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Harry Walter: Deutsche Sprichwörter. Historisch‑etymologische Skizzen mit europäischen Äquivalenten (PHILOLOGIA – Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse). Hamburg: Dr. Kovač, 2021, 603 Seiten.

Zeman, Dalibor

Abstract

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Full text

183REZENSIONEN Unter der Stichwortzeile stehen Gebrauchsinformationen. Diese sind als zusätzliche und identifikatorische Angaben gedacht. Sie beziehen sich auf das erste Wort des Antonymenpaares. Dabei handelt es sich entweder um Gebrauchsbeispiele mit Kollokatoren (vgl. oberdeutsche Mundarten) bzw. um Bedeutungserklärungen. Viele Erklärungen werden durch Belege aus Zeitungen oder aus der Literatur ergänzt. Während die Erklärungen die sachliche Information bieten, stellen die darauf folgenden Belege den Bezug zur Wirklichkeit her. Sie machen die Wörter durch den Zusammenhang lebendig und zeigen manchmal einen ungewöhnlichen Zugang zur Sprache (vgl. Beispiel oben). Der besondere Wert des Wörterbuchs von Müller und Ebner liegt meines Erachtens darin, dass in den Wortbzw. Primärartikeln jeweils typische syntagmatische Kontextrealisierungen des Lexems angeführt sind. Sie sollen die Bedeutung eines Ausdrucks erhellen, den Gebrauch innerhalb des Satzes verdeutlichen und zugleich Beleg für das Vorkommen sein. Aufgrund der fundierten lexikographischen Überlegungen präsentiert sich die 2. Neubearbeitung des Gegenwort -Wörterbuchs von Wolfgang Müller und Jakob Ebner in der Tat als ein umsichtig weiterentwickeltes, zuverlässiges Werk. In diesem Sinne vermittelt es einen instruktiven Einblick in die Komplexität und die Kompliziertheit der zu beachtenden Probleme und Phänomene der deutschen Lexikologie und kann somit– so auch die Intention der Herausgeber– in der universitären Lehre und Forschung eingesetzt werden. Der Verfasser des vorliegenden Wörterbuches Jakob Ebner zählt zu den führenden österreichischen Lexikographen. Auch sein in Zusammenarbeit mit Ulrich Ammon (Initiator des Projekts), Hans Moser, Hans Bickel und Heinrich Löffleretal. publiziertes ‘Variantenwörterbuch des Deutschen’ (2004 bzw. 2. Auflage von 2016) stellt zweifellos einen Meilenstein in der Erforschung der arealen Varianten des Deutschen dar. Das Variantenwörterbuch krönt die Jahrzehnte währende, intensive Zusammenarbeit der Autoren, die mit diesem umfangreichen Lexikon versuchen, einem soziolinguistischen Desiderat nachzukommen, indem sie sich mit der Pluriarealität des Deutschen eingehend auseinandersetzen. Harry Walter: Deutsche Sprichwörter. Historisch ‑etymologische Skizzen mit europäischen Äquivalenten (PHILOLOGIA– Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse). Hamburg: Dr.Kovač, 2021, 603 Seiten. Dalibor Zeman– Karls -Universität Prag Die vorliegende Arbeit versteht sich als ein Beitrag zur vergleichenden Parömiologie. Es ist eine lexikographische Untersuchung, in der mit großer Akribie und einem ungeheuren Aufwand versucht wird, die Sprichwörter verschiedener Völker einer vergleichenden Analyse zu unterziehen und sie in einem Wörterbuch darzustellen. Das verdienstvolle Buch von Harry Walter beruht auf der Einsicht, dass viele Sprichwörter 184 BRÜCKEN 28/2 in verschiedenen Nationalsprachen in sowohl semantisch wie auch phraseologisch ähnlichen Fassungen erscheinen. Oft basieren solche Redensarten auf gleichen oder ähnlichen Bildern. Wie der Autor anmerkt (S. 7), hat ein wesentlicher Anteil davon eine gemeinsame Quelle in der antiken Kultur, genauer