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Luftgetragene Erreger und Luftqualität in Innenräumen am Beispiel
eines Klassenzimmers - Verteilung der Erreger und Bewertung der
Lüftungseffektivität
Eugen Lichtner*1 und Martin Kriegel1
1 Hermann-Rietschel-Institut, Technische Universität Berlin, Berlin, Germany
* eugen.lichtner@tu-berlin.de
DOI: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-12326
ABSTRACT
Im Zuge der Covid-19-Pandemie wurde
der Übertragung von Krankheitserregern
über die Luft, der sogenannten Aerosol-
Übertragung, eine bedeutende Rolle
zugeschrieben [1]. Eine präventive
Gegenmaßnahme stellt die Senkung der
Erregerkonzentration im Raum durch
Frischluftzufuhr oder Luftfilterung dar [2].
Speziell in Klassenzimmern ist darüber
hinaus die Luftqualität hinsichtlich der
Kohlenstoffdioxidkonzentration von
Bedeutung [3].
In dieser Studie wurde die Wirksamkeit
von unterschiedlichen Lüftungsmaß-
nahmen sowie der Einsatz von
Trennwänden in einem Klassenzimmer
hinsichtlich der Senkung der Erreger- und
CO2-Exposition mittels numerischer
Strömungssimulation (CFD) untersucht.
Insgesamt wurden sieben Optionen
verglichen, drei Fälle mit Mischlüftung und
vier mit Quelllüftung. In zwei Fällen wurde
ein mobiler Luftreiniger bei reinem
Umluftbetrieb mit einem HEPA-H14-Filter
modelliert, dem Raum wurde keine
Frischluft zugeführt, aber potentiell
virenbeladene luftgetragene Partikel
wurden gefiltert. In einem Fall wurden
Acrylscheiben als Trennwände auf den
Tischen zwischen zwei benachbarten
Schulkindern angebracht.
Im Klassenzimmer waren eine Lehrkraft
und je nach Szenario 24 bzw. 12
Schulkinder. Alle Personen atmeten
Kohlendioxid aus. Ein Schulkind atmete
zudem luftgetragene virenbeladene
Partikel aus. Die Position des infektiösen
Schulkinds wurde variiert. Es wurde die
Wirksamkeit der Maßnahmen nach 45
Minuten untersucht.
Die Ergebnisse zeigen, dass die
Luftwechselrate kein Maß für die
Wirksamkeit der Maßnahmen ist, wenn
das Expositionsrisiko von einer einzelnen
Schadstoffquelle ausgeht. Das gilt
gleichermaßen für den lokalen
Luftaustauschindex.
Für die Beurteilung des Expositionsrisikos
von luftgetragenen Erregern ist die

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Verwendung der lokalen Lüftungs-
wirksamkeit unerlässlich. In mehreren
Fällen war der Atembereich einiger
Personen lediglich mit nur etwa 20 %
Wirksamkeit belüftet. Die betroffenen
Schulkinder wären einer rund fünf Mal so
hohen Erregerkonzentration ausgesetzt,
als dies entsprechend der Luftwechselrate
zu erwarten wäre.
Die Ergebnisse zeigen ferner, dass es sehr
häufig zu erhöhten Konzentrationen im
Umfeld der emittierenden Person kommt.
Alle betrachteten Fälle mit Mischlüftung
wiesen eine ähnliche Lüftungswirksamkeit
auf. Insgesamt war sie in Fällen mit
Quelllüftung signifikant höher. Fälle mit
einem mobilen Luftreiniger wiesen eine
ähnliche Lüftungswirksamkeit wie
Mischluftfälle mit Frischluftzufuhr auf,
wenn nur die Partikelkonzentration
betrachtet würde. Die CO2-Konzentration
nahm in diesen Fällen hygienisch
inakzeptable Werte an.
EINLEITUNG
Zur Gewährleistung einer hohen
Innenraumluftqualität und Reduktion des
Risikos einer Infektionsübertragung über
die Luft, kann eine maschinelle Lüftung
eingesetzt werden. Die Luftwechselrate
LW, welche als das Verhältnis zwischen
dem Zuluftvolumenstrom und dem
Raumvolumen definiert ist, stellt ein
verbreitetes Gütegrad der Lüftung dar. Es
handelt sich hierbei um eine globale Größe,
welche keinerlei Aussagen über die
Verteilung der Zuluft im Raum oder die
Schadstoffabfuhr aus dem Atembereich
ermöglicht. Diesem Umstand wird durch
das Einführen örtlicher Bewertungs-
größen entsprechend [4] Rechnung
getragen.
