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Sechs textkritische Noten zur Anthologia Latina

Schneider, Werner J.

Abstract

Die Anthologia Latina ist noch immer ein Stiefkind der latinistischen Forschung. Die häufig nicht eben herausragende Qualität der einzelnen Texte zusammen mit dem oftmals hochproblematischen Überlieferungsstand können diesen Sachverhalt bis zu einem gewissen Grad erklären. Die vor Jahren in Angriff genommene, bis heute noch nicht abgeschlossene Neuedition hatte zwischenzeitlich zu einer Belebung der textkritischen Studien zur Anthologie geführt. An diese Bestrebungen knüpft die vorzustellende Arbeit an mit der Vorlage von Korrekturen und Vorschlägen zu einigen Stücken zwischen Anth Lat 416 (418) und 475 (477).

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Zusammenfassing Die Anthologia Latina ist noch immer ein Stiefkind der latinistischen Forschung. Die häufig nicht eben herausragende Qualität der einzelnen Texte zusammen mit dem oftmals hochproblematischen Überlieferungsstand können diesen Sachverhalt bis zu einem gewissen Grad erklären. Die vor Jahren in Angriff genommene, bis heute noch nicht abgeschlossene Neuedition hatte zwischenzeitlich zu einer Belebung der textkritischen Studien zur Anthologie geführt. An diese Bestrebungen knüpft die vorzustellende Arbeit an mit der Vorlage von Korrekturen und Vorschlägen zu einigen Stücken zwischen Anth Lat 416 (418) und 475 (477). Abstract Textual criticism is possibly the main target of philologists who have dealings with the Anthologia Latina. This seems justified in so far as the multitude of poems collected in this rather miscellaneous sylloge are of second rate quality. The transmitted text, however, is highly flawed as a result of scribal negligence. The most recent edition has improved our understanding of several poems considerably by enhancing the possibilities of conjectural criticism, but many riddles remain. The scope of this contribution is to correct some scribal errors and to offer new solutions to a couple of loci vexati that range from Anth Lat 416 (418) to 475 (477). 416 SB = 418 R Nullum opus exsurgit quod non annosa vetustas expugnet, quod non vertat iniqua dies, tu licet extollas magnos ad sidera montes et calidas aeques marmore Pyramidas. ingenio mors nulla nocet, vacat undique tutum; inlaesum semper carmina nomen habent. calidas V sensu caret, nisi cum R «in Africa sitas» intellegis validas Pithoeus (?), quem SB secutus est solidas Pierson Pharias Heinsius canas Bae more suo celsas emend. Faventia 21/2, 1999 95-104 Sechs textkritische Noten zur Anthologia Latina Werner J. Schneider Universität Heidelberg. Archäologisches Institut Marstallhof 4. 69117 Heidelberg Data de recepció: 30/3/1998 Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 95 Eine Seneca zugeschriebene Synkrisis der Fortdauer des Ruhms, der von architektonischen Monumenten und solchen der dichterischen Rede zu erwarten ist: exegi monumentum . . . . Die handschriftliche Überlieferung im zweiten Pentameter ist sinnlos, sofern man nicht im Attribut calidas einen recht albernen etymologischen Pun auf P y r amidas sehen wollte oder aber die Konsequenz aus dem Phänomen, daß die Pyramiden der Eigenart ihres geometrischen Körpers zufolge, wenn die Sonne im Zenit steht, keinen Schatten spenden, wie es das Parallelepigramm 415 SB 4 sagt: Pyramidas, medio quas fugit umbra die. Beides1 wäre ein recht strapaziöser Rettungsversuch. Heinsius’ und Bae’s Vorschläge laufen auf reine Schmuckwörter hinaus, während man doch ein Adjektiv erwartet, das ein Pendant zu magnos ad sidera montes liefern