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Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts«: Varianten des Antiintellektualismus im U.S.-amerikanischen Konservatismus nach 1945

Abstract

Die Zeit nach 1945 in den Fokus nehmend erkundet der Beitrag die Metamorphosen des U.S.-Antiintellektualismus der letzten Jahrzehnte und identifiziert…

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Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts«: Varianten des Antiintellektualismus im U.S.-amerikanischen Konservatismus nach 1945

Author: Lütjen, Torben
Year: 2024
DOI: 10.38072/978-3-910591-27-1/p8
Source: https://macau.uni-kiel.de/servlets/MCRFileNodeServlet/macau_derivate_00006115/kiel-up_978-3-910591-27-1_p8.pdf
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To ben Lü jen
Vom »Common Sense« zu den
»Al e na i e Fac s«
Va ian en des An iin ellek ualismus im
U.S.-ame ikanischen Konse a ismus nach 1945
1. Einlei ung
An iin ellek ualismus und de ame ikanische Konse a ismus sei 1945 – das kann als so e a-
blie e Ve bindung angesehen we den, dass die F age legi im e schein , ob aus dem al en Hu
wohl übe haup noch e was Neues he aus zu zaube n is . Unbes i en bleib , dass Ame ikas
Konse a i e – was heu e bedeu e : die Republikanische Pa ei – sei Langem einen agg es-
si en An iin ellek ualismus adap ie haben, de in seinem Feldzug gegen eine e mein lich
abgehobene »libe ale Eli e« eine be äch liche Schlagk a en wickel ha und ohne die de
en essel e Populismus de Gegenwa kaum e klä ba ode e s ändlich wä e.
Au den e s en Blick handel es sich um einen P ozess linea e S eige ung: on de hemds-
ä meligen, abe noch e gleichsweise ha mlosen » olksyness« on Poli ike n wie Ronald Rea-
gan und Geo ge W. Bush, übe den An iin ellek ualismus 2.0 Sa ah Palins, bis hin zu Donald
T ump, de die Ve ach ung on Wissenscha le n, Expe en und In ellek uellen au neue
Höhen üh e. Diese Deu ung is keineswegs alsch; doch we genau hinschau , de wi d
neben so iel Kon inui ä übe dies Ve ände ungen e kennen. De An iin ellek ualismus des
U.S.-Konse a ismus ha im Lau e de le z en Jah zehn e Me amo phosen du chgemach ,
ode besse ausged ück : E ha neben seine Haup s ömung, die imme noch dominan is ,
eine Reihe neue Spiela en de Wissenscha s-und In ellek uellen eindlichkei en wickel .
Ich möch e dahe im Folgenden d ei Typen des An iin ellek ualismus inne halb des U.S.-
Konse a ismus skizzie en. Sie alle begegnen de gleichen He aus o de ung: dem mode nen
Ra ionalismus und seinem Ansp uch, auch poli ische En scheidungen zumindes zu g oßen
Teilen au Basis wissenscha liche G undlagen e en und dami die Wel des Poli ischen
a ionalisie en und en zaube n zu können. Abe sie begegnen diese He aus o de ung au
ganz un e schiedliche Weise.
Kiel-UP •
h ps://doi.o g/10.38072/978-3-910591-27-1/p8
148 | An iin ellek ualismus. Ein unwah scheinliche Klassike
Da is , e s ens, eine oman ische und an i a ionalis ische Geis eshal ung, bei de es im
Ke n um die Ve eidigung on In ui ion, E ah ung, Bauchge ühl und P agma ismus gegen
abs ak es Theo e isie en geh . Man könn e das den Common-Sense-An iin ellek ualismus
nennen; es handel sich dabei nich nu um die äl es e Spiela des An iin ellek ualismus –
man kann sie be ei s bei konse a i en Denke n wie Edmund Bu ke inden –, sonde n um
die auch wei e hin am häu igs en au e ende Va ian e. Zwei ens läss sich in de Konse-
quenz da on An iin ellek ualismus sp echen, wo abs ak es Wissen nich pe se abgelehn ,
abe s e s als ela i he abges u und behaup e wi d, die eine Wah hei gebe es übe haup
nich . Das wollen wi den pos mode nen An iin ellek ualismus nennen. Schließlich de d i -
e Fall, de sich indes so wei on seine U sp ungs a ian e en e n ha , dass die F age be-
ech ig e schein , ob e noch zu gleichen Familie on Denks ilen gehö : An iin ellek ualis-
mus als al e na i e Wissenscha ode als Simula ion on Wissenscha .
