Der Traum von den Riesenwächtern Böhmens Das Riesengebirge zwischen der deutschen und tschechischen Literatur der Vormärzzeit
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Der Traum von den Riesenwächtern Böhmens Das Riesengebirge zwischen der deutschen und tschechischen Literatur der Vormärzzeit Ladislav Futtera– Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik/Karls ‑Universität Prag ABSTRACT Das Riesengebirge– eine mehrsprachige Region an der böhmischen Grenze– wurde zum beliebten dargestellten Raum in der deutschen sowie tschechischen romantischen Dich‑ tung. Der vorliegende Beitrag überprüft am Beispiel dieses Raums und seiner literarischen Gestaltung die Thesen des tschechischen Literaturhistorikers Vladimír Macura zur Nega‑ tion der deutschsprachigen Kultur auf der einen Seite und zum „Übertragungscharakter“ der tschechischen Kultur der Vormärzzeit auf der anderen. Zu den Zentralfragen gehören die Möglichkeiten des Austauschprozesses zwischen deutscher und tschechischer Lite‑ ratur sowie die Strategien bei der symbolischen Aneignung des mehrsprachigen Raumes für die eigene Nationalkultur im Diskurs des romantischen Nationalismus. SCHLÜSSELWÖRTER böhmische Länder; Riesengebirge; Vladimír Macura; Vormärz ABSTRACT Dream about the giant guardians of Bohemia The Giant Mountains between the German and Czech literature in the pre ‑March period The Giant Mountains– amultilingual space on the border of Bohemia– became apopular location for the German as well as Czech poetry in the period of romanticism. This paper tries to review the theses of the Czech literary historian Vladimír Macura about the ne‑ gation of the German culture and about the transference character of the Czech culture in the pre ‑March period on the example of this region and its literary representation. Possibilities of the exchange process between the German and Czech literature as well as strategies of the symbolic appropriation of the multilingual space for the own national cul ‑ ture in discourse of the romantic nationalism are among the central questions of the paper. KEY WORDS Bohemian lands; Giant Mountains; Vladimír Macura; pre ‑March
28 BRÜCKEN 28/1 Vladimír Macura schrieb in seiner Sammlung semiotischer Studien Český sen [Der tschechische Traum] aus dem Jahre 1998 über die Vorstellung einer symbiotischen Verbindung von Heimat und Literatur in der tschechischen Kultur der Vormärzzeit, wobei erst in der Literatur eine vollständige Realisation von Heimat (im substitutiven Sinne als Ersatz der realen Heimat) möglich wäre: „[Č]eská literatura byla naproti tomu jedinou autentickou vlastí, ve které mohl český intelektuál žít podle svých představ, neodstrkován ana svém.“ (Macura 2015: 287) [Die tschechische Literatur war im Gegensatz dazu die einzige authentische Heimat, in der der tschechische Intellektuelle nach seinen Vorstellungen ohne jede Zurücksetzung leben konnte.] Eine solche Strategie betraf bei der Errichtung einer „tschechischen Welt“ nicht nur das Prager Zentrum, sondern auch die Regionen, wie Macura in demselben Band am Beispiel des regionalen Kultes um den mythischen Berg Blaník1 zeigte, der zum integralen Teil einer verallgemeinerten Vorstellung von Heimat wurde (Macura 2015: 253). Die Positionierung der Blaník ‑Sage in der tschechischen nationalen Mythologie führt uns von der räumlichen Dimension des Heimat ‑Begriffs zu Macuras Konzept des „Übertragungscharakters“ der tschechischen Kultur und Literatur der Vormärz‑ zeit (Macura 1977). 2 Als Schlüsseltext zur Konstitution einer modernen Tradition der Blaník ‑Sage in der tschechischen Kultur wird nämlich der deutschsprachige Roman des Prager Schriftstellers Joseph Schiffner Zdenko von Zasmuk und seine Gefährten oder die im Berge Blanik eingeschlossenen Ritter aus dem Jahre 1798 betrachtet (Kraus 2015: 123; Macura 2015: 255). In diesem Beitrag versuche ich an Macura anzuknüpfen und seine Thesen zur Ne‑ gation der deutschsprachigen Kultur auf der einen Seite und zum „Übertragungscha‑ rakter“ der tschechischen Kultur der Vormärzzeit auf der anderen Seite am Beispiel der Region Riesengebirge zu überprüfen. Im Gegensatz zum Blaník in Zentralböhmen befand sich diese Region aus tschechischer Perspektive an der Peripherie, direkt an der ethnischen deutsch ‑tschechischen sowie an der böhmisch ‑schlesischen Grenze. Das andere Themenfeld des Beitrags soll die Frage nach den Spezifika dieses peripheren Charakters und der zweisprachigen Realität des Raumes bilden. 