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Ka koida Kaffee. Ein bibliographischer Kommentar zum Wiener Kaffeehaus als Desiderat der literatur‑ wissenschaftlichen Gedächtnisforschung

Grill, Markus

Abstract

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Ka koida Kaffee. Ein bibliographischer Kommentar zum Wiener Kaffeehaus als Desiderat der literatur‑ wissenschaftlichen Gedächtnisforschung Markus Grill– Karls ‑Universität, Prag 1. EINLEITUNG Man könnte meinen, dass zum Wiener Kaffeehaus längst alles gesagt sei. Die zahl‑ losen Bücher scheinen altes Wissen seit Jahrzehnten zu reproduzieren. Es liegt nahe, die nachhaltige Präsenz des Themas durch erfolgreiches Marketing zu erklären, das sich das simple Traditionsbewusstsein und Nostalgiebedürfnis der Menschen zunutze macht. Der Mythos vom Wiener Kaffeehaus wäre demnach ein reines Markenprodukt. Den unbestrittenen wirtschaftlichen Zusammenhängen liegen allerdings geschichts‑ mächtige Prozesse kultureller Sinnkonstruktion ursächlich zugrunde. Sie zu negieren bedeutet, einen anti ‑wissenschaftlichen Abwehrmechanismus von Gesellschaften zu bedienen. Er soll die Integrität ihrer erfundenen Traditionen vor kritischem Zugriff schützen. Tatsächlich ist die wiederkehrende Rede vom Wiener Kaffeehaus Ausdruck einer kollektiven Verständigung über die gemeinsame Geschichte der Nation Öster‑ reich und damit auch über die Bedingungen der Zusammengehörigkeit zu ihr und über die Selbst‑ und Fremdbilder von ihr. Diese identitätsstiftende Wirkungskraft des Wiener Kaffeehauses ist bis heute nicht ergründet. Der vorliegende Beitrag versteht sich als früher Fortschrittsbericht zu einem Dissertationsprojekt am Institut für Germanistik der Universität Wien. Es will die vermeintlich auserzählte Geschichte vom Wiener Kaffeehaus erstmals auf einer literatur‑/kulturwissenschaftlichen Metaebene erzählen. Mit besonderer Berück‑ sichtigung der ausgeprägten literarischen Bezüglichkeit des Wiener Kaffeehauses wird dieses, frei nach Pierre Nora, als literarischer Erinnerungsort postuliert. Noras Konzept liefert für die Übergangsphase zwischen finaler Konzeptualisierung und erster Analysearbeit einen bewusst lockeren Theorierahmen, innerhalb dessen mit textanalytischen Methoden operiert werden kann. Erinnerungsorte werden hier nämlich als gesamtgesellschaftliche Erzählungen verstanden. In diesem Sinn speist sich die mittlerweile seit Jahrhunderten tradierte Erzählung über das Wiener Kaffee‑ haus als ein Ort der Literatur gleichermaßen aus publizistischen, literarischen und wissenschaftlichen Texten. Die erzählten Inhalte und Erzählformen sind weitgehend stereotypisiert, variieren aber im Kontext der je gegebenen Erinnerungskultur. Der Beitrag skizziert vorweg diese erinnerungskulturwissenschaftliche Pers‑ pektive (2.). Nicht im Mittelpunkt steht die Frage nach der konkreten arbeitstechni‑ schen Umsetzung des Forschungsvorhabens. Vielmehr wird auf der Grundlage eines ausführlichen Schriftenbefundes ein Desiderat argumentiert. Die bibliographische Bestandsaufnahme stellt, typologisch und notwendigerweise exemplarisch, den 92 BRÜCKEN 27/1 heterogenen Textbestand zum Wiener Kaffeehaus vor (3.). Es handelt sich um einen Überblick über die erbrachten wie nicht erbrachten Forschungsleistungen und gleich‑ zeitig über den Forschungsgegenstand selbst. Das liegt an der Natur des Ansatzes, der wissenschaftliche Texte als Erzählungen im weiten Sinn betrachtet. Als Teil einer mit kultureller Bedeutung aufgeladenen Gesamterzählung werden sie– in ihrem Anspruch auf Objektivität– auf latente Semantiken hin gegengelesen. Der kritische Forschungsbericht präsentiert vier problematische Aspekte der Praxis literaturwis‑ senschaftlicher Beschäftigung mit dem Wiener Kaffeehaus (4.). Am Schluss stehen Bemerkungen zu den heuristischen Herausforderungen der Untersuchung sowie zu den Möglichkeiten ihrer weiteren methodischen und theoretischen Fundierung (5.). 