Zwa e en alle d ei Va ian en zu allen Zei en au , und einmal ü sie sensibilisie , kann
man sie in Ansä zen be ei s bei Ho s ad e hineinlesen. Alle dings we den sie zu un e -
schiedlichen Zei en i ulen : die e s e Va ian e sei den 1960e Jah en; die zwei e sei den
2000e Jah en; die d i e sei den 2010e Jah en, als es mi dem Au s ieg des In e ne s und
de dadu ch einhe gehenden Demok a isie ung des Wissens möglich wu de, jede zei und
zu jedem Thema Gegenexpe en und Gegenexpe isen zu mobilisie en.
2. An iin ellek ualismus als Anschauung om Common Sense
Wie ie de An iin ellek ualismus im ame ikanischen Denken und im poli ischen Disku s des
Landes e anke is , das wu de in diesem Band be ei s e wähn . En scheidend ü unse e
A gumen a ion is alle dings, dass e s in den 1960e Jah en – nich zu ällig das Jah zehn ,
in dem die Hype pola isie ung de gegenwä igen ame ikanischen Poli ik ih e Wu zeln ha
– de An iin ellek ualismus endgül ig nich länge on allen poli ischen Ak eu en gleiche -
maßen genu z wi d. S a dessen inde e je z eine es e poli ische Heima und wi d on
Ame ikas Konse a i en quasi ü die eigenen Zwecke e einnahm . Es sind konse a i e
In ellek uelle und Poli ike de Republikanischen Pa ei, die ihn als wich igen Baus ein inne -
halb eine populis ischen E zählung nu zen, die sie in diesem Jah zehn libe ale Dominanz
aus de Bedeu ungslosigkei he ausholen soll. Da on wi d noch die Rede sein.
1
Diese An iin ellek ualismus is zunächs eine Reak ion au die a sächlichen Ve ände-
ungen au de Gegensei e. Denn eben jene Libe alismus schein An ang/Mi e de 1960e
Jah e nich nu in hohem Maße dominan und meh hei s ähig. E wähn sich auch ganz
eindeu ig mi den K ä en des Fo sch i s im Bunde. Vielleich niemals zu o ha en In el-
lek uelle einen so sich ba en Zugang zu Mach gewonnen wie An ang de 1960e Jah e in
den Regie ungen John F. Kennedys und seines Nach olge s Lyndon B. Johnson. Kennedy
1 Vgl. zum Zusammenspiel on An iin ellek ualismus und Populismus insgesam Lü jen 2016.
Lü jen: Vom »Common Sense« zu den »Al e na i e Fac s«  | 149
selbs ha e dabei ak i an die o allem om Soziologen Daniel Bell ausgelös e Deba e
um ein e mein liches »Ende de Ideologien« angeknüp : Nach de E schöp ung de al en
Wel anschauungen und de ideologischen Al e na i en, so Bell, wa alles, was blieb, de
S ei übe echnische F agen inne halb eine allgemein akzep ie en O dnung aus libe a-
le Demok a ie und egulie em, wohl ah ss aa lichem Kapi alismus.2 In seine be ühm en
Rede an de Yale Uni e si y on 1962 sp ach Kennedy da on, dass die P obleme de Zukun
le z lich echnische und nich meh länge poli ische Na u seien und es dahe gel e, den
wissenscha lichen Sach e s and in all seinen Po enzialen endlich ollends zu nu zen: »The
ac o he ma e is ha mos o he p oblems ha we now ace a e echnical p oblems, a e
adminis a i e p oblems. [They] deal wi h ques ions which a e now beyond he comp ehen-
sion o mos men.«3
»The bes and he b igh es « woll e Kennedy ek u ie en und so gingen nich nu zahl ei-
che In ellek uelle im Weißen Haus ein und aus. Auch begann in diese Zei de Ausbau on
wissenscha lichen Expe ens äben, am symbol äch igs en mi de E ablie ung des »Coun-
