scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Šimona Loewenstein (Hg.): Die europäische Zivilisation und ihre Probleme. 2 Bde. Festschrift für Bedřich Loewenstein. Kulmbach: Sabat, 2019. Band. 1, 262 Seiten, Band 2, 281 Seiten mit zahlreichen Fotos und Dokumenten.

Trützschler, Eugenie

Abstract

140

Full text

140 BRÜCKEN 27/1 nämlich, dass Bolzanos Ansprachen an das Prager Volk nach rund zwei Jahrhunder‑ ten noch zu den Lesern findet, sollte keinesfalls darunter leiden. Zudem kann eine kritische (aufwändige, sperrige und teure) Ausgabe erst bestenfalls den Anfang einer breiten Rezeption ausmachen. Einerseits zeigen gerade Wolfgang Künnes Aufsätze, dass die „Erbauungsreden“ des Prager Studentenseelsorgers auch heutzutage noch viel zu denken geben und an‑ und aufregend sind; anderseits zeigt die Aktualität von Bolzanos kritischen Gedanken aber auch, wie fragwürdig die kollektiven Fortschritte, die die Menschheit seither gemacht hat, erscheinen. Das wirft ein schräges Licht auf unsere Zeit, oder wie Johann Nestroy sagt: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut als er wirklich ist.“ Šimona Loewenstein (Hg.): Die europäische Zivilisation und ihre Probleme. 2 Bde. Festschrift für Bedřich Loewenstein. Kulmbach: Sabat, 2019. Band. 1, 262 Seiten, Band 2, 281 Seiten mit zahlreichen Fotos und Dokumenten. Eugenie Trützschler– Tiefengruben bei Weimar Der 2019 erschienene Doppelsammelband mit insgesamt zwanzig wissenschaftlichen Beiträgen ist dem im Jahr 2017 in Berlin verstorbenen Prager Gelehrten gewidmet. Die Tatsache, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der unterschiedlichen Disziplinen aus mehreren europäischen Staaten sowie den USA sich an diesem Buch beteiligt haben, zeigt, wie gut Bedřich Loewenstein vernetzt war. Mit unterschied‑ lichen Themen wird hier sein breites wissenschaftliches, ja beinahe kosmopolitisches Spektrum gewürdigt. Seiner Tochter Šimona Loewenstein, der Initiatorin dieses Werkes, sei an dieser Stelle für das ausgesprochen gelungene Werk gedankt. Auf einzelne Theorien bzw. Aussagen Loewensteins gehen die meisten Autoren dieser Sammelbände ein. In seinem Beitrag Die Idee einer europäischen Geschichte bei Leopold Ranke und Bedřich Loewenstein (Bd. I, S. 14–29) schreibt Karl Heinz Metz: Loewensteins Plädoyer für Europa gilt einer historischen Erinnerung, in welcher auch Balken und Splitter sind. Er hofft auf ein Europa im Gespräch mit der Welt, in dem dieses Europa selbstbewusst seine Zivilisation darbietet, ohne sie aufdrängen zu wollen. Als ‚geschichts ‑beliebiger Ort‘ allerdings wird es die Zukunft nicht ge‑ winnen können und als zivilisatorischer Gesprächspartner der Welt bedeutungslos werden. (Metz, S. 24; gemeint ist Loewensteins Der Fortschrittsglaube, Göttingen 2009, S. 450) Die Zivilisation und ihr Verständnis bildeten einen der Schwerpunkte der wissen ‑ schaftlichen Forschung von Loewenstein. In ihrem Beitrag Das Zivilisationsverständnis von Bedřich Loewenstein (S. 86–120) zitiert Šimona Loewenstein: 141REZENSIONEN Die Zivilisationstheorien gehen weiterhin von der Grundtatsache aus, dass das Kul‑ turgedächtnis die notwendige Voraussetzung jedes Handelns bildet, dass jede Zu‑ kunftsperspektive auf der Basis einer bestimmten Erfahrung beruht. (Bd. II, S. 99) Der tschechische Historiker Milan Hlavačka (Versuch einer Definition der böhmischen liberalen Zivilgesellschaft im neunzehnten Jahrhundert, S. 42–60) betont, dass die Zukunft für Loewenstein die Moderne war: Für ihn war das Projekt der Moderne ein Konzept zwischen politischer Utopie und unvollkommener Praxis der Bildung bürgerlicher Konventionen. Diese seit der Aufklärung im Aufstieg begriffene (westeuropäische) Zivilisation war bei Bedřich Loewenstein teilweise mit der heutigen Wahrnehmung der Zivilgesellschaft iden‑ tisch, weil er die Zivilisierung der (westeuropäischen) Menschheit auch als eine Art Gesellschaftsspiel