Sehnsucht nach Mutterschaft? Eine vergleichende Analyse von La Perra von Pilar Quintana und Eva von Verena Kessler
Abstract
Departamento de Literatura Española y Teoría de la Literatura y Literatura Comparada
Full text
Facultad de Filosofía y Letras Grado en Lenguas Modernas y sus Literaturas TRABAJO DE FIN DE GRADO Sehnsucht nach Mutterschaft? Eine vergleichende Analyse von La Perra von Pilar Quintana und Eva von Verena Kessler. Celia Redondo Martín Tutoras: Sara Molpeceres Arnáiz y Beatriz Burgos Cuadrillero Curso: 2023-2024
2 MADRE. - (Echándose el pelo hacia atrás.) He de estar serena. (Se sienta.) Porque vendrán las vecinas y no quiero que me vean tan pobre. ¡Tan pobre! Una mujer que no tiene un hijo siquiera que poderse llevar a los labios. (García Lorca, 2017, acto III, cuadro último)
3 Zusammenfassung: Die zeitgenössische Literatur spiegelt ein neues Verständnis des Themas Mutterschaft und der Figur der Mutter wider, das sich aus der feministischen Rechtfertigung der Frau als individuelles Subjekt ergibt, und lehnt die Mutterschaft als etwas Obligatorisches und dem Frausein inhärentes ab. Aus diesem Grund zielt diese Bachelorarbeit darauf ab, zu analysieren, wie die Werken von Autorinnen im Kontext der gegenwärtigen deutschsprachigen und spanischsprachigen Literatur, die Figur der Frau, die keine Mutter sein kann, widerspiegeln. Dies alles innerhalb des theoretischen und methodologischen Rahmens der vergleichenden Literaturwissenschaft und der feministischen Literaturkritik. Nach dem theoretischen Rahmen folgt die Analyse des Korpus: der Roman Eva von der deutschen Schriftstellerin Verena Kessler und La perra von der kolumbianischen Schriftstellerin Pilar Quintana. Die Fragestellung, die diese wissenschaftliche Untersuchung leitet, ist, ob und wie diese Romane gegen die traditionelle Rolle der Frau als Mutter rebellieren und die echte Realität der Frauen widerspiegeln. Stichworte: Mutterschaft, Gegenwartsliteratur, vergleichende Literatur, Feminismus, deutschsprachige Literatur, spanischsprachige Literatur. Resumen: La literatura actual refleja un nuevo entendimiento de la maternidad y la figura de la madre desde la reivindicación feminista de la mujer como sujeto individual, y rechaza la maternidad como algo obligatorio e inherente al hecho de ser mujer. Por ello, este Trabajo de Fin de Grado pretende analizar cómo las obras escritas por mujeres reflejan la figura de la mujer que no puede ser madre en el contexto de la literatura contemporánea escrita en alemán y en español. Todo ello dentro del marco teórico y metodológico de la literatura comparada y la crítica literaria feminista. Al marco teórico le sigue el análisis del corpus: las novelas Eva de la escritora alemana Verena Kessler y La perra de la escritora colombiana Pilar Quintana. La pregunta que guía este trabajo académico es si, y en tal caso cómo, estas novelas se rebelan contra el papel tradicional de la mujer como madre y reflejan la verdadera realidad de las mujeres. Palabras clave: Maternidad, literatura contemporánea, literatura comparada, feminismo, literatura alemana, literatura española.
4 Abstract: Contemporary literature reflects a new understanding of motherhood and the figure of the mother, as a result from the feminist vindication of the woman as an individual subject, rejecting motherhood as something obligatory and inherent to womanhood. For this reason, this bachelor thesis aims to analyse how the works of female authors in the context of contemporary German and Spanish literature reflect the figure of the woman who cannot be a mother. All this within the theoretical and methodological framework of comparative literature and feminist literary criticism. The theoretical framework is followed by the analysis of the corpus: the novel Eva by the German writer Verena Kessler and La perra by the Colombian writer Pilar Quintana. The question guiding this research is whether and how these novels rebel against the traditional role of women as mothers and reflect the true reality of women Keywords: Motherhood, contemporary literature, comparative literature, feminism, German literature, Spanish literature.
5 INHALTSVERZEICHNIS 1. EINLEITUNG: MUTTERSCHAFT IN DER LITERATUR .................................... 6 2. FORSCHUNGSMETHODE ..................................................................................... 8 2.1. BEGRÜNDUNG DES KORPUS ................................................................................... 11 3. THEORIE ................................................................................................................ 12 3.1. MUTTER, MUTTERSEINS UND MUTTERSCHAFT ................................................ 12 3.1.1. Die patriarchalen Visionen ..................................................................... 12 3.1.2. Die Sicht des Feminismus: Die Perspektiven der Frauen....................... 14 3.1.3. In der Literatur ........................................................................................ 16 3.2. NICHT-MUTTERSEINS ...................................................................................... 18 4. ANALYSE: MUTTERSCHAFT IN LA PERRA UND EVA ................................... 21 4.1. KORPUS: LA PERRA UND EVA ............................................................................ 21 4.2. VERPFLICHTUNG ZUR ODER SEHNSUCHT NACH MUTTERSCHAFT? ................... 22 4.3. NICHT-MUTTERSEINS ...................................................................................... 27 4.4. UNTERSCHIEDLICHE SITUATIONEN: DER VERSUCH MIT ANDEREN METHODEN 29 4.5. DIE WEIBLICHE SCHULD: EINE NEUE (UND KRITISCHE) PERSPEKTIVE .............. 31 5. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK ................................................... 34 LITERATURVERZEICHNIS ........................................................................................ 37
6 1. Einleitung: Mutterschaft in der Literatur Das Konzept der Mutterschaft hat sich im Laufe der Geschichte stark verändert, die Bedeutung und Wichtigkeit, die mit diesem Wort verbunden ist, war nicht immer dieselbe. Daher haben sich die Erwartungen und Normen für Frauen 1 und/oder Mütter im Laufe der Jahrhunderte und in verschiedenen Kulturen verändert. In der Literatur wurde dieses Thema mit der niederen Kultur in Verbindung gebracht und wenn die Mutterschaft in einem der so genannten „großen Werke“ der Literatur eine wichtige Rolle spielte, so war es durch die Reproduktion von Vorbildern, die der realen Mutterschaft nicht nahe kamen. Das liegt daran, dass die meisten Autoren Männer waren und der realen Erfahrung der Mutterschaft völlig fremd waren (Leonardo-Loayza, 2022). Doch seit dem Moment, in dem weibliche Stimmen in der literarischen Welt (und natürlich auch in anderen Bereichen) immer mehr an Gewicht gewinnen, und dem damit verbundenen zunehmenden Auftreten von Autorinnen, ist die Mutterschaft zu einem wiederkehrenden Thema in der Gegenwartsliteratur geworden. Und zwar aus Perspektiven, die nichts mit der traditionellen Sichtweise zu tun haben. Diese Autorinnen nähern sich dem Thema und stellen es auf eine Art und Weise dar, die den verschiedenen Realitäten gerecht wird und weit entfernt von dem früher auferlegten Ideal der Mutterschaft ist. Die neuen Erzählungen stellen die Mutterschaft aus einer kritischen und hinterfragenden Perspektive dar. Die Mutterschaft wird in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit untersucht und ihr natürlicher, weiblicher Ursprung in Frage gestellt. Die Allgegenwart des Mutterideals in der Literatur und das Erscheinen neuer Werke, die Mutterschaft aus anderen Perspektiven betrachten, haben mein Interesse geweckt, neue Bilder von Mutterschaft in der Literatur zu untersuchen. Jedoch ist Mutterschaft ein sehr breites Konzept, und das gilt auch für ihre aktuelle Darstellung in der Literatur. Man könnte die Figur der guten Mutter, der bösen Mutter, der abwesenden Mutter, der Frau, die keine Mutter sein will, der Mutterschaft und der Kreativität, u.a. analysieren. Aus Gründen des Umfangs dieser Bachelorarbeit war es jedoch notwendig, einen Aspekt der Mutterschaft oder eine neue Perspektive auszuwählen, um diese zu analysieren. Nach einer gewissen Zeit der Recherche und Lektüre fiel die starke Präsenz der Idee auf, dass 1 Die Verwendung des Wortes „Frau“ in dieser Arbeit schließt Menschen ein, die als Frauen sozialisiert wurden, aber aus praktischen Gründen wird nur das Wort „Frau“ verwendet. Mit dieser Erläuterung soll mögliche Transphobie vermieden und klargestellt werden, dass Transfrauen Frauen sind und dass es Menschen mit einer Gebärmutter gibt, die keine Frauen sind, aber als solche sozialisiert wurden und daher die Last der Mutterschaft auch auf sie fällt.