2. DAS WIENER KAFFEEHAUS ALS LITERARISCHER ERINNERUNGSORT Der „Dichter im Kaffeehaus“ ist ein Topos mit globaler Geltung. Seine Ursprünge reichen ins England des frühen 18. Jahrhunderts zurück, als sich das Kaffeehaus als Ort der diskursorientierten bürgerlichen Öffentlichkeit etablierte (Habermas 1990: 90ff.). Seither hat sich auf der ganzen Welt eine produktive Praxis des Schreibens, Lesens und Diskutierens literarischer Werke in Kaffeehäusern entwickelt. Begleitet wurde und wird sie von einer geschichtlich folgenreichen Mythisierung. So haben sich im Laufe der Jahrhunderte gesellschaftliche Erzählungen über das Kaffeehaus als ein Ort der Literatur ausgeformt. Im Rahmen des Nationalbewusstseins können sie bis heute eine sinn‑ und gemeinschaftsstiftende Wirkung entfalten. In besonde‑ rem Maße trifft das auf das ‚Wiener‘ Kaffeehaus zu. Im In‑ und Ausland genießt es den Ruf als einzigartige soziale Institution. Seit 2011 zählt es offiziell zum österrei‑ chischen Kulturerbe.1 Intellektualität und Künstlertum, literarisches im Speziellen, gelten als konstitutive Bestandteile der sogenannten Wiener Kaffeehauskultur. Im Wiener Kaffeehaus verbinden sich „die Bilder von Langsamkeit und Gemütlichkeit […]“– gemeinhin als urtypische Merkmale des Österreichischen behauptet– „mit intellektuellen Leistungen, mit der österreichischen Literatur, Kunst und Politik“ (Breuss 2004: 318). Die verbreitete Vorstellung vom Wiener Kaffeehaus als ein Ort der Literatur prägt kollektive Selbst‑ und Fremdbilder über die Nation Österreich und damit die Auffassung einer österreichischen Identität. Im klassischen Wiener Kaffeehaus der Gegenwart materialisiert sich diese Kol‑ lektivvorstellung der Vergangenheit als gleichsam physisches (Genuss‑)Erlebnis. Wiener Kaffeehauskultur wird hier mit dem Anspruch der Authentizität tradiert. Die historistische Innenarchitektur und das Mobiliar, das kulinarische Angebot, die besonderen Serviceleistungen und ein gewisser Habitus des Personals beschwören die vom Gast gesuchte „spezielle Atmosphäre“2 herauf. Akzentuiert wird sie durch 1 In jenem Jahr wurde die Wiener Kaffeehauskultur ins Verzeichnis des nationalen immateriellen Kul‑ turerbes der UNESCO aufgenommen (URL: https://www.unesco.at/kultur/immaterielles ‑kulturerbe/ oesterreichisches ‑verzeichnis/ [Stand: 24.4.2020]). 2 In der Erklärung der österreichischen UNESCO ‑Kommission heißt es über die Wiener Kaffeehaus‑ kultur: „Die Tradition der Wiener Kaffeehauskultur ist durch eine ganz spezielle Atmosphäre geprägt. Typisch für ein Wiener Kaffeehaus sind Marmortischchen, auf denen der Kaffee serviert wird, Tho‑ 93MARKUS GRILL Verweise auf die große literarische Tradition des Wiener Kaffeehauses; etwa mittels Bildern, Hinweistafeln sowie der Abhaltung von Literaturveranstaltungen in den Lokalen. So fungieren Kaffeehäuser heute als „transparente Schweberäume der Nost‑ algie“ (Becher 2017: 10). Hier können sich tatsächliche oder auch nur eingebildete Literaten auf ein Spiel einlassen, das nicht mehr Realität ist und dennoch atmosphärische Türen zu dem Reich der Literatur öffnet, in dem sie den Verstorbenen ebenso begegnen können wie den Möglich‑ keiten ihrer selbst. (Becher 2017: 10) Wohl erschöpft sich das Wiener Kaffeehaus nicht im vergangenheitsfixierten Eskapis‑ mus. Es ist ein Objekt der, keineswegs nur individuellen, Selbstvergewisserung im Hier und Jetzt. Im Gegensatz zu vielen anderen historischen Orientierungspunkten einer Gesellschaft ist es als Ort nach wie vor belebt und konkret erfahrbar. Doch nicht nur aufgrund seiner materiellen Gegenwart ist die kulturelle Bedeutung des Wiener Kaffeehauses ungebrochen aktuell, sondern auch aufgrund seiner permanenten Medialisierung. Zahllose Bücher, Zeitungsartikel, Fernseh‑ und Radiobeiträge, Aus‑ stellungen, Werbeplakate und anderes mehr