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h ps://doi.o g/10.38071/2024-00979-3
h ps://c ea i ecommons.o g/licenses/by-sa/4.0
Dialek ische Me hode
Conno Oh
Abs ac
Die dialek ische Me hode (DM) wi d in de An ike noch
als eine Gesp ächsme hode e s anden, bei de die Ge-
sp ächs eilnehme du ch Äuße ungen gegensä zliche
Meinungen zu eine höhe en Fo m de E kenn nis gelan-
gen. Sei de Au klä ung jedoch is die DM ein Ve ah en
zu Au deckung on Gegensä zen inne halb eines Gegen-
s andes ode Sach e hal es; diese Au deckung münde
bei de DM de K i ischen Theo ie in de K i ik an dem
Un e suchungsgegens and, inso e n e sich in seine eige-
nen Wide sp üche e s ick .
Einlei ung
Wo um geh es bei de DM und was bedeu e Dialek ik übe -
haup ? De Beg i de Dialek ik lei e sich u sp ünglich aus
dem G iechischen on /dialegein/ ab, was so iel wie un e -
eden ode übe legen bedeu e (Mülle , 1974, 11). In einem
Gesp äch, einem Dialog, e en e schiedene S andpunk e
und Au assungen au einande , sodass eine „Einhei on Ge-
gensä zen“ (Pla on, Phaidon, 60b-60c) en s eh . Im Gegen-
sa z zu de dialogischen Me hode sowie dem Sok a ischen
Dialog hema isie die dialek ische jedoch nich die Fo m
de Gesp ächs üh ung, sonde n die je gegensä zlichen In-
26 Conno Oh
hal e, die sie zu e binden e such .1 So leg Pla on in sei-
nem Phaidon Sok a es in den Mund, nachdem diesem seine
Bein esseln abgenommen wu den:
Sok a es abe beug e, indem e sich au ech
au das Lage se z e, das Bein und ieb es mi
de Hand, und wäh end e es ieb, sag e e : Wie
sonde ba , ih Männe , schein es doch mi dem
zu sein, was die Menschen angenehm nennen!
Wie sel sam e häl es sich zu dem, was als sein
Gegen eil gil , dem Unangenehmen, daß beide
zugleich zwa nich im Menschen sein wollen,
wenn abe jemand dem einen nachjag und es
e wi b , e as imme gezwungen is , auch das
ande e zu e we ben, als ob sie, die doch zwei
sind, an einem Schei elpunk zusammenge-
knüp wä en. [...] Weil on de Fessel im Bein
o he Schme z wa , schein nun nach olgend
das Angenehme zu kommen. (Pla on, Phaidon,
60b-60c)
E s weil Sok a es zu o im Bein Schme z e spü habe,
kann e es nun bewuss als angenehm emp inden. Das An-
genehme en s eh aus seinem Gegen eil. Es geh ihm dabei
jedoch wenige um Emp indungen an sich als ielmeh um
die Beg i e, die sie besch eiben, und diese sind längs nich
au Emp indungen beg enz . Die Menschen haben schon di-
alek isch gedach , lange be o de Ausd uck Konjunk u e -
hiel : „Sei sich de Mensch bewuss o ien ie en kann, weiß
1 Die Un e scheidung zwischen dialek ische und dialogische Me hode is
zu diesem Zei punk alle dings noch nich deu lich. Pla on bedien sich zu
Da s ellung des P oblems des S ei gesp ächs zwischen gegensä zlichen
Posi ionen, wie es de dialogischen Me hode zu eigen is , hema isch geh
es ihm jedoch um den Zusammenhang on Gegensä zen in de Beg i sbe-
s immung.
Dialek ische Me hode 27
e um links und ech s und oben und un en und o n und
hin en. Und e weiß, dass es das eine nich ohne das ande e
gib , dass da ein Zusammenhang bes eh , de unau löslich
is “ (K a , 2015, 21). Ohne links kein ech s, ohne oben kein
un en, ohne gu kein böse. Was die DM im Allgemeinen
kennzeichne , is die Be ach ung on Gegensä zen und ih-
en Beziehungen zueinande un e den Ka ego ien des Seins
und des We dens (P ozess, Ve ände ung).
His o isch be ach e inde die DM in e schiedenen
philosophischen Disziplinen Anwendung. Wäh end Pla ons
dialek ische Philosophie de Me aphysik zuzuo dnen is ,
welche sich mi den P inzipien und U sachen des Seins be-
ass , inde sich die DM eben alls beispielsweise in Kie -
kegaa ds Religionsphilosophie (Kie kegaa d, 2020) ode in
den geschich s- bzw. sozialphilosophischen Un e suchun-
gen on Hegel (1986) sowie Ado no und Ho kheime
(2020), den bekann es en Ve e e n de K i ischen Theo-
ie.