7 Weiblichkeit und Mutterschaft als zwei untrennbare Konzepte betrachtet werden, was darauf hindeutet, dass eine Frau erst dann eine vollständige Frau ist, wenn sie Mutter ist. Und sobald dieser Ansatz von Frau=Mutter gefunden war, ergaben sich automatisch die folgenden Fragen: Was geschieht mit den Frauen, die keine Mütter sind? Was geschieht mit denen, die Mütter sein wollen, es aber nicht schaffen? Ist dieser Wunsch ein natürlicher Wunsch, oder ist er in Wirklichkeit eine Verpflichtung? Und mit diesen Fragen im Hinterkopf entsteht die Grundidee dieser Arbeit, zu untersuchen, wie die aktuelle Narrative diese Fragen stellen, beantworten oder angehen. Die folgende Untersuchung beschäftigt sich mit Werken aus der deutschen und spanischsprachigen Literatur. Und in diesem Forschungskontext wurden die beiden Romane gefunden, die den Korpus der vorliegenden Analyse bilden. Beide Romane sind aktuell, liegen nur sechs Jahre auseinander und handeln von Protagonistinnen, die den unerfüllten Wunsch nach Mutterschaft widerspiegeln. Nach der Lektüre beider Romanen entsteht die Hypothese, dass in beiden die gesellschaftliche Erwartung an Frauen kritisiert wird, die davon ausgeht, dass sie nur durch Mutterschaft als authentische Frauen gelten können. Die Romane rebellieren gegen diesen repressiven Imperativ, indem sie den natürlichen Ursprung und Rolle der Mutterschaft durch die Protagonistinnen, die keine Mütter werden können, in Frage stellen. Der Ansatz dieser Arbeit liegt im Bereich der vergleichenden Literaturwissenschaft, nicht nur, weil ein deutschsprachiges und ein spanischsprachiges Werk verglichen werden, sondern auch, weil Mutterschaft, wie bereits erwähnt, ein Thema ist, das in der Kulturund Literaturgeschichte seit langem behandelt wird. Gerade das neue Paradigma der Komparatistik ermöglicht es zu untersuchen, wie sich das Verständnis von Mutterschaft verändert hat und wie die Literatur dies durch das Werk von Schriftstellerinnen widerspiegelt. Ziel dieser Studie ist es, einen umfassenden theoretischen Rahmen zu schaffen, der als Grundlage für die ebenfalls durchzuführende Analyse dient. Der theoretische Rahmen besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil wird Mutterschaft aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, einschließlich der patriarchalischen Vision, der feministischen Perspektive und ihrer Darstellung in der Literatur. Der zweite Teil befasst sich mit Nicht-Mutterschaft und untersucht die Ideen und Konstrukte über Frauen, die keine Mütter sind. Die Analyse besteht aus einer vergleichenden Untersuchung von La Perra von Pilar Quintana und Eva
8 von Verena Kessler, wobei in verschiedenen Teilen unterschiedliche Aspekte der Romane untersucht werden. 2. Forschungsmethode Die Methodik, die für die Analyse dieser Arbeit verwendet wird, ist im Rahmen der vergleichenden Literaturwissenschaft und der feministischen Literaturkritik zu verorten. Um die Einordnung dieser Arbeit zu verstehen, ist es wichtig, den Übergang von einem ersten Paradigma der Vergleichenden Literaturwissenschaft zu einem zweiten Paradigma zu berücksichtigen. Mit dem neuen Paradigma (Fokkema, 1998; Marino, 1988; Swiggers, 1998) geht es von einem Verständnis der Vergleichenden Literaturwissenschaft, das Werke oder Autoren miteinander vergleicht, zu einem sehr unterschiedlichen Verständnis über. Das neue Paradigma betrachtet Literatur als Spiegelbild der Ideologie einer Kultur, ebenso wie als deren Schöpfer und Vermittler. Literatur wird als Spiegelbild von Systemen und Subsystemen der Ideologie einer Kultur untersucht und verstanden (Molpeceres Arnáiz, 2021: 167). Das heißt, laut diesem neuen Paradigma kann man durch die Analyse der Literatur aus der Perspektive der Vergleichenden Literaturwissenschaft analysieren, wie eine Kultur und eine Gesellschaft denken, da sich dies in den von ihr hervorgebrachten Werken manifestiert. Deshalb wird diese Studie aus diesem neuen Paradigma heraus entwickelt, da sie untersuchen will, wie Literatur bisher ein bestimmtes Verständnis von Mutterschaft vermittelte, weil die Ideologie und die Gesellschaft diese Position verteidigten, und wie sich die Literatur jetzt ändert, weil sich die Ideologie ändert. Ebenso wie sich die Literatur ändert, ändert sich auch die Ideologie. Beide beeinflussen sich gegenseitig, und deshalb soll mit diesem methodischen Rahmen besser verstanden werden, welche neuen Vorstellungen von Mutterschaft in der aktuellen Realität durch die Literatur entstehen. Da laut dem neuen Paradigma ein Spiegelbild der Ideologie einer Gesellschaft ist, kann man außerdem sagen, dass dies in großen Themen oder Konzepten materialisiert wird, die über das Literarische hinausgehen und die Vergleichende Literaturwissenschaft mit der Stoffgeschichte verbinden (Frenzel, 1974). Das heißt, die großen Themen können untersucht werden, um zu verstehen, wie eine Kultur denkt oder wie diese Kultur bestimmte Realitäten interpretiert.