würde. Wohl allzu schnell hat SB validas den Vorzug vor solidas eingeräumt. Sein Hinweis, daß die Pyramiden im prägnant technischen Sinne nicht vollsolide gemauert seien, führt kaum weiter. Gegen validas spricht der normale Wortgebrauch, der diese Qualität in aller Regel belebten Wesen oder solchen zuschreibt, die wie flumen oder ventus ein entsprechendes Energieoder Bewegungspotential besitzen2. Daß es hier aber aller Wahrscheinlichkeit nach um die ragende Höhe der Pyramiden als deren vorzüglichste und augenfälligste Eigenschaft (die sie ja eben auch mit den Bergen teilen) geht, legt nicht nur der Anfang des Textes nahe, wo es eben die Vertikalerstreckung ist, die als Gradmesser der Aufwendigkeit fehlgeleiteter Bestrebungen erscheint (nullum opus e x s u r g i t ); die Höhe von Grabbauten hatte auch schon das in der Sammlung unmittelbar voranstehende Zwillingsepigramm gegeißelt, indem es etwa Pyramidasque ausas vicinum attingere caelum aufgerufen und schließlich als allgemeingültiges Schicksalsgesetz abgeleitet hatte: quoque altius extat / quodque opus, hoc illud carpet edetque magis (sc. dies). 96 Faventia 21/2, 1999 Werner J. Schneider 1. Zumindest die zweite Möglichkeit hätte aber von den bisherigen Konjektoren in Betracht gezogen werden müssen. 2. Die von D.R. Shackleton Bailey, Towards a Text of ’Anthologia Latina’, CPhS Suppl. 5 (Cambridge 1979) 58 Nr. 418 als Parallele beigebrachten validis turrubus aus Lucr. DRN 5. 1440 stehen, soweit ich sehe, ziemlich allein auf weiter Flur —aber auch sie siedeln dicht an der Grenze zur Metapher vom sicheren und «turmbeschützten» Menschenleben. Wenn Vergil georg. 4. 331 dasselbe Attribut zu bipennis treten läßt, so gewiß der sausenden Schärfe des Beiles wegen. Eine Ausnahme im Sinne SB’s ist Rutil. Nam. DRS 1. 405. In diesem Sinne einer Bedeutungsdifferenz zwischen solidus und validus scheint mir im übrigen auch schon die berühmte Entgegnung des Simonides auf ein legendäres Grabepigramm des Kleoboulos von Lindos: τÝσ κεν ανÜσειε νÞωι πÝσυνοσ ΛÝνδου ναÛταν ΚλεÞβουλον, εναοσ ποταµοσ\ ν©εσι τ\ εαρινοσ ελÝου τε φλογd χρυσÛασ τε σελÀνασ καd ©αλασσαÝαισι δÝναισ\ ντÝα ©Ûντα µÛνοσ στÀλασ; PMG 581 Hier liegt der springende Punkt m.E. darin, daß die rein statische Bildsäule im eigentlichen Sinne über gar kein µÛνοσ verfügt und von daher den dynamischen und beweglichen zuvor genannten Entitäten allemal unterlegen ist. —Auch Censorin de die natali 4. 8 widerlegt wohl die oben aufgestellte Behauptung von der verschiedenen Referenz der Attribute solidus und validus nicht wirklich: effecisse solidi hominis materiam igni simul et umori permixtam, da es hier ja tatsächlich um die Materialitäten der physiologischen Zusammensetzung des Menschen im wissenschaftlichen Sinn geht. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 96 Auch wenn man auf die etymologische Herleitung bei Isid. 10. 32 «celsus» a caelo dictus keinen gesteigerten Wert legt, so scheint sich doch in unserem Gedicht als die treffendste Entsprechung für tu licet extollas m a g n o s a d s i d e r a montes zu empfehlen3: et c e l s a s aeques marmore pyramidas 429 SB = 431 R Excusatio * sihoris * materiae severioris Scaliger vilioris Bae insanioris R lascivioris Rossbach levioris vel humilioris proposuit SB simplicioris W exilioris coni. coll. OLD s.v. Nr. 6 443 SB = 445 R (Seneca?) De amico mortuo Ablatus mihi Crispus est, amici, pro quo, si pretium dari liceret, nostros dividerem libenter annos. nunc pars optima me mei reliquit, 5 Crispus, praesidium meum, voluptas, * pectus *, deliciae. nihil sine illo laetum mens mea iam putabit esse. consumptus male debilisque vivam. plus quam dimidium mei recessit. 