cil o Economic Ad iso s« un e ih em Vo si zenden, dem S a ökonomen Wal e Helle . Es
wa en aglos Zei en g oße E wa ungen, o allem un e Kennedys Nach olge Lyndon
B. Johnson, de mi seinem P ojek de »G ea Socie y« die A chi ek u on S aa und Ge-
sellscha g undlegend umbauen woll e. Die Poli ik sah sich in die Lage e se z , du ch
o ausschauende Planung und mi wissenscha liche Expe ise die g oßen Malaisen de
ame ikanischen Gesellscha aus de Wel zu scha en.4
Zumindes gemessen an den iesigen und auch öllig übe spann en E wa ungen schei-
e en die g oßen Ambi ionen. Wede wu de de on Johnson ausge u ene »Wa on Po e y«
gewonnen, noch soll e es in de Zukun gelingen, mi Hil e keynesianische Finanzpoli ik
das Au und Ab des Kapi alismus zu bändigen. Und noch an eine ande en, ganz sp ich-
wö lichen F on zeig en sich die G enzen des echnok a ischen Poli ikmanagemen s: im Vi-
e namk ieg, wo es un e Füh ung des ehemaligen Fo d-Manage s und begeis e en Adep en
wissensbasie e Poli ik, des Ve eidigungsminis e s Robe McNama a, zu eine Ke e on
ka as ophalen Fehleinschä zungen kam.
Es wa en nich alleine die G enzen des echnok a ischen Poli ikmanagemen s, die in de
Folge dem An iin ellek ualismus Au ieb gaben; da ü wa e his o isch zu ie e wu zel .
Abe es be eue e den Backlash gegen »die« Expe en und es so g e ü Spal ungen inne -
halb des U.S.-Libe alismus selbs , dem einige seine alen ie es en Köp e on den Fahnen
gingen. Das gal o allem ü eine bekann e G uppe on In ellek uellen – die sogenann en
Neokonse a i en um I ing K is ol. Ve bindendes Me kmal diese G uppie ung wa zu-
nächs die gemeinsame Ve gangenhei : Fas alle on ihnen wa en Renega en aus dem Lage
de poli ischen Linken, da un e iele T o zkis en. Au ih e Reise nach ech s ha en sie
2 Vgl. Bell 1960.
3 Zi ie nach Fische 1990, 98.
4 Vgl. Lü jen 2010.
150 | An iin ellek ualismus. Ein unwah scheinliche Klassike
eine
ku ze ideologische Zwischens a ion im ame ikanischen Libe alismus gemach – um
dann schnell ih En se zen übe die, wie sie es emp anden, ka as ophalen Konsequenzen
de Re o mpoli ik de 1960e Jah e zu äuße n. Diese e ehl e nich nu ih e ambi ionie en
Ziele, sonde n ha e die P obleme noch e schlimme , denn de S aa , so mein en sie, wa
bei seine In e en ion wei übe das Ziel hinausgeschossen und bed oh e mi le weile das
ame ikanische F eihei s e sp echen. Schuld da an wa ih e Ansich nach eine linkso ien ie -
e, selbs e nann e Eli e on Expe en und In ellek uellen, die o gaben, Gesellscha en am
Reißb e en wickeln zu können und ü die alles nu eine F age de ich igen Sozial echnik
wa – und die da übe e gaßen, dass es P inzipien wa en, die Ame ika als Na ion gemach
ha en. So wa en die USA, ihnen zu olge, schließlich au dem Weg in den »nanny-s a e«.5
Au diese Weise ha e die K i ik am In ellek uellen eine neue Dimension e hal en: Bis in
die 1950e Jah e hinein ziel e die K i ik au den In ellek uellen als Ideologen, de sub e si es
Gedankengu e b ei e e – solche Au assungen ha en e wa eine g oße Rolle gespiel beim
Ang i de ha en An ikommunis en Joseph McCa hy und Richa d Nixon au ame ikanische
