Eine etymologische Bemerkung zu ἀνεψιός
Abstract
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Eine etymologische Bemerkung zu ἀνεψιός Ján Bakyta Karls-Universität Prag ABSTRACT: It is proposed to derive Greek ἀνεψιός ‘cousin’ < *sm -neptijofrom an otherwise unattested lexeme *sm -nep(o)t-. Both terms may originally have meant ‘cousinʼ, the latter being understood from the perspective of another cousin (thus literally ‘co-grandsonʼ), the former from the perspective of those outside the group (thus ‘one of the co-grandsons/cousinsʼ). The absence of the spiritus asper in ἀνεψιός, which like ἀδελφός ‘siblingʼ or ἄλοχος ‘wife‘ belongs to the group of compounds with the ‘irregularʼ change *s m - > ἀ-, may be explained within the paradigm of lexical diffusion. KEYWORDS: Greek, Indo-European, nominal derivation, kinship terminology, sociolinguistics, lexical diffusion, Grassmannʼs law Es ist allgemein anerkannt, dass das griechische Wort ἀνεψιός „Vetter“ mit lateinisch nepōs, -otis „Enkel“, altindisch napāt- „Enkel“ usw. zu verknüpfen ist.1 Unklar bleibt nur der Anlautvokal des griechischen Wortes, der im Material der übrigen Sprachen kein Gegenstück besitzt. In neuerer Zeit pflegt man ihn auf einen Laryngal zurückzuführen, weshalb von einigen Forschern in diesem Fall eine urindogermanische Wurzelform *h2neptrekonstruiert wird.2 Diese Erklärung ist zwar an sich nicht zu beanstanden und durchaus der älteren Annahme vorzuziehen, man habe hier mit einer— unerklärten bzw. sporadischen— Vokalprothese zu tun,3 da der Anlaut *[nV]- phonetisch sicher nicht nur im 1 Dieser Beitrag entstand im Jahr 2009 mit Unterstützung der Grantagentur der Karls-Universität Prag (Grant-Nummer 8662/2008). Vor der verspäteten Veröffentlichung des vorliegenden Jahrgangs von Chatreššar im Jahr 2018 wurde er neu bearbeitet und erweitert und diesmal wurde die Arbeit durch das Programm von Charles University Research Centre Nr.204053 unterstützt. Für wertvolle Hinweise sowie für die sprachliche Korrektur des Textes danke ich auch Reiner Lipp (Karls-Universität Prag). 2 So beispielsweise von Beekes (1969: 45), de Vaan (2008: 405 s.v. nepōs) oder Vavroušek (2008: 112 s.v. vnučka und vnuk). Der erstgenannte Forscher hat sich aber später zur alternativen Erklärung mit *s m - bekannt (Beekes 1976: 52f. mit Anm. 7) und zuletzt die Frage offen gelassen (Beekes 2010: 102 s.v. ἀνεψιός). 3 So z.B. Brugmann— Thumb 1913: 173, Meillet— Vendryes 1924: 40, Lejeune 1972: 149 §148 und immer noch— wenn auch nicht ganz entschieden— Rix 1992: 58. Mit einem prothetischen Vokal rechnet auch Szemerényi (1977: 394), obwohl dieser hier (implizit) einen Laryngal im Wurzelanlaut für möglich hält (Szemerényi 1977: 395 und 404f.). OPEN ACCESS
6 CHATREŠŠAR 1/2018 Allgemeinen, sondern besonders auch im Altgriechischen4 keineswegs einen prothetischen Vokal verlangt. Ich glaube aber, dass man zur Erklärung des griechischen Anlautvokals in diesem Fall nicht den Ansatz eines Laryngals benötigt, sondern dass ἀaus *s m - herzuleiten und somit als Vorderglied eines Kompositums zu betrachten ist. Das ist allerdings im Grunde genommen eine schon recht alte Vermutung: bereits H.Ebel und G.Curtius haben im Kern das Richtige gesehen, später abermals und wahrscheinlich unabhängig von ihnen E.Schwyzer.5 Schwyzers etymologische Deutung des Wortes als „einer aus der *ἀνεψιά, der