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Politolinguistik im Fach Deutsch als Fremdsprache

Bies, Andrea

Abstract

Die Behandlung politischer Sprache findet in der DaF-Didaktik bisher kaum Beachtung. Politolinguistische Studien zeigen jedoch, dass sich politische Sprache durch spezielle Präferenzen in Lexik und Grammatik sowie musterhaften Sprachgebrauch auszeichnet. Die Kenntnis dieser Präferenzen und Muster erleichtert das Verstehen von politischen Texten und ermöglicht somit die Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen. Ausgehend von diesem Grundsatz wird in diesem Beitrag untersucht, welche Bereiche und Erkenntnisse der Politolinguistik für den DaF-Bereich relevant sein können. Die Ergebnisse werden in einem Analyse- Raster für den Unterricht zusammengefasst und das Vorgehen mit dem Raster anhand eines Fernseh-Interviews mit dem Bundeskanzler Olaf Scholz illustriert.

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199 ANDREA BIES Politolinguistik im Fach Deutsch als Fremdsprache Die Behandlung politischer Sprache findet in der DaF-Didaktik bisher kaum Beachtung. Politolinguistische Studien zeigen jedoch, dass sich politische Sprache durch spezielle Präferenzen in Lexik und Grammatik sowie musterhaften Sprachgebrauch auszeichnet. Die Kenntnis dieser Präferenzen und Muster erleichtert das Verstehen von politischen Texten und ermöglicht somit die Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen. Ausgehend von diesem Grundsatz wird in diesem Beitrag untersucht, welche Bereiche und Erkenntnisse der Politolinguistik für den DaF-Bereich relevant sein können. Die Ergebnisse werden in einem AnalyseRaster für den Unterricht zusammengefasst und das Vorgehen mit dem Raster anhand eines Fernseh-Interviews mit dem Bundeskanzler Olaf Scholz illustriert. Schlüsselwörter: Politolinguistik, Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache, Fremd sprachen-Didaktik 1 Einleitung Politische Sprache spielt früher oder später beim Fremdsprachenlernen eine Rolle. Dies spiegelt sich implizit im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (vgl. EUROPARAT 2001: 77) wider, wo in der Skala zur audiovisuellen Rezeption Fernsehsendungen wie Nachrichten, Live-Interviews und Talkshows genannt werden. In diesen Formaten kommen sehr häufig Politiker/innen zu Wort. Hier stellt sich die Frage, ob und wie eine an politischer Sprache interessierte Linguistik einen Beitrag zur DaF/DaZ-Didaktik 1 leisten kann. Die Behandlung politischer Sprache findet hier jedoch bisher kaum Beachtung.2 In diesem Zusammenhang ist Eichingers Plädoyer für eine nicht wertende Analyse politischer Sprache, der oft Inhaltsleere durch Phrasen und Muster vorgeworfen werde (vgl. EICHINGER 2015: 34f.), bedeutsam: 1 Die Überlegungen dieses Artikels beziehen sich auf DaF und DaZ, wenn auch im weiteren Text DaZ nicht mehr explizit genannt wird. 2 Politische Lektionen in Lehrwerken behandeln das Thema Politik hauptsächlich auf landeskundlicher bzw. inhaltlicher Ebene unter Einbeziehung des wichtigsten Institutionenvokabulars (vgl. hierzu den Überblick in ALYAZ 2007: 10). Einzelne Studien befassen sich mit dem Einsatz von Wahlplakaten (ebd.) und Neujahrsansprachen (vgl. FRICK 2016) im Unterricht. Aussiger Beiträge 17 (2023), S. 199–214 ISSN 2570-916X DOI 10.21062/ab.2023.011 200 Aussiger Beiträge 17 (2023) Es führt nicht weiter, politische Sprache als eine in dieser Hinsicht