in der griechischen und römischen Literatur, in der Bibel, manchmal im Werk der hervorragenden Schriftsteller der Neuzeit, in einigen kommt die so genannte Volksweisheit zum Ausdruck. Die überwiegende Menge der Sprichwörter hat europäischen Charakter. Insofern vertritt der Autor den Standpunkt, dass die gesamte slawische Folklore der Sprichwörter von europäischen Konzepten durchdrungen ist. Das betrachtete Subsystem der Sprache besteht fast ausschließlich aus Sprichwörtern, wobei im Mittelpunkt der Ausführungen einige zentrale Problembereiche der Lehnwortforschung wie etwa historisch -etymologische Erläuterungen und mögliche semantische Entwicklungslinien stehen. Wie der Autor zu zeigen versucht, erweisen sich sehr viele, wenn nicht gar die Mehrzahl der slawischen Sprichwörter nicht als spezifisch -nationale, sondern als internationale Einheiten, die weitreichende Projektionen in der gesamteuropäischen Parömiologie haben. Die Wurzeln einer solchen europäischen bzw. slawischen Parömiologie sind verschieden: das ist die alte genetische Gemeinsamkeit der indoeuropäischen Sprachen und ihrer Folklore, das sind vielfältige historische und kulturelle Kontakte, das ist die Jahrhunderte währende Adaption der antiken und der christlichen Werte, das sind die zielgerichteten Bemühungen der Autoren parömiologischer Sammlungen um die Europäisierung (resp. Panslawisierung) unseres allgemeinen Sprichwort -Erbes. Ohne dass der Autor der vorliegenden Publikation auf den Europäismusbegriff eingeht, wird von der These ausgegangen, dass Sprichwörter sich nicht spezifisch einzelsprachlich ausbilden, sondern in den Sprachen Europas deutliche Parallelen aufweisen, dass lexikalisch -semantische Parallelität ein übereinzelsprachliches Phänomen darstellt. In der sprachwissenschaftlichen Forschung haben sich vor allem Rolf Bergmann und Oskar Reichmann um eine Klärung des Europäismusbegriffs bemüht. Bergmann (1995) sieht Europäismen mit Internationalismen hyperonymisch verbunden, so dass jeder Internationalismus zugleich ein Europäismus ist, nicht aber jeder Europäismus immer auch ein Internationalismus sein muss. Diese Europäismen- -These geht von der Beobachtung aus, dass es polyseme Einheiten des Deutschen gibt (aber auch komplexe Syntagmen, Phraseolexeme bzw. Phraseoschablonen, wie sie von D. Dobrovoľskij bezeichnet werden), die hinsichtlich des Aufbaus des semantischen Feldes auffallende Ähnlichkeiten und nicht zuletzt auch ähnliche lexikalische Tropen und Metaphern aufweisen mit dem Aufbau des semantischen Feldes polysemer Einheiten anderer europäischer Sprachen. Obschon im Fokus der Recherchen von Oskar Reichmann nicht explizit die systematische empirische Untersuchung von Phraseologismen und festen Syntagmen steht, wird in Bezug auf polyseme Einheiten europäischer Sprachen ein relativ hohes Maß an Übereinstimmungen im Aufbau des semantischen Feldes vorausgesetzt. Diese Übereinstimmungen haben ihren Grund im jahrhunderteund jahrtausendealten kulturellen und sprachlichen Kontakt und Austausch der Völker Europas. Auch Stefan Michael Newerkla (2011: 86) hat in diesem Zusammnehang zu zeigen versucht, dass im Laufe der historischen Entwicklung unter politischem, ökonomischem und sozialem Einfluss verstärkt areale Konvergenzprozesse zwischen den Sprachen der Habsburgermonarchie wirksam geworden 185REZENSIONEN zu sein scheinen, indem etwa die österreichisch geprägte Verkehrssprache mehr übereinstimmende Merkmale mit dem Tschechischen und Slowakischen ausbildete als andere Varietäten des