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Mattias Aumüller, Weertje Willms (Hgg.): Migration und Gegenwartsliteratur. München: Fink, 2020

Cornejo, Renata

Abstract

159

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159REZENSIONEN pretation der Quantentheorie (Niels Bohr, Werner Heisenberg) zukommt. Wie aus Charváts Untersuchungen hervorgeht, birgt Mukařovskýs Werk– späteren turns im Wissenschafts betrieb nachgerade zum Trotz– ein positives Theoriepotenzial. Folgt man Milan Jankovič, einem seiner besten Kenner, „zeigt sich das Denken einer bestimmten Schule“ nämlich „nicht nur in ihrer Programmatik oder in den ausgereiften Manifestationen, mit denen sie sich etabliert. Es wird zur Inspirations quelle, zu einem Vermächtnis, das gewiss nicht immer in sich einheitlich ist, zuweilen sogar Widersprüche aufweist. Eben darin liegt aber die Möglichkeit, ständig zu überprüfen, welche Leistungen dauerhaft Gültigkeit behalten sollen.“ (Schwarz 1997: vii) Filip Charvát hat dazu einen zum Nachdenken anregenden beachtlichen Beitrag geleistet. Das gilt für beide darin diskutierten Œuvres. Mattias Aumüller, Weertje Willms (Hgg.): Migration und Gegenwartsliteratur (= Kulturtransfer und ‚Kulturelle Identität‘, Bd. 5). München: Fink, 2020, XX + 248 Seiten. Renata Cornejo– Jan ‑Evangelista ‑Purkyně ‑Universität, Ústí nad Labem Die Publikation Migration und Gegenwartsliteratur. Der Beitrag von Autorinnen und Autoren osteuropäischer Herkunft zur literarischen Kultur im deutschsprachigen Raum erscheint als 5. Band der Reihe Kulturtransfer und ‚Kulturelle Identität‘ des Internationalen Graduiertenkollegs ALU Freiburg– RGGU Moskau. Wie auch die vorherigen Bände, die sich der Theorie und Praxis der deutsch -russischen Kulturtransferforschung (Bd. 1), mit der Rezeption Schoppenhauers in Russland– konkret bei A. P.Tschechow (Bd. 2), dem europäischen Kulturtransfer am Beispiel Russlands im 18. Jahrhundert (Bd. 3) und der Russischen Revolution 1917 (Bd. 4) widmen, liegt der Fokus des fünften Bandes vorwiegend auf den Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund russischer Herkunft. Insofern scheint der Untertitel „Beitrag von Autorinnen und Autoren osteuropäischer Herkunft“ seine Berechtigung zu haben. Mit dem Titel Migration und Gegenwartsliteratur verorten die Herausgeber ihre Publikation in der aktuellen Forschung zur ‚Migrationsliteratur‘, ‚interkulturellen‘ oder auch ‚transkulturellen‘ Literatur, die in den 1980er Jahren zwar noch als Randerscheinung wahrgenommen und marginalisiert wurde, jedoch im neuen Jahrtausend deutlich von der Peripherie ins Zentrum der literarischen Landschaft im deutschsprachigen Raum gerückt ist und im letzten Jahrzehnt einen literaturwissenschaftlichen ‚Boom‘ erlebte, wie die Verleihung von prestigeträchtigen Literaturpreisen sowie die Nominierungen für die Longund Shortlist des Deutschen Buchpreises belegen. Wie die Herausgeber im Vorwort ankündigen, wollen sie mit ihrer Schwerpunktsetzung „auf Gegenwartsliteratur von Autorinnen und Autoren mit mittelost-, südostund osteuropäischen Wurzeln einen Beitrag zu dem aktuell bedeutendsten, aber bisher noch wenig untersuchten Bereich dieses Spektrums leisten“ (S. VIII). Damit stellen sie ihre Publikation in die Reihe der im letzten Jahrzehnt erschienenen Grundlagenwerke zu dieser Thematik, genannt seien die Bände Migrationsliteraturen in 160 BRÜCKEN 27/2 Europa (2012), Die Fremde als Ort der Begegnung (2013), Bewegte Sprache und Wie viele Sprachen spricht die Literatur (2014), Poetik des Nirgendwo (2015), Pluralität als Existenzmuster (2016), Handbuch. Literatur der Migration in den deutschsprachigen Ländern seit 1945 (2018), Literarische (Mehr)Sprachreflexionen (2020). Zugleich erheben sie den Anspruch, den Blick auf den bisher wenig untersuchten Bereich zu richten– auf die Autoren und Autorinnen mit slawischen Sprachwurzeln, die verstärkt nach 1989 Eingang in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gefunden und nach 2000 zu einer ‚Verschiebung‘ der Präsenz von türkisch -deutschen Autoren zu Gunsten der Autoren aus dem slawischen Sprachund Kulturraum geführt haben (S. XII). Wie ist dieses ambitionierte Vorhaben den Herausgebern gelungen? Zunächst ist anzumerken, dass sich zwar die Literaturforschung mit den deutschtürkischen Autoren und Autorinnen bereits seit über vierzig Jahren, mehr oder weniger kontinuierlich, beschäftigt und auseinandersetzt, dem ‚Eastern Turn‘– der ‚Osterweiterung‘– wird dagegen erst in den letzten fünfzehn Jahren verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet, dafür aber um so intensiver, insbesondere seit dem Erscheinen der Publikation Eine Sprache– viele Horizonte. Die Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur (2009). Und obwohl dabei die Autoren und Autorinnen russischer bzw. sowjetischer Herkunft nicht unbedingt unterrepräsentiert sind, kann man nicht ganz unberechtigt von einem gewissen „Nachholbedarf“ (S. XII) sprechen. Diesem versucht nicht nur diese Publikation, sondern die ganze Schriftenreihe abzuhelfen. Sympathisch ist, dass den Herausgebern die (Un)Tauglichkeit der Begriffe wie ‚Migrationsliteratur‘ oder ‚inter-‚, ‚transkulturelle‘ Literatur bewusst ist und dass sie diese Problematik entsprechend zu thematisieren versuchen. So versteht sich der erste Teil „als Beitrag zur theoretischen und damit auch begrifflichen Debatte“ (S. XI) und liefert in der Tat einige interessante Impulse für das Weiterdenken bzw. ‚Umdenken‘ der geläufigen Kategorisierungen und Bezeichnungen in Verbindung mit Migration und Literatur– aus theoretischer, historischer und rezeptionsgeschichtlicher Sicht. So schlägt Mattias Aumüller in seinem begriffskritischen Beitrag mit dem Untertitel Überlegungen zum motivund gattungsbildenden Potential des Migrationsbegriffs als Bestandteil des Kompositums ‚Migrationsliteratur‘ vor, die Vielfalt der Ausdrücke nicht als alternative Intensionen für dieselbe Extension zu behandeln, sondern „mit verschiedenen Extensionen“ zu belegen. Methodologisch plädiert er dafür, die Begriffe immer im Hinblick darauf zu diskutieren, welche Zielsetzungen sie haben oder mit ihnen verknüpft werden können. Seinem Fazit– „Nicht am Schlagwort ‚Migration‘ sollte man sich reiben, sondern es mit Inhalt füllen, und zwar mit dem, was die literarischen Texte darüber zu sagen haben“ (S. 21), ist kaum zu wiedersprechen. Till Dembeck bietet in seinem Beitrag Mehrsprachigkeit als Migration einen methodischen Vorschlag zur Mehrsprachigkeit von literarischen Texten, die er nicht als Darstellung von Codeswitching in der Literatur (wie man erwarten würde) versteht, sondern als „Schauplätze sprachlicher Migrationsprozesse“ (S. XIV). Er geht davon aus, das jeder literarische Text seine eigenen ‚Einwanderungsgesetze‘ hat, die „an kulturpolitische Haltungen zu Fragen der sprachlichen und damit auch kulturellen Vielfalt gekoppelt sind“ (S. 66) und illustriert seine These einleuchtend an Goethes Faust und Zaimoglus Kanak Sprak. Zaimoglu evoziere hier laut Dembeck