Fün En scheidungen ü eine synop ische
Li e a u geschich e de böhmischen Lände
im langen 19. Jah hunde
Václa Smyčka un e Mi a bei on Jan Budňák, Ladisla Fu e a,
Ma ouš Tu ek, Mi ek Němec, Václa Pe bok– Akademie de
Wissenscha en de Tschechischen Republik
ERSTE ENTSCHEIDUNG: WARUM UND WOZU EINE NARRATIVE
LITERATURGESCHICHTE SCHREIBEN?
Li e a u geschich e mi einem holis ischen Ansp uch und na a i e S uk u s ell
uns ei ig ein konse a i es und ums i enes Gen e de Li e a u wissenscha da .
Die Schwie igkei en ha unlängs Man ed Weinbe g im Anschluss an Jochen Vog
zusammenge ass . E be on e die Unmöglichkei de Li e a u geschich en, ih en
Gegens and zu übe blicken und die F agwü digkei de Ga ungen und Epochen als
Besch eibungska ego ien (Weinbe g 2019: 84). Dazu kann man noch wei e e G ünde
hinzu ügen. Dami die Li e a u geschich en die Komplexi ä s eduk ion ih es Ma‑
e ials du ch üh en und die Geschich e als eine kohä en e und sinnha e Einhei
da s ellen können, bedienen sie sich (o un e lek ie ) na a i e Schemen, die de
li e a ischen T adi ion en lehn we den (Whi e 1973). Eine Au lösung de Mas e ‑
na a i e und ih e Ze legung e wa in ch onologisch ode alphabe isch geo dne e
A ikel hil abe auch nich , da selbs einzelne Beg i e und Topoi die al en Mas e ‑
na a i e implizie en (Koscho ke 2012: 267–269). Auch die P i ilegie ung de ‚schönen
Li e a u ‘ e wa gegenübe ande en Tex en ode isuellen Medien kann heu zu age
suspek e scheinen. Schließlich is es die na ionalphilologische P ägung, die eine
‚G undideologie‘ de Li e a u geschich e sei ih e Neue ablie ung in de Vo mä zzei
bilde , was dieses Gen e belas e . Auch eine kompa a is ische Mul iplizie ung de
na ionalen Pe spek i en hil nich iel, da sie die na ionalphilologische Ideologie
eben nu e iel ach , kaum abe bei Sei e leg (Holý 2009: 778).
Doch ge ade die Li e a u geschich en, und zwa o in ih e adi ionellen, na ‑
a i en und du chaus na ionalphilologischen Fo m, we den an den Mi elschulen
un e ich e und we den on Mi elschulleh e n gelesen. Die na a i en Figu en sind
o auch das Wenige, was on dem Fachwissen in die Medien du chd ing und do
zi kulie . Die Dis anz zu holis ischen und na a i s uk u ie en Ga ungen de
Li e a u geschich e zeug zwa on de in e p e a o ischen Zu ückhal ung, sie läu
abe Ge ah , dass dami auch die o ien ie ende Funk ion de Humanwissenscha en
e lo en geh . Wenn nämlich keine zu de kul u ellen He e ogeni ä o enen und
zugleich na a i ‚sinngebenden‘ Li e a u geschich en angebo en we den, we den
diese Funk ion de his o ischen Mas e na a i e wei e hin ande e, s ik na ional
ge ahm e Na a i e ausüben.
124 BRÜCKEN 28/1
Dies is o allem ü solche Be eiche de Li e a u wissenscha on Gewich wie
die sei einigen Jah zehn en sich e neue nde ge manobohemis ische Fo schung. Sie
kann zwa eine lange Reihe glänzende A bei en und ein ela i eges Kon e enzleben
au weisen, die Fo m eine na a i en Syn hese is da un e abe sel en. Das neue
Handbuch de deu schen Li e a u P ags und de Böhmischen Lände und seine geplan e
schechische Übe se zung leg eine pe ek e G undlage da ü , es eich abe selbs
noch nich , da es sich, wie Man ed Weinbe g beme k , eben nu um ein Handbuch
handel (Weinbe g 2019: 86), also keine na a i s uk u ie e Ga ung, übe dies
ein p imä au deu sch gesch iebene Li e a u und die Ge manis ik ausge ich e es
Handbuch.
