scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

„Gott erhaltte sein Wortt, die Edle Warheitt auf Vnsere Nachkomen. Amen“.1 Deutschgeschriebene Chroniken der nordwestböhmischen Städte aus der Zeit des Humanismus als historiolinguistische Forschungsquelle

Vodrážková, Lenka

Abstract

59

Full text

„Gott erhaltte sein Wortt, die Edle Warheitt auf Vnsere Nachkomen. Amen“.1 Deutschgeschriebene Chroniken der nordwestböhmischen Städte aus der Zeit des Humanismus als historiolinguistische Forschungsquelle Lenka Vodrážková– Institut für germanische Studien, Karls ‑Universität, Prag ABSTRACT Der Aufsatz behandelt drei Stadtchroniken von Brüx (Most), Kaaden (Kadaň) and Komotau (Chomutov) aus dem 16. und vom Anfang des 17. Jahrhunderts und präsentiert sie aus textologischer Perspektive als interessante und wichtige Belege der Schreibpraxis in Nordwestböhmen in der Zeit des Humanismus. Der Beitrag befasst sich aus diachroner Sicht der Fachsprachenforschung auf dem Gebiet der Historiographie auch mit einigen Aspekten der Stadtgeschichtsschreibung wie Konzeptionen des Textes der Chroniken bei den einzelnen Autoren und Methodologie ihrer historiographischen Arbeit. SCHLÜSSELWÖRTER Stadtchroniken; Historiolinguistik; Textologie; Humanismus; Böhmen. ABSTRACT „Gott erhaltte sein Wortt, die Edle Warheitt auf Vnsere Nachkomen. Amen“. German written town chronicles from Northwest Bohemia in the age of humanism as asource for historiolinguistic research. The article presents three urban chronicles of Brüx (Most), Kaaden (Kadaň) and Komotau (Chomutov) dating from the 16th and the beginning of the 17th centuries as interesting and important sources of information on writing practices in Northwest Bohemia in the age of humanism from the textological point of view. The study also deals with some aspects of the urban history writing from the diachronic perspective of research of professional language concerning historiography like authors’ conceptions of the text of the chronicles and methodology of their historiographic work. KEY WORDS town chronicles; historical linguistics; textology; humanism; Bohemia. 1 Chronica Cadanensia. Knihovna františkánů uP.Marie Sněžné na Novém Městě pražském [Bibliothek des Franziskanerklosters zu Maria Schnee in der Prager Neustadt], Sign. Rf 13, fol. XVIIr. 60 BRÜCKEN 27/2 1. HUMANISTISCHE GESCHICHTSSCHREIBUNG In der Zeit des Humanismus gewannen die Geschichtsliteratur und -schreibung an Bedeutung: Die historiographischen Werke entstanden als Mittel zur Erfassung der neuen Lebensordnungen in Ländern und Städten mit dem Ziel, geschichtliche Begebenheiten bzw. Ereignisse politischer, gesellschaftlicher und religiöser Art in chronologischer Abfolge darzustellen. Der Hauptgegenstand der humanistischen Historiographie waren die Geschichte der eigenen Nation (nationale Geschichtsschreibung) oder die Geschichte der (eigenen) Stadt (städtische Geschichtsschreibung).2 Die Anfänge der städtischen Geschichtsschreibung liegen in der Ausbildung eines spezifisch städtischen Selbstgefühls und in dem Bedürfnis, ihm schriftlich Ausdruck zu geben; das hängt mit der Bedeutung der Städte für das kulturelle Geschehen und mit dem Ausbau der städtischen Administration zusammen. Die Stadt und die Entfaltung der Verwaltung, Kultur und Bildung in der Stadt bewirkten eine Umgestaltung der kommunikativen Verhältnisse und auch der Schriftkultur. Die Stadtgeschichtsschreibung lässt in soziokulturelle Beziehungen, in die kulturelle Welt der Bürger und Atmosphäre innerhalb der Stadt und in die einzelnen Lebensbereiche ihrer Bewohner Einsicht nehmen. Gleichzeitig dokumentiert die städtische Historiographie die Stellung des Autors in der städtischen Gesellschaft sowie das sprachliche Niveau dieses im Geiste des Humanismus erzogenen Bürgers. 