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Anatolische und griechische Pflanzenname : Methodologie ihrer etymologischen Erforschung

Fortes Fortes, José

Abstract

Dieser Artikel besteht aus drei Teilen. Das Ziel des ersten Teils ist, die Mängel und Ungenauigkeiten vieler etymologischen Studien im Feld der Pflanzennamenkunde zu zeigen. Im zweiten Teil werden die Verbreitungsgebiete der Pflanzen (natürliches und anthropogenes Ausdehnungsgebiet usw.) beschrieben. Im dritten Teil werden, außer einigen Suffixen, der Ursprung und die Ausdehnungs- und Ersetzungsentwicklungen der Pflanzennamen von der Quellsprache bis zu der Empfängersprache mit mehreren anatolischen und griechischen Beispielen studiert.

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ARTICLES Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 14 Zusammenfassung Dieser Artikel besteht aus drei Teilen. Das Ziel des ersten Teils ist, die Mängel und Ungenauigkeiten vieler etymologischen Studien im Feld der Pflanzennamenkunde zu zeigen. Im zweiten Teil werden die Verbreitungsgebiete der Pflanzen (natürliches und anthropogenes Ausdehnungsgebiet usw.) beschrieben. Im dritten Teil werden, außer einigen Suffixen, der Ursprung und die Ausdehnungsund Ersetzungsentwicklungen der Pflanzennamen von der Quellsprache bis zu der Empfängersprache mit mehreren anatolischen und griechischen Beispielen studiert. Schlüsselwörter:Pflanzennamen, Sprachwissenschaftliche Methodologie, Etymologie, Anatolische Sprachen, Griechische Sprache. Abstract This paper («Anatolian and Greek plant names. Methodology of their etymological research») is divided in three parts. In the first one I present some examples of faults and inaccuracy in the etymological research of plant names. In the second part I describe the areas of distribution of plants (areas of natural and anthropogenic difusion, etc.). In the third part I discuss, besides some suffixes, the origins and the processes of difusion and replacement of plant names, examining them from the source language to the end language with several Anatolian and Greek examples. Key words:Plant names, Linguistic methodology, Etymology, Anatolian languages, Greek language. *Für die in diesem Artikel ohne Anmerkung zitierten Pfln. verweise ich auf die in den A. 2 und 3 angegebene Literatur. Faventia 21/1, 199915-28 Anatolische und griechische Pflanzennamen. Methodologie ihrer etymologischen Erforschung* José Fortes Fortes Universitat Autònoma de Barcelona Departament de Ciències de l’Antiguitat i de l’Edat Mitjana 08193 Bellaterra (Barcelona). Spain Data de recepció: 1/10/1998 Summarisch Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 15 1. Teil. Einführung 2. Teil. Die Pflanzen und die Beziehungen des Menschens damit 3. Teil. Erbund Lehnpflanzennamen Literatur In dieser Darstellung beschäftige ich mich nicht mit der Bestimmung der mit anatolischen und griechischen Pflanzennamen (von nun an: Pfln.) bezeichneten Pflanzen1, sondern mit den auf die Etymologie dieser Namen (besonders der Lehnwörter) bezüglichen Fragen2, einschließlich ihrer Suffixe. Das Ziel ist, vor allem die Mängel und Ungenauigkeiten vieler etymologischen Studien zu zeigen (1. Teil) und mehrere Ideen darzulegen, die in der etymologischen Forschung in Betracht gezogen werden sollen (2. und 3. Teil). 