betrachtete. (S. 42) Der tschechische Philosoph Martin Šimsa setzt in seinem Beitrag (Tschechische Fragen, Bd. II, S. 176–195) sehr anschaulich Loewensteins philosophische Theorien in Kontext sowohl mit den tschechischen Philosophen und Denkern der Ersten Tschechoslowa‑ kischen Republik, hier vor allem Emanuel Rádl und Tomáš G. Masaryk, als auch mit denen seiner Generation wie Ladislav Hejdánek oder Jan Patočka (S. 177). Šimsa zeigt beispielhaft auf, dass Loewensteins philosophische Theorien und Ansichten von den politisch ‑gesellschaftlichen Gegebenheiten beeinflusst wurden, in denen er gelebt hatte. Šimsas Resümee: „Loewenstein weist uns mit Recht darauf hin, daß Handeln auf der Grundlage von Theorien riskant ist und totalitäre Ideologien für uns eine Warnung darstellen.“ (S. 195) Der tschechische Philosoph und Soziologe Miloš Havelka schreibt in seinem Bei‑ trag Loewensteins Bild von Masaryk (Bd. 1, S. 60–75), dass Loewensteins Aussagen zur Moderne bzw. der Zukunft gewiß auch mit persönlichen Erfahrungen verbunden [waren]: nicht nur durch seine Herkunft aus einem assimilierten jüdischen Milieu, seine Solidarisierung mit der tschechischen Nationalgemeinschaft, und schließlich den Abschluß seiner wissenschaftlichen Laufbahn an der Freien Universität Berlin. Übrigens: Zu welcher anderen Instanz als zur Individualität des Menschen, zur universalen Menschlich‑ keit und den europäischen Zivilisationswerten konnte sich ein Historiker berufen, der festgestellt hat, daß sich die Daten seines Lebens ‚in etwa mit den Ereignissen des katastrophischen 20. Jahrhunderts decken, nicht nur mit der symbolischen Wirtschaftskrise an dessen Anfang und Ende. (Bd. 1, S. 63; zit. n. B. Loewenstein, Retrospektiva: Několik úvah kvlastním osmdesátinám [Einige Reflexionen zum eigenen 80.], in: Dějiny– teorie– kritika [Geschichte– Theorie– Kritik], Jg.6/2 (2009) S. 257–272, S. 267) Zur Moderne gehörten für Loewenstein auch die politische Elite, die diese prägte, so z. B. der erste Präsident der Tschechoslowakei Tomáš G. Masaryk. Für ihn repräsen‑ tierte dieser 142 BRÜCKEN 27/1 einen historischen Akteur, der bereit war, nicht nur die politischen Anführer, sondern auch die breite Öffentlichkeit seiner Zeit auf das aufmerksam zu machen, was unangenehm sein kann, auf breitere Zusammenhänge der sich verändernden Situationen hinzuweisen und Probleme zu identifizieren ohne Rücksicht auf Tra‑ ditionen und persönliche Beziehungen. (Havalka, S. 69) Auch der deutsche Historiker Reiner Hansen befasst sich in seinem Beitrag Alt‑ europa als historische Grundlage der modernen europäischen Zivilisation (Bd. 2, S. 128) mit Loewensteins Theorien zur Moderne, zur Zivilisation und zu Europa und stellt wie Havelka fest, dass diese maßgeblich durch die persönliche Erfahrungen geprägt worden waren. Der tschechische Historiker Jan Rataj weist in seinem Beitrag Die tschechische ‚konservative Revolution‘ (Bd. II, S. 12–51) darauf hin, dass Loewenstein, als einer der wenigen Historiker auf das Fehlen einer liberalen Tradition in der tschechischen Gesellschaft aufmerksam machte (S. 17), womit sich seiner Meinung nach während der Habsburgermonarchie auch die Ablehnung von Masaryks Vorstellungen in den zahlreichen Reihen der konservativen tschechischen Bevölkerung erklären lässt (S. 17; s. a. Rataj, Jan/Martínek, Miloslav: Příchod reformátora [Die Ankunft des Refor‑ mators], in: Česká politika 1848–1918, Praha 2015, S. 384–417.) Der in Wien geborene Historiker Peter Pulzer geht in seinem Beitrag Die ‚Reichs‑ kristallnacht‘ 1938 (Bd. II, S. 2–12.) den Ursachen des Hasses und dann den Progromen gegen die jüdische Bevölkerung nach. In diesem Zusammenhang zitiert er Loewens‑ tein, der seiner Meinung nach die Ursachen hierfür in der menschlichen Unzuläng‑ lichkeit sieht (S. 10) und er zitiert Loewenstein: „Die Folgen historisch unbelehrter gesellschaftlicher und politischer Quacksalberei können dabei schwerer wiegen und die Menschheit mehr kosten als technologische Wiederentdeckungen.