9 Und dieses Paradigma bietet zwei Möglichkeiten der Untersuchung: diachrone Studien, die sich darauf konzentrieren, wie sich die großen Ideen oder großen Themen im Laufe der Zeit entwickeln, und andererseits synchrone Studien, die zu verstehen versuchen, wie eine bestimmte Epoche auf ideologischer Ebene gebildet ist, wobei in beiden Fällen die Literatur immer der Grundstein für jede Untersuchung ist (Molpeceres Arnáiz, 2021: 168). Es gibt Themen, wie z.B. die Liebe oder der Tod, die diachronisch sind, und die die Zeit überdauern. Die Mutterschaft ist eines dieser Themen, das in der Literatur überall und im Laufe der Zeit sehr wichtig und präsent war und ist, wie bereits in der Einleitung dieser Arbeit erwähnt. Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass die Mutterschaft eines der großen Themen ist, das die Literatur im Laufe der Zeit durchzogen hat und je nach Epoche auf sehr unterschiedliche Weise dargestellt wurde. Daher wird die theoretischen Rahmen dieser Untersuchung ein Überblick der Entwicklung der Mutterschaft in der Literatur und im ideologischen Denken im Laufe der Zeit geben. Danach werden zwei zeitgenössische Werke mit dem Konzept der Mutterschaft als Hauptthema verglichen. Um zur gegenwärtigen Wahrnehmung und Darstellung des Themas zu gelangen, werden sie aus synchroner Sicht analysiert. Ziel dieser Untersuchung ist es, wie die Mutterschaft und die Mutter-/Nicht-Mutter-Figur dargestellt wird. Und da sich die Veränderung und Entwicklung dieses Themas vor allem durch den Feminismus im letzten Jahrhundert verändert hat, wird diese Studie auch mit der Perspektive der feministischen Literaturkritik analysiert. Der Feminismus umfasst laut Notz (2014) die folgenden drei Phänomene: eine politische Theorie, eine soziale Bewegung und eine akademische Disziplin. Und diese Arbeit basiert auf dem Feminismus als akademischer Disziplin. Während des größten Teils der Geschichte und der Geschichte der Literatur wurden Frauen zum Schweigen gebracht, sie wurden der Bildung und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit ferngehalten. Und in der von Männern geschriebenen Literatur wurden diese Vorstellungen perpetuiert (Habib, 2005: 667-668). „Indeed, the depiction of women in male literature – as angels, goddesses, whores, obedient wives, and mother figures – was an integral means of perpetuating these ideologies of gender“ (Ibidem) Da die Figur der Mutter oft in der Literatur genutzt wird, um die Vorstellungen zu verstärken, die das Patriarchat von Frauen verlangt, ist es unser Ziel, feministische
16 Produktionsmittel und die ökonomische Unabhängigkeit, jedoch auch die Kontrolle über ihren eigenen Körper entzogen werden (Martínez, 2019: 65). Insgesamt zeigen die vielen Stimmen von Frauen, die sich aus dem Feminismus heraus zum Thema Mutterschaft geäußert haben und weiterhin äußern, zunehmend eine realistischere Perspektive darauf, was es bedeutet, eine Frau zu sein und die Last der Mutterschaft zu tragen. Denn wie Ruddick so treffend formuliert hat (Ruddick, in Davies, 2020: 253) Carecemos de un lenguaje realista con el que plasmar los placeres y dolores ordinarios/extraordinarios de la labor maternal. La guerra, la pobreza y el racismo trastocan los mayores esfuerzos de una madre. Semejante desgracia no la acarrea la propia maternidad, sino que responde a causas sociales y es políticamente remediable [...] En muchas sociedades, la ideología de la maternidad es opresiva para las mujeres: define la labor de la madre como un extenuante ejercicio de identidad que requiere unos sacrificios de salud, de placeres y ambiciones totalmente innecesarios para el bienestar de los niños. 3.1.3. In der Literatur Wie alle anderen sozialen und kulturellen Realitäten haben sich auch die Mutterschaft und das Verständnis von Mutterschaft immer in der Literatur widergespiegelt. In der Literatur findet man je nach Zeit und Ort unterschiedliche Modelle von Mutterschaft. Es ist wichtig, etwas hervorzuheben, das bereits in der Methodologie erwähnt wurde, nämlich dass die Schriftstellerei für Frauen lange Zeit kein zugänglicher Raum war und daher ihre Stimmen zur Mutterschaft bis zum 20. Jahrhundert nicht in der Literatur widergespiegelt wurden (Habib, 2005). Die Rolle, die den Frauen zugedacht war und die auch heute noch sehr präsent ist, war die der oben erwähnten Mutter. Eine ideale Mutter arbeitet also nicht, ist nicht künstlerisch tätig, nimmt nicht an vielen Aktivitäten außerhalb der Familie teil, geht nicht aus, reist nicht allein, usw. Die Mutter kümmert sich auf die Kinder, aber ihr wird keine kreative Kraft zugeschrieben, sie wird nicht als wichtiger Teil der Schöpfung betrachtet, die mit der Fortpflanzung verbunden ist. Frauen wurden gezwungen, sich fortzupflanzen, aber sie wurden der Fähigkeit zur Kreation beraubt. Das Konzept der Mutterschaft hat daher einen enormen Einfluss auf alle Bereiche, in denen sich Frauen bewegen, und bestimmt vollständig die Freiheit, die sie haben, um ihr Leben zu führen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Literatur die Schöpfung ausschließlich der Männer vorbehalten war und die Frauen außen
17 vorgelassen wurden. Wie die Autorinnen von The Madwoman in the Attic, Gilbert und Gubar, sagen, wird das Schreiben in den westlichen Kulturen als etwas ausschließlich Männliches konzipiert, wobei jeder Autor als Vater seines Werkes und die männliche Sexualität als Kern der literarischen Schaffenskraft angesehen wird (Gilbert und Gubar, 2000). Der Autor ist „father, progenitor, procreator, an aesthetic patriarch whose pen is an instrument of generative power like his penis” (Gilbert und Gubar, 2000: 6). Aus dieser Perspektive war es sehr schwierig für Frauen überhaupt zu schreiben. Es scheint, dass der männliche Autor-Vater das einzige akzeptierte Vorbild für Autorschaft war und deshalb männliche Kreativität als alleinig existierend dargestellt wurde (Hassler, 2017: 266). Daher fanden und finden sie sich in der Literatur vor allem Bilder von der guten und der bösen Mutter, die immer in Opposition zueinander stehen. Wie bereits erwähnt, wächst jedoch dank der zunehmenden Zahl weiblicher literarischer Stimmen das mögliche Imaginäre der Mutterschaft. Die Figur der „guten Mutter” ist in der theoretischen wissenschaftlichen und in der künstlerischen Literatur allgegenwärtig. Diese Mutter wurde durch eine starke Bindung an das Kind gekennzeichnet und durch die Unterordnung ihrer eigenen Wünsche und Bedürfnisse unter die des Kindes. Die Erfüllung des Glücks dieser Mutter ist die MutterKind-Beziehung. In der Theorie wird