache, des Volksgeis es und eigen lich auch des Volkskö pe s
schläg hie bei ihm in e keh e Fo m du ch. Vo und nach, abe auch pa allel zu
schechischen Ausgabe diese S udie a iie Eisne diese Thesen in eine Reihe kü -
ze e Tex e, so e wa im Feuille on de P age P esse un e dem Ti el Das Juden um in
de sude endeu schen Li e a u (Eisne 1933b), ohne je im De ail au zuzeigen, wie sich
das d ei ache Ghe o in den Tex en mani es ie .
In e essan e is dahe die A und Weise de on Eisne s Zei genossen o genom-
menen O ganisa ion des Bandes, in dem Eisne s S udie e schein . Die schechische,
slowakische, polnische, deu sche (A noš K aus im Kapi el zu deu schsp achigen
Li e a u au dem Boden de Tschechoslowakei bis 1848) und unga ische Li e a u
und die Li e a u Ka pa o usslands au dem Gebie bzw. au dem Boden de Tsche-
choslowakei, wie dies Eisne o mulie , wi d 1933 addi i , nebeneinande ode ga
in Isola ion, jeden alls nich in eine Ve lech ung p äsen ie , die 1925 F. X. Šalda
o schweb , als e sich ag :
P oč by se unás nemohlo o ganiso a překládání zněmčiny auNěmců překládání
zčeš iny ak, aby přímo sloužilo kul u nímu sblížení obou ná odů? (Šalda 1963
[1925]: 126)
[Wa um soll e man bei uns nich das Übe se zen aus dem Deu schen und bei den
Deu schen das Übe se zen aus dem Tschechischen so o ganisie en können, dass
es de kul u ellen Annäh ung beide Na ionen di ek dien ?]
Dabei ha Eisne du ch seine Übe se zungen, seine publizis ische A bei in de P a‑
ge P esse sowie seine an e lichen Beispielen du chgespiel e These on de deu sch -
schechischen Symbiose diese Ve lech ung ge adezu ag äglich geleis e , ohne sie
abe in seine Übe blicksda s ellung de Geschich e deu schsp achige Li e a u au
dem schechoslowakischen Boden in eine li e a u his o ische Syn hese umzumünzen.
Die ak ische Kon ae idenz zu Eisne s li e a u his o ische These des d ei achen
Ghe os, das die P age deu sche Li e a u gep äg haben soll, wu de un e ande en
du ch Ha mu Binde (1994, 2000) zusammenge agen. Dahe will ich da au nich
wei e eingehen. Eine sei s mag abe die Ta sache, dass an diese Thesen, die einen
solchen ideologischen En s ehungskon ex ha en, ausge echne die ma xis ische
Li e a u wissenscha anknüp , schon als I onie de Geschich e (bzw. de Li e a-
u geschich e) e scheinen. Nachdem Jean -Paul Sa e mi seine 1962 in Moskau ge-
hal enen Rede La démili a isa ion de la cul u e, in de e Ka ka als „Wa e“ des Wes ens
bezeichne und eine „kul u elle Demili a isie ung“ zwischen Os und Wes o de ,
die Maue um Ka ka im Os block ein eiß , nimm Edua d Golds ücke den on Paul
Eisne gesponnenen Faden au (im De ail dazu Nekula 2014). Diese ha 1957– noch
ku z o seinem Tod– in de Zei sch i S ě o á li e a u a den Au sa z F anz Ka ka pu-
blizie , in dem e Ka ka in einen wei e en li e a u his o ischen Kon ex s ell und bei
ihm– o allem biog aphisch– auch B ücken zu schechischsp achigen Kul u au u .