plurizentrischen Deutschen. Als typische Europäismen, die sich auch in allen mitteleuropäischen Sprachen belegen lassen, sind z. B. parallele Vornamen, insbesondere auch Familiennamen, phraseologische Entsprechungen und gemeinsame Sprichwörter zu nennen. Es ist zu bedauern, dass in der kurzen terminologischen Vorrede (S. 7-28) von Harry Walter explizite Aussagen über (1) die Europäismen -These sowie über (2) die sprachlichen Konvergenzprozesse im 19. und 20. Jahrhundert fehlen, die m. E. von wesentlicher Bedeutung sind. So ist es nicht verwunderlich, dass konvergente Prozesse sowohl im Bereich der Phraseologie bzw. der Parömiologie als auch im Bereich der Syntax und der Lexik zwischen der deutschen Sprache und den europäischen Sprachen wirksam waren, zumindest für das heutige Deutsche in Österreich nicht länger im selben Ausmaß Geltung haben. Bedenklich erscheint aus meiner Sicht auch das völlige Fehlen der Diskussion von theoretischen Fragen der kontrastiven Phraseologie in einer vergleichenden Studie. Explizite Aussagen zum Adressatenkreis findet man bereits im Einführungskapitel (S. 29): „Das vorliegende Wörterbuch ist vorwiegend für die Nutzung durch Studierende der modernen Philologien ausgerichtet worden.“ So übersichtlich und konsequent der Aufbau des Buches ist, so detailliert und genau ist auch die Darstellung im Einzelnen. Der Hauptteil der Publikation, der rund 517 Seiten umfasst (S. 33-550), dokumentiert in eindrucksvoller Weise vor allem Sprichwörter im engen Sinne, vereinzelt auch sprachliche Erscheinungen, die zur Familie der Sprichwörter im weiteren Sinne gerechnet werden können, einige Bibelzitate, Aussprüche bedeutender Persönlichkeiten und großer Denker. Die Zuordnung der Sprichwörter zu den Lemmata folgt einer strengen Regel: Wenn ein Substantiv vorhanden ist, nach dem ersten Substantiv im Nominativ Singular, wenn keines im Sprichwort auftaucht, nach dem ersten Adjektiv, folgend dem ersten Adverb, dann nach dem ersten Verb, danach das erste Numerale etc. Das Lemma enthält die Betonung, ein Punkt unter einem Vokal bezeichnet Kürze, ein Strich Länge der betonten Silbe. Es folgt eine grundlegende grammatische Kennzeichnung. Nach der Nennung der Form folgen häufig Angaben zur stilistischen Färbung und zur Häufigkeit. Diese Angaben zum Lemma wie etwa die sozialen Markierungen bzw. Stilbewertungen werden vor allem nicht -muttersprachliche Studenten und Studentinnen zu schätzen wissen, für die das Buch in erster Linie gedacht ist. Es folgt eine neutrale Erklärung der Bedeutung des Sprichwortes. Die linguistischen Erläuterungen gehen auf das Alter und die Herkunft des Sprichwortes ein, zeigen seinen etymologischen, historischen und kulturellen Hintergrund und streben einen Vergleich mit fremdsprachlichen Äquivalenten an. Dabei spielen slawische Entsprechungen eine besondere Rolle. Im Einzelnen geht es um folgende Sprachen: Russisch, Polnisch, Tschechisch, Ukrainisch, Belorussisch, Slowakisch, Slowenisch, Sorbisch, Bulgarisch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Ungarisch und Lateinisch. Einige weitere Sprachen wie etwa das Finnische, das Serbische, das Litauische bzw. das Lettische werden in vereinzelten Fällen in Betracht gezogen. Bei der Äquivalentfindung wurden einschlägige zweiund mehrsprachige parömiologische und phraseologische Wörterbücher herangezogen und auch Internetquellen genutzt. Für das Tschechische sind die Sammlungen von K. Heřmanetal. (2010) und J. Bachmannová 186 BRÜCKEN 28/2 (2007) zur Grundlage der Untersuchung geworden. Am