Gesamtheit der nepōtēs“ ist aber vielleicht zu präzisieren.6 Falls *nep(o)twirklich „Enkel“ bedeutete, liegt eine Deutung von *s m -neptijoals „Mitenkel“ bei einer Bezeichnung für Vetter durchaus nahe.7 Es ist nicht ganz sicher, ob das Kompositum *sm -nept-ijoein Ableitungssuffix *-ijoaufweist oder auf einem bereits existierenden substantivierten Adjektiv * nept-ijobasiert, dessen urindogermanisches Alter etwa die avestische Form naptiia- „Abkömmling, zu den Enkeln Gehöriger“ sowie russisch-kirchenslavisch netьjь „Neffe“ nahelegen.8 Es ist auch nicht klar, was *neptijo-, wörtlich „der zu den Enkeln / zur Enkelschar Gehörige“ bzw. „der vom Enkel Stammende“, ursprünglich konkret bedeutet haben mag. „Urenkel“ und mehr noch „Nachkomme“ klingen meiner Meinung nach viel zu abstrakt für eine verwandtschaftsbasierte Gesellschaft mit vermutlich nicht besonders langlebigen Mitgliedern. Es kommen die Schwierigkeiten mit der Bedeutung des hier vorliegenden Kompositums hinzu: „Mitnachkomme“ würde eine groteske Bezeichnung darstellen, wäre sie aus der Sicht des Grossvaters formuliert worden. Und warum soll jemand andererseits seinen Vetter als „Mitnachkomme“ bezeichnet haben, wenn er selbst als *nep(o)t- („Enkel“), nicht aber als *neptijo- (vermutlich „Nachkomme“) angesprochen wurde? Um der Semantik funktionell Rechnung zu tragen, ist somit für die Wortbildung folgende Derivationskette anzusetzen: *nep(o)t- → *sm -nep(o)t- → *sm -nept-ijo-, wobei 4 Vgl. alte indogermanische Wörter wie ναῦς oder νέος; eine Vokalprothese vor [n] konnten Brugmann— Thumb (1913: 173) sonst kaum mit Beispielen belegen. 5 Ebel 1852: 293; Curtius 1879: 267; Schwyzer 1939: 433. 6 Anstoß daran als „ganz grotesk“ nimmt Szemerényi 1977: 394. 7 So auch Normier 1980: 51 mit Anm. 31 sowie Mallory— Adams 2006: 211; zu Fällen der griechischen Assibilation von τι zu σι vor Vokal in Auslautsilbe vgl. Schwyzer 1939: 270 und Lejeune 1972: 63–65 §51 mit Anm. 2. 8 Das in naptiiaēšū nafšucā „unter den zu den Enkeln Gehörigen und den Enkeln“ (Yasna 46, 12) belegte altavestische naptiiaist nach Ausweis des Metrums dreisilbig zu messen, also [naptija]- (siehe Peters 1980: 136 Anm. 87); das Wort hat gemäß Kellens— Pirart 1988: 5 und 1990: 274 die durch seine derivationelle Bildung zu erschließende Bedeutung „qui se rapporte aux petits-fils“ und dient der Bezeichnung eines „mari d’une petite-fille“ oder eines „arrière-petit-fils“; seine Vorgeschichte wird folgendermassen rekonstruiert: *nept-ih2-o- „zur Nachkommenschaft / Enkelschar gehörig“ ← *népt-ih2- „Nachkommenschaft, Enkelschar“ (siehe Lipp 2009: 184 Anm. 174). Warum Normier 1980: 51 Anm. 31 an *neptihó-, d.h. *neptih1ódachte, ist mir unklar. OPEN ACCESS
Ján BAKyTA 7 die beiden ersten Glieder im historischen Griechisch nicht erhalten sind.9 Sowohl *sm -nep(o)tals auch *sm -nept-ijobezeichneten den „Vetter“. Worin bestand dann der Unterschied? Ursprünglich vielleicht in der Sicht des Sprechers: Ein Enkel nannte seine Vetter seine „Mitenkel“ (*sm -nep(o)t-), also „die, die mit mir Enkel genannt werden“ bzw. „die mit mir (lebenden, spielenden) Enkel“, was aber aus der Sicht der anderen Verwandten und erst recht der außerhalb der Familie Stehenden eine nicht passende Anredeweise bzw. Bezeichnung war. Deshalb verwendeten diese Personen das substantivierte Adjektiv *sm -nept-ijo, das später das ursprünglichere *sm -nep(o) tverdrängte. Und dieses Adjektiv wäre dann doch nahezu im Sinne Schwyzers zu verstehen („der zu den Mitenkeln Gehörige“, „einer von den Mitenkeln / Vettern“), ist aber in erster Linie nur eine Ableitung, die nicht allzu wörtlich zu nehmen ist. Die lautliche Schwierigkeit, die darin bestünde, dass man dann eigentlich **ἁνεψιός erwarten würde,10 teilt das Wort mit vielen anderen, die zweifellos das Vorderglied *s m - enthalten und dennoch einen Spiritus lenis bei αzeigen.11 Wie die Dinge nun einmal liegen, sollte das Auftreten von ἀanstatt ἁkein schwerwiegendes Hindernis für die hier vertretene Etymologie von ἀνεψιός darstellen. Wie ist aber diese Sachlage als Ganzes zu erklären? Üblicherweise rechnet man bei der Entstehung und Verbreitung der unbehauchten Variante des betreffenden Vordergliedes mit zwei Faktoren: „ἀentstand zuerst, wenn das Hinterglied hoder Aspirata enthielt, oder in psilotischen Dialekten“.12 Doch sind beide nicht unproblematisch,13 und auch wenn man sie als wirklich rele9 Eine indirekte Spur von *nep(o)twurde in der Glosse νεόπτραι· υἱῶν ἢ <θυγατέρων> θυγατέρες (Hesychius N 345; in der Handschrift steht υιον η θυγατερες) gesehen (z.B. Bee kes 1976: 53), doch kann das schon wegen der notwendigen Textemendationen nicht als sicher gelten. 10 Hervorgehoben von Szemerényi 1977: 394. 11 Zum Material siehe Schwyzer 1939: 433. 12 Zitat bei Schwyzer 1939: 433; im wesentlichen bereits Osthoff 1884: 480–482 (doch besser, was die Psilose betrifft, zumindest in theoretischer Hinsicht, wenn auch nicht in der praktischen Anwendung); weiter vgl. etwa Frisk 1960–1972: I, 1 s.v. ἁ-, Chantraine 1968–1980: 2 s.v. ἁ-, Lejeune 1972: 92 §82 und zuletzt Beekes 2010: 1 s.v. ἁ1. 13 Zum ersteren: dissimilatorischen Verlust von [h-] im Vorderglied *ha- < *sm- kann man nur in den Lexemen ausfindig machen, die einen aspirierten Plosiv in einer nicht unmittelbar folgenden Silbe aufweisen (etwa ἀδελφ(ε)ός, ἀκόλουθος und vermutlich auch zunächst episches ἄλοχος, wenn die Dissimilation früher anzusetzen wäre als die Psilose im betreffenden Dialekt); dies ist aber trotz der üblichen Definition der Anwendung des Grassmannschen Gesetzes innerhalb der Dömane des Wortes (z.B. Lejeune 1972: 56 §45 oder Rix 1992: 97) eine durch das Material kaum gut gesicherte Bedingung für die Wirksamkeit dieses Gesetzes; abgesehen von den Komposita mit *sm- gibt es nämlich nur wenige und vielleicht auch anders erklärbare Fälle in dem bei Schwyzer 1939: 261 verzeichneten Material (vgl. zumindest zu ἄμαθος Beekes 2010: 79f. s.v. ἄμαθος und zu εἴληφα und folglich auch εἴωθα Slings 1986: 13–14). Vgl. auch die Skepsis von Collinge 1985: 52–53 (besonders 52f.: „if dissimilation is ‘avoidance of repetition of an articulatory actionʼ …, this constraint must fade after several segments“). Zum letzteren: die Übernahme eines Lexems aus einer psilotischen Varietät in einen [h]-bewahrenden Dialekt des Griechischen setzt das Fehlen des etymologisch und OPEN ACCESS