2. DEUTSCHE STADTGESCHICHTSSCHREIBUNG IN NORDWEST‑ BÖHMEN IM 16. UND AM ANFANG DES 17. JAHRHUNDERTS Die städtische Historiographie in Böhmen hat sich im Vergleich mit den anderen Ländern später konstituiert, denn „bis zur hussitischen Revolution waren die Städte kein selbständiges politisches Subjekt“ (Bláhová 2000: 233). In der zweiten Hälfte des 16. und am Anfang des 17. Jahrhunderts erreichte hier die Stadtgeschichtsschreibung einen Höhepunkt: Das geht aus den günstigen Bedingungen für ihre Entstehung hervor– den relativ friedlichen, kriegslosen Lebensumständen, dem Humanismus und seiner Rezeption, der humanistischen Auffassung der Geschichte mit philologisch -historischen Bemühungen um den dokumentierenden Charakter der historiographischen Texte sowie der Ausbildung in einem relativ dichten Netz der städtischen Partikularschulen; die Lese-, Schreibund Rechen -Fertigkeiten waren für die spätere Teilnahme der Bürger an der Verwaltung der Stadt unentbehrlich (Bláhová 2000: 233). An der historiographischen Produktion in Böhmen vor 1620, d. h. in der sog. vorweißbergischen Zeit, beteiligte sich wesentlich die Stadtgeschichtsschreibung in der nordwestböhmischen Region, die ihre Spuren in Brüx/Most, Kaaden/Kadaň und Komotau/Chomutov, sowie in Görkau/Jirkov bei Komotau, Joachimsthal/Jáchymov und Teplitz/Teplice hinterließ; die Gründe liegen u. a. in den damaligen komplizierten konfessionellen Verhältnissen dieser Region. Das Gebiet des nordwestlichen Böhmens 2 Die Konzeption der im Sinne des mittelalterlichen Universalismus verfassten Weltgeschichte trat in der humanistischen Historiographie zurück. Vgl. Tošnerová (2010: 21). 61LENKA VODRÁŽKOVÁ war vorwiegend protestantisch und bildete im 16. Jahrhundert eine wichtige Brücke zwischen Böhmen und Sachsen, über die frühe lutherische Reformgedanken strömten. (Durch das ganze 16. Jahrhundert und noch bis zum Jahr 1624 dauerte auch der Zug protestantischer Geistlicher aus Sachsen nach Böhmen.) 3 In sprachlicher Hinsicht waren die von der deutschen Bevölkerung besiedelten nordwestböhmischen Grenzgebiete vorwiegend deutschsprachig,4 wobei ihre geographische Lage und enge Verbindung mit Sachsen nicht ohne Einfluss auf die Sprache des nordwestböhmischen Raumes war. 5 Da in diesem Grenzgebiet der böhmischen Länder die deutsche Sprache die Oberhand hatte,6 wurden hier auch die historiographischen Werke auf Deutsch verfasst; auf Tschechisch und Lateinisch wurden die Abschriften, Verse, Lieder und Chronogramme geschrieben (Tošnerová 2010: 34–35). 2.1. ZU DEUTSCHGESCHRIEBENEN CHRONIKEN DER STÄDTE BRÜX, KAADEN UND KOMOTAU 7 Das Manuskript der Stadtchronik von Brüx unter dem Titel Fata, hoc est prospera et aduersa sors Potentium. Von der Stadt Brüx Glück vnd Vnglück vnd ettlich andern Zufällen, in warhaftigen Scribenten vnd Geschichtsschreibern zu befinden stammt von dem deutschen Humanisten sowie dem Brüxer Stadtrichter und Stadtverwalter Matthaeus Meisner 3 Besonders das böhmisch -sächsische Erzgebirge stellte damals ein eigenartiges Gebiet dar, das mit einem dichten Netz der grenzüberschreitenden kulturellen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Bindungen durchwebt wurde. (Es kamen Ansiedler aus Sachsen hierher, die auf den Grundherrschaften des böhmischen Adels ein Betätigungsfeld fanden. Von Bedeutung war der Wechselverkehr im Bereich des Hochschulwesens, vor allem an den Universitäten in Leipzig und Wittenberg). 