Ende von Einträgen finden sich Verweise auf andere Wörterbuchartikel, besonders in dem Falle, wenn synonyme oder teilsynonyme Bedeutungen vorliegen: z. B. ‚wie man sich bettet, so liegt [schläft] man‘ versus ‚jeder ist seines Glückes Schmied‘ (S. 97). Die Durchsicht des Buches lässt erkennen, dass viele Sprichwörter in unseren Sprachen parallel anzutreffen sind. Häufig liegen denselben idiomatischen Wendungen auch ähnliche Bilder bzw. sinnbildliche Darstellungen zu Grunde. In linguistischer Hinsicht lassen sich bei der zwischensprachlichen Gegenüberstellung der Parömiologie bzw. der Phraseologie zweier Sprachen bei der Kontrastierung verschiedene Äquivalenzstufen unter den Begriff Äquivalenz subsumieren, wobei man unter Äquivalenz die kommunikative Entsprechung zwischen Ausgangsund Zielsprache versteht, die bei einer Einheit festgestellt werden kann. In der Sprachwissenschaft unterscheidet man in der Regel drei Grundtypen der Äquivalenz: vollständige, teilweise und semantische bzw. Nulläquivalenz. Die Sprichwortsammlung von Harry Walter zeigt deutlich, wie eng beim interlingualen Vergleich die soziokulturellen und sprachlichen Fakten verknüpft sind. Häufig finden wir Sprichwörter und idiomatische Wendungen, die in den meisten Sprachen inhaltlich wie sprachlich völlig übereinstimmen bzw. nur durch eine oder mehrere lexikalische Komponenten variieren. Hier wäre aus meiner Sicht eine weitere Bearbeitung des Materials von Walter notwendig und vorteilhaft gewesen, zumal die innersprachliche Analyse der Mikrosysteme, d. h. der Kontrast ‚Einheit‘ in L₁ versus ‚Einheit‘ in L₂ unter Berücksichtigung sprachlicher und extralinguistischer Faktoren, primär ist. Anhand von Beispielen aus dem Kontaktbereich Deutsch und Tschechisch möchte ich im Folgenden auf die Übereinstimmung, Ähnlichkeit oder das Nicht -Zusammenfallen des Bildes bzw. der Komponenten hinweisen. Insofern enthält die Sammlung eine Reihe von phraseologischen Parallelen (totale Äquivalenz) wie etwa dt. ‚es wird nichts (Nichts wird) so heiß gegessen, wie es gekocht wird‘– tschech. ‚nic se nejí tak horké, jak se uvaří‘ (S. 141f.); dt. ‚lange Haare, kurzer Verstand‘– tschech. ‚dlouhé vlasy, krátký rozum‘ (S. 233ff.). Etliche Sprichwörter weisen kleine formale Unterschiede auf, insbesondere in den lexikalischen Komponenten, wobei der Unterschied in einem oder mehreren Lexemen besteht (teilweise Äquivalenz), z. B. dt. ‚Müßiggang ist aller Laster Anfang (bringt Untergang)‘– tschech. ‚zahálka matka (je matkou) hříchu‘ (S. 264ff.); dt. ‚kommt Zeit, kommt Rat‘– tschech. ‚dočkej času jako husa klasu‘ (S. 547). Bei den Erscheinungen, die keine Übereinstimmung des Komponentenbestandes sowie des zu Grunde liegenden Bildes aufweisen, kann man entweder von der rein semantischen (funktionalen) Äquivalenz (die Bedeutung ist annähernd gleich) oder von der Nulläquivalenz sprechen. In diesen Fällen sind Kompensationsstrategien erforderlich. Als deren Ergebnis kann dann die denotative Bedeutung durch Paraphrasierung in der anderen Sprache ausgedrückt werden; die pragmatische Wirkung geht aber meist verloren: dt. ‚wer’sglaubt, wird selig‘– tschech. ‚nebuď labuď‘ [sic!], ‚nebuď bláhový (bláhová)‘ (S. 213f.). Das umgangssprachlich -scherzhafte sprichwörtliche Bibelwort geht auf eine Stelle im Markusevangelium zurück, wo der auferstandene Jesus zu den Jüngern sagt: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ (Mark 16, 16). Nach der Bibel kommt in den Himmel, wer glaubt, ohne zu zweifeln. D.h., die tschechische Interpretation, durch