greifen die Thematik breitenwirksam auf. Das schlägt sich in der lokalen und nationalen Literatur‑ und Kulturgeschichts‑ schreibung sowie in Lehrwerken nieder. Die Überlieferungen zum Wiener Kaffeehaus, immer auch als ein Ort der Literatur, stellen somit einen Teil des österreichischen Bildungskanons dar. Und mehr als das: Sie sind, sei es unbewusst, fest in der Le ‑ bens‑ und Vorstellungswelt der Menschen verankert– durch Sprache in Form von Redensarten, Anekdoten und rhetorischen Figuren (z.B. die Metaphern vom Kaffee‑ haus als Wohnzimmer), durch verbreitete (imaginierte) Bilder (z.B. der Dichter am Kaffeehaustisch) und durch hergebrachte Rituale (z.B. Zeitunglesen im Kaffeehaus als soziale Handlung). Die vielseitige Präsenz des Themas in der Öffentlichkeit ist sowohl das Ergebnis als auch die Ursache eines komplexen, von verschiedenen kulturellen und sozialen Ausdrucksformen getragenen, Prozesses kollektiver Sinnbildung. Anders als bisher muss das Wiener Kaffeehaus also in seiner identitätsstiftenden Wirkungskraft erfasst werden; und zwar erstmals als Gegenstand einer systematischen Untersuchung der literaturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Sie argumentiert seine kulturelle Bedeutung als Ausdruck dynamischer geschichts‑ und identitätspolitischer Verhand‑ lungen innerhalb der österreichischen Erinnerungsgemeinschaft. Pierre Noras Theo‑ rie der Erinnerungsorte dient hierbei als zumindest interimistisches Rahmenkonzept. Es markiert die erinnerungskulturwissenschaftliche Ausrichtung der Untersuchung und lässt zugleich Freiraum für den Einsatz präziser textanalytischer Methoden. Im‑ merhin sollen nicht historische Wirklichkeiten des Wiener Kaffeehauses untersucht werden. Vielmehr sind es die textgebundenen Auslegungen historischer Wirklichkei‑ ten, die zu unterschiedlichen Zeiten in den Erinnerungsgemeinschaften kulturellen netstühle, Logen, Zeitungstischchen und Details der Innenausstattung im Stil des Historismus. Die Kaffeehäuser sind ein Ort, ‚in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht‘ [Original ohne Quellenangabe; Anm. M.G.]“ (URL: https://www.unesco.at/kultur/ immaterielles ‑kulturerbe/oesterreichisches ‑verzeichnis/detail/article/wiener ‑kaffeehauskultur/ [Stand: 24.4.2020]). 94 BRÜCKEN 27/1 Sinn erzeugen und dabei miteinander konkurrieren.3 Der Untersuchung liegt also die Prämisse zugrunde, dass zuvorderst Texte den Erinnerungsort Wiener Kaffeehaus konstituieren. Sie tun das, indem sie ihn abbilden und ihn tradieren (erzählen)– und ihn dadurch überhaupt erst konstruieren.4 Theoretisch innovativ ist das Postulat vom Wiener Kaffeehaus als ein im dop‑ pelten Sinn ‚literarischer‘ Erinnerungsort: Erstens ist es als Gegenstand kollektiver Erinnerung eng mit dem Thema Literatur verknüpft. Insofern man Erinnerungsorte als gesellschaftliche Erzählungen begreifen kann, handelt also der des Wiener Kaf‑ feehauses wesentlich über Literatur (‚Was‘ wird erzählt?). Zweitens geschieht dieses textgebundene Erinnern bzw. Erzählen des Wiener Kaffeehauses als ein Ort der Literatur grundlegend mit literarischen Mitteln (‚Wie‘ wird erzählt?). Das trifft nicht nur auf genuin literarische Texte zu, die bei der Herausbildung eines literarischen Erinnerungsortes wenig überraschend eine besondere Rolle spielen. Es trifft darüber hinaus auf publizistische und wissenschaftliche Texte zu. Denn selbst in den Wissen‑ schaften folgt Vertextung prinzipiell narrativen Mustern (White 1973). Erst das inter‑ textuelle Zusammenwirken unterschiedlicher Symbolsysteme 5 begründet den hohen Stellenwert des Wiener Kaffeehauses in der Kultur. Als gesellschaftliche Erzählung, die über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichsten Formen wiedergegeben wird, nimmt sich der Erinnerungsort vielstimmig, heterogen, in sich widersprüchlich aus. Das entspricht dem Wesen von Erinnerungsorten, die prinzipiell