1amici vulg. amihi V amicus Bae inique SB Amici coni. 6pectus V portus Bae lusus Francius Sechs textkritische Noten zur Anthologia Latina Faventia 21/2, 1999 97 3. Ich verweise noch abschließend auf AnthLat 299 SB 1 (Extollit c e l s a s nemoralis Aricia sedes) und für celsus bei Werken der Architektur auf ThLL III (Leipzig 1906-12) 772f. s.v. I B. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 97 decus Wakefield pignus W cestus propos. Der Adressat des hochemotionalen Freundschaftsgedichtes wäre in der Tat kaum zufällig ein Amicius, dessen Gentiliz Bedeutsamkeit für die inhaltliche Seite des Gedichts gewönne. Thematische Responsion von Gedichtinhalt und etymologischer Aussagekraft des Adressatennamens findet sich nicht nur etwa in Martials Epigrammen auf Schritt und Tritt4, sondern auch in den Gedichten der Anthologie5. Der Fall liegt hier möglicherweise nicht anders als in der Anredeformel von Horazens 13. Epode6: . . . rapiamus, Amici, occasionem de die Amici Housman amici vulg. amice Bentley amica Palmer Das eigentlich interessante Problem liegt freilich in Vers 6. Rversuchte nicht ungeschickt, die Überlieferung unter Hinweis auf Hor. c. 1. 3. 8 animae dimidium meae zu halten. Für den exakten Wortlaut und die Wahrscheinlichkeit der Textüberlieferung ergibt das indessen nicht sehr viel. Die Prädikation des Freundes als pectus vermag nämlich auf diese Weise kaum letzten Zweifeln enthoben zu werden. Stellen wie O. Tr. 1. 3. 65f. quosque ego dilexi fraterno more sodales, o mihi Thesea pectora iuncta fide! oder Sil. 15. 4 belligeri, Mavortia pectora, fratres können die ’nackte‘ Verwendung von pectus als affektiver Prädikation und ’term of endearment’7kaum endgültig rechtfertigen. Am ehesten wohl ließe sich, um die Überlieferung pectus zu halten, noch Martial 6. 68. 4 anführen: 98 Faventia 21/2, 1999 Werner J. Schneider 4. J.M. GIEGENGACK, Significant Names in Martial (Diss. Yale, 1969) (non vidi). 5. So besonders deutlich die Fullonia bei Luxurius 358 SB, Burdo beim selben Dichter 360 SB sowie Marina 363 SB und die putzsüchtige Basilissa 456 SB. 6. Näheres bei M. Lowrie, A Sympotic Achilles, Horace Epode 13, AJPh 113, 1992, 416f. mit Anm. 14. 7. Keine Belege für pectus in diesem Sinne aus dem Sermo amatorius bei R. Pichon, Index verborum amatorium (Paris, 1902, repr. Hildesheim 1966) 228f. s.v. pectus. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 98 Eutychus ille, tuum, Castrice, dulce latus. Doch auch an dieser Stelle wäre eben die bloße Prädikation latus kaum vorstellbar und ganz und gar unverständlich. Auch die Belege, welche der rezente Artikel zu pectus im ThLL unter der Rubrik pars pro toto für die Gesamtpersönlichkeit versammelt8, sind nicht unbedingt geeignet, die fragwürdige Überlieferung in unserem Fall zu stützen, zeichnen sich doch die allermeisten Parallelstellen durch aussagekräftige Attribute aus —wie e.g. Martial 9. 14. 2: hunc quem mensa tibi, quem cena paravit amicum, esse putas fidae pectus amicitiae? Am ehesten noch ließe sich als triftige Parallele zugunsten der handschriftlichen Überlieferung anführen, was Paulinus von Nola in einem Brief9an einen Freund sagt: misi . . . tibi, id est commisi m e o p e c t o r i , meas nugas —nämlich unter der Voraussetzung, daß man auch in unserem Fall das Possessivum von meum praesidium sich nachwirkend denkt für die übrigen Glieder der Aufzählung. Indes ist pectus an dieser sehr späten Stelle wohl gar nicht im eigentlichen Sinne ’term of endearment’, sondern dürfte eher als Sitz der memoria und anderer geistiger Eigenschaften des Freundes aufgerufen sein— der Angeredete mithin als geeignetes Gefäß der literarisch-epigrammatischen Verlautbarungen des Autors imaginiert sein10. Wenn W pignus schreiben möchte, so erheben sich dagegen die gleichen Bedenken wie gegen das ergänzungslose pectus. Das Wort steht, tritt keine Spezifizierung hinzu, sensu figurativo immer für die eigenen Kinder11. Auch (meum) pignus reichte kaum hin, den erforderlichen Sinn zu erzielen, wie die von W als angeblicher Kronzeuge aufgerufene Stelle Stat. silv. 2. 