die solche Sprichwörter umschrieben werden können, misst die Bildhaftig- 187REZENSIONEN keit der deutschen Entsprechung. Oder dt. ‚tue nichts Böses, so widerfährt dir nichts Böses‘– tschech. ‚man soll sich anderen Menschen gegenüber gut verhalten‘ (S. 105f.). Das deutsche Sprichwort geht auf den deutschen apokryphen Text der Luther -Bibel zurück und ist von dort ein direktes Zitat. In deutsch -tschechischen Wörterbüchern der Phraseologismen kommt das deutsche Zitat nicht vor, allerdings finden wir in den europäischen Sprachen sehr verbreitet Sprichwörter mit ähnlicher Bedeutung. Nach dem Literaturverzeichnis (S. 551-584), das den interessierten Leser zu vertiefender Lektüre anregt, folgen zwei alphabetische Register der Sprichwörter, eines nach dem Lemma (S. 585-596), ein zweites nach dem ersten Wort (S. 597-603). In dem äußerst sparsamen Einführungskapitel wird davon ausgegangen (S. 7), dass viele Sprichwörter in verschiedenen Nationalsprachen in sowohl semantisch wie auch phraseologisch ähnlichen Fassungen erscheinen. Was bedeutet das konkret? Wie stellt sich diese vorausgesetzte Annahme von Walter auf der Mikroebene dar? Gibt es deutsche Sprichwörter und die Sprichwort -Äquivalente in anderen Sprachen, die einander lexikalisch -semantisch deutlich näher stehen als andere Erscheinungen? Das zentrale Anliegen des Buches ist es, wie Walter konstatiert (S. 18), deutsche Sprichwörter zu erklären und sie ihren fremdsprachlichen Äquivalenten gegenüberzustellen. Diesbezüglich sollten aus meiner Sicht Fragen folgender Art beantwortet werden: Gibt es Sprachen, die dem Deutschen lexikalisch -semantisch näher stehen als andere, oder stehen die Sprachen dem Deutschen in ungefähr gleichem Ausmaß nahe? Die Durchsicht des Buches lässt deutlich erkennen, dass jeweils bestimmte lexikalisch -semantische Bereiche für Sprichwörter in den einzelnen Sprachen bzw. bestimmte lexikalisch -semantische Bereiche für phraseologische Entlehnungen besonders zugänglich sind. Lassen sich ausgehend von den untersuchten Sprachen einige für Sprichwörter favorisierte lexikalisch -semantische Gruppen eruieren? Gibt es Sprichwörter, die aus pragmatisch -kommunikativer Sicht als wichtig und grundlegend angesehen werden können? Ferner wäre es möglich, die einzelnen Variablen, die bei solchen kontrastiven Studien in Frage kommen, näher zu untersuchen, und zwar mit Blick auf lexikalisch -semantische Entsprechungen sowohl auf der Makroebene des gesamten Korpus als auch auf der Mikroebene. Ein wichtiger Parameter bei der Auswertung der Daten wäre darüber hinaus die Existenz oder Nicht -Existenz insbesondere semantischer Äquivalenzen. Außerdem stehen in der Sammlung progressive Sprichwörter unabgegrenzt neben solchen, die als archaisierend bezeichnet werden können. Auch wenn heute überholte Sprichwörter verwendet werden, was stilistische und ideologische Gründe haben kann, hätte man bei der Auswahl diesen Aspekt stärker berücksichtigen sollen. Wenn wir diese Fragen, die sowohl für die Slawistik als auch für die germanistische Linguistik von essentieller Bedeutung sind, empirisch einigermaßen abgesichert beantworten können, dann lässt sich aus meiner Sicht die vorausgesetzte Prämisse von Walter (S. 7) besser aufklären. Zu beanstanden sind zahlreiche Ungenauigkeiten und vor allem Druckfehler, die teilweise die Zuverlässigkeit der Sprichwort -Äquivalente in anderen Sprachen beeinträchtigen (S. 34, 39, 40 etc.). Insgesamt kann festgestellt werden, dass es sich bei der besprochenen Publikation um ein gelungenes