| 17
Benjamin Gi el
Was sind li e a ische P ak iken?1
Abs ac
1
Bei dem o liegenden Bei ag handel es sich um eine e heblich gekü z e Fassung des e s en Kapi els aus
Gi el 2021.
2 Zuweilen wi d diese E wa ung soga explizi zu ückgewiesen: »In diese on Bou dieu en wickel en O ien ie ung
bemühen sich p axis heo e ische Pe spek i en also nich e wa ›posi i ‹ um die Bean wo ung de (im G unde
›scholas ischen‹ F age), was denn eine soziale P ak ik is und wodu ch sie on ande en, abe e wand en Phäno-
menen (e wa ›Handlung‹, ›Ve hal en‹, ›In e ak ion‹ ode ›Kommunika ion‹) un e scheide « (Schmid 2012, 36)
.
Agains he backg ound o a boom in p axeologi-
cal esea ch app oaches in he social and ex ual
sciences, he a icle a emp s (a) o cla i y e-
le an concep s such as ›social p ac ice‹, ›social
ins i u ion‹, › ule‹ o ›con en ion‹, (b) o cha ac-
e ize a pa icula ype o social p ac ice, li e a y
p ac ices, in mo e de ail, and (c) explain hei
basic mode o ope a ion. Acco ding o he pic u-
e ske ched ou , li e a y p ac ices a e asymme-
ical p ac ices ha consis o mu ually in e e-
la ed p oduc ion p ac ices and eading p ac ices
and a e cha ac e ized by a complex in e play o
li e a y s anda ds, hypo he ical impe a i es,
con en ions in he sense o Da id Lewis, as well
as non-coo dina ing con en ions.
Sei de sogenann e p ac ice u n um die Jah ausendwende zum Schlagwo wu de, haben
e schiedene Fo schungsp og amme un e Labels wie ›P axeologie‹ ode ›P axeog a ie‹
in
un e schiedlichen Disziplinen – da un e auch die Li e a u - und Kul u wissenscha en – K
on-
junk u . Nu sel en wi d jedoch (eingehende ) e läu e , was mi Beg i en wie ›sozialen
P ak iken‹, ›sozialen Regeln‹, ›li e a ischen P ak iken‹ ode ›li e a ischen Kon en ionen‹ ge-
mein is .
2
De o liegende Bei ag möch e hie Abhil e scha en, indem e die Beg i e ›so-
ziale P axis‹ und ›soziale Ins i u ion‹ explizie (Abschni 1), die in diesem Zusammenhang
ele an en Beg i e ›E wa ung‹, ›Kon en ion‹, ›No m‹, ›Regel‹ und ›S anda d‹ di e enzie
(Abschni 2) und die Besonde hei en soziale li e a ische P ak iken und ih e Regeln e -
läu e (Abschni 3). En wo en wi d dabei nich zule z ein Modell de Funk ionsweise
Kiel-UP •
h ps://doi.o g/10.38072/2751-9821/p11
18 | POEMA 2.2024
li e a ische P ak iken,
3
das zu Besch eibung konk e e Kons ella ionen he angezogen, e -
wei e ode auch modi izie we den kann.
4
1. Soziale P axis und soziale Ins i u ion
Obwohl de Beg i ›soziale P axis‹ sei länge em in ielen e schiedenen Disziplinen Kon-
junk u ha , gib es keinen einhei lichen Beg i ›soziale P axis‹. Wenn es übe haup einen
kleins en gemeinsamen Nenne e schiedene De ini ions e suche gib , so bes eh e da-
in, dass (in e indi iduelle) Ve hal ens egelmäßigkei en ü das Vo liegen eine sozialen
P axis wesen lich sind.
5
Eine häu ig zi ie e soziologische Beg i sbes immung lau e e wa:
[A] ›p ac ice‹ […] is a ou inized ype o beha iou which consis s o se e al
elemen s, in e connec ed o one o he : o ms o bodily ac i i ies, o ms o
men al ac i i ies, › hings‹ and hei use, a backg ound knowledge in he o m
o unde s anding, know-how, s a es o emo ion and mo i a ional knowledge.
A p ac ice – a way o cooking, o consuming, o wo king, o in es iga ing, o
aking ca e o onesel o o o he s, e c. – o ms so o speak a ›block‹ whose
exis ence necessa ily depends on he exis ence and speci ic in e connec ed-
ness o hese elemen s, and which canno be educed o any one o hese
single elemen s. (Reckwi z 2002, 249–250)
Diese Beg i sbes immung e mi el eine sei s einen gu en Eind uck on de Vielzahl
an Elemen en, die man zum komplexen Um eld des Beg i s ›soziale P ak iken‹ echnen
kann. Ande e sei s is die Beg i sbes immung nich sonde lich ennscha , da seh iele,
wenn nich alle A en ou inie en Ve hal ens ( ou inized ypes o beha iou ) in einem
wenig ansp uchs ollen Sinne au den au gezähl en Elemen en be uhen (depends on)
dü en. Auch die au gezähl en kons i u i en Elemen e selbs scheinen sich nich unbe-
ding ü eine li e a u wissenscha liche Un e suchung au zud ängen, um assen sie doch
kö pe liche Ak i i ä en, den Umgang mi ›Dingen‹ und nich ohne Wei e es zugängliche
men ale Zus ände.
3
Die Beg i e ›P axis‹ und ›P ak ik‹ we den in diesem Bei ag synonym e wende . Ans a des ungeb äuchlichen
und po enziell i e üh enden Plu als ›P axen‹ e wende ich – aus ein s ilis ischen G ünden – hie wie im Fol-
genden den Beg i ›P ak iken‹.
4
Vgl. dazu auch Anm. 32.
5
Vgl. u.a. Ha 2012 [1961], 255; Rawls 1955; Reckwi z 2002, 249–250.