4 Bis zum zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts dominierten deutscher Rat und deutsche Verwaltung der meisten Städte, denn die deutschen Kolonisten brachten das deutsche Stadtrecht ins Land und gaben den jungen Städten Verfassungen nach diesem Recht. In den Stadtkanzleien waren bereits seit dem 14. Jahrhundert neben dem Lateinischen auch Deutsch und Tschechisch benutzt worden. Nach dem Machtantritt der Habsburger (1526) wuchsen Zahl und Einfluss der Deutschen in den böhmischen Ländern an. Das Deutsche verbreitete sich hier neben dem Tschechischen als zweite Landessprache. Das Tschechische wurde im 15. Jahrhundert als (städtische) Amtssprache üblich und auch in der vorweißbergischen Zeit wurde in den meisten Städten, vor allem im Inland der böhmischen Länder, Tschechisch gesprochen. Außer Deutsch und Tschechisch übte das Lateinische bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts wichtige Funktionen aus– es war nicht nur Sprache der antiken Kultur und der christlichen Welt, namentlich der katholischen Kirche, sondern es war auch Sprache des Humanismus, der Literatur und der höheren Bildung. So entfaltete sich der Humanismus in den böhmischen Ländern bis ins 17. Jahrhundert in drei Sprachen: lateinisch, deutsch und tschechisch (Glück/Klatte/Spáčil/ Spáčilová 2002: VIII–IX). 5 In Böhmen knüpften die deutschen Mundartgebiete an die Sprachlandschaften in den benachbarten deutschsprachigen Ländern an– im Falle der nordwestböhmischen Region an das Ostmitteldeutsche. Es ist aber zu bemerken, dass die Stadtchroniken der humanistischen Zeit in der späteren Etappe des Frühneuhochdeutschen entstanden sind, in der „überregionale Erscheinungen zu wichtigen Charakteristika der Sprache gehören, während regionale sprachliche Merkmale allmählich überwunden wurden“ (Spáčilová 2005: 36). 6 In Bezug auf die Sprachenverhältnisse in den Grenzgebieten der böhmischen Länder wurden hier beide Sprachen– Deutsch und Tschechisch– verwendet und von einem Teil der Bevölkerung auch beherrscht. Im 16. und 17. Jahrhundert waren die Städte im nordwestböhmischen Grenzgebiet (z. B. Brüx) überwiegend deutschsprachig (Skála 1968: 12). 7 Die Reihenfolge, in der die Chroniken der Städte Brüx, Kaaden und Komotau in dem vorliegenden Beitrag angeführt werden, richtet sich nach dem Alphabet. 62 BRÜCKEN 27/2 (1543–nach 1600). 8 Das Manuskript stellt ein Konzept der offiziellen Memoiren der Stadt Brüx dar und ist nicht datiert.9 Wahrscheinlich entstand diese Geschichte der königlichen Stadt Brüx in den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts, und zwar nach 1591, als M. Meisner als Anhänger des Luthertums aus konfessionellen Gründen nach Brüx gekommen und Bürger der Stadt geworden war (Pontentum ciuis, fol. 7r) bzw. nach 1593, als Georg Barthold genannt Pontanus von Braitenberg (1550?–1614),10 dem das Werk dediziert ist, zum Probst des Metropolitan -Kapitels bei St. Veit in Prag ernannt wurde (Reuerendo et nobili iuxtaque eruditissimo Dn. Georgio Pontano aBraitenberg, S. Metropolitanae Ecclesiae Pragensis Decano, fol. 7r). Die Beendigung der Arbeit an der Stadtchronik fällt in die Zeit nach 1600. Das Manuskript der ältesten Stadtchronik Kaaden mit dem Titel Chronica Cadanensia11 wurde von einem unbekannten Autor abgefasst; sein Name wird in der Chronik auch wegen des fehlenden Titelblatts nicht angeführt. Auf Grund der in der Chronik niedergeschriebenen Aufzeichnungen und ihres Inhalts lässt sich vermuten, dass der Schreiber der Konfession nach ein Utraquist war und dass er aus der bürgerlichen Schicht kam, denn die soziale Stellung der Schreiber war eine weitere Voraussetzung für die Stadtgeschichtsschreibung. Die Stadtchronik ist nicht datiert. Es lässt sich vermuten, dass die Geschichte der Stadt Kaaden in den neunziger Jahren des 16. Jahrhunderts entstand: Der Text reflektiert die zugespitzten Religionsverhältnisse zwischen Katholiken und Lutheranern in der Stadt und beschreibt die Ereignisse in Kaaden bis zur Erneuerung des Stadtrats im Jahr 1599.12 Die deutschgeschriebene Stadtchronik von Komotau stammt– wie die Chronik der Stadt Brüx– von Matthaeus Meisner, der in Komotau mit der Leitung der dortigen lateinischen (evangelischen) Schule als Schulmeister (Rector) und Lateinlehrer betraut wurde und später in der Stadtverwaltung Komotaus als Ratsherr tätig war. 13 Sie ist im Unterschied zu anderen zwei Stadtchroniken als Reimchronik verfasst. Es handelt sich um die erste überlieferte Geschichte der Stadt Komotau und sie ist vermutlich eine Übersetzung der ursprünglichen lateinischen Fassung unter dem Titel Fata, hoc 8 Zu Meisners Leben und Werk siehe Truhlář/Hrdina/Hejnic/Martínek (1969: 305–307) und Sturm (1984: 632). Weiter dazu Knobloch (1976: 65) und Hlaváček (2005: 71–78). 