1. Teil. Einführung Erstens eine Frage und eine Antwort. Wie weit müssen wir in der etymologischen Forschung in die ältesten sprachlichen Lagen einzutreten versuchen? Meines Erachtens so weit wie möglich, oft natürlich unter Mitarbeit verschiedener Fachleute. Selbsvertändlich müssen wir die Geschichte der Wörter mit ihren Referenten und innerhalb ihres Wortfeldes untersuchen. 1.1. Die Benutzung einer von H. Schuchardt und R. Mehringer begonnenen Methode, Wörter und Sachen, die auf die parallele Berücksichtigung der Wörter und der bezeichneten Sachen (= Realien) besteht3, ist notwendig, vor allem in mehreren semantischen Feldern, darunter dasjenige der Pflanzenamenkunde, natürlich unter Berücksichtigung anderer (z. B. soziologischer) Kriterien und unter der Bedingung, dass sie ohne Reduktion des Bedeutungsbegriffes auf die Bezeichnungsfunktion verwendet werde4. Andererseits sind seit dem vorigen Jahrhundert die Fortschritte in unseren Kenntnissen über die Flora und die Vegetation der ganzen Welt sehr bedeutend gewesen5, viel größer aber in Paläoethnobotanik und in den Forschungen über den Landwirtschaftsursprung6und die Vegetationsgechichte7. Außerdem haben die Studien über den pflanzennamenkundlichlen (tiernamenkundlichen usw.) Wortschatz 16 Faventia 21/1, 1999 José Fortes Fortes 1. Für die Bestimmung der Pfln. (teilweise auch mit etymologischen Angaben) s. ADRADOS 1980-, ANDRÉ 1956 y 1985, AURA JORRO 1985-93, ERTEM 1974, FRIEDRICH 1952, FRIEDRICH-KAMMENHUBER 1975-, GÜTERBOCK-HOFFNER 1989-, HOFFNER 1967 und 1974, LIDDELL-SCOTT 1940 (und 1996), MELCHERT 1993, RE, TISCHLER 1982 (eine nützliche Liste auf S. 121ff.), VENTRIS-CHADWICK 1973. Im Anatolischen gibt es wohl keinen (als solche identifizierten) Pfln. außer dem Hethitischen und dem keilschriftlichen Luwischen (wi(ya)ni-, der Name für Wein, kommt auch im hieroglyphischen Luwischen) vor. S. Lit. in PUHVEL 1984und TISCHLER 1983-. S. such A. 2. 2. BUCK 1949b, CHANTRAINE 1968-80, FRIEDRICH 1970, FRISK 1960-72, KRONASSER 1966, MALLORYADAMS 1997, MASSON 1967, MAYER 1960, POKORNY 1949-59, PUHVEL 1984-, TISCHLER 1983-, WALDE-HOFMANN 1938-54, WEEKS 1985. S. A. 1. S. auch GENAUST 1996. S. auch KAYE 1997. 3. S. z. B. SCHMITT 1977, passim. 4. Über Etymologie s. z. B. DEROY 1981, MALKIEL 1993, PISANI 1967, SCHMITT 1977, SEEBOLD 1981, ZAMBONI 1976. 5. Für Europa, das Mittelmeergebiet und den Vorderen Orient s. z. B. DAVIS 1965-68, FREY-KÜRSCHNER 1989, STRID-TAN 1997-, TUTIN 1964-80, VAN ZEIST-BOTTEMA 1991, ZOHARY 1980-94, ZOHARY 1973. Die Literatur in diesem Referat bezieht sich grundsätzlich auf diese Gebiete. 6. ANDERSON 1992, COWAN-WATSON 1992, ZEVEN-DE WET 1982, ZOHARY-HOPF 1993. 7. GLIEMEROTH 1995, STRASBURGER 1991, 829ff, VAN ZEIST-BOTTEMA 1991, WALTER-STRAKA 1970. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 16 von verschiedenen Völkern einen neuen Einblick in die Systeme von Volksnomenklaturen und -taxonomien eröffnet8. 1.2. Diese Fortschritte spiegeln sich nur teilweise in den Studien über Etymologie und sprachwissenschaftliche Archäologie (oder sprachwiss. Paläontologie). Ich versuche zu zeigen, dass diese mangelnde Abstimmung in der Praxis und in der Methodologie vorkommt. Ich nehme erstens mehrere Beispiele aus den Wörterbüchern von Frisk 1960-72 und Chantraine 1968-80: —Beide verweisen oft als Quellen über die Pflanzen auf wichtige aber veraltete Werke, wie das Lexikon von Schrader-Nehring 1917-28. Z. B. s. vv. λÝνον und ¨Àφανοσ. —In anderen Fällen gibt es darin keine nötigen Angaben über die Pflanzen, viele davon so wichtige wie der Ölbaum (s.v. λαÝα) und der Granatapfelbaum (s. v. ¨Þα). — Zuweilen sind die Angaben irrtümlich. Z. B.: über den Dost sagt man, dass er aus Afrika (Frisk: Nordafrika) stamme. Tatsätlich ist auch hier die Bestimmung ungenau: ρÝγανον ist ein Kollektivname für Arten der Gattung Origanum, mehrere davon mit einer großen Verbreitung im Mittelmeergebiet usw9. 