Gi el: Was sind li e a ische P ak iken? | 19
Einen ande en, ü die F ages ellungen diese A bei geeigne e en P axisbeg i ha o
ge aume Zei John Rawls um issen. »Social p ac ice« sei
a so o echnical e m meaning any o m o ac i i y speci ied by a sys em o
ules which de ines o ices, oles, mo es, penal ies, de enses, and so on, and
which gi es he ac i i y i s s uc u e. (Rawls 1955, 3, Anm. 1)
Auch hie is on A en des Ve hal ens ( o ms o ac i i ies) die Rede, das zen ale Elemen
dieses Vo schlags jedoch sind Regeln, die de P axis e s ih e S uk u e leihen und be-
s imm e sekundä e Elemen e wie Au gaben ode P lich en (o ices), Rollen, legale Züge
(mo es), S a en und Delik e (de enses) es legen. So eingängig und sugges i Rawls Vo -
schlag, de sich in eine Fußno e seines Au sa zes zum Regelbeg i inde , auch sein mag,
kann es sich bei ihm na ü lich nich um meh als einen in ui i en Ausgangspunk des o -
liegenden Bei ags handeln.
Die meines Wissens elabo ie es e Auseinande se zung mi dem Beg i de ›sozialen
P axis‹ und eine Abg enzung om e wand en Beg i de ›sozialen Ins i u ion‹ ha de
innische Philosoph Raimo Tuomela o genommen.
6
In seinem Vo schlag inden sich die
beiden bishe he o gehobenen Elemen e, die in e indi iduelle Ve hal ens egelmäßigkei
und die Regeln, die de P axis ih e S uk u geben, wiede . E de inie ›soziale P axis‹ mi
d ei Bedingungen als
(a) eine wiede hol on meh e en Indi iduen ausge üh e Handlung, die,
(b) mindes ens zum Teil, aus einem ge eil en sozialen G und (sha ed social eason),
nämlich eine Wi -Eins ellung (we-a i ude), ausge üh wi d,
(c) wobei diese soziale G und in dem Sinne ›p imä ‹ is , dass die Handlungen ohne
den sozialen G und nich ausge üh wü den.
7
Bedingung (b) dien dazu, soziale P ak iken on bloßen in e indi iduellen Ve hal ens e-
gelmäßigkei en abzug enzen. Mi eine Wi -Eins ellung mein Tuomela eine Fo m de kol-
lek i en In en ionali ä , die in ih e ein achs en Fo m dann o lieg , wenn ein Indi iduum
eine bes imm e Eins ellung E (eine In en ion, Übe zeugung ode Ziel) ha , glaub , dass die
Ande en in de G uppe eben alls die Eins ellung E haben und zusä zlich glaub , dass es
in de G uppe die gegensei ige Übe zeugung (mu ual belie e) gib , dass die G uppenmi -
gliede E haben. Demen sp echend bes eh de gemeinsame soziale G und ypische weise
da in, dass die Indi iduen wiede hol e was un, weil Ande e es auch un und dasselbe on
6
Vgl. Tuomela 2002. Wenige nü zlich ü die hiesigen Belange scheinen mi die neue en Übe legungen on
Ludge Jansen, de den Zusammenhang zwischen sozialen P ak iken und Ins i u ionen kaum hema isie und
me kwü dige weise nu am Rande au Tuomela Bezug nimm . Vgl. Jansen 2017, insbes. Kap. 9.
7
Vgl. Tuomela 2002, 94, 96.
20 | POEMA 2.2024
jedem in de Bezugsg uppe e wa en. Ein ypisches Beispiel hie ü wä e das wöchen liche
T eppenhaus-Reinigen in einem ge eil en Wohnhaus. Das Regenschi m-Au spannen bei
einse zendem Regen is hingegen keine soziale P axis, sonde n lediglich kollek i es Han-
deln (collec i e ac ion), weil es aus pe sönlichen G ünden (dem Nich -nass-we den-Wollen)
geschieh . De gemeinsame soziale G und kann, e wa bei B äuchen ode T adi ionen, auch
die Fo m de in de Bezugsg uppe ge eil en Übe zeugung annehmen, dass es in eine be-
s imm en Si ua ion angemessen is , so und so zu handeln, weil Ande e so und so in de
gleichen Si ua ion gehandel haben bzw. handeln wü den. Ein solche soziale G und e -
weis nich nu au eine spezielle Fo m on Regeln, sonde n wi d, wie in Abschni 3 noch
da zulegen, bei li e a ischen P ak iken eine wich ige Rolle spielen.
Die Fälle, in denen gegensei ige Übe zeugungen du chaus o liegen, jedoch nich
(wenigs ens zum Teil) G und des Handelns sind, nenn Tuomela soziale P ak iken in
einem schwachen Sinne (weak social p ac ice).8 Ein Beispiel wä e das mo gendliche Zäh-
nepu zen, das zwa mi dem gegensei igen Bewuss sein, dass die Ande en dasselbe un,
geschehen kann, jedoch nich aus diesem G und geschieh . Auch iele ins umen elle
A bei sp ak iken (z.B. Acke bau ode Kochen) sind dahe bes en alls soziale P ak iken in
einem schwachen Sinne.9
De Beg i ›soziale P axis‹ is nun undamen al, um zu bes immen, was soziale Ins i-
u ionen sind. Im ein achs en Sinne handel es sich bei sozialen Ins i u ionen um no mge-
s eue e sozi
ale P ak iken. B äuche und T adi ionen e wa können sich zu sozialen Ins i u-
ionen en wickeln, wenn die gegensei igen Übe zeugungen (dass es in eine bes imm en
Si ua ion angemessen is , so und so zu handeln, weil Ande e so und so in de gleichen
Si ua ion gehandel haben bzw. handeln wü den) in e wa ungsbasie e und gegebenen-
alls sank ionsbese ze No men umschlagen.10 Angenommen es ha sich in einem Do die
soziale P axis e ablie , jeden Sonn ag Fußball zu spielen. Dann kann es passie en, dass
sich eine No m de a he ausbilde , dass alle Jungen ab einem gewissen Al e da an eil-
nehmen soll en, und somi eine soziale Ins i u ion o lieg . Dabei is es nich no wendig,
dass eine wie auch imme gea e e Au o i ä diese No m als Regel es leg .11
Ein o ausse zungs eiche e Beg i on ›soziale Ins i u ion‹ mach es zu Bedingung,
dass eine En i ä (einem Objek , eine Pe son ode eine Ak i i ä ) ein neue beg i liche
und soziale S a us e liehen wi d. Wenn es e wa in besag em Do kollek i akzep ie
wi d, dass es sich beim sonn äglichen Fußballspielen um das ›Sonn agsma ch‹ handel , so
8
Bedingung (c) is o ensich lich eine kon a ak ische Bedingung, die eine mo i a ionale Wi ksamkei des sozi-
alen G undes o de . Wenn alle das T eppenhaus pu zen, weil sie es ge ne saube mögen und weil die Ande en
es on ihnen e wa en, so is nich en scheidend, was wich ige ü sie is , sonde n allein, ob sie das T eppen-
haus auch ohne den sozialen G und ge einig hä en.