9 Das Manuskript der Stadtchronik von Brüx wird im Archiv Pražského hradu [Archiv der Prager Burg]. Knihovna Metropolitní kapituly sv.Víta [Bibliothek des Metropolitankapitels von St. Veit], Sign. H. XVII aufbewahrt. 10 Der Prager Domherr Georg Barthold Pontanus von Braitenberg verfasste die Reimgeschichte seiner Heimatstadt Brüx unter dem Titel Bruxia Bohoemiae, delineata carmine (1593). Weiter hierzu Schlesinger (1890: 196). 11 Das Manuskript der Kaadener Stadtchronik ist zurzeit in der Bibliothek des Franziskanerklosters zu Maria Schnee in der Prager Neustadt (Knihovna františkánů uP.Marie Sněžné na Novém Městě pražském) mit der Signatur Rf 13 deponiert. Nach der Aufhebung des Franziskanerordens und Konfiszierung seines Besitztums befand sich die Klosterbibliothek in der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik in Prag (Národní knihovna ČR). 12 Vermutlich verfasste der Autor den Text der Chronik von Kaaden im Jahr 1597: Er arbeitete an seinem Werk intensiv, kontinuierlich und ununterbrochen von Anfang bis Ende der Chronik. Während bis zum Jahr 1597 die Jahresangaben und die Foliierung sorgfältig mit roter Tinte geschrieben werden, wurden die Ereignisse in den letzten zwei Jahren 1598 und 1599 ohne verzierte Rubrizierung, wahrscheinlich zusätzlich nach der Beendung der Chronik, eingetragen. 13 Nachdem Matthaeus Meisner am 23. August 1573 Dorothea, Tochter eines der Komotauer Stadtratsmitglieder, geheiratet hatte, zog er sich vom mit dem Zölibat verbundenen Schulrektorat zurück. Hierzu Truhlář/Hrdina/Hejnic/Martínek (1969: 305–307) und Binterová (1997: 15). 63LENKA VODRÁŽKOVÁ est, prospera ac adversa sors Comotoviensium aus dem Jahre 1596, deren Autorenschaft Matthaeus Meisner zugeschrieben ist.14 Eine kurze Chronik von Komotau15 wurde seit 1596 geschrieben, was aus der Zeitrechnung zum Schluss der I. Abteilung ersichtlich ist: „Wenn nu also diese Zahlen 1269 [Genehmigung Přemysls OtakarII. zur Erbauung der Stadtmauern (nach historischen Quellen im Jahr 1261); Anm. L. V.] Item 131. [131 Jahre nach 1269 erhielt die Stadt Privilegien (historisch belegt ein Siegel im Jahr 1396 sowie Stadtrechte und Rathaus im Jahr 1397); Anm. L. V.] Item 196. [196 Jahre nach der Erhaltung der Stadtprivilegien entstand dieser Text; Anm. L. V.] summiret werden, so kommen 1596“ (pag. I). An den eigenen Text über die historischen Ereignisse in Komotau, die bis 1612 zusammengefasst sind, schließen sich Anmerkungen und Ergänzungen bis zum Jahr 1623 an. 3. CHRONIK ALS TEXTOLOGISCHER FORSCHUNGSGEGENSTAND In Bezug auf die humanistische Geschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts gab es zwei Tendenzen: 1. eine gelehrte Forschung, die auf fundierte Erkenntnis, auf Überlieferungskritik und Entdeckung neuer Quellen gerichtet war, und 2. Geschichtsschreibung als literarische Form, als Feld einer rhetorisch geschulten Prosa nach den Vorbildern der antiken Historiographen und als Gelegenheit schöpferischer Konstruktionen.16 Nach der Texttypologie der frühneuhochdeutschen Texte von Oskar Reichmann und Klaus -Peter Wegera (1988: XII) auf Grund des Kriteriums der Intention von Textproduzenten gehört die erzählende Geschichtsschreibung zu dokumentierenden Texten, deren Verfasser Ereignisse, […] Fakten aller Art mit dem Zweck festgehalten, gespeichert, dokumentiert sehen möchten, Vorhandenes in eine Übersicht zu bringen und verfügbar zu machen, um sich gegebenenfalls nach späterer Notwendigkeit auf