1. Ablau
In den olgenden Abschni en soll dahe zue s ein his o i-
sche Übe blick übe die En s ehung und T ans o ma ion
de Dialek ik bis hin zu DM gegeben we den, wobei diese
ob de zahl eichen Va ian en nu holzschni a ig e olgen
kann. Besonde es Augenme k wi d dabei au die Zusam-
menhänge und T ans o ma ionen de Dialek ik geleg , die
sich im his o ischen P ozess en wickel haben, wobei die di-
alek ische Me hode de K i ischen Theo ie den Fluch punk
da s ell . So geh diese Au sa z übe Zeno und He akli zu
28 Conno Oh
Pla on und schließlich übe Hegel zu K i ischen Theo ie.
Im Anschluss e olg eine beispielha e Un e suchung sozi-
ale P ozesse mi de DM de K i ischen Theo ie am Beispiel
soziale Medien un e dem Gesich spunk de Demok a i-
sie ung. Da die Ve e e de K i ischen Theo ie die DM als
solche nie me hodisch aus o mulie haben, handel es sich
dabei jedoch meh um einen Vo schlag als um die DM de
K i ischen Theo ie schlech hin.
2. Zeno
A is o eles benenn Zeno (um 490 . Ch .-um 430 . Ch .)
als den E inde de Dialek ik. Zeno bedien e sich eines in-
di ek en Ve ah ens, um Aussagen übe das Seiende e en
zu können. E a bei e e mi hin inso e n dialek isch, als e
nachwies, dass man sich du ch die seine Aussage en ge-
gengese z en Annahmen in Wide sp üche e wickle (Ha -
mann, 1963, 1), wobei e sich auch sophis ische Mi el be-
dien e.2 Zenos Dialek ik, hie noch nach A is o eles als Me-
hode des Gesp ächs bzw. A gumen ie ens e s anden
(A is o eles, Rhe o ik, E s es Buch, 1354a-1355a), hema i-
sie jedoch be ei s den spä e dominan we denden Gegen-
s andsbe eich de dialek ischen Me hode, die Ka ego ien
des Seins und des We dens; gemein is das Pa adoxon on
Achilles und de Schildk ö e. Das besag e Pa adoxon wi d
2 Die Sophis en de An ike hä en säm liche he o ische Übe edungs-
küns e e wende , um auch einen alschen Sa z du chzuse zen, so e n e
ihnen hil eich wa (u.a. Schopenhaue , 2014,16-19).
Dialek ische Me hode 29
olgende maßen besch ieben3: Achill, de schnells e un e
den K iege n, sei bei einem We lau de Gegne eine
Schildk ö e. De Fai ness halbe gebe Achill de Schildk ö e
einen Vo sp ung. Achill we de dann, o z seine Schnellig-
kei , die Schildk ö e niemals einholen; be o e die Schild-
k ö e e eichen könne, müsse e o e s den S a punk de
Schildk ö e e eichen. In diesem Zei aum abe habe die
Schildk ö e selbs eine (na ü lich kleine e) S ecke zu ück-
geleg und sei bis zum nächs en Punk gelau en, den Achill
wiede e eichen müsse, wäh end die Schildk ö e e neu
den nächs en Punk e eich . Die Abs ände wü den zwa
s e s kleine , könn en abe niemals kleine -gleich Null sein,
da wäh end de Zei , in de Achill den nächs en Punk e -
eich , die Schildk ö e imme wiede zum nächs olgenden
Punk ennen wü de (Köhle , 2014, 26).
Mi diesem sowie den ande en d ei Pa adoxa – die Di-
cho omie, de liegende P eil, das S adion (Köhle , 2014, 25)
– will Zeno den indi ek en Beweis da ü e b ingen, dass das
Sein unbeweglich und un e ände lich sei, da man sich mi
den Annahmen on Bewegung und Ve ände ung in die ge-
nann en Wide sp üche bzw. Pa adoxien e s icken wü de
(Bock a h, 2014, 59). Was die Sinneswah nehmung als Be-
wegung und Ve ände ung, sp ich We den, zu e kennen
glaube, sei dami als Schein wide leg (Tamboe , 1994, 12).
3 Zenos eigene Sch i en sind e lo en gegangen, sodass man nu übe an-
de e Philosophen wie A is o eles (bspw. in dessen Physik) on Zenos Phi-
losophie lesen kann.