9
Vgl. Tuomela 2002, 119–120.
10
Vgl. Tuomela 2002, 114–115.
11
Vgl. Tuomelas Un e scheidung on » -no ms« und »s-no ms«; au beiden können Ins i u ionen be uhen. Vgl.
Tuomela 2002, 164–167, 185.
Gi el: Was sind li e a ische P ak iken? | 21
is die soziale P axis eine soziale Ins i u ion in diesem s ä ke en Sinne. Rein empi isch dü e
die He ausbildung on No men, wie sie oben ü das Sonn agsma ch besch ieben wu den
und die die soziale P axis s uk u ie en, häu ig mi de He ausbildung ins i u ionelle Be-
g i e einhe gehen. Rein konzep uell lassen sich jedoch No men de Sp ach e wendung
ü das Label de P axis (›Sonn agsma ch‹) on No men de sozialen P axis selbs un e -
scheiden.
12
Auch is jemand, de die Sp achno men bezüglich des ins i u ionellen Konzep s
›Sonn agsma ch‹ akzep ie , nich e p lich e , an de sozialen P axis eilzunehmen.
Einen noch o ausse zungs eiche en Beg i ›soziale Ins i u ion‹ ha Sea le en wi-
ckel .13 Es handel sich um soziale P ak iken, die nich nu ins i u ionelle Konzep e mi
sich b ingen, sonde n auch S a us unk ionen und deon ische E ek e (deon ic powe s).
Solche Ins i u ionen sind nach Sea le wesen lich du ch sogenann e kons i u i e Regeln
de A ›X zähl als Y in Kon ex K‹ bes imm , e wa ein in bes imm e Weise bed uck es
Bla Papie ungie in Deu schland als Zahlungsmi el. An das ins i u ionelle Konzep
›Geld‹ knüp en sich also S a us unk ionen, die sich nich allein du ch die physikalischen
Eigenscha en des S a us äge s (das S ück Papie ), sonde n du ch kollek i e S a uszu-
sch eibung und kollek i e Akzep anz bes imm e da an geknüp e Rech e und P lich en
e geben: Man kann mi einem Geldschein bezahlen e c.
Ein le z e , ü die Li e a u wissenscha wenige in e essan e Beg i ›soziale Ins i u-
ion‹ bezeichne O ganisa ionen, die au Basis eines bes imm en E hos bes imm e Ziele
e olgen und ü ih e Mi gliede soziale Au gaben, Posi ionen und No men ausgebilde
haben. Beispiele ü Ins i u ionen in diesem Sinne wä en e wa die Uni e si ä , ›Ä z e ohne
G enzen‹ ode de P.E.N.-Ve band.
Abschließend läss sich also es hal en: Un e ›sozialen P ak iken‹ können in e indi-
iduelle
Ve hal ens egula i ä en e s anden we den, die im wei es en Sinne du ch Regeln
s uk u ie we den. Soziale P ak iken im s a ken Sinne sind du ch wiede hol on meh e-
en Indi iduen ausge üh e Handlungen gekennzeichne , die u.a. aus einem ge eil en so-
zialen G und ausge üh we den. Diese soziale G und bes eh ypische weise da in, dass
Ande e auch X un und dasselbe on jedem in de Bezugsg uppe e wa en, ode da in, dass
es angemessen is , X zu un. Bei sozialen P ak iken im schwachen Sinne liegen gegensei ige
Übe zeugungen o , dass ande e auch X un, doch we den die Handlungen nich aus einem
ge eil en sozialen G und ollzogen wie bei sozialen P ak iken im s a ken Sinne. Einige so-
ziale P ak iken ode G uppen on P ak iken sind da übe hinaus ›soziale Ins i u ionen‹. Bei
sozialen Ins i u ionen handel es sich um no mbasie e soziale P ak iken, die zudem einem
Objek , eine Pe son ode eine Ak i i ä einen neuen beg i lichen und/ode sozialen S a us
e leihen können. In besonde en Fällen knüp en sich an die en sp echenden ins i u ionellen
Konzep e S a us unk ionen, die bes imm e Rech e und P lich en e ablie en.
12
Vgl. Tuomela 2002, 166–167, 173–174.
13
Vgl. Sea le 1995; Sea le 2005.
22 | POEMA 2.2024
2. E wa ung, Kon en ion, No m, Regel und S anda d
Die Li e a u wissenscha is bislang nu wenig sensibel ü Un e schiede zwischen den
Beg i en ›Kon en ion‹, ›No m‹, ›Regel‹ und ›S anda d‹. De Regelbeg i wi d häu ig ohne
nähe e E läu e ung e wende und die Beg i e ›Kon en ion‹ und ›No m‹ we den eilweise
quasi-synonym geb auch ,
14
obwohl ih Ve häl nis alles ande e als ein ach is .
15
Hinzu
kommen e wand e Beg i e wie ›E wa ungen‹, ›E wa ungshal ungen‹ ode ›Vo sch i -
en‹, die au ähnliche Phänomene abzuzielen scheinen, jedoch mi un e seh Un e -
schiedliches bezeichnen.16
De allgemeins e de genann en Beg i e is siche lich ›Regel‹. E kann bekann lich so-
wohl au Regelmäßigkei en (umgangssp achlich: »Das Ve hal en de Plane en olg eine
Regel«) als auch au Regeln im Sinne on Kon en ionen, No men ode Gese zen e weisen.