beschränkte oder auch in ihrer Vorformuliertheit manipulative Sprachform anzusehen. Sofern wir alle diese Muster kennen, helfen sie auch den Hörern durch die sprachliche Welt. (ebd.: 35) Hier überschneidet sich das Fach DaF mit der Politolinguistik. Während jedoch die Politolinguistik u. A. die Musterhaftigkeit politischer Sprache ermittelt, geht es in DaF darum, diese sprachlichen Muster und Charakteristika zu vermitteln, um den Lernenden die Sprache der deutschen Politik verständlicher zu machen. Dieses Verständnis ist die Voraussetzung für die Teilhabe an gesellschaftlich relevanten Diskursen. Ausgehend von diesem Grundsatz werden in diesem Beitrag zunächst die für DaF relevanten Bereiche der Politolinguistik und geeignete Textsorten für den Unterricht bestimmt. Anhand dieser Überlegungen wird ein Analyse-Raster für den Unterricht erarbeitet, dessen Anwendung anhand eines politischen Fernseh-Interviews illustriert werden soll. 2 Überschneidungsbereiche von Politolinguistik und DaF Gegenstandsbereiche der Politolinguistik sind nicht nur das Sprechen von Politikern und Politikerinnen, sondern auch politische Mediensprache, Sprache in der Politik und das Sprechen über Politik (vgl. BURKHARDT 1996: 81). Nicht alle diese Bereiche sind auch für DaF-Lernende relevant. Nur zur öffentlichen medienvermittelten politischen Kommunikation haben Lernende Zugang, weshalb Sprache in der Politik (wie bspw. ein Gesetzesentwurf) kein Lerngegenstand für DaF sein kann. Für DaF ebenfalls irrelevant sind die sprachhistorischen Analysen politischer Kommunikation der Politolinguistik (etwa NS-Zeit, Wende-Zeit, DDR). Auch sind nicht alle Interaktionsrahmen politischer Kommunikation für DaF von Belang. Mündliche oder schriftliche politische Kommunikation findet in den Interaktionsrahmen Gesellschaft, Parlament, Partei, Medien und vorpolitischer Raum statt (vgl. KLEIN 2019: 328f.). Von Interesse für den DaF-Bereich sind hier vor allem die Interaktionsrahmen Gesellschaft und Medien, mitunter auch der Interaktionsrahmen Partei (siehe 2.1).3 Politolinguistische Studien im Bereich der Lexik zu Schlagwörtern und Frequenzen sowie im Bereich Pragmatik zur Analyse von typischen Sprachhandlungsmustern können aufgrund ihres Interesses an Charakteristika 3 Die Textsorten des Interaktionsrahmens Parlament (bspw. Abgeordnetenfrage) und vor politischer Raum (bspw. Grußwort) sind aufgrund des für DaF-Lernende lebensfernen Interaktionsraumes für den Fremdsprachenunterricht eher nicht von Belang. 201 ANDREA BIES und Mustern politischer Sprache auch für Deutschlernende wichtig sein. Im Folgenden werden die für DaF in Frage kommenden Inhalte näher bestimmt. 2.1 Textsorten Wie oben erwähnt sind für DaF vor allem politische mündliche oder schrift liche Texte des Interaktionsrahmens Gesellschaft und Medien relevant. Typische mündliche Redegattungen des Interaktionsrahmens Gesell schaft sind nach KLEIN (2019: 328f.) bspw. die Gedenkrede sowie die Weihnachtsund Neujahrsansprache.4 Auch der Interaktionsrahmen Medien bietet vor allem bei mündlichen Textsorten viel Material für den DaF-Bereich: Pressekonferenz, Podcast, Statement und Talkshow-Auftritt sowie die schriftlich und mündlich existierenden Textsorten Interview und Kommentar (ebd.). Der Interaktionsrahmen Partei beinhaltet an für DaF relevanten mündlichen Textsorten u. A. den Wahlspot sowie den schriftlichen Wahlslogan (vgl. ALYAZ 2007: 9), während Texte