1. 200 (und alle weiteren Belege12) unmißverständlich dartun: rari pignus amici. Paläographisch überzeugender als die bisherigen Verbesserungsvorschläge und vom Sinn her schlagend wäre, wie mir scheinen will, cestus, Inbegriff jeglichen Verlangens und Hort aller Liebesreize: Sechs textkritische Noten zur Anthologia Latina Faventia 21/2, 1999 99 8. X 1. 916. 64ff. und natürlich bes. die —wenigen— Beispiele im Singular a.O. 917. 3ff. (hier findet sich auch unsere Stelle kommentarlos eingereiht). 9. ep. 28. 6. 10. So wie es Martial 6. 85. 9ff. sagt: pectore tu memori nostros evolvere lusus, tu solitus totos, Rufe, tenere iocos, accipe . . . breve carmen amici. oder wie es Wotan zu seiner Wunschmaid Brünnhilde in der zentralen Dialogszene in Richard Wagners ’Die Walküre’ ausdrückt: mit mir nur rat ich, red ich zu dir. 11. So e.g. AnthLat 82 SB 2. 12. Ich nenne noch Paulinus von Nola ep. 28. 1 (CSEL 29, 240): commune pignus et fidele contubernium et solemne solatium nobis (von einem Boten gesagt). Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 99 ν©α τÛ ο ©ελκτÜρια πÀντα τÛτυκτο¯ ν©\ νι µbν φιλÞτησ, ν δ\ ´µεροσ κτλ13. Der geliebte Freund als Träger und Gefäß von φιλÞτησ und ´µεροσ wäre eine nur zu naheliegende Vorstellung. So überrascht es denn kaum, daß auch Martial in verschiedenen Epigrammen einem puer delicatus den Namen Cestus/Cestos zulegen kann und ihn damit als ein Non-Plus-Ultra aphrodisischer Reize ausweist. Damit haben wir einen unzweideutigen Beleg für eine regelrechte Personifikation des homerischen Aphroditegürtels, dessen Bezeichnung ’sinnreich spielend’ auf einen bildschönen Knaben übergeht: imbuat egregium digno mihi nectare munus non grege de domini, sed tua, Ceste, manus; Ceste, decus mensae, misce Setina . . . 14 Auch die Augenblicksprädikation cestus als ’term of endearment’ darf so für den Vorstellungshorizont der kaiserzeitlichen Symposiumund Otiumkultur als gesichert gelten15. Es könnte zudem eine gezielte Doppeldeutigkeit intendiert sein, insofern als nach praesidium und voluptas die beiden Bedeutungen von c(a)estus als aphrodisisches Reizund martialisches Schutzmittel gemeinsam anklingen dürften. Die Verschreibung des entlegenen griechischen Wortes zu einem geläufigeren lateinischen in der handschriftlichen Überlieferung überrascht kaum und ist durch Parallelen zu belegen16. 467 SB = 469 R Linque tuas sedes alienaque litora quaere. i, iuvenis: maior rerum tibi nascitur ordo. ne succumbe malis: te noverit ultimus Hister, te Boreas gelidus * securaque * regna Canopi quique renascentem Phoebum cernuntque cadentem. maior in externas Ithacus descendit harenas. securaquae V securaque scripsit Bae, quod nuper def. Courtney 100 Faventia 21/2, 1999 Werner J. Schneider 13. Ξ215f. 14. 8. 50. 17ff.; vgl. ferner 1. 92. 15. Auch daß cestus dann neben den sonstigen Abstracta praesidium, voluptas und deliciae das einzige Concretum wäre, bedeutet kein wirkliches Hindernis, insofern seine symbolische Qualität als Spender aller möglichen Liebesreize den konkreten Gegenstand des Aphroditegürtels überflügelt hat. Schon Martial 6. 13. 