Obwohl Regeln häu ig du ch Analogien mi Spiel egeln e läu e we den, is es wich ig zu
sehen, dass diese Analogie ih e G enzen ha .
17
Die Regeln on P ak iken wie na ü lichen
Sp achen, Julklapp ode li e a ischen P ak iken un e scheiden sich nämlich on Spiel e-
geln, wie zum Beispiel im Schach, mindes ens in zwei Hinsich en. E s ens haben diese Re-
geln einen ande en S a us, sie sind keine einmaligen Fes legungen wie Spiel egeln, sonde n
Abs ak ionen des gegenwä igen Handelns inne halb de P axis. Ih e p äsk ip i e K a
be uh wesen lich au Regula i ä en des Handelns in de Ve gangenhei . Dass Bananen im
Deu schen »gelb« und nich e wa »jelb« sind, be uh au Regeln des bishe igen Sp achge-
b auchs. Mi de sich e ände nden P axis e ände n sich auch die Regeln. Zwei ens sind
diese Regeln app oxima i , sie de e minie en im Gegensa z zu Schach egeln nich olls än-
dig, was ko ek und was inko ek is . Aus diesen beiden G ünden unk ionie die Rech -
e igung bzw. K i ik on ›Zügen‹ inne halb de P axis ande s und man kann de K i ik
imme ausweichen (»Ich habe Dialek gesp ochen«, »De Geb auch ha sich geände «, »Du
has mich doch e s anden, ode ?« e c.).
E wa ungen, Kon en ionen und No men können, in diese Reihen olge, als s eigend
o ausse zungs eiche Beg i e e s anden we den. E wa ungen we den gewöhnlich in
p ognos isch- ak uale (X wi d Y un/ Z is wah scheinlich) und no ma i e E wa ungen
14
V
gl. e wa: »Ga ungsno men sind also Kon en ionen, sie kons i uie en Modelle, die du ch Kon en ionen Gel ung
haben« (Raible 1980, 326) ode auch Till 2010, 74.
15
Schon 1981 s ell Manley Law ence es , de Beg i ›Kon en ion‹ e hal e seine Bedeu ung du ch eine »nea bu
incomple e synonymy« mi Beg i en wie »no m, ule, usage, law, cus om, habi , a «, de en Di e enzie ung
mi Blick au un e schiedliche Fo schungs elde »an immense and us a ing ask« wä e (Law ence 1981, 31).
Zwei de wenigen e ns ha en Di e enzie ungs e suche mi Blick au die li e a ische P axis sei he sind: Fokkema
1989; Olsen 2000.
16
De Beg i ›E wa ung‹ wi d zum Teil im Anschluss an Hans Robe Jaußʼ Beg i ›E wa ungsho izon ‹, gl. e wa
Gene e 1996 [1982], 14, abe auch o e minologisch e wende , gl. e wa F icke 1981, 133, 163 und ö e .
17
Vgl. zum Folgenden Mo awe z 1973, bes. 213–217, de au Basis diese Beobach ungen spielähnliche P ak i-
ken on P ak iken wie Sp ache ode Rech ssys em (Law) un e scheide .
Gi el: Was sind li e a ische P ak iken? | 23
(X soll e Y un/ Z soll e au e en) un e schieden.
18
No ma i e E wa ungen we den eil-
weise mi No men iden i izie .
19
Dies is jedoch misslich, da Kon en ionen ode No men
sich s e s an Handlungssubjek e ich en, abe nich mi men alen Eins ellungen on einzel-
nen Ak eu en iden i izie we den können. Eine no ma i e E wa ung kann au eine No m
be uhen, muss es abe nich .
De bei wei em ein luss eichs e Ansa z zu e hellen, was Kon en ionen eigen lich sind,
s amm on Da id Lewis aus dem Jah 1969.
20
Lewis analysie Kon en ionen als kon-
ingen e, sich selbs e hal ende Lösung eines wiede hol au e enden P oblems de Ve -
hal enskoo dina ion: Kon en ionen egeln menschliches Ve hal en so, dass alle Be eilig en
ei
nen Vo eil da on haben. In einem Land, in dem es noch keine S aßen e keh so d-
nung gib , wi d sich bald eine Kon en ion he ausbilden, ob links ode ech s ge ah en
wi d. Beide Kon en ionen lösen das Koo dina ionsp oblem gleiche maßen und sind in
diesem Sin
ne kon ingen . Auße dem sind beide Kon en ionen gegenübe einem unge e-
gel en Fah e hal en ü alle o eilha und e hal en sich dahe endenziell selbs (sel -
en o cing). Die Lösung des Koo dina ionsp oblems se z nach Lewis u.a. o aus, dass alle
Ak eu e in eine bes imm en Si ua ion (e wa dem Au o ah en in besag em Land) gemäß
de Kon en ion handeln, es auch on ande en (p ognos isch) e wa en und dass sie p ä-
e ie en, dass die ande en gemäß de Kon en ion handeln, solange es auch mindes ens
alle bis au einen un.
Im Lau e de Zei ha as jede Aspek on Lewis' Konzep ion K i ik e ah en.21 Es
soll hie schon mi Blick au li e a ische Kon en ionen nu ein K i ikpunk he ausge-
g i en we den, nämlich de Einwand, dass o ensich lich nich alle Kon en ionen Ko-
o dina ionsp obleme lösen. Ein Beispiel sind Modekon en ionen, also e wa die Mode,
Jeans zu agen, ein ande es Spiel egeln, e wa beim Schach. Im Gegensa z zu Si ua ion
im S aßen e keh schein es in diesen Fällen übe haup kein ( o gängig exis ie endes)
Koo dina ionsp oblem zu geben.22 Solche Beispiele haben in de jünge en Fo schung
dazu ge üh , neben koo dinie enden Kon en ionen auch die Exis enz nich -koo dinie-
ende Kon en ionen anzunehmen.23
18
Vgl. Tuomela 2002, 250.
19
Vgl. Luhmann 1984, 436–437.
20
Vgl. Lewis 2011 [1969], 78.