1. VERMESSUNG DER WELT: LITERARISCHE DARSTELLUNG DES RIESENGEBIRGES UM 1800 Nach den Alpengegenden des südlichen Deutschlands und der Schweitz, ist kein anderes Gebirge im mittlern Europa, in diesem Jahrhunderte so häufig besucht, so oft und zum Theil so gut beschrieben worden, als die hohe Kette der Sudeten zwi‑ schen Böhmen und Schlesien; aber auch kein anderes Gebirge, von den beschneiten Spitzen der Pyreneen, bis zu den rauhen Scheiteln der Karpathen besitzt vielleicht, einen in jeder Rücksicht so verdienten Ruf als unser böhmisch ‑schlesisches Riesen‑ gebirge (Hoser 1803: 3). 1 Im Berg Blaník soll nach der Sage ein Heer schlafen, das den Böhmen helfe, wenn das Land überfallen wird. Im 19. Jahrhundert wurde die Sage mit dem Kult des Heiligen Wenzel verbunden (Kraus 2015; Macura 2015: 257). 2 Vgl. auch die Einleitung zu diesem Heft von Mirek Němec und Václav Smyčka.
29LADISLAV FUTTERA Diese Worte des Arztes und Gelehrten böhmischer Herkunft Joseph Karl Eduard Hoser aus seinem Werk Riesengebirge in einer statistisch ‑topographischen und pittoresken Uebersicht aus dem Jahre 1803 spiegelten das wachsende Interesse am Riesengebirge in der deutschsprachigen frühromantischen Literatur in einer Zeit wider, in der „es jetzt Mode ist, den Sommer über einige Wochen in irgendeinem Gesundbrunnen zu‑ zubringen, oder ein merkwürdiges Gebirge zu durchreisen“ (Hoser 1803: 4). Hoser gelang es, in seinem Werk die mannigfaltigen Motive der Bergbesucher zusammen‑ zufassen– wie es allerdings schon im Titel angedeutet wird. Für ihn stand die genaue Perspektive des Gelehrten an erster Stelle, die in den statistischen und topographi‑ schen Passagen zum Ausdruck gebracht wurde. Der in Prag lebende Arzt knüpfte damit an drei Forschungsexpeditionen der Königlichen Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften ins Riesengebirge an, die in den Jahren 1786–1788 mit dem Ziel organisiert worden waren, den Bergzug auf wissenschaftlicher Basis zu vermessen und zu erforschen (Jirasek/Haenke/Gruber/Gerstner 1791). 3 Hoser berücksichtigte aber auch den besonderen Zauber der „pittoresken“ Landschaft und schrieb vom „außerordentliche[n] Reichthum an interessanten die Seele erhebenden Szenen, die es in dem Raume weniger Quadratmeilen enthält“, die nicht nur für Ökonomen oder Naturforscher, sondern auch für einen Maler oder Philosophen attraktiv seien. Jeder „Freund der Natur […] betrachtet Werke der Natur in den Bergen, und ihren leisen geheimnißvollen Gang; tiefer in ihr Heiligthum dringt sein geweihter Blick.“ Hoser betonte aber zugleich: In den ältern Zeiten, und oft genug noch im Anfange der letzten Hälfte dieses Jahr‑ hunderts [des 18. Jahrhunderts] suchte man dort verborgene Schätze und beschwor den Teufel. Heut zu Tage denkt Niemand mehr an solche Albernheiten, und sind auch die Endzwecke, um welche jetzt von Jahr zu Jahr größere Ströme von Frem‑ den nach den erhabenen Gipfeln und schauerlich schönen Thälern der Sudeten hinwallen, nicht von einerley Werth; so sind sie im Ganzen doch vernünftiger, als ehedem. (Hoser 1803: 4) Fast 40 Jahre später löste ein anderer böhmischer Verfasser eines Reiseberichtes ins Riesengebirge, der lange in Leipzig lebende Schriftsteller Karl Herloßsohn, die Spannung zwischen dem Bemühen um exakte Beschreibung der Landschaft und der Bewunderung für die Natur aus der Perspektive eines romantischen Subjekts aus einer völlig anderen Perspektive: In seinen Wanderungen durch das Riesengebirge und die Grafschaft Glatz zitierte Herloßsohn die geographischen und