offen und im Wandel begriffen sind und daher nie vollständig rekonstruiert werden können (Erll 2017: 114). Natürlich ist eine Näherung mit belastbaren Ergebnissen möglich. Indirekt über die Analyse von Texten– unterschiedlicher Entstehungszeiten sowie unterschiedlicher Symbolsysteme– können die Ursprünge, die Kontinuitäten und die Transformationen des Erinnerungsortes im historischen Verlauf nachgezeichnet werden. Dazu sind die inhaltlichen wie formalen Traditionen bzw. Traditionsbrüche im Schreiben über das Wiener Kaffeehaus als literarischer Ort vor dem Hintergrund der jeweiligen Erinne‑ rungskultur zu analysieren. Eine solche literatur‑/kulturwissenschaftliche Untersuchung verspricht einen dreifachen Erkenntnisgewinn: Erkenntnisse erstens über die Beschaffenheit und das spezielle Funktionsprinzip eines literarischen Erinnerungsortes, der sich durch ausgeprägte Intertextualität und literarische Bezüglichkeit auszeichnet; zweitens über die mentale Disposition der Gesellschaft in Österreich– also über Denkweisen, Identitäten, Normen und Werte– unter den bestimmten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen einer Zeit; und drittens über literarhistorische Bewertungs‑ und Kanonisierungstendenzen als wesentliche Voraussetzung für die literaturwissenschaftliche Wissensorganisation und damit für unser (Literatur‑) Geschichtsbild. 3 Diese dichotome Perspektive des „Wie es wirklich war“ und „Wie es (wirklich) gedeutet wird“ geht zurück auf Astrid Erll (Erll 2004: 116). 4 Als Untersuchungsobjekte erhalten sie den Vorzug gegenüber den, ebenfalls potenziell konstituie‑ renden, primär textungebundenen kulturellen und sozialen Ausdrucksformen. Das heißt gegenüber etwa der Musik, dem Film, der bildenden Kunst und den erwähnten sozialen Praktiken rund um den Kaffeehausbesuch. 5 Dieser Wortgebrauch ist übernommen von Astrid Erll (2017). 95MARKUS GRILL 3. BIBLIOGRAPHISCHE BESTANDSAUFNAHME Die bibliographische Bestandsaufnahme zum Themenkomplex Wiener Kaffeehaus scheint den Befund des Desiderats zunächst nicht zu stützen. Die Recherche allein in den gängigen deutschsprachigen Online ‑Literaturdatenbanken fördert eine nur schwer überschaubare Menge von Publikationen zutage. Um einen Eindruck vom heterogenen Schriftbestand zu vermitteln, werden im folgenden Überblick je maximal zwei Titel exemplarisch ausgewiesen. 3.1 PUBLIZISTIK Im Bereich der publizistischen Literatur zum Wiener Kaffeehaus überwiegen unter‑ schiedliche Typen von Monographien ohne ausgeprägten wissenschaftlichen An‑ spruch, volkskundliche Bücher über Österreich und Wien, Stadt‑ und Lokalführer, Fotobände sowie Autobiographien bzw. „Erinnerungsbücher“. Die zahlreichen mono‑ graphischen Darstellungen führen mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung in die Geschichte und Gegenwart des Wiener Kaffeehauses ein (etwa Riha 1967; Oberzill 1983). Sie tun das meist allgemein, manchmal am Beispiel eines bestimmten Lokals und manchmal im Rahmen eines Überblicks über die europäische Kaffeehauskultur (etwa Reato 1999; Moser 2009). Jedenfalls wird das (Wiener) Kaffeehaus speziell als ein Ort der Literatur zumindest immer mitbehandelt. Diverse Österreich‑ und Wien‑ Bücher beleuchten nationale bzw. lokale Eigenheiten, Traditionen und Gewohn‑ heiten und sparen die Wiener Kaffeehauskultur dabei kaum je aus (etwa Schume 2009; Walcher/Weinlich 2018). Ein bekanntes Beispiel ist Das Buch von Wien (1927) des Feuilletonisten Ludwig Hirschfeld. Auf ähnliche Weise greifen Stadtführer das Thema auf (Sommer 1987; Stift 2004). Sie bieten, wie einschlägige Lokalführer (etwa Baur 2006; Wurmdobler 2010), (Kurz‑)Porträts ausgewählter Wiener Kaffeehäuser zusammen mit Serviceinformationen. Fotobände präsentieren historische und/oder zeitgenössische Fotografien von Wiener Kaffeehäusern bzw. von (berühmten) Besu‑ cherInnen, häufig AutorInnen, beim Kaffeehausbesuch (etwa Leitner/Hamtil 2010; Barbero/Rieger 2017). Schließlich wird dem Wiener Kaffeehaus in autobiographischen Werken mitunter viel Platz eingeräumt (etwa Kesten 1959; Franzel 1964). Bekannte Beispiele sind Stefan Zweigs Die Welt von gestern (1942) sowie Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch (1975). Gewisse Bekanntheit erlangt haben auch Milan Dubrovics Erinnerungen an die Wiener Salons und Literatencafés, so der Untertitel seines Buches Veruntreute Geschichte (1985). Die Grenzen der genannten publizistischen Genres fließen ineinander, sodass nicht wenige Publikationen mehrere Darstellungsformen vereinen. Beispielsweise funktionieren dann Monographien und Fotobücher auch als Stadt‑ und Lokalfüh‑ rer (etwa Hamtil/Horvath 1990; Schaber 2016). Außerdem erfüllen viele Genres die Funktion einer Anthologie; das heißt, dass Bücher zusätzlich literarische und feuilletonistische Texte bzw. Textausschnitte versammeln. So hat ein kleiner Teil der vielen einschlägigen journalistischen Zeitungstexte Eingang in den Buchdruck gefunden. 96 BRÜCKEN 27/1 3.2 LITERATUR Die Tradition literarischer Ausgestaltung des Wiener Kaffeehauses als Raum und als Thema kann bibliographisch weder qualitativ noch quantitativ erfasst werden. Für die Untersuchung fällt das nicht ins Gewicht. Die Zusammenstellung des Analysekorpus folgt dem Prinzip, dass „Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses […] ein Rezeptionsphänomen“ (Erll 2017: 178) ist. Demgemäß interessieren, was die Bedeutung der fiktionalen Literatur für den Erinnerungsort angeht, vor allem Texte, die diesem zugeordnet werden. Diesbezüglich aufschlussreich sind zum einen die monographi‑ schen Darstellungen, in denen die Ausführungen zum Wiener Kaffeehaus als ein Ort der Literatur mit der Nennung von AutorInnen und Texten einhergehen, und zum anderen die einschlägigen Anthologien, die literarische bzw. feuilletonistische Texte versammeln (etwa Veigl 1991; Proske 2009). Kurt ‑Jürgen Heerings Das Wiener Kaffee‑ haus (1993) ist eine der verbreitetsten Textsammlungen. Die Kriterien der Zuordnung von literarischen Texte zum Wiener Kaffeehaus bleiben zuallermeist unklar. Nicht immer handeln sie ‚über‘ das Wiener Kaffee‑ haus. Es werden dann offensichtlich andere Zusammenhänge vorausgesetzt: etwa die AutorInnenschaft (Texte, die von vermeintlichen „Kaffeehausliteraten“ verfasst wurden), der (angebliche) Produktions‑ oder Inspirationsort (Texte, die im Kaffee‑ haus zumindest teilweise verfasst oder durch es inspiriert worden sein sollen), die thematische Nähe und die Formalästhetik (Texte, denen aufgrund eines indirekten thematischen Bezugs oder aufgrund ihrer formalen Beschaffenheit eine dem Kaf‑ feehaus entsprechende „atmosphärische“ Qualität zugesprochen wird) und/oder die Entstehungszeit (Texte, die in einer ‚Ära‘ des Wiener Kaffeehauses entstanden sind). Zudem kann die editorisch vorausgesetzte Beziehung zwischen den Texten einer Anthologie und dem Wiener Kaffeehaus sogar eine nur indirekte nationale sein– sofern nämlich „Kaffeehaus“ und „Österreich“ aufeinander verweisen sollen (Texte, die keinen der genannten Bezüge zum Wiener Kaffeehaus aufweisen, aber einen Bezug zu Österreich).6 Jedenfalls kehren unter der Vielzahl von AutorInnen einige konstant wieder: Peter Altenberg fehlt in keiner Textsammlung und in keiner monographischen Dar‑ stellung zum Wiener Kaffeehaus. Er repräsentiert für viele den Kaffeehaus ‑Dichter schlechthin. Egon Friedell, Karl Kraus (als Vertreter und gleichzeitig als Opponent), Anton Kuh, Alfred Polgar, Hilde Spiel (als eine von wenigen Autorinnen), Friedrich Torberg, Hans Weigel und Stefan Zweig werden als weitere (verspätete) Klassiker der ‚Wiener Kaffeehausliteratur‘ angesehen. Diese Zuordnungen sind wiederum sehr unbestimmt, da im Allgemeinen die Unterschiede in der tatsächlichen Beziehung der AutorInnen zum Wiener Kaffeehaus aufgelöst werden. Folglich ist der Kreis von Namen gleichsam frei erweiterbar: Hermann Bahr, Heimito von Doderer, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Franz Werfel und andere mehr gelten bisweilen, unabhängig davon ob sie über das Wiener Kaffeehaus geschrieben oder nur darin verkehrt haben, als seine literarischen Repräsentanten. 