wie Parteiprogramme und Parteitagsreden inhaltlich eher irrelevant für den DaF-Unterricht sind. Äußerst wichtig ist im DaF-Kontext auch die Eignung der Texte hinsichtlich ihrer Verfügbarkeit und Beschaffenheit: Sind die Texte online verfügbar? Existieren zu den mündlichen Texten Transkripte? Talkshows und mündliche Interviews müssen für die Didaktisierung zunächst transkribiert werden, während bspw. die Videoaufzeichnung und das Transkript der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers auf der Webseite der Bundesregierung zur Verfügung stehen. Sind die Texte außerdem adäquat für das Sprachniveau der Lernenden? So sind politische Talk-Shows aufgrund der häufigen Überlappungen der Sprechbeiträge und der meist hohen Sprechgeschwindigkeit erheblich schwieriger zu verstehen als die Monologe bei Reden, die von einer Person und eher langsam vorgetragen werden. 2.2 Sprachfunktionen und kommunikative Verfahren Als grundlegendste Sprachfunktion – verstanden als die einer sprachlichen Handlung innewohnende Intention – politischer Sprache gilt die Persuasion (vgl. GIRNTH 2015: 46). Insgesamt kann man vier Funktionen politischer Sprache feststellen: die regulative (bspw. Gesetzestexte), poskative (bspw. Mani feste), informativ-persuasive (bspw. Pressekonferenz) und integrative Sprach funktion (bspw. Gedenkrede) (vgl. ebd.: 47). Für den DaF-Bereich sind aufgrund ihres häufigen Vorkommens in den Medien Texte mit vorherrschend 4 Die schriftlichen Textsorten des Interaktionsrahmens Gesellschaft wie Verfassung, Abstim mungserläuterung oder Referendum scheinen der Verfasserin aufgrund ihrer Thematik für den DaF-Bereich eher ungeeignet. 202 Aussiger Beiträge 17 (2023) informativ-persuasiver sowie integrativer Sprachfunktion von Interesse. Jede dieser Sprachfunktionen wird durch bestimmte kommunikative Verfahren bzw. Sprachhandlungsmuster realisiert (vgl. ebd.: 49). Für das kommunikati - ve Verfahren des Argumentierens, das überaus häufig sowie textsortenübergreifend angewendet und daher für DaF interessant wird, stellt bspw. KLEIN (2019: 338) ein in seiner Abfolge flexibles Grundmuster fest, das auf Topoi bzw. Argument-Typen basiert und der Rechtfertigung politischen Handelns dient: Es besteht aus dem Anführen von Situationsdaten (Datentopos), dem Handlung motivierenden Bewerten der Daten (Valuationstopos), der Berufung auf handlungsleitende Prinzipien/Normen/Werte (Prinzipientopos) und der Nennung der Ziele der Handlung (Finaltopos).5 2.3 Lexik Der Wortschatz der Sprache in der Politik kann laut KLEIN (1989: 4) in folgende Felder eingeteilt werden: Institutionsvokabular, Ressortvokabular, allgemeinsprachliches Vokabular/Interaktionsvokabular (siehe 2.6) und Ideologievokabular, deren Mischungsverhältnis sich je nach Textsorte unterscheidet. Das aus dem Ideologievokabular stammende Schlagwort stellt allerdings die „auffälligste sprachliche Erscheinung in der politisch-öffentlichen Kommunikation“ (GIRNTH 2015: 62) dar. Schlagwörter haben als Funktion die Reduktion der Komplexität der Wirklichkeit bei gleichzeitiger Hervorrufung von Emotionen (ebd.). Sie lassen sich weiter differenzieren in Hochwertworte (positiv bewertet) und Unwertworte (negativ bewertet), im Fall der politischen Sprache der BRD bspw. Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Diktatur, Nationalsozialismus und Rassismus (ebd.: 63). Schlagwörter in aktuellen Texten bzw. Diskursen ausfindig zu machen, setzt allerdings ein interpretatives und aufwendiges Verfahren voraus (vgl. NIEHR 2019: 685), das weder im akademischen Fach DaF noch von Dozenten/innen während der Unterrichtsvorbereitung geleistet werden kann. Hilfreich kann hier das politolinguistische Online-Portal Diskursmonitor (vgl. URL 1) sein, das eine Liste etablierter Schlagwörter sowie regelmäßige Publikationen zu Schlagwörtern aktueller Diskurse anbietet. Für den DaF-Bereich ebenfalls relevant, aber leichter zu erfassen, sind die im politischen Sprachgebrauch häufig anzutreffenden Metaphern. Metaphern haben im Diskurs eine persuasive und wertende Funktion (vgl. SPIESS 2017: 100). Häufig verwendete Metaphern-Konzepte im öffentlich-politischen Diskurs sind unter Anderen die WEG-Metaphorik (zur Legitimierung politischer Ziele, 5 Dieses Grundmuster kann um weitere Topoi ergänzt werden (siehe dazu KLEIN 2019: 339f.). 203 ANDREA BIES Entscheidungen und Prozesse), die NATURKATASTROPHEN-Metaphorik (zur negativen Bewertung von Ereignissen), die KRANKHEITS-Metaphorik (ebenfalls zur negativen Bewertung von Ereignissen oder Personen), die GEBÄUDE UND BAUWERK-Metaphorik zur Benennung von Stabilität oder Veränderungen sowie die KRIEGSUND MILITÄR-Metaphorik zur Konzeptualisierung politischen Handelns als Kriegskonstellation (vgl. ebd.: 106–111). Für den DaF-Bereich ebenfalls geeignet sind außerdem alle textsortenspe - zifischen lexikalischen Auffälligkeiten, bspw. die Verwendung des Personalpronomens wir in Neujahrsansprachen (vgl. FRICK 2016: 57). 2.4 Leerformeln und andere sprachliche Verfestigungen Die Leerformel wird vom Duden als „nichtssagende, inhaltslose, formelhafte Äußerung, Redewendung o. Ä.“ (URL 2) definiert. Laut KLEIN (1998: 383) wird sie im Rahmen der politischen Sprachstrategie des Kaschierens verwendet und entsteht aus dem „Konflikt zwischen dem Adressatenanspruch auf Information und dem Vorsatz, Operationsspielräume offen zu halten und darum keine substanzielle Information zu geben“. In der Politolinguistik wird die Schwierigkeit ihrer Erforschung betont, da sich die Leerformel aufgrund ihrer Form (aus mehreren Wörtern bestehend) und Kontextabhängigkeit (welche die Leere der Aussage bestimmt) weitgehend der computergestützen Analyse von Korpora entzieht (vgl. NIEHR 2019: 685). So finden sich bis zur Niederschrift dieses Artikels keine frequenzanalytischen Untersuchungen über die Verwendung bestimmer Leerformeln. Presse und Rundfunk6 sowie populärwissenschaftliche Publikationen 7 beschäftigen sich jedoch häufig mit diesem Phänomen. Im Internet findet man sogar ein satirisches Video, in dem der befragte Politiker nur mit Leerformeln auf die Frage der Journalistin antwortet.8 Die dort präsentierten Aufzählungen von Leerformeln können für den DaFBereich sehr nützlich sein, da sie so häufig vorkommen, dass die Lernenden durch deren Kenntnis einen großen Teil politischer Sprache besser verstehen werden. 6 Bspw. der Rundfunk-Beitrag Worthülsen und Sprechblasen. Rhetorik von Politikern im Deutschlandfunk Kultur am 19.06.2017 (URL 3). 7 Bspw. der im Dudenverlag erschienene Band Und täglich grüßt das Phrasenschwein (GEORGIE 2019). 8 Siehe URL 4. Einige dieser Allgemeinplätze sind: „Der Wähler hat uns einen klaren Auftrag gegeben“, „Diese Aufgaben sind eine Herausforderung, der wir uns stellen“, „Wir wollen Zukunft gestalten“, „Wir werden das sicherlich diskutieren“. 