Eli euni e si ä en. Je z abe ziel en die Ang i e au den In ellek uellen als kal en Techno-
k a en, de un e Missach ung de ame ikanischen Demok a ie seine sozialen Expe imen e
du ch üh e und mi kal e Ve ach ung au den »a e age man« schau e. Zum Feindbild de
Neokonse a i en a ancie en neben den »Washing one Bü ok a en« die P o esso en de
Eli euni e si ä en an de ame ikanischen Os küs e. Liebe wü de e sich on den e s en 2.000
Namen im Bos one Tele onbuch egie en lassen als on den 2.000 P o esso en de Ha a d-
Uni e si ä , höhn e einmal William F. Buckley, de G ünde des konse a i en Na ional Re-
iew und eine de Pa en des mode nen ame ikanischen Konse a i ismus.6
Wie in ielen ande en Fällen ging hie ein a ikulie e , aus o mulie e An iin ellek ualis-
mus on In ellek uellen selbs aus – und zwa in de Regel on jenen, die als eine A Gegen-
eli en bishe ehe eine pe iphe e Posi ion eingenommen ha en und nich Teil eines ela i en
Eli enkonsens gewesen wa en. Abe wi kliche Massenwi kung en al e e das Ganze e s , als
üh ende konse a i e Poli ike diese E zählung au nahmen. Die Chimä e de »libe alen Eli e«
wa dabei ziemlich hil eich, wenn es da um ging, die lange Zei dominan e New Deal-Ko-
ali ion de Demok a en zu ze s ö en und ihnen einen g oßen Teil de weißen A bei e klasse
abspens ig zu machen. Es wa , wie die populis ische S a egie insgesam , de Ve such, die
sozio-ökonomische Kon lik linie mi eine kul u ellen zu übe sch eiben. Denn besonde s
populä wa en die Ang i e au Sozialp og amme nich , ebenso wenig wie de allgemeine
libe ä e Ru de Republikane nach »small go e nmen «. Was abe a sächlich e ing in de
ame ikanischen A bei e klasse, das wa eben jenes Ressen imen gegenübe eine abgeho-
benen, u banen Eli e, die mi Ve ach ung au » ly-o e -Ame ica« schau e und in Wah hei
keine Ahnung da on ha e, was im Land wi klich o sich ging.
5 Vgl. S ein els 1979 sowie Nash 1979.
6 Vgl. Fa be 2010, 47.
Lü jen: Vom »Common Sense« zu den »Al e na i e Fac s«  | 151
Auch Race spiel e in diesem P ozess on An ang an eine g oße Rolle. Denn de e s e
Poli ike , de An iin ellek ualismus zu seinem Kennzeichen mach e, wa de Gou e neu
on Alabama, Geo ge Wallace. Wallace wa zwa Demok a , abe eben o de g oßen
Zei enwende des »Sou he n ealignmen «, in dessen Folge de ex em konse a i e Süden
e s beginnen soll e, epublikanisch zu wählen. E wa dahe o nehmlich ein übe zeug e
Anhänge de ak ischen Rassen ennung in den S aa en des ame ikanischen Südens. Neben
allem ande en, womi e seinen Rassismus legi imie e, spiel e An iin ellek ualismus eine
zen ale Rolle. Es wa wohl zwischen blankem Zynismus und a sächliche Unwissenhei
angesiedel , wenn e und ande e den »Sou he n Way o Li e« e eidig en und mein en,
dass Leu e on außen kaum beu eilen könn en, was ü das Land und seine Bewohne das
Rich ige sei. Wallace ä z e gegen » heo e icians« und »pseudo-in ellec uals«, die glaub en,
dass ein Plan aus ih e Schublade übe all im Land unk ionie en müsse. Was wuss en sie
schon on den komplizie en Ve häl nissen o O ? Wie konn en Menschen, die sich nie-
mals bei de A bei die Hände schmu zig gemach ha en, übe haup ande en Leu en e was
o sch eiben wollen?