30 Conno Oh
3. He akli
Fü He akli hingegen wi d das Sein de Dinge, ih e Sub-
s anz, zu eine Nebensache. S a dessen s ell e den P o-
zess, das We den, ins Zen um seines Denkens. Ihn in e es-
sie en die F agen nach Kon inui ä und Ve ände ung und
nach de Koinzidenz de Gegensä ze, die den P ozessen ei-
ne in s e e Ve ände ung beg i enen Wel zug unde liegen
(Muss, 2017, 10). Das Eine, das is , is in sich selbs un e -
schieden und äg seinen Gegensa z in sich (Good, 2017,
536). De Schme z in Sok a es Bein üge, He akli s De ini-
ion nach, das Angenehme be ei s in sich und sei in einem
s e en P ozess beg i en, s a dass aus dem subs anziellen
Sein des Schme zes das Sein des Angenehmen we de. „Das
Eine in sich selbe un e schiedne d ück die Di e enz in
sich selbe aus. [...] In de Selbs -Di e enz das Eine sehen,
heiß We den (und nich Sein) sagen“ (Good, 2017, 538).
Bei He akli geh es mi hin be ei s, ande s als noch bei
Zeno, bei dem die DM noch wei es gehend als Gesp ächs-
me hode ungie e und ü den das Sein un e ände lich is ,
um eine dialek ische Bewegung des Seienden, d.h. um eine
s e e Ve ände ung. Fü Zeno gib es noch keine dialek ische
Bewegung, da das Sein un e ände lich sei, bei He akli hin-
gegen schein sich das Sein in dem s e en Fluss des We dens
zu e lie en.
Dialek ische Me hode 31
4. Pla on
Pla on wende sich, wie zu zeigen sein wi d, en schieden
gegen He akli . Beim Sok a ischen Dialog4, de Me hode,
de e sich Pla on ü as alle seine philosophischen We ke
bedien , e schein die Dialek ik abe o e s als eine e -
kenn nis heo e ische Gesp ächsme hode, bei de „aus de
Diskussion en gegengese z e Meinungen“ (Schönwälde -
Kun ze, 2015, 39) Wissen übe einen Gegens and e mög-
lich we den soll. Du ch die Nega ion de noch ungesiche -
en und ungep ü en Behaup ungen de Gesp ächs eilneh-
me , zumeis sei ens Sok a es, wi d ein sch i weise Ve -
lau hin zu Wah hei anges eb (Ho s e , 1994, 20). De
Beginn des Gesp ächs e lau s ähnel inso e n de Me hode
des indi ek en Beweises bei Zeno, alle dings ziel de Sok-
a ische Dialog au eine posi i e Wah hei im Sinne eine
Beg i sde ini ion ab, die sich nich da au aus uh , gegen-
sä zliche De ini ionen zu wide legen.
Insbesonde e im Phaidon gewinn die DM abe auch als
me aphysische Analyse des Seins und des We dens de
Dinge im Sinne He akli s an Rele anz:
Laß uns übe haup an allem, was nu eine En -
s ehung ha , sehen, ob alles au olgende Weise
en s eh , nich ande swohe als jedes aus sei-
nem Gegen eil, was nu ein solches ha ; wie
zum Beispiel das Schöne dem Hässlichen en ge-
gengese z is und das Ge ech e dem Unge ech-
en und ausend ande es sich so e häl . (Pla-
on, Phaidon, 70d-70e)
4 Eine genaue e Da s ellung des Sok a ischen Dialogs inde sich in dem
Au sa z De Sok a ische Dialog dieses Bandes.
32 Conno Oh
Abe wo in un e scheide sich diese De ini ion on de
He akli s? Ta sächlich wi d He akli s Leh e in Pla ons Dia-
log K a ylos on Sok a es, dem Philosophen und Schüle
He akli s K a ylos sowie dessen F eund He mogenes disku-
ie . Sok a es bezwei el diese These He akli s, dass alles
in Bewegung und im Fluss sei, und zieh da ü in Manie
des Sok a ischen Dialogs die Schönhei als ein Beispiel
he an, um zu zeigen, dass es sich mi den Dingen so nich
e hal en kann:
Sok a es: Lass uns nun also dieses selbs be-
ach en, nich ob ein An li z schön is ode e -
was de gleichen, und ob dies alles im Fluss zu
sein schein . Sonde n mi Blick au das Schöne
selbs , sollen wi nich sagen, dass es s e s so
bescha en is , wie es is ?