1
Es is eine eiche Quelle de Beleh ung ü die S uden en des Faches, ih e
Auswi kung au die bewäh en na ionalen Mas e na a i e is abe seh beg enz .
Das sind die G ünde, die das ge manobohemis ische Team des Ins i u es ü
schechische Li e a u de schechischen Akademie de Wissenscha en zum En ‑
schluss bewogen haben, eine ‚ku ze‘ (aus einleuch enden G ünden einbändige)
Li e a u geschich e des ‚langen‘ 19. Jah hunde s (e wa 1770–1920) zu sch eiben, die
die En wicklung schechisch und deu sch gesch iebenen (e l. jüdischen) Li e a u
au dem Gebie de böhmischen Lände da s ellen wü de. Eine solche Li e a u ge‑
schich e soll e den S udie enden und Leh enden sowie de b ei e en Ö en lichkei
die Möglichkei anbie en, die Li e a u geschich e in den böhmischen Lände n jen‑
sei s de p imä ge manis ischen ode bohemis ischen Fokussie ung da zus ellen.
Sie soll e nich nu die na ionalen Mas e na a i e ela i ie en, sonde n auch eine
posi i e Al e na i e zu ihnen anbie en. Die p agma ische Fokussie ung eine solchen
Li e a u geschich e signalisie schon, dass das Ziel nich eine lächendeckende
ma e ielle Übe bie ung de bishe igen Fo schung sein soll (dazu wü de siche ein
Band nich genügen), sonde n ehe eine Syn he isie ung de bohemis ischen und
ge manis ischen Blickwinkel. Doch dies is siche nich als bloße Zusammen ügung
de bishe igen A bei denkba . Solch eine syn he ische Li e a u geschich e e o de
sowohl neue Fallanalysen als auch konzep ionelle A bei . Diese Ve such is ein Ex‑
pe imen , das au ein wei es und bishe wenig bewande es Feld üh . Wi be inden
uns ge ade mi en in de Vo be ei ungsphase, in de wi meh e e En scheidungen
e en müssen. De hie o geleg e Fo schungsbe ich soll zu Dokumen a ion dieses
Expe imen s dienen.
ZWEITE ENTSCHEIDUNG: LITERATURGESCHICHTE
DER INTERKULTURALITÄT ODER INTERKULTURELLE
LITERATURGESCHICHTE?
Bei de Kon e enz Wie kann man eine anskul u elle Li e a u geschich e sch eiben?,
die 2018 s a ge unden ha , ha Jan K. Hon die F age ges ell , ob wi eine Li e a u ‑
geschich e de T anskul u ali ä ode anskul u elle Li e a u geschich e sch eiben
wollen. Im e s en Fall wü de de Fokus au den Kon ak en de deu sch und schechisch
gesch iebenen Li e a u aus den böhmischen Lände n, au den ‚B ückenbaue n‘ und
1 Die his o ische Da s ellung de Li e a u geschich e wi d hie ehe o mal nach dem „he kömmlichen
P inzip“ de deu schen Li e a u geschich en gegliede .
125V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK
Ve mi lungs e suchen ode au den Abscho ungsmechanismen liegen. Im zwei en
Fall geh man p imä on de Li e a u aus, also da on, was de deu sch und sche‑
chisch gesch iebenen Li e a u in den böhmischen Lände n gemeinsam is , und he‑
ma isie die Kon ak e ‚zwischen‘ den Na ionalli e a u en e s als Bes and eil dieses
‚li e a ischen Lebens‘. De e s e Ansa z wü de die Reduk ion des um ang eichen
Feldes e leich e n. Doch on Sei e de Na ionalphilologien wü de es sich imme nu
noch um die Geschich e de in e kul u ellen Li e a u handeln. De Vo wu , es geh
hie nu um die Da s ellung de ‚Ausnahmen‘ und man übe sieh , was eigen lich die
‚no male Li e a u ‘ ausmach , wü de bald im Raum s ehen. Im zwei en Fall wi d die
Besch änkung eines so wei en Feldes au einen Band noch eduk i e und in Hinsich
au die oben ange üh en P obleme de Li e a u geschich e iskan e . Ein wich ige
Vo eil de zwei en Va ian e bes eh abe da in, dass die F age nach dem Ve häl nis
de schechischen und deu schen Li e a u nich Ap io i das ganze Fo schungs eld
p äde e minie en wü de.