Ve mu lich wa de Mann aus Alabama, de dann bei de P äsiden scha swahl 1968 be-
äch liche E olge als Kandida de unabhängigen »Independence Pa y« eie e, auch eine
de e s en, de sich exzessi als Rep äsen an des »a e age man« e ma k e e, bisweilen bis
zu Selbs sa i e. Wallace ug aus P inzip geb auch e Anzüge und bekunde e s olz, au jede
seine Mahlzei en Ke chup zu schü en – alles, um sich als au hen ische Ve e e on »Middle
Ame ica« zu inszenie en.7 Das kling gewiss banal, abe es wa ein wich ige Teil de Ve äch -
lichmachung on allem, wogegen de An iin ellek ualismus sich ich e e: gegen die e mein -
liche A oganz und Abgehobenhei des u banen Ame ika, seine e mein lichen Lus an de
Dis ink ion, seine Unwissenhei übe das, was die Du chschni same ikane um ieb.
Wallace und seine Pose wu den o an on Gene a ionen epublikanische Poli ike ko-
pie . Richa d Nixon wa dazu habi uell noch nich in de Lage, abe e lie e e da ü die
ich igen he o ischen Ve sa zs ücke. Da wa de Slogan on de »silen majo i y« – jene e -
mein lichen Meh hei ech scha ene , abe eigen lich ganz unpoli ische Ame ikane , die au
die E schü e ungen de 1960e Jah e mi Abweh eagie en. Auch die damals einse zende
He ze gegen die »libe alen Medien« üh e Nixon in den Disku s ein. So e lau ba e Nixons
ein luss eiche Redensch eibe Pa ick Buchanan: »The e is no elemen in Ame ican li e mo e
ou o ouch wi h he conce ns and belie s o he common man han he libe al p ess.«8
Seine epublikanischen Nach olge im Weißen Haus wie Ronald Reagan und Geo ge W.
Bush muss en nu noch, in Anknüp ung an Wallace, ein S ück hemdsä melige Volks üm-
lichkei hinzu ügen. Insbesonde e Bush, de an de Basis lange Zei ex em populä wa ,
bis das Desas e im I ak und die Finanzk ise ihn delegi imie en, spiel e mi dem Image des
b ei beinigen Texane s, de im Zwei el liebe seinem Bauchge ühl als den Emp ehlungen
7 Vgl. Lü jen 2016, 59–61 (Anm. 64).
8 Buchanan 1973, 22.

152 | An iin ellek ualismus. Ein unwah scheinliche Klassike
i gendwelche Expe en e au e.9 Reagan und Bush wa en dami äuße s e olg eich, ge-
lang es ihnen doch imme wiede , ih e Wide sache on den Demok a en als eli ä e und
e snob e Schnösel zu ka ikie en.
Die Obama-Jah e sahen dann nich nu einen g oßen Backlash gegen den e s en Schwa -
zen im Weißen Haus – sonde n gegen den ielleich e s en In ellek uellen im Zen um de
Mach . Es lag inso e n wohl in de Logik des Ganzen, dass sich auch de An iin ellek ua-
lismus in seine In ensi ä s eige e. Vo allem wu de e in gewisse Weise au hen ische .
Bei Bush und ande en Konse a i en, allesam Absol en en on I y-League-Uni e si ä en,
wa die Ve ach ung de In ellek uellen o noch Pose gewesen. De U.S.-Konse a ismus
ha e schließlich imme schon ein me kwü diges Janusgesich gehab : T o z de ei e nden
In ellek uellen eindscha wa en die Republikane pa adoxe Weise o als »Pa ei de Ideen«
bezeichne wo den. In epublikanisch dominie en Kabine en spiel en In ellek uelle sei
Reagan o eine p ominen e Rolle; und auch die zahl eichen konse a i en Think Tanks
ha en mi ih en Konzep en s e s g oßen Ein luss au die poli ische Agenda de Pa ei ge-
hab , was eilich nich imme segens eich sein muss e – denk man nu an die Ka as ophe
des I akk ieges, dessen G undzüge do am Reißb e als »democ acy p omo ion« und »s a e
building« o gedach wo den wa en.