K a ylos: Unausweichlich.
Sok a es: Is es nun möglich, es in ich ige
Weise anzusp echen, wenn es s e s en weich ,
zue s , dass es jenes is , sodann, dass es on de
und de Bescha enhei is , ode muss es nich
unausweichlich im selben Augenblick, wo wi
sp echen, so o zu e was ande em we den,
sich en ziehen und nich meh dieselbe Be-
scha enhei haben?
K a ylos: Unausweichlich.
Sok a es: Wie könn e nun das, was niemals in
demselben Zus and is , e was sein? Is es näm-
lich je in demselben Zus and, dann inde in
diese Zei o enba keine lei Wechsel an ihm
s a . Is es abe s e s in demselben Zus and
und s e s dasselbe, wie soll e dieses je umschla-
gen und sich bewegen, da es doch in keine
Weise aus seine Fo m he aus i ? (Pla on,
K a ylos, 439c-e)
Dialek ische Me hode 33
Zwei Aspek e dieses Dialogausschni es sind on beson-
de e Rele anz. E s ens die pla onische, me aphysische
Ideenleh e, die sich in diesem Fall mi de Idee de Schön-
hei , d.h. de Schönhei an sich, und nich mi den Dingen
be assen will, die An eil an ih haben. Zwei ens und dami
einhe gehend die im G unde sp achphilosophische K i ik an
He akli s Leh e: Wenn die Schönhei an sich im Fluss wä e,
dann könne man sie nie e kennen und wä e mi hin auch
nich in de Lage, e was als schön zu bezeichnen (es „anzu-
sp echen“).
Dies bedeu e jedoch nich , dass die konk e en Gegen-
s ände und Sach e hal e in de Wel un e ände lich seien.
Die Ideen haben nach Pla on ein un e ände liches Sein,
wäh end die Dinge de Wel , die an den Ideen imme nu
An eil haben können,5 einem s e en Wandel un e wo en
sind: „Sonde n du ch Bewegung und Ve ände ung und Ve -
mischung alles un e einande nu wi d, wo on wi sagen,
dass es is , nich ich ig bezeichnend; denn niemals is ei-
gen lich i gend e was, sonde n imme nu wi d es“ (Pla on,
Theai e os, 152d). So kann auch Sok a es Bein zum Beginn
des Phaidon e s schme zen und sich da au hin umso ange-
nehme an ühlen, wäh end die Ideen des Schme zes und
des Angenehmen s e s un e ände lich bleiben, sich de inie-
end du ch das, was sie nich sind. Dialek ik, ü Pla on die
höchs e Fo m wissenscha liche E kenn nis, soll alle dings
de E kenn nis de Ideen mi den Mi eln de Ve nun die-
nen, nich de E kenn nis de sich ba en Gegens ände de
Wel (Ri se , 2017, 25). Inso e n schein Pla on in Bezug
5 So kann ein Gesich z.B. als schön emp unden we den, es is abe nie die
Schönhei selbs , sonde n ha , so Pla on, imme nu An eil an de Idee de
Schönhei .
40 Conno Oh
sam im sensibilisie en und emanzipie en Denken au geho-
ben (also bewah ).9 Die indi iduellen Handlungen Einzel-
ne – wie in diesem Beispiel Hi le und seine Ge olgscha
– können den no wendigen Fo sch i de F eihei nach He-
gel nich au hal en. Dies is Hegels Lis de Ve nun : „Das
Ve nün ige ealisie sich au e s eck e Weise, nämlich
un e dem Deckman el de besonde en In e essen und Lei-
denscha en on Indi iduen“ (Os i sch, 2020, 88).10
Im Endziel de dialek ischen Bewegung nach Hegel ge-
lange die nunmeh im Geis e eie Menschhei zum absolu-
en Wissen, das keinen wei e en Wide sp uch en hiel e, de
au zuheben wä e. Inso e n handel es sich bei Hegel um
eine posi i e Dialek ik (K eis, 2017, 145 .), die im Gegensa z
zu nega i en au eine Geschlossenhei des Sys emganzen
abziel .
9 Dadu ch wä e das an isemi ische Denken auch in Hegels Philosophie alles
ande e als legi imie . Es bleib das Nega i e, Schlech e, das es in de dia-
lek ischen Bewegung du ch eine An i hese zu übe winden gil .