8 zeigt mit dem cestus einer Julia, um den selbst Venus sie beneide (a te Iuno petat ceston et ipsa Venus) die Ausweitung vom mythologisch konkreten Gegenstand in Richtung auf einen im weiteren Sinn anwendbaren Begriff. 16. vgl. die Verschreibung von caestu in T bei Auson. epigr. 95. 1 zu cursu oder Ceste puer, das im Florilegium Leidense aus dem 9. Jh. zu Cerce puer verschrieben ist: Martial 8. 46. 2. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 100 fecundaque Reiske siccataque Clark lascivaque SB dubitanter; possis etiam: sistrataque pe(r)iuraque tempt. Es geht kaum allein und in erster Linie um die klimatischen Gegensätze der Randgebiete der bewohnten Welt, bis zu denen sich der Name des im Gedicht angeredeten iuvenis verbreiten soll, sondern vor allem um die damit für ihn verbundenen Strapazen (malis) und Risiken, denen er nicht ausweichen möge. Die Kornkammer Roms, der Nilschwelle wegen berühmt, kann wohl nur schlecht als siccata regna aufgerufen werden. Dem trägt zwar Reiskes fecundaque Rechnung, doch ist in unserem Kontext eine die Vorzüge des Landstrichs rühmende Prädikation mit Sicherheit auszuschließen. SB’s Vermutung geht ein Stück weit in die richtige Richtung, doch erwartet man einen prägnanteren, ja stärkeren Ausdruck, der die Gefährdung für den potentiellen Ägyptenbesucher deutlicher macht. Auch paläographisch nicht unattraktiv wäre daher pe(r)iuraque regna Canopi17. Daß die zunächst individuelle Eigenschaft von Eidbrüchigkeit auf ganze Volksgemeinschaften, Staaten und Reiche erweitert und ausgedehnt wird, dafür sind in der poetischen Sprache zumal Troja und Karthago die besten Beispiele: Laomedonteae sentis periuria gentis?18 Und an anderer Stelle in der Äneis19 heißt es: periurae moenia Troiae wo ein Teil der handschriftlichen Überlieferung interessanterweise für periurae ebenfalls eine abweichende Lesart bietet. Geradezu sprichwörtlich sind für das römische Geschichtsverständnis die Poeni foedifragi 20 geworden21: …, fortique deo libavit honores semper atrox dextra periuroque ense superbus Hannibal. Oder um ein beliebiges anderes Beispiel desselben Autors22 zu nennen: certe non Libycae sonant catervae nec dux advena peierante bello Campanos quatit inquietus agros Sechs textkritische Noten zur Anthologia Latina Faventia 21/2, 1999 101 17. An derselben Versposition wie bei O. Met. 2. 705: periuraque pectora vertit. 18. V. Aen. 4. 542. 19. 5. 811. 20. vgl. die gleichnamige Monographie von N. Mantel (München, 1991). 21. Stat. silv. 4. 6. 76ff. 22. silv. 4. 3. 4ff. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 101 Doch auch Ägyptenland stand spätestens seit den Bürgerkriegskonflikten zwischen Antonius und Octavian23 in ähnlichem Ruf; schon das schmähliche Ende des Pompeius hatte ägyptische Hinterlist und Treulosigkeit ja deutlich genug vor aller Augen offenbart: Diversis iuvenes Asia atque Europa sepulcris distinet; i n f i d a , Magne, iaces L i b y a .24 In einem Epitaphepigramm sagt Martial25 von einem, dem es —fast— so wie dem großen Pompeius gegangen ist: . . . . hospita Lagei litoris umbra iaces . . . . sed datur aeterno victurum carmine nomen: numquid et hoc, f a l l a x Nile, negare potes? Schon im pseudo-caesarianischen Bellum Alexandrinum finden sich nachdrückliche Belege für die römische Auffassung von der perfiden Treulosigkeit und heimtückischen Verschlagenheit der Kolonie am Canopus (7.2/3): erat autem magna multitudo oppidanorum in parte Caesaris quam domiciliis ipsorum non moverat, quod ea se f i d e l e m palam nostris esse s i m u l a b a t et descisse a suis videbatur: ut mihi <si> defendendi essent Alexandrini neque f a l l a c e s esse neque temerarii, multa oratio frustra absumeretur; cum vero uno tempore et natio eorum et natura cognoscatur, a p t i s s i m u m esse hoc genus a d p r o d i t i o n e m dubitare nemo potest. Und ebenda verlautet von den fallaciis pueri (24. 