6 Das betrifft Holger Wolandts Küss die Hand (2001). Das Buch bildet am Umschlag ein Kaffeehaus sowie den abweichenden Titel „Kaffeehaus ‑Küsse“ ab. Die versammelten Texte stammen von internationalen AutorInnen. Sie weisen größtenteils keinen der genannten Bezüge zum Wiener Kaffeehaus auf, sondern lediglich einen– teils lockeren– Bezug zu Österreich. 97MARKUS GRILL Obendrein finden sich weitere große Namen an den Rändern des Kanons klassischer ‚Wiener Kaffeehausliteratur‘. Das sind AutorInnen einerseits im Kontext des Wiener Kaffeehauses im 18. und 19. Jahrhundert (z.B. Franz Grillparzer, Anastasius Grün, Nikolaus Lenau, Johann Pezzl, Joseph Richter, Adalbert Stifter) und andererseits im Kontext des Wiener Kaffeehauses von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart (z.B. H.C. Artmann, Thomas Bernhard, Elfriede Gerstl, Robert Menasse, Doron Rabinovici, Robert Schindel). Was konkrete Titel angeht, seien im Folgenden nur einige aus dem Kernkanon ge‑ nannt. Zu diesem zählen so unterschiedliche Texte wie Altenbergs kleines Prosastück Kaffeehaus (1918), Kraus’ Satire Die demolirte Litteratur (1897), Kuhs Feuilleton „Central“ und „Herrenhof“ (1926), Polgars feuilletonistisch ‑essayistische Theorie des Café Central (1927), Torbergs Anekdotensammlung Die Tante Jolesch (1975) sowie Zweigs autobio‑ graphisches Buch Die Welt von gestern (1942). Auch für diese Werke gilt, dass sie sich in ihrem Bezug zum Wiener Kaffeehaus unterscheiden. Grob unterteilen lassen sie sich in Texte, die über das Wiener Kaffeehaus (als einen Ort der Literatur)– mehr oder weniger literarisiert– ‚berichten‘ (z.B. Zweigs Die Welte von gestern), und in Texte, die das Wiener Kaffeehaus (als einen Ort der Literatur) im engen Sinn literarisch ‚darstellen‘ (z.B. Altenbergs Kaffeehaus). Prinzipiell aber ist der „Rezeptionsrahmen“ (Assmann 1995: 234) offen. Das bedeutet, dass die Lesarten desselben Textes poten‑ ziell variieren. So können etwa die Tante Jolesch und die Theorie des Café Central beide einerseits als erklärender Bericht über das Wiener Kaffeehaus als ein Ort der Literatur gelesen werden und andererseits als dessen literarische Darstellung bzw. literarischer Ausdruck, das heißt als Beispiel für ‚Wiener Kaffeehausliteratur‘. Das entspricht der möglichen Doppelfunktion von Literatur im kollektiven Gedächtnis: Über ihre mediale Funktion, der Vermittlung von Geschichtsbildern, hinaus können literarische Texte selbst Gegenstand kollektiver Erinnerung sein (Erll 2017: 180). 3.3 WISSENSCHAFT Auch die wissenschaftliche Literatur zum Wiener Kaffeehaus ist umfangreich und di‑ vers. Soziologische Beiträge beleuchten die Rolle des Kaffeehauses in der Gesellschaft. Sie beschreiben es als (halb)öffentlichen Raum, als urbanes Kommunikationszentrum und als historisch männerdominierten Ort der bürgerlichen Öffentlichkeit, von dem Frauen lange Zeit fast vollständig ausgeschlossen waren (etwa Ammerer 2011). Die Sozial‑ und Wirtschaftsgeschichte des Wiener Kaffeehauses wurde insbesondere von Andreas Weigl (1991; 2013) beforscht. Mehrere Monographien populärwissenschaftli‑ chen Zuschnitts erzählen die Kulturgeschichte des Kaffeehauses bzw. der Kaffeehaus‑ kultur in Wien oder in Europa allgemein (etwa Jünger 1955; Thiele ‑Dohrmann 1997). Im letzteren Fall nimmt das Wiener Kaffeehaus nicht selten den meisten Raum ein. Eingebettet ist seine Geschichte auch in Kulturgeschichten zum Kaffee (Heise 1996; Krieger 2011). Alle diese monographischen Darstellungen betonen– ähnlich wie die vorhin als publizistisch