naturwissenschaftlichen Angaben aus den Werken seiner Vorgänger,4 aus der Perspektive der erzählerischen Instanz bekannte er sich aber zu der Faszination von diesen „Riesenwächtern Böhmens, den Giganten von Norddeutschland“ (Herloßsohn 1840: 5). Im Gegensatz zum aufklä‑ 3 Die erste Expedition stand unter Leitung des Ingenieurs Johann Jirasek und des Botanikers Thaddäus Haenke und diente der Erforschung der Mineralien und der riesengebirgischen Flora. Der Physiker Franz Joseph Gerstner und der Mathematiker Tobias Gruber beschäftigten sich in den folgenden Jahren mit meteorologischen und geographischen Messungen (Jirasek/Haenke/Gruber/Gerstner 1791: IX–XIII). 4 Er erwähnte die Reiseführer wie Wegweiser durch das Sudetengebirge (Breslau, 1828) von Johann Chris‑ tian Heinrich Berndt und Wegweiser oder Neues Taschenbuch für Reisende durch das schlesisch ‑böhmische Riesengebirge (3. Aufl., Glogau, 1837) von Karl Amand Müller (Herloßsohn 1841: 7).
30 BRÜCKEN 28/1 rerischen Gelehrten Hoser erwähnte der romantische Schriftsteller Herloßsohn auch Sagen von dem Berggeist Rübezahl; kein Wunder, denn sein Werk wurde im Rahmen einer Reihe von Reiseführern mit dem Titel Das malerische und romantische Deutschland herausgegeben, in welcher die meistbesuchten Landschaften vorgestellt wurden, die während der Zeit der Romantik an Popularität gewannen.– Nicht mehr als Ziele der aufklärerischen Bildungsreisen, wie sie z. B. Johann Wolfgang von Goethe unternahm, sondern als Ausdruck der Wanderlust des romantischen Subjekts (Althaus 1999: 30f.). Diese Reiselust kann man als individuell, subjektiv und prominent betrachten. Auch Herloßsohn offerierte nämlich einen Vergleich mit den Alpen und der Schweiz, ordnete aber in seiner Bewertung das Riesengebirge den Alpen nicht unter, sondern stellte es als eine Insel echter ‚wilder‘ Naturromantik entgegen, d. h. als Gegenpol zu der schon eher ‚zivilisierten‘ Landschaft der Alpen mit ihrer komplexen touristischen Infrastruktur: „Wer die Prachtgasthöfe der Schweiz, mit ihren pariser Garçons, mit den Leckereien aller Zonen hier sucht, findet sich freilich getäuscht.– Er findet hier Natur, Einfachheit, karge, aber gesunde Nahrung und gerade soviel Bequemlichkeit, als ein müder Bergwanderer bedarf.“ (Herloßsohn 1840: 12) Paradoxerweise führten aber solche Reiseberichte in den nächsten Jahrzehnten zum eigentlichen Aufschwung der massenhaften Touristik auch im Riesengebirge, von der sich Herloßsohn aus seiner Perspektive distanzierte. Die Blütezeit des Riesengebirges als einer der bedeutendsten Landschaften des „malerische[n] und romantische[n] Deutschland[s]“ bildeten die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit wurde der Bergzug mehrmals von bekannten Künst‑ lern der deutschen Romantik besucht, denen diese Landschaft zur Inspiration diente. Es handelte sich beispielsweise um den Dichter Theodor Körner (1809),5 den Maler Caspar David Friedrich (1810), Autor des Gemäldes Morgen im Riesengebirge (Hart‑ mann 1995: 13), oder den Komponisten Carl Maria von Weber, in den Jahren 1804–1806 Kapellmeister in Breslau. Seine geplante Oper Rübezahl blieb jedoch unvollendet.6 In den künstlerischen Darstellungen des Riesengebirges dominierten in dieser Zeit einerseits die romantische Gebirgslandschaft (besonders das mehrmals wiederholte Motiv des Sonnenaufgangs an der Schneekoppe),7 andererseits die Rübezahl ‑Sagen. Diese These bestätigt der Einakter Rübezahl von August von Kotzebue aus dem Jahre 1803. Kotzebues Stellung zum romantischen Lebensstil war– ähnlich wie bei seinem Zeitgenossen Hoser– eher zurückhaltend. Als er aber in seinem Werk mit einer ge‑ wissen ironischen Distanz einen ‚romantischen‘ Helden sowie Handlungsort suchte, fand er kein besseres Beispiel als Rübezahl und das Riesengebirge. Hier, „auf einem wilden romantischen Platze“, wo Rübezahl, „wenn es seyn kann, unter einem Gewitter aus der Erde herauf [steigt]“, wird das Drama platziert (Kotzebue 1804: 2f.). Als Vorlage zur romantischen Darstellung dieses „drolligen, neckischen und oft so wohltätigen Bergkönigs“ (Herloßsohn 1840: 13) dienten paradoxerweise die ironischen aufklä‑ rerischen Legenden von Rübezahl des Weimarer Schriftstellers Johann Karl August Musäus aus seinen Volksmärchen der Deutschen (erschienen 1782–1787), an die weitere 5 Von seinem Poem Eduard und Veronika oder Die Reise ins Riesengebirge blieb nur ein Torso, nur die Ballade Kynast wurde fertiggestellt (Müller 2001: 45). 