Ande e sei s ha die Anknüp ung an diese aumgebundene Deu ung F anz Ka kas
schon eine gewisse, wen auch ma xis ische Logik, da die Fokussie ung au die Biog a-
phie, das Leben ode die Lebensp axis und den sozialen „Un e bau“ de li e a ischen
16 BRÜCKEN 31/1
P oduk ion in P ag (ohne diese im „Übe bau“ des Tex es übe das A mosphä ische
hinaus au zeigen zu müssen) sich de Fo m de ma xis ischen Li e a u wissenscha ,
wie sie damals in P ag p ak izie wu de, nich wide se z . So passen sich Edua d
Gols ücke und Paul Reiman, die die Liblice -Kon e enz un e das Mo o „F anz Ka ka
aus (de ) P age Sich “ s ellen, Ka ka und seine Familie biog aphisch und ideologisch
wei e an. Edua d Golds ücke (1963a: 4, 1964) deu e dabei Eisne s soziale „Ve o ung“
F anz Ka kas in P ag in Ka kas p ole a ische „E dung“ um. Dies u Golds ücke auch
in seine Polemik mi dem „Genossen“ Ku ella, de das P age In e esse an dem deka-
den bou geoisen Au o nich nach ollziehen kann. So be on Golds ücke das Volks-
ha e an F anz Ka ka und se z die Einsch eibung des Lebens und „unse es Landes“
in Ka kas We k als gegeben o aus:
Nám Českoslo ensku je mnohem íc. Na odil se P aze, jeho celý ži o ijeho
dílo jsou spja y snaším hla ním měs em anaší zemí. […] Mezi p os ými lidmi
zp ažského S a ého Měs a kolují zpomínky azkazky oKa ko i, nichž se mísí
báseň sp a dou. […] jeho […] díle […] nacházíme ohlas našich s a os í. (Gold-
s ücke 1963b: 9; He o hebungM. N.)
[Fü uns in de Tschechoslowakei bedeu e e [= Ka ka] meh . E wu de in P ag gebo en,
sein ganzes Leben und sein ganzes We k sind mi unse e Haup s ad und unse em
Land e bunden. […] Un e den ein achen Menschen in de P age Al s ad we den
E inne ungen an und Geschich en übe Ka ka kolpo ie , in denen Wah hei und
Dich ung ineinande g ei en. […] in seinem We k […] inde sich de Wide hall
unse e So gen.]
Eine li e a u his o ische Syn hese in eine Übe blicksda s ellung de deu schsp a-
chigen Li e a u P ags bzw. de Li e a u des Landes, dessen Haup s ad P ag wu de,
wa alle dings wede Eisne noch Golds ücke e gönn . Doch inden Eisne s Thesen
(d ei aches Ghe o; deu sch - schechische Symbiose) zumindes Eingang in eine Übe -
blicksda s ellung de deu schen Li e a u geschich e. Ande s als in de zehnbändigen
Geschich e de deu schen Li e a u on den An ängen bis zu Gegenwa , die in de
DDR de 1970e Jah e un e Lei ung on Hans Kau mann on einem Au o enkollek-
i gesch ieben wu de und so gu wie nich s übe den li e a ischen Kon ex P ag zu
be ich en wuss e,6 inden sich in de Ku zen Geschich e de deu schen Li e a u , die
1985 eben alls in dem Os be line Ve lag Volk und Wissen e schienen is , hin e dem
Abschni zu „F ühen exp essionis ischen Ly ik“ sieben Spal en übe „F anz Ka ka
und deu schsp achige P age Li e a u “. Da in wi d– wohl on Ku K olop, eben alls
einem de P o agonis en de Liblice -Kon e enzen, de in de DDR un e Beobach ung
wa und einige Tex e nich namen lich kennzeichnen konn e,– die „insula e Lage“
diese Li e a u angesp ochen, in de e die „deu schsp achigen Bewohne “ als „kleine
Mino i ä “ e s eh . Hie schläg e minologisch wohl auch die Lek ü e de S udie
6 Da in is sie de „im Wes en“ p oduzie en Geschich e de deu schen Li e a u in d ei Bänden on Anselm
Salze und Edua d on Tunk nich unähnlich, die Ka ka im Kapi el „F anz Ka ka und die P age Dich e “
(Salze /Tunk 1972: 123–129) in die magische Linie mi Mey ink und Pe u z s ellen und zwa imme wiede
übe die deu schsp eibenden Sch i s elle aus P ag und die deu schsp achigen „Nach olge “ Ka kas zu
be ich en wissen, den meh sp achigen Kon ex P ags als mode ne u bane Me opole abe ölig igno ie en.