dieses Bild häufig als Ausgangspunkt für theoretische Erklärungen von Mutterschaft dargestellt und in der Literatur als Vorbild für werdende Mütter verwendet (Baig, 2023: 9). Anderseits gibt es die Figur der „bösen Mutter”. Mütter, die nicht auf ihre Kinder aufpassen, frustrierte, entmannende Mütter, Mütter, die ihre Kinder zurückhalten, die sie misshandeln, die keine Mütter sein wollen oder die sich vom Mutterideal entfernen (Molpeceres Arnáiz, 2024). Außerdem gibt es eine weitere Figur, die anders ist, aber das Bild der idealen Mutterschaft genauso aufrechterhält wie alle anderen oben genannten Figuren. Das Bild, das auch heute noch aktuell ist und häufig in der Kinderliteratur vorkommt, ist die Figur der Stiefmutter. Nach Beauvoir (2021) ist diese Figur nicht das Bild der bösen Mutter, das andere Möglichkeiten oder Realitäten von Mutterschaft widerspiegeln könnte, sondern die Figur der bösen Stiefmutter ist die „künstliche“ Mutter, die grausam ist, die keinen Mutterinstinkt hat, die kastriert und bestraft. Im Gegensatz dazu steht immer die Figur der natürlichen, guten Mutter. Die Mutter, die mit ihrem Mutterinstinkt von Natur aus gut
18 war, aber leider gestorben ist. Tot kann sie immer das Bild dieser unveränderlichen idealen Mutterschaft sein, tot kann sie diesem Ideal nie widersprechen. Die Stiefmutter hingegen kann böse sein, weil sie ihre natürliche Funktion, eigene Kinder zu haben, nicht erfüllt. Aber, wie gesagt, überall sind in letzter Zeit zahlreiche Schriftstellerinnen hervorgetreten, die in ihren Werken nicht die patriarchalisch geprägte, sondern die reale Mutterschaft widerspiegeln. Sie zeigen Mütter im Konflikt, "böse Mütter", Mütter, die keine Mütter sein wollten, Frauen, die sich gegen die Mutterschaft entschieden haben. Mütter, die trotz ihres Wunsches, Mutter zu sein, mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind, angesichts einer Realität, die den Anforderungen einer natürlichen und idealisierten Mutterschaft völlig widerspricht (Leonardo-Loayza, 2020). Diese Mütter werden nicht mehr als zu kritisierende oder zu bestrafende Mütter dargestellt oder als Vorbilder für andere Frauen, wie sie nicht sein sollten. Diese Figuren treten heute aus einer reflektierenden Position heraus auf. Diese Literatur versucht, ihre Erfahrungen mit der Mutterschaft in all ihrer Komplexität zu verstehen. Sie treten auf, um den Raum jener Frauen zurückzuerobern, die vom patriarchalischen System abgelehnt und an den Rand gedrängt wurden (Leonardo-Loayza, 2020 und 2022; Baig, 2023). 3.2. Nicht-Mutterseins la llegada de la menstruación se interpreta como un bautizo de la condición femenina, la cual se consagra como mujer solo si llega a ser madre (Sánchez Perera, 2023: 242). ¿quién soy como mujer además de como madre? Ambas coexisten y la lucha, intuyo, está en no dejar que ninguna de esas identidades fagocite a la otra. Pero también imagino que […] hay otra pregunta legítima y pertinente: ¿quién soy como «no madre»? La ausencia, y no solo la presencia —la de un bebé en ambos casos—, también fragmenta la identidad y la duplica (López Trujillo, 2019: 75). Diese beiden Zitate verdeutlichen das bestehende Mandat, das Frauen dazu zwingt, Mütter zu sein, und wohin es sie führt, wenn sie es nicht sind. Welchen Raum können Frauen, die keine Mütter sind, einnehmen? Können sie als Frauen überhaupt Raum einnehmen?
19 Die Angst der Frauen vor Sterilität ist eine Konsequenz der Gleichsetzung von Frau und Mutter. Wenn eine Frau ihre natürliche Rolle als Mutter nicht erfüllen kann, wird sie als unvollständig wahrgenommen. Somit kann die Angst vor der Sterilität nicht nur bei der wirklich sterilen Frau oder bei der Frau, die Schwierigkeiten hat, schwanger zu werden, existieren sondern bei allen Frauen, da diese Bürde sie alle betrifft. Sollte keine andere Vorstellung existieren, die es erlaubt, diese Belastung abzulehnen, wird die Angst vor der Sterilität erst mit der Schwangerschaft und dem Zugang zur Mutterschaft gelöst (Garay, 2008). Aber „el deseo de un hijo no es algo innato y persistente en todos los seres humanos, y varía no sólo de un individuo a otro, sino incluso en una misma mujer en diferentes fases de su vida” (Garay, 2008: 32). Und so, obwohl es als eine individuelle Erfahrung beschrieben wird, die ihren Ursprung im Biologischen und Psychischen hat, variieren in Wirklichkeit ihre Bedeutung und Implikationen je nach den sozialen Werten und Vorschriften (Garay, 2008: 32). In einem Kontext, in dem das Ideal der Mutterschaft die Weiblichkeit ausmacht, bedeutet Unfruchtbarkeit Leere und Nicht-Frausein. Wenn es einer Frau nicht gelingt, Mutter zu werden, wird ihre Frausein und damit ihre gesamte Existenz in Frage gestellt (Garay, 2008: 36). Die Tatsache, dass das Gebären als Zentrum weiblicher Macht angesehen wird, bezeichnen Soziologen als „Mutterschaftsmandat“. So ist es nicht verwunderlich, dass Unfruchtbarkeit nicht als persönlicher Verlust oder individuelle Trauer empfunden wird, sondern als existenzielles Bedauern. Unfruchtbare Frauen fühlen sich auf ihrem Lebensweg orientierungslos und empfinden ein Gefühl der Leere. Da die Mutterschaft dem Leben der Frau einen Sinn geben soll, wird die unfruchtbare Frau oder Nicht-Mutter aus der allgemein akzeptierten symbolischen Ordnung der Weiblichkeit ausgeschlossen. Misogyne Stereotypen haben bisher verhindert, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird, aber gerade die neu entstehende Literatur von Frauen zeigt, dass es sich um ein eindeutiges Geschlechterproblem handelt und ein Thema, das die feministische Bewegung beschäftigt (Kimball, 2020). Die Anthropologie hat die Ängste untersucht, die Unfruchtbarkeit bei Frauen auslöst, und die Tendenz, sie im Laufe der Geschichte zu dämonisieren, zu beschuldigen und sogar zu kriminalisieren. Obwohl Unfruchtbarkeit ein universelles Problem ist, wird sie immer noch als etwas ausschließlich Weibliches dargestellt. Die Vorstellung von weiblicher