die Festschreibung berufen und sie je nach Interesse nutzen zu können (Reichmann/Wegera 1988: 52). Aus textologischer Sicht reflektieren die Stadtchroniken, die vorwiegend den Lebensbereich der jeweiligen Stadt beschreiben, in Bezug auf ihre Kommunikationsund Textfunktion die Absicht des Emittenten, den Rezipienten über einen bestimmten Sachverhalt, bzw. bestimmte Ereignisse zu informieren, historische Fakten zu speichern und verfügbar zu machen (Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 104–106, 136–138; Reichmann/Wegera 1988: 52). Gleichzeitig versuchen sie als registrierende Textsorten, 14 Das Manuskript der Komotauer Stadtchronik befindet sich zurzeit in der fürstlichen Lobkowizcer Schlossbibliothek in Mühlhausen [Nelahozeves] unter der Signatur VI Ed 11 und enthält insgesamt 23 Seiten, davon 21 beschriebene Seiten in Folio (die im 19. Jahrhundert mit Bleistift markierte Paginierung rechts oben geht auf den Raudnitzer Bibliothekar Max Dvořák zurück). Im Jahr 1885 wurde das Manuskript unter dem Titel Eine handschriftliche Chronik von Komotau in der Zeitschrift Mittheilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen (S. 246–264) von Karl Görner veröffentlicht. 15 Der Name der Schrift Eine kurze Chronik von Komotau wird in der Fachliteratur verwendet, denn das Manuskript hat keinen Titel. 16 Vgl. dazu die Verwendung der Begriffe „beletristická literatura“ und „nauková literatura“ in: Hlobil/ Petrů (1992: 11). 64 BRÜCKEN 27/2 „Ereignisse und deren Abläufe, Zustände und diesen zugrundeliegende Entwicklungen bzw. Gegenstände und Sachverhalte sowie deren jeweilige Beschaffenheit zu erfassen“ (Rolf 1993: 184). Sie geben, „zeitlich geordnet, Auskunft über die Entfaltung überpersonaler Einheiten“ (Rolf 1993: 187). Dabei ist es zu beachten, dass die Grenze zwischen den Textsorten 17 des Humanismus fließend war– die Autoren frühneuhochdeutscher Zeit unterschieden kaum einzelne Textsorten. Die Stadtchroniken tragen die Merkmale eines dokumentierenden und eines literarischen Werkes:18 Es erscheinen hier nebeneinander die sich in chronologischer Abfolge angeführten Beschreibungen der historischen Ereignisse in der jeweiligen Stadt, Reimtexte, Lieder, aber auch Quellen institutioneller Art (z. B. Urkunden, Stadtbucheintragungen) und faktographische Informationen (z. B. Auflistungen wie Personenverzeichnisse) usw. 3.1. METHODOLOGISCHE UND KONZEPTUELLE BEARBEITUNG DES HISTORISCHEN STOFFES IN NORDWESTBÖHMISCHEN STADTCHRONIKEN In Bezug auf die methodologische Bearbeitung der historischen Ereignisse tragen die nordwestböhmischen Stadtchroniken wichtige Merkmale des humanistischen Schrifttums. Mit seiner Konzeption und Auffassung des behandelten Stoffes stellen sie bemerkenswerte Quellen zur Erforschung der Methodologie der humanistischen Arbeit auf dem Gebiet der Historiographie dar. Die methodologische Verfahrensweise dokumentiert die Arbeit der ausgebildeten Humanisten, die sich mit den Methoden der Geschichtsschreibung wahrscheinlich während ihres Universitätsstudiums bekannt gemacht hatten. Zur Feder griffen von den städtischen Bevölkerungsschichten vor allem ausgebildete Bürger, deren Prestige mit dem in der vorweißbergischen Zeit hochgeachteten Status eines Gelehrten innerhalb der Stadt gestiegen ist. Im Zusammenhang mit der sozialen Stellung der Schreiber, die zu den Führungsund Verwaltungseliten der Städte zählten, war als weitere Voraussetzung für die Stadtgeschichtsschreibung auch genug Zeit für das historiographische Schaffen erforderlich, was sich nur ein finanziell gut situierter Bürger leisten konnte. So wurden die Aufzeichnungen über historische Ereignisse in den Städten von Autoren, die dem Ratsgremium angehörten oder die ein städtisches Dienstamt innehatten, niedergeschrieben; an der literarischen Tätigkeit beteiligten sich auch die Rektoren der städtischen Schulen. Für