6), d.h. den Winkelzügen des Kindkönigs aus dem Lagidenstamm: Caesar etsi f a l l a c e m g e n t e m semperque a l i a c o g i t a n t e m a l i a s i m u l a n t e m bene cognitam habebat . . . . at regius animus d i s c i p l i n i s f a l l a c i s s i m i s eruditus, ne a gentis suae moribus degeneraret . . . 26 So überrascht es kaum, daß das Mythologem von der Bluthochzeit der Danaiden eine nur zu geeignete Folie für die offizielle Staatspropaganda in der letzten Phase des Bürgerkriegs, der Auseinandersetzung zwischen Octavian und Antonius / Kleopatra, lieferte. Die Eidbrüchigkeit Ägyptens ließ sich hierbei auf mythologischem Wege eingängig begründen. Im Horizont der Actiumproblematik sagt Horaz27 102 Faventia 21/2, 1999 Werner J. Schneider 23. Von denen einige in Vvoranstehende Epigramme handeln. 24. AnthLat 454 SB zum Thema de tumulis Magnorum. 25. 10. 26. 26. 24. 1/3 mit M. Gelzer, Caesar. Der Politiker und Staatsmann (Wiesbaden 61960, repr. 1983) 231f. mit Anm. 283. 27. c. 3. 11. 33/34. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 102 vom aus Ägypten gebürtigen Danaos, der seine Töchter zur Freveltat gegen die eigenen Sippenmitglieder anstiftet: una de multis face nuptiali digna p e r i u r u m fuit in p a r e n t e m . . . Und ein offizielles augusteisches Staatsdenkmal versammelte in der Portikenanlage vor dem von Octavian zum Siege über Antonius bei Actium geweihten Apollontempel auf dem Palatin das vollständige Figurenensemble der fünfzig Danaiden —ohne Frage ein erstaunlicher Blickfang schon des Skulpturenreichtums wegen28. Das einzigartige Szenario spiegelte auf verhaltene Weise die selbstzerstörerischen Bürgerkriegserfahrungen und spielte sie in die ferne und unangefochtene Sphäre des Mythos hinüber. Auch später treten die Attribute der Treulosigkeit als stehende Epitheta zum Nilland29 —nicht nur, wie bereits gesehen, im Oeuvre Martials30, sondern ebenso beim jüngeren Seneca31: Aegyptus infida. 475 SB = 477 R Illic alternis depugnat pontus et aer, hic rivo tenui pervia ridet humus. illic * divisas * conplorat navita puppis, hic pastor miti perluit amne pecus. diuisas V def. R demersas Bae (SB) diffissas Hand elisas Heinsius (W), qui etiam depressas coni. disiectas Francius collisas Meyer divulsas corr. Sechs textkritische Noten zur Anthologia Latina Faventia 21/2, 1999 103 28. P. ZANKER, «Der Apollontempel auf dem Palatin. Ausstattung und politische Sinnbezüge nach der Schlacht von Actium», in: Città e Architettura nella Roma Imperiale, Analecta Romana Instituti Danici Suppl. X (Odense, 1983) 21ff. (in der Deutungsfrage weitgehend überholt); H. MEYER, Kunst und Geschichte. Vier Untersuchungen zur antiken Historienkunst (München, 1983) 93ff. Taf. 3-5; grundlegend ist die Studie von E. LEFÈVRE, «Das Bildprogramm des Apollon-Tempels auf dem Palatin», Xenia 24 (Konstanz, 1989); seither L. BALENSIEFEN, «Überlegungen zu Aufbau und Lage der Danaidenhalle auf dem Palatin», RM 102, 1995, 189ff. Abb. 4 Taf. 48-53; C. KLODT, «Platzanlagen der Kaiser in der Beschreibung der Dichter», Gymnasium 105, 1998, 1ff. hier 3ff. 29. Für das natürlich die Nennung des Canopus stellvertretend steht — wie in AnthLat 460 SB 3: dotalemque petens Romam Cleopatra Canopo et Capitolino sistra minata Iovi. 30. s.o. Anm. 25. 31. dial. 11. 9. 8. Faventia 21/2 095-104 21/10/99 14:17 Página 103