Der lokale Luftaustauschindex im
Atembereich εb
a ist ein Maß für die
Fähigkeit des Lüftungssystems den
Atembereich mit Frischluft zu versorgen
und ist entsprechend Gleichung 1
definiert.
εb
a=τn
τ
b (1)
Die nominale Zeitkonstante τn entspricht
der kürzest möglichen durchschnittlichen
Verweilzeit der Luft im Raum und kann mit
Gleichung 2 berechnet werden. Das
mittlere Alter der Luft im Atembereich τb
kann im Rahmen eines Abklingversuchs
mit einem Spurengas gemessen und in
einer Strömungssimulation mit einem
passiven Quellterm berechnet werden.
τn=Raumvolumen
Zuluftvolumenstrom =1
LW (2)
Der Luftaustauschindex hat bei einer
vollständigen Durchmischung den Wert 1.
Ein niedrigerer Wert weist auf einen
geringeren lokalen Luftwechsel im
Vergleich zu einer perfekten Mischlüftung
hin. Im Falle einer ausgeprägten
Kurzschlussströmung kann der Wert nahe
Null liegen. Wenn die Luft im Atembereich
nahezu Zuluftqualität aufweist, kann der
Luftaustauschindex einen Wert annehmen,
der ein oder zwei Größenordnungen über
dem Wert für ideale Mischlüftung ist.
Der lokale Luftqualitätsindex im Atem-
bereich εb
c gibt die Fähigkeit des Lüftungs-
systems wieder, Schadstoffe aus dem
Atembereich abzuführen. Seine Definition
kann Gleichung 3 entnommen werden.
εb
c = Schadstoffkonzentration in der Abluft
Schadstoffkonzentration im Atembereich (3)
Bei idealer Mischlüftung nimmt der lokale
Luftqualitätsindex den Wert 1 an. Werte
unter oder über 1 bedeuten, dass die
Luftqualität niedriger oder höher als bei
vollständiger Durchmischung ist.

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METHODEN
Die Ergebnisse wurden aus einer
Strömungssimulation gewonnen. Es wurde
ein typischer Klassenraum mit den Maßen
8,57 m x 7 m x 3 m nachgebildet. Eine
Lehrkraft und entweder 24 oder 12
Schulkinder entsprechen im Rahmen
dieser Studie einer vollen oder halben
Belegung. Jede Person atmet 20 l/h
Kohlenstoffdioxid aus [5]. Die anfängliche
CO2-Konzentration im Raum und in der
Zuluft beträgt 400 ppm. Der
Luftvolumenstrom beträgt in allen Fällen
1000 m³/h, was einer Luftwechselrate von
5,56 1/h entspricht. Es wird ein Szenario
mit einer niedrigen Außenlufttemperatur
angenommen. Die Innenflächentempera-
tur der Außenwand und der Fenster wird
mit 19 °C bzw. 18 °C vorgegeben. Die
Temperatur der Innenwände und des
Fußbodens beträgt 20 °C. In Fällen mit
Außenluftzufuhr wird die Zuluft mit 20 °C
eingebracht. Bei reinem Umluftbetrieb
entspricht die Zulufttemperatur der
Ablufttemperatur und wird nicht
vorgegeben. Jede Person hat eine
Wärmelast von 100 W. Übrige Oberflächen
sind adiabat.
Ein Schulkind atmet potentiell viren-
beladene luftgetragene Partikel aus. Seine
Position wird, wie in Abbildung 1 rot
hervorgehoben, variiert. Die Partikel-
quellstärke beträgt 50 P/s. Die anfängliche
Partikelkonzentration im Raum und in der
Zuluft ist Null. Die untersuchten Fälle sind
in Tabelle 1 zusammengefasst. Mischluft-
fälle werden mit MV, Quellluftfälle mit DV
gekennzeichnet. Abbildungen 1 bis 3
zeigen eine Auswahl von Raummodellen.