10 Die dialek ische Bewegung is ü Hegel dami zugleich eine Theodizee,
eine E klä ung und Rech e igung de F age, wie ein gu e Go o z all
des Bösen in de Wel exis ie en kann: „Unse e Be ach ung is inso e n
eine Theodizee, eine Rech e igung Go es, welches Leibniz me aphy-
sisch au seine Weise in noch abs ak en, unbes imm en Ka ego ien e -
such ha : das Übel in de Wel übe haup , das Böse mi inbeg i en,
soll e beg i en, de denkende Geis mi dem Nega i en e söhn we den;
und es is in de Wel geschich e, dass die ganze Masse des konk e en
Übels uns o die Augen geleg wi d. [...] Die Aussöhnung kann nu du ch
die E kenn nis des A o ma i en e eich we den, in welchem jenes Nega-
i e zu einem Un e geo dne en und Übe wundenen e schwinde “ (He-
gel, 1955, 48).
Dialek ische Me hode 41
6. Ado no und Ho kheime : Die K i ische Theo ie
Dem Glauben an eine s e ig o sch ei ende En wicklung
de F eihei in de Geschich e, ü die die Sch ecken und
Unge ech igkei en de Wel nu no wendige Wegpunk e zu
dialek isch sich en al enden, absolu en F eihei seien, wi-
de sp echen die deu schen Philosophen Theodo W. Ado no
(1903-1969) und Max Ho kheime (1895-1973) ehemen .
Die be ühm en e s en Sä ze de on ihnen gemeinsam e -
ass en Dialek ik de Au klä ung lau en: „Sei je ha die Au -
klä ung im um assends en Sinn o sch ei enden Denkens
das Ziel e olg , on den Menschen die Fu ch zu nehmen
und sie als He en einzuse zen. Abe die ollends au ge-
klä e E de s ahl im Zeichen iumphalen Unheils“ (A-
do no & Ho kheime , 2020, 9).
Du ch die Abweh de posi i en Dialek ik Hegels gewin-
nen Ado no und Ho kheime ih e eigene Nega i e Dialek ik
(K eis, 2017, 132). Die sich o allem an Hegel, Ka l Ma x
und Sigmund F eud o ien ie enden Philosophen übe neh-
men dabei Hegels dialek ische Bewegung on These und An-
i hese, ohne sich au den mi de Syn hese e bundenen
no wendigen Fo sch i sgedanken Hegels einlassen zu
wollen. Die Wide sp üche, die insbesonde e in de Au klä-
ung zu inden seien, seien nich syn he isch au lösba und
e söhnba , und so e keh e sie sich in ein sich anbahnen-
des Unheil s a in die ollkommene F eihei des absolu en
Wissens. Dami e leugnen sie nich den dialek ischen Zu-
sammenhang de geschich lichen En wicklung, da ü abe
den Wel plan zum Besse en, den Hegel ih p ädizie (Sand-
kaulen, 2006, 173).
42 Conno Oh
Fü die Dialek ik de Au klä ung sind die Beg i e Au klä-
ung und My hos zen al. My hos mein hie bei nich bloß
so e was wie al e ümliche E zählungen und Legenden, son-
de n ielmeh die spezi ische Denkweise, die in ihnen zum
Ausd uck komm :
Denn My hologie ha e in ih en Ges al en die
Essenz des Bes ehenden: K eislau , Schicksal,
He scha de Wel als die Wah hei zu ückge-
spiegel und de Ho nung en sag . In de P äg-
nanz des my hischen Bildes wie in de Kla hei
de wissenscha lichen Fo mel wi d die Ewig-
kei des Ta sächlichen bes ä ig . (Ado no &
Ho kheime , 2020, 33)
My hen wollen zwa „be ich en, nennen, den U sp ung
sagen“ (Ado no & Ho kheime , 2020, 14), sie we den abe
aus einem Be ich zu Leh e. Es geh beim my hischen Den-
ken mi hin um ein solches, das du ch i a ionale E klä-
ungss uk u en de Wel in Zwängen und de Un eihei
des Einzelnen münde . Als Zwänge diese A könn en z.B.
die ch is lichen Gebo e gelesen we den. Das ch is liche
Denken weis ein Sys em au , das die Wel ganzhei lich zu
e klä en bes eb is und dadu ch den Menschen in spezi i-
sche Zwänge e s ick . So wi d ihm eine Essenz, d.h.
gleichsam eine Na u , zugesp ochen, de e s e s zu en -
sp echen ha . Die Au klä ung se z dem die Ve nun , en -
gegen, mi de sie die My hen ze s ö en und den Menschen
„als He en einzuse zen“ (Ado no & Ho kheime , 2020, 9)
such , ihn also on den Zwängen be eien will, denen e im
my hischen Denken ausgese z is .