1.3. In den hethitischen etymologischen Wörterbüchern von Puhvel 1984und Tischler 1983gibt es nur indirekte und seltene Angaben über die Pflanzen. Ebenso in Ertem 1974. Sogar in einem so wertvollen Werke wie Hoffner 1974 (Alimenta Hethaeorum) sind solche Angaben sehr mangelhaft. Ich führe nur einen Fall an. Auf Seite 116 schreibt er: «The fig tree is indigenous to Asia Minor and Syria. The Greeks received it from Caria (the Arzawa lands); hence, the Roman name f[icus] carica.» Eigentlich ist der Feigenbaum im Mittelmeergebiet und im Vorderen Orient heimisch. Es gibt Feigenreste in neolitischen Lagen von Sesklo (Thessalien), Jericho usw10. Andererseits ist die karische Feige eine der vielen Sorten, die die Römer kannten11. 1.4. Über den Ursprung der hethitischen, griechischen (lateinischen usw.) Pflanzenanmen gebe ich mehrere Beispiele an: —heth. GIS ˘eripic., GIS ˘irimpi-, GIS ˘irippin., keilchr.-luw. GIS ˘irimpit-, GIS ˘irippitn. «Zeder(holz)». Tischler 1983s. v., Puhvel 1984-, Starke 1990, 213f. mit Laroche RHA 9, 49, 1948-49, 18f. (s. auch Melchert 1993 s.v.): aus akk. erinnu «ds.» + hurr. Suffix -pi, und letzlich aus sum. erin «ds.» — gr. σκον Frisk: «Wie lat. fīcus und arm. t‘uz «Feige» Lehnwort aus unbekannter, mediterraner od. kleinasiatischer, Quelle»; Chantraine: «Doit être Anatolische und griechische Pflanzennamen Faventia 21/1, 1999 17 8. BERLIN 1992. 9. ANDRÉ 1956 und 1985 s.v. origanum, DEHALÁCSY 1900-04, 2, 552ff., R. FERNANDES-V.H. HEYWOOD in TUTIN 1964-80, III, 171f., J.H. IETSWAART in DAVIS 1965-88, VII, 297ff. 10. Ficus carica L. ZOHARY-HOPF 1993, 152ff.; Karte auf S. 154. 11. ANDRÉ 1956 s.v. fīcus. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 17 emprunté a la même langue qui a fourni pirumet pirus» (sim. Walde-Hofmann 1938-54, s. v. fīcus). —gr. λαÝα «Olive, Ölbaum». Frisk: «Für sich steht arm. ew†l‘Öl’, das zusammen mit λαÝα, λαιονaus einer unbekannten mediterranen Quelle (Kreta?)»; Chantraine: «Un emprunt méditerranéen est universellement accepté. L’arm. ew†lserait un emprunt à la même source». S. Walde-Hofmann, s. v. olea. —gr. πιον«Birne, Birnbaum». Frisk: «Wie lat.pirum, pirus mediterranes Kulturwort unbekannten Ursprungs» (= Walde-Hofmann s. v. pirum, und Chantraine). 1.5. Eine Reihe von Fragen tauchen auf: Wie ist es möglich, dass ein Volk, die Sumerer, den Namen eines Baums schufen, dessen natürliches Ausdehnungsgebiet sehr entfernt von Sumer war12, und außerdem, dass dieser Name nachher von Völkern, die, wenigstens in der Zeit der Urkunden, z. T. innerhalb dieses Gebietes oder in Kontakt damit wohnten, entlehnt wurde?13. Warum eine unterschiedliche Wertung der beinahe parallelen Angaben des Feigenbaums und des Ölbaums? Warum auf Kreta anspielen? Warum müssen die griechischen (πιονund πιοσ) und lateinischen Wörter für «Birne» und «Birnbaum» aus d e r s e l b e n Quelle (Sprache) kommen?14. Ich möchte sagen, dass das Hauptproblem in keinem bloßen Anpassungsmangel an die Fortschritte der angegebenen Fächer, sondern, unter anderem, in einer ungenauen Kenntnis über das Ursprungsund Kulturgebiet und die Geschichte der Pflanzen liegt. Weiter unten werde ich einige Bemerkungen über den Gebrauch der Etikette «semitisches Lehnwort» anfügen. Natürlich sind die Kritiken, die ich hier mache, keine Erniedrigung der andererseits sehr guten, sogar merkwürdigen angeführten Werken. 