20 Unfruchtbarkeit hat ihren Ursprung im Patriarchat und, wie bereits erwähnt, basiert auf einer Vorstellung, die Frauen auf ihre Gebärmutter reduziert (Beauvoir, 2021). Wenn dies nicht der Fall ist und es Frauen gibt, die nicht fruchtbar sind oder sich aus freien Gründen gegen eine Mutterschaft entscheiden, werden sie abgelehnt, weil sie gegen die Grundlagen verstoßen, auf denen die Geschlechterkonstruktion, das Patriarchat und die Arbeitsteilung beruhen (Kimball, 2020; Martínez, 2019). Und in der Tat zeigt sich die Dämonisierung unfruchtbarer Frauen deutlich in den Hexenverbrennungen, denn viele der der Hexerei beschuldigten Frauen waren unfruchtbar und wurden nicht nur deshalb beschuldigt, sondern auch dafür, dass sie Männer impotent machten (Kimball, 2020; Federici, 2021). Außerdem stört die Nicht-Mutter nicht nur die Grundlage, auf der das weibliche Geschlecht basiert, sondern diese Frauen wurden oft als Monster dargestellt, die ihre Traurigkeit und Frustration in Wut umwandeln, und Wut wurde bei Frauen immer als etwas Gefährliches, Irrationales und Zerstörerisches angesehen (Kimball, 2020). Und das bricht mit der weiblichen Rolle und nähert sich der männlichen Rolle an, was diese Trennung destabilisiert und somit die Männlichkeit und folglich das Patriarchat unter Verdacht stellt. Und so wird in der jüdisch-christlichen Tradition das einzig akzeptable Bild für die unfruchtbare Frau und die „betende, religiöse und unterwürfige“ (Kimball, 2020) nicht-mütterliche Frau Hanna geschaffen. Unfruchtbar, aber tugendhaft, betet sie zu Gott, ihr ein (männliches) Kind zu gewähren (Kimball, 2020; La Biblia cultural, 1998: 343-344). Ein weiterer grundlegender Aspekt der Sichtweise der Unfruchtbarkeit ist, dass die Frauen aufgefordert werden, niemals die Hoffnung zu verlieren. Da Unfruchtbarkeit als etwas Mysteriöses und Unbekanntes, sogar getrennt von der Wissenschaft, verstanden wird. Dies bedeutet, dass das Thema Unfruchtbarkeit losgelöst von seiner politischen Bedeutung und der Geschlechterperspektive als ein ungewisses Thema betrachtet wird, das von Geduld und Glauben abhängt, wie in Hannas oben erwähntem Gebet (Kimball, 2020: 30). Doch wie alle anderen Aspekte von Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft wird auch die Unmöglichkeit, auf biologischem Wege Kinder zu bekommen, mit dem Aufkommen weiblicher Stimmen in der Literatur immer häufiger reflektiert. In den Tagebüchern von Sylvia Plath findet sich beispielsweise folgendes Fragment:
21 He llegado, con gran dolor y esfuerzo, al punto en que mis deseos, emociones y pensamientos se centran en aquello en lo que se centran las mujeres normales, y ¿qué he descubierto? La infertilidad. […] Muerta para mi cuerpo de mujer. […] Dios mío, esta es la única cosa en el mundo que no puedo afrontar, es peor que una enfermedad horrible. Esther tiene esclerosis múltiple pero tiene hijos. Jan está loca, la violaron, pero tiene hijos. Carol no está casada, está enferma, pero tiene un hijo. En cambio yo, cuando llega la hora, la magnífica hora en que los hijos coronan y glorifican el amor, estoy aquí comiéndome las uñas. Sencillamente, no sé qué hacer. Toda la alegría y la esperanza se han esfumado (Plath, in Davies, 2020: 33-34). Und wie bei ihr, so auch bei vielen anderen Schriftstellerinnen, wie denjenigen, die in dieser Arbeit im folgenden Abschnitt analysiert werden. 4. Analyse: Mutterschaft in La Perra und Eva In der vorliegenden Analyse soll, wie bereits erwähnt, untersucht werden, wie die beiden Romane die Unmöglichkeit, Mutter zu sein, die Angst, keine Mutter zu sein, und den inneren und äußeren Druck, Mutter zu sein, widerspiegeln. Es wird analysiert, wie sie diese Themen reflektieren, indem es wird berücksichtigt, dass beide Romane von Frauen geschrieben wurden und Protagonistinnen haben, die diese Themen in der ersten Person erleben, was der patriarchalischen Sichtweise entgeht. Dabei werden auch die Unterschiede zwischen den beiden Werken berücksichtigt, insbesondere jene, die die ökonomischen und soziokulturellen Unterschiede der Protagonistinnen widerspiegeln. 4.1. Korpus: La Perra und Eva La Perra von Pilar Quintana wurde in 2017 veröffentlicht. Der Roman erzählt die Geschichte von Damaris, einer schwarzen Frau aus armen Verhältnissen in Kolumbien. Damaris ist mit Rogelio zusammen, und nach ein paar Jahren fragen die Leute um sie herum, ob sie keine Kinder haben werden. Der Roman spiegelt alle Versuche von Damaris und Rogelio wider, Damaris schwanger zu machen. Nach vielen Versuchen und den Reaktionen der Leute beschließen sie, aufzugeben. Dann adoptiert Damaris eine kleine Hündin und kümmert sich um sie, als wäre sie ihre eigene Tochter. Die Menschen um sie herum machen sich darüber lustig. Im Laufe des Romans verschlechtert sich die Beziehung zwischen Damaris und ihrer Hündin Chirli. Dies gipfelt darin, dass die Hündin schwanger wird und sie die Welpen vernachlässigt.
22 Neben der Mutterschaft regt der Roman zum Nachdenken über verschiedene Themen wie Armut, Natur, Trauer usw. an. Die auch für zukünftige Analysen interessant sein könnten. In Verena Kesslers Roman Eva (2023) finden wir die Geschichten von vier verschiedenen Frauen, die jedoch miteinander verbunden sind. Das erste Kapitel konzentriert sich auf die Perspektive von Sina, deren Geschichte aufgrund ihrer thematischen Ähnlichkeit mit La Perra im Mittelpunkt der Analyse stehen wird. Im nächsten Kapitel lernt man Eva kennen, eine Frau, die sich aufgrund ihres Klimaaktivismus gegen eine Mutterschaft entscheidet, was eine heftige missbilligende Reaktion auslöst. Im dritten Kapitel geht es um Mona, Sinas Schwester, die Mutter und verheiratet ist, sich aber nie aktiv für Mutterschaft entschieden hat und seit ihrer Schwangerschaft von der Mutterschaft gequält wird. Im vierten und letzten Kapitel lernen wir Monas unbekannten Nachbarin kennen, eine Frau, die ihr Kind verloren hat, was die Frage aufwirft, wo die Mutterschaft endet, wenn sie überhaupt endet. Sina ist eine Frau, die wie Damaris nicht schwanger werden kann. Das wirft viele Gedanken auf, woher dieser Wunsch kommt und wie weit sie gehen kann, um zu versuchen, Mutter zu werden. Die Geschichte spiegelt sehr genau wider, was diese Situation in Sinas Körper und Geist auslöst. Sie spiegelt auch den Schaden wider, den diese Situation in ihrer Beziehung anrichtet, und den unterschiedlichen Druck und Unglück, das all dies zwischen ihr, einer Frau, und ihrem Partner, einem Mann, auslöst. 4.2. Verpflichtung zur oder Sehnsucht nach Mutterschaft? In diesem ersten Teil der Analyse werden Fragmente verglichen, die sich mit der Verpflichtung zur Mutterschaft und mit dem ersehnten Verlangen, Mutter zu sein, befassen. Wie bereits im theoretischen Rahmen dargelegt, ist der Wunsch, Mutter zu sein, etwas, das aus patriarchalischer Sicht als etwas Natürliches und Wesentliches für Frauen verstanden wurde. Heute könnte man von einigen Positionen aus argumentieren, dass es sich eher um eine individuelle Angelegenheit handelt, obwohl es Autoren wie LeonardoLoayza (2022: 82) gibt, die verteidigen, dass das Verlangen, ein Kind zu bekommen, keine individuelle Angelegenheit ist, sondern eine soziokulturelle Voraussetzung.