De dialek ische Ansa z bei Ado no und Ho kheime be-
s eh nun da in, die Wide sp üche nich nu im My hos,
Dialek ische Me hode 43
sonde n auch in de Au klä ung au zudecken. Ganz im
Sinne Hegels agen beide Denkweisen ih en Wide sp uch
be ei s in sich: „Wie die My hen schon Au klä ung ollzie-
hen, so e s ick Au klä ung mi jedem ih e Sch i e ie e
sich in die My hologie. Allen S o emp äng sie on den My-
hen, um sie zu ze s ö en, und als Rich ende ge ä sie in den
my hischen Bann“ (Ado no & Ho kheime , 2020, 18). In die-
sem Zi a zeig sich auch be ei s de zen ale Un e schied
zu Hegel: Die Au klä ung is mi Ado no und Ho kheime
nich als dialek ische Au hebung zu e s ehen, als eine hö-
he e Fo m de E kenn nis aus dem Wide sp echen des My-
hischen, sonde n sie selbs äll zu ück in das My hische,
als dessen Gegensa z sie en s and. My hos äg be ei s Au -
klä ung in sich und Au klä ung s e s das My hische, in das
sie zu ück allen kann. Dem s e igen Fo sch ei en on He-
gels Dialek ik wi d dami die Möglichkei des Abs eigens,
des Zu ück allens, in und du ch die Dialek ik gegenübe ge-
s ell . Inwie e n My hen be ei s Au klä ung ollziehen,
wi d im be ühm gewo denen Kapi el Odysseus ode My-
hos und Au klä ung in de Dialek ik de Au klä ung be-
sch ieben, wich ige ü die Analyse mode ne P ozesse und
dami auch ü diese A bei is jedoch, inwie e n die Au klä-
ung ins My hische zu ück äll . Un e diesem Aspek is die
Dialek ik de K i ischen Theo ie (KT) wesen lich K i ik, Un-
e minie ung des als selbs e s ändlich Gel enden ohne die
Se zung eine neuen Wah hei als ein ein emanzipa o i-
sches Vo haben (F öhlich, 1992, 15, 29 .; K eis, 2017, 133):
44 Conno Oh
„Philosophie schöp , was i gend sie noch legi imie , aus
einem Nega i en“ (Ado no 2018, 62).11
So k i isie en die beiden Philosophen an dem mi de
Au klä ung sich he ausbildenden Indus iezei al e , dass
das Indi iduum in neue Zwänge e s ick we de. De P i-
ma de Ve nun in de Au klä ung un e g abe die eie
En al ung des Indi iduums nich zule z im Be eich seine
iebha en Bedü nisse, „denn die un e lek ie e He -
scha de Ve nun , die des Ichs übe das Es, is iden isch
mi dem ep essi en P inzip, das die Psychoanalyse, de en
K i ik o m Reali ä sp inzip des Ichs e s umm , in dessen
unbewuss es Wal en e schob“ (Ado no 2018, 269). An die-
se S elle wi d die O ien ie ung de KT an de Psychoana-
lyse F euds deu lich. De Psychoanaly ike Sigmund F eud
un e eil das Bewuss sein 1. in eine kul u ell e le n e Ge-
wissensins anz, das Übe -Ich, 2. In eine Ins anz ü das
( e nun gelei e e) Bewuss sein, das en scheidungs e -
ende Ich, und 3. in die Ins anz des Unbewuss en, in dem
die iebha en Bedü nisse e anke sind, das Es (F eud
1978, 180 .). Das Reali ä sp inzip is ein Teil de bewuss en
S eue ung des Ich, das die au kommenden Wünsche des Es
im Sinne de o he schenden gesellscha lichen No men
umwandel ode un e binde (F eud, 2010, 21). Ado no will
mi de zi ie en Aussage also au zeigen, dass die eine
He scha de Ve nun de Au klä ung die indi iduellen
Bedü nisse au ähnliche Weise wie de My hos un e bin-
11 Dies un e scheide auch die sogenann e K i ische Theo ie on de T adi-
ionellen Theo ie. Wäh end Le z e e gesellscha liche Phänomene be-
sch eib und aus sich selbs he aus e klä , e heb E s e e ausschließlich
gesellscha sk i ischen Ansp uch (F öhlich, 1992, 20 .).
Dialek ische Me hode 45
de , sodass die Au klä ung eben nich in eine Fo m absolu-
e F eihei münde , sonde n sich in neue Zwänge e keh .