6 Unter dem Titel Beherrscher der Geister wird die Ouvertüre zu dieser Oper bis heute gespielt (Trojan 2003: 198). 7 Im Jahre 1819 bestieg sie auch E. T. A. Hoffmann (Müller 2001: 36).
31LADISLAV FUTTERA Epigonen und Nachahmer anknüpften (Futtera 2020: 44–48). An Musäus knüpften nicht nur Autoren der überregional (etwa Benedikte Nauberts Neue Volksmärchen der Deutschen [1789–1793]), sondern auch der regional konzipierten Sagensammlungen an. Rübezahl ‑Sagen bildeten einen festen Bestandteil der Märchensammlungen, die schon in ihrem Titel auf Musäus hinwiesen, wie Volksmährchen der Schlesier von Friedrich August Schuster (1801) (Büsching 1812: 414) oder Volksmährchen der Böhmen von Wolfgang Adolph Gerle (1819) (Gerle 1819: 1–324). Während aber die riesengebirgischen Motive in der deutschen Romantik höchst beliebt waren, wurde dieser Bergzug in den Anfangsphasen der sog. nationalen Wie‑ dergeburt von der ‚neutschechischen‘ Literatur in nur geringem Maße thematisiert.8 Um die Jahrhundertwende entstand nur ein Text, dessen Handlungsort im Riesenge‑ birge situiert war. Es handelt sich um das anonyme Volksbuch Rybrcol na Krkonoských horách aneb Zaklený avysvobozený Prync [Rübezahl auf dem Riesengebirge oder Der verzauberte und befreite Prinz] aus dem Jahre 1794 (Anonym 1947: 75–144). Die Her‑ ausgabe dieses Textes folgte der Strategie seines Verlegers Matěj Václav Kramerius, die dörflichen Leserschichten zum böhmischen Patriotismus zu erziehen, indem die traditionellen Formen des Volksbuchs um neue Motive, Stoffe und Themen aus den Gattungen des ritterlichen Romans, des Märchens und anderer Formen der Unter‑ haltungsliteratur bereichert wurden. Eine heimische, patriotische Sage, die sich böhmischer Realien bedient, wurde mit dem märchenhaften Schema kombiniert, das aus dem Text der Brüder Grimm Der Teufel mit den drei goldenen Haaren bekannt ist. In dieser Fassung soll der Held Rudolf dem Vater seiner Braut drei goldene Federn von Rübezahls Kopf bringen (Langer 1979: 59; Koudelková 2006: 102–107). Die böhmischen Realien– Prag und Riesengebirge– werden jedoch auf eine bloße Aufzählung von Toponymen reduziert. Die Beschreibung Prags (erwähnt sind die Wache im Stadttor und die Burg) passt zu jeder Residenzstadt. Das Riesengebirge wird als ein anonymes bergiges Ödland vorgestellt. Ortsnamen wie Kolešec und Krkohrádek sind so fiktiv wie Rübezahls Burg, die sich in einem Tal in der Mitte eines Teiches befinden sollte (Anonym 1947: 88–94). Dieses Volksbuch, etwa zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt, wurde zu einer der wichtigsten Vorlagen für Gerles Volksmährchen der Böhmen (Futtera 2020: 48). Obwohl die tschechische Fassung während des 19. Jahrhunderts mehrmals gedruckt wurde, erfolgte eine breitere Rezeption in der tschechischen Gesellschaft– besonders bei den Repräsentanten der tschechischen romantischen Kultur und Wissenschaft– im Gegensatz zur deutschböhmischen erst Mitte des 19. Jahrhunderts (Belege dafür werden weiter unten kommentiert). 2. SUCHE NACH EINER ROMANTISCHEN LANDSCHAFT Die tschechische Belletristik des frühen 19. Jahrhunderts war motivisch sowie the‑ matisch nur selten an bestimmten geographischen Regionen orientiert. Da die tsche‑ chische Sprache lange auch keine wissenschaftliche Funktion hatte, erschienen auf Tschechisch keine topographischen Arbeiten. Das bisherige überwiegende Schweigen 8 Der Begriff „neutschechische Literatur“ [„novočeská literatura“] bezeichnet traditionell die literari‑ schen Texte seit ca. 1780, in denen die patriotische Idee präsent ist (Vodička 1994: 19–29).