lexikographisches Werk handelt. Das Wörterbuch bietet ein äußerst detailliertes Bild von den Sprichwörtern im europäischen Kontext, das über bisherige Darstellungen hinausgeht und die weitere Forschung anregen wird. 188 BRÜCKEN 28/2 Ota Konrád: Geisteswissenschaften im Umbruch. Die Fächer Geschichte, Germanistik und Slawistik an der Deutschen Universität Prag 1918‑1945 (Forschungen zu Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, 4). Berlinetal.: Lang, 2020, 440 Seiten und 12 Abb. Steffen Höhne– HfM Weimar/Friedrich -Schiller -Universität Jena In den Blick genommen wird eine Institution, die in einem mehrfachen nationalen wie politischen Überschneidungsbereich stehe, wie der Herausgeber der Reihe vermerkt. Tatsächlich bildet die Deutsche Universität Prag, die hier aus der Perspektive ihrer Geisteswissenschaften untersucht wird, eine Besonderheit, da sie auf eine lange Tradition und seit der Teilung 1882 in eine tschechische und deutsche Institution nach 1918 als eine ‚auslandsdeutsche‘ Hochschule in einem fremdsprachigen Umfeld immer auch in nationale und politische Kontroversen und Konflikte involviert war. Als Auswahlkriterien für die zu untersuchenden Fächer nennt Konrád die jeweilige Größe, der besondere Bezug zu nationalsprachlichen und -kulturellen Kontexten sowie die institutionelle und personelle Kontinuität (S. 25), was nachvollziehbar für Geschichte, Germanistik und Slawistik spricht. Konrád bietet zunächst einen allgemeinen Überblick zur Entwicklung der Institution nach 1918 und den Bemühungen der Deutschen Universität um eine Neuverortung in a) lokaler Hinsicht, in b) ihrem Status als Nachfolgeorganisation der 1348 gegründeten Institution, ihrem c) Stellenwert in Prag, nun Hauptstadt des neuen Tschechoslowakischen Staates, sowie d) im Kontext der tschechoslowakischen Hochschulpolitik. Ferner untersucht Konrád Ausstattung und personelle Struktur, dann die ökonomische und politische Krise der 1930er Jahre mit einer zunehmend antisemitisch aufgeladenen Radikalisierung und einer wachsenden Orientierung auf das Dritte Reich. Bei der Geschichtswissenschaft sieht Konrád personalpolitisch ein eher zurückhaltendes Agieren seitens des Tschechoslowakischen Staates, was die Umsetzung eigener Personalwünsche anging, während man seitens einiger deutscher Historiker ein starkes Bemühen findet, nicht nur auf das akademische, sondern auch auf das politische, also nationale Profil der neu zu Berufenen zu achten. Auf diese Weise konnte natürlich eine demokratische Erneuerung nicht gelingen. Im Gegenteil bildete sich nach 1918 eher ein Selbstkonzept als Schicksalsgemeinschaft heraus, in dem sich für die Geschichtswissenschaft die Aufgabe stellte, die „Einheitlichkeit der Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern zur Stärkung ihres historischen, politischen und kulturellen Bewusstseins“ zu akzentuieren (S. 111). Themen sind entsprechend die Auseinandersetzung mit der Kontinuitätsthese von Berthold Bretholz sowie die starke Betonung des Mythos der deutschen Arbeit, nach dem man politische Legitimation gerade durch Leistungen, die man für den böhmischen Staat erbracht habe, erhalte. Weitere zentrale Argumente rekurrieren auf die deutsch -sudetendeutsche Zusammengehörigkeit bei gleichzeitiger Delegitimierung dynastisch -habsburgischer politischer Traditionen sowie gegen František Palacký die staatsrechtliche Abhängigkeit des böhmischen Staates vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation (S. 115). Methodisch sieht Konrád eine Entwicklung von