“ (S. 10; zit. n. B. Loewenstein, Plädoyer für die Zivilisation, Hamburg 1973, S. 13.) Bei fast der Hälfte der Autoren findet man in ihren Beiträgen keinen unmittelbaren Bezug zu Loewenstein. Die Aufsätze sind breit gefächert und auch für einen an Phi‑ losophie und/oder Geschichte interessierten Laien interessant und aufschlussreich. Der aus Graz stammende Karl Acham befasst sich mit Sinne, Sinn und Bedeutung – Eine Studie zur philosophischen Anthropologie und Kulturphilosophie (Bd. 1, S. 84–115). Anhand eines Fünfpunktekatalogs mit Unterpunkten macht er den Leser z. B. unter Punkt 4b mit der Entwicklung der Kultur von einer Angstkultur zu einer Spaßkultur bekannt und erklärt am Wandel der Akzeptanz des Lachens, wie sich unsere Wahrnehmung verändert hat, denn das Lachen ist seiner Meinung nach heutzutage zur Pflicht ge‑ worden (S. 102) Europa und das Europäertum heißt der Beitrag des tschechischen Philosophen La‑ dislav Hejdánek (Bd. 1, S. 114–134). In diesem Aufsatz setzt sich der Autor kritisch mit der Frage der europäischen Identität auseinander. Seiner Meinung nach wird man zum Europäer „nicht geboren, sondern man muß es zu sein lernen; und noch genauer: Man muß lernen, es immer wieder zu werden. Denn ein Europäer zu sein, ist kein Endziel, nach dessen Erreichen man haltmachen und stehen bleiben kann.“ (S. 129) In seinem Aufsatz Die Idee der Menschenrechte in der böhmischen Tradition macht der emeritierte Ethikprofessor an der Evangelischen Fakultät der Karlsuniversität Prag Jakub Trojan (Bd. 1, S. 134–144) den Leser mit der Tradition des Gedankenguts über 143REZENSIONEN die Menschenrechte seit der vorhussitischen Zeit– bei Johann Militsch von Kremsier (etwa 1320–1374) bis in das 19. Jahrhundert bei dem katholischen Gelehrten Bernhard Bolzano (1781–1848)– bekannt. Pavel Kolář, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, setzt sich in seinem Aufsatz: Der Prager Frühling – ein Erbe poststalinistischer Widersprü‑ che? (Bd. I, S. 164–186) mit dieser Frage auseinander. Die Bestrebungen der Reformer beschreibt er: Für die tschechoslowakischen Reformer– meist ehemalige Stalinisten– war der Nationalkommunismus nicht ambitioniert genug. […] Die Tschechoslowaken woll‑ ten bei ihrer Suche nach einem authentischen Sozialismus an den Universalismus Lenins anknüpfen und ein globales Vorbild schaffen. Anders als die nationalen Modelle, sei es die jugoslawische Selbstverwaltung oder der ungarische ‚Gulasch‑ Kommunismus‘, strebten sie selbstbewußt nach dem ‚Sozialismus mit menschli‑ chen Antlitz‘, den sie über nationale Emanzipationsbestrebungen stellten. (S. 172) Orchestrierung der Geschichte – Musik als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, so lautet der Titel des Beitrags des us ‑amerikanischen Historikers David Schoenbaum (Bd. II, S.76–86), der beschreibt, wie die Nationalsozialisten sowohl die Reihen der Berliner als auch der Wiener Philharmoniker ‚gesäubert‘, d. h. jüdische Musiker entlassen haben: Wo es nur vier Musiker gab [Berlin], die irgendwie als jüdisch galten, war es jedoch kein radikales Unterfangen, sie zu entlassen. In Wien war es mit elf jüdischen Spielern und weiteren zehn mit jüdischen Ehefrauen schwieriger. Von diesen haben neun England oder die USA erreicht, einschließlich Arnold Rosé, seit 1881 Konzertmeister, und Ricardo Odnoposoff, zweiter und alleiniger nicht russisch‑ ‑jüdischer Sieger des legendären Brüsseler Wettbewerbs von 1937. Sieben jedoch wurden ermordet oder kamen im KZ um. (S. 83) Mit der der Entwicklung, der Tradition und der Frage der Identität der Juden in den böhmischen Ländern im 19. Jahrhundert befasst sich der Aufsatz der in Böhmen geborenen, nach 1938 nach Kanada emigrierten Germanistin Wilma Abeles Iggers: Secularization and Beyond – The Decline of Jewish Religion in