Robert Grünbaum, Jens Schöne und Heike Tuchscheerer (Hgg.): Das doppelte 1968. Hoffnung, Aufbruch, Protest. Berlin: Metropol, 2019
Abstract
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180 BRÜCKEN 28/1 Als ein Beispiel für die nach wie vor bestehenden Blockaden der durch 1968 soziali‑ sierten Intellektuellen mag eine Äußerung von Etienne François dienen, der zwar bereit zu sein scheint, die problematische „Idealisierung der chinesischen Kultur‑ revolution“ durch die westeuropäischen Intellektuellen einzugestehen, allerdings nur im Hinblick auf die weitere Entwicklung, „was etwa später unter der Herrschaft der ‚Roten Khmer‘ in Kambodscha passierte“ (S. 64). Das, was vorher passiert war, scheint weiterhin außerhalb des Blickfelds zu liegen. Weder der rücksichtslos durchgeführte Große Sprung nach vorn noch die gleichermaßen terroristische Kulturrevolution, die nicht wenige Menschenleben vernichtete, scheinen nur wenig an utopischer Legiti‑ mation verloren zu haben, die revolutionäre Nostalgie schützt offenbar weiterhin vor den historischen Fakten! Angesichts solch euphemistischer Äußerungen erscheint es allemal nachvollziehbar, dass der Nach‑68er Thomas Etzemüller in seiner Unter‑ suchung zu 68 auf Zeitzeugengespräche verzichtet hatte, waren die Probanden doch, wie er vermerkt, „außerordentlich geschickt […], ihre eigene Geschichte in meine Dissertation hineinschreiben zu wollen.“ (S. 49) Versucht man eine Gesamtwürdigung, dann hat man es mit einem zu großen Teilen gut zu lesenden Band zu tun, der doch viele Facetten von und um 68 anreißt. Zu be‑ dauern ist natürlich, dass in allen Beiträgen eine systematische Darstellung der For‑ schungsliteratur fehlt, man eine mal mehr, mal weniger eklektische Literaturauswahl erhält. Gerade bei einem Band, der sich mit dem Thema der doppelten Perspektive 1968 auseinandersetzt, wäre ein Forschungsüberblick höchst sinnvoll gewesen. Ebenfalls fehlt, mit der Ausnahme des Beitrags von Ilko ‑Sascha Kowalczuk (Von der Revolte zur Revolution. Wie viel 1968 steckt in 1989? S. 246–251), ein weiterführender Blick. Man erfährt zwar einiges von dem antiautoritären und hedonistischen Protesthabitus der westlichen Protestjugend, der sich bis heute forttradiert, Namen wie Jan Palach, Jan Zajíc, von weiteren ganz zu schweigen, werden dagegen überhaupt nicht angeführt, so als ob deren radikalisierter Protest für die Perspektive auf 1968 irrelevant wäre. Und auch die Anatomie einer Zurückhaltung, mit der Václav Havel stellvertretend für andere Dissidenten in Ostmitteleuropa die linke Protestkultur nach 1968 im Westen in ihrer ideologischen Verblendung demaskiert, findet keine Reflexion. Insofern bleibt das „doppelt“ im Titel dieses Bandes etwas unterfokussiert. Jörg Bernig: Der Gablonzer Glasknopf. Essays aus Mitteleuropa. Dresden: Thelem, 2011, 140 Seiten; An der Allerweltsecke. Essays. Dresden: Edition buchhaus loschwitz, 2020, 160 Seiten. Peter Becher– Adalbert Stifter Verein e. V., München Bereits in seinen „Essays aus Mitteleuropa“ (Der Gablonzer Glasknopf, 2011) erwies sich Jörg Bernig als sensibler und nachdenklicher Beobachter. Mitteleuropa war und ist für ihn ein „jahrhundertealter Schmerzensraum“, geprägt von der „Erfahrung wechsel‑ seitiger Mißachtung, Schikanierung, Verfolgung, Vertreibung und Ausrottung.“ Ein