Die Luftzufuhr erfolgt entweder über vier
gleichmäßig verteilte Drallluftdurchlässe
an der Decke oder über ein Lüftungsgerät
im hinteren Teil des Klassenzimmers.
In den Fällen mit einem Luftreiniger wird
keine Frischluft zugeführt, Partikel werden
als Näherung zu 100 % gefiltert. Abbildung
A1 zeigt den Drallluftdurchlass, Abbildung
A2 den Luftreiniger und Abbildung A3 das
Quellluftgerät.
Die Strömung wurde mit Schwerkraft, dem
realizable k-ε-Turbulenzmodell und dem
Surface-to-Surface-Modell für Wärme-
strahlung modelliert. Zunächst wurde ein
stationäres Strömungsfeld berechnet.
Dann wurde eine instationäre Simulation
(URANS) für 45 Minuten durchgeführt, in
welcher das Alter der Luft, die CO2-
Konzentration sowie die Konzentration
ideal luftgetragener Partikel durch einen
passiven Skalar repräsentiert wurden. Die
molekulare Schmidt-Zahl für Kohlendioxid
in Luft wurde entsprechend [6] auf 1,14
gesetzt. Die Partikelausbreitung wurde mit
einem rein konvektiven passiven Skalar
modelliert.
Abbildung 1: Klassenzimmer, Fall MV-A-1, Positionen des
infektiösen Schulkinds sind rot hervorgehoben

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Tabelle 1. Fälle
Fall
Zuluft
Abluft
Umluft-
anteil
Trenn-
wände
Bele-
gung
MV-A-1
Decke,
4x
Decke,
3x
0 %
nein
voll
MV-B-1a
Luft-
reini-
ger,
oben
Luft-
reini-
ger,
unten
100 %
nein
voll
MV-B-1b
Luft-
reini-
ger,
oben
Luft-
reini-
ger,
unten
100 %
ja
voll
DV-A-1
Lüf-
tungs-
gerät,
unten
Lüf-
tungs-
gerät,
oben
0 %
nein
voll
DV-A-2
Lüf-
tungs-
gerät,
unten
Lüf-
tungs-
gerät,
oben
0 %
nein
halb
DV-B-1
Lüf-
tungs-
gerät,
unten
Decke,
4x
0 %
nein
voll
DV-B-2
Lüf-
tungs-
gerät,
unten
Decke,
4x
0 %
nein
halb
Abbildung 2: Klassenzimmer, Fall MV-B-1b
Abbildung 3: Klassenzimmer, Fall DV-B-2
Der Atembereich wurde gemäß [7]
definiert. Es wurde eine Kugel mit einem
Radius von 25,4 cm (10 Zoll) um Nase und
Mund platziert, siehe Abbildung A4. Für
die Berechnung der lokalen Bewertungs-
größen wurden Mittelwerte im Atem-
bereich sowie in der Abluft extrahiert.
Schließlich wurde über lokale Mittelwerte
im Atembereich gemittelt, wobei in der
Berechnung des mittleren Luftqualitäts-
indexes für jede Position des infektiösen
Schulkinds der jeweilige Atembereich
ausgelassen wurde, siehe ergänzend
Abbildungen A5 bis A14 im Anhang. Der
mittlere Luftqualitätsindex für Partikel
wurde schließlich als Mittelwert über die
Mittelwerte der Luftqualitätsindizes bei
fünf verschiedenen Positionen des
infektiösen Schulkinds berechnet.
ERGEBNISSE UND DISKUSSION
Tabelle 2 zeigt Mittelwerte des lokalen
Luftaustauschindexes, des Luftqualitäts-
indexes für Kohlenstoffdioxid und des
lokalen Luftqualitätsindexes für Partikel
im Atembereich.
Der Luftaustauschindex von 0,90 im Fall
MV-A-1 liegt unter aber nahe 1 und ist
typisch für Mischlüftung. Der Luft-
qualitätsindex für Kohlendioxid beträgt
0,69 und für Partikel 1,08. Diese Werte
liegen innerhalb der üblichen Bandbreite.
Bei perfekter Mischlüftung wären beide
Bewertungsindizes gleich 1.