21
Vgl. den Übe blick in Resco la 2019, Abschni 4.
22
Das P oblem de Ve hal enskoo dina ion im Schach (we wann wie ziehen da ) en s eh o enkundig e s
du ch die Exis enz de P axis des Schachspiels, mi hin du ch die E ablie ung de aglichen Kon en ionen. Vgl.
Ma mo 2009, 22–23, de auch den Einwand en k ä e , die Schach-Regeln lös en das abs ak e Koo dina i-
onsp oblem, ein in ellek uelles B e spiel zu spielen.
23
Vgl. Ma mo 2009, Kap. 1 und 2, de diese Kon en ionen »cons i u i e con en ions« nenn , weil e mein , ih we-
sen liches de ini o isches Me kmal bes ehe da in, dass sie soziale P ak iken und nich , wie Sea le on seinen
kons i u i en Regeln annahm, Handlungs ypen, kons i uie en. So übe zeugend die A gumen a ion Ma mo s
ü die Exis enz eine zwei en Klasse on Kon en ionen is , so p äzisie ungsbedü ig schein mi seine De ini-
ion diese Klasse.
24 | POEMA 2.2024
Die gemäß Lewis no wendigen p äsk ip i en E wa ungen im Zusammenhang mi Kon-
en ionen e klä en, wa um die Beg i e ›Kon en ion‹ und ›No m‹ in ielen Kon ex en aus-
auschba sind. Ta sächlich is es so, dass Kon en ionen häu ig zu inhal sgleichen in o -
mellen No men üh en. In einem Land ohne S aßen e keh so dnung, in dem sich das
Rech s ah en au de S aße als Kon en ion e ablie ha , weil es ü alle o eilha e is als
chao isches Fah en, zieh de jenige, de sich nich an die Kon en ion häl , Zo n au sich: Es
en s eh eine inhal sgleiche in o melle No m, die gegebenen alls i gendwann auch gese z-
lich e anke wi d.
24
Sowohl Kon en ionen als auch No men sind du ch in e indi iduelle
Ve hal ens egula i ä en gekennzeichne . De wesen liche Un e schied on No men zu Kon-
en ionen bes eh da in, dass die Ve hal ens egula i ä im Fall on No men sich nich als
ü alle o eilha e Lösung eines Koo dina ionsp oblems on selbs au ech e häl , son-
de n wenigs ens eilweise dadu ch, dass no mkon o mes Ve hal en gu geheißen ode be-
lohn und no mwid iges Ve hal en k i isie ode sank ionie wi d.
25
No men lassen sich nich nu in o melle und in o melle, also nich kodi izie e No men
ein eilen, sonde n au iele wei e e A en. Nü zlich is die Un e scheidung on au o i-
ä sbasie en No men eine sei s und No men, die au gegensei igen no ma i en Ve hal-
ense wa ungen be uhen, ande e sei s sowie die Un e scheidung on No men nach ih en
Haup o men: E laubnisse, Gebo e, Ve bo e.
26
Fe ne is es wich ig zu sehen, dass iele
No men keine ka ego ischen No men sind (»Du solls nich ö en«), sonde n kondi ionale
ode si ua ionsspezi ische No men om Typ »Wenn du in Si ua ion X bis , so is Y gebo en/
e bo en/e laub «.
Ein le z e , wenige p ominen e Te minus aus dem seman ischen Um eld des Regel-
beg i s lau e ›S anda d‹.
27
Ein S anda d leg es , welche Bescha enhei eine bes imm e
En i ä , in alle Regel ein Gegens and ode eine Handlung, haben muss, dami e als e was
Bes imm es gil . Zum Beispiel muss ein Tes amen eine bes imm e ech lich es geleg e
Fo m haben, um als Tes amen zu gel en. S anda ds können on Au o i ä en gese z we -
den (wie im Fall des Tes amen s) ode sich selbs he ausbilden (z.B. du ch die Nach age
bei Handys S anda ds bezüglich de G öße). Im Gegensa z zu No men sind S anda ds
wollens ela i und nich sank ionskons i uie ; we die ech liche Fo m des Tes amen s
nich einhäl , wi d nich k i isie ode sank ionie , e ha schlich weg kein Tes amen
gesch ieben. Aus S anda ds lei e sich das ab, was Kan »hypo he ische Impe a i e« ode
»Impe a i e de Geschicklichkei « nenn ,
28
e wa »Wenn du ein Tes amen sch eiben wills ,
24
Vgl. S emme 2008, 207–208; McAdams 2001, 2740.
25
Vgl.: »[A] no m is a beha o ial egula i y […] sus ained in pa by he ac ha indi iduals gene ally app o e
(and o he wise ewa d) con o mi y and/o disapp o e (and o he wise punish) noncon o mi y« (McAdams
2001, 2739).
26
Vgl. Tuomela 2002, 164–165.
27
Vgl. zum Folgenden S emme 2008, 216–223.
28
Vgl. Kan 2005 [1785], 58–59.
Gi el: Was sind li e a ische P ak iken? | 25
so muss dein Tex die Bescha enhei X au weisen«. No m und S anda d sind häu ig eng
au einande bezogen – we Mo d e bie e , muss de inie en, was Mo d is – abe dennoch
un e scheidba e Phänomene.
29
3. Li e a ische P ak iken und ih e Regeln
Obwohl die Beg i e ›Kon en ion‹, ›Regel‹ und ›P axis‹ in li e a u wissenscha lichen Zu-
sammenhängen häu ig Ve wendung inden, gib es übe aschend wenig g undsä zliche
Ve suche, die Na u und Funk ionsweise on Regeln in li e a ischen Kon ex en nähe zu
bes immen.
30
De o liegende Bei ag geh da on aus, dass es d ei g undlegende Typen
li e a ische P ak iken gib , die Li e a u p axis, die Fik ionali ä sp axis und un e schied-
liche Gen ep ak iken, die mi ih en jeweiligen Regelse s ande no s besch ieben we den.