eingestuften– die wichtige Rolle der Kaffeehäuser für kultu‑ relle und künstlerische, insbesondere literarische, Entwicklungen. Die berühmteste Kaffee ‑Monographie ist vermutlich Heinrich Eduard Jacobs Sage und Siegeszug des Kaffees (1934). Mehrfach aufgelegt wurde auch Wolfgang Schivelbuschs Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft (1980). Strenger wissenschaftlich angelegt ist Gustav 98 BRÜCKEN 27/1 Gugitz’ kulturgeschichtliche Monographie Das Wiener Kaffeehaus aus dem Jahr 1940. Es gilt bis heute als Standardwerk. Spezielleren Aspekten des Wiener Kaffeehauses widmen sich diverse kultur‑ wissenschaftliche Einzelbeiträge. Nur wenige davon fragen nach seiner Rolle bei kollektiven, nationalen (österreichischen) oder übernationalen (europäischen), Sinnbildungsprozessen in der Kultur (etwa Breuss 2004; Morawiec 2012).7 Generell liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen auf der Jahrhundertwende („Wien um 1900“). Relevante Beiträge zum Kaffeehaus in der Wiener Moderne präsentiert etwa der interdisziplinäre Sammelband The Viennese Café and Fin ‑de ‑siècle Culture (2013) von Charlotte Ashbyetal. Ausführlich Erwähnung findet es auch in großangeleg‑ ten Werken mit breitem kultur‑ und sozialgeschichtlichen Fokus; beispielsweise in William Johnstons Österreichische Kultur‑ und Geistesgeschichte (1974), in Steven Bellers Wien und die Juden (1993) [1989] oder in Moritz Csákys Das Gedächtnis der Städte (2010). Verschiedene Lexika liefern ebenfalls Informationen: Nachschlagen kann man etwa bei Groners Wien ‑Lexikon (1934: 203) und digital bei der freien Enzyklopädie Wikipedia oder der historischen Wissensplattform der Stadt Wien Wien Geschichte Wiki. Eine weitere Form der populären Wissensvermittlung stellen Ausstellungen bzw. die entsprechenden Begleitbände dar, die das Wiener Kaffee‑ haus (auch) zum Gegenstand haben (etwa Witzmann 1980; Erben 1985). Dieses ist schließlich ein beliebtes Themengebiet für universitäre Abschlussarbeiten: Der Hochschulschriftenserver der Universität Wien weist allein für den Zeitraum seit 2008 rund ein Dutzend einschlägiger Arbeiten aus Fächern der Literatur‑, Kultur‑ und Sozialwissenschaften aus. Auch die Literaturwissenschaft hat sich des (Wiener) Kaffeehauses wiederholt angenommen. In werkimmanenten Forschungsbeiträgen wird seine Bedeutung in‑ nerhalb literarischer Texte untersucht, vor allem im Rahmen von Raum‑ sowie The‑ men‑ und Motivanalysen (etwa Schmidt ‑Dengler 1999; Zitzlsperger 2011). Gilbert Carr verbindet in dem sehr aufschlussreichen Aufsatz Time and Space in the Café Griensteidl and the Café Central (2013) die Frage nach den Raum‑ und Zeitkonstruktionen in be‑ kannten Texten zum Wiener Kaffeehaus mit der Frage nach dessen Mythisierung. In literatursoziologischen Beiträgen wird unter anderem die Funktion des Wiener Kaf‑ feehauses als Treffpunkt von AutorInnen(gruppen) und literarischer Umschlagplatz („Literaturcafé“) allgemein untersucht (etwa Portenkirchner 1999; Strigl 2001) sowie seine Bedeutung für bestimmte AutorInnen (etwa Polt ‑Heinzl 2011; Hemecker/Österle 2014). Häufig geschieht das wiederum im Kontext der Moderne (etwa Lipiński 2000; Simonek 2016). Bislang nur gestreift worden ist seine Rolle bei literaturgeschichtlichen Legendenbildungen (etwa Gronberg 2011; Innerhofer 2016). Als Ort des inszenierten Künstlertums macht es nicht zuletzt Helmut Kreuzer in Die Boheme (1968) zum The‑ ma. In weiteren Werken wird der besondere Zusammenhang von Wiener Kaffeehaus und Literatur thematisiert, so in Claudio Magris’ Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur (1966) [1963] oder in William Johnstons Der österreichische Mensch (2009). Darüber hinaus widmen ihm Literaturgeschichten Abschnitte oder ganze Kapitel (etwa Castle 1937: 1715ff.; Zeyringer/Gollner 2012: 377ff.); wie das auch 7 Der Beitrag von Morawiec markiert indirekt die Perspektive vom Wiener Kaffeehaus als europäischer Erinnerungsort, aber nur insofern, als er im entsprechenden Sammelband erscheint. Im Text selbst trägt die Autorin dem erinnerungskulturwissenschaftlichen Ansatz kaum Rechnung. 