8 CHATREŠŠAR 1/2018 vant für die betreffende Entwicklung akzeptieren würde, würde die Distribution der Varianten ἁund ἀin den Belegen ein nicht gerade apriori erwartetes Bild bieten. Um ihm gerecht zu werden, greift man zum Konzept „Analogie“; dies ist in diesem Zusammenhang offensichtlich als ein unscharfes Erklärungsprinzip zu verstehen, das besagt, dieses oder jenes Lexem habe sich nach einem anderen bei der Wahl der Form des Vordergliedes gerichtet aufgrund irgendeiner semantischen Nähe. Diese Art der Erklärung könnte zwar manchmal ziemlich plausibel, manchmal aber eher notgedrungen anmuten. So ist gut denkbar, dass ἀγάστορες „Brüder“ in Anlehnung an ἀδελφός „Bruder“ gebildet wurde. Bei ἄβιος „reich“ kann man zwar ebenfalls eine rezente Neubildung vermuten, aber es wäre kaum möglich, das Musterlexem zu finden. Und etwa im Falle von ἄπεδος „eben, flach“ scheint mir eine solche Suche ganz müssig zu sein.14 Auf der anderen Seite kann ἀin diesen zwei letztgenannten— sowie in einigen anderen— Fällen auch auf der Nullstufe von *enberuhen.15 Eine in unserem Zusammenhang bemerkenswerte Erscheinung stellt aber jedenfalls das Wort für „versammelt“ dar, für das man zwei altgriechische Varianten zu registrieren pflegt, sowohl ἀθρόος als auch ἁθρόος (bzw. kontrahiert ἀ-/ἁθροῦς). bedeutungsmäßig identischen Lexems in der Nehmersprache voraus, das deshalb wahrscheinlich auch die Durchsichtigkeit des Wortes in der Zielsprache beeinträchtigt haben sollte. Dass die übernommenen Lexeme unter diesen Umständen weiterhin als Modell für die [h]-lose Form des Vordergliedes gedient hätten, bleibt eine unsichere Vermutung. Sie wäre natürlich plausibler, falls das Grassmannsche Gesetz die Variante ἀneben ἁschon früher wirklich etabliert hätte, da dann zumindest das Vorderglied des übernommenen Lexems durchsichtig gewesen sein könnte. Letzten Endes gibt es aber kaum Fälle, in denen man von dem betreffenden Wort mit gutem Gewissen behaupten kann, dass es sich um eine Übernahme aus einem psilotischen Dialekt in einen nichtpsilotischen handle: so vielleicht— neben dem zugehörigen Maskulinum— ἄκοιτις „Gattin“ in der attischen Literatur bzw. Dichtung (z.B. Soph. Trach. 1048) nach der Sprache der homerischen Epen (z.B. Hom. Il. 3, 447). 14 Belegt ist ἀγάστορες (im Genitiv) eigentlich nur im hellenistischen Werk [Lycophron], Alexandra 264. Die späteren Belege in der lexikographischen Tradition (vor allem Hesychius Α 357 [die Edition von Latte bzw. ihre zweite Auflage von Latte und Cunningham schreibt ἁγάστορες]) möchte ich nicht davon trennen (pace Liddell— Scott— Jones 1940: 6 s.v. ἀγάστωρ). Das Wort wäre dann kaum etwas anderes als eine Augenblicksbildung. Beim Lexem ἄβιος sind sich unsere lexikographischen Quellen dessen bewusst, dass der Beleg im Werk des Sophisten Antiphon zu finden ist (siehe Antiphon, fr. 43 [Diels— Kranz]). Es muss also zumindest sehr selten vorgekommen und kann möglicherweise sogar von Antiphon selbst gebildet worden sein. Ἄπεδος findet man zum ersten Mal bei Herodot, es ist aber auch bei Thukydides und Xenophon belegt (siehe z.B. Liddell— Scott— Jones 1940: 182 s.v. ἄπεδος). Trotz der ehemaligen Bedeutung des kleinasiatischen Ionisch als Sprache der Wissenschaften, z.B. der Geographie, scheint es mir nicht notwendig, das Wort bei den Athenern als eine Übernahme aus dem literarischen oder sogar gesprochenen Ionisch anzusehen. 15 Für ἄβιος merkt das bereits Schwyzer 1939: 433 an, nach Reiner Lipp (schriftliche Kommunikation) wäre das auch der Fall von ἄπεδος. Zur Problematik dieses Vordergliedes, ἀ ἐπιτατικόν/intensivum, vgl. außerdem zuletzt Schaffner 2006: 158–163. OPEN ACCESS