31
Im Mi elpunk dieses Abschni s s eh jedoch die F age, was li e a ische P ak iken und
ih e Regeln allgemein gegenübe ande en sozialen P ak iken auszeichne . Das Bild, das im
Folgenden en al e we den soll, sieh insgesam so aus:
Li e a ische P ak iken sind asymme ische P ak iken, sie un e eilen sich in P oduk ions-
p ak iken on Au o en und Lek ü ep ak iken on Lese n, die im Zusammenhang be ach e
we den müssen.
32
Was gemeinhin als li e a ische Regel bezeichne wi d, kann d eie lei
sein: ein hypo he ische Impe a i , eine Kon en ion im Sinne on Lewis (im Folgenden:
›koo dinie ende Kon en ion‹) ode eine nich -koo dinie ende Kon en ion. Hypo he ische
Impe a i e egeln das Ve hal en on Au o en und e geben sich aus gewissen S anda ds ü
eine bes imm e Tex so e, e wa: »Wenn du eine No elle sch eiben möch es , dann so ge
da ü , dass sie nich länge als 200 Sei en is «. Li e a ische S anda ds e wachsen ü ge-
wöhnlich aus in his o ischen Si ua ionen beobach e en Regelmäßigkei en de li e a ischen
P oduk ion und legen es , au g und welche Eigenscha en ein We k in eine bes imm en
his o ischen Si ua ion zu eine bes imm en Tex so e gehö .
33
Koo dinie ende Kon en io-
nen sind kon ingen e, sich selbs e hal ende Lösungen eines wiede hol au e enden P o-
29
Zu un e schiedlichen Ve häl nissen on No m und S anda d gl. S emme 2008, 221–223.
30
Vgl. jedoch Mailloux 1982; Ken 1986, 35–45; Fokkema 1989; Weninge 1994; Olsen 2000. K i isch: Pilking on
1994a.
31
Vgl. Gi el 2021, Kap. II.
32
Au g und de ohnehin bes ehenden Komplexi ä konzen ie e ich mich hie wie im Folgenden au das, was mi
de Ke n li e a ische P ak iken zu sein schein , und klamme e ganz bewuss Aspek e wie Edi ions-, Medien-,
Sch eib- ode Ve lagsp ak iken aus, die in einem e wei e en Modell li e a ische P ak iken einen wich igen
Pla z haben.
33
In bes immen Fällen können solche S anda ds auch maßgeblich au g und p o o ypische We ke ge o m we -
den, man denke e wa an den Wilhelm Meis e und den Bildungs oman. Doch selbs im Fall ga ungsbildende
Au o en bzw. ih e We ke spielen Regelmäßigkei en o eine Rolle, e wa im Fall on Wal e Sco , de mi eine
ganzen Reihe on Romanen den his o ischen Roman p äg e. Eine besonde e Rolle spielen P o o ypen in de
Vo mode ne, gl. dazu He weg 2011, 108.
32 | POEMA 2.2024
zieh . Wenn de Au o einen ik ionalen Tex sch eib , so e wa e e nich , dass de
Lese auch einen ik ionalen Tex sch eib , sonde n dass de Lese sich bes imm e Din-
ge o s ell und umgekeh . Komplemen ä e Kon en ionen inden sich auch in ielen
ande en sozialen P ak iken, e wa Leh e -Schüle -P ak iken, und sind keineswegs eine
exklusi e Eigenscha on li e a ischen Kon en ionen.
An diese S elle angelang , könn e man sich agen, wa um man neben den hypo he-
ischen Impe a i en und den koo dinie enden Kon en ionen übe haup noch einen wei-
e en Typus li e a ische Regeln benö ig . De G und da ü bes eh me apho isch gesp o-
chen da in, dass es neben Regeln, die koo dinie en, welches li e a ische Spiel gespiel
wi d, und Regeln, die koo dinie en, wie eine solche Wahl kommunizie wi d, auch de
Regeln beda , die de inie en, wo in das Spiel bes eh . Mi ande en Wo en: Die Lösung
eines Koo dina ionsp oblems kann nich selbs wiede ein Koo dina ionsp oblem sein. Es
muss mi hin e s einmal oneinande abg enzba e soziale P ak iken geben, be o Au o
und Lese da in ›übe einkommen‹ können, mi einem We k im Rahmen eine bes imm-
en li e a ischen P axis umzugehen. Die Regeln, die diese P axis besch eiben, können
dahe nich selbs wiede koo dinie ende Kon en ionen, sonde n müssen on ande e A
sein. Es muss also nich -koo dinie ende Kon en ionen geben.
47
(T6) Nich -koo dinie ende Kon en ionen sind kondi ionale, kon ingen e Regeln, die
es legen, wie sich Lese e hal en sollen, wenn sie meinen, ein We k eine bes imm en
Tex so e zu lesen.
Nich -koo dinie ende Kon en ionen legen zum Beispiel es , was die oben ku z als
›Imaginie en‹ bezeichne e Rezep ionshal ung ü ik ionale Tex e ausmach , wie genau
mi li e a ischen Tex en umzugehen is ode wie mi Tex en eine bes imm en Ga ung
zu e ah en is .
Neben den Regelmäßigkei en im Tun on Au o en und Lese n, die au Klughei s egeln,
koo dinie ende Kon en ionen ode nich -koo dinie ende Kon en ionen zu ück üh ba
sind, gib es Regelmäßigkei en, die ande e U sachen haben. Dazu zählen ex ali e a ische
Fak o en und ›li e a ische Moden‹. Ex ali e a ische Fak o en be e en so un e schied-
liche Dinge wie ma e ielle Besch änkungen – die Länge de No elle im 19. Jah hunde
e wa ha auch mi dem beg enz en Um ang ih e be o zug en Publika ionso gane zu
un – ode die zei spezi ische Ak uali ä bes imm e Themen, die sich dann gehäu in
bes imm en Tex so en eines Zei abschni s inden. ›Li e a ische Moden‹ lassen Regelmä-
ßigkei en en s ehen, die nich au li e a ische Regeln zu ück üh ba sind.
47
Es gib an diese S elle eine al e na i e Möglichkei de Modellie ung, die mi jedoch wenige a ak i schein .