99MARKUS GRILL andere fachwissenschaftliche Nachschlagewerke tun: so Hansers Sozialgeschichte der Literatur (Bunzel 2000: 287ff.) oder das Handbuch Medien der Literatur (Binczek 2013: 594ff.). Natürlich findet die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wiener Kaffeehaus auch innerhalb von Epochendarstellungen, namentlich der Wie‑ ner Moderne (etwa Lorenz 2007; Brandstätter 2011), und innerhalb von Biographien statt (etwa Viel 2013; Prochnik 2016). Und schließlich liegt ein wichtiger Sammelband vor: Literarische Kaffeehäuser, Kaffeehausliteraten (1999), herausgegeben von Michael Rössner, beschreibt aus einer internationalen komparatistischen Perspektive die Kaffeehausliteratur(en) am Beispiels Wiens und anderer Städte als eine spezielle Form literarischer Kommunikation. 4. KRITISCHER FORSCHUNGSBERICHT Wissenschaftliche Untersuchungen zum Wiener Kaffeehaus können heute auf tragfä‑ higen Forschungsergebnissen aufbauen. Allein der fächerübergreifende Forschungs‑ ansatz im Sinne der hier vertretenen literaturwissenschaftlichen Gedächtnisfor‑ schung ist kaum entwickelt. Das eigene Forschungsvorhaben kann im Kern daher nur beschränkt durch vorliegende Arbeiten gestützt werden. Zudem weist die gegebene literaturwissenschaftliche Forschungspraxis zum Wiener Kaffeehaus einige prob‑ lematische Aspekte auf. Davon sollen im Folgenden vier erläutert werden. Wird zur Anschaulichkeit auf konkrete Beiträge verwiesen, ist das nicht als Kritik an indivi‑ duellen Forschungsleistungen zu verstehen; vielmehr als Kritik an einer gängigen Forschungspraxis, die in der Verantwortung des Faches insgesamt liegt. 4.1. TERMINOLOGISCHES PROBLEM Dass die gesellschaftliche Erzählung vom Wiener Kaffeehaus ‚speziell‘ als ein Ort der Literatur eine gewisse Eigenständigkeit besitzt, drückt sich in einer eigenen Be‑ griffsbildung aus. Dementsprechend ist ‚Wiener Kaffeehausliteratur‘ am besten als eine kleine Literaturgeschichte innerhalb des Erinnerungsortes Wiener Kaffeehaus zu verstehen– sozusagen als Erzählung in der Erzählung. Beide sind geprägt durch ein sich weitgehend überschneidendes Standardrepertoire erzählter Inhalte (Zeiten, Ereignisgeschehen, Räume, AkteurInnen etc.) und Erzählformen (Stilmittel, Erzähl‑ haltungen, Handlungsmuster etc.). Der allgemeine Sprachgebrauch weicht von der erinnerungskulturwissenschaft‑ lichen Begriffsdefinition ab. Was diese kohärent zu bündeln vermag, splittert jener in eine Vielzahl divergierender Semantiken auf. Dadurch kommt dem Begriff ein ausschließlich konnotativer Wert zu. ‚Wiener Kaffeehausliteratur‘ definiert, kon‑ kretisiert oder präzisiert nicht. Vielmehr verweist sie immer auf vieles zugleich: auf ein literarisches Genre (vorgegeben durch den speziellen Produktions‑ und manchmal auch Rezeptionsort von Texten), auf ein literaturästhetisches Programm (zumeist kurze, geistreich ‑ironische, jedenfalls stilvoll gemachte Texte zum Tag), auf eine textexterne und ‑interne Inszenierungspraxis (Hedonismus, Bohemienhaftig‑ keit und Schnorrertum als Künstlerimage), auf einen idealisierten Lebensentwurf (das Kaffeehaus als Arbeits‑ und Wohnstätte), auf mindestens ein sehr dehnbares Literaturepochenkonzept (‚Wien um 1900‘), auf ein meist abschätziges literarisches 106 BRÜCKEN 27/1 LITERATUR Altenberg, Peter (1918): Kaffeehaus.– In: Ders., Vita ipsa. Berlin: Fischer, 186. Ammerer, Gerhard (2011): Das Kaffeehaus als öffentlicher Raum. Das Beispiel Salzburg.– In: Schwerhoff, Gerd (Hg.), Stadt und Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit. Köln, Weimar, Wien: Böhlau. Ashby, Charlotte/Gronberg, Tagetal. (Hgg.) 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