1.6. Wenn der Gebrauch von irrigen Angaben für die Etymologie schlecht ist, wird das Ergebnis noch schlechter sein, falls man mit diesen Angaben versucht, die Urheimat, die Urkultur, die Kontaktgebiete mit anderen Völkern usw. zu bestimmen, Themen, die ich hier nicht behandeln kann15. 18 Faventia 21/1, 1999 José Fortes Fortes 12.Cedrus libani A. Rich. Der Zeder ist heimisch in der Südtürkei, Libanon, Zypern und Nordwestafrika, aber nicht in Mesopotamien. S.M.J.E. COODE-J. CULLENin DAVIS1965-88, I, 71f. (Karte auf S.69) und ZOHARY1973, II, 556ff. Auch R.A. BLAKELOCKin C.C. TOWSEND-E. GUEST1966, Flora of Irak.II, 90. 13.Die erste Sprache, in der ein Wort beurkundet ist, ist nicht unbedingt die Quellsprache dieses Wortes. 14.Olea europaea L.: heimisch im Mittelmeergebiet. S. RENFREW1973, 131ff., ZOHARY-HOPF1993, 137ff. (Karte auf S. 139). S. auch ZOHARY1980-94, III, 20, ZEVEN-DEWET1982, 117. Pyrus communisL.: nach ZOHARY-HOPF1993, 167, «The cultivated pear is closely related to a variable aggregate of wild and feral pears distributed over the cooler areas of Europe and Asia». S. auch ZEVEN-DE WET1982, 44, 86 und 160. 15.BLENCH-SPRIGGS1997, CAMPANILE1990, DEVOTO1962, GAMKRELIDZE-IVANOV1995, POLOMÉWINTER1992. Ein klassisches Werk ist SCHRADER-NEHRING1917-28. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 18 1.7. Ich glaube, dass es für das Studium der Etymologie der Pfln. (und der verwandten Gebiete) nötig ist, einem Tätigskeitsprotokoll zu folgen, das eine deutliche Unterscheidung und Benutzung der in 2. und 3. Teilen vorgestellten Begriffe in Betracht ziehen. Es sind selbsverständlich Begriffe, die erweitert, verfeinert und verbessert werden können (und sollen). 2. Teil. Die Pflanzen und die Beziehungen des Menschens damit Wegen ihres eigenen Wertes und der Nützlichkeit für die Pflanzennamenkunde stelle ich erstens einige Begriffe über Verbreitungsgebiete der Pflanze dar. 2.1. Ein Areal16 ist das Wohngebiet einer Art (bzw. eines Taxons). Es ist das Ergebnis der raumzeitlichen Entfaltung (bzw. Schrumpfung) der Art und vielfach ist es disjunkt. Eine Ursache der Verbreitung vieler Arten ist die männliche Tätigkeit (anthropochore Arten: Unkräuter und Ruderalpflanzen; engl. weeds). Die Entstehungsräume der Arten können oft mit verschiedenen Methoden bestimmt werden. Für die Pfln. ist vor allem wichtig das Teil, wo der Mann zuerst in Berührung mit der Art war. Deswegen sollen wir auf die zwei Unterteile des Areales, sehr oft nicht leicht zu unterscheiden, aufmerksam machen: a) das natürliche Ausdehnungsgebiet (NAG), und b) das anthropogene Ausdehnungsgebiet (AAG). Für ihre Bestimmung spielt die Paläoethnobotanik17 eine unumgängliche Rolle. 2.2. Sammlungsgebiet (SG). Die Sammlung kann in beiden Teilen des Areals stattfinden. Andererseits muss man erinnern, dass sogar in Ländern mit entwickeltem Ackerbau wilde oder verwilderte Pflanzen gesammelt werden. 2.3. Primäres Kulturgebiet (PKG) (= primäres Kulturzentrum). Es fällt mit dem Areal oder mit einem Teile davon zusammen. Der Anbau kann auch mit Unkräutern beginnen. Der durch den Anbau verursachte und zur Domestikation führende Wechsel ist sehr verschieden nach der Pflanzenart und nach der Anbauweise. Andererseits ist es nötig, zwischen Ackerbau und knapper Pflege der Pflanzen zu unterscheiden. Im PKG und im SKG (Sekundärkulturgebiet; zusammen: KG)18 können neue (hybride oder nicht hybride) Arten oder Kultivaren (Sorten) geschaffen werden. Die ursprünglichen Wildarten vieler Kulturpflanzen, wie die des Lauchs und der Zwiebel19 sind nicht bekannt. 