Ján BAKyTA 9 Das deutet zunächst nur die orthographische Unsicherheit der mittelalterlichen (und vermutlich schon hellenistischen) Textüberlieferung an, doch wird man daraus vielleicht nicht mit Unrecht auf die entsprechende lautliche Variation bereits im klassischen Dialektspektrum oder zumindest im Attischen (und daraufhin in der Koine) schließen können.16 Die behauchte Form des Wortes verletzt in krasser Weise das Grassmannsche Gesetz (diesmal in gut bezeugter Version, d.h. für zwei aufeinander folgende Silben), das somit eigentlich seine Erklärungskraft für ἀ ἀθροιστικόν einbüssen sollte, und das Nebeneinander der beiden Varianten macht sowohl Übernahme der unbehauchten Form aus einem psilotischen Dialekt als auch die Erklärung der behauchten Form mit Hilfe der „Analogie“ sehr unwahrscheinlich.17 Man kann aber die Sachlage auch mit Hilfe der Theorie der lexikalischen Diffusion eines Lautwandels (in diesem Fall [h]- > 0) deuten bzw. konzeptualisieren.18 So kann die Variation [h]- : 0im Griechischen ziemlich früh begonnen und zunächst nur in einigen Wörtern zur Verallgemeinerung der Null-Variante des Lautes geführt haben: so etwa im Lexem für „Bruder“, vermutlich wegen seiner zweifellos sehr hohen Frequenz19 (da das Wort pangriechisch psilotisch ist, dürfte man hier sogar an eine bereits urgriechische Etablierung des h-Schwundes denken). Diese frühere Variation kann aber auch andere, möglicherweise alle Instanzen des entsprechenden Vordergliedes erfasst haben; letzten Endes wurde die Theorie der lexikalischen Diffusion für die Morpheme formuliert.20 Im (geschriebenen) attischen Dialekt des 4.Jahrhunderts, für den man noch am ehesten den Bestand und die lautliche Form der einschlägigen Wörter kennt, scheint das Morphem nach langer Entwicklung in einigen Instanzen mehrheitlich noch [h]- bewahrt (ἁπλοῦς, ἅπας, ἅπαξ), in anderen, wahrscheinlich zahlreicheren, den Laut aber verloren zu haben (z.B. ἀκόλουθος), 16 Üblicherweise gilt ἁθρόος als attisches (und ἀθρόος dann implizit als außerattisches) Wort (siehe z.B. Frisk 1960–1972: I, 29 s.v. ἀθρόος oder Beekes 2010: 30 s.v. ἀθρόος), doch wird das keineswegs durch das Material untermauert. Soweit ich sehe, gibt es im altgriechischen inschriftlichen Korpus in den lokalen Alphabeten, die den attischen Charakter der behauchten Form (und in einigen Fällen auch umgekehrt) zeigen könnten, keinen Beleg des Lexems (nach der Recherche in http://epigraphy.packhum.org [zuletzt abgerufen am 14.Juni 2018]). 17 Die Wiederherstellung des Spiritus asper nach ἅπας, ἅμα postulieren Frisk (1960–1972: I, 29 s.v. ἀθρόος), Chantraine (1968–1980: 28 s.v. ἀθρόος) sowie Beekes (2010: 30 s.v. ἀθρόος); Osthoff 1884: 481 hat seinerzeit als ein drittes Vorbild noch ἁπλόος genannt. 18 Zur lexikalischen Diffusion siehe vor allem die Pionierstudie von Wang 1969: 12–18, weiter etwa die Übersicht von McMahon 1994: 49–53 sowie den wichtigen ergänzenden Artikel von Krishnamurti (1998), der schon deshalb hier von Interesse ist, da er den Lautwandel s> h > 0 (im Gondi) thematisiert. 19 Vgl. Bybee 2002: 263–269 (besonders 268: „in general, reductive changes tend to occur earlier and to agreater extent in words and phrases of high frequency“). 20 Wang 1969: 14–15. Doch siehe auch die differenziertere These von Bybee (2002: 286): „bound morphemes can have an effect on the diffusion of asound change, suggesting some association within the lexicon among instances of the same morpheme in different words.“ Aber zugleich: „The importance of the morpheme in these cases does not overshadow the importance of the words the morpheme appears in.“ OPEN ACCESS