Der Luftreiniger in den Fällen MV-B-1a und
MV-B-1b wälzt die Luft inkl. Kohlendioxid
lediglich um, nur die Partikel werden zu
angenommenen 100 % gefiltert. Daher
sind der lokale Luftaustauschindex sowie
der Luftqualitätsindex für Kohlendioxid
bedeutungslos und entfallen für diese
Fälle.

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Tabelle 3 zeigt mittlere Konzentrationen
im Atembereich. Nach 45 Minuten erreicht
die Kohlendioxidkonzentration 2442 ppm
im Fall MV-B-1a und 2498 ppm im Fall
MV-B-1b, 2042 ppm und 2098 ppm über
der Außenluftkonzentration. Die Kohlen-
dioxidkonzentration sollte 800 ppm über
der Außenluftkonzentration nicht über-
schreiten [8]. Der Luftqualitätsindex für
Partikel ist mit MV-A-1 vergleichbar und
im Fall MV-B-1b durch den Einsatz von
Acrylscheiben nicht signifikant höher als
bei MV-A-1. Alle Ergebnisse für
Mischluftfälle zeigen einen mittleren
Luftqualitätsindex nahe 1. Aus den
Mittelwerten lassen sich keine
allgemeinen Schlussfolgerungen über
gesundheitliche Auswirkungen ziehen, da
die Konzentrationsverteilung im Raum
und damit die eingeatmete Dosis sehr
unterschiedlich ausfällt, siehe Abbildun-
gen A7 bis A10 im Anhang. Teilweise
wirken effektiv nur etwa 20 % des
Luftvolumenstroms.
Tabelle 2. Mittlere Luftqualitätsindizes im Atembereich
Fall
εb
a
εb
c, CO2
εb
c, Partikel
MV-A-1
0.90
0.69
1.08
MV-B-1a
-
-
1.07
MV-B-1b
-
-
1.20
DV-A-1
1.51
0.93
64.31
DV-A-2
1.48
0.79
42.54
DV-B-1
1.55
0.94
16.06
DV-B-2
1.54
0.79
15.89
Der Luftaustauschindex ist in allen
Quellluftfällen ähnlich hoch und liegt etwa
70 % über dem Wert für Mischlüftung im
Fall MV-A-1. Der Luftqualitätsindex ist um
ein Vielfaches höher als in den Fällen mit
Mischlüftung. Im Allgemeinen hat die
Abluftposition nur einen geringen Einfluss
auf das Strömungsfeld, der Einfluss auf das
Konzentrationsfeld kann dagegen
merklich sein. Die Fälle DV-A und DV-B
unterscheiden sich nur in der Position der
Abluftöffnungen, der Luftqualitätsindex
für Partikel variiert aber erheblich.
Zwischen voller und halber Belegung gibt
es beim Luftqualitätsindex für Partikel
einen deutlichen Unterschied, allerdings
ohne einer klaren Tendenz. Die absolute
Partikelkonzentration ist jedoch bei halber
Belegung niedriger, siehe Tabelle 3. Auch
in den Quellluftfällen variieren örtliche
Konzentrationen in erheblichem Maße je
nach Position des infektiösen Schulkinds,
siehe Abbildungen A11 bis A14 im Anhang.
In allen Fällen ist die relative
Schwankungsbreite der örtlichen Konzen-
tration beim Kohlenstoffdioxid deutlich
kleiner als bei den Partikeln.
Tabelle 3. Mittlere Konzentrationen im Atembereich
Fall
CO2-Konzentration
(ppm)
Partikelkonzentration
(P/m³)
MV-A-1
1197
189
MV-B-1a
2442
259
MV-B-1b
2498
173
DV-A-1
898
53
DV-A-2
788
49
DV-B-1
887
52
DV-B-2
787
38
FAZIT
Durch lüftungstechnische Maßnahmen
kann das Risiko einer Aerosol-
Infektionsübertragung reduziert werden.
Wenn dem Raum Außenluft zugeführt
wird, kann auch eine hohe Luftqualität mit
einer unbedenklichen CO2-Konzentration
sichergestellt werden. Von zentraler
Bedeutung ist die Frage nach einer
geeigneten Kennzahl, welche ein Maß für
die Wirksamkeit dieser Maßnahmen ist. Es
wurde gezeigt, dass die Luftwechselrate
kein Gradmesser für das Expositionsrisiko
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