204 Aussiger Beiträge 17 (2023) Gleiches gilt für andere sprachliche Verfestigungen und Muster, bspw. die Formulierung „Wer mich kennt, der weiß…“ zur Authentifizierung positiver Selbsteinschätzung in Medieninterviews (vgl. HAUSER/MEIER 2014). 2.5 Grammatik Politische mündliche und schriftliche Sprache zeichnet sich laut KLEIN (2019: 345) meist durch eine unkomplizierte Syntax aus – markante einfache Sätze werden eher von den Rezipienten erinnert und von den Medien rezipiert. Dieses Phänomen macht politische Sprache für den DaF-Unterricht besonders geeignet. Mit Wahlplakaten, die ebenfalls einfache Satzstrukturen beinhalten, kann man sich laut ALYAZ (2007: 11) ab dem Niveau B1 im Unterricht befassen. Aufgrund der simplen Syntax von Neujahrsansprachen empfiehlt FRICK (2016: 56) auch die Behandlung dieser Textsorte schon ab Niveau B1. Was andere grammatische Kategorien betrifft, hat die Politolinguistik sich bisher vor allem auf die Analyse von Parlamentsreden konzentriert und dort durchaus grammatikalische Muster wie bspw. die häufige Verwendung modalpassivischer Konstruktionen (vgl. TROST 2015) oder typischer Funktionsverbgefüge (vgl. EICHINGER 2015) feststellen können. Allerdings sind Parlamentsdebatten schon aufgrund ihrer Länge und ihres den DaFLernenden lebensfernen Interaktionsraums für den DaF-Unterricht kaum geeignet. Für andere politische Textsorten fehlen bisher Studien zu grammatischen Phänomenen, die über einen einzelnen Text hinausgehen (vgl. FÁBIÁN 2018: 98). 2.6 Interaktion Der Bereich der Interaktion beinhaltet Interaktionsvokabular und Interaktions verhalten. Da sich das Interaktionsvokabular politischer Kommuni ka tion nicht von anderen Kontexten unterscheidet, sind deren sprachliche Routinen auch in anderen Situationen nutzbar. So können anhand politischer Talkshows erlernte sprachliche Routinen der Argumentation auch in anderen Zusammenhängen verwendet werden. Einige mündliche Gattungen zeichnen sich allerdings durch spezifisches Interaktionsverhalten aus. So hat das politische Interview im Vergleich mit Interviews anderer Kontexte einen konfrontativen Charakter (vgl. BOLLOW 2007: 144). Der Ablauf wird häufig vom Ausweichen der Politiker/innen und Nachhaken der Journalisten/innen bestimmt (vgl. KLEIN 2015, BULL/ MAYER 1993). Durch das Vermitteln solcher voraussagbaren Abläufe kann das Verständnis der verbalen Interaktion unterstützt werden. 205 ANDREA BIES 2.7 Landeskunde Politische Texte können aufgrund der in ihnen angesprochenen Themen oder der ihnen zugrundeliegenden Diskurse landeskundlich geeignet sein. Eine Zusammenstellung aktueller Themen findet man in Antrittsreden (vgl. MÜLLER/RECKNAGEL 2019) oder Interviews zum Amtsantritt (s. Kapitel 4), Weihnachtsund Neujahrsansprachen (vgl. FRICK 2016: 57). Die vertiefte Diskussion einzelner Themen ist Gegenstand politischer Interviews und Talkshows. Dabei gibt es einige, die sich mit „typisch deutschen“ Landeskundethemen verbinden lassen, so bspw. der aktuelle deutsche Diskurs zum Klimawandel in Verbindung mit dem Themenbereich Auto/Autobahn/ Tempolimit. Historisch bedeutsame Sachverhalte oder Personen werden in Gedenkreden zum Inhalt (vgl. KLEIN 2019: 332). Alle politischen Texte bieten auch die Möglichkeit, vom Sprachgebrauch ausgehend landeskundliche Vergleiche zu erarbeiten (bspw. FRICK 2016). 