23 Um mit der Analyse dieser Realitäten zu beginnen, wurden verschiedene Fragmente ausgewählt. Da der äußere Zwang am deutlichsten zu beobachten ist und Wünsche immer schwer zu verstehen sind, werden in diesen ersten Fragmenten die Reaktionen und Meinungen von Personen aus dem Umfeld von Damaris und Sina untersucht. Damaris no había podido tener hijos. Se juntó con Rogelio a los dieciocho y llevaba dos años con él cuando la gente empezó a decirles "¿Para cuándo los bebés?" o "Qui'hubo que se están demorando". […] Querían tener cuatro, ojalá una pareja de cada sexo. Pero pasaron otros dos años y ya tuvieron que explicarles a los que preguntaban que el problema era que ella no quedaba embarazada. La gente empezó a evitar el tema (Quintana 2018: 19-20). Das Werk von Pilar Quintana zeigt, wie die Umgebung von Damaris nach zwei Jahren, als sie zwanzig Jahre alt ist, anfängt zu fragen, wann sie Kinder haben wird. Als es jedoch mehr Probleme gibt und es scheint, dass Damaris ihre „Rolle als Frau“ nicht erfüllen kann, weil die nicht-Mutter Frau tabuisiert ist oder Unbehagen hervorruft, hören die Leute auf zu fragen. In diesen kurzen Sätzen spiegelt Quintana sehr treffend die Freiheit wider, die die Menschen zu haben glauben, um über ihre Pläne Mutter zu werden, zu sprechen. Die Freiheit, darauf zu drängen, dass Frauen endlich ihre Mutterrolle erfüllen, sobald sie mit einem Mann zusammen sind. Es zeigt aber auch, dass die Menschen, sobald es Probleme gibt, aufhören, Fragen zu stellen und offen nachzufragen, weil die Tatsache, dass eine Frau keine Mutter sein kann, unangenehm ist. Es wird davon ausgegangen, dass eine Frau, die keine Mutter sein kann, weniger Frau ist. Eine Frau, die keine Mutter ist, bricht mit der weiblichen Grundrolle, und das ist etwas, was die Leute unangenehm finden und was sie dazu bringt, das Thema zu vermeiden. Was am Ende auch dazu führt, dass Frauen isoliert werden. In diesem Ausschnitt aus der Perspektive von Sina stellt Kessler eine Protagonistin vor, die gerade versucht, gegen das Tabu anzukämpfen, das auch heute noch das Thema der gescheiterten Mutterschaft umgibt. Als mir klar wurde, dass es bei uns nicht einfach so klappen würde, fing ich sofort an, all meinen Freundinnen davon zu erzählen […]. Ich hatte Angst, in ein Gefühl der Scham zu rutschen, ich wollte nichts verheimlichen, wollte nicht ausweichen, wenn ich gefragt wurde, wie es bei uns mit Kindern aussah. Doch schon bald bereute ich diese Offenheit. Ich merkte, dass nicht jede mit unserer Situation umgehen konnte und manche ihre eigenen Ängste auf mich projizierten. Freundinnen, für die der Kinderwunsch schon immer selbstverständlicher gewesen war als für mich, behandelten mich auf einmal so, als wäre mir etwas Fürchterliches zugestoßen. Dass nur wenige die Ambivalenz meiner Gefühle nachvollziehen konnten, kränkte mich, und schon bald hasste ich die Nachfragen […]. Und genauso hasste ich, wenn sie nicht fragten […] (Kessler, 2023: 59).
24 Einerseits will die Protagonistin offen über ihren Kinderwunsch sprechen, aber wenn sie ihn einmal ausgesprochen hat, kann sie es nicht ertragen, dass man sie ausfragt, andere Ängste auf sie projiziert und Druck auf sie ausübt. Andererseits kann sie es nicht ertragen, dass das Thema ignoriert oder tabuisiert wird, obwohl sie offen darüber gesprochen hat, um sich zu entlasten. Ich hätte kein Problem damit, eines der wenigen kinderlosen Paare im Freundeskreis zu sein. Ich wäre gern die Frau gewesen, die selbstbewusst gesagt hätte, dass sie einfach keine Kinder will. […] Doch sie stand mir nicht mehr offen. Sollten wir wirklich kinderlos bleiben, wäre das für immer ein Grund, uns zu bemitleiden. Sie haben es lange versucht, aber es ging nicht. Ich konnte es nicht mehr umdeuten, das hätte nur noch mehr Mitleid erregt. Jetzt redet sie sich lein, dass sie es sowieso nie gewollt hat. Die Arme (Kessler, 2023: 59-60). Und nachdem sie darüber gesprochen hat, verweigert ihr soziales Umfeld ihr die Möglichkeit zu zweifeln. Dies ist ein weiterer Aspekt, der sich aus dem Auftrag der Mutterschaft ergibt. Wenn die Mutterschaft etwas Natürliches und Wesentliches für die Frau ist, muss jede Frau sie wollen. Es ist nicht akzeptabel, dass eine Frau Mutter werden will, aber ruhig akzeptiert, dass sie es nicht wird. Und wie bereits erwähnt, wird in dieser „natürlichen“ Sichtweise die Mutterschaft als die einzige Bestimmung der Frau verstanden. Wenn es ihre einzige Bestimmung ist, wie kann eine Frau dann akzeptieren, dass sie sie nicht erfüllt? Und diese Sichtweise spricht der Frau die Fähigkeit zu zweifeln ab. Kessler stellt in Sina jedoch eine Protagonistin dar, die sich Kinder wünscht und versucht, sie zu bekommen, die aber nicht im absoluten Unglück lebt, weil sie sie nicht bekommen kann. Sie ist eine Frau, die nicht weiß, wie sehr sie es will, oder besser gesagt, wie viel sie zu opfern bereit ist, denn sie wäre auch zufrieden, wenn sie am Ende keine Mutter wäre. Dieses kurze Fragment zeigt, wie einer Frau, die sagt, dass sie Mutter werden will, wenn sie ihre Meinung ändert oder sogar eine andere Realität ohne Kinder akzeptiert, diese Möglichkeit verweigert wird. Man glaubt ihr nicht, man glaubt sogar, dass sie sich selbst belügt. Sina bietet ein neues Bild, eine neue Möglichkeit, nämlich dass sie Mutter sein will, aber weiß, dass sie auch glücklich sein und ihr Leben leben kann, ohne Mutter zu sein. Eine Ambivalenz, die in der patriarchalen Konstruktion von Mutterschaft und Weiblichkeit nicht erlaubt ist. All dies führt zum Dilemma des Wunsches. Bisher wurde dargelegt, wie beide Werke die äußere Verpflichtung widerspiegeln, aber wie sieht es mit der inneren Verpflichtung aus: Ist es für Sina und Damaris eine gescheiterte Verpflichtung oder ein freier Wunsch?