Die neuen Ma ado en des U.S.-Konse a ismus abe mach en sei den Obama-Jah en
e ns . An iin ellek ualismus wa ü sie keine Disku ss a egie meh , sonde n ie e inne -
lich , wu de übe haup essen imen geladene , agg essi e , gei e nde . Niemand e kö pe e
das – einige Jah e o T ump und in ielem ein Fanal ü alles, was noch olgen soll e – bes-
se als Sa ah Palin, die Gou e neu in aus Alaska, die 2008 an de Sei e on John McCain
als Vizep äsiden in kandidie e und übe Obama mein e: »We need a commande in chie ,
no a p o esso o law s anding a he lec e n.« Palins An iin ellek ualismus wa meh als
nu S a egie, wa nich nu eine kalkulie e P o oka ion, obwohl e das gewiss auch wa .
Palin muss e sich ga nich e s ellen: »Sa ah Ba acuda« ha e, mi Ve laub, bei ielen
Sach hemen o keinen blassen Schimme . Doch sie zeleb ie e das ö mlich, eie e sich
so als au hen ische Ve e e in des ame ikanischen »hea land«. Jedes Mal, wenn sie ih e
Unwissenhei lus oll zu Schau s ell e und die »Mains eammedien« sie da ü a ackie en,
lie alles nach dem D ehbuch de populis ischen E zählung: Dann wa en es wiede die a o-
gan en »Eli en«, die nich e agen konn en, dass endlich jemand aus de Mi e des Volkes,
nämlich die »hockey mom« Sa ah Palin aus Wasilla, Alaska, bis ganz nach oben s eb e. Die
Eh e bie ung ü Palin – de en Schwächen manche ih e Anhänge du chaus sahen – zeig e,
wie g oß mi le weile de Hass au alles wa , was jensei s de eigenen Lebenswel lag und
nich genau das bes ä ig e, was man doch ganz siche zu wissen glaub e.
In e essan e schein übe dies, dass An iin ellek ualismus eigen lich o männlich konno-
ie wa . Palin abe e kö pe e einen u ame ikanischen My hos, de nachge ade kongenial
mi An iin ellek ualismus ko espondie e: den My hos de »Pionie au«, die an de äuße s-
9 Vgl. Jacoby 2009.
Lü jen: Vom »Common Sense« zu den »Al e na i e Fac s«  | 153
en F on ie – de wes lichen G enze, an de Wildnis und Zi ilisa ion au einande e en
– des Landes ih en Pos en hiel und dabei oughe wa als all die e weichlich en Männe .
We b auch e schon zu wissen, dass No dko ea und Südko ea zwei un e schiedliche Län-
de wa en, wenn man, so die mediale Selbs inszenie ung, in de F eizei am liebs en mi
dem eigenen Nachwuchs schwe bewa ne du ch den Schnee s ap e, Elche e leg e und sie
gleich eigenhändig ausweide e?10
Das alles läss sich noch e zählen im Rahmen de e s en Va ian e des An iin ellek ualis-
mus als oman ische und an i a ionalis ische Sich weise, die mi de Gegenübe s ellung on
abs ak e Theo ie und konk e e P axis spiel e und au Common Sense e au . Auch bei
T ump spiel e diese e s e Va ian e eine g oße Rolle, wa es doch Teil seines Appeals, eben
ein Mann zu sein, de eale Dinge bau e, eale A bei splä ze gescha en ha e, ande s als
die poli ische Klasse, die sich bei ih e Wi scha spoli ik au die Expe isen i gendwelche
Ökonomen s ü z e: de Un e nehme als Ve kö pe ung des ame ikanischen T aums, de
seinen E olg na ü lich seinem Sinn ü das P ak ische und nich dem Abs ak en und Theo-
e ischen e dank e. Wie de ame ikanische His o ike Michael Kazin in seine b illan en
S udie zu Geschich e des U.S.-ame ikanischen Populismus he ausgea bei e ha , spiel e die
Ideologie des ›p oduce ism‹ imme schon eine g oße Rolle: die Gegenübe s ellung jene , die
ak i in den P oduk ionsp ozess eingebunden sind (klassenübe g ei end om A bei e bis
zum CEO), und jenen, die on den F üch en diese A bei leben, om S aa sbeam en bis
eben hin zum In ellek uellen.11 Ode wie es o einigen Jah en i ualisie au epublikani-
schen Pa ei agen hieß: »I buil ha !«
3. Pos mode ne An iin ellek ualismus
Wie gesag : An iin ellek ualismus als an i a ionalis ische, oman ische Geis eshal ung, das
is und bleib de dominan e S ang – und auch de de jenige mi de längs en T adi ion.