32 BRÜCKEN 28/1 über das Riesengebirge in der tschechischen Literatur wurde erst in den 1820er, deut ‑ licher dann in den 1830er Jahren durchbrochen, d. h. in der eigentlichen Blütezeit der tschechischen Romantik (Janáčková 2008: 205–208). Das Riesengebirge gewann in der tschechischen Literatur dieser Zeit die prominente Stellung eines magisch‑ ‑mythischen Ortes, der in der Opposition zur ‚profanen‘ Welt steht, von der er um‑ geben ist. Zu beliebten Motiven bei der Darstellung des Riesengebirges gehörte das Erscheinen des Teufels wie in der Faustiade Jan Erazim Vocels Labyrint slávy [Das Labyrinth des Ruhms] (1846) (Vocel 1846: 3–5) oder in der Erzählung Karel Sabinas Obrazy akvěty snů [Bilder und Blumen der Träume] (1835). Der erschrockene Wanderer hält hier den Mephistopheles zuerst für Rübezahl (Sabina 2010: 116). Der mythische Herrscher der Berge drang in die zeitgenössische Lyrik (Václav Kliment Klicpera: Krkonošská kleč [Das riesengebirgische Knieholz, 1824]; Karel Hynek Mácha: Přelka [Die Spinnerin, 1833]), die Prosa (František Ladislav Čelakovský: Literatura krkonošská [Die riesengebirgische Literatur, 1824], Karel Slavoj Amerling: Květomluva [Die Blumen‑ sprache, 1833]) oder die Dramatik (Václav Kliment Klicpera: Ženský boj [Der Frauen‑ krieg, 1827]; Josef Kajetán Tyl: Tvrdohlavá žena aneb Zamilovaný školní mládenec [Die hartköpfige Frau oder Der verliebte Unterlehrer, 1849]) ein. Mit Ausnahme der Satire auf die Situation der tschechischen Literatur von Čelakovský, in der Rübezahl die Rolle eines edlen Mäzens des literarischen Schaffens spielt, entsprach die Darstellung des Berggeistes völlig dem mächtigen, bedrohlichen, schelmenhaften, aber auch gütigen Herrn der Gnomen der deutschen romantischen Literatur (Koudelková 2006: 89–93). Auch in der Komödie Klicperas über den Streit zwischen Männern und Frauen um ihre Rolle in der Gesellschaft wird Rübezahls Würde (im Gegensatz zu den komischen Menschentypen) bewahrt: Duch veliký hrdinský. Nohy má bíle oděny, na sobě dlouhý modravě bílý plášť, bílé, ale krátké vousy, na hlavě klobouk bílý, přes něj bílý krátký ocas. Jde vážně azdlouha přes divadlo, avpravo vskalinách opět zmizí; za ním jde šest menších ašest větších duchův. (Klicpera 1863: 185) [Ein großer Heldengeist. Seine Beine sind weiß angekleidet, er trägt einen langen blau ‑weißen Mantel, hat einen weißen, aber kurzen Bart, einen weißen Hut auf dem Kopf mit einem kurzen weißen Schwanz. Er geht würdig und langsam über die Bühne und verschwindet an der rechten Seite wieder in den Felsen; ihm folgen sechs kleinere und sechs größere Geister.] Der mythisch ‑märchenhafte Raum des Riesengebirges, wie er in der tschechischen Romantik geschaffen wurde, wurde am komplexesten in der Prosa des bedeutendsten Vertreters der tschechischen Romantik, Karel Hynek Máchas Pouť krkonošská [Die Pil‑ gerfahrt ins Riesengebirge] (1833–1834) dargestellt. „Osamělý poutník“ [„Ein einsamer Pilger“], der Hauptheld der Erzählung, verlässt Prag und macht sich auf den Weg ins Riesengebirge. Zuerst verwandelt sich der Charakter der Landschaft und des Wetters: „Pusto kolem,“ povzdechl jinoch, „pták izvěř míjí kraj tento, ani strom ani květ nevzejde tuto, jen člověk jediný tiskne se vzdy výše avýše včistější nebe blankyt, anenalézá zde léč tajemně šustící mech astudený sníh.“ Vtom nesl vítr okolo tváře