die Humanisten war die Geschichtsschreibung Ausdruck ihres neuen Lebensgefühls, ihrer Bildungsinteressen und ihres an der Antike orientierten Weltbildes (Wehrli 1997: 1027f.). ● Index In Bezug auf den Textaufbau beginnt die Chronik der Stadt Kaaden als einzige von den drei behandelten Stadtchroniken wegen der Absenz der Titelseite mit einem 17 Der Begriff „Textsorte“ wird hier als „konventionell geltende[s] Muster für komplexe sprachliche Handlungen“ aufgefasst, die einen vorgefertigten Plan bilden, nachdem der Text gestaltet ist, und die sich als „typische Verbindungen von kontextuellen (situativen), kommunikativ -funktionalen und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen“ beschreiben lassen (Brinker/Cölfen/ Pappert 2018: 138–139). Weiter dazu Rolf (1993: 44). 18 In der Zeit des Humanismus gehören Geschichtserzählung und Reimchronik aktuell zum Bereich der historiographischen Texte. Vgl. dazu Hlobil/Petrů (1992: 11). 65LENKA VODRÁŽKOVÁ Index bzw. einem Inhaltsregister, das eine alphabetische Liste von in der Chronik eingetragenen Ereignissen umfasst. Jedem Ereignis werden das jeweilige Jahr und der Hinweis auf das entsprechende Folio angeschlossen (nicht ursprünglich foliiert; fol. Ir–XVv) (Tošnerová 2010: 112, Anm. 4). Wegen der Abwesenheit der Foliierung lässt sich auch vermuten, dass der Index ursprünglich am Ende der Chronik platziert wurde. ● Vorwort Im Vorwort zu Stadtchroniken wird meistens der Anlass zur ihrer Entstehung angeführt, den in der Regel gaben: a) das wachsende Selbstbewusstsein einiger Gruppen der Bürger in innerstädtischen Konflikten, b) die Streitigkeiten zwischen Städten und Adel, c) die enge Beziehung zur Stadt, d) das Andenken an die eigene Person des Autors, e) der Nachlass für weitere Generationen der Stadtbevölkerung und f) das Streben nach der Anerkennung vom Stadtrat (Tošnerová 2010: 38–40). In der Brüxer Stadtchronik fehlt das Vorwort, aber möglicherweise plante Matthaeus Meisner– dem damaligen Usus entsprechend– die ersten sechs leeren Papierlagen für ein Vorwort und der eigentliche Text fängt mit der Dedikation an Georg Barthold genannt Pontanus von Braitenberg. 19 Obwohl in der Geschichte der Stadt Brüx keine Motivation zur Beschäftigung mit der lokalen Geschichte angeführt wird, können bei M. Meisner seine tiefere Beziehung zur Stadt, die Hochachtung des Brüxer Stadtrats vor seiner Person und die Überlieferung einer abgefassten Geschichte von Brüx für die Nachkommen in Betracht gezogen werden (Tošnerová 2010: 38–40). Im Zusammenhang mit Meisners Engagement im Brüxer Stadtrat und seinen ratsnahen Beziehungen handelt es sich– wegen der Deutung der Vergangenheit– um eine Art offiziöser bürgerlicher Stadtgeschichtsschreibung, die entweder aus eigener Initiative oder im amtlichen Auftrag geschrieben wurde. Die Entstehungsgeschichte des Manuskriptes eröffnet noch eine Frage, die sich auch nicht eindeutig beantworten lässt und die die Absenz der Reinschrift der eigenen historiographischen Schrift betrifft. Es ist möglich, dass die historischen oder privaten Umstände den Autor an der Fortsetzung der Bearbeitung des gesammelten historiographischen Stoffes bzw. an der Abfassung der Reinschrift des Werkes gehindert haben. In der Chronik der Stadt Kaaden, an deren Entstehung die verschärften Religionsverhältnisse zwischen Katholiken und Protestanten in der Stadt Anteil hatten, enthält das kurze und bündige Vorwort (fol. XVIIr) die Absicht des Autors und deutet seinen Zugang zur Arbeit eines Chronisten sowie den Inhalt der Chronik an: Dann es dahin gemeinett, das Man etzlicher Masen, den Ernst vndt Einer auch die Gefahr vndt schwere Muhe derer Personen, die sich gottes Worts hertzlich angenommen, Was sie Darbey erlitten, vndt ausgestanden, Hören und Vernehmen […] Demnach solches aber von dem gegentheil des glaubens aufgemercket herkömpt, Hilfft es besser