2.4. Gebrauchsgebiet (GG). Außer den angegeben Gebieten, kann es andere Länder umfassen. Die benutzten, in allgemeinen ausgetrockneten, in Stücke geteilten oder zerkleinerten, oft behandelten Teile (Wurzeln, Knollen, Früchte, Samen, Blätter Anatolische und griechische Pflanzennamen Faventia 21/1, 1999 19 16. STRASBURGER 1991, 829ff. 17. ZEVEN-DE WET 1982, ZOHARY-HOPF 1993. 18. Über primäre und sekundäre Kukturgzentren s. eine Zusammenfassung mit Lit. in ZEVEN-DE WET 1982, 21ff. (s. auch passim). 19. Allium sativum L. und. A. cepa L. S. ZOHARY-HOPF 1996, 184f. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 19 usw.) sind die einzigen, die eingeführt werden. Oft handelt es sich um Pflanzenprodukte, entweder in natürlichem (Gummis usw.) oder ausgearbeitetem (Zucker usw.) Zustand. Ein Sonderfall ist das Holz. 2.5. Diesen Gebieten muss man zuweilen ein äußeres Teil hinzufügen, wo nur der Name und/oder Nachrichten über die Pflanze bekannt sind. Diese Tatsache kann Reisenden und/oder Kontakten mit anderen Völkern (z. B. dem Alexanderzug!) zugechrieben werden. Dieses Gebiet ist kaum erwähnenswert. 2.6. Man muss eine sehr wichtige Tatsache feststellen: alle diese Gebiete sind Veränderungen (Enfaltungen, Schrumpfungen, Verschiebungen) unterworfen. Diese Wechsel werden durch biologische, klimatologische, anthropogene und andere Umstände verursacht. Im Fall der KG gibt es auch manchmal Verlassen des Anbaus einer Pflanze, die von einer anderen Art oder Sorte ersetzt werden kann. 2.7. Um dieses Teil zu beenden, muss ich bemerken, dass es für die Pflanzengeschichte und parallel für die Pflanzennamenkunde wichtig ist, das Vorhandensein von Fälschungen und Ersatzmittel in Betracht zu ziehen. S. Ps.- Galenus De succedaneis liber20. 3. Teil. Erbund Lehnpflanzennamen 3.1. Es ist allgemein bekannt, dass, wegen der Wechselfälle der Völker und ihrer Sprachen21, der häufigen Unzulänglichkeiten der Angaben und der Beschränkungen unserer Methodologie, oft die Unterscheidung zwischen Erbwörtern und Lehnwörtern nicht möglich ist. Andere Erwägungen beiseite legend, Wörter, die uns wie klare Erbwörter aussehen, könnten Lehnwörter in der Ursprache oder in einer Gruppe ihrer Dialekte sein. Z. B. sehr umstritten ist der Ursprung des Wortes für «Wein»22. Beide Wortschatzelemente sind andererseits Formund Bedeutungswechseln unterworfen. 3.2. Viele Pfln.23 sind durchsichtig für die Sprachenteilnehmer, wie im Griechischen πολàρριζον, σàµφυτον. Kein Beispiel gibt es im Hethitischen, wo außerdem die meisten Pfln. unbestimmt sind24. Oft aber muss man (zum Teil oder ingesamt) verschiedene Angaben in Betracht ziehen: a) Angaben über die eigene Pflanze 20 Faventia 21/1, 1999 José Fortes Fortes 20. Ed. C.G. KÜHN. 1821-33. 20 Bde. Leipzig. XIX, 721-47. 21. Beachtenswert ist dieVerlegung des sogenannten «punctuated equilibrium model» aus der Biologie zur Sprachwisseschaft von M.W. DIXON 1997. The rise and fall of languages. Cambridge). In der Biologie wird dieses Modell stark kritisiert. S.D.J. FUTUYMA 1997. Evolutionary biology. 3. Aufl. Sunderland, Mass. S. 690f. und passim. 22. S. A. 3. Das ist eines der größten Hindernisse für die sprachwissenschaftliche Archäologie. 