33LADISLAV FUTTERA jeho motýla, jenž ouzkostlivě nadarmo se bránil křidélkoma barevnýma, chtěje nazpět dolu vkvětné kraje, odkuď ho bouřlivý vítr byl zanesl. „Nešťastný, toužíš nazpět vluhy pestré, které ti byly kolébkou;– ty jsi nechtěl vkraje tyto, proti vůli tvé tě vchladnou výši zanáší ten samý vítr, co tě vmládí tvém kolíbal na líci rozvi‑ tého kvítí;– já jsem pravil, že člověk se tiskne vzhůru kjasnému nebi;– ó, on musí,“ zastíraje si rukou čelo, „musí. Postup mi vichřice motýla tohoto, já jej vezmu ssebou zpět vkraje oné, odkuďs jej zanesla.“ (Mácha 1961: 107f.) [„Öde ringsum“, seufzte der Jüngling, „Vogel und Wild meiden die Gegend, hier ge‑ deihen nicht einmal Baum und Blume, allein der Mensch drängt immer höher und höher zu des Firmaments reinstem Azur, doch findet er hier nichts als raschelndes Moos und kalten Schnee.“ Da trug der Wind einen Schmetterling an seinem Gesicht vorüber, der sich vergeblich mit seinen farbigen Flügeln ängstlich wehrte und in die blühende Landschaft zurückwollte, aus der ihn der stürmische Wind entführt hatte. „Du Unglücklicher, du sehnst dich nach den bunten Wiesen, die deine Wiege waren;– du wolltest nicht in diese Gegenden, du wirst gegen deinen Willen in die kühle Höhe getragen von dem gleichen Wind, der dich in deiner Jugend auf dem Antlitz einer erblühten Blume wiegte;– ich sagte, der Mensch drängte hinauf zum klaren Himmel; oh, er muß“, er beschirmte die Stirn mit der Hand, „er muß.– Gib, Wirbelwind, mir den Schmetterling, ich bringe ihn zurück in das Land, aus dem du ihn fortgetragen hast“.] (Mácha 2000: 153f.) Der Weg führt ihn „höher und höher“ (in der Erzählung ist auch das beliebte Motiv des Herabschauens vom Berggipfel über die breite Landschaft präsent) bis zur Schnee‑ koppe, wo „stkvostný vgotickém způsobu stavěný, teď napolou již zřicený klášter anákladný chrám jeho zdobil temeno její“ (Mácha 1961: 110) [„ein prächtiges, in go‑ tischem Stil erbautes, schon halb verfallenes Kloster mit einer prunkvollen Kirche zierte den Kamm des Berges“(Mácha 2000: 158)], das von geheimnisvollen Mönchen bewohnt wird, die für das ganze Jahr ersterben und nur für einen Tag wiedererleben. Die Abgrenzung der Berge von ihrer Umgebung (und die damit verbundene mythi‑ sche Ordnung, nach der der Raum organisiert wird) wurde noch in Božena Němcovás Dorfgeschichte Babička [Die Großmutter] aus dem Jahre 1855 ins semantische Gefüge der fiktionalen Welt implizit einbezogen. In der Komposition der Geschichte bildet das Riesengebirge, das vom gefährlichen, unberechenbaren Rübezahl bewohnt sein sollte und aus dem das bedrohliche Hochwasser kommt, einen Kontrast zum idyllischen Tal, dem Handlungsort der Erzählung (Futtera 2020: 51). Wie schon im Falle Rübezahls bemerkt wurde, stimmte die Schilderung des Raumes im Allgemeinen mit den älteren deutschen literarischen Werken überein, die auch ins Riesengebirge situiert wurden. Es bedeutet aber nicht, dass die Darstellung des Bergzuges in der tschechischen Literatur von (philologischen) Übersetzungen aus dem Deutschen abhängig wäre. Es ist besser, an die These von der Entwicklung der Litera‑ tur– sowohl der tschechischen als auch der deutschen– in den böhmischen Ländern „in einem geistesgeschichtlichen Kontext mit der deutschen Klassik und Romantik“ anzuknüpfen, „wobei eine ‚provinzbedingte Verspätung‘ nebst unterschiedlicher Akzentuierung romantischer Ideen, Themen, Motive und Topoi zu verzeichnen ist“ (Fiala ‑Fürst/Höhne 2017: 129). Wir können also von einer strukturellen Übertragung