Doch sei den 1960e Jah en ha diese An iin ellek ualismus sich wei e en wickel und wei-
e e Nebens änge ausgebilde . Die zwei e Va ian e, um die es hie gehen soll, is dahe de
pos mode ne An iin ellek ualismus: die Rela i ie ung wissenscha liche E kenn nisse als
imme nu pa ielle Ausschni e de Reali ä , wie übe haup die Weige ung, eine einzelne
Beobach e posi ion gegenübe ande en o zuziehen.
Na ü lich schein das ein Wide sp uch zu sein: De ame ikanische Konse a ismus, diese
Heims a ie gläubige und, jeden alls in Teilen, undamen alis ische Ch is en, die keinen
Zwei el haben an de Exis enz le z e Wah hei en, nimm plö zlich Anleihen bei ein paa
go losen anzösischen Theo e ike n? Be o Ame ikas Konse a i e die C i ical Race Theo y
als G undübel de Na ion en deck en, we e en sie in den 1980e und 1990e Jah en a -
10 Vgl. Lü jen 2016, 119–121.
11 Vgl. Kazin 1995.
154 | An iin ellek ualismus. Ein unwah scheinliche Klassike
sächlich gegen die e mein lich mi pos mode nen Theo ien ollges op en Cu icula ame-
ikanische Uni e si ä en, in denen den S udie enden beigeb ach we de, es gebe keine un-
ums ößlichen P inzipien, keine na ü liche O dnung de Dinge, nich einmal die Wah hei ,
sonde n nu e schiedene In e p e a ionen eine sowieso imme schon sozial kons uie en
Wi klichkei .12
Und in de jüngs en Ve gangenhei ? Sp ach e wa Donald T umps P essesp eche in im
Weißen Haus, Kellyanne Conway, on »al e na i e ac s«, wenn es da um ging, die o en-
sich lich alschen Angaben zu Zahl de Teilnehme bei de Am sein üh ung des P äsiden-
en zu ech e igen. Diese me kwü dige Rech e igung eine du ch ein gek änk es Ego
ausgelös en o ensich lichen Unwah hei hä e abe nich eine solche Ka ie e sam eigenem
Wikipedia-Ein ag machen können, wenn sich in ih nich de gesam e Umgang T umps mi
Wah hei mani es ie en wü de. Als e s e »pos mode n P esiden « gal T ump ielen, weil
seine Lügen so un e s ell wa en, so leich zu wide legen, so wenig In e esse da an zu be-
s ehen schien, übe haup die »Fak en« au seine Sei e zu haben, dass einige da in meh sa-
hen als nu die Schamlosigkei eines pa hologischen Lügne s. Sowohl on libe ale als auch
on konse a i e Sei e wu de T umps P äsiden scha dahe als ge ech e S a e ü einen
Zei geis in e p e ie , de im Namen de Pos mode ne schon lange einem Rela i ismus das
Wo ede, de keine objek i en Wah hei en, sonde n nu noch subjek i e S andpunk e
kenne. Solche lei geschwäch , so geh diese These wei e , hä en die eien und o enen
Gesellscha en des Wes ens keine An ikö pe meh besessen, um das Eind ingen des »pos -
ak ischen Vi us« zu e hinde n.13
Nun is das alles nich nu ein populä es Ze bild dessen, was de Beg i de Pos mode -
ne bezeichne , de en Denke na ü lich niemals behaup e haben, es gebe keine objek i en
Wah hei en meh . Man da wohl da on ausgehen, dass T ump seine Abende nich doch
im Geheimen mi de Lyo a d-ode De ida-Lek ü e e b ing . Plausibel abe is , dass die
g undsä zliche E ah ung de Mode ne, dass die Wel o mba is , sie auch eine ande e sein
könn e und wi uns angehal en ühlen, eine ande e Wi klichkei hin e de e mein lichen
zu en decken, du chaus einen Resonanzboden ü T umps Unwah hei en abgeben. Zudem
sind seine Lügen, wie ande e e mu en, un e hüll e Mach demons a ionen: Seh he , ich
bin so mäch ig, dass ich behaup en kann, dass zwei und zwei gleich ün sind; und niemand
kann mich da an hinde n – ein e i able »powe mo e« à la Pippi Langs ump .