zur Warheit, Dieselben Geschichte hab ich zu sammen geschrieben. (fol. XVIIr) Im Vorwort schreibt der Autor, dass er bei seiner Arbeit von den Aufzeichnungen „auf zerrissen hin vndt her geworffenen Schkarteken“ (fol. XVIIr) ausging. Deshalb 19 Der eigentliche Text der Geschichte der Stadt Brüx beginnt auf Folio 7r. 66 BRÜCKEN 27/2 weist er hier darauf hin, dass alle aufgezeichneten Ereignisse nicht wahrhaftig und historisch richtig beschrieben werden müssen: „[So] wirdt wol geacht, Das es aller Dinge nicht so gar richtig sein Muss“ (fol. XVIIr). Das Vorwort endet mit dem Gebet, dessen Bestandteil ein Hinweis auf den Nachlass für weitere Generationen der Stadtbevölkerung ist: „Gott erhaltte sein Wortt, die Edle Warheitt auf Vnsere Nachkomen. Amen“ (fol. XVIIr). Die Stadtchronik von Komotau enthält im Unterschied zur Kaadener Stadtchronik kein Vorwort mit der Absicht und Motivation des Autors. Er eröffnet die Stadtchronik gleich mit der Geschichte von Komotau und informiert mit folgenden Reimen über die Gründung der Stadt: In Böhmen die Stadt Commothaw / Diß Jahr [d. h. 1080; Anm. L. V.] angefangen ihren baw, / Das köndt wol sein, doch weiß mans nicht / Gewiß, weils nicht klar melden alt geschicht [pag. I.]. ● Chronikalische Aufzeichnungen Die Verfasser, die im Geiste des Humanismus erzogen wurden, bemühten sich humanistische Prinzipien in ihrer Schreibpraxis zur Geltung zu bringen. Sie betonten eine objektive Herangehensweise, oft kam Streben nach Kürze und Unpersönlichkeit beim Verfasser dieser Texte zum Ausdruck. Die einzelnen inhaltlichen Abschnitte mit der Einleitung in die Beschreibung der historischen Ereignisse der Städte beginnen mit der Datierung– der historischen bzw. auch der biblischen. In der Stadtchronik von Kaaden beginnen die einzelnen inhaltlichen Abschnitte mit der historischen Datierung nach Jahren bzw. Tagen (z. B. 1575: Sonnabentt den 3. Septembris, [fol. 146v]) oder mit einer, meistens rubrizierten Überschrift (z. B. Eine andere Christliche tagweise [fol. 17r], Jm Thon, OReicher Bott im Trone [fol. 18v]) bzw. mit der mit Rubrizierung verzierten ersten Zeile (z. B. Jnn diesem Jahr ist der Landtag gehaltten [fol. 131r]). Die Eintragungen sind in Stadtchroniken meistens chronologisch geordnet. Die Konzeption der chronikalischen Aufzeichnungen entspricht dem seit dem 15. Jahrhundert geprägten Usus der historiographischen Werke: Die Aufmerksamkeit wird bedeutenden Ereignissen in der jeweiligen Stadt und ihrer Umgebung gewidmet (Tošnerová 2010: 11). Umfang und Form der einzelnen Aufzeichnungen sind unterschiedlich: Die meisten Einträge sind in Form von kurzen, ohne Kommentar angeführten Informationen, andere in Form einer kontinuierlichen Erzählung. Die eigentlichen chronikalischen Aufzeichnungen werden durchgehend von Stichwörtern zum Inhalt und zu exzerpierten Quellen begleitet; diese Stichwörter sind dem Grundtext als Marginalien angeschlossen und sie dienen zur besseren Orientierung im Text. Die Stadtchronik von Brüx ist in zwei inhaltliche Teile gegliedert: Der erste Teil (fol. 10v–35r) beinhaltet die Geschichte der Stadt Brüx oder die historischen Ereignisse der böhmischen Länder, die gleichzeitig eine Beziehung zur Vergangenheit der Stadt Brüx haben; der Inhalt korrespondiert mit dem Titel Von der Stadt Brüx Glück. Die historiographischen Aufzeichnungen umfassen den Zeitraum von 1038–1041, also die Regierung des přemyslidischen Herzogs BřetislavI., ferner die Jahre 1248 während der Regierung Wenzels I. und 1284 während der Regierung WenzelsII. bis zum 16. Jahrhundert bzw. zu den Jahren 1501 unter der Regierung VladislavsII. Jagello und 1526, also dem Todesjahr Ludwigs Jagello und dem Regierungsantritt der Habsburgerdynastie 67LENKA VODRÁŽKOVÁ in den böhmischen Ländern. Einen wichtigen Bestandteil bilden die Kapitel über die Hussitenkriege und ihre Folgen (1415– 