25 Ja, ich hatte es mir so gewünscht. Aber ich war nicht sicher, was dieses Es eigentlich war. Schwanger sein, Mutter werden, ein Kind? Oder dass die quälende Zeit der monatlichen Enttäuschungen endlich vorbei wäre, dass sich die Frage, ob es für uns klappen würde, ein für alle Mal klärte, dass ich endlich wusste, ob sich all das Hoffen und Zweifeln überhaupt lohnte (Kessler, 2023: 44). Sina zögert, sie weiß nicht, was sie wirklich will. In diesem Fragment reflektiert Kessler eine große Subversion gegen die Vorstellung von mütterlichem Begehren und Instinkt. Denn in Wirklichkeit ist die Unterscheidung zwischen Wunsch und Pflicht auch eine Überforderung. Denn ist es nicht so, wie Clara Serra (2024: 74) zu Recht fragt, dass wir unsere eigenen Wünsche fast nie kennen? Von einer Frau wird verlangt, Mutter zu sein, und sie muss sich darüber im Klaren sein, sie muss wissen, woher dieses Verlangen kommt und ob ihr Wunsch echt ist oder nur eine Verinnerlichung des äußeren Auftrags. In Sina bricht Kessler mit diesem Dilemma und bietet Raum für Ambivalenz, indem sie die Realität der Frauen aus ihrer eigenen Erfahrung heraus reflektiert und nicht aus dem, was von ihnen erwartet wird. Que el sujeto no coincida consigo mismo, que lo habite el conflicto interno, que pueda querer de modos contradictorios o, lo que es lo mismo, que esté atravesado por el deseo […] todo ello pone en jaque los delirios de grandeza del sujeto transparente, consciente y racional (Serra, 2024: 79). Denn dieses Individuum, das Serra beschreibt und das wir alle so gut kennen, ist das Bild, das um die patriarchale Männlichkeit herum konstruiert wurde und um das herum man von bestimmten Orten aus versucht, die „befreite“ Frau zu konstruieren, anstatt das ganze Bild direkt abzuschaffen (Cixous, 1976; Habib, 2005). Auf der anderen Seite finden wir in Damaris eine Protagonistin, die ihr Begehren gegenüber ihrem Partner offen äußert, eine Protagonistin, die ihr Begehren lebt und erleidet. Damaris se puso a llorar. […] yo quiero un bebé. Llorando, le contó la historia de la mujer de treinta y ocho, de las veces que había llorado en silencio, de lo horrible que era que todo el mundo pudiera tener hijos y ella no, de las cuchilladas que sentía en el alma cada vez que veía a una mujer preñada, un recién nacido o una pareja con un niño, del suplicio que era vivir ansiando un ser pequeñito para acunarlo en su pecho y que todos los meses le llegara la regla (Quintana, 2018: 2223). Quintana spiegelt den tiefen Schmerz wider, den die Unmöglichkeit, Kinder zu bekommen, in der Protagonistin auslöst. Sie zeigt eine Damaris, die genau weiß, was sie
32 In La perra können wir einen ähnlichen Faden weiterspinnen, denn so wie Sina diese Ungerechtigkeit in der Behandlung anprangert, betont sie auch die Verantwortung der Frauen. Und Pilar Quintana bricht auf sehr subtile Weise mit dieser vermeintlichen, weiblichen Schuld durch Santos. Santos ist eine Hexe, die, nachdem sie einige Methoden an Damaris ausprobiert und festgestellt hat, dass sie nicht funktionieren, sagt, Rogelio habe das Problem: “A Damaris le hizo un poco de cada cosa y cuando vio que fracasaba le dijo que el problema debía ser de su marido y lo mandó llamar.” (Quintana, 2018: 20). Es stimmt, sie versucht es zuerst bei Damaris, aber als sie sehr schnell sieht, dass ihre Behandlungen bei Damaris nicht funktionieren, geht sie davon aus, dass das Problem beim Mann liegt. Das bricht vielleicht nicht ganz mit dem weiblichen Schuldgefühl, und außerdem zeigt sie später im Roman nicht, dass Rogelio mehr betroffen ist als Damaris. Dennoch kann man sagen, dass es von Anfang an ein subtiles Element gibt, das darauf abzielt, die weibliche Schuld in der folgenden Lektüre loszuwerden. Außerdem, wenn normalerweise die Frau direkt dafür verantwortlich ist, dass ein Paar keine Kinder bekommen kann, bleibt das Bild des fruchtbaren und starken Mannes jedoch intakt. Deshalb ist es so schockierend, innovativ und kritisch, wenn Santos sagt, dass Rogelio das Fruchtsbarkeitsproblem hat. Und mit der Schuld der Frau kommt die Last der Schuld. Die psychische Last, die die Frau zu tragen hat, die Pflege und Sorge, die auf ihren Schultern lastet und nicht auf denen des Mannes oder auf denen beider: Ich ging zu meiner Seite des Betts, setzte mich auf die Kante und streifte meine Socken ab. Ich wollte es ihm sagen, wollte es hinter mich bringen, doch mein Hals war wie zugeschnürt. Nicht heute Abend. Er sollte noch eine Nacht haben, eine letzte Nacht, in der für ihn die Möglichkeit bestand, dass alles gut werden würde, dass aus uns eine Familie werden konnte, wenn nicht jetzt, dann irgendwann (Kessler, 2023: 62). Er kann eine ruhige Nacht haben, eine Nacht der Unwissenheit. Sie kann es nicht. Die Biologie wirkt auf sie ein, aber die psychische Last, die biologische Last allein zu tragen, entsteht aus einer gesellschaftlich konstruierten Last: der Schuld. Und dann war da noch etwas, ein Gefühl, das anfangs zart und glimmend war und in letzter Zeit immer öfter anschwoll, bis es meine Brust beinahe zu sprengen drohte. Angst. […] Seit wir es versuchten, nagte an mir die Angst davor, was mit uns passieren würde, wenn ich Milo seinen größten Wunsch nicht erfüllen konnte (Kessler, 2023: 44).
33 Eine Schuld, die ein Gefühl der Angst hervorruft, das nicht ihr eigenes ist, sondern aus der Verantwortung entsteht, die sie dafür fühlt, falls sie den Wunsch ihres Partners nicht erfüllen kann. Die Analyse der Romane endet hier, aber diese Werke weisen weitere interessante Merkmale auf, die für zukünftige Studien relevant sein könnten. Obwohl die Analyse im Rahmen der festgelegten Grenzen umfassend war, sind die Romane sehr inhaltsreich und verdienen eine tiefere Untersuchung. In beiden Romanen spielen die Kraft der Natur und der Klimawandel ebenfalls eine wichtige Rolle, die aus einer öko-feministischen Perspektive und im Zusammenhang mit der Mutterschaft untersucht werden könnten. Außerdem könnte innerhalb der Thematik der Mutterschaft die Geschichte von Mona in Eva mit der Beziehung von Damaris zu ihrer Hündin und der Hündin zu ihren Welpen in Verbindung gebracht werden. Diese Geschichten symbolisieren verschiedene Arten, die Mutterschaft zu leben, fernab von Idealisierungen, und zeigen, dass Mutterschaft nicht immer zu Glück führen muss. Dadurch wird ein Weg für andere Formen der Weiblichkeit eröffnet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Analyse hier endet, aber die Romane ein weites Feld für zukünftige Forschungen bieten, die Themen vertiefen könnten, die in dieser Untersuchung aufgrund der Beschränkungen von Umfang und Format nicht behandelt wurden.