Dabei is die „Un e d ückung de i alen Ins ink e“ (Ado no
& Ho kheime , 2020, 144) ü die Philosophen de KT
du chaus ein Zeichen de F eihei und Indi idua ion. Es
sind ielmeh die absolu e He scha de Ve nun de Au -
klä ung und de Zwang, die diese au das Indi iduum aus-
üb , die die F eihei übe die T iebe in den Zwang de Ve -
nun e keh en. E neu zeig sich, dass ein P ozess seine
Wide sp üche be ei s beinhal e und sich s e s in sein Ge-
gen eil e keh en kann, das e zu übe winden ach e e.
De zwei e O ien ie ungspunk is die Philosophie on
Ka l Ma x. Hie bei geh es de KT o allem da um, dass
sich de Mensch dadu ch on sich selbs en emde, dass e
sich im kapi alis ischen Indus iezei al e selbs als Wa e
e ah e. De A bei e sei eine Wa e, die e e kau , da e
nich ü das P oduk selbs bezahl wi d, sonde n ü seine
A bei sk a (Ma x, 2008, 125 .). Ado no und Ho kheime
gehen soga noch wei e , indem sie sagen, dass die A bei
nich bloß en emde sei, sonde n das ganze Sys em de
P oduk ion als Zweck gese z we de. So wi d das eie, au-
onome Leben zu einem Übe leben, basie end au de No -
wendigkei des A bei ens: „Nach Ansich de o malisie en
Ve nun is eine Tä igkei nu dann e nün ig, wenn sie
einem ande en Zweck dien , zum Beispiel de Gesundhei
ode de En spannung, die hil , die A bei sk a wiede
au zu ischen“ (Ho kheime , 1991, 56). Du ch die Ve nun
we den so Mi el und Zwecke e keh . De Mensch emp in-
de sich und seine Handlungen nich wei e als Selbs zweck,
sonde n als Mi el zum Zwecke de P oduk ion. Inso e n
46 Conno Oh
scha en die Au klä ung und insbesonde e das Indus ie-
zei al e des 20. Jah hunde s neue Zwänge, ans a sie zu
un e minie en. „Was F eihei p oduzie e, schläg in Un-
eihei um“(Ado no, 2018, 259).
7. Die DM nach Ado no und Ho kheime
Einen eindeu igen o malen Plan ü die DM gib es auch bei
Ado no und Ho kheime nich . Das P ojek de KT kann mi
seinem emanzipa o ischen Ansp uch kein neues Sys em
se zen; die wide sp uchs ollen Gegens ände, die es zu ana-
lysie en gil , spe en sich „gegen jeglichen Ve such eine
eins immigen Deu ung“ (Ado no, 2018, 148), weshalb Phi-
losophie als solche sich in ih em Fo gang „aus de Reibung
mi dem, wo an sie sich miss “ (Ado no, 2018, 44) zu e -
neue n habe. Dennoch soll im Folgenden ein Ve such un e -
nommen we den, aus den o handenen Analysen einen me-
hodischen Ablau zu kons uie en, de dann an einem Bei-
spiel angewende wi d.
1. Auswahl eines Un e suchungsgegens andes
In F age komm hie po en iell jedes kul u ell gescha -
ene Phänomen, dem ein Zweck zugesch ieben wi d. So
könn e man z.B. die kon empo ä en eminis ischen Bewe-
gungen, den Russland-Uk aine K ieg, die En wicklung de
epublikanischen Pa ei in den USA, die En wicklungen de
Dialek ische Me hode 47
sozialen Medien wie TikTok ode abe auch den zunehmen-
den Wi scha szweig on Bio-P oduk en un e suchen. Das
Feld de Anwendungsmöglichkei en de DM is seh g oß.12
2. He aushebung des zu un e suchenden Elemen s (Is ael,
1979, 121)
In diesem Sch i wi d das zu un e suchende Elemen
he ausgehoben. Bei eminis ischen Bewegungen könn e es
das Ziel de Emanzipa ion sein, beim Ve kau on Bio-P o-
duk en das Ziel de Nachhal igkei . Wich ig is es hie bei zu
beach en, dass die meis en Phänomene meh schich ig sind
und sich nich au ein Elemen (d.h. einen Zweck) beg en-
zen lassen. Auch die Au klä ung is meh als die Be eiung
des Menschen on Zwängen, abe dieses Elemen ha die KT
zu Analyse und K i ik he ausgehoben.