23. Über die Bildung der griechischen Pfln. (und andere Namen im allgemeinen) s. BUCK 1949, CHANTRAINE 1933, SCHWYZER 1968, STRÖMBERG 1937 y 1940. Über das Hethitischen s. bes. BERMAN 1972 und KRONASSER 1962-66. Über das keilschr.-luwischen, STARKE 1990. 24. Lit. in A. 1 und 2. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 20 (Morphologie –die Ähnlichkeiten mit anderen Pflanze einschließend–, Benutzungen, zuerkannte Eigenschaften, Standort, geographischer Ursprung, Geschichte usw.), und b) die Geschichte derselben Pflanzenamen. Aber man muss feststellen, dass zahlreiche griechische und beinahe alle anatolischen Pfln. dunkler oder unbekannter Etymologie sind. Außerdem, zu sagen, dass ein Wort aus einer (unbekannten) mediterranen (usw.) Sprache enstamme, ist eigentlich nur –wir müssen es gestehen– sozusagen eine «Halbetymologie», beinahe ein Ignoranzbekenntnis, aber sehr oft ist es das Einzige, was wir vorschlagen können25. Am Ende des Referats werde ich etwas mehr in diesem Zusammenhang sagen. Man kann auch daran denken, dass für mehrere Wörter unbekannter Etymologie die Quellenform ein Kompositum oder ein Syntagma ist. Z. B. wohl µανδραγÞρασ, κολοκàν©η26. 3.3. Im Fall der Lehnwörter muss man unterscheiden: —Eine oder verschiedene Quelldialekte von einer Sprache (oder Sprachen) (QS). —Empfängersprache, mit verschiedenen Dialekten (ES). Sehr oft gibt es zwischen der QS und der ES eine oder mehrere Zwischensprachen (ZS) (auch z. T. linguae francae?)27. Ein wichtiger Teil der Lehnwörter sind echte Wanderwörter, wie das Wort für «Kreuzkümmel», worüber ich nachher sprechen werde. 3.4. Im Areal und im KG gab es wenigstens einen Name für die Pflanze (mit Dialektvarianten und diachronischen Wechseln), aber ist es sehr wichtig in Betracht zu ziehen, dass schon in einem dieser Gebiete oder in beiden sehr oft viele verwandte oder unverwandte Sprachen, alle mit näheren oder entfernten Phonemsystemen und mit verwandten oder unverwandten Pfln. vorkamen, was einzigartige oder wiederholte Einwirkungen und Ersetzungen verursachen konnAnatolische und griechische Pflanzennamen Faventia 21/1, 1999 21 25. Sehr viele Beispiele in der Literatur (A. 2). S. oben σκον, λαÝα, πιον. Eine große Anzahl der vorgestellten Etymologien und Annäherungen von Pfln. sind ohne Zweifel ganz falsch: µàρτοσ-µυρÝκη, σÝσαρον-σÀρι, κàµινον-κÀµων, σκαµωνÝα, κàπειροσ-κàπροσ, ©Ûρµοσ-©ερµÞσ usw. 26. S. CHANTRAINE 1968-80 und FRISK 1960-72, s. vv., mit anderen Deutungen. 27. Die Fähigkeit eines Wortes, sich zu verbreiten, hängt natürlich von der Wichtigkeit der benannten Sache und von anderen Umständen ab, darunter der Zufall. Man muss daran erinnern, dass außer in archäischen Zeiten der Menschenverbreitung, wozu die historische Sprachwissenschaft keinen Zugang hat, die Wanderung oder Diffusion in bewohnte Gebiete in Eurasien vorkommt, wo frühere, wohl in verschiedenen Zeiten angekommene Bevölkerungen komplexe kulturelle und kaufmännischen Beziehungen zwischen ihnen und mit einem oder mehreren Auslandsvölkern haben könnten. All das hätte unter anderem die Annahme fremder Wörter zur Folge. Das ist der Fall der Griechen in Kreta und in anderen Gebieten. Nachdem die Griechen ihre politische und soziale Herrschaft und damit ihre Sprache durchsetzten, traten sie in direkte Beziehungen mit ausländischen Völkern, z. B. den semitischen, und konnten die schon angenommene Wörter «umgestalten». Und natürlich konnten sie auch neue Namen für Pflanzen und Pflanzenprodukte, die sie in einer späteren Zeit kennenlernten. Außerdem wiederholte sich wohl dieser Prozess von AnnahmeUmgestaltung vor der Herkunft der Griechen in einer Weise, die wir mit dem heutigen Stand unserer Kenntnisse nicht wissen können. All dies kann mutatis mutandis zu den anatolischen Völkern extrapoliert werden. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 21 te. Ich hebe diese Tatsachen hervor, indem ich vor allem an den Ursprung der Kulturpflanzennamen denke, wovon viele nachher zu Wanderwörter werden. Die mit dem Pfn. benannte Art (oder Arten)28 und die Sprache(n) kann sympatrisch sein, oder die Sprache(n) können von außen gekommen sein. 3.5. In den Übergängen von Sprache zu Sprache treten Anpassungen an das Phonemsystem (und im allgemeinen an das grammatikalische System) der Empfängersprache auf. Darüber gibt es heute zahlreiche Studien29. Das schwierigste Problem in den alten Sprachen ist, dass die Quellsprache und/oder die Zwischensprache sehr oft schlecht oder gar nicht bekannt sind. Außerdem kann die Anpassung durch verschiedene Umstände beeinflusst werden, wie das Vorhandensein von Spracharealen, der Zweioder Vielsprachigkeit, der Nähe des Wortes zu tabuisierten Wörtern der Empfängersprache usw. Nach der Anpassung ist das Wort der Entwicklung der Sprache unterworfen. In dieser Stufe oder während der Anpassung können volksetymologische Wechsel vorkommen. 3.6. Die Lehnwörter, die in eine Sprache treten, haben sehr oft Suffixe. Unter verschiedenen Umständen (z. B., wenn in der Empfängersprache die Bedeutung eines Suffixes bekannt ist oder für ein semantisches Feld kennzeichnend ist oder betrachtet wird usw.), kann es in andere Wörter übergehen. Oft gibt es hybride Bildungen30. νÀρκισσοσ ist wohl ein Beispiel, mit dem Suffix -σσ-. 3.7. Ich möchte nun eine Erwägung über die griechischen Namen mit den Suffixen -ν©- und -σσ-/-ττanstellen. Mit diesen Suffixen gibt es eine ausführliche Reihe von Ortsnamen, Personennamen und Appellativa, darunter Pflanzennamen, zahlreiche im Falle von -ν©-31. Vereinfachend könnte man sagen, dass die vorherrschende Meinung sie als Lehnwörter aus einer nichtindogermanischen Substratsprache betrachtete32. Gegen diese Meinung und auf Grund von hethitischen und luwischen Ortsnamen auf -ndund -ssaus dem 2. Jahrtausend, mehrere davon mit genauer Entsprechung mit griechischen Ortsnamen (wie Parnassas/ΠαρνασσÞσ) und/oder in den anatolischen Sprache etymologisierbar, berücksichtigen mehrere Forscher diese Suffixe (und andere) als indogermanisch, und zwar anatolisch33. 22 Faventia 21/1, 1999 José Fortes Fortes 28. Über die Beziehung zwischen Volksund wissenschaflichen (lateinischen) Pfln. s. FORTES FORTES 1984, 10ff., mit Lit. S. auch unten mit A. 34. 29. S. z. B. BROSELOW 1987 und HAUGEN 1950. 30. S. A. 2. Es gibt kein vollständiges Studium über Lehnsuffixe in den alten Sprachen. S. doch BUCK 1949, CHANTRAINE 1933, MASSON 1967 und SCHWYZER 1968, passim, und die Lit.. der A. 30. 31. QUATTORDIO MORESCHINI 1967 (die beste Abhandlung), SCHWYZER 1968, 60f, 510f. S. auch F. SCHACHERMEYR. 1979. Die minoische Kultur des alten Kretas. 2. Aufl. Sttutgart (bes. S. 229ff, mit Karten). Standardwerke über Toponymie: DEL MONTE-TISCHLER 1978, PAPE-BENSELER 1959 (auch Anthroponymie), ZGUSTA 1984. 32. Gegen die pelagische Hypothese (entscheidend) D.A. HESTER. 1965. «‘Pelasgian’ – A new IndoEuropean language?». Lingua 13, 335-84. 33. Z.B. VILLAR 1996, 426f. Faventia 21/1 013-028 16/3/99 12:46 Página 22