Wi haben uns schließlich ü eine Kombina ion de beiden Ansä ze en schieden,
indem wi eine anskul u ell o ene Geschich e de Li e a u sch eiben, d.h. on
de Li e a u und Gesellscha de böhmischen Lände als solche ausgehen, das Mi ‑,
Gegen‑, Neben‑ und Ineinande leben de na ional kons uie en Kul u en abe in
den Fokus s ellen. Die In e kul u ali ä wi d hie also eine wich ige Rolle spielen, sie
soll abe au eine b ei e en li e a u his o ischen Basis s ehen. Eine solche Lösung
kann zwa als ich ige Sophis e ei e scheinen, sie ha abe wei eichende Folgen ü
wei e e En scheidungen, die ge o en we den sollen.
DRITTE ENTSCHEIDUNG: WIE IST DIE LITERATURGESCHICHTE
DER ‚BÜRGERLICHEN MODERNE‘ ZU KONZIPIEREN?
Nun s eh man o de F age, wie man so eine Li e a u geschich e sch eib . De Blick
in die Ve gangenhei bie e uns einige Modelle, die wi e wa mi Hayden Whi e in die
oman ischen Emanzipa ionsgeschich en (die meis ens nu nebeneinande ges ell
we den), in die „ agischen Na a i e“, die die gegensei igen Beleidigungen und Ve ‑
mi lungs e suche mi dem Ende in den Ka as ophen des 20. Jah hunde schilde n,
und in die i onische Da s ellungsweise, die e lich A noš K aus zu en wickeln
wuss e, eilen können. Doch keinen diese na a i en Modi inden wi wegen den
mi ihnen e bundenen ideologischen Implika ionen heu zu age noch b auchba .
Sie gehen eigen lich alle imme noch on de Na ion (ode de Na ionalli e a u als
ih em e mein lichen ‚Spiegel‘) aus. Die En scheidung ü eine „ anskul u ell o ene
Li e a u geschich e de böhmischen Lände “ e o de abe eine den Na ionalkul u en
o ausgehende Basis, einen Ho izon , wie Man ed Weinbe g beme k e. In so einem
Ho izon „kann man ins abile Einhei en denken und nu zei weise gül ige G enzen;
man kann Ve mischungen wie Ve schiebungen besch eiben und Inseln de na ional‑
kul u ellen Ve eindeu igung in ihn ein agen“ (Heimböckel/Weinbe g 2017: 34).
Was soll abe diese Ho izon sein, au dessen Hin e g und die En wicklung de
Na ionalli e a u en im Vo de g und beobach e we den kann? De geog aphische
Ho izon de böhmischen Lände , de adi ionell als Topos de His o iog aphie de
böhmischen Lände angewende wu de und de in de T adi ion on Augus Saue
abe auch Jose Nadle (1924) ode Jose Mühlbe ge (1981) o ge agen wu de, schein
126 BRÜCKEN 28/1
dazu wenig geeigne .2 Bei de A bei an dem Sammelband Wie kann man eine anskul‑
u elle Li e a u geschich e sch eiben? sind meh e e Al e na i en e schienen. Es wu de
beispielweise au eine basale ‚his o ische E ah ung‘ alle Au o en ohne Hinsich au
ih e Sp ache hingewiesen. Es wu de auch au die Ve lech ungsgeschich e de li e a‑
ischen Fo men, au die in e ex uellen Ve bindungen de deu sch und schechisch
gesch iebenen Li e a u in den böhmischen Lände n au me ksam gemach . Schließ‑
lich ha man das Ve bindende selbs in de G enze bzw. im Blickwinkel und ih e
Ve schiebung gesuch . So iele Vo eile diese Zugänge anbie en, so iele Nach eile
b ingen sie auch mi sich: im e s en Fall wü de die Be onung de ‚gemeinsamen e ‑
ah enen Geschich e‘ die Li e a u bloß au ih e mime ische Funk ion eduzie en. Im
zwei en Fall wü de man umgekeh au die soziale Rele anz de Li e a u e zich en
müssen. Schließlich de le z e Zugang, de dem „i onischen Modus“ on Hayden Whi e
en sp ich , kann zwa e izien die na ionalphilologischen Au o‑ und He e os e eo‑
ype au lösen, e kann abe schwe lich eine na a i e Basis de Li e a u geschich e
anbie en. Eben diese ‚konse a i e‘ Fo m soll abe nich au gegeben we den, wenn
man eine iden i ä ss i ende und konku enz ähige Li e a u geschich e als Al e na‑
i e zu ande en na a i kons uie en Na ional(li e a u )geschich en au bauen will.