3 Analyse-Raster für politische Texte im DaF-Kontext Im Unterricht lassen sich Texte politischer Kommunikation in verschiedene Kontexte integrieren. Die Texte können im Rahmen der Förderung des Hörverstehens (bspw. Nachrichten aus Radio oder Fernsehen, Interview), der Förderung der mündlichen und Interaktionskompetenz (bspw. Argumentationskompetenz durch Nachstellung von Talkshows) oder bei der Behandlung landeskundlicher Inhalte (bspw. Wahlplakate, Erinnerungsreden) genutzt werden. Bei der Entscheidung über die Eignung eines mündlichen oder schriftlichen Textes können – in Anlehnung an die oben referierten Studien – die folgenden Überlegungen hilfreich sein. Relevanz: Ist das Thema relevant und aktuell? Wird es länger relevant sein? Die zweite Frage zielt einerseits auf den Aufwand der Aufbereitung und Analyse des Unterrichtsmaterials ab, das bei längerer Relevanz – wie bspw. das Thema Klimawandel – mehr als einmal verwendet werden kann. Andererseits geht es auch darum, die Studierenden nicht zum Lernen von Lexik anzuhalten, das nach kurzer Zeit obsolet sein kann (bspw. das Fachvokabular der Coronapandemie). Länge: Ist das Material zu lang und wenn ja, kann es gekürzt werden ohne an Aussagekraft zu verlieren? Sprache und Niveau: Ist das Material sprachlich relevant bzw. in hohem Maß typisch bzw. textsortenkonform? Ist das Material dem Niveau der Studierenden angemessen (Geschwindigkeit der Sprechenden, Komplexität des Vokabulars)? 206 Aussiger Beiträge 17 (2023) Textsorte: Um welche Textsorte handelt es sich? Was sind die Sprachfunktionen und kommunikativen Verfahren? Lexik: Gibt es erklärungsbedürftiges Ressortvokabular? Finden sich Schlagworte, Metaphern, oft benutzte Floskeln/Leerformeln? Grammatik: Gibt es auffällige Formen wie bspw. den modalen Infinitiv zur Agensvermeidung, spezielle Funktionsverbgefüge, besonders häufige Modalverben, Modi oder Zeitformen? Interaktion: Welches Interaktionsvokabular kennen die Studierenden wahrscheinlich nicht und wäre für sie nützlich? Gibt es ein typisches Interaktionsverhalten der Politiker/innen (bspw. Ausweichen in Interviews)? Landeskunde: Welche Themen werden angesprochen oder in welchem Diskurs bewegt sich der Text? Welche Schlagworte weisen darauf hin? Abgesehen von diesen Kategorien kann auch das Vorhandensein anderer Texte eine Rolle spielen, die inhaltlich zum Haupttext in Beziehung stehen und sich für das diaktische Vorgehen eignen. Im Folgenden sollen diese Aspekte an einem politischen Interview demonstriert werden. 4 Analyse und Beispiel der Didaktisierung für den DaF-Unterricht: Interview mit Olaf Scholz Die vorliegende Analyse wurde im Rahmen des Unterrichtsthemas Interview für den universitären DaF-Unterricht9 angefertigt, dessen Lernziele in der Kenntnis der Textgattung Interview in schriftlicher und mündlicher Form sowie der Förderung des Hörverstehens liegen. Durch die Auswahl der Texte sollen die Studierenden außerdem einen Einblick in aktuell relevante Themen deutscher Politik bekommen. So fiel die Wahl auf ein Zeitungsund ein FernsehInterview mit dem 2021 zum Bundeskanzler gewählten Politiker Olaf Scholz. Beide Texte haben die Herausforderungen seiner Kanzlerschaft zum Thema und sind daher bestens geeignet, den Studierenden den gewünschten Einblick in aktuelle Themen deutscher Politik zu geben. Die Analyse des Fernseh-Interviews anhand des Rasters soll im Folgenden beschrieben werden.10 Bei dem Fernseh-Interview mit Olaf Scholz handelt es sich um eines der ersten Interviews, das Scholz als amtierender Bundeskanzler gegeben hat. Es 9 Die Lehrveranstaltung widmet sich der Vermittlung der deutschen Sprache für Studierende des Studienganges Übersetzen und Dolmetschen mit Deutsch als erster Fremdsprache auf Niveau B2. 