181REZENSIONEN Raum, in dem die verfolgten und vertriebenen Völker allerdings nicht gänzlich ver‑ schwinden, sondern in der Literatur wieder auftauchen, „ganz gegen die Intention derjenigen, welche >die anderen< endgültig hatten loswerden wollen.“ Auch An der Allerweltsecke (2020) zeigt sich Bernigs subtile Beobachtungsgabe: Ob er beim Gang durch die Belgrader Straßen den jungen Leuten nachschaut, die lachend „durch die milde Oktobernacht“ bummeln, ob er „altverwunschene“ Häuser, Kioske und „rostzerfressene“ Busse entdeckt oder in einem Gasthaus Musikanten und singenden Besuchern zuhört, immer ist er mit den wachträumenden Augen eines Flaneurs unterwegs, ganz dem Augenblick überlassen. Hinter diesen Augenblicken weitet sich der Raum der Geschichte, der von der Zeit der osmanischen Herrschaft ebenso erzählt wie von den jüngsten Sezessionskriegen und dem Luftangriff der NATO, von Gavrilo Princip, dem Attentäter von 1914, und von Josip Broz Tito, dem Staatschef Jugoslawiens. Mitteleuropa, das ist für Bernig ein „Raum der Erzählung“, und Schriftsteller wie Ivo Andrić, Vladislav Bajac und Dragan Velikić sind seine lite‑ rarischen Zeugen dieses Raums. Nach Belgrad führt Bernig seine Leser durch Sarajevo, wo er das Nebeneinander von Moscheen, Kirchen und Synagogen an den „Glockentönen der Orthodoxen und der Katholiken“ sowie den „Gebetsrufen von den Minaretten“ hörbar macht und diese religiösen Klangspuren mit den „Lautsprechern der Cafés und Kneipen“ kontrastiert, aus denen die Musik der Gegenwart dröhnt, Pop, Rap und Techno. Auch hier ist die Vergangenheit überaus präsent, „Kriegsruinen“ und „Einschusslöcher“ künden davon, „der Krieg in den Gesprächen von… Bosniaken, Serben und Kroaten ist wie ein Anker in der Zeit, ein Dreh‑ und Angel‑, ein Bezugspunkt“, der die Geschichte in ein Davor und ein Danach gliedert, so wie seinerzeit das Attentat auf den österreichischen Thronfolger, mitten in der Stadt, an einem „Allerweltsort“, wie Bernig schreibt, an dem Familien mit „tiefverschleierten“ Frauen vorbeispazieren, während die Frauen auf den Bildern der 1920er Jahre noch ganz ohne Schleier zu sehen sind. Die gemeinsame Wanderung mit Breslauer Universitätsangehörigen zum Zop‑ tenberg, der im Nieselregen keine Fernblicke freigibt, aber zu einer Stärkung in der Gipfelbaude einlädt, wird für Bernig zum Anlass, seine Gedanken in den grauen Luftspiegel zu projizieren. Von Goethes „Anverwandlung“ ausgehend, fragt er sich, ob die nach Westen umgesiedelten Polen und die in den Sudetengebieten siedelnden Tschechen nach der Vertreibung der Deutschen eine Anverwandlung an die neue Umgebung vollzogen haben, oder ob die Zeit zu kurz war, die Landschaft fremd blieb, und längst von neuen Gruppen (wie der russischen Kommunität in Karlsbad) in Be‑ schlag genommen wurde. Der letzte Essay führt ins Nordwestböhmische, zum Fluchtpunkt von Bernigs eigener Familiengeschichte, ins Sudetenland mit seiner Hauptstadt Reichenberg. Hier werden die „alten Wege und Straßen, die knorrigen Alleebäume, die alten Bauernhö‑ fe… Kirchen und Kapellen… Eingangslöcher zu anderen Welten“, in die man wie Alice in Wonderland hineingeraten könne. Spuren der Vergangenheit, halb sichtbar, halb wissend, die Reste eines beliebten Ausfluglokals, mitten im Wald, ein geschliffener Ort, in dem einst Sudetendeutsche wohnten, die Erinnerung an einen Todesmarsch aus einem KZ im April 1945. Davor und darüber die Wahrnehmungen der Gegenwart, Badende, ein „holzgezimmerter Ausschank“, Radiomusik, der laute Ruf, dass die ge‑ bratenen Würsteln abgeholt werden können.