in einem einsprachigen Verfahren Mehrsprachigkeit– durch die Verwendung von dialektaler und soziolektaler Varianz des zeitgenössischen Deutschen sowie durch das Zitieren vom biblischen und litera- 161REZENSIONEN tursprachlichen Stil (S. 62). Außer diesen zwei theoretischen Beiträgen enthält der erste Teil noch zwei weitere Beiträge, die eine neue Perspektive auf die gegenwärtige türkisch -deutsche (Christian Steltz) und russisch -deutsche Literatur (Nora Isterheld) zu eröffnen versuchen. Der zweite Teil setzt sich aus acht Einzelanalysen zusammen, in denen das Politische der Migrationsliteratur bei Olga Grjasnowa (Monika Wolting), das transkulturelle Schreiben bei Olga Martynova (Eva Hausbacher), die Genderperspektive bei Julya Rabinowich (Weertje Willms), die polnische Rezeption von Katja Petrowskaja (Jana -Katharina Mende), die Migration und das transkulturelle Gedächnis bei Matthias Nawrat (Renata Makarska), literarische Verfahren als Ausdruck migratorischer Subjektivität bei Autoren aus Südosteuropa (Mara Matičević), translatologische Strategien in den deutschen Übersetzungen von Anna Zonová und Katharina Beta (Eva Maria Hrdinová) sowie Codeswiching und mehrfache Adressierung bei Max Biller (Marek Nekula) erötert werden. Sicherlich lässt sich nicht übersehen, dass der Fokus bei der Auswahl der im zweiten Teil behandelten Autoren und Autorinnen auf deren russischer Herkunft oder Bezug zu Russland und dessen Kultur liegt (Zonová und Beta haben den ostkirchlichen Hintergrund gemeinsam, Billers Eltern sind in den 1950er Jahren aus der Sowjetunion in die Tschechoslowakei emigriert, wo 1960 Max Biller geboren wurde) und somit dem Anspruch kaum gerecht werden kann, die Literatur von Autoren und Autorinnen aus dem ganzen slawischen Kulturraum zu repräsentieren, wie die Ankündigung im Vorwort („mit mittelost-, südostund osteuropäischen Wurzeln“) erwarten lässt. Auch scheint mir etwas problematisch, Terézia Mora nur auf Grund des sprechenden Namens Abel „Nema“ in den slawischen Sprachen im Roman Alle Tage im südslawischen Kontext verankern zu wollen (S. 157). Eine Negationsform wie ‚existiert nicht, hat nicht‘ und gleichzeitig mit der Bezeichnung für den ‚Deutschen‘ als den ‚Stummen‘, d. h. nicht slawisch sprechend. Doch das alles sind eher Kleinigkeiten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die vorliegende Publikation einen wichtigen Beitrag zur Frage nach der Verschränkung von Migration und Literatur leistet. Nicht nur, in dem die Begriffe wie Migrationsliteratur oder Mehrsprachigkeit literarischer Texte kritisch hinterfragt und neu perspektiviert werden, sondern vor allem, weil sie sich den interdisziplinären Ansatz produktiv zu Nutze machen weiß, neben dem literaturwissenschaftlichen Zugang auch einen translatologischen bietet und nicht zuletzt der Slawistik sowie Translationswissenschaften „ihren Weg in die Germanistik bahnt.“ (S. XIII) Und gerade darin– in dieser ‚Grenzüberschreitung‘ traditioneller Fächer und philologischer Teildisziplinen– sehe ich den eigentlichen, innovativen Mehrwert dieser Publikation. Denn es ist die interdisziplinäre Perspektive, die der Komplexität eines literarischen Textes am ehesten gerecht werden kann, indem sie neue Zusammenhänge offenlegt, aus denen sich neue Interpretationsmöglichkeiten ergeben können. Und das gilt nicht nur für die Literatur von Autoren und Autorinnen, für die die die Migrationserfahrung oder gelebte Mehrsprachigkeit ein wichtiger Bestandteil ihres literarischen Schaffens ist.