34 5. Schlussfolgerungen und Ausblick Am Anfang dieser Arbeit standen folgende Fragen: Was passiert mit den Frauen, die keine Mütter sind? Was geschieht mit denen, die Mutter sein wollen, es aber nicht können? Ist dies ein natürlicher Wunsch oder ist es in Wirklichkeit ein Zwang? Mit diesen Fragen im Hinterkopf entstand die Grundidee dieser Bachelorarbeit: Wie die aktuellen Erzählungen diese Fragen stellen, beantworten oder damit umgehen. Außerdem wurde zu Beginn der Arbeit festgestellt, dass sich beide Romane gegen das Konzept der Mutterschaft wenden, nach dem die Frau nur dann eine vollständige Frau ist, wenn sie Mutter ist. Nach der Analyse kann geschlussfolgert werden, dass beide Werke die eingangs aufgestellte Hypothese erfüllen. Quintana und Kessler bringen ein Thema auf den Tisch, das heute von entscheidender Bedeutung ist, um das Paradigma der obligatorischen Mutterschaft zu verändern. Kessler zeigt einerseits eine Protagonistin, die die Tiefe ihres Verlangens hinterfragt, und Quintana andererseits die Auswirkungen, die dieses angeblich innewohnende Verlangen auf den Körper und den Geist einer Frau hat. Deshalb ist es hier wichtig zu betonen, welche Bedeutung es hatte, beide Werke im Rahmen des neuen Paradigmas der Vergleichenden Literaturwissenschaft zu analysieren. Dies ermöglichte es, das Thema Mutterschaft, wie es in den Romanen dargestellt wird, im Kontext der kulturellen Realitäten zu untersuchen, in denen beide Werke entstanden sind. Diese Romane brechen nicht nur mit dem Auftrag der guten Mutterschaft bzw. der idealen Mutterschaft. Heutzutage gibt es viele Romane, die mit dem Vorbild der idealisierten Mutterschaft brechen und Mütter zeigen, die ihre Mutterschaft mit Schwierigkeiten und Widersprüchen leben oder direkt unglücklich sind. Quintana und Kessler gehen in ihren Romanen noch einen Schritt weiter, denn sie brechen nicht nur mit der idealen und perfekten Mutterschaft, sondern mit der Mutterschaft überhaupt. Sie zeigen Frauen, die keine Mütter sind, und indem sie uns all das Leid vor Augen führen, das ihre Situation mit sich bringt, reflektieren sie, wie verdreht das Mandat der Mutterschaft ist und welchen Schaden es Müttern und Nicht-Müttern zufügt. Kessler zeigt auch eine Frau, die zwar darunter leidet, keine Mutter sein zu können, die aber weiß, wie sie aus diesem Leiden herauskommt oder zumindest damit leben kann. Sie akzeptiert die Ambivalenz, den Zweifel. Sie fragt sich, ob es ihr eigener Wunsch ist oder
35 ein aufgezwungener. Auch wenn die Protagonistin den Ursprung dieses Wunsches nicht ganz versteht, wird sie in dieser Infragestellung aktiv, sie wird zum handelnden Subjekt und bricht damit mit dem Schicksal jeder Frau, Mutter zu sein, das unbestreitbar und untrennbar zum Frausein, zum Weiblichen gehört. Andererseits zeigt Pilar Quintana in La Perra eine Frau, die leidet, eine Frau, die Schmerzen hat. Und hierin, im Zeigen der Verwüstung, die die schwere Last der Mutterschaft in den Frauen anrichtet, liegt bereits ein Akt der Rebellion, ein Bruch mit der Norm. Sie bricht mit der Norm, indem sie den Schmerz zeigt, den diese Norm hervorruft. Darüber hinaus spiegelt sie eine Protagonistin wider, die auch aktiv ist, die auch handeln kann. Indem Damaris die Hündin adoptiert, bricht sie mit der natürlichen Mutterschaft. Sie kann weder leibliche noch adoptierte Kinder haben, aber anstatt nichts zu tun und über ihre Sorgen zu trauern, beschließt sie, eine Hündin zu adoptieren und durch sie ihre mütterliche Sehnsucht zu leben, ungeachtet der Urteile von außen. Als sie merkt, dass sie mit der Tatsache, dass die Hündin Mutter ist, nicht leben kann, weil sie sie an ihr enttäuschtes Mutterideal erinnert, tötet sie die Hündin. Dies kann als Metapher für den endgültigen Ausbruch aus dem aufgezwungenen Mutterideal verstanden werden. Indem Damaris ihre Hündin tötet, tötet sie endlich diese Zumutung. Sie tötet diese ständige Erinnerung, die sie nicht erreichen kann, die sie aber erreichen muss, sie bricht mit der Zumutung und akzeptiert ihre Realität. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Romane sehr subversiv sind, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Beide Romane geben der Ambivalenz Raum, sie brechen mit den starren Strukturen, die den Frauen vorschreiben, auf die eine oder andere Weise zu sein oder zu fühlen. Die Protagonistinnen öffnen in ihrem ständigen Kommen und Gehen, in ihren widersprüchlichen Überlegungen, in ihren wechselnden Gedanken eine neue Tür für Frauen, ihre Weiblichkeit abseits der patriarchalen Mutterschaft zu leben. Beide Romane spielen an unterschiedlichen Orten, unter unterschiedlichen Bedingungen und aus unterschiedlichen Perspektiven, aber beschäftigen sich auf sehr ähnliche Weise mit der Nichtmutterschaft und der Unfruchtbarkeit. Diese Tatsache zeigt, dass die Mutterschaft ein äußerst wichtiges aktuelles Thema ist, das Autorinnen und Frauen auf der ganzen Welt beschäftigt. Es ist daher wichtig, diese Werke zu analysieren und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.
36 Letztlich bleibt in den Romanen unklar, ob dieser freie Wunsch nach Mutterschaft tatsächlich existiert oder ob es sich um einen als Wunsch getarnten Auftrag handelt. Und gerade bei der Analyse der Werke zeigt sich, dass der Zwang zur Unterscheidung und der fehlende Raum für Ambivalenzen den bereits bestehenden patriarchalen Druck noch verstärken. Und genau das ist das Subversivste an diesen beiden Werken, weil sie diese Ambivalenz widerspiegeln. Sie reflektieren die Tatsache, dass man nie genau weiß, woher dieses Begehren nach Mutterschaft kommt, und dass es nicht von den Bedingungen, die es umgeben, getrennt werden kann. Unabhängig davon, ob es sich um ein freies Begehren handelt oder nicht, reflektieren beide Werke den Druck, der auf Frauen im Zusammenhang mit der Mutterschaft lastet, und prangern die Schäden an, die diese Last verursacht. Ob es sich nun um einen Wunsch, einen Auftrag oder eine Mischung aus beidem handelt, die neuen Autorinnen brechen mit dem patriarchalen Ideal. Sie durchbrechen das Schweigen und prangern den Preis an, der für die Mutterschaft gezahlt werden muss, um eine Frau zu sein, ob sie nun Mutter ist oder nicht.
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