Man könn e auch behaup en, dass es nu koo dinie ende ›Mak okon en ionen‹ gib , die, was die Lese -Sei e
angeh , seh komplex sind. Solche Mak okon en ionen hä en dann unge äh olgende S uk u : »Au o en e -
sehen ik ionale Tex e mi dem Pa a ex ›Roman‹ | Lese un X, Lese un Y, Lese un Z e c.«.
Gi el: Was sind li e a ische P ak iken? | 33
Wei e e Thesen be e en den S a us und die Na u de bishe einge üh en Kon en ionen.
(T7) Sowohl aus koo dinie enden als auch aus nich -koo dinie enden Kon en ionen
können (zum Teil in o melle) No men en s ehen.
Wie e läu e bes eh ein Indika o ü No men da in, dass no mkon o mes Ve hal en
gu geheißen ode belohn und no mwid iges Ve hal en k i isie ode sank ionie wi d. Es
kann kein Zwei el bes ehen, dass bes imm e li e a ische Kon en ionen e wa im Rahmen
de schulischen Lesesozialisa ion in diesem Sinne No men da s ellen. Ein Schüle , de sich
weige , sich die ik i e E zählwel , die ein Roman en wi , o zus ellen ode das Thema
eines li e a ischen We ks zu besch eiben, wi d keine gu en No en e hal en.
48
Ein wei e e Punk , de be ei s aus dem Gesag en he o geh , be i die kondi ionale
Na u li e a ische Regeln:
(T8) Li e a ische Regeln sind si ua ions ypspezi ische und ex so enspezi ische,
(implizi ) kondi ionale Regeln.
Li e a ische Kon en ionen gel en s e s ü spezielle P oduk ions-, insbesonde e abe
Lek ü esi ua ionen. Dies be i den ins i u ionellen Kon ex (e wa Li e a u k i ik, Sch eib-
semina , Schule), in dem die P oduk ion bzw. Rezep ion s a inde . Da übe hinaus is
die om Lese e mi el e bzw. p äsupponie e Tex so enzugehö igkei (Li e a u , Fik ion,
ein bes imm es Gen e) des ezipie en We ks en scheidend. Dahe haben solche Regeln
s e s implizi die S uk u »Wenn du im ins i u ionellen Kon ex K ein We k de So e X
sch eibs /lies , so …«.
(T9) Li e a ische Regeln sind app oxima i .
Li e a ische Regeln de inie en im Gegensa z zu Spiel egeln nich , was in jede im Rah-
men de P axis au e enden Si ua ion ich ig und alsch is und welche Handlungsmög-
lichkei en bes ehen.
49
Fü jede S ellung des Schachspiels, zum Beispiel, is es möglich, alle
legalen Züge au zulis en, im Rahmen li e a ische P ak iken hingegen komm es imme
wiede zu Si ua ionen, in denen die Bewe ung des Ve hal ens eines Ak eu s bzw. seine
P oduk e unkla is und/ode zu Kon o e sen üh .
Ein le z e Punk , de sich jedoch nich ohne Wei e es e allgemeine n läss : Li e a-
ische Re
geln sind ü gewöhnlich nich -kodi izie und be uhen wesen lich au gegensei-
igen Ve hal ense wa ungen. Eine wich ige Ausnahme hie on bilden die e schiedenen
bis wei ins 18. Jah hunde ein luss eichen Regelpoe iken. In en sp echenden Zei äumen
48
Noch deu liche is das bei Ve bo en im Rahmen li e a ische P ak iken, gl. Gi el 2021, Kap. II.
49
Vgl. Lama que 2010, 386.
34 | POEMA 2.2024
sind li e a ische Regeln nich nu kodi izie , sonde n be uhen zum Teil au pe sonalen
Au o i ä en aus dem Be eich de Äs he ik bzw. Poe ik
.
Diese ech echnischen Aus üh ungen sollen zum Abschluss dieses Abschni s du ch
eine Analogie e anschaulich we den. Adap ie man die in Deba en um den Regelbeg i
belieb e Analogie des Schachspiels, so kann man sagen, dass li e a ische P ak iken dem
Umgang mi sogenann en Schachkomposi ionen, also du ch einen sogenann en Komponis-
en e sonnenen Schachs ellungen gleichen, die de Rezipien alleine, also ohne Spielpa ne ,
zu lösen ha . Kuns olle Schachkomposi ionen d ücken eine bes imm e Idee, e wa »Ma e-
ialgewinn is nich alles« aus. Je nach A de Komposi ion (di ek es Ma , Kons uk ions-
au gabe, S udie, Re oanalyse e c.) können sich Ziel (e wa Ma , Selbs ma , Re lexma e c.)
und spezielle Regeln des Spiels un e scheiden, wäh end die G und egeln des Schachs gel en.
Die Au gabe des Komponis en (≈ Au o ) bes eh also da in, eine Spielposi ion zu komponie-
en, mi de de Rezipien (≈ Lese ) dann nach den Regeln des Schachs (≈ Li e a u p axis)
wei e spiel . Na ü lich ha jede de un e schiedlichen A en on Schachkomposi ionen eine
Geschich e, sodass Komponis en, abe auch e ah ene Rezipien en on Schachkomposi io-
nen übe ein häu ig implizi es Wissen da übe e ügen, dass bes imm e Spielposi ionen in
de einen A on Schachkomposi ion häu ige o kommen als in ande en. Aus diesen Re-
gelmäßigkei en können S anda ds e wachsen, die de Komponis kluge weise nu zen soll e
(≈ hypo he ische Impe a i e), um zu kommunizie en, welches Spiel bzw. welche A on
Komposi ion (≈ li e a ische P ak ik) o lieg . Da übe hinaus ha e abe auch die Möglich-
kei , seine Spielposi ion mi bes imm en Labels (≈ Pa a ex en) wie »Ma in 5«, »Re lexma
in 3« ode »We gewinn ?« (eine sogenann e Re oanalyse) zu e sehen, die Hinweise au
die A de o liegenden Schachkomposi ion geben. Die Bedeu ung diese Labels ü den
Rezipien en (≈ Lese ) e gib sich aus Regelmäßigkei en ih e Ve wendung: Wenn Kom-
ponis en Re oanalysen egelmäßig mi dem Label »We gewinn ?« e sehen, so wi d
dieses Label zu einem Signal ü eine Re oanalyse-Schachkomposi ion (≈ koo dinie ende
Kon
en ionen). Ha de Rezipien einmal e s anden, zu welche A on Schachkompo
si-
ion bzw. zu welchem Spiel die om Komponis en be ei ges ell e Posi ion gehö , so is
ihm kla , nach welchen Regeln (≈ nich -koo dinie enden Kon en ionen) e wei e zuspielen
ha . Es is unmi elba einsich ig, dass spielex e ne Fak o en, e wa das In e esse de Kom-
ponis en an logischen P oblemen ode his o ischen Schlach en (≈ li e a u sys emex e ne
Fak o en), die Schachkomposi ionen beein lussen können. Ebenso plausibel schein auch,
dass in bes imm en Epochen und/ode Schachgemeinscha en bes imm e A en de Schach-
komposi ion und bes imm e Spielposi ionen, e wa besonde s zweischneidige, belieb e sind
als ande e (≈ ›li e a ische Moden‹), ohne dass das Auswi kungen au die S anda ds ü die
un e schiedlichen A en on Schachkomposi ionen hä e.