34 BRÜCKEN 28/1 und Übersetzung der Motive und Topoi der romantischen Literatur aus der deutschen Kultur in die tschechische sprechen, wobei die Autoren und Werke deutschböhmi‑ scher Provenienz eine bedeutende Vermittlerrolle spielten.9 Diesen Prozess kann man– mit Macuras Worten– als ein Beispiel für das Schaffen „české kultury cestou počešťování aposlovanšťování německých kulturních jevů, jinými slovy cestou budo‑ vání české (slovanské) kultury analogií na základě podnětů zněmeckého kulturního prostředí“ (Macura 2015: 45) [der tschechischen Kultur durch das Tschechisieren und Slawisieren der deutschen kulturellen Erscheinungen, mit anderen Worten für das Schaffen der tschechischen Kultur durch Analogien anhand der Anregungen aus dem deutschen kulturellen Milieu] halten.10 In diesem Zitat spiegelt sich auch die potenzielle Schwäche von Macuras Konzept wider, nach dem tschechische und deutsche Kultur in einer binären Opposition stehen sollten. Macura machte keinen Unterschied zwischen den (nord‑)deutschen literarischen Zentren und der deutschböhmischen Literatur (obwohl er ihre Autoren registrierte). Diese Vorstellung führte aber zu einer vereinfachenden Vorstellung der kulturellen Übersetzung aus der deutschen in die tschechische Kultur. Obwohl die Richtung deutsch– tschechisch dominant war, sind mindestens auf der Ebene der deutschböhmischen und tschechischen Literatur der Vormärzzeit mehrere Beispiele des Einflusses der tschechischen Kultur auf die deutschböhmische Literatur nach‑ weisbar (Futtera 2020). Im Falle des Riesengebirges fand die romantische Darstellung des Bergzugs zwar mit einer ‚provinzbedingten Verspätung‘ im Vergleich mit der gesamtdeutschen Kultur ihren Höhepunkt, verlief aber parallel mit dem deutschböh ‑ mischen Schrifttum. Als Beispiel können die Erzählungen von Uffo Daniel Horn aus den 1840er Jahren dienen, die 1847 unter dem Titel Böhmische Dörfer herausgegeben wurden.11 Somit lässt sich, im Falle der wechselseitigen Beziehungen auf der Achse deutschböhmisch– tschechisch weder von einer ‚Verspätung‘ noch einem einseiti‑ gen Transfer, sondern eher von einer beidseitigen produktiven ‚Resonanz‘ sprechen (Smyčka 2019: 229). 3. WO IST MEIN HEIM (UND WIE GRENZE ICH ES AB)? Der Mythisierung des Riesengebirges in der tschechischen Kultur diente die peri‑ phere Stellung dieser Region. Aus der Perspektive von Máchas Pilger heißt es: „sotva čtyrykráte navštivilo slunce hrobky králů českých vchrámě Pražském“ (Mácha 1961: 108) [„kaum viermal hatte die Sonne die Grabstätten der böhmischen Könige im Prager Dom besucht“(Mácha 2000: 154)], bis er das Ödland der Berge erreichte. Die periphere, ja völlig selbstständige Stellung der Gegend im Vergleich mit dem Binnenland wird in Klicperas Komödie Ženský boj mehrmals thematisiert. Im Drama kontrastieren „království“ [das Königreich] und „roviny“ [das flache Land] mit dem Riesengebirge, 9 Karel Hynek Mácha wollte beispielsweise während seiner Wanderung ins Riesengebirge die von Josef Karl Eduard Hoser beschriebenen Geistesverfassungen des Schreckens und der Schwermut überprüfen (Krčma 1933: 169–171). 10 Macura hält diesen Prozess für komplementär zu der anderen Strategie des Negierens der deutschen Kultur. Vgl. dazu auch (Macura 1977: 71). 11 Besonders reich an Verwicklungen und Stereotypen der romantischen Darstellung des Riesengebirges ist die Erzählung Paschhampel (Horn 1847: 1–64).