182 BRÜCKEN 28/1 Wie mit spitzer Nadel genäht, findet man zwischen den Beobachtungen und Beschreibungen der Essays von 2011 einen dünnen Faden von Vorbehalten, die das literarische Erzählen Mitteleuropas „als Gegenpol zu einer in Globalisierung sich scheinbar oder tatsächlich auflösenden Welt“, darstellen und die „gemeinsame To‑ talitarismuserfahrung“ der in der ČSSR und DDR großgewordenen Jugend, die Er‑ fahrung, „eine Diktatur beseitigen zu können“, als Vorsprung bezeichnen, da „ein in Bayern Aufgewachsener“ diese Erfahrung „nicht unbedingt gemacht“ habe. Dieser Gegensatz wird verstärkt durch die Auffassung, die Bundesrepublik habe sich „über Jahrzehnte hinweg mit Deutschland verwechselt… Westeuropa über Jahrzehnte mit Europa“. Der „Erweiterungskommissar“ der Europäischen Union wird als „Feldherr ohne Heer“ bezeichnet. Ebenso schreibt Bernig von der Sublimierung der „Frontbe‑ gradigungen der europäischen Geschichte“ zu „Bananenbegradigungen“ durch die „Brüsseler Zentrale“. Was in den Essays von 2011 auf diese Weise ironisch und provokativ zum Ausdruck kommt, wird in der Allerweltsecke von 2020 ernst und obsessiv. Bernig konstatiert, „daß sich Westeuropa in seiner ökonomischen Selbstgewißheit über Jahrzehnte von der Tiefe des geistigen Raums in Mittel‑, Ost‑ und Südosteuropa abgewandt“ habe; „daß >Nation<… in Deutschland und in manchen politischen Kreisen Westeuropas sowie bei etlichen Meinungsproduzenten in den althergebrachten Medien und Universitäten als ein Schmuddelwort“ gelte; dass zwar von der „Geistigkeit dieses Erdteils“ gesprochen werde, aber zugleich das, „was sich– lauthals zumeist– als >Europa<“ bezeichne, „auf gerade diese Geistigkeit vergessen und sie eingetauscht“ habe „gegen das Katzensilber entgrenzter Ökonomien… gegen die im fortlaufend skandierten Toleranzmantra ver‑ borgene Selbstverleugnung vor allem und jedem, wenn es nur nicht das Eigene ist.“ Und weiter, dass der Osten im Blick westlicher Betrachtung als „Raum nachge‑ hender Uhren“ und einer „tieferen Stufe der Zivilisation“ erscheine, während man umgekehrt „in den Westlern verteidigungsunfähige und ‑unwillige Weichlinge“ sehe, „Wesen der Oberfläche, die nie eine Begegnung mit dem Existentiellen hatten“. Die „greifbarste und folgenreichste Entgrenzung der letzten Jahre“ sei „die Grenz‑ und Souveränitätspreisgabe durch die deutsche Bundesregierung in den Jahren 2015 und 2016“ gewesen. Die „auf Europa einströmende– oder gelockte oder gelenkte?– Masseneinwanderung“ importiere „auch Kulturen, die sich in Konfliktstellung zur europäischen Kultur sehen und befinden und für die Anverwandlung keine Option“ sei. Europa importiere sich damit „fremde kulturelle Konflikte, die mit aller Entschie‑ denheit und Konsequenz nun auch auf europäischem Boden ausgetragen werden.“ Die Beispiele machen nur einen Bruchteil der Essays aus, aber sie stechen durch ihre Schärfe hervor und wirken wie (absichtliche) Verletzungen der ansonsten fein‑ gesponnenen Texte. Bernig verlässt an diesen Stellen die Traumtiefen des Poetischen und steigt hinauf (oder hinab?) zur Ebene der Behauptung, der Unterstellung und des Zorns. Woher kommt diese Verschärfung der Anschauung? Zwischen beiden Essay‑ bänden liegen die Migrationskrise (2015), Bernigs Kamenzer Rede (2016), seine Cice‑ robeiträge und die von ihm mitunterzeichnete „Gemeinsame Erklärung 2018“, die eine Beschädigung Deutschlands durch die „illegale Masseneinwanderung“ konstatiert. Viele Kritiker reagieren darauf, indem sie Bernig in eine „neurechte“ Ecke stellen. Ich frage mich allerdings, ob statt des schnellen Aufklebens eines Etiketts nicht auch ein wenig Nachdenklichkeit angebracht wäre. Vielleicht hat der Mainstream west‑
183REZENSIONEN licher Einstellungen im Lauf der Globalisierung seit dem Fall des Eisernen Vorhangs tatsächlich zu schnell und zu selbstgewiss Werthaltungen abgestreift oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben, die sich in so altertümlichen Bezeichnungen wie „Volks‑ verbundenheit“, „Heimatliebe“, „Gläubigkeit“, „Treue“ manifestieren. Und vielleicht wurden dabei Entwicklungen bagatellisiert, die nicht nur konservativen Politikern Sorge bereiten, Entwicklungen, deren Konturen Ivan Krastev und Stephen Holmes oder Francis Fukuyama in ihren letzten Büchern plastisch herausgearbeitet haben. Umgekehrt möchte man Bernig fragen, wie es kommen konnte, dass sich seine einstige Ironie zu einer von Bitterkeit und Sarkasmus erfüllten Behauptungsgewiss‑ heit verhärtet hat. Und warum er die Spannungen zwischen West‑ und Mitteleuropa, zwischen Ost‑ und Westdeutschland allein von einer Seite verursacht sieht und zu einem Zentralgegensatz verschärf, der keine Wechselwirkungen und keine Gemein‑ samkeiten erkennen lässt. So erweckt die Lektüre der Allerweltsecke durchaus gegensätzliche Eindrücke. Bernig zeigt sich einmal mehr als sensibler Beobachter, subtiler Formulierer und ge‑ schichtskundiger Flaneur und zugleich als plakativer Vereinfacher und provokativer Zuspitzer, womit er das Tableau seiner Reisebeobachtungen jäh durchschneidet und eine zweite Darstellungsebene etabliert, auf der westliche Arroganz und östliche Menschlichkeit auf scharfe Weise behauptet und gegeneinander ausgespielt werden.