Um die Komplexi ä li e a isc
he P ak iken abzubilden, beda es jedoch noch eine zu-
sä zlichen Annahme: Es kann o kommen, dass die komponie e Spielposi ion den S an-
da ds meh e e A en on Schachkomposi ionen (≈ ik ionale/nich - ik ionale/ein be-
s imm es Gen e) mi ih en je eigenen Regeln en sp ich ; ja es kann soga o kommen, dass
Gi el: Was sind li e a ische P ak iken? | 35
dies in endie is . Es lieg au de Hand, dass Reak ionen au solche komplexen Si ua ionen
nu ich ig analysie we den können, wenn man die Regeln de e schiedenen A en on
Schachkomposi ionen, insbesonde e die Regeln ü den Rezipien en (≈ Lese ), genaue
da geleg ha .
4. Zusammen assung
De Bei ag ha zen ale Beg i lichkei en eine im wei es en Sinne p axeologischen Fo schung
wie ›soziale P ak ik‹, ›soziale Ins i u ion‹ ode ›Regel‹ geklä und e läu e , wodu ch sich
li e a ische P
ak iken als Typus soziale P ak iken auszeichnen und wie sie unk ionie en:
Soziale P ak iken sind in e indi iduelle Ve hal ens egula i ä en, die du ch Regeln s uk u ie
we den. Soziale P ak iken im s a ken Sinne sind du ch wiede hol on meh e en Indi iduen
ausge üh e Handlungen gekennzeichne , die u.a. aus einem ge eil en sozialen G und ausge-
üh we den. Diese soziale G und bes eh ypische weise da in, dass Ande e auch X un und
dasselbe on jedem in de Bezugsg uppe e wa en, ode da in, dass es angemessen is , X zu
un. Bei sozialen P ak iken im schwachen Sinne liegen gegensei ige Übe zeugungen o , dass
ande e auch X un, doch we den die Handlungen nich aus einem ge eil en sozialen G und
ollzogen wie bei sozialen P ak iken im s a ken Sinne. Einige soziale P ak iken sind da übe
hinaus soziale Ins i u ionen. Bei sozialen Ins i u ionen handel es sich um no mbasie e soziale
P ak iken, die zudem einem Objek , eine Pe son ode eine Ak i i ä einen neuen beg i lichen
und/ode sozialen S a us e leihen. In besonde en Fällen knüp en sich an die en sp echenden
ins i u ionellen Konzep e S a us unk ionen, die bes imm e Rech e und P lich en e ablie en.
Li e a ische P ak iken sind asymme ische soziale P ak iken, die aus wechselsei ig
au einande bezogenen au o sei igen P oduk ions- und lese sei igen Lek ü ep ak iken
bes ehen. Li e a ische P oduk ionsp ak iken sind soziale P ak iken im schwachen Sin-
ne, Lek ü ep ak iken sind soziale P ak iken im s a ken Sinne. S uk u ie endes Elemen
li e a ische P ak iken sind ih e Regeln, die sich in li e a ische S anda ds, koo dinie ende
Kon en ionen und nich -koo dinie ende Kon en ionen un e eilen lassen.
Li e a ische S anda ds e wachsen ü gewöhnlich aus in his o ischen Si ua ionen beob-
ach e en Regelmäßigkei en de li e a ischen P oduk ion und legen es , au g und welche
Eigenscha en bzw. Eigenscha skombina ionen ein We k in eine bes imm en his o ischen
Si ua ion zu eine bes imm en Tex so e gehö . Aus solchen S anda ds sind hypo he ische
Impe a i e ablei ba , an denen sich Au o en o ien ie en. Koo dinie ende Kon en ionen sind
kon ingen e, sich selbs e hal ende Lösungen eines wiede hol au e enden P oblems de
Ve hal enskoo dina ion. Sie können als Au o -Lese -Kon en ionen modellie we den, le-
gen die p agma ische Bedeu ung on Pa a ex en und ande wei igen Tex so en-Signalen
es und sind so maßgeblich ü die Ve zahnung on P oduk ions- und Rezep ionsp ak iken
e an wo lich. Neben koo dinie enden Kon en ionen und S anda ds be uhen insbesonde-
e Lek ü ep ak iken au iel äl igen nich -koo dinie enden Kon en ionen mi kondi ionale
36 | POEMA 2.2024
S uk u (»Wenn du im ins i u ionellen Kon ex K ein We k de So e X lies , so …«), die
es legen, welche Umgang mi welchen Tex so en angemessen is . Li e a ische Kon en io-
nen sind app oxima i , kondi ional und können sich zu in o mellen No men e es igen.
Nich alle Regelmäßigkei en in de li e a ischen P oduk ion und Kommunika ion eines be-
s imm en Zei abschni s be uhen au li e a ischen Regeln, sonde n können zum Teil au
li e a u sys emex e ne Fak o en ode ›li e a ische Moden‹ zu ückge üh we den.
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