35LADISLAV FUTTERA wo der Kampf zwischen Männern und Frauen ausbrach. „Do království na roviny“ [ins Königreich, in das flache Land] will der einzige weise Held Slavoš seine Geliebte Libomíra fortführen (Klicpera 1863: 144). Aus dem so benannten Binnenland erwarten beide Heere auch Zuzüge. Den Zusammenhang zwischen peripherer Stellung (und Wahrnehmung) einer Region und ihrer Mythisierung in der literarischen Darstellung bestätigt die Tatsache, dass das Riesengebirge seit den 1860er Jahren in der tschechischen Literatur immer deutlicher als ein entzaubertes Ziel massenhafter Touristik dargestellt wurde (Futtera 2021: 255f.). In der Position einer faszinierenden Wildnis wurde das Riesengebirge durch andere Peripherien ersetzt (erinnern wir uns an Herloßsohns Kontrastierung der ‚zivilisierten‘ Wildnis der Schweizer Alpen und der ‚authentischen‘ Wildnis des Riesengebirges), zuerst vom Böhmerwald,12 dem in der Zwischenkriegszeit die Kar‑ patenukraine folgte (Kratochvil 2018: 357–358). Diese riesengebirgische Peripherie hatte aber ein wichtiges Merkmal, das von der Schilderung der Landschaft in Klicperas Ženský boj ableitbar ist: Podívejte se stéto hory na vše strany, do všech končin. Podívejte se na poledne! Tam jsou Češi, naši krajané! Podívejte se na východ! Tam jsou Polané aMoravané. Podívejte se kpůlnoci! Tam jsou Slezáci, aza nimi medvědi. Podívejte se na západ, tam jsou Němci aza nimi Tataři! (Klicpera 1863: 172) [Schaut aus diesem Berg in alle Seiten, in alle Gegenden hinab. Schaut nach Süden! Dort sind Tschechen, unsere Landsleute! Schaut nach Osten! Dort sind Polen und Mährer. Schaut nach Norden! Dort sind Schlesier und hinter ihnen Bären. Schaut nach Westen, dort sind Deutsche und hinter ihnen Tataren!] Obwohl das Riesengebirge in Klicperas Komödie eine selbständige, in sich geschlos‑ sene Region bildet, wird sie von den Tschechen, und zwar nur von den Tschechen bewohnt. Von einer Mehrsprachigkeit der Region gibt es keine Spur, was die Situ‑ ierung der Handlung ins 12. Jahrhundert (d. h. vor der deutschen Kolonisation des böhmischen Grenzlandes) ermöglicht (Klicpera 1863: 102). Diese deutliche Tendenz zur (literarischen) Appropriation des Riesengebirges für die tschechische Kultur ging dem Schaffen der mythisch ‑märchenhaften Darstellung dieser Landschaft in der tschechischen Romantik noch voraus. In der Rukopis zeleno‑ horský [Grünberger Handschrift], dem im Jahre 1818 ‚entdeckten‘ und erst später für ein Falsum erkannten ‚alttschechischen‘ Manuskript, das ins 10. Jahrhundert datiert wurde, wurde das ursprüngliche böhmische Staatsrecht unter der Herrschaft der Fürstin Libussa thematisiert (Jičínská 2014: 58). Libussa sollte von der Burg Vyšehrad (Wyschehrad), auf die der Landtag einberufen wurde, ein ausgedehntes Staatsge‑ bilde verwalten, dessen Umfang dem späteren Königreich Böhmen entsprach. Die Ausdehnung von Libussas Reich, welche die Fälscher suggerieren wollten, ist von 12 Zu dieser Stellung des Böhmerwaldes führte u. a. der Sturmwind aus dem Jahre 1870, dem in den fol‑ genden Jahren eine Borkenkäferkalamität folgte. In der tschechischen Kultur wurde der Böhmerwald als eine „sterbende“ Landschaft dargestellt, Karl/Karel Klostermann kehrte dann in seinen Prosawer‑ ken mit neoromantischen Zügen zur Schilderung des „alten“ Böhmerwaldes vor dem Orkan zurück (Tomášek 2016: 128–131).
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