Auch das ha T ump nich e unden – diese Ve bindung aus pos mode ne Wi klichkei s-
anzwei lung gepaa mi einem an Ca l Schmi geschul en zynischen Dezisionismus. Im
ame ikanischen Konse a ismus schein diese zwei e Va ian e des An iin ellek ualismus sei
den ühen 2000e Jah en einen es en Pla z zu haben. Jeden alls wa en es die e s en Geo ge
W. Bush-Jah e, in denen man A gumen e diese A e nehmen konn e; und zwa aus dem
Inne en de Regie ung selbs , in de sich nich zu ällig eine ganze Reihe on Adep en des be-
12 Vgl. beispielha Bloom 1987.
13 Vgl. Hanlon 2018.
Lü jen: Vom »Common Sense« zu den »Al e na i e Fac s«  | 155
üch ig en deu schen S aa s ech le s ummel e. Besonde s e hellend wa damals ein A ikel,
den Ron Suskind 2004 ü das New Yo k Times Magazine e ass e. Da in zi ie e Suskind
einen anonym bleibenden Be a e Bushs (de spä e on ielen als Ka l Ro e iden i izie
wu de), de die Meinung des P äsiden en eams übe Jou nalis en kund a . Diese seien eben,
mein e e abschä zig, Teil de » eali y-based communi y«, Menschen, die a sächlich glaub-
en, dass Lösungen sich aus de so g äl igen Analyse eine iden i izie ba en Reali ä e gä-
ben. So abe , eil e de Be a e Suskind mi , wü de die Wel nich meh unk ionie en. Im
Weißen Hause scha e man du ch die eigenen Handlungen eigene Reali ä en. Wäh end die
» eali y-based communi y« – man könn e sagen: die »Reali ä sgläubigen« – noch e such-
en, diese neue Reali ä zu e s ehen, sei man längs dabei, neue Reali ä en zu scha en – die
die Jou nalis en und ande e »Reali ä sgläubige« dann wiede un e suchen könn en und so
wei e und so o :
»Tha ’s no he way he wo ld eally wo ks anymo e […] We’ e an empi e now, and when
we ac , we c ea e ou own eali y. And while you’ e s udying ha eali y – judiciously,
as you will – we’ll ac again, c ea ing o he new eali ies, which you can s udy oo, and
ha ’s how hings will so ou . We’ e his o y’s ac o s […] and you, all o you, will be le
o jus s udy wha we do.«
14
Vielleich üh aus diesem Fli mi dem Pos mode nismus de gegenwä ige Hang de Spin-
Dok o en de Bewegung, übe haup nich so seh au die Du chse zung eines eigenen Mas-
e na a i s zu se zen, sonde n ehe da au , dass sich nich jenes de Gegensei e du chse z ,
um om en s andenen epis emologischen Chaos zu p o i ie en. »Flooding he zone wi h
shi «, wie T umps Be a e S e e Bannon es eins bezeichne e: So iele Gegenin o ma ionen
so daue ha zu e b ei en, bis die G enzen zwischen Wah hei und Fik ion ü iele Bü ge
nich meh auseinande zuhal en sind.
4. An iin ellek ualismus als Wissenscha ssimula ion
Die d i e Va ian e des mode nen An iin ellek ualismus is au die zwei e eng bezogen, meh
noch: Ohne die G undbedingungen, die den pos mode nen An iin ellek ualismus möglich
gemach haben, könn e es die d i e Va ian e ga nich geben. Auch sie leb da on, dass de
Glaube an eine zen ale Au o i ä geschwunden is , auch sie is ein P oduk de »epis emo-
logical wa s« unse e Zei . Gleichzei ig is es au den e s en Blick abe nich so eindeu ig,
ob sie sich übe haup o ensi gegen Expe en und In ellek uelle ich e – da sie sich de en
Denkmus e , Sp ache und Me hoden selbs o ensi bedien .
14 Zi ie nach Block 2018, 28.