17MAREK NEKULA
Fü eine kleine Li e a u on Gilles Deleuze und Félix Gua a i (1975, deu sch 1976)
du ch, in de Ve onika Tucke o á (2017) ähnliche Denkmus e e kenn , die Eisne s
These om d ei achen Ghe o auszeichnen. Die Sch i s elle , die aus diesem Milieu
he o gegangen sind, weil sie „meis Juden“ wa en und auch den „sich ausb ei enden
An isemi ismus“ e uh en, e leben besonde s in ensi die „geschich liche Pe spek i -
losigkei “, sodass die „Melancholie“ in „schä e e Töne“ umschläg ([K olop] 1985b:
550). Ande e sei s wi d kons a ie , dass sich „aus dem äglichen Zusammenleben
mi dem schechischen Volk […] p oduk i e Wi kungen“ e gaben, so dass diese Au-
o en e such en „die Maue n na ionale , soziale und assische Absonde ung und
Di amie ung [zu] übe winden“, weshalb sie sich– wie Max B od, F anz We el, F. C.
Weiskop ode Rudol Fuchs– „als e s ändnis olle Ve mi le zwischen de sche-
chischen, deu schen und de Wel kul u “ e such en ([K olop] 1985b: 550):
Dadu ch de na ionalgesinn en P age deu schen Obe schich nich ganz geheue ,
leb en sie in eine meh achen Si ua ion des Dazwischens ehens, so daß schließlich
Ausb uchs e suche aus dem deu sch -p age „Ghe o“ zu eine Lebensbedingung
wu den: Alle e ließen ühe ode spä e die S ad ; nu Ka ka blieb on „Mü e -
chen P ag“ ge angen. ([K olop] 1985b: 551)
Mi seinem We k wi d alle dings dieses „Dazwischens ehen“ nich in Ve bindung
geb ach , die Ku zin e p e a ionen de We ke wie Das U eil, Die Ve wandlung, De
P oceß ode Das Schloß blieben da on unbe o en.
Zehn Jah e spä e inden dann F anz Ka ka und die deu schsp achige Li e a u
de böhmischen Lände und P ags auch Eingang in die li e a u his o ische Syn hese
Česká li e a u a od počá ků kdnešku [Tschechische Li e a u on den An ängen bis in
die heu igen Tage] on Jan Lehá , Alexande S ich, Ja osla a Janáčko á und Jiří Holý.
S ich (1998) mach da in zunächs au die „Koexis enz mi de deu schen Kul u “
au me ksam, die auch du ch den „Bilingualismus gebilde e Schich en“ möglich wa ,
sowie au „die g öße e Siche hei im gesch iebenen deu schen als schechischen Aus-
d uck“,7 die bis in die zwei e Häl e des 19. Jah hunde es zus ellen is , und schließ-
lich au „die deu schsp achige belle is ische P oduk ion, die in Böhmen en s and“
und mindes ens „bis 1848 dem Tschechen um gegenübe o en wa “,8 weswegen sie
be ei s Jose Ji eček in seine Hand eichung einbeziehen woll e.
Neben ielen Que e weisen zu deu schsp achigen Li e a u , wie bei de du ch
Jose Flo ian ange eg en Ve mi lung F anz Ka kas (Holý 1998: 498) ode beim kompa-
a is ischen Ve gleich F anz Ka kas und Richa d Weine s (Holý 1998: 528), we den da-
in im eigens ändigen Kapi el „Německá li e a u a českých zemích“ [Deu sche Li e-
a u in den böhmischen Lände n] (Holý 1998: 533–547) e wa die Badeni -Sp ach e o m
und die Reak ionen da au , Hugo Salus und seine Kon ak e zu Ja osla V chlický und
Julius Zeye , R. M. Rilke und die Neu oman ike sowie Paul Leppin und de K eis um
die Mode ní e ue behandel . In Bezug au F anz Ka ka und den „P age K eis“ kann
man nachlesen, dass F anz Ka ka schechische Au o en kann e, den P oceß (1925) im
7 „Koexis ence sněmeckou kul u ou se Čechách p opojo ala biling ismem zdělaných s e ([…]
jis ější[ch] písemném p oje u německém než českém).“ (S ich 1998: 154)
8 „[…] sněmeckou bele is ickou p odukcí znikající Čechách. Až do oku 1848 o byla li e a u a
přá elsky nakloněná češs í“ (S ich 1998: 155).