the Czech Lands (Bd. I, S.144–164). Der in Englisch und Tschechisch verfasste Text zeigt, wie sich die poli‑ tische und gesellschaftliche Situation nach 1848 in den Böhmischen Ländern für die Bevölkerung und damit auch für die Juden verändert hatte. Die Autorin untersucht diese Entwicklung anhand der Hauptstadt Prag, den Kleinstädten sowie der Dorf‑ gemeinschaft. Diese gesellschaftlichen Veränderungen wirkten sich auch auf die Schriftsteller aus. Anhand von zahlreichen Schriftstellern mit jüdischem Hintergrund wird ihre Suche nach nationaler und damit auch sprachlicher und/ oder religiöser Identität beschrieben. Aufgezeigt wird auch, wie die Suche nach der nationalen Identität zum Teil innerhalb der tschechischen Bevölkerung zum tschechischen Antisemitismus führte (S. 158). Der aus Ostpreußen stammende Professor Helmut Wagner bringt in seinem Aufsatz Einst und jetzt– Die ungelöste deutsche Frage (Bd. II, S. 146–162) die nationalstaatliche Fra ‑ 144 BRÜCKEN 27/1 ge Deutschlands sowie anderer europäischer Nationalstaaten in einen geschichtlichen Kontext mit der Entwicklung des europäischen Einigungsprozesses seit 1945. Wichtig ist ihm hierbei der Bezug zu ihrer Stellung und Rolle in der Europäischen Union. Gehören Nationen zu Europa? (Bd. II, S. 162–176)– dieser Frage geht der tschechische Historiker Miroslav Hroch nach. Er setzt sich mit der Behauptung auseinander, „daß die Nation als Produkt des Nationalismus zu betrachten ist. […] Die Nation ist keines‑ wegs ein Produkt der letzten Jahrzehnte und schon überhaupt nicht eine Erfindung der ‚Nationalisten‘.“ Der Autor zeigt auf, „daß die Nation als Realität existiert, daß ihr aber die Verknüpfung mit der Nation als Wertegemeinschaft der Kultur fehlt. Dann braucht es nicht mehr viel dazu, damit die nationale Identität, die nicht kultiviert wird, zum Nationalismus pervertiert.“ (S. 171) Die Aufsätze der beiden Teilbände werden ihrem Titel Die europäische Zivilisation und ihre Probleme gerecht. Sie bilden zusammen einen tiefgründigen Einblick in die europäische, deutsche und tschechische Geschichte. Dass die Geschichte dieser beiden Nationen in einigen Aufsätzen mit der jüdischen Religion und/oder Nation verknüpft wurde, zeigt, wie verflochten diese drei Nationen miteinander waren und im gesamteuropäischen Kontext sind. Die den beiden Bänden beigefügte vielseitige und lehrreiche Dokumentation aus dem Leben von Bedřich Loewenstein ergänzt das Bild eines engagierten, kritischen Zeitzeugen. Ulrich Stadler: Kafkas Poetik. Zürich: Edition Voldemeer / Berlin: de Gruyter 2019, 337 Seiten und 16 Abbildungen Manfred Weinberg– Karls ‑Universität, Prag Rezensionen zu wissenschaftlichen Publikationen über einzelne Texte oder das Ge‑ samtwerk Franz Kafkas ließen sich eigentlich standardisieren. Am Anfang stünde dann etwa der Verweis auf Theodor W. Adornos Diktum: „Jeder Satz [der Texte Kafkas; M.W.] spricht: deute mich, und keiner will es dulden“ („Aufzeichnungen zu Kafka“.– In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1977, S. 255). Dem ließe sich eine Diagnose von Manfred Engel anfügen, der eine gemeinsame Reaktion der allermeisten Kafka ‑Interpretationen auf dieses Dilemma darin erkennt, dass sie […] das „Eigentliche“ „hinter“ oder „unter“ der „uneigentlichen“ Textoberfläche nicht wirklich suchen, sondern bereits gefunden haben. Vor jeder Interpretation wissen sie, worauf der Text hinausläuft, hinauslaufen muss– und der Interpretationsakt besteht hauptsächlich darin, einen (mehr oder weniger) plausiblen Bezug zwischen der Textoberfläche und dieser „Bedeutung“ herzustellen. („Kafka lesen– Verstehensprobleme und Forschungsparadigmen“.– In: Auerochs, Bernd/Engel, Manfred: Kafka ‑Handbuch, Stuttgart: Metzler 2010, S. 424) Danach wäre dann die Spezifik des jeweiligen ‚Heureka‘‑Rufs, der fast alle Studien zu Kafka auszeichnet, in dem rezensierten Buch zu benennen. Die Texte Kafkas werden