10 CHATREŠŠAR 1/2018 und einmal ist wahrscheinlich die Variation noch in der Überlieferung sichtbar (bei dem oben erwähnten ἁ-/ἀθρόος). Insgesamt scheint das damalige Bild der Variation für das Morphem ha- : aeher bereits den obersten Teil der S-Kurve zugunsten der neueren Variante erreicht zu haben (obwohl die Diffusion des Verlustes des anlautenden [h] im Hinblick auf den ganzen Wortschatz immer noch eher am Anfang stand und nur eine kleine Zahl der einzelnen Lexeme bzw. Morpheme erfasst hatte— nicht einmal ἀ ἀθροιστικόν in seiner Gesamtheit). Bei ἀνεψιός kann, ähnlich wie im Fall von ἀδελφ(ε)ός, schon die zwar niedrigere, aber kaum zu unterschätzende Häufigkeit des Lexems zur frühen Verallgemeinerung seiner h-losen Variante geführt haben. Dass mehrere Bezeichnungen für Familienoder Haushaltsmitglieder das Vorderglied *s m - auf den ersten Blick in hauchloser Gestalt aufweisen, führt in Versuchung, die frühe Verallgemeinerung dieser Variante des Präfixes in diesen Fällen auch durch die Zugehörigkeit zur selben semantischen Kategorie zu motivieren. Außer ἀδελφ(ε)ός und ἀνεψιός sind sie aber überliefert in den als psilotisch geltenden Varietäten21 oder in relativ später Zeit, als der Verlust des [h]- pangriechisch schon wesentlich fortgeschrittener war und die Überlieferung der Spiritus-Zeichen deshalb unverlässlich sein konnte.22 Bei solch unsicherer Materialgrundlage ist Gewissheit bei dieser oder einer ähnlichen Interpretation leider kaum zu erlangen. LITERATUR 21 Und zwar die zwei Bezeichnungen für Gattin, ἄλοχος und ἄκοιτις, zu welchen vgl. Anm. 13. 22 Zu nennen sind die bereits (in Anm. 14) erwähnten ἀγάστορες (bzw. ἁγάστορες) und die Hesychglossen wie ἁγάλακτες· σύγγονοι, ἥλικες, ὁμογάλακτοι (Hesychius A262; weiter auch A255 [ἁγάλακτος], A256 [ἁγαλάκτορα], A272 [ἁγάλαξ], A291 [ἁγάλακτας] und A294 [ἁγαλακτοσύνη]). Diese Formen sind bezeichnenderweise alle in der älteren Edition von Schmidt psilotisch notiert (und entsprechend z.B. auch bei Liddell— Scott— Jones 1940: 6 bzw. 5 oder Schwyzer 1939: 433 [hier allerdings nur die ungenauen Formen ἀγάστωρ und ἀγάλακτοι]), während sie in der neueren Edition von Latte (jetzt in der zweiten Auflage von Cunningham) mit dem Spiritus asper geschrieben werden. Beekes, R.S.P. (1969) The Development of the Proto-Indo-European Laryngeals in Greek, The Hague— Paris: Mouton. — (1976) Uncle and nephew, in: Journal of IndoEuropean Studies 4, 43–63. — (2010) Etymological Dictionary of Greek, 2 vols., Leiden— Boston: Brill. Brugmann, K.— Thumb, A. (19134) Griechische Grammatik, München: Beck. Bybee, J. (2002) Word frequency and context of use in the lexical diffusion of phonetically conditioned sound change, in: Language Variation and Change 14, 261–290. Chantraine, P. (1968–1980) Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, 4 tomes, Paris: Klincksieck. Collinge, N.E. (1985) The Laws of Indo-European, Amsterdam— Philadelphia: John Benjamins. Curtius, G. (18795) Grundzüge der griechischen Etymologie, Leipzig: Teubner. Ebel, H. (1852) Starke und schwache formen griechischer und lateinischer nomina, in: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen 1, 289–300. OPEN ACCESS
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