Nach diesen E wägungen e schein uns die Rolle de Kuns und de Li e a u bei
de En s ehung des mode nen ( e lüssig en, e mein lich selbs e an wo lichen,
und disziplinie en) Subjek s am Übe gang om Ancien Régime zu Massenkul u
de Mode ne als eine geeigne e Basis. Wi meinen dami o allem die En s ehung de
bü ge lichen Kul u mi ih e cha ak e is ischen Kuns au assung und egula i en
Ka ego ien (Humani ä , Volk, F eihei ) die in de „Hochmode ne“ um 1900 und spä e
wäh end des e s en Wel k ieges in eine K ise des klassischen Bildungsideals, des
Humani ä sbeg i es und de Rep äsen a ion münde e. Diese Ansa z ha monie mi
de heu zu age schon klassischen Na ionalismus ‑Fo schung, da sowohl E ns Gellne
als auch E ic Hobsbawm be on haben, dass de mode ne Na ionalismus nu als E geb‑
nis diese Mode nisie ungsp ozesse de Di e enzie ung‑ und In eg a ionsp ozesse
des Bü ge ums be ach e we den muss. Somi wi d auch die Epoche als Epoche des
Au s iegs und de K ise des bü ge lichen Subjek s und seine Kuns im Zei kon inu‑
um abges eck . Sie wi d sowohl on de o he gehenden Epoche un e schieden, in
de de Kuns und Belle is ik keine spezi ische Rolle in dem allgemeinen ‚Sch i ‑
um‘ zugesch ieben wu de und das libe ale Konzep des (äs he isch und poli isch)
sou e änen Bü ge s nich exis ie e, als auch on de nach olgenden Epoche, in de
de Ansp uch dieses (äs he isch)bü ge lichen Subjek s au seine Selbs bildung und
Selbs e wi klichung adikal e schü e wu de.
So eine Pe spek i e e möglich uns die Na ionalli e a u en (und dami auch die
adi ionellen Konzep e de Li e a u geschich e) als P oduk e und Beglei ums ände,
2 Diese Beispiele zeigen, dass die geog aphische O dnung, die in ein li e a u his o isches Na a i übe ‑
agen we den soll, imme mi ande en ehe empo ä en Schemen e bunden we den muss (wie e wa
de Rassen heo ie und dem Konzep de T ansla io Impe ii bei Nadle ) ode die Kohä enz soga bei
kü ze en Epochenda s ellungen einbüßen muss (e wa im Falle de Geschich e de deu schen Li e a‑
u in Böhmen 1900–1939 on Mühlbe ge ). Noch schwie ige anwendba schein die geog aphische
O dnung ü die schechische Li e a u , die im Ve gleich zu de deu sch gesch iebenen Li e a u de
böhmischen Lände (mi meh e en Kul u zen en) wenige egional di e enzie is . Doch auch einige
P ojek e in diese Rich ung we den heu zu age im Zen um de egionalen S udien an de Uni e si ä
Os a a du chge üh .
127V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK
nich abe als Ausgangspunk e diese P ozesse zu be ach en. Die Kon lik e, Di e‑
enzie ungen ode Mi a bei de Na ionalkul u en we den so nich als eine me ho‑
dologische Annahme o ausgese z , sonde n e s im P ozess de En wicklung des
bü ge lichen Subjek s als ih E gebnis und Beglei ungsums and be ach e . Dami
we den die na ionalen Mas e na a i e nich ganz ausgeschlossen (so wie e wa die
ma xis ische Klassenmechanik), sonde n ehe mi in die Geschich e au genommen,
ge ahm und dadu ch in ih e Gel ung eingesch änk .