10 Zur Analyse frequenter Lexik wurde das kostenlose Programm AntConc benutzt, es können für diesen Zweck aber auch Webseiten wie www.woerter-zaehlen.de verwendet werden. 207 ANDREA BIES wurde am 8.12.2021 im Programm Farbe bekennen des ZDF ausgestrahlt und ist etwa 19 Minuten lang.11 Zu dem Interview ist kein Transkript verfügbar, es musste also von der Lehrkraft selbst angefertigt werden. Für den Unterricht selbst müssen die Sendungen zwar nicht komplett transkribiert werden, zur Analyse der Lexik (Frequenzanalyse) ist das vollständige Transkript allerdings empfehlenswert. In diesem Fall ist das Transkript sieben Seiten lang. Dem oben vorgestellten Raster folgend wird zunächst die Eignung des Textes geprüft. Relevanz: Das Interview hat die Herausforderungen der Kanzlerschaft von Scholz zum Thema und befasst sich somit mit aktuellen Problemen deutscher Politik. Die Themen Klimawandel, deutsche Außenpolitik (vor allem im Hinblick auf die Ukraine und China) sowie mögliche Probleme einer Ampelkoalition werden auch noch länger relevant sein. Einzig die Coronapandemie mit ihrem speziellen Fachvokabular ist ein Thema, das zumindest im Jahr 2023 nicht mehr aktuell ist. Auch das Ende des Interviews zur Arbeitsweise von Scholz dürfte für DaF-Lernende uninteressant sein. Länge: Da es sich ohnehin um einen langen Text handelt, wurde das letztgenannte Thema herausgekürzt, bei der zweiten Verwendung im Kursjahr 2023 auch die Coronapandemie. Damit wurde die Länge des Textes auf ein adäquates Maß gebracht. Sprache und Niveau: In dem Text fallen typische Merkmale politischer Sprache auf (siehe Lexik/Interaktion), das Sprechtempo ist ruhig und grammatisch nicht zu anspruchsvoll. Das Institutionsund Fachvokabular ist sicherlich zu einem großen Teil unbekannt, dessen Erlernen aber aufgrund der dauerhaften Relevanz der Themen zu empfehlen. Bei der Textsorte handelt es sich um ein politisches Fernseh-Interview. Es findet im Interaktionsrahmen Medien statt, was auf eine informativ-persuasive Grundfunktion schließen lässt, die vor allem mit dem kommunikativen Verfahren des Argumentierens (siehe Kapitel 2.2) realisiert wird. Als ein Beispiel sei hier die Antwort von Scholz auf die Frage nach unterschiedlichen Ansätzen im Kanzleramt hinsichtlich der Außenpolitik angeführt: Scholz: Die Welt wird nicht einfacher, sie wird irgendwann 10 Milliarden Einwohner haben, das ist in knapp 30 Jahren der Fall, das ist jetzt nicht so weit weg von heute. Wir werden eine multipolare Welt haben mit nicht nur USA und Russland als Mächten, sondern auch China und Korea und Japan und Vietnam und Indonesien, Malaysia, Indien, starke Nationen, Afrika und Südamerika. Und unsere Aufgabe muss es ja sein, sie nicht nur multipolar zu haben, mit vielleicht einer starken europäischen Union als wichtigen Player. Sondern sie auch als multi11 Die Sendung ist im Internet verfügbar unter URL 5. 214 Aussiger Beiträge 17 (2023) URL 5: Farbe bekennen: Bundeskanzler Scholz im Interview. [28.02.2023] URL 6: BEBERMEIER, Johannes/SCHAFBUCH, David (2022): Phrasenbingo mit Olaf Scholz. t-Online vom 13.01.2022. [20.02.2023] URL 7: BRINKBÄUMER, Klaus (2022): Spiegelstrich-Kolumne über Olaf Scholz. Der Kanzler spricht, aber er sagt nichts. [20.02.2023]