1482). Der zweite Teil (fol. 36r–51r) betrifft „[…] der Stadt Brüx […] Vnglück“, also fünf große Brände und ihre Schäden in der Stadt Brüx von 1334, 1455, 1515, 1578 und 1583– es handelt sich um außerordentliche Ereignisse, die außerhalb des Rahmens des alltäglichen Geschehens in der Stadt lagen und die unmittelbar das städtische Leben beeinflussten; die historischen Begebenheiten dieser Art zogen allgemein die Aufmerksamkeit der vorweißbergischen Historiographen an. Die Chronik von Kaaden enthält nicht nur zahlreiche Informationen über die Geschichte der Stadt, sondern auch über das Leben in der Stadt in der vorweißbergischen Zeit. Obwohl aber der Schwerpunkt in der Schilderung der Ereignisse im 16. Jahrhundert liegt, stellt die Chronik der Stadt Kaaden mit ihrem inhaltlichen Umfang der Eintragungen der historischen Ereignisse von 821–1599 eine außerordentliche Quelle historiographischen Charakters dar; ihre Konzeption und der Stil der Einträge belegen, dass ihr Autor nicht nur gebildet war, sondern dass er eine Übersicht über das vergangene und zeitgenössische Geschehen in der Stadt und im Land sowie über andere historiographische Literatur hatte. Der eigentliche Text der Chronik beginnt mit dem Jahr 821, als laut Václav Hájek von Libotschan [Libočany] die Stadt Kaaden gegründet wurde. Die Aufzeichnungen enden im Jahr 1599 mit der Ernennung des neuen Stadtrats in Kaaden. In der Chronik behandelt der Autor, der sich auch wahrscheinlich stark in konfessionellen Angelegenheiten engagierte, ausführlich die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert und auch das Jahr 1575, als über die konfessionellen Verhältnisse in den böhmischen Ländern auf der Ebene des Landtags verhandelt wurde. Über die Ereignisse seit den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts schrieb der Autor wahrscheinlich aus eigener Erfahrung, was die zunehmende Anzahl der Einträge zu den einzelnen Jahren sowie die Hervorhebung der Alltagsereignisse belegen. Eine kurze Chronik von Komotau umfasst die historischen Ereignisse dieser nordwestböhmischen Stadt zwischen den Jahren 1080 20 und 1612 (bzw. 1623 [pag. XVI.]). Der eigentliche Text des Manuskripts endet mit dem Tod des Kaisers RudolphII. im Jahr 1612. Den ganzen Text über die Geschichte von Komotau teilt der Verfasser in sechs Abteilungen: I. Vom Ursprung Komotaus; II. Vom Namen der Stadt (Von dem Nahmen der Stadt Commetauw); III. Von den Besitzern der Stadt (Von den Erbherren der Stadt Commethaw), in der die Geschichte der Stadt bis 1594 beschrieben ist, als Komotau in den Besitz RudolphsII. überging; der Abschnitt ist mit dem Reimtext Der Stadt Commotau Person Rede (Civitatis Comotoviae Προδωποποιία) beendet, in dem persönliche BetrachtungenM. Meisners und seine Beziehung zur Stadt zusammengefasst werden: Wann ich solte anfangen heut So lang mich haben bewohnet Leut / Von meinem allerersten anfange Was mir begegnet ist, wie mirs ergangen, / Hinzu müst ich haben lange Zeit, das ich erzehlen solt all mein leid. / Doch will ich gleich wol melden klar Wie mirs ergangen hat etlich Jahr […] (pag. XI.). Die letzten drei Abschnitte umfassen erläuternde historiographische Informationen zu historischen Geschehnissen in der Stadt und ihren Bewohnern: IV. Von den Brandschäden in Komotau (De Indendijs. Von den Commothawischen Brandschäden); V. Komo20 In Tošnerová (1995: 127) steht die Jahresangabe 1086–1612. 74 BRÜCKEN 27/2 Sprachund Kommunikationswissenschaft, hrsg. v. Hugo Steger/Herbert Ernst Wiegand, Bd. 2.1). Berlin, New York: de Gruyter, 139–159. Wehrli, Max (1997): Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Stuttgart: Philipp Reclam. Winter, Zikmund (1890, 1892): Kulturní obraz českých měst. Život veřejný vXV. aXVI. věku [Ein kulturelles Abbild der böhmischen Städte. Das öffentliche Leben im XV. und XVI. Jahrhundert]. 2 Bde. Praha: Matice česká.