Diese Ansa z wi d uns auch hel en sich mi den un e schiedlichen S ilepochen‑
bezeichnungen und ih e Pe iodisie ung auseinande zuse zen, au de en Inkompa‑
ibili ä le z ens Ladisla Fu e a in dem Sammelband Wie sch eib man anskul u elle
Li e a u geschich e au me ksam gemach ha (Fu e a 2019: 146–147). Wäh end die
Gliede ungen in S ilepochen Au klä ung, Emp indsamkei , S u m und D ang, Klassik,
Roman ik e c. in de deu schen Li e a u geschich e (beispielha bei F enzel 1972),
Ba ock, he esianische und josephinische Zei , Biede maie e c. in de ös e eichi‑
schen Li e a u geschich e (beispielha bei K ieglede e al. 2014) und ob ození [Wie‑
de gebu ], las enecký asubjek i ní oman ismus [pa io ische und subjek i e
Roman ismus], májo ci [Máj ‑K eis] e c. in de schechischen Li e a u geschich e
(Haman 2007) ela i unbe angen als O dnungsp inzip e wende we den, muss
die Li e a u geschich e de böhmischen Lände au die Selbs e s ändlichkei die‑
se eingeüb en S ilepochen e zich en. Das heiß nich , dass sie unbeach e bleiben,
sonde n lediglich, dass sie nich als adie es O dnungsp inzip und Ausgangspunk
de Fo schung e wende we den können. Dies s ell abe auch eine Chance da ,
die S ilwandlungen (sowie e wa Ga ungsgeschich en) di e enzie e , wenn auch
wenige sys ema isch zu be ach en, als es unlängs Dalibo Tu eček und sein Team
o ge üh ha (Tu eček 2019).
T o z de Be onung de soziologischen und an h opologischen Basis soll e hie also
die Li e a u siche nich als bloße ‚Spiegel‘ de sozialen P ozesse be ach e we den.
Das Buch soll e auch keine ‚Sozialgeschich e de Li e a u ‘ we den, die e wa die Da en
übe die Ins i u ionen des li e a ischen Ma k es ins Zen um s ellen wü de. Es wi d
ielmeh im Sinne des New His o icism da um gehen, die Tex e als spezi ische Kno‑
enpunk e de kul u ellen Kon ex e au zu assen und die da in au geladenen „sozialen
Ene gien“ zu en al en, wie Ma ek Nekula unlängs o geschlagen ha (Nekula 2019:
69). Die Ga ungen, Poe iken und Schwellen de S ilepochen können dabei s ellenweise
eine zen ale S ellung gewinnen, e wa do , wo es zu ih e ma kan en T ans o ma ion
komm , die au eine e ände e Funk ion de Li e a u und des bü ge lichen Subjek s
hinweis , wie noch un en gezeig wi d. Sie we den nu nich als eine lächendeckende
Ma ize de Na a ion e wende .
VIERTE ENTSCHEIDUNG: AUF WELCHE MODELLE KANN SICH
DIE LITERATURGESCHICHTE STÜTZEN?
Wi gehen on den Konzep ionen des bü ge lichen Subjek s aus, die an de Schni ‑
s elle de sozial‑ und kul u wissenscha lichen Pe spek i e s ehen, haup säch‑
lich on den A bei en on Bedřich Loewens ein (1995), And eas Reckwi z (2006)
und Sieg ied J. Schmid (1989). Mi Loewens ein, de au die Thesen on Sigmund
F eud, Reinha d Koselleck und No be Elias zu ückg ei , e s ehen wi ‚bü ge ‑
128 BRÜCKEN 28/1
liche Kul u ‘ als ein Mode nisie ungsp og amm, das au de Selbs disziplinie ung,
abe auch Sublimie ung de Selbs e wi klichungskonzep en be uh und übe dies
zu p agma ischen Abg enzung gegenübe de Adelskul u und dem ‚Pöbel‘ dien .