3. Die Suche nach dem Gegen eil ode Wide sp uch (Is-
ael, 1979, 121)
Nun muss das Gegen eil bzw. de Wide sp uch des he -
ausgehobenen Elemen s pe Nega ion ge unden we den.
Z.B. könn e als das Gegen eil de Emanzipa ion die Un e -
d ückung bzw. de Zwang genann we den, so wie es auch
schon in de KT de Fall is . Das u sp üngliche Elemen und
sein Wide sp uch haben nu in Beziehung zueinande Sinn
(Is ael, 1979, 121): Ohne Zwang keine Emanzipa ion, ohne
blinden Konsum keine Nachhal igkei . Hie in zeig sich be-
12 Ado no und Ho kheime selbs ha en eine Vo liebe ü das Kino und
analysie en die do da ges ell en Filme (Ado no & Ho kheime , 2018,
134).
48 Conno Oh
ei s die Dialek ik de Elemen e: Die Emanzipa ion beinhal-
e den Zwang be ei s, inso e n sie ihn als das Elemen be-
nö ig , das sie nich is und zu übe winden ach e .
4. Analyse des Un e suchungsgegens andes in seine P o-
zessha igkei anhand des Elemen es und seines Gegen-
eils
In diesem Sch i lieg de wesen liche Un e schied zu
Dialek ik Hegels. Wäh end bei diese mi de Syn hese die
Nega ion selbs negie wi d, wodu ch das Elemen du ch
sein Gegen eil zu eine höhe en Fo m de E kenn nis au ge-
hoben wi d, un e such die DM de KT, ob und inwiewei das
Elemen im Beg i is , sich in sein Gegen eil zu e keh en.
Mi Hegel wä e also bspw. die Emanzipa ion des Feminis-
mus eine höhe e Fo m de E kenn nis, die e s du ch ih
Gegen eil, die Un e d ückung de F auen (bzw. de Mannig-
al igkei de gende ) möglich wä e, mi Ado no und Ho k-
heime bliebe zu un e suchen, ob die bzw. eine eminis i-
sche Bewegung mi konk e e Zielse zung neue He -
scha ss uk u en he o u , ans a sie sub e si zu un-
e minie en. Ein Beispiel: In ih em bekann en und kon o-
e sen Essay Die po en e F au behaup e Flaßpöhle (2018),
de Hash ag-Feminismus und insbesonde e die Me- oo-Be-
wegung e olge das Ziel, die F au om Pa ia cha zu be-
eien, wiede hole dabei abe pa ia chale Denkmus e und
pos ulie e ein Bild de schwachen, hil sbedü igen F au.
5. K i ik des Bes ehenden
Die Analyse de DM münde in de K i ik de bes ehen-
den Ums ände. So k i isie Flaßpöhle die e neu e Kons i-
u ion eines passi en F auenbildes und s ell dem ih Kon-
Dialek ische Me hode 49
zep de po en en F au gegenübe . Die K i ik is selbs e -
s ändlich nu dann möglich, wenn im o igen Sch i eine
Ve keh ung ins Gegen eil des zu un e suchenden Elemen s
he ausges ell wu de. Eine eminis ische Bewegung, die
ih e a sächlichen Ziele e eich , is aus Sich de DM nich
zu k i isie en.
8. Analyse mi els de DM am Beispiel de sozialen
Medien
1. Als Un e suchungsgegens and we den die sozialen Me-
dien, ausgewähl . Es handel sich hie bei um ein ielschich-
iges und hoch ele an es kul u elles Phänomen.
2. Au g und de Komplexi ä de sozialen Medien muss sich
au ein Elemen besch änk we den. Das zu un e suchende
Elemen is die Demok a isie ung qua soziale Medien.13 Die
Demok a isie ung s eh in di ek em Zusammenhang mi
den Analyseelemen en de KT: Demok a ie, die He scha
des Volkes, is nu dann möglich, wenn die Einzelnen ein
gewisses Maß an F eihei , Selbs bes immung und Mündig-
kei besi zen. Ta sächliche poli ische Teilhabe wiede um
beda de Iden i ika ion des Indi iduums mi de Gemein-
scha im Sinne eines Gemeinwillens (Taylo , 2001, 17). Wi
benö igen „eine gemeinsame Sich au die Wel , in de wi
zusammenleben. Wi müssen mi den Bedü nissen und
13 Auch dies is im G unde be ei s ein zu komplexes Elemen , um es e -
schöp end in eine beispielha en Analyse und K i ik mi els de DM zu
du chleuch en. Es sei dahe da au hingewiesen, dass es sich lediglich um
eine Skizzie ung handel .
56 Conno Oh
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