Dieses P og amm wi d nich unbeding au ökonomische De e minie ung beg enz ,
sonde n ehe als Se on Subjek modellen au ge ass , die du ch bes imm e Subjek ‑
p ak iken angeeigne we den, wie dies anschaulich And eas Reckwi z in Das hyb ide
Subjek (2006) gezeig ha . Auch Reckwi z e s eh die bü ge liche Subjek i i ä nich
als eine homogene Iden i ä , sonde n als eine wide sp üchliche (hyb ide) Kombi‑
na ion un e schiedliche „Subjek codes“, die im Subjek bes imm e F ik ionen und
Ins abili ä en implan ie en:
die Di e enz zwischen me hodische Selbs disziplinie ung und emo ionale Sen‑
sibilisie ung; de Gegensa z zwischen de On ologie und eine geschlossenen‑
‑balanzie en, maß ollen Lebens o m und jenen unbe echenba en Risiken– des
Ma k es, des Ge ühls, de kogni i ‑imagina i en Re lexi i ä –, welche die bü ge ‑
lichen P ak iken selbs he o b ingen; zwischen eine minu iösen Selbs beobach‑
ung des Ichs und eine g undsä zlichen kul u ellen Abwe ung des „supplemen ä‑
en“ Indi iduellen zuguns en des essen iellen ‚Allgemeinen‘. (Reckwi z 2006: 105)
Das „ oman ische Subjek “ (sowie e wa das „dekaden e“) bilde dann keinen Gegen‑
sa z zu dem „bü ge lichen Subjek “, sonde n nu eine spezi ische Fo m, in de die
Wide sp üche des mode nen Subjek s zuguns en de äs he ischen und exp essi en
Lebens o m ausgeschlagen we den.3 De Li e a u komm in diesem Modell neben
ande en adi ionellen Funk ionen4 auch die Rolle eine Subjek p axis zu. Die Ve ‑
lüssigung des Subjek s in de Kuns (beispielsweise im P ozess des E zählens und
Übe windung de na a i kodie en gesellscha lichen No men) e hil de sozialen
Mobilisie ung des Indi iduums. Sie läss sich übe dies mi Sieg ied J. Schmid (und
im Anschluss an Niklas Luhmann) als „ e such e Übe windung de unk ionalen Di ‑
e enzie ung und ih e Folgeschäden ü das Subjek und „bü ge liche Gesellscha “
(Schmid 1989: 418) beg ei en.
Die dis ink i e (Subjek i ie ung) und in eg a i e (O dnungss i ung und Übe ‑
windung de unk ionalen Di e enzie ung) Funk ion de Li e a u en sp ich de
Komplemen a i ä de subjek i ie enden und a ionalisie enden Tendenzen de
bü ge lichen Subjek i i ä . Diese Spannung in dem bü ge lichen Subjek en sp ich
auch die wide sp üchliche Rolle de Na ionalli e a u bei de T ans o ma ion de eu‑
dalen in die bü ge liche Gesellscha . Die Au onomisie ung de Kuns und des Kuns ‑
beg i s (sei es un e de Bezugnahme au die e mein liche Kons an e des Volkes,
ode im Rahmen de he ba ischen Fo maläs he ik) is analogisch zu Annahme de
poli ischen Emanzipa ion de Bü ge in de pos e olu ionä en Ä a (beispielsweise
du ch P i a isie ung des Rech es im Allgemeinen bü ge lichen Gese z buch, Filla e
2020). Doch beides is imme nu un e de Bedingung de Selbs disziplinie ung und
„posi i en“ Bezugnahme zu kollek i en Koo dina en möglich. Die mode ne Subjek ‑
3 „Das bü ge liche und das oman ische Subjek s ellen sich als zwei opponie ende Modelle eines em‑
pha isch ‚mode nen‘ Subjek s.“ (Reckwi z 2006: 106)
4 E wa im Sinne on Jan Mukařo ský (2000), de die p ak ische, heo e ische, symbolische und äs he‑
ische Funk ion un e scheide .
129V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK
bildung äg also einen doppel en, ja wide sp üchlichen Cha ak e .5 Wenn auch diese
wide sp üchliche En wicklung des (poli ischen und äs he ischen) Subjek s ähnlich
wie in den p o es an ischen Regionen Deu schlands e läu , se z sie selbs e s änd‑
lich in den böhmischen Lände n spezi ische Akzen e.
Diese de Mode ne inhä en e Wide sp üchlichkei wi k sich auch in de P o‑
blema ik des Na ionalismus und in de Rolle de Na ionalli e a u aus. Es geh hie
eine sei s um Indi idualisie ung und Au lösung de ehikula en zuguns en de
e nakula en Sp achen (sei 1770e Jah en Deu sch, sei An ang des 19. Jah hunde
Tschechisch) ande e sei s um die Disziplinie ung de Lese und Au o en, die sich in
den Diens de Na ionalkul u (bzw. dem Landespa io ismus ode de S aa sidee)
s ellen. Analog zu de Li e a u maß sich auch die Na ionalkul u ein pa adoxes
Ziel an, die K isene scheinungen de unk ionalen Di e enzie ung und de Globali‑
sie ung zu kompensie en, indem sie die Solida i ä que zu de s a i ika o ischen
Di e enzie ung he o u und dadu ch die unk ionale Di e enzie ung o eib .
Zwischen de Na ionalisie ung de Kul u und de Au onomisie ung de Kuns en ‑
s eh also eine Koali ion, die die bes ehenden Mode nisie ungsp ozesse o an eib ,
die abe höchs un e schiedlich ges al e we den. Eine solche Koali ion wi k sich am
au allends en in dem Kul de Folklo e im 19. Jah hunde aus.
Dabei wi d auch de kul u semio ische Ansa z on Vladimí Macu a hil eich, de
die kompensa o ische Funk ion und den o alisie enden Ansp uch de oman ischen
Kuns in de schechischen Li e a u un e dem Beg i ‚Synk e ismus‘ besch ieben
ha . Das Abscho en und Schließen de Na ionalkul u en und Li e a u en, die du ch‑
aus in e na ional gep äg sind, läss sich wiede am bes en mi dem Konzep des Übe ‑
se zungscha ak e s on Macu a besch eiben, de an die kul u semio ischen Thesen
on Ju ij Lo man anschließ . Um die Desin eg a ionsp ozesse in de schechisch und
deu sch gesch iebenen Li e a u de böhmischen Lände um 1900 besch eiben und
die K ise de bü ge lichen Subjek i i ä da s ellen zu können, möch en wi ansa z‑
weise auch mi dem Konzep des ‚li e a ischen Feldes‘ on Bou dieu a bei en. Die
Besch eibung de po en iellen Posi ionen des li e a ischen Feldes wi d uns hel en,
die ehe ‚o enen‘ Zonen, wo die Mi a bei zwischen den Au o en un e schiedliche
Sp achen möglich wa , und endenziell abgescho e en Zonen, wo sich das Ve häl ‑
nis ehe in de Nega ion und La enz auswi k e, zu cha ak e isie en. Sie wi d uns
ebenso zeigen, welche Posi ionen im li e a ischen Feld, wann und in welche Sp a‑
che ein ache ealisie ba wa en und welche im bes imm en Um eld au die Limi e
ih e S ellung im Feld ges oßen haben. Diese Ansa z is mi den o he e wähn en
Konzep en on Reckwi z und Schmid du chaus kompa ibel, da e die Au onomisie‑
ungsp ozesse und In eg a ionsp ozesse in de Li e a u als gegensei ig abhängige
P ozesse und Posi ionen da s ell . Hie kann man auch au wei e e Konzep e de
K ise des bü ge lichen Subjek s um 1900 anschließen, die (so wie Reckwi z) au de
G undlage de oucaul ischen Subjek au assung be uhen, beispielweise F ied ich
Ki le s Da s ellung des ‚Au sch eibesys ems 1900‘, in de e die K ise de Sp ache
und des bü ge lichen Subjek s als eine echnisch beding e Au lösung de li e a ischen
Subjek p ak iken besch ieben ha .
5 Zu diesem Pa adox de Kons i u ion des mode nen Subjek s um 1800 siehe die Übe legungen on
Benjamin Ma ius Schmid (2001: 175–179).
130 BRÜCKEN 28/1
Es geh schließlich da um, wie Reckwi z be on e, die beiden Mas e na a i e
de Mode ne gel en zu lassen, die einmal die Geschich e des mode nen Subjek s als
eine Emanzipa ionsgeschich e, ande smal als eine Disziplinie ungsgeschich e und
Un e we ung des mode nen Subjek s un e die S uk u en de (na ionalen) Kul u
e zählen. Ode in den Kon ex de Na ionalli e a u geschich ssch eibung übe üh :
Es geh da um sowohl die emanzipie enden als auch disziplinie enden Tendenzen in
de Di e enzie ung de bildungsbü ge lichen und na ionalen Li e a u au zuzeigen.
Die beiden Na a i e lassen sich als zwei Blickpunk e gegeneinande ausspielen und
mi einande e knüp en, was in Beg i en on Hayden Whi e heiß , den oman i‑
schen Modus mi dem agischen zu e knüp en. Dies gil sowohl ü die Analyse
de En s ehung de Na ionalli e a u en als auch ü die sie ahmenden Mode nisie‑
ungsp ozesse. Eine solche e lek ie e Kombina ion gegensä zliche na a i e Modi
kann schließlich auch als eine i onische ‚Ve schiebung‘ de Pe spek i en e s anden
we den.
FÜNFTE ENTSCHEIDUNG: WIE IST SO EINE LITERATUR‑
GESCHICHTE ZU STRUKTURIEREN?
Aus de oben beg ünde en P ä e enz eine na a i en S uk u des Buchs olg , dass
sein Au bau übe wiegend ch onologisch sein soll e. Doch die Beg enzung au einen
Band e o de , dass die Da s ellung aus keine lückenlosen und kon inuie lichen
E zählung bes ehen wü de, sonde n dass sie um bes imm e und selbs e s ändlich
selek i e ‚Kno enpunk e‘ konzen ie wi d. Die Kno enpunk e müssen e schiedene
Aspek e de zen alen P oblema ik des Au s iegs und de K ise de bü ge lichen Kuns
und Subjek i i ä en al en. So, wie de mode nis ische Mas e na a i on einem
gemeinsamen soziokul u ellen Ho izon ausgeh , sollen auch die einzelnen Kno en‑
punk e jeweils on einem Aspek dieses P ozesses ausgehen, ihn abe in de un e ‑
schiedlichen sp achlichen und kul u ellen Ges al ung de Li e a u de böhmischen
Lände e olgen. Man e ziel dami , dass in jedem Kapi el sowohl die allgemeine
P oblema ik als auch de de aillie e Blick au un e schiedliche (Sp ach)Milieus und
ih e In e ak ion e ass we den. So kann e wa de Au s ieg de Do p osa nich nu
die En wicklung de bes imm en Ga ungen und de p o o ealis ischen Sch eibweise,
sonde n auch die na ionale Ma kie ung des Raumes, die Disziplinie ung de ländli‑
chen Be ölke ung und ‚O he ing‘ de ‚S ö e ‘ de ländlichen ‚O dnung‘ hema isie en.
Das Kapi el übe den Au bau de neuen Thea e gebäuden in dem le z en D i el des
19. Jah hunde s bie e zugleich die Möglichkei an, die Selbs ep äsen a ion de
bü ge lichen Gesellscha de libe alen Ä a zu besch eiben und die Szena ien des
„Sel ‑made man“ in de D ama ik de Zei o zus ellen.
Beim Einhal en diese S uk u können sich dann die Kno enpunk e um p imä
äs he ische Phänomene (e wa By onismus und subjek i e Roman ik de 1830e Jah e,
E ablie ung de ealis ischen Sch eibweise in de Reisep osa de 1850e und 1860e
ode Symbolismus und Sp achk ise) um o wiegend sozio ‑his o ische E scheinungen
(e wa G ündung de Li e a u ‑ und Kul u e eine in den 1860e Jah en ode Rolle
de Philologen, K i ike und In ellek uellen am Ende des Jah hunde s) ode ehe
um li e a u an h opologische Themen (En s ehen de Phan as ik im spä en 18. und
19. Jah hunde , Dekadenz und Subjek k ise) konzen ie en.
131V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK
Ein solche Ansa z is siche iskan , da e eine sei s die Ge ah läu , die Komplexi‑
ä de li e a ischen Kommunika ion übe das mode nis ische (wenn auch du chaus
wide sp üchliche ode besse ‚kon apunk ische‘) Mas e na a i zu s ülpen, an‑
de e sei s d oh es bei eine allzu o enen Ve bindung de einzelnen Kno enpunk e
den Faden bzw. die Fäden zu e lie en. Ob die Wahl de Kno enpunk e und die dami
e bundene Selek ion plausibel e scheinen wi d, häng on de Plausibili ä des im
Hin e g und s ehenden Mas e na a i es, on de Kohä enz de um die Kno en‑
punk e konzen ie en Mik ona a i e, abe auch on de Eignung diese Kno en‑
punk e, un e schiedliche P obleme und ebenen de li e a ischen Kommunika ion
zu e knüp en und dadu ch die Komplexi ä zu gewinnen, ab. Die E gebnisse diese
Bes